In Allgemein

Büßerhemd

Überall können wir die destruktive Wirkung von Macht beobachten, dennoch erhebt sich kaum einmal eine Stimme, die die Macht selbst in Frage stellt. Immer wird die Fiktion aufrecht erhalten, es müsse bloß der „Richtige“ ans Ruder kommen, dem wir uns dann freudig unterwerfen können. Es braucht eine Renaissance libertären Denkens. Im ersten Teil seines Artikels, eines bearbeiteten Kapitels aus dem Buch „Schuld-Entrümpelung“, stellte Roland Rottenfußer die „Macht-Frage“ ganz generell; in diesem zweiten Teil beleuchtet er näher, wie durch Erzeugung von Schuldgefühlen Macht generiert wird. „Macht macht Schuld, weil sie die Regeln festlegt, nach denen diese bemessen wird. Und Schuldgefühle sind oft der Versuch, den inneren Moralkompass wieder auf die Macht auszurichten. Ein Schuldeingeständnis kann eine Unterwerfungsgeste sein, die den Makel der Feigheit zu vermeiden sucht.“(Roland Rottenfußer)

Zu einer Schuldkultur gehören immer zwei Seiten: Die Neigung von Einzelmenschen und Institutionen, Schuldvorwürfe zu erheben, ist die eine Seite; die offenbar grenzenlose Bereitschaft vieler Menschen, Schuldvorwürfe auch anzunehmen, ist die andere. Ich habe an anderer Stelle über Verantwortung gesprochen. Und darüber, wie diese gern von mächtigen Interessengruppen auf uns Endverbraucher abgewälzt wird. Warum aber scheinen viele Menschen die Verantwortung, die ihnen zugeschoben wird, bereitwillig zu übernehmen. Man müsste sich ja nicht jeden Schuh anziehen, der herumsteht.

Ein Grund dafür könnte in dem Wunsch bestehen, sich mächtig zu fühlen. Der König in Antoine de Saint-Exupérys Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Was für eine Machfülle! Natürlich hätte sich die Sonne auch ohne den „Befehl“ des Königs ebenso verhalten. Das Beispiel karikiert aber äußerst gekonnt die Manie vieler Zeitgenossen, ihren „Zuständigkeitsbereich“ auf möglichst viele Bereiche zu erstrecken. Mag Eigenverantwortung auch teilweise unbeliebt sein; eng mit ihr verbunden ist Macht – die Macht über das eigene Schicksal und darüber hinaus über das Weltgeschehen. Und Macht gibt uns das beruhigende Gefühl von Kontrolle.

Noch ein anderer psychischer Mechanismus ist jedoch wirksam, wenn es um die Frage geht, warum Menschen Schuldvorwürfe nur allzu gern annehmen. Das Stichwort hier heißt „Bindungsgewissen“. Die Bindungen, die uns an die Wertvorstellungen unserer Eltern ketten, sind wohl die stärksten, die es gibt. Was wir als Kinder gehört haben, prägt sich so tief ein, dass wir selbst das Ergebnis plumper Manipulation später als unser „Ureigenes“ empfinden. Sigmund Freud machte das Gewissen am „Überich“ fest. Was wir an Normen und Regeln von unseren Eltern mitbekommen haben, verinnerlichen wir. Das im Unbewussten gespeicherte Abbild des mahnenden Vaters wirkt dann selbst in Abwesenheit des realen Vaters als strenger Zuchtmeister.

Wer im katholischen Raum vergisst, sich beim Betreten einer Kirche mit Weihwasser zu bekreuzigen, wird vielleicht ein leises Erschrecken fühlen: „Das tut man nicht“. Das schlechte Gewissen ist hier das Ergebnis von hunderten kleiner Manipulationen durch Eltern, Nachbarn und Pfarrer, die sich im Kopf festgesetzt haben. Wendet sich ein so konditionierter Mensch dann als Erwachsener von der Kirche ab, kann das Bekreuzigen dennoch als Zwangshandlung weiterleben. Omar Khadr, der aus einer Familie von Al-Kaida-Kämpfern stammte, trieb sein Bindungsgewissen dazu, schon mit 15 Jahren in Afghanistan gegen die Amerikaner zu kämpfen. Seine Bewacher in Guantanamo Bay folterten ihn dann ebenso „gewissenhaft“. Vielleicht entsprach ein solches Verhalten den Vorstellungen ihrer Eltern von einem „guten Amerikaner“.

