Aufruf zur Revolution

 In Buchtipp, FEATURED, Konstantin Wecker, Politik (Inland)

“Keine Angst vor dem Wort Revolution! Eine Umwälzung ist ja sowieso schon im Gange und wird sich weiterhin vollziehen. Allerdings: wenn wir sie nicht in Angriff nehmen, tun es die anderen. Die Pegidisten aller Art z.B. Und was dann geschähe, wenn die die Oberhand gewinnen würden, mag ich mir in meinen schwärzesten Träumen nicht ausmalen.“ In mehreren Tagebucheintragungen der letzten Jahre beschrieb Konstantin Wecker seine Utopie einer “Revolution des Herzens”. Nicht gewalttätig sollte sie sein, jedoch kraftvoll und “umwerfend”. Roland Rottenfußer fasst in diesem Kapitel aus der großen Wecker-Biografie “Das ganze schrecklich schöne Leben” Konstantins revolutionäres Gedankengut zusammen.„Diese Welle des tätigen Mitgefühls hat eine Türe einen Spaltbreit aufgemacht. Eine Tür ist geöffnet zur Revolution, zum längst fälligen Widerstand gegen eine wahnwitzige neoliberale Ideologie, die wie ein bösartiger Moloch permanent mit Kriegen und Umweltverwüstung gefüttert werden muss und überall verbrannte Erde zurücklässt. Wir müssen nun einen Fuß in diesen Türspalt stellen, damit sie nie wieder zuschlägt.“ So schrieb Konstantin Wecker in sein Tagebuch anlässlich der Welle der Hilfsbereitschaft, die Mitte 2015 durch Deutschland schwappte. Vom nur privaten Phänomen wurde die Willkommenskultur so gleich ins Kollektive und Revolutionäre überhöht. Der Vorwurf von Kritikern, Konstantin würde sich quasi nur am Mitgefühl besaufen, jedoch „die Zusammenhänge“ nicht sehen, verfing nicht.

Wecker dachte eminent politisch und „systemisch“. Es galt, das Problem an der Wurzel zu packen. Der Künstler machte klar: Waffenhändlern Millionengeschäfte zuzuschanzen und über Massen traumatisierter Menschen zu klagen – das ist heuchlerisch. „Verschwiegen wird: Es war und ist gerade die ausbeuterische Welthandelspolitik der westlichen Staaten und ihrer multinationalen Konzerne, die den Menschen in den Ländern des Südens ihre Lebensgrundlagen entzieht, sie dazu zwingt, vor dem Elend und der Armut in ihren Heimatländern zu fliehen. Verschwiegen wird auch, dass Waffenexporte, an denen sich trefflich verdienen lässt, immer wieder Öl in einen Brand gießen – unter dem infamen Vorwand, damit das Feuer löschen zu wollen. Wer Waffen sät, erntet Flüchtlinge.“

Über westliche Kriegshandlungen und Waffenhandel als Ursachen für die Entstehung von Terrororganisationen wie dem IS sprachen damals zum Glück schon viele; zu wenig wurden allerdings oft noch die wirtschaftlichen Ursachen gesehen. Die Kapitalkonzentration entzieht das Geld immer gerade jenen Menschen, Landstrichen und Lebensbereichen, die es am dringendsten bräuchten und pumpt es dorthin, wo Reichtum im Überfluss vorhanden ist. Die wichtigste Terrorbekämpfungsmaßnahme wäre für Konstantin Wecker insofern globale soziale Gerechtigkeit, und auch für die Reduzierung von „Flüchtlingsströmen“ wäre diese der Schlüssel. „Eines jedoch sollte keinesfalls klirren: Es sind die Waffen, mit denen westliche Kriegsherren gern die Symptome des ökonomischen Unrechts zum Verschwinden bringen möchten. Dieser bellizistische Reflex ist die falsche Antwort. Genau das ist es doch, was islamistische Terrororganisationen wollen. Könnte es nicht sein, dass die Angriffe in Paris ausgeführt wurden, um genau das zu erreichen? Wer dem IS partout neue Rekruten zuführen will, der möge an die abendländische Tradition der Kreuzzüge anknüpfen und neues Feuer auf die Brandherde des Nahen Ostens regnen lassen.“

