In Buchtipp, Kultur, Roland Rottenfußer

„Nur die besten sterben jung“, weil sie dichter und praller leben als andere und sich mutwillig in Gefahr begeben, anstatt gefahrlos zu versauern. Ausnahme: Konstantin Wecker. Nicht jeder hätte darauf gewettet, dass Wecker, diese poetische Kraftnatur, Autor scharfsinniger und glückstrunkener Lieder, seinen 70. Geburtstag (am 1. Juni 2017) so vital erreichen würde. Er feiert diesen Anlass mit einer neuen Tournee und mit seiner Biografie, die Mitte April erschienen ist. Und wieder wird er seine begeisterten Hörer zur Rebellion und zum „unverschämten“ Lebensvollzug verführen. „Sei ein Heiliger, ein Sünder, gib dir alles, werde ganz.“ (HdS-Redakteur Roland Rottenfußer ist zusammen mit Konstantins altem Schulfreund Günter Bauch Co-Autor der großen Wecker-Biografie.)

Konstantin Wecker hat im Laufe seines Lebens so viele Schattenseiten eingestanden, dass seine Sonnenseiten paradoxerweise in den Schatten traten. Zu wenig beachtet wurde sein beharrliches Ringen um eine gerechtere, zärtlichere Welt, die Lichtdurchbrüche des Wunderbaren, scheinbar Paranormalen in seiner Biografie, seine lebenslange Suche nach dem Göttlichen in uns. All das trat in den Hintergrund, als Wecker vorübergehend wegen Drogenexzessen zu einer Figur des Boulevards wurde. Es verblasste auch, weil sich der Künstler selbst in vielen Varianten selbst des Scheiterns bezichtigt hat. Die „dunklen“ Seiten seiner Persönlichkeit stehen jedoch in einem dynamischen und kreativen Spannungsverhältnis zu den „hellen“. Sein Schaffen als Lyriker ist nicht umsonst voll von komplementären Begriffspaaren:

„Zwischen Rausch und Askese, halb Heiligenschein
Halb Auswurf der Hölle, ich schwebe
Und pendle mich meistens nicht mehr ein –
und doch: ich lebe. Ich lebe!“.

Aus diesem so kühnen wie anstrengenden Lebenskonzept erwächst jedoch kein Chaos, sondern eine Form dynamischer, die Vielfalt umfassender Ordnung. Selbst nüchterne Betrachter müssen einräumen, dass Konstantin Wecker auf eines der umfangreichsten und tiefgründigsten Gesamtwerke der deutschen Liedermacherszene zurückblickt – ergänzt durch ein nicht überschaubares Schaffen als Dichter, Essayist, Sachbuchautor, Musical-, Bühnen- und Filmkomponist sowie als Schauspieler. Dergleichen ist nur möglich mit viel Disziplin und der Fähigkeit, in den wirklich wesentlichen Dingen Beharrlichkeit an den Tag zu legen. Seit nunmehr 40 Jahren ist Konstantin Wecker auf der Bühne ein Ereignis, für seine Anhänger Kult, für die zynischen Akteure und Mitläufer der neoliberalen Globalisierung ein Ärgernis.

Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu

Man würde Konstantin Wecker jedoch missverstehen, verlangte man von ihm absolute Einheitlichkeit des Sprechens und Handelns. „Menschen müssen sich verwandeln, um sich selber treu zu sein“, gab er auf seiner vorletzten CD „Wut und Zärtlichkeit“ zu Protokoll. Und so ist er: konsequent in der permanenten Verwandlungsbereitschaft. Es gibt immer mindestens zwei „Konstantin Weckers“. Dem einen kann man fest umrissene Eigenschaften zuweisen. Er ist politisch eher links, glühender Antifaschist, freiheitsliebend, lustbetont, liebt klassische Musik … Der „andere Wecker“ dagegen bricht jegliche Festlegung immer wieder auf, zugunsten einer außergewöhnlichen Durchlässigkeit für innere und äußere Einflussströmungen. Konstantin Wecker beansprucht das Menschenrecht, ein widersprüchlicher Mensch bleiben zu dürfen. Er fordert Befreiung von dem Zwang, stets die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen – auch jene übrigens, die er selbst mit seinen Werken geweckt hat. Das irritiert viele, lässt aber eines mit Sicherheit nie aufkommen: Langeweile.