Wie es scheint, ist das Gewissen ein nebulöses, beliebig formbares Ding, das wir zu Unrecht mit „Standfestigkeit“ identifizieren. Sollten wir das Gewissen nicht ganz aus dem Fundus unserer positiven Werte streichen? Positiv ist es sicher zu werten, wenn damit unser innerster, ureigener ethischer Impuls gemeint ist. Das Gewissen als Wahrnehmungsorgan für Verletzungen des Rechts auf Würde, der Heiligkeit und Einheit allen Lebens. Wenn wir selbst dagegen verstoßen, indem wir Anderen Leid zufügen, kann sich ein „gesundes“ Gewissen in Form von bohrendem Unbehagen melden.

Unser Thema ist aber, warum wir dazu neigen, uns den „Schuh“ von Schuldvorwürfen, die von anderen Menschen kommen, nur allzu gern anziehen. Hier spielt sicher das „andressierte“ Bindungsgewissen eine Rolle. Es repräsentiert nicht unser Innerstes, sondern ist den Abdruck äußerer Erziehungsmaßnahmen in unserer Seele. Diese Art von Gewissen sichert unsere Zugehörigkeit zu Herde und dient als Alarmsystem, wenn wir riskieren, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. Die Angst, verstoßen zu werden, reicht sehr tief in archaische Schichten unseres Bewusstseins hinein. Bei manchen Tierarten sichert allein die Herde das Überleben in der Wildnis; ausgestoßen zu werden, kommt einem Todesurteil gleich.

Auch bei Menschen lebt es sich nicht leicht außerhalb der wichtigen sozialen Zugehörigkeitssysteme, ob es dabei nun um Familienverbände geht, um Firmengemeinschaften oder um die Gesellschaft der gesetzestreuen Bürger als Ganzes. Als letzte Chance, in der Gemeinschaft zu verbleiben, dienen oft Rituale der Schuldannahme. Wer eine Regel verletzt hat, kann sich ihr nachträglich und symbolisch unterwerfen, indem er Schuld eingesteht und so die Berechtigung des Verbots oder der Vorschrift bestätigt. Auf diese Weise fühlen sich die anderen Mitglieder der Gemeinschaft sicher vor weiteren Angriffen auf ihre Ordnung und können den Regelverletzer weiter in ihren Reihen dulden.

Wir besiegeln diesen Akt der Unterwerfung privat z.B. durch eine Entschuldigung. Bei Gesetzesverstößen kann dies durch ein Schuldeingeständnis vor Gericht, verbunden mit der Zahlung einer Geldstrafe, erfolgen. Diese Unterwerfungsgesten sind für uns aber mit einem unangenehmen Gefühl der Demütigung verbunden. Manchmal fühlen wir uns dabei machtlos und feige, weil wir unserem ursprünglichen Impuls aufzubegehren aus Angst nicht gefolgt sind. Jeder kann dies nachvollziehen, der schon einmal eine Geldstrafe wegen Verstoßes gegen eine Vorschrift bezahlen musste, deren Sinn er nicht eingesehen hat. Der aufkeimende Zorn über diese Erniedrigung kann abgemildert werden, wenn wir uns sagen: „Vielleicht haben die ja doch Recht, vielleicht habe ich wirklich etwas Schlimmes getan.“ Die Aggressivität, die wir zunächst gegenüber den Autoritäten empfunden haben, richten wir dann gegen uns selbst. „Ich bin schuld“ ist ein Satz, der unser Leben erheblich leichter macht. Anders „Du bist schuld“. Dieser Satz ist höchst gefährlich und beängstigend, denn seine Konsequenz wäre, dass wir aufbegehren müssten. Die Weigerung, Schuld einzugestehen und symbolische Unterwerfungsgesten zu vollziehen, brächte uns in einen Konflikt mit der Macht, in dem wir vermutlich unterliegen würden.