Neben Krieg und Faschismus wurde auf diese Weise auch der dritte große Gegner angegangen: der Kapitalismus. Diese drei „Wunden“ der Menschheit sind so tief und so gefährlich, dass man ihrer nicht mit einem einzigen Lied oder einer CD Herr wird. Viele Spuren, die Wecker in „Uferlos“, „Vaterland“ und „Wut und Zärtlichkeit“ verfolgt hatte, wurden nun wieder aufgenommen: „Der Kapitalismus hat ausgedient, das spüren viele heute – nur er selbst offenbar nicht. Der Neoliberalismus ist dabei, die Demokratie abzuschaffen, sie auf das für die Profite der Wenigen nicht Störende einzugrenzen“.

Schon in „Mönch und Krieger“ hatte Wecker ja auf die innere Verwandtschaft zwischen Faschismus und Neoliberalismus hingewiesen: „Ein kapitalistisches System, das nach außen hin den Faschismus bekämpft, mit diesem aber im Verborgenen erschreckende Schnittmengen besitzt“ ist Weckers erklärter Gegner. „Ich meine damit vor allem das Prinzip gnadenloser Selektion zwischen den ‚Stärkeren’ und den ‚Schwächeren’ in einem System, die Entmenschlichung und Ausgrenzung von Gruppen, die nach Auffassung der Herrschenden nicht über den erwünschten ‚Pool’ von Eigenschaften verfügen. (…) Im Grunde ist dem Kapitalismus egal, welches System unter ihm regiert, Demokratie oder Faschismus, Hauptsache es bleibt unter ihm.“

Diese Erkenntnis mündete im großen Aufruf zur Revolution: „Und, liebe Freundinnen und Freunde, keine Angst vor dem Wort Revolution! Eine Umwälzung ist ja sowieso schon im Gange und wird sich weiterhin vollziehen. Allerdings: wenn wir sie nicht in Angriff nehmen, tun es die anderen. Die Pegidisten aller Art z.B. Und was dann geschähe, wenn die die Oberhand gewinnen würden, mag ich mir in meinen schwärzesten Träumen nicht ausmalen.“

Seinen Song „Revolution“ auf der „Ohne Warum“-CD sang Konstantin ungemein aufwühlend auf der melodiösen Basis des Lieds „Das deutsche Phänomen“ (1994). Dabei unterstützte ihn seine junge Duettpartnerin Cynthia Nickschas.

Ich würd´ ihnen den Reichtum gerne lassen,
die schicken Autos und ihr lautes Prassen,
nur leider kaufen sie sich unsre Erde
und unser Land mit protziger Gebärde
und machen sich an schönsten Flecken breit
und rauben denen, die seit langer Zeit
das Land mit andern teilen
das Recht, dort weiter zu verweilen,
nur weil die ärmer sind, auch oft verlieren
und nicht mit Lebensmitteln spekulieren.
Und glaubt mir, Freunde – sollt ich´s nicht erleben,
dann will ich´s gerne meinen Kindern weitergeben:
Seid wachsam, tapfer, haltet euch bereit,
man muss das Pack enteignen seiner Zeit!
Ach pfeifen wir auf alles, was man uns verspricht,
auf den Gehorsam, auf die sogenannte Pflicht,
was wir woll´n ist kein Reförmchen und kein höh´rer Lohn,
was wir woll´n ist eine
REVOLUTION!
Später deutete Wecker selbst sein Lied so: „Was ich in diesem Lied fordere, ist eine Revolution des Herzens und des Bewusstseins und, ja: eine Revolution der Liebe. Es ist wichtig, dies festzustellen, da das Wort „Revolution“ viele Menschen ängstlich zusammenzucken und an Guillotinen und Gulags denken lässt. (…) Wir dürfen die Gewaltstrukturen nicht zu überwinden suchen, indem wir werden wie die Täter. Aber wir dürfen dem Märchen von der Alternativlosigkeit des Unerträglichen auch nicht aufsitzen. Ich bin überzeugt: dieses erbarmungslose System ist nicht das ‚Ende der Geschichte‘. Indem wir unter der Dominanz dieses neoliberalen Irrsinns spüren, was wir nicht wollen, erkennen wir in noch größerer Schärfe, was wir wollen. Daraus kann die Kraft zum Handeln erwachsen.“

 

Buchtipp: Konstantin Wecker, Günter Bauch, Roland Rottenfußer: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biografie, Gütersloher Verlagshaus, 480 Seiten, € 24,99

Anzeige von 20 kommentaren
  • eulenfeder
    Antworten
    Revolution hat übrigens sehr viel mit Subkultur zu tun !

