In Holdger Platta


Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

für gläubige Griechinnen und Griechen – so habe ich gelernt – ist Ostern das wichtigste Fest im gesamten Kirchenjahr, für uns Deutsche – so nehme ich an – dürfte es wohl eher das Weihnachtsfest sein. Gleichviel, ob ich mit meiner zweiten Annahme richtig liege oder auch nicht, für den Spendeneingang bei uns während der letzten sieben Tage dürfte Ostern – das Osterfest bei uns! – wohl eher ein Negativfaktor gewesen sein. Gerademal 90,- Euro gingen in der letzten Woche an neuen Spenden bei uns ein, überwiesen von drei Unterstützerinnen und Unterstützern; in der Woche davor waren es immerhin 277,16 Euro gewesen – das Spendenaufkommen von vier Helferinnen und Helfern. Heißt: bei uns hat das Osterfest den verarmten und verelendeten Griechen kein Glück gebracht. Wobei allerdings nicht ausgeschlossen werden kann (unser Kassenverwalter Peter Latuska wies darauf hin): unserer GriechInnenhilfe könnte auch die Spendenbitte für www.hinter-den-schlagzeilen.de etwas in die Quere gekommen sein. Um so herzlicher danke ich daher den Spendern für die GriechInnenhilfe während der letzten sieben Tage! Und bin eigentlich sicher, daß ich bereits beim nächsten Mal schon wieder ganz andere Zahlen mitteilen kann.

Auch in anderer Hinsicht übrigens möchte ich Euch zwei schlechte – ungleich gewichtigere – Nachrichten nicht vorenthalten – ich denke, das gehört zur Wahrhaftigkeit unserer Hilfsaktion mit hinzu:

Evdoxia aus Ikaria, der wir vor einiger Zeit eine Behandlung ihrer Krebserkrankung in Wien mitermöglichen konnten, starb vor wenigen Tagen in Athen. Sie hinterlässt ihren Ehemann und einen dreijährigen Sohn. Sie zog sich bei einem Krankenhausaufenthalt, der wegen einer Nachbehandlung erforderlich geworden war, eine Infektion zu, die ihr geschwächter Körper nicht verkraften konnte. Zu befürchten ist – zahlreiche Berichte auch über andere Krankheitsfälle deuten darauf hin -, daß diese Infektion zurückzuführen ist auf die katastrophalen Verhältnisse, die oft in griechischen Krankenhäusern anzutreffen sind (es fehlt an Pflegekräften, es hapert an Hygiene-Material – um nur diese beiden gravierenden Mängel zu nennen). Mit gewisser Berechtigung muß man also davon ausgehen, daß hier das Zugrunderichten der griechischen Krankenversorgungssysteme ein Todesopfer gefordert hat. Auch Zoi, die Nichte unseres ‚Außenhelfers’ Tassos Chatzatoglou hatte sich bei einer Krebsbehandlung (Chemotherapie) im Krankenhaus einen Schimmelpilz (!) ‚eingefangen’ (ist jetzt allerdings, aufgrund sehr guter Medikamente, über den Berg). Und die zweite ungute Nachricht:

Stamatia R., die 87jährige alleinstehende Frau, die seit einiger Zeit ebenfalls zu den von uns Betreuten zählt, wurde in den letzten Monaten dreimal überfallen und stürzte vor zwei Wochen in ihrer Wohnung so schwer, daß erst eine von Tassos’ Schwägerin Martha alarmierte Nachbarin der Gestürzten helfen konnte. Vielleicht erinnert Ihr Euch: da der Betroffenen beim letzten Überfall sogar Decken und Kleidung, Bettwäsche und Haushaltsartikel gestohlen worden waren, haben wir ihr, was diese gestohlenen Sachwerte betrifft, helfen können. Tassos hatte diese Gegenstände bei seinem letzten Aufenthalt in Griechenland für Stamatia R. neu eingekauft. Benötigen würde sie aber jemanden, der alltäglich bei ihr nach dem Rechten sieht. Wir bemühen uns darum, bislang allerdings ohne Erfolg.