Schon ein Kind lernt dieses Verhalten, wenn die übermächtigen Eltern ihm einreden, es sei „böse“. Ein Kind ist existenziell von Mutter und Vater abhängig und besitzt nicht die rhetorischen Fähigkeit, zu sagen: „Nicht ich bin falsch; euer Normensystem ist es“. Erst recht nicht hat es die Macht, diese eher gefühlte als bewusst durchdachte Erkenntnis gegen die Eltern durchzusetzen. Also bleibt ihm nur, seine vermeintliche Schuld einzugestehen und sich „Lieb Kind“ zu machen. Der Kuhhandel lautet: „Ich gebe meine eigene Auffassung von Gerechtigkeit auf und bekomme dafür die Vergebung der Mächtigen“. In extremen Fällen kann das als Selbstverrat erlebt werden und das Selbstvertrauen des Betroffenen schwer schädigen.

Ein Schuldeingeständnis also kann eine Unterwerfungsgeste sein, die den Makel der Feigheit zu vermeiden sucht. Ein Schuldeingeständnis erlaubt uns, wieder in Harmonie mit einer Macht zu gelangen, der wir uns hoffnungslos unterlegen fühlen. Solche seelische Vorgänge machen sich die meisten nicht bewusst. „Wenn ich sage ‚Ich bin unschuldig‘, muss ich kämpfen; wenn ich sage ‚ich bin schuld‘, habe ich Ruhe.“ Damit erklärt sich zum großen Teil der Erfolg des Modells „Schuld“ als eines prägenden Teils unserer Kultur. Viele empfinden jedoch Unbehagen dabei, eine Schuld einzugestehen, an die sie selbst nicht glauben. Deshalb gehen sie auch den zweiten Schritt und beginnen, die Schuld ganz in ihr Innerstes hineinzunehmen: „Wenn ich nicht nur so tue, als wäre ich schuldig, sondern dies wirklich zutiefst glaube, verachte ich mich nicht mehr für meinen Selbstverrat.“ Dies erklärt teilweise das traurige Phänomen einer von Schuld nieder gedrückten Menschheit.

Bei vielen Menschen scheint auch eine Grundbereitschaft vorhanden zu sein, aus einer Lebensangst heraus bei Mächtigen „unterzukriechen“. Dies fängt am Arbeitsplatz an. Auch dort gilt: „Wes Brot ich ess‘, des Regeln ich befolg‘“. Dazu gehört auch das moralische Koordinatensystem des Chefs, dem ein Angestellter sich anpassen muss, seine Vorstellung von korrektem Verhalten und von „Schuld“. Für manche Vorgesetzte ist schon eine Verspätung von wenigen Minuten ein der Sühne bedürftiges Verbrechen; andere stört das Zuspätkommen überhaupt nicht. In bestimmten Betrieben macht sich auch eine ungesunde Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit breit oder eine Art „Zwang zur Ungezwungenheit“ im persönlichen Umgang. Die Regeln können wechseln, gleich bleibt der Anpassungsdruck.

Warum also, um zur Eingangsfrage zurückzukehren, die Bereitschaft vieler Menschen, Schuldvorwürfe anzunehmen? In vielen Fälle ist es schlicht Angst: die Angst vor dem Verlust von Arbeit und Status oder von besonders wertvollen Beziehungen, die Angst um die materielle Existenz oder das seelische Gleichgewicht. Macht macht Schuld, weil sie die Regeln festlegt, nach denen diese bemessen wird. Und Schuldgefühle sind oft der Versuch, den inneren Moralkompass wieder auf die Macht auszurichten. Diese Erkenntnis ist nicht sehr angenehm, aber „wahre Worte sind nicht schön“ (Lao Tse).