    Da gab es mal die radikal – revolutionäre Band ” Ton Steine Scherben ” – ” macht kaputt was euch kaputt macht ! ”

    Die etablierte und inzwischen selbst ‘mainstreamige ‘ ”’Revoluzzer-Szene ”’, weil man dort nach einem Ausschlussverfahren ( Revolution ja, aber nur eine friedliche ! ) die Revolution verhindert, ist ‘altersschwach’ geworden, subkulturelles radikales Vorgehen ( das einst selbst vertreten wurde ), ist der ‘Seriösität’ gewichen und einem eigntlich nur noch ‘poetischen’ Revolutionswillen.

    So war der ‘Aufruf zur Revolte’ schon nicht ganz ernst gemeint, die Einschränkungen schon implantiert gewesen …

     

     

     

    • Bettina Beckröge
      Antworten
      Poesie hat durchaus etwas mit Revolution zu tun. Man muss sie nur richtig deuten. Poesie ist universell und weitblickend. 
      • Sophia
        Antworten
        Nanu – da versteigt sich aber jemand in unbelegte Thesen.

        Es könnte hilfreich sein, sich zuvor mit den drei großen Gattungen,  und im Anschluss den Ausdrucksebenen/Wesensarten der Poesie zu beschäftigen, bevor “man” Behauptungen aufstellt..

        Und was soll der Leser mit einem solchen Satz anfangen: “Man muss sie nur richtig deuten”?

        Beliebigkeiten in der Deutung? Oder gar einzig Wissende und alle anderen haben keine Ahnung?

        Bedenke: Poesie kann auch ein ausschließlich ästhetisches Kunstgebilde sein.

         

        • Bettina Beckröge
          Antworten
          Nicht das, mit dem wir uns NICHT beschäftigen, sondern das, mit dem wir uns INNERLICH AUSEINANDERSETZEN , macht uns zu Revolutionären. Wer sagt denn, dass Poesie und Musik keine revolutionären Anteile enthalten Anteile, die uns mobilisieren anders zu denken und zu empfinden? Poesie und Musik (der Klang der Töne und dessen Wirkung), als Konsumgut vertilgt, bleiben unverstanden. Poesie und Töne verinnerlicht, können hingegen eine Menge bewirken, ebenso die Auseinandersetzung mit der Literatur, Philosophie und Kunst. Sie bewirken die Spiegelung und Reflektion auf das eigene Sein. Die Reflektion auf das eigene Sein bewirkt langfristig eine Bewusstseinsänderung. Genau das ist die Basis einer Revolution. Ohne ein verändertes Bewusstsein hätten die französische Revolution und die russische Oktober Revolution nie stattgefunden. Eine Revolution erwächst nicht aus einer fremd auferlegten Massen-Ideologie, sie kann nur von jedem selbst ausgehen, aus dem Brustton der inneren Überzeugung, dem veränderten Bewusstsein.

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          Wir brauchen heute keine Revolution, wo Köpfe unter der gnadenlosen Guillotine rollen. Gewalt, physische und psychische, wird zu genüge betrieben, und das Gesetz “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, kann keine Revolution gegen die heutigen Missstände sein. Was wir brauchen ist eine subtile Revolution der Unterwanderung des Neoliberalismus, des Faschismus, des Waffenlobbyismus und der von der nackten Ratio, in Zahlen und Gewinnmaximierung geprägten Wirtschaft. Wir brauchen ein gesellschaftlich verändertes Bewusstseins. Dem Einzelnen kann das die Poesie vermitteln. Doch sie bedarf einer inneren Auseinandersetzung, einer Reflektion. Erst dann wird Poesie greifbar und berührt.