Für Tassos wird jedoch nicht nur dieser Hilfsfall Anlaß sein, recht bald wieder nach Griechenland aufzubrechen. Um Stamatia R. will er sich dabei ebenso kümmern, direkt vor Ort, wie auch um den arbeitslosen Schauspieler Alexander D., der nach wie vor um seine Pension kämpft. Auch bei Panagotia K. mit ihren Töchtern, in Megara, will Tassos bei dieser Gelegenheit vorbeischauen, überprüfen, ob’s mit der neuen Wohnung für sie seine Richtigkeit hat. Und schließlich stehen noch zig weitere Termine auf seinem Reiseprogramm: Besuch bei Spiros K., dem an Multipler Sklerose erkrankten Mann, der dank unserer Hilfe inzwischen seine Nahrungsergänzungsmittel bekommt und die Physiotherapien, Besuch auch bei der Vizebürgermeisterin und Sozialbeauftragten Labrini Manu, Besuch schließlich gleich zwei weiterer Krankenhäuser in Griechenland, die womöglich/wahrscheinlich auf Hilfe angewiesen sind.

Doch auch uneingeschränkt Gutes kann ich heute berichten, und zwar von der Erste-Hilfe- und Rettungsstation auf Andros. Doch lest bitte selbst, was uns der Vertreter dieser Hilfsorganisation, Herr Aygeris Konstantinos, schrieb (übersetzt von Tassos Chatzatoglou):

„Lieber Herr Holdger Platta,

wir möchten uns bei Ihnen, Herrn Konstantin Wecker und allen, die dazu beigetragen haben, dass wir ein mobiles Sauerstoffsättigungsmessgerät kaufen konnten, sehr herzlich bedanken. Außerdem möchten wir Herrn Anastasios Chatzatoglou und seiner Frau für deren Hilfe und Koordination hier in Andros unseren Dank aussprechen. Mit diesem mobilen Sauerstoffsättigungsmessgerät können wir sofort den Gesundheitszustand der Patientin ermitteln, ohne dass wir hierfür einen Ambulanzwagen anfordern müssten. Dies ist für uns und unsere Patienten von unschätzbarem Wert.
Wir danken nochmals für die großzügige Hilfeleistung.

Wir wünschen Euch das Allerbeste,

EKAV ANDROS (übersetzt: Nationale Erste Hilfe und Rettungsorganisation Andros)
Aygeris Konstantinos“

Und da wir nunmehr bei den eher guten Nachrichten sind: auch Karl-Heinz Apel, mit seiner Ehefrau Ursula, bereitet sich inzwischen auf zwei Hilfsbesuche in Molai und Neapolis vor, bei zwei Ärzten dort (Jorgos Sakelariadis und Jorgos Kefalidis). Da wird es wieder um Verbandsstoffe und sonstige medizinische Hilfsgüter gehen. Und auch Kalle konnte inzwischen, aus Piräus, Gutes berichten: Katerina K., der letztes Jahr in London eine Teileleber transplantiert worden ist und nunmehr auf die zweite Transplantation wartet, auf die Transplantation einer Niere (voraussichtlich im September, voraussichtlich in Athen), Katerina hat sich über unsere weitere finanzielle Unterstützung ihrer Dialysefahrten nach Athen „unglaublich“ gefreut (so Karl-Heinz Apel, unser ‚Außenhelfer’ aus Rosche).

„Unglaublich“ gefreut habe ich mich persönlich in den letzten beiden Wochen auch über etwas – wobei diese Nachricht (ich bitte, mir diese leise Skepsis nachzusehen) sicher auch nicht überbewertet werden soll! -: selbst das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall Wolfgang Lemb hat sich unlängst über die Politik der sogenannten „Gläubigerstaaten“ gegenüber Griechenland sehr kritisch geäußert. In einem Kommentar für die „Frankfurter Rundschau“ vom 5. April schrieb er unter anderem – und viele seiner Einschätzungen decken sich doch deutlich mit den meinen:

„Acht Jahre Schuldenkrise und die von den Gläubiger-Institutionen verordnete Austeritätspolitik haben nicht nur dem griechischen Staat eine Nulldiät beschert. Vor allem die Verarmung der griechischen Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen <…> Das Ausmaß der humanitären Krise in Griechenland ist beispiellos
in Europa.

Die – von den Institutionen durchgesetzte – Zerschlagung des Tarifsystems war dafür
eine entscheidende Ursache. Die griechischen Gewerkschaften stehen heute mit dem
Rücken an der Wand. Darüber kann sich niemand ernsthaft freuen – nicht einmal die
Arbeitgeberseite. Denn ohne kollektive Gestaltungsspielräume dreht sich die Lohnspirale
weiter nach unten, die Binnennachfrage leidet weiter und ein sich selbst tragender
Aufschwung erscheint unerreichbar. Das schmälert auch die Aussichten auf eine Erfüllung
der vorgegebenen Haushaltsziele.
<…>
Im dritten Griechenland-Memorandum von 2015, das jetzt zur Überprüfung ansteht, gab
es eine ungewöhnliche Politikempfehlung. Eine Expertenkommission wurde eingesetzt,
die nach den massiven Eingriffen in die Tarifautonomie Vorschläge für neue und bessere
Arbeitsbeziehungen in Griechenland erarbeiten sollte. Dabei galt, sich an der europäischen
„Best Practice“ zu orientieren.