Nicht weitere Selbstvorwürfe sind die richtige Schlussfolgerung daraus, dass wir uns manchmal bei nur allzu bereitwilliger Kooperation mit Schuldschöpfern ertappt haben. Vielmehr sollten wir jetzt sanft mit uns umgehen wie mit jemandem, der allmählich von einer Krankheit genest oder aus einem schweren Alptraum erwacht ist. Wir sollten uns vornehmen, die gewachsene Einsicht in die Zusammenhänge zu nutzen, um es in Zukunft besser zu machen.

Bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Roland Rottenfußer und Monika Herz: „Schuld-Entrümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien“, Goldmann Verlag, 254 Seite, € 9,99

Showing 12 comments
  • Bettina Beckröge
    Schuhe stehen immer rum. Schon morgens, noch im schläfrigen Taumel stolpert man über Schuhe mit vorwurfvollem Blick,Schuhe der Schuldvorwürfe, die Mann / Frau) sich anziehen sollte. Nun liegt es an uns, welchen Schuh wir uns anziehen, und v.a zu welchem Zweck. Ich liebe bequeme Schuhe, die zu mir passen. Stöckelschuhe implizierne mir ein unwohliges Gehgefühl, gleichwohl passen sie nicht zu mir. Der Stöckelabsatz piekst empfindlich in den Boden und hinterlässt eine Spur des Rummel-Steg-Flairs. Schon häufiger habe ich einen Schuh zurückgegeben, der nicht zu mir passt, gerne mit demonstrativer Geste. Es ist noch gar nicht so lange her. Mein ehemaliger Büroleiter weiß ein Lied davon zu singen…
    Wer die passenden Schuhe trägt, läuft nicht Gefahr, sich dem einem ungerechtfertigten demoralisierenden Unterdrückungssystem zu unterwerfen. Als letzten Notangel entledigt man sich eben seiner Schuhe ganz und damit dem gesamten System an Normierung. Erst kürzlich sprach in mit einem interessanten Mann, der es beliebt, barfuß zu gehen. Er berichtete mir von den einfachen Techniken, mit denen die Füße für Steinchen und Stöckchen auf dem Weg unempfindlich werden. Das ist das Tüpfelchen an Freiheit, das mir nicht gelingen mag, außer am Strand oder auf einer Wiese, aber es ist eine gute Demonstration an Unabhängigkeit.
    Für mich gilt immer: ich wähle mir meist nur den Schuh, der zu mir passt, kein Plateauschuh, keine Stöckelschuhe, keine Jesuslatschen, sondern einfach Schuhe, die bequem sitzen, meiner Größe entsprechen und sich gut tragen. Alle anderen Schihe weise ich zurück.
    Ich bin eigen, aber ich bin mein eigener Chef.
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    Mitunter zwicken selbst passende Schuhe. Sie zwicken, wenn sie falsch getragen wurden. Auch das passiert mir. Das ist der Weg der Selbsterkenntnis. Dieser Weg ist wesentlich wirkungsvoller, als Fremdschuhe mit fremd auferlegten Schuldgefühlen.
    So spiegelt sich im Bild des Schuhes das Bild von Machtdemonstration (siehe Springerstiefel), Macht auferlegen und der Resistance.
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    Der kleine Prinz trug keine Schuhe. Er beliebte es, morgens die Sonne zu begrüßen, vielleicht befahl er ihr sogar, aufzugehen, wohl wissend, dass sie auch ohne sein zutun aufgehen würde, so wie er des nachts die Sterne begrüßte. Er führte lange Gespräche mit dem Fuchs und der Schlange und er lernte von ihnen. Er hatte seine Rose auf einem anderen Planeten zurückgelassen und machte sich nun Sorgen um sie. Doch das Gespräch mit dem Fuchs ließ ihn erkennen, dass es zwar unendlich viele Rosen gibt, doch sich alle unterschieden von seiner Rose unique. Durch das Gespräch mit dem Fuchs wurde aus dem suchenden, unglücklichen kleinen Prinzen ein glücklicher kleiner Prinz, der sich fortan der Existenz seiner Rose unique bewusst war. Abends, beim Blick ins Firmament erschien es ihm, als leuchteten ihm tausend Sterne zu, wusste er doch seine Rose in seinem Herzen geborgen.
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    „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Diesen Satz schrieb ich einst auf den Innendeckel des Buches „Dann denkt mit dem Herzen“. Das schöne daran ist, diesen Satz hat Konstantin Wecker einst bei einer Signierstunde unterzeichnet.
  • Bettina Beckröge
    Hat man sich aller fremd auferlegten Büßerhemden und aller unpassenden Schuhe entledigt, hat man nach langen Reisen der Selbsterkenntnis für sich den passenden Schuh gefunden, dann erklingt dieser Schuh in einem Vollton der musikalischen Leichtigkeit und Freude.
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    Mozart – Flute Concerto No. 1 in G major (K. 313)
