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Eine Speisekarte im Restaurant gleicht meist einem Querschnitt durch die heimische Tierwelt: Rind, Schwein, Schaf, Huhn, Pute, Reh, Hirsch, Forelle… Begegnet ein Mensch einer anderen Spezies, läuft ihm schon von weitem das Wasser im Mund zusammen. Er betrachtet Tiere nicht als Freunde oder einfach als interessantes Gegenüber, sondern ausschießlich unter dem Aspekt der Essbarkeit. Einige Tierarten haben indes das Glück, eigentlich zu nichts „zu gebrauchen“ zu sein. Eichhörnchen z.B. sind weder als Last- noch als Reit- oder Zirkustiere geeignet, und an Fleisch oder Fell geben sie zu wenig her. Daher lässt sie der Mensch meist in Ruhe. Ausnahmen bestätigen allerdings auch hier die Regel, wie der jugendliche Protagonist dieser Geschichte feststellen muss… Exklusive Vorveröffentlichung aus dem neuen Satirenband von V.C. Herz: „Das Leben ist kein Ponyhof“, der demnächst erscheint. Es ist schon das dritte Buch des Autors dieser Art. Näheres (und weitere Geschichten) auf www.pflanzliche-kurzgeschichten.de

Urlaub – herrlich! Nachdem wir am Flughafen gelandet sind, geht es mit dem Auto direkt weiter zu unserem Ferienhaus. Es liegt abgeschieden vom Rest der großen Ferienunterkünfte auf einem kleinen Hügel. Saubere, frische Luft und ein atemberaubender Meerblick. Während meine Eltern noch gemütlich ein Glas Wein auf der Terrasse trinken, muss ich leider schon ins Bett.

Am nächsten Tag mache ich eine ganz besondere Entdeckung: Bei einem großen Gebüsch, nicht weit von unserem Ferienhaus, treffe ich auf ein Streifenhörnchen. Als es mich sieht, schrickt es auf und versteckt sich. Ich eile zurück zum Haus und besorge mir ein paar Sonnenblumenkerne. Mit diesen gehe ich wieder zu dem Gebüsch zurück, raschle etwas mit der Tüte, und tatsächlich: das Streifenhörnchen blickt aus seinem Versteck heraus. Ich nehme ein paar Sonnenblumenkerne in die Hand und locke Kenny, wie ich das Tier eben getauft habe, zu mir her.

Es ist anfangs etwas verunsichert, ich werfe also erst einmal einen Kern in seine Richtung. Es springt herbei, greift sich den Kern und rennt damit wieder zurück in sein Versteck. Dort knabbert es an seiner Beute herum. Als es fertig ist, werfe ich einen weiteren Kern zu ihm hin. Auch diesen verspeist es, diesmal ohne auf Abstand zu gehen.

Ich strecke meine Hand aus, auf der Handfläche liegt ein weiterer Kern. Langsam nähert sich Kenny, bleibt immer wieder stehen, mustert mich und pirscht sich dann weiter in meine Richtung. Dort angekommen, schnüffelt das Tier erst misstrauisch an meiner Hand, bevor es sich auf die Hinterbeine stellt und mit seiner kleinen Pfote nach dem Sonnenblumenkern greift. Ich hole weitere Kerne heraus, und Kenny isst diese genüsslich.

Nachdem er ausreichend gefuttert hat, lässt sich mein neuer Freund sogar streicheln. 20 Minuten später höre ich meine Mutter vom Ferienhaus aus nach mir rufen. Kenny erschrickt und springt wieder in sein Gebüsch.

Ich eile zu meiner Mutter. Diese hatte sich bereits Sorgen um mich gemacht. Ich soll nicht einfach so vom Haus weggehen, muss ich mir anhören. Zusammen mit meinen Eltern sitze ich anschließend auf der Terrasse und genieße Kaffee, Kuchen und Sonnenschein.

