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Leila Dregger

Dass der Sozialismus schon immer eine schlechte Idee war, wollen vor allem jene nur allzu gern in unsere Köpfe pflanzen, die von der Ausbeutung von Mensch und Natur, von Wettbewerb und Krieg profitieren. Freilich war der ehemalige Ostblock kein leuchtendes Beispiel, vor allem wenn es um Menschenrechte geht. Aber das bedeutet für uns, die wir unter den Verwerfungen des Kapitalismus leiden, doch vor allem eines: einen neuen, besseren Sozialismus entwerfen und umsetzen. Leila Dregger hat in Jahrzehnten als Journalistin, Frauen- und Friedensaktivistin nicht nur gründlich darüber nachgedacht, sie hat praktischen Sozialismus im Heilungsbiotop Tamera (Portugal) auch gelebt. In ihrem neuen Buch „Frau-Sein allein genügt nicht“ entwirft sie die Eckpunkte einer gerechteren, friedlichen Welt: Dezentralisierung, gelebte Gemeinschaft, Aussöhnung der Geschlechter, Frieden zwischen Mensch und Natur und der Brückenschlag zwischen Politik und Spiritualiät. (Leila Dregger)

»Es wird sich zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen.« (Karl Marx)

Es ist nicht nur eine Frage der Ethik, sondern der Nachhaltigkeit: Nur wenn alle Stimmen gehört werden, wenn niemand mehr ausgenutzt wird, wenn wir geeignete soziale Produktionsbedingungen für Glück und Liebe haben, kann eine Gesellschaft nachhaltig, sich selbst erneuernd und allen Herausforderungen gewachsen sein. Was im letzten Jahrhundert unter Sozialismus verstanden wurde, war weder attraktiv noch gerecht: Die materiellen Grundlagen zu verändern, ist wichtig, greift aber nicht tief genug. Um den perfiden Strukturen des modernen, selbst-ausbeutenden Kapitalismus etwas entgegenzusetzen, brauchen wir einen neuen Sozialismus-Begriff, ganzheitlich und erweitert um die Erfahrungen der letzten hundert Jahre. Ich sehe fünf Kernpunkte eines neuen, weiblich orientierten Sozialismus.

1. Vergesellschaftung der Produktionsbedingungen und ihre Dezentralisierung

Klassischerweise bedeutet Sozialismus, dass die Wirtschaftsmacht in den Händen der Menschen liegt, die sie betreiben und von ihr leben. Die Entscheidungen und Verantwortungsbereiche werden von denen getragen, die sie betreffen. Die Erfahrung hat gezeigt: Alleiniges Profitdenken als Motor der Wirtschaft ist kein nachhaltiges Prinzip. Vor der privaten Bereicherung von Einzelnen muss das Interesse der Gemeinschaft stehen. Das ist kein moralisches Gebot, sondern ein Gesetz des sozialen Friedens.

Träger eines neuen Sozialismus sind nicht Staaten, sondern viel überschaubarere Systeme: Dezentrale Dorf- und Regionalgemeinschaften, untereinander vernetzt, weitgehend autark und in Kooperation mit der Natur. Je überschaubarer die Kreisläufe von Produktion, Handel und Konsum sind, desto gesünder sind sie für Mensch und Natur. Vernetzt, vielfältig, dezentral: der neue Sozialismus funktioniert in vielen Bereichen nach dem Vorbild der Natur.

Was heißt Regionalautarkie? Jede Region bringt zunächst die Grundprodukte hervor, die für die Versorgung ihrer Menschen, Tiere, Pflanzen und Ökosysteme gebraucht werden. Das gilt vor allem für Lebensmittel und Energie. Mit den Überschüssen kann dann außerhalb der Regionen gehandelt werden. Die erwirtschafteten Erträge dafür bleiben in der Region. Moderne, vernetzte Subsistenz ist das Prinzip für eine ökonomische Neuordnung der Erde und ein absoluter Gegenentwurf zur Globalisierung.