Vier Mitglieder der Kommission wurden von der griechischen Regierung, vier von den
Kreditgebern, den sogenannten Institutionen, benannt. Sie waren sich erstaunlich einig:
In ihrem Abschlussbericht schlägt die Kommission vor, die Tarifautonomie der Sozialpartner
wieder herzustellen. Das entspricht auch dem einstimmigen Wunsch der Gewerkschaften
und der Arbeitgeberverbände in Griechenland.

Branchentarife sollen künftig wieder – wie in vielen anderen EU-Ländern – für allgemeinverbindlich erklärt werden können. Weiterhin soll der Mindestlohn, wie in Deutschland oder Belgien, allein durch die Sozialpartner festgelegt werden. Das Streikrecht soll ebenso unangetastet bleiben wie das Verbot der Aussperrung. Massenentlassungen
sollen möglichst durch Kurzarbeit verhindert werden, die ähnlich flexibel wie in Deutschland
sein soll.

Europäische Normalität also? Ja, vielleicht, wenn nicht der Vierte im Bunde, der IWF,
seine weitere Unterstützung des Hilfsprogramms von weiteren Einschnitten in der Arbeitsmarktpolitik abhängig machte. Die Unternehmen sollen zehn statt bisher fünf Prozent
einer Belegschaft entlassen dürfen. Die Wiedereinführung von normalen Tarifverhandlungen
lehnt die IWF-Vertreterin in der Quadriga der Gläubiger, Delia Velculescu, rigoros ab.
<…>
Die wirtschaftliche Lage Griechenlands kann jedoch nur mit fairen und rechtlich stabilen
Arbeitsbedingungen verbessert werden. Woher soll die dringend benötigte wirtschaftliche
Dynamik kommen, wenn unter dem Spardiktat der Quadriga die Löhne, Renten und
Transferleistungen weiter sinken und gleichzeitig mit höheren Steuern und Abgaben
belastet werden?

Für die IG Metall ist klar: Europa braucht keine Niedriglohnkonkurrenz, sondern eine
Stärkung der sozialen und demokratischen Grundrechte in allen Mitgliedsstaaten. Denn:
Immer mehr wird Griechenland zu einem Zeugnis für die Gefahren des Scheiterns eines
sozialen Europas.

Mit der Tarifautonomie ist ein Kernbereich des europäischen Sozialmodells verknüpft.
Die Lohnkürzungen und die Zerschlagung der Tarifsysteme müssen rückgängig gemacht
werden. Nur wenn der Wiederaufbau in Griechenland gelingt, können – aus Gläubigern auf der einen und Schuldnern auf der anderen Seite – wieder Partner werden. Griechenland braucht eine faire Chance.“

Nunja, ich gebe zu, das mit der „Partnerschaft“ sehe ich womöglich etwas anders als der Kollege aus der Vorstandsetage der IG Metall. Natürlich, das ist Gewerkschaftlerdeutsch, das mit der „Partnerschaft“. Und wer sollte etwas dagegen haben, daß diese irrsinnige und alles Humane zerstörende Politik der Eurostaaten gegenüber Griechenland endlich abgelöst würde von „Partnerschaft“, von einem Interagieren aller Beteiligten in Augenhöhe miteinander. Aber kann es das bei dieser realen Machtverteilung geben? Kann es das geben unter Verhältnissen, wo manche Machthaber nichtmal mit am Verhandlungstisch sitzen und lieber von Ferne und von oben ihre Strippen ziehen, von jenen Vorstandsetagen aus, wo die Luft zwar dünner sein mag, die Portemonnaies aber auf jeden Fall um so dicker sind – egal, ob bei Deutscher Bank oder EZB? Mit einem Wort: kann es „Partnerschaft“ geben zwischen Schafen und Wolf?

Man wird ja nochmal fragen dürfen, lieber Vorstandskollege von der IG Metall!