          • Sophia
            Antworten auf nicht gestellte Fragen sind keine Antworten, sondern Ausweichmanöver.
          • Palantir
            Also wenn ich das da von Bettina lese – ehrlich – dann fühl ich mich weniger  bewusstseins-erweitert, als ziemlich bewusstseins-erheitert
      • Bescheidenbleiben
        Antworten
        So allgemein kann man das wirklich nicht sagen. Es gibt großartige Poesie, die gleichzeitig reaktionär ist (= “Der Prinz von Homburg” von Kleist zum Beispiel). Es gibt Poesie, die hat bei gutwilligster Hineininterpretierei gar nichts mit Revolution zu tun (= z. B. die “Mondnacht” von Eichendorff). Es gibt Poesie, die keinerlei Weitblick zeigt, übrigens auch nicht muß oder will (= “Plisch und Plum” von Busch zum Beispiel).
    • Piranha
      Antworten
      Lieber Eulenfeder,

      hier habe ich einen Ausschnitt der ndr-Talkshow von 1995 mit Rio Reiser entdeckt.

      Schau mal rein 🙂

    • Piranha
      Antworten
      • eulenfeder
        Antworten
        thx for the link –

        but: still got no ‘loudspeakers’ an meinem Personalcomputer.

        dazu eine Valentinade:

        ” wenn i mein Laudsprecha ned laud macha derf –

           häd i ma glei an Leisesprecha kaufa kena… ”

         

         

         

  • Bettina
    Antworten
    An Sophie, Palantir und “Bescheidenbleiben”,

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    1. Ich habe nie geschrieben, dass Poesie mit Revolution gleichzusetzen ist. Ich bitte euch, meinen text sorgfältig zu lesen, sonst kommt es zu unnötigen Missverständnissen und damit zu unnötigen Diskussionen. Ich denke, Sophie, ich habe klar und deutlich auf deinen Kommentar geantwortet, offensichtlich für dich nicht eindeutig genug, zum Verstehen. Anders kann ich mir deine ungeschickte Formulierung “Ausweichmanöver” nicht erklären. Palantir, wenn du etwas konstruktives zu meinem Kommentar beizutragen hast, bitte immer gern. Ich wollte mit meinem Beitrag bestimmt NICHT zu deiner “Bewusstseinserheiterung” beitragen, dazu ist mir dieses Thema zu wichtig, als dass es der Lächerlichkeit preisgegeben wird.
    “Bescheidenbleiben”, du hast recht, nicht jede Poesie ist gleich revolutionär, wenngleich Wilhelm Buschs Plüsch und Plum Geschichten durchaus revolutionäre Züge tragen :). Ich verweise nur auf den letzten Satz des amüsanten Gedichtes: “Hehe, bemerkte Schlich, das ist fatal, diesmal leider auch für mich”. Das wunderschöne Gedicht “Mondnacht” von Eichendorf hinterlässt beim eintauchenden Leser (Hörer) eine berührende Wirkung, die durchaus die von mir im obigen Text angesprochenen Bewusstseinsänderung bewirken kann. Sicherlich, da gebe ich dir recht, zählt das Gedicht nicht zu den Revolutionsgedichten. Revolutionär wird ein Gedicht dann, wenn es in enem bestimmten Kontext betrachtet wird.

    .

    Ich habe in vorhergehenden Kommentaren viel zum ganzheitlichen Denken geschrieben. Gedichte, Literatur, Philosophie und Musik im Kontext lassen uns vieles besser verstehen. Ein- Gedicht im Kontext betrachtet kann sehr wohl das Bewusstsen schulen und eine Bewusstseinsänderung hervorrufen. Wenn wir das Feld der Kunst aus revolutionärem Gedankengut heraushalten, dann amputieren wir Revolutionsgedanken auf die Ideologie. Das kann es nicht sein.

    .

    Musik & Lyrik, Zeitzeugnisse und historische Reden im Kontext:

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    RAINER MARIA RILKE – Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
    https://youtu.be/S1rxnwQs2aY

    .
    9/11 (World Trade Center)
    https://youtu.be/Db209vjW2yo

    .
    In Gedenken an den 11 September 2001
    https://youtu.be/piLAPq6rt_Q

    .
    NATO-Oberbefehlshaber a.D.: »Heutige US-Kriege 1991 geplant«
    https://youtu.be/cIAtMPt8UE4

    .
    Giftgas und US-Luftschlag – Karin Leukefeld berichtet aus Damaskus
    https://youtu.be/KRIvDT37Opo

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    GÜNTER EICH – Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht

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    Herzlichen Gruß,

    Bettina

    • Piranha
      Antworten
      Hallo Bettina,

      mir scheint, weder Palantir, noch Sophia oder Bescheidenbleiben haben ein Problem anzuerkennen, dass poetisches Gedankengut in Gedichten, Texten und Liedern vorkommt. Also unterstelle es ihnen bitte nicht.