    Solist: Emmanuel Pahud
    Aufführung in Mozarts Geburtsstadt, Salzburg
    https://youtu.be/0ExqsbrOPN4
  • Sonni
    Daran schließt sich dann eigentlich gleich der Opfertrieb an, wo sich Muttis Held der Herde gleich ganz als Opfer darbringt, um, von einer sogenannten Zivilisationskrankheit tödlich getroffen, zum heiligen Vater und seinen psalmodierenden Engeln aufzusteigen und dabei die Schuld der Welt zu erlösen. Schuld ist ein Herdenanpassungstrieb, der für eine Affen- oder Antilopenherde überlebenswichtig sein kann, da er die Herde zusammenhält, indem alle dem Leittier folgen. Er ist vermutlich irgendwo im Stammhirn lokalisiert. Kulturelle Werte lassen sich damit nicht erschaffen.
  • Peter Romaker
    Kukeriku Blut ist im Schuh. Schauen wir nicht fast alle erst mal ob der Schuh uns passt?
    Tragen wir doch die Schuld der Väter und Vorväter. Und, haben wir nicht Schuld an den Zuständen weil wir mitgemacht und sie nicht beendet haben? Was wir nur hätten tun können in dem wir Schuld auf uns laden. Schuld ein zu gestehen heisst doch Fehler zu erkennen und sie nicht zu wiederholen. Hat Schuld wer nichts tut? Ist es die Angst vor der Schuld die uns lähmt? Oder muss es uns egal sein ob wir Schuld haben?
    Haben dieses Privileg nur die Mächtigen weil sie sich rausluegen und kein Gewissen haben? Wissen macht Schuld. Macht missbraucht sie. Weniger Macht gleich weniger Schuld?
    Das Unglück begann wohl als es üblich würde sich von Schuld frei zu kaufen. Als Schuld also einen Preis bekam, einen Preis den wir heute wohl alle nicht mehr bezahlen können…
  • heike
    Ich denke, eigentlich hat man ein gutes Grundgefühl für das, was Schuld ist und was nicht. Unsere Zivilisation und Gesellschaft bestätigt nur dieses an sich richtiges Grundgefühl nicht, sondern sagt uns: das ist schon in Ordnung so, wenn man andere ausnutzt, das muss man so machen, dass man andere belügt, wenn man nicht untergehen will, das machen alle so.
    Das ist der Fehler. Der innere Moralkompass wird auf diese Weise verschoben. Man braucht viel Kraft, um Überleben zu können ohne zu lügen und sich selbst treu zu bleiben. Dazu braucht man Freunde und Mitstreiter.
    Zum letzten Satz von Peter Romaker: Peter Scholl-Latour nannte das „Der Fluch der bösen Tat“.
    Aber wir haben die Macht, diesen Fluch zu beenden, wenn wir wollen, indem wir diejenigen, die das schlechte Tun beenden, auffangen und sie dadurch nicht zum Weitermachen in der Tretmühle zwingen.
  • heike
    Warum Schuld ein Herdanpassungstrieb sein soll, verstehe ich nicht. Nur wer sich schuldig fühlt, darf in der Herde bleiben?
  • heike
    Tiere haben überhaupt kein Schuldempfinden, außer es wird ihnen von Menschen beigebracht (wenn sie zum Beispiel „bestraft“ werden, wenn sie den Futternapf ihres Mitbewohnertiers leerfressen).
    Normalerweise regelt der Instinkt das Zusammenleben der Tiere in einer Herde. Dazu gehört auch, dass die Jungtiere geschützt werden und das kräftigste Tier das Leittier ist. Dies wird immer wieder über Zweikämpfe bestimmt. Solange es da beweist, dass es immer noch das kräftigste Tier ist, wird es von seiner Herde unterstützt, da ein starkes Leittier für das Überleben der ganzen Herde sehr wichtig ist.
  • heike
    Menschen auf dem Weg in eine neue Art des Miteinanders benötigen dafür auch Persönlichkeiten und Vorbilder, die ihnen den richtigen Weg weisen können und Anhaltspunkte und Leuchtfeuer in der Nacht sind.
    Diese Vorbilder benötigen keine Schuldgefühle.
  • Bettina
    Liebe Heike,
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    auch ich bin über den Satz gestolpert und habe ihn einige Zeit für abgewogen. Ich glaube nicht, dass wir uns schudig machen nur indem wir einer Herde folgen. Demnach würden wir uns täglich schuldig machen, irgendeiner Herde folgen wir ja unentwegt. Dem können wir uns gar nicht entziehen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, ein Mensch unter Menschen und er ist ein Gewohnheitstier. Schuldig machen wir uns dann, wenn wir dabei den Pfad unseres Gewissen, unserer inneren moralisch- ethischen Werte verlassen. So entstehen Herdentriebe zu Lasten anderer.
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    Das Gesetz ändert sich.
    Das Gewissen nicht.
    (Sophie Scholl)
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    Herzlichen Gruß
    und dir einen schönen Tag,
    Bettina
  • Axel
    Hallo Bettina,

