Alexanders CD-Tipp der Woche: ASP – Zutiefst

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Die (wie sie sich selbst nennt) Gothic Novel Rockband ASP wurde 1999 in Frankfurt am Main von Alexander „Asp“ Spreng gegründet. Aufsehen erregte die Gruppe schon mit ihren ersten fünf Alben, einem Zyklus um einen Schwarzen Schmetterling. Konstantin Weckers Umfeld wurde erstmals 2007 auf ASP aufmerksam, mit deren Coverversion von „Sage nein“. Bei einer der beiden Neuaufnahmen genau dieses Liedes für Konstantins Doppel CD „Poesie und Widerstand“ 2017 schließlich wirkte „Asp“ Spreng neben Conchita Wurst, Cetin Oraner und Pippo Pollina als Gastsänger mit. „Zutiefst“ ist das elfte ASP Studioalbum. Es erschien im Oktober 2017 bei Gothic Novel Rock Records / Trisol Music. Eine spezielle Limited Edition Ausgabe hält dazu ein künstlerisch ambitioniertes Buch im LP Format bereit, mit dunklen, unheimlichen, durchaus suggestiven Malereien, und mit den Liedtexten (Musik und Texte stammen durchgehend von „Asp“ Spreng selbst). Legt man die CD in den Player und lässt sich mit dem ersten Titel in sie hineinfallen, … (Alexander Kinsky)

…so fällt man in mehrfacher Hinsicht in sie hinein.

Track 1 – Ein akustisches Panorama öffnet sich: Meeresrauschen, Meeresvögel, ein Sprung ins Wasser, Eintauchen, Untertauchen, Meeresbewohner, Meerwelt, immer tiefer geht es hinab – ins Meer, oder vielmehr: in die Tiefe der eigenen Seele!

Ein Sänger („Asp“ Spreng), dessen Stimme klar und für die nun einsetzende suggestive, nie vordergründig aufdringliche Hardrockmusik (die man natürlich laut aufdrehen kann, weil sie dann noch intensiver rüberkommt – zwecks Nachbarschonung ev. mit Kopfhörern) ungewohnt textdeutlich mit sprachlich lyrischem Grundton sofort ganz eigen für sich einnimmt, nimmt uns mit in diese Tiefe, der Sänger sucht nach einer Perspektive, die Phantasie soll wieder angeregt werden.

War es ein Sturz aus einem Scheidepunkt des Lebens heraus? Aus einer Burnout Situation? Insofern: Wer gleich mitdenkt beim Text wird für sein eigenes Ich sensibilisiert: Wo stehe ich gerade, und wenn es mir ähnlich geht, wenn ich soweit bin abtauchen zu müssen ins eigene Ungewisse, was werde ich dort finden, wird es mir helfen?

Im nächsten Song (die Songs sind ziemlich breit und ausführlich angelegt, strahlen eine beeindruckende Monumentalität aus, tlw. bis über 10 Minuten lang, bei Schnitzler heißt es ja „Die Seele ist ein weites Land“… – und auch die Bilder im Buch tragen einen weiter) sucht der Sänger das, was nach einer Trennung noch an Verbindendem bleibt, er wirkt dabei aber irgendwie desillusioniert. Ja, offenbar ist ein notwendiger Wendepunkt im Leben erreicht – aber wo, immer wieder stellt sich diese Frage, findet sich eine neue Perspektive?

Keltische Anklänge nun, „Asp“ singt jetzt Englisch (das einzige englisch gesungene Lied der CD), die Suche geht weiter, im undurchdringlich scheinenden Nebel um das Ich. Aber es hat doch eine zweite Person bei sich, vielleicht eine Gefährtin, die dabei ist, wenn einen alles, wirklich alles zu erdrücken droht – zusammen werden sie es schaffen zu widerstehen. Illusion oder berechtigte Hoffnung? Die weiter suggestive Musik (jedes Lied hat einen anderen höchst individuellen Charakter) lässt offen, ob sich alles im Meer, im Spiegel der Seele oder nur in der Phantasie des Sängers abspielt.