      Weder ein Lied, noch ein Gedicht ist verantwortlich für einen – wie auch immer  gearteten- Kontext; andersrum wird ein Schuh daraus: der Kontext ist verantwortlich für die Entstehung vieler  Texte und Lieder.

      Zum Beispiel entstand das wohl bis heute bekannteste Arbeiterlied: “Die Internationale” unmittelbar nach der Niederschlagung der Pariser Kommune.

      20 Jahre später gab es (ich hoffe, profundere Kenner korrigieren mich wenn nötig) die erste deutsche Version: “Wacht auf, Verdammte dieser Erde…” mit dem Refrain “Völker hört die Signale…”

      Revolutionäre Lieder entstanden aufgrund schlimmer geschichts-aktueller Verhältnisse, wie das Partisanenlied “Bella ciao” Anfang des 20. Jh.

      Klar – wir sollten geschichtliche Zusammenhänge verstehen, um ein Lied deuten zu können. Ich kann Hannes Wader bei seiner Interpretation von “Bella ciao” zuhören und es einfach nur schön finden.

      .

      ” … Bewusstseinsänderung bewirken kann.” Eben: es kann, muss nicht.

      Beachte bitte auch eulenfeders – wie ich meine – kluge Einlassung zum Thema.

      “Ohne ein verändertes Bewusstsein hätten die französische Revolution und die russische Oktober Revolution nie stattgefunden” Das mag als Einzelaussage richtig sein.

      Jedoch: wie kam dieses “veränderte Bewusstsein” zustande?

      Ganz sicher nicht, weil ein Dichter oder Liedermacher zuvor sich seiner ihm eigenen Poesie als Ausdrucksform seiner Gedanken bediente und sie unters Volk brachte.

      Mir scheint, Du verwechselt hier etwas Ursache und Wirkung.

      .

      Ich habe aufgrund von Sophia’s Eintrag ein wenig gestöbert und bin fündig geworden.

      Das Netz bietet reichhaltige Hinweise und Definitionen zum Begriff “Poesie”.

      Der Begriff alleine macht noch keine Aussage dazu ob, und wenn ja, er einen Zusammenhang mit irgendwas hat. Fülle ihn mit Inhalt, um sagen zu können: ‘das oder jenes Gedicht hat für mich etwas mit Revolution zu tun’, oder ob es bei Dir eine Wahrnehmungsänderung bewirkt(e) und Du folglich Dein Handeln veränderst/ verändert hast.

      Eine Verallgemeinerung ist nicht möglich.

      Schöne 1. Adventgrüße,

      P.

       

       

      • Piranha
        Antworten
        Ach du Schreck – ein Fehler:

        “… poetisches Gedankengut in Gedichten, Texten und Liedern…”

        Es soll natürlich heißen: dass revolutionäres Gedankengut … in Texten … vorkommen kann.

    • Palantir
      Antworten
      Heiterkeit hat mit Lächerlichkeit soviel zu tun wie Humor mit Sarkasmus – also mal nicht so superempfindlich bitte.

      Wo hat denn dem Wilhelm Busch sein Plüsch (es heißt übrigens Plisch) und Plum revolutionäre Züge???

      Wo ist denn da der revolutionäre Kontex???

      Aber bitte: kannst gern alles so zurechtbiegen, wie es dir in den Kram passt. Was juckt es mich denn.

       

  • eulenfeder
    Antworten
    …ein ziemlich überflüssiger Diskurs darüber, ob Poesie und Revolution zusammenhingen oder nicht.

    ein ‘revolutionäres’ Gedicht kann eine ganz Neue Art des Dichtens allein schon sein –

    ein Gedicht zur oder über Revolution wird auf einem anderen Blatt geschrieben.

    Der ‘poetische’ Gedanke über Revolution handelt wohl von Revolution, ist jedoch nicht der ‘Brandsatz’ für die Revolution, auch wenn er poetisch eine ‘Brandrede’ sein kann, wenngleich es dann bei Poesie bliebe.