    auch die Moral ist, wie die Schuld, etwas, das von außen erschaffen wird. Manche empfinden es als moralisch verwerflich gegen das Gesetz zu verstoßen. Ich nicht.

    Ich achte Gedetze nur, wenn sie nach meinem inneren Kompass dirket hilfreich dazu beitragen, dass ein Mehr an Sozialem und oder Ökologischem entsteht.

    Die Moral ist nun, dass sich so etwas nicht gehört. Wo kämen wir da hin, wenn das jeder täte?

    Mein Fazit:
    Vielleicht in eine Freiheit mehr. Vieleicht sogar in eine Freiheit ohne die Herrschaftssprache mit all ihren manipulationen wie gut und böse, schuld und unschuld, etc,

    Recht kommt von Rache hörte ich einst. Und Gesetze werden geschrieben, um die Pfründe der Sieger zu schützen. Wer sie nicht achtet, an dem wird sich gerächt. Rechtmäßig legal und einwandfrei, wenn es nach der Moral geht.

    Herzliche Grüße

  • Matthias Dietrich
    Das erinnert mich an meine Zeit in einem Unternehmen (Callcenter der Sparkassen), das schlechte Arbeitsbedingungen und permanent steigenden Leistungsdruck durch Du-z-Pflicht, Team-gespräche und gelegentliche gemeinsame „Freizeit“-Unternehmungen zu kompensieren versuchte.
    Ich erinnere mich gut an die entgeisterten Gesichtsausdrücke von Teamleitern, die gar nicht fassen konnten, wenn man sich an derlei Anweisungen nicht halten mochte.
    Da war nicht nur das Entsetzen über die niedrige Bedeutungsbeimessung der Arbeit an sich in ihren Augen, sondern auch über das angeblich menschliche Versagen:
    „Du weißt, wir pflegen hier den Teamgeist!“ und „Die Anderen haben damit kein Problem!“.
    Dieses widerliche Spiel mit dem Verstoß aus der Herde und mit der Schuldzuweisung an den individuellen Typ Mensch, mit dem etwas nicht stimme, war wirklich schwer zu ertragen.