2. Gemeinschaft und Vertrauen: die menschliche Innenseite des neuen Sozialismus

Der Sozialismus scheiterte nicht, weil die Idee falsch war, sondern weil die Menschen keine reale gemeinschaftliche Lebenserfahrung hatten. Wenn Misstrauen und Angst das Zusammenleben bestimmen, macht es keinen Sinn, die Produktionsbedingungen zu vergesellschaften. Neuer Sozialismus beruht auf neuen gemeinschaftlichen Lebensformen des Vertrauens.

Ob ein Mensch mutig, gerecht und solidarisch ist, entscheidet sich nicht (nur) individuell. Die menschliche Entwicklung ist auch Folge der sozialen Produktionsverhältnisse, in denen ein Mensch lebt und aufwächst, der Erfahrungen, die er oder sie schon als Kind macht, der Liebe, der Heimat, der Sicherheit und der Offenheit, die er oder sie erfährt. Funktionierende Vertrauensgemeinschaften sind der beste Nährboden, um Solidarität, Gemeinschaftsgefühl, Mut zur Wahrheit und Vertrauen – all die notwendigen menschlichen Qualitäten eines funktionierenden Sozialismus – zu entwickeln. In Enge und Einsamkeit entwickelt sich ein Mensch zum Untertan oder zum Konsumenten, aber nicht zum sozialen Wesen. Wo aber Menschen in einer Gemeinschaft Akzeptanz, Heimat und Herausforderung erleben, erfüllt sich für sie ein Menschheitstraum.

3. Kooperation mit der Natur und Landschaftsheilung

Auch im Zustand fortgeschrittener ökologischer Zerstörung wie Wüstenbildung, Erosion und Abholzung kann eine Landschaft geheilt werden. Dazu müssen wir lernen, mit der Natur zu kooperieren. In einem neuen Sozialismus gelten die Gebote von Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit nicht nur für Menschen, sondern auch für die Natur. Vor jeder Entscheidung, jeder Maßnahme, die eine Region betreffen, sollen nicht nur die betroffenen Menschen, sondern auch die Tiere, Pflanzen und Ökosysteme befragt und gehört werden. Wir können lernen, diese Stimme zu hören. Das Wissen über Kooperation mit der Natur vermag Mangel, Hunger und Krieg weltweit zu beenden. Es befähigt Dörfer und Regionen, ihre Versorgung in die eigene Hand zu nehmen und sich von der Abhängigkeit der Großsysteme zu befreien. Es ist das Wissen der Freiheit.

4. Die Rolle der Frau und die Versöhnung der Geschlechter

Versöhnung der Geschlechter ist innere Voraussetzung für Frieden und Gerechtigkeit. Es kann auf der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist. Portugal pflegte schon immer die Verehrung des Weiblichen – angefangen von den bereits erwähnten matriarchalen Stammeskulturen des Neolithikums über die Anbetung der Himmelsgöttin in Fátima bis zu dem in jedem Dorf präsenten Marienkult.

Ein neuer Sozialismus ist ohne eine Aufwertung der Rolle der Frauen nicht denkbar. Es geht dabei nicht nur um die Forderung nach Gleichheit, sondern um die Wiederaneignung der weiblichen Kräfte und Qualitäten, die im Patriarchat nicht erblühen konnten – ganz im Sinne der ehemaligen Irokesen-Verfassung, wo ein Häuptling so sein sollte »wie eine gute Mutter«. In den Gemeinschaften der Zukunft sind Fähigkeiten der Fürsorge, Versöhnung, Vergebung, sozialer Überblick, Kommunikation und Vertrauensaufbau unverzichtbar.