    Die tatsächliche Revolution dann – braucht die Tat ! Die blanke Friedlichkeit wäre durch sie schon durchbrochen.

    Poesie und Lyrik, wenn die Revolution das Thema – bleiben Lyrik und Poesie.

     

     

     

     

     

     

  • eulenfeder
    Antworten
    …aber freilich gibt es auch ‘Echte’ Revolutionsgedichte, so wie es Revolutionslieder und Gesänge gibt. Solche sind dann inhaltlich und ‘wörtlich’ schon radikal für die Revolution  gestaltet.

    Als Beispiel mal hier ein ‘Echtes’ Revolutionsgedicht aus meiner Feder:

    ” Schäuble zu verhaften

    und in den Kerker wohlverdient

    für immer zu verfrachten

    für Viele doch

    ein Leichtes wär.

    Doch Manche

    das Gewissen zwickt

    wenn Von-der-Leyen gar

    man dann in Ketten legt.

    Doch zaudert nicht

    so geb ich euch

    als Revoluzzer diesen Rat

    bei Beiden wärs

    am Ende dann

    doch eine gute Tat !

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    man dann in Ketten legt.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Bettina
    Antworten

    „…mir scheint, weder Palantir, noch Sophia oder Bescheidenbleiben haben ein Problem anzuerkennen, dass poetisches Gedankengut in Gedichten, Texten und Liedern vorkommt. Also unterstelle es ihnen bitte nicht.“

    .

    An Piranha:

    Alles, was ich als Antworten geschrieben habe war wohl überlegt und begründet. Ich brauche keine Einmischungen, die inhaltlich nicht das wiedergeben, was ich argumentiert habe. Ich bitte dich, Piranha, mir keine fremden Worte in den Mund zu legen und meine Worte nicht zu verdrehen. Ich denke, du verstehst, was ich meine.

    .

    „Jedoch: wie kam dieses „veränderte Bewusstsein“ zustande?
    Ganz sicher nicht, weil ein Dichter oder Liedermacher zuvor sich seiner ihm eigenen Poesie als Ausdrucksform seiner Gedanken bediente und sie unters Volk brachte.“

    .

    An Alle:

    .

    Die Bedeutung der Kunst, Lyrik und Musik als gesellschaftliche Bewusstseinsbildung

    .

    Man beachte bitte meine obigen Einlassungen zum Thema und lese bitte meine Stellungnahmen vollständig und richtig. Richtig ist, dass ich von einer erforderlichen Bewusstseinsveränderung geschrieben habe. Richtig ist, dass ich eine heutige Revolution von der russischen Oktoberrevolution und der französischen Revolution klar abgegrenzt habe. Ich habe eindeutig geschrieben, dass eine Revolution nach meiner Sichtweise nicht unter rollenden Köpfen stattfinden darf. Mit den Worten trenne ich mich eindeutig von jeglichen Formen an Gewalt. Jeder Stein, der fliegt, ist ein Stein zu viel, weil er jemanden treffen und verletzen könnte. Gewaltlosigkeit ist ein Muss für eine Revolution, möchte man sich nicht mit denen, gegen die man revoltiert, auf eine Stufe stellen. Mit Gewaltformen bei Demonstrationen zur Durchsetzung unserer Ziele entheben wir uns unserer Glaubwürdigkeit. Wir tun im dem Augenblick nichts anderes, als die, gegen die wir aufbegehren. In diesem Punkt werde ich mit Eulenfeder nie auf einen Nenner kommen, was aber auch nicht mein Bestreben ist. In dem Kontext gesehen habe ich in meiner obigen Stellungnahme gegen das alttestamentarische Sprichwort „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ argumentiert. Für eine gesellschaftliche Veränderung und Revolution in der heutigen Zeit sollten die friedlichen Aussagen aus der Bergpredigt des Neuen Testamentes das Fundament bilden, möchte man irgendwann auch ein Ziel erreichen können.

    .