    Nach dem Lesen des Textes, finde ich es schade, dass ich so relativ still und protestlos aus dem Unternehmen geflüchtet bin.

    Danke für ihre motivierende Orientierungshilfe.

  • Bettina Beckröge
    An Axel und Matthias Dietrich,

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    Schuld, Sühne, Moral, Gesetz und Gewissen sind Begriffe mit Inhalt gefüllt, die sich quer durch die Politik ziehen, an denen sich die Geister scheiden. Doch was hilft mir der Gedanke an die große Politik, wenn ich diese Begrifflichkeiten nicht im eigenen Leben verinnerlicht habe?
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    Ich möchte euch ein Beispiel nennen aus meinem früheren Arbeitsleben. An selbst erlebten Beispielen lassen sich Grundsätzlichkeiten am besten erklären so, wie es Matthias Dietrich getan hat. Ich hatte bis vor drei Jahren einen Arbeitgeber, der nach außen hin höflich und freundlich zu seinen MitarbeiterInnen war, solange man seine Spielchen unterstützte, dazu zählten: Ableisten von Überstunden ohne Gegenleistung bis zum Abwinken, Arbeiten mit viel Selbstverantwortung, ohne eine gehaltsmäßige Anpassung erwarten zu dürfen. Meine damalige Arbeitskollegin war gehaltsmäßig noch viel schlechter dran, als ich. Als ausgebildete Architektin verdiente sie in Teilzeitarbeit mit einer 20- Stundenwoche monatlich weniger, als heute ein Harz IV- Empfänger bekommt. Soviel zu den Rahmenbedingungen vorweg.
    Diese Kollegin kündigte eines Tages, weil sie und ihre Familie in den Norden Deutschlands ziehen wollten. Keiner der Arbeitgeber dankten ihr zum Schluss für ihren Arbeitseinsatz. Wir KollegInnen haben uns bei ihr bedankt, für ihr persönliches und gutes Engagement im Arbeitsteam. Kaum hatte die Kollegin die Bürotür hinter sich geschlossen, kam mein ehmaliger Chef an meinen Arbeitsplatz, um sich über meine Kollegin und ihr Arbeitsverhalten im Nachhinein zu beschweren. Sie sei zu langsam gewesen im Arbeitsprozess, sie hätte schlechte Qualität abgeliefert und sei unproduktiv gewesen. In dem Augenblick platzte mir endgültig der Kragen. Ich nahm mir meinen ehemaligen Chef zur Brust und habe ihm des Leumunds, der üblen Nachrede und des Mpbbings bezichtigt. Es dauerte nicht lange, da hatte ich eine Kündigung vorliegen.
    Noch heute bin ich froh und dankbar, dass ich diesem ehemaligen Chef einmal so richtig den Marsch geblasen habe. Es war eine spontane gefühlsmäßige Äußerung, meinem Gewissen folgend und ich hatte mir endgültig einmal Luft gemacht. Um die Stelle hat es mir nie leid getan, nur um meine mir entgangene Abfindung.
    Mein ehmaliger AG hat zwar versucht, mir einen Schuh anzuziehen, der nicht zu mir passte, doch es ist ihm nicht geglückt. Ich habe die unpassenden Schuhe meinem Ex-Chef zurückgereicht. Die passenden Schuhe meines guten Gewissens, habe ich mir mit Freude angezogen und sie mit Stolz und Würde aus dem Büro hinausgetragen.

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