In Friedenspolitik, Konstantin Wecker

Die Ostermärsche in diesem Jahr waren zwar nicht so gut besucht, entwickelten nicht die Stoßkraft, die als Gegengewicht zur derzeitigen globalen Militarisierung nötig wäre – wir möchten diese aufrechten, unermüdlichen Menschen aber an dieser Stelle ausdrücklich würdigen. Müllheim nahe der deutsch-französischen Grenze blickt auf eine lange Tradition der Friedensmärsche zurück – handelt es sich bei der Region doch um ehemaliges Kriegsgebiet zwischen zwei „Erbfeinden“. Konstantin Wecker schickte den Aktivisten ein Grußwort, das zugleich eine Abrechnung mit der verantwortungslosen Kriegspolitik auch in Deutschland ist. (Konstantin Wecker)

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

die Nähe zur französischen Grenze hier in Müllheim macht eines ganz deutlich: Zwischen Nationen, die mehr als 100 Jahre miteinander in Krieg und Zwietracht lebten, kann der Frieden gelingen, wenn Vernunft und Menschlichkeit die Oberhand gewinnen – gestützt vom Friedenswillen der Menschen in beiden Ländern.
Wir erleben in diesen Monaten, dass sich Kriegstreiber und Rüstungslobbyisten wieder breit machen. Jahrzehnte der Abrüstung seien an ihrem historischen Endpunkt angelangt, höre ich in den Nachrichten. Ein völlig durchgeknallter US-Präsident mahnt die Länder Europas, auf Teufel komm raus 2 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Rüstung auszugeben. Statt gesunder Selbstbehauptung hören wir von den Regierenden und denen, die regieren wollen, nur ein devotes „O.k., Mr. President“. 2 Prozent, wofür eigentlich? Wo sind wir bedroht? Wo stehen Feinde an unseren Grenzen?

Ja, ich weiß: Ein Mangel an Feinden ist ein lösbares Problem, wie die Geschichte gezeigt hat. Kommt uns ein Erbfeind abhanden, Frankreich z.B., schaffen wir uns einfach einen neuen. Russland, der erprobte Buhmann, ist dafür immer gut. Ich bin so wenig ein Putin-Freund wie ich ein Saddam-Hussein-Freund war, auch wenn mir dies anlässlich meiner Irak-Reise 2003 vorgeworfen wurde. Aber wir können nicht gegen jedes Land Krieg führen, in dem sich Machthaber selbstherrlich gebärden. Sonst müssten die USA eigentlich fast überall einmarschieren, auch in sich selbst.

Ich misstraue entschieden der Fiktion, mehr Menschlichkeit ließe sich durch unmenschliche Kriege herbei bomben. Oder kann jemand im heutigen, durch NATO-Streitkräfte „befreiten“ Irak blühende Landschaften erkennen? Nichts hat dem Terror mehr Nahrung gegeben als gerade der blindwütige „War on Terror“ der letzten 16 Jahre. Und auch die entsetzliche Wiederkehr rechtsradikalen Gedankenguts in Europa hat mit unserer profitgetriebenen Kriegspolitik zu tun. Die Menschen im Süden fliehen auch vor den Verwüstungen, die Krieg und Kapitalismus in ihren Ländern angerichtet haben.

Begreift denn niemand, dass mehr Rüstung nur der Rüstungsindustrie nützt – so wie mehr Folter nur für die Hersteller von Foltergeräten eine tolle Sache ist? Selbst wenn kein einzige Schuss fällt, richtet Rüstung unermesslichen Schaden an, weil sie den Menschen einen Teil ihres Lebens stiehlt – Geldmittel, die wir für Soziales, für Kultur, für Bildung dringend bräuchten. Ja Rüstung tötet schon jetzt, weil sie den Hungernden ihr Brot, den Erblindenden die Geldmittel für Augenoperationen raubt. Jegliches Militär ist schädlich, weil es die Seelen junger Menschen deformiert, ihnen durch Drill und Gehorsam die Menschlichkeit aberzieht. Mit gesunden, freiheitsliebenden und integren Menschen lässt sich offenbar kein Staat machen und kein Krieg führen.

Aber wir sind nicht wehrlos gegen die perfide Wehrerziehung, die man unserer Gesellschaft verordnet hat. Die Ostermärsche, die es hier seit 20 Jahren gibt, sind ein Zeichen, das Mut macht. Ostern ist das Fest der Auferstehung, und die Friedensbewegung, die lange ein bisschen schläfrig schien, muss jetzt wieder auferstehen. Mehr Menschen müssen sich erheben gegen die wieder anschwellende Volksverdummung und gegen die mörderische Kriegslogik, die man uns aufschwatzen will. Kein Frieden mit der herrschenden Kriegspolitik! Friedlicher, aber vehementer Protest ist jetzt angezeigt.

„Schon hört man vor den Toren die Krieger schreien. Fällt uns denn außer Töten schon nichts mehr ein?“ habe ich vor 35 Jahren in einem Lied geschrieben. Den Menschen hier in Müllheim ist etwas anderes eingefallen: Zärtlichkeit statt Hass, Lebendigkeit statt Todeskult, Friedensarbeit statt Kriegsvorbereitung.

Showing 2 comments
  • Karl- Ludwig Köhn
    Klasse.
  • Bettina
    Ein prägnantes, ermutigendes und wunderbartes Grußwort zum Ostermarsch in Mülheim. Solche Worte geben Auftrieb.

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