Zu den Missverständnissen über Konstantin Wecker gehört auch die Annahme, er sei der künstlerische Protagonist der 68er-Bewegung in Deutschland. Wecker betrat das „Haus“ der politischen Auseinandersetzung vielmehr erst, als die Party schon fast vorbei war. Er war in den 70ern – wenn er sich überhaupt politisch äußerte – der Chronist der Restauration, einer Epoche, in der die gesellschaftlichen Fortschritte der 68er Schritt für Schritt zurückgedrängt wurden. Wecker dokumentierte eigentlich 68er-Nostalgie, die Trauer über den Abfall der Epoche vom Rebellischen. Das Post-68er-Lied par excellence ist „Frieden im Land“ von der „Genug ist nicht genug“-LP: Es spiegelt exakt die Zeitstimmung in ihrer Mischung aus Terrorhysterie und der Sehnsucht nach Ordnung und Befriedigung der Gesellschaft nach den „Chaosjahren“ zwischen 1967 und 1977.

„Vereinzelt springen Terroristen über Wiesen.
Wie chic. Die Fotoapparate sind gezückt.
Die alten Bürgerseligkeiten sprießen,
die Rettung, Freunde, ist geglückt.

Die Schüler schleimen wieder um die Wette.
Die Denker lassen Drachen steigen.
Utopia onaniert im Seidenbette,
die Zeiten stinken, und die Dichter schweigen.

„Mach mich böse, mach mich gut“

Konstantin Wecker nannte aber in jener Epoche politisch selten Ross und Reiter. Selbst in seinem berühmtesten Lied – dem „Willy“ – bleibt vieles bei der Andeutung. Wenn er etwas die „Sonntagnachmittagsrevoluzzer“ beschreibt, Mitläufer einer rebellischen Zeitstimmung, die sich beim geringsten Gegenwind nur allzu bereitwillig wieder ins System, aus dem sie kurz ausgebrochen waren, zurücksaugen ließen. „Die gleichn, Willy, die jetzt ganz brav as Mei haltn, weils eana sonst naß nei geht.“

Im Grunde war Wecker ein holzschnittartiges „Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen“ immer zu fremd, um sich fest im Lager linker Rechtgläubigkeit zu verankern. Zu tief hatte er in eigene Abgründe geblickt. Zu sehr fühlte er sich von moralischen Korsetten beengt, als dass er sich – kaum dass das kirchliches abgestreift war – einen neues sozialistisches hätte zumessen lassen. In seinem Buch „Mönch und Krieger“ schrieb der Künstler 2014: „Indem ich fast alles, was ich anderen hätte vorwerfen können, schon selbst durchlebt habe, bin ich toleranter geworden. Ich verstehe die Beschwerden, Süchte und Bösartigkeiten der Menschen“. Daher ist sein Werk im besten Fall frei von Heuchelei und Schuldprojektion und ermutigt auch die Hörer zur Selbstwerdung ohne falsche Rücksichtnahme.

Andere Liedermacher griffen die bürgerliche Moral an, Wecker anfangs jegliche Moral. Dasverleiht vielen seiner frühen Aufnahmen eine eigentümlich verstörende Frische. Der aufrechte, ja gütige Moralist Wecker, den wir heute kennen, entstand, als sein anfangs frei schweifendes verbales Triebtätertum ein positives emotionales Zentrum fand: die zärtliche, erotische Liebe. Und als der Hauptgegner identifiziert war: die einengende Gesellschaft mit ihren Moralvorstellungen. Da war ein neuer ethischer Dualismus geboren: Nicht Gut und Böse hießen seine Pole, sondern Lustfördernd und Lusteinschränkend. Das Leben, das sich vor allem im Streben nach Lust offenbart, sucht immer nach Maximierung, nach barrierefreier Ausbreitung gemäß seiner innersten Natur. Zu bekämpfen ist also, was diese Ausbreitung hindert, was die Lust durch künstliche Schranken zurückdrängt ins Gefängnis bloßer Potenzialität und all die Krankheitsformen emotionaler Selbstvergiftung erzeugt, die man „Kultur“ nennt.

„Unendlich lass dich leben“

Das makellose, überschäumende Glück ist für Wecker nichts, was der Mensch erst erschaffen müsste. Es ist immer da, wurde uns jedoch von Mächten vorenthalten, denen eine kastrierte, auf emotionales Mittelmaß heruntergedimmte Untertanenschar leichter handhabbar erscheint. „Da ist ein Himmel und der will schon lange eingenommen sein. An diesem Höhenflug der Lust muss ich doch auch beteiligt sein“, sang Konstantin. Überwunden werden muss aber nicht nur falsche Identifikation mit den Mächten von Staat und Kirche, überwunden werden müssen auch innere Barrieren, deren gefährlichste die Halbherzigkeit ist. „Ganz oder gar nicht“ heißt die Parole: „Unendlich lass dich leben oder bleib ewig tot“.