Die Seele scheint nun unentrinnbar in der Gewalt einer ausweglosen inneren Nacht gefangen, in der Welt der Schwermut (vgl. Konstantin Wecker, „Alles das und mehr“), einer Depression, in Gestalt des Leviathan, des mythologischen, drachenartigen Seeungeheuers – fast eine Gothic Novel Pop Symphonische Dichtung epischen Ausmaßes entfaltet sich da, ein extrem unter die Haut gehendes Empfindungsbild. Aber in keiner Sekunde suggeriert ASP dunkle, spirituell gefährliche Botschaften, weder textlich noch musikalisch, immer ist es möglich, Mitgefühl für den Suchenden zu empfinden, ihm zu wünschen, sich aus der Seelenqual befreien zu können. Die Texte erfüllen einen hohen literarisch-lyrischen Anspruch, und die Musik ist – sagen wir es so – einfach saugut suggestiv (Leviathan erst recht – laut aufdrehen; pardon: mit Kopfhörern…).

In dieser versunkenen Meereswelt sind alle aus den gesunkenen Schiffen willkommen, und endlich (endlich?) sind wir im Abyssus, in der mythologischen Unterwelt angekommen, die letzte, die ewige (ewige?) Station. (Eine große Ballade!) Ganz weit weg scheint jede Perspektive.

Engel stürzen auch ab, und sie versteinern. (Starke Bilder, sprachlich prägnant und musikalisch weiter suggestiv…) Da, vielleicht doch eine Perspektive – sich dem Mond hingeben? („Asp“ singt nicht, er spricht die Lyrik des Songs zu Beginn und am Ende und erreicht plötzlich eine Intensität, als würde ein großer Schauspieler Goethe vortragen, vielleicht in der Hexenküche.) Der Schreiber dieser Zeilen hat 1994 ein Lied

„Vollmondträume“ geschrieben, das fällt ihm dabei ein – insofern wirkt die CD auch „zutiefst“ künstlerisch inspirierend.

Die Perspektive – gibt uns ASP mit dem letzten Track doch noch eine mit? Immerhin, ein eindringliches Postulat – gib nicht auf, lass dich nicht vom Sog hinunterziehen. Die Realität einbeziehend, mitdenkend: Kämpfe bei der Arbeitsagentur, am Arbeitsplatz, wenn du beruflich oder privat unter Druck stehst, keinen Ausweg siehst, kämpfe um Deine Rechte, suche dir Verbündete, Gleichgesinnte, zunächst in dir selbst, in deiner Seele, sie hat weiter eine Kraft, die ihr, die dir niemand nehmen kann.

Wie viele Künstler versuchen auch ASP, den Verkaufsumsatz durch verschiedene Auflagen ein- und desselben Produkts zu steigern. Es liegen LP-Ausgaben und Limited Editions vor, bis zu einer CD-Box im LP-Format, mit dem schon genannten eindrucksvollen Bildband, der die Intensität der akustischen Eindrücke noch eindrücklich verdeutlichen, kanalisieren mag, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, und mit einer Bonus CD, auf der „Asp“ Spreng in Logbucheinträgen einiges zu jedem Lied erläutert (aber dann doch das für jeden Einzelnen Essenzielle offen lässt – wie schön!) und auf der sich außerdem einige Bonus Liedtitel finden, etwa ein ambitioniertes Konstantin Wecker gewidmetes Lied „Parole: Poesie!“, Konstantins Postulat „Poesie ist Widerstand“ mit einer Popballade eindringlich unterstreichend, außerdem ein Paul Simon Cover („I am a Rock“), eine Liveaufnahme eines älteren Liedes und eine weitere Popballade, mit weiblicher Hauptstimme. Die Luxusedition überrascht auch mit einer beiliegenden Maxi CD mit einer entschlackten, umso intensiveren „Bernsteinmeerengel“ Klavierballaden-Version.

Die ASP Homepage mit allen weiteren Informationen:

https://www.aspswelten.de/

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