    Ich habe in meinen obigen Stellungnahmen stets von der HEUTIGEN Notwendigkeit einer Bewusstseinsbildung gesprochen. Eine heutige Revolution sehe ich nicht wurzeln aus der französischen Revolution oder der russischen Oktoberrevolution. Die Französische Revolution resultierte aus dem massenhaften Hunger, der Rechtlosigkeit und der Unterdrückung der französischen Bauern. Heute sieht die Ausgangssituation anders aus, es lässt sich nur schwer mit der heutigen Ausgangssituation vergleichen. Die Gesellschaftsstrukturen sind anders, und die gesellschaftliche Akzeptanz zum Handeln, Zeit zu investieren, aus freien Stücken heraus, ohne Garantie auf Erfolg, lässt heute zu wünschen übrig. Für eine gesellschaftliche Veränderung reicht es nicht aus, mal eben, kurz entschlossen, aus Frust heraus nach Berlin zu marschieren. Damit erreicht man nichts. Warum? Weil diese Aktionen von den Politikern gar nicht wahrgenommen werden, weil des Volkes Stimme nur als große, gut organisierte, und gut vernetzte Gruppe etwas bewirken kann. Alles andere geht im politischen Tagesgeschehen unter. Eine Revolution benötigt viele Menschen wie Mosaiksteinchen aus Einzelnen, Menschengruppen, Aktionsbündnissen, Künstlern, Philosophen und politisch Engagierten, die anders denken und anders handeln, als der angepasste Mensch im Getriebe.

    „Seid Sand im Getriebe“, so endet das Gedicht von Günter Eich
    „Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht“.
    https://youtu.be/ygtF1gT62Qc

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    Eine Revolution lässt sich nicht vom einzelnen Schreibtisch aus entfachen. An diesem Punkt übernehmen Künstler, Autoren, kritische Journalisten, Lyriker, Philosophen, Musiker und Liedermacher eine wichtige Funktion. Sie tragen eine Bewusstseinsveränderung in der Bevölkerung. Für die Liedermacher sind die Bühnen die Orte, die Lyrik ihr Medium, mit denen sie das Verständnis von gesellschaftlich notwendiger Veränderung an ein breites Publikum tragen. Möglicherweise gehen 100 % des Publikums beseelt nach einem Konstantin Wecker Konzert nach Hause, sich verändern, und aktiv werden infolge eines Konzertes aber vielleicht nur 50%. Darum ist die breitgefächerte Streuung dieser Art von Konzerten so wichtig als Basis für eine gesellschaftliche Bewegung. Ein weiteres wichtiges Instrumentarium für gesellschaftliche Veränderung sind Aktionsbündnisse, die wiederum untereinander vernetzt sind. Jede Friedensdemonstration, jede politische Kundgebung jede Anti- AKW- Demo wird im Vorfeld geleitet von unterschiedlichen Aktionsbündnissen.
    Ich habe in meinen obigen Stellungnahmen von der Bedeutung der Kunst in der Revolution geschrieben und verwendete in dem Zusammenhang den Begriff der Amputation im Falle einer kunst- und kulturentkoppelten, rein nach ideologischen Gesichtspunkten orientierten Revolution. Als Verdeutlichung meiner Worte verlinke ich ein Video eines Konzertes von Mikis Theodorakis, das als erstes großes Konzert nach der langen Zeit der Militärdiktatur und der anschließenden Verjagung der Obristen in Athen 1974 mit über 50.000 Konzertbesuchern stattgefunden hat. Man sieht es den Konzertaufnahmen und den Interviews an, wie wichtig die Musik und Lyrik von Mikis Theodorakis in der Zeit der Militärdiktatur für die Bevölkerung war. Die Musik und die Lyrik von Mikis Theodorakis waren wie ein Strohhalm für die GriechInnen, an dem sie sich in Stunden ihrer Verzweiflung festhalten konnten, an das sie glauben konnten, das ihnen Mut machte, durchzuhalten.

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    Mikis Theodorakis 1974 Ausschnitte aus dem Konzert im Karaiskakis Stadion Athen 1 3
    https://youtu.be/m7ODvjf13bI
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    Als kleine Zugabe, anbei meine kleine Kurzgeschichte:

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    Vorwort:
    Warum eine Revolution heute nicht mehr wegzudenken ist. Die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung möchte ich anhand meiner frei erfundenen Kurzgeschichte, die unser politisch bestimmtes Gesellschaftssystem widerspiegelt, verdeutlichen. Der Titel ist gewählt in Anlehnung an den unvergesslichen Film „Das Boot“. Das Boot symbolisiert in meiner Kurzgeschichte charakteristische Merkmale unserer Gesellschaft.