Dieses „Unendlich“ und „Nicht genug“ nimmt in Weckers Leben auch selbstzerstörerische Züge an – widergespiegelt stets völlig un-verschämt in seinen Liedern. Etwa in dem mit bajuwarischer Verve vorgetragenen Aus- und Aufbruchshymnus „Mei, was is bloß aus mir word’n?“ von 1984. Darin wird auch Weckers öffentliche Rolle als politischer „Gutmensch“ radikal in Frage gestellt. „I glaub, i brauch jetzt mal a Auszeit von mir selber. Vom Gutsein. Vom Stimmigsein.“ Das Bekenntnis mündet in den irritierenden, fast gebrüllt vorgetragenen Aufruf: „I werd mitten in d´Sonna neihupffn, a wenn i verbrenn. Hauptsach: I brenn.“ Man braucht nicht viel psychologischen Sachverstand, um angesichts dieses Bekenntnisses den späteren, massiven Drogenzusammenbruch des Künstlers kommen zu sehen.

Wenn die Suche zur Sucht wird

„Ich habe mich in meinen Gedichten oft genug zu warnen versucht“ schreibt Konstantin Wecker in seiner Drogenbeichte „Es gibt kein Leben ohne Tod“ 1999. Und in der Tat liest sich z.B. sein Lied „Du wolltest eine Stück Himmel“ (1982) wie eine Vorausdeutung auf seinen späteren Drogenabsturz Mitte der Neunziger. „ Doch die Suche, die zur Sucht wird, kann auch unerbittlich morden“, heißt es dort. Und: „Meistens trifft es nur die Zarten, wer verhärtet, scheint zu siegen.“ Der Unterschied zwischen Konstantin und dem Drogentoten, dessen Nachruf dieses Lied ist, entspricht dem zwischen Goethe und dessen Romanfigur Werther. Der Dichter selbst ging nur bis an den Rand des Abgrunds, sein Geschöpf führte er einen Stück darüber hinaus – wie einen geliebten Bruder, der vielleicht einfach nur weniger Glück hatte.

Es ist in der Tat ein großes Glück, dass der Künstler das alles überlebt hat: die Verhaftung 1995, Gefängnis, Prozess, öffentliche Ächtung, vor allem aber die drastische Gefährdung der eigenen Gesundheit, verursacht durch dauerhaft überdosiertes „Base“ (verarbeitetes Kokain). Man muss lange suchen, um jemanden zu finden, der so weit gegangen ist und darüber noch berichten kann – vielleicht noch Keith Richards. Kaum jemand beleuchtet so beredt die Innenperspektive der Drogenerfahrung wie Konstantin Wecker. Kaum einer deutet die Sucht so konsequent als fehlgeleitete spirituelle Suche. Und kaum einer nimmt dabei so scharfsinnig eine Gesellschaft in Mithaftung, deren repressiver Materialismus die Suchbewegung sensibler Seelen womöglich erst ausgelöst und in die lebensgefährliche Überspannung getrieben hat.

Weckers größte Angst

Weckers Werk ist jedoch nicht nur ein Flirt mit dem Tod, es ist ernst gemeinte Lebensfeier, der Kostbarkeit des Daseins zugewandt. Ja, es scheint, als spüre der Liedermacher als einer der Wenigen die Kürze und Unwiederholbarkeit des Menschlebens in seiner ganzen Schärfe. Als wolle er den Hörern sein Carpe Vitam mit fast jedem Lied eindringlich ins Gedächtnis rufen, bevor es zu spät ist: „Wie leicht, mein Schatz, verschläft man sich, wenn man sich nicht so mag. Das Leben währt kaum einen Sommertag.“ Dem Leben selbst gegenüber zu versagen, indem man seine potenziell grenzenlosen Lust- und Erfahrungsangebote ungenutzt verstreichen lässt – es ist das eigentliche Sakrileg innerhalb der entgötterten Privatreligion des Konstantin Wecker. Es ist seine größte Angst – allenfalls noch vergleichbar jener politischen Angst, die erst Jahrzehnte später vollends in ihm durchbricht: zu versagen vor der Herausforderung, neue Kriege und Faschismen nicht vehement genug bekämpft zu haben.