Sozialismus beruht auf Solidarität mit Frauen weltweit. Das bedeutet auch Mut zur weiblichen sexuellen Selbstbestimmung sowie die Befreiung von nicht mehr zeitgemäßen Tugend- und Moralvorstellungen, die Frauen anfangs gewaltsam aufgezwungen wurden, zu deren Verteidigerinnen sie sich dann aber machten. Alle Bereiche des Lebens, ob Ökologie, Politik oder Ökonomie, orientieren sich anders, wenn Frauen sich mit ihren Quellen verbinden und ihre Bedeutung und Aufgabe annehmen. Gemeinschaften, in denen Solidarität und Vertrauen unter Frauen entstehen, in denen sie Verantwortung übernehmen für sich selbst, für ihre Kinder und für das, was sie lieben, sind Heimatorte für das Leben selbst. Solche Gemeinschaften gewinnen
eine große Durchsetzungskraft und Stabilität und sind gefeit gegen viele Stürme der Zeit.

5. Ethik und Spiritualität: Brücken statt Mauern

Der neue Sozialismus braucht eine objektive Ethik, die im Herzen aller und nicht in religiösen oder politischen Dogmas verankert ist. Portugal war in seiner Geschichte immer wieder eine Zufluchtsstätte für Andersdenkende und Andersgläubige; Toleranz, Gastfreundschaft und Offenheit für Fremdes waren dem Volk oft wichtiger als Ideologie und Gesetzesdenken. Philosophie-Professor Paulo Borges aus Lissabon: »Es gehört zum Wesen Portugals, eher Brücken zu bauen als Mauern. Die Welt lebt seit sechstausend Jahren in einem Paradigma der Trennung, das zu Ausbeutung, Krieg und Gewalt führt. Portugal kann gerade in Zeiten der Krise ein Geburtsplatz für ein neues Paradigma der Empathie und Nicht-Trennung werden.«

Nach der unseligen Allianz von Kirche und Macht in Monarchie und Diktatur und dem Missbrauch religiöser Dogmen für Herrschaft und Tyrannei hat sich die Kirche in Portugal gewandelt. Heute übernimmt sie helfende, soziale und dienende Aufgaben, ohne den übergroßen moralischen Zeigefinger der Vergangenheit. So verständlich die anfängliche Distanzierung vieler Anhänger der sozialistischen Bewegung von der Kirche war, so ist sie heute vielerorts einer pragmatischen Kooperation gewichen, teilweise sogar einer tiefen Gemeinsamkeit.

So vereint sich zuweilen das Beste aus Kirche und Kommunismus: das Vorbild des revolutionären Jesus, die Verbindung von sozialer Parteinahme und gegenseitiger Hilfe. Eine Ethik der engagierten, sozialistischen Nächstenliebe unter der Schirmherrschaft der überall präsenten marianischen Kraft stünde über jeder Religion und Ideologie und könnte die neuen Aufbruchskräfte einen.

Fazit: Eine Vision wird greifbar. Gemeinschaft in vielen Teilen der Erde sind Modelle für einen neuen Sozialismus, für die gelebte Erfahrung von Gerechtigkeit und Freiheit, für Heilung der Natur und Regionalautarkie. Vernetzte Gemeinschaften und Regionen – und nicht mehr (nur) die Arbeiterklasse – sind das revolutionäre Subjekt für einen neuen Sozialismus. In ihnen gedeiht die kollektive Intelligenz, mit denen sie den Herausforderungen begegnen und den Gegenkräften widerstehen können. Ein Land wie Portugal könnte dann erneut zum Mekka der revolutionären Jugend der Welt werden. Auch in Griechenland oder Spanien könnte sich der Sozialismus mit diesen Gedanken erneuern. Wenn dieser Funke sich zu einem Flächenbrand ausbreitet, kann keine Macht der Welt ihn löschen. Denn ein geeintes Volk – verbunden durch Wissenstransfer und Freundschaft, im Besitz gesunder und dezentraler Produktionsverhältnisse, einig in einer objektiven, in den Herzen aller verankerten Ethik – kann nicht besiegt werden.

Buchtipp:

Leila Dregger: Frau-Sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe. edition ZEITPUNKT, 196 S., 17 €, ISBN: 9783952395561

Bestell-Link: http://edition.zeitpunkt.ch/buch/frau-sein-allein-genuegt-nicht/

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