Und damit zu meinen obligaten Schlußhinweisen:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:
Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE
Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):
Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de
Mit herzlichen Grüßen

Holdge Platta

Euer Holdger Platta

Showing 2 comments
  • Bettina Beckröge
    Viele traurige Nachrichten von unseren griechischen Freunden.
    Möge der Ehemann von Evdoxia aus Ikaria Trost finden, bei seiner Familie und seinen Freunden. Nur wie wird er das seinem dreijährigen Sohn erklären können? Es ist eine furchtbare Vorstellung, wenn ein Kind seine Mutter so früh verliert.
    Stamatia R. wünsche ich eine baldige Genesung, und dass sie zeitnah eine gute Betreuung findet.
    .
    In humanitären Katastrophen, wie in Griechenland, sind es immer die Ärmsten der Armen, die am meisten leiden müssen, insbesondere die alten Menschen, die keine Kraft mehr haben und die Kinder. Doch sind unsere Kinder nicht unsere Zukunft?
    Die Realität ist unüberhörbar. Auch wenn Schäuble, Draghi und die Troika es nicht wahr haben wollen, ihre Griechenlandpolitik hinterlässt einen Scherbenhaufen. Er drückt sich aus in Wut, Trauer, Verzweiflung und Tränen. Ein ganzes Land wird systematisch zugrunde gerichtet. Große Armut, Arbeitslosikeit (inzwischen auf über 50 % gestiegen), Obdachlosikeit und Hunger machen sich breit. Es ist eine humanitäre Katastrophe, die sich vor unseren Augen abspielt.
    .
    „They don’t care about us“ sang einst der großartige Sänger Michael Jackson. So kann man die Politik gegenüber Griechenland derzeit beschreiben. 2010 hat eine Gruppe junger griechischer KünstlerInnen in Athen einen Musik- Tanz- Flashmob der besonderen Art aufgeführt. Sie haben mit dem Flashmob nicht nur auf ihre Situation aufmerksam gemacht (2010 begann die Krise in Griechenland), sondern in besonderer Art und Weise Michael Jackson gehuldigt.
    .
    Aus dem Vorspann des Videos möchte ich drei Sätze hervorheben:
    .
    „In a world filled with hate
    we must still dare of hope.
    .
    In a world filled with despair
    we must still dare to dream.
    .
    In a world filled with distrust,
    we must still dare to believe.“
    .
    [OFFICIAL] They Don’t Care About Us
    Michael Jackson Dance Tribute
    https://youtu.be/QEVeYXoBQrw
  • Bettina Beckröge
    Im folgenden Beitrag wird die Vorgehensweise der Troika gut zusammenfassend erklärt.
    .
    Troika – BankenMafia: Genial erklärt!
    Was jeder wissen muss
    banken- bankenindustrie- troika
    .
    https://youtu.be/pNZiuF_RkRE
    .
    Was zu dem Zeitpunkt der Talksrunde vermutlich nocht nicht klar war, ist, dass inzwischen das Wasser in Griechenland privatisiert werden soll. Dabei ist der freie Zugang zu Wasser ein Menschenrecht, eine frage des Überlebens. Wenn mit den Ärmsten der Armen in Griechenland, die nun wahrlich kein Geld mehr auf der hohen Kante haben, künftig exorbitante Kosten für Wasser ausgeben müssen, können wir uns vorstellen, wie sich die humanitäre Katastrophe noch weiter ausbreiten wird. Darum bitte ich Sie, liebe Leser und Leserinnen, die folgende Petition von „We act“ zu unterzeichnen und sie an ihre FreudInnen, Bekannte und Familien weiterzueiten. Ich habe sie unterzeichnet. Das Weiterleiten werde ich heute noch tun.
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    https://weact.campact.de/petitions/wasser-ist-menschenrecht-stoppt-die-wasserprivatisierung-in-griechenland-1
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    Ich verbleibe mit einem griechischen Lied, das Trauer und Hoffnung zugleich gut zum Ausdruck bringt, ein Lied, gesungen von der unvergesslichen Maria Farantouri, der Sängerin, die Mikis Theodorakis seit ihrem 16. Lebensjahr auf seinen Konzerten begleitet und dem Canto Genrale sowie der Ballade von Mauthausen eine Stimme gegeben hat. Das Lied wurde von Mikis Theodorakis, dem lebenslangen Streiter für Gerechtigkeit und Frieden und weltbekannten Komponisten komponiert.
    .
    Maria Farantouri – Sto Perigiali (SUBTITLES)
    https://youtu.be/QWqId2yQZik

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