Konstantin Wecker wurde in dritter Instanz 2000 zu einer Bewährungsstrafe verurteilte. Er musste nicht mehr ins Gefängnis. Heute ist er – nach ehrlicher Beschäftigung mit seinen seelischen Untiefen – aus eigener Kraft und mit der Hilfe seiner Familie und seines Umfelds stabil. Weithin geachtet als Klassiker des deutschsprachigen Chansons und kritische Persönlichkeit der Kultur-Öffentlichkeit, bearbeitet Konstantin Wecker jetzt ganz andere Felder, etwa das der Flüchtlingspolitik, in der er eine radikal humane Position einnimmt. Die späten 90er, in denen das Bild des abgestürzten Drogensüchtigen Wecker seine öffentliche Wahrnehmung vollkommen dominierte, scheinen weit weg zu sein. Nur noch giftige Facebook-Kommentare einiger Neonazis hören nicht auf, zu unterstellen, der Künstler habe sich mit Kokain wohl blöd geschnupft. Als müsse geistige Klarheit notwendigerweise dazu führen, sich zu rechtsradikalen Ansichten zu bekehren.

Auch „Linke“ hatte den Künstler jedoch oft genug im Visier, warfen ihm Halbherzigkeit im revolutionären Kampf vor, bourgeoise künstlerische Mittel und „Innerlichkeit“. Im Rückblick zeigt sich, dass auch der Vorwurf, Wecker wäre 68er-Idealen untreu geworden, nicht greift. Vielmehr hat er die „Seele“ der 68er-Bewegung – den Aufbruchsimpuls, den Selbstfindungsdrang und die Rebellion gegen Autoritäten – hinübergerettet in eine Zeit, in der diesen Regungen ein stärkerer Gegenwind entgegenblies. Noch 2016, in einer Zeit, in der man von vielen damals „konsequenteren“ Kämpfern nichts Revolutionäres mehr hörte, startete Konstantin Wecker mit einer fulminanten Tournee durch. Titel: „Revolution“.

Buchtipp: Konstantin Wecker, Günter Bauch, Roland Rottenfußer: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biografie, Gütersloher Verlagshaus, 480 Seiten, € 24,99

Showing 2 comments
  • Bettina Beckröge
    Schon nach den ersten 50 Seiten dieses Buches kann ich sagen, es ist ein Gewinn für Herz und Seele. Seit zwei Tagen ertappe mich dabei, extra früh ins Bett zu gehen, um endlich weiterlesen zu können. Tagsüber fehlt mir die Ruhe dazu, es gibt ja im Alltag tausend Dinge, die zu erledigen sind. Nun wird mir also eine Weile, bis zum Ende des Buches, eine Vorfreude auf die genüsslichen abendlichen Lesestunden vergönnt. Zugegeben, Goethe und Rilke habe ich solange, unter lautem Protest der beiden, unter meinen Nachttisch verbannt. Die beiden werden es mir verzeihen, denn sie wussten nicht, was sie taten…
    Das besondere und erfrischende an dem Buch ist, es wird aus wechselnden Perspektiven geschrieben. An den Teil, der von Roland Rottenfußer geschrieben hat, bin ich noch nicht angelangt, aber über Abschnitte von Günther Bauch (Willy) habe ich mich schon köstlich amüsiert. Es ist doch erfrischend, wenn ein langjähriger Freund den großen Meister mal aus einer ganz anderen Perspektive beschreibt.
    .
    So kann ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Lassen Sie abends Ihren Fernseher aus, und lesen Sie lieber, was Konstantin Wecker und seine Freunde aus dem ganz schrecklich schönen Leben eines werdenden 70-er zu erzählen haben.
  • eulenfeder
    Lieber Konstantin
    …habe dein Lebenswerk, das ich ja schon ‚in- und auswendig‘ kenne, stets herz- und Seele erfreuend einem Jungbrunnen des immer neu erstehenden Lebens gleich – nun endlich auch in dieser wunderbaren schriftlichen Form vor mir liegen…
    und was soll ich noch sagen: es berührt mich Wort für Wort sehr tief, jeder Satz ein Götterfunken der Freude.
    Ja – und auch mein tägliches ‚Betthupferl‘ nun – die Träume die es geradezu automatisch hervorbringt dann, versüssen mein Leben zudem.
    Einfach ganz wunderbar schrecklich schön ist das…

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