Ich erzähle, dass ich ein Streifenhörnchen gesehen habe und zeige in die Richtung des Gebüschs. Ich lasse durchblicken, dass ich unbedingt ein solches Hörnchen haben möchte.

Während mein Vater für das Abendessen den Grill anwirft, helfe ich meiner Mutter bei der Zubereitung der Salate. Nachdem wir allerdings damit deutlich schneller fertig sind als mein Vater, mit dem Grillen, decken wir noch den Tisch, und anschließend setze ich mich mit meiner Mutter auf das große Sofa im Wohnzimmer. Ich quengle ein wenig, ich weiß schließlich, wie ich meine Mutter rumbekomme.

Also holt sie den Laptop, und wir suchen im Internet nach Streifenhörnchen. Es gibt sogar Internetseiten, die sich auf die kleinen Nager spezialisiert haben. Schließlich bestellen wir einen Käfig für mein neues Haustier sowie ein Rad und eine Wasserflasche für das künftige Zuhause meines kleinen Freundes. Wir wollten gerade schauen, ob man auch Streifenhörnchen mit in ein Flugzeug nehmen kann, dann würde ich nämlich am liebsten direkt Kenny mitnehmen. Aber da ruft mein Vater aus dem Garten, dass das Essen fertig ist.

Also gehe ich mit meiner Mutter raus auf die Terrasse. Wir schütten Getränke ein und verteilen den Salat auf den Tellern. Schließlich kommt mein Vater mit einer großen Platte voll Grillgut. Auf seinen Teller legt er ein paar Würstchen, meine Mutter bekommt ein Steak, und auf meinem Teller… ich schreie auf. Ich brülle meinen Vater an und laufe weinend auf mein Zimmer.

Kurz darauf klopft meine Mutter an meiner Zimmertür und kommt rein. Ich weine, während sie mich in den Armen hält. Dann erklärt sie mir, dass das alles ein großes Missverständnis war. Ich habe schließlich auf der Terrasse, kurz vor dem Essen gesagt, dass ich unbedingt ein Streifenhörnchen möchte und habe in die Richtung gezeigt, wo ich eines gesehen hatte. Dass ich es als Haustier haben möchte, habe ich nur meiner Mutter in der Küche erzählt, mein Vater konnte das nicht wissen. Entsprechend ist er losgezogen, hat Kenny gefangen, ihn totgeschlagen, ihm die Haut abgezogen und ihn auf einen Grillspieß gesteckt. Er wollte mir damit eine Freude machen, und das Missverständnis tut ihm furchtbar leid.

Mein Schluchzen wird leiser. Sie hat Recht, mein Vater konnte das nicht wissen. Ich gehe zusammen mit meiner Mutter wieder runter auf die Terrasse und nehme meinem Vater in den Arm. Er bittet mich um Entschuldigung, aber ich sage ihm, dass es schon okay sei. Es sei schließlich nur ein Missverständnis gewesen, und er habe es nicht besser wissen können. Wir einigen uns darauf, dass wir zuhause einfach ein neues Streifenhörnchen kaufen. Nachdem Kenny nun tot ist, hilft es auch nichts, ihn wegzuwerfen. Er ist zwar mittlerweile etwas kalt geworden, aber ich muss ehrlich sagen, dass er trotzdem sehr gut geschmeckt hat!

Comments
  • eulenfeder
    Hallo Vincent
    ‚Eichhörnchenleberwurst‘ ! – mein Tipp, naja – von Roland kam er eigentlich.
    Nachdem deine Neuerscheinungen inzwischen ja rasant vergriffen sind, bitte vorsorglich wieder ein Exemplar für mich ‚hinterlegen‘, handsigniert vom Meister, wenn ich darum bitten darf.
    Zu meiner Schande gestehe ich dass ich den letzten Band noch nicht zu Ende gelesen habe, aber Besonderes geniesst man langsam…
    Herzlichen Dank schon mal !
    euli

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