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    Das Boot

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    1.: Die Akteure: Der Kapitän, der Maschinist und Heiner Braun (freie Namenserfindung)

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    Der Kapitän sitzt oben, das ist ihm so bestimmt. Er sitzt immer oben, er hat es immer so getan und wird es auch weiterhin so tun. Seine Position wurde ihm einst in die Wiege gelegt von seinem Vater, Großvater und Urgroßvater. Er ist die nicht in Frage zu stellende Autorität am Oberdeck des Steuers.

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    Der Maschinist sitzt unten, das ist ihm so bestimmt. Das war schon immer so und wird auch weiterhin so bleiben. Seine Position wurde ihm einst einverleibt und weitervererbt. Generationen seiner Väter, Großväter und Urgroßväter haben ihr Leben lang die Position als Maschinisten gewissenhaft eingenommen und sich nie darüber beschwert. Als Maschinist arbeitet unter Deck, am Rumpf des Schiffes und hält gehorsam, unter strikter Einhaltung aller Vorschriften, das Schiff in Fahrt.

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    Heiner Braun sitzt außen vor und betrachtet das Weltgeschehen aus knopfsicherer Distanz. Ihn interessiert das politische Geschehen drumherum nur insoweit, wie er selbst betroffen ist. Er hat sein Leben arrangiert mit seinem bequemen Sofa, seinem Fernseher, seiner Stammkneipe und seinen trinkfesten Brüdern. Sofern keine Störungen in seinen geregelten Tagesablauf eintreten, ist alles gut. Gern versteht er sich als überzeugter Patriot, als Urdeutscher, als Deutscher, der es verdient hat, ein Deutscher zu sein. Ein bequemes Auskommen, ein Leben in geregelten Bahnen, dann und wann mit seinen Trinkbrüdern im Gleichschritt marschierend, die rechte Hand demonstrativ zum nationalen Gruß erhoben, beizeiten für eine Nacht ein ordentliches Weib mit blondem Haar, üppigem Busen und kräftigen Schenkeln aus der Spelunke von nebenan nach Hause geschleppt, mehr bedarf es für ihn nicht zum Leben.

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    Jeder füllt seinen Platz aus, so, wie es das politische Gesellschaftssystem vorsieht. Das System war schon immer so und wird auch weiterhin so bleiben. Es hat sich im Laufe der Jahrhunderte manifestiert, als Bollwerk einer hierarchisch aufgestellten, gesellschaftlichen Pyramidenstruktur.

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    2.: Die Handlung

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    Bislang lief alles im Lot. Die Arbeiter auf dem Boot taten pflichtbewusst, unter Aufopferung all ihrer Kräfte ihre Arbeit an Bord, harte Knochenarbeit, die sie abends müde und erschöpft in einen traumlosen Schlaf fallen ließ. Dann und fiel abends in der Kajüte, kurz vor dem Einschlafen ein sehnsüchtiger Blick auf das eine Erinnerungsfoto an die zurückgelassene Geliebten oder die Familie im fernen Heimatland, dann und wann rollte abends verstohlen eine Träne der Sehnsucht und Trauer über die hohle Wange eines der von der harten Arbeit gegerbten Gesichter. Bis heute lief alles reibungslos und ruhig ab. Der Kapitän gab seine Kommandos, und alle Arbeiter parierten wie am Schnürchen.
    Mit dem heutigen Tag verknotet sich unversehens die Schnur, Knoten, die nicht mehr zu lösen sind.

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    Sonntag, 03. Dezember:
    Wutschnaubend steht der Kapitän auf der Kommandobrücke. Zufällig hatte er soeben bei einem seiner üblichen Kontrollgänge ein leises Gespräch in einer Kajüte mitbekommen. Keiner der Arbeiter hat ihn bemerkt. Eine kleine Gruppe an Schiffsarbeitern diskutierten in hitziger Diskussion über die miserablen Arbeitsbedingungen an Bord, über die schwere körperliche Arbeit in absoluter Enge bei stickiger, vollkommen überhitzter Staubluft, ohne ausreichende Ruhepausen, ohne ausreichende Ernährung bei unzureichender Lohnzahlung, die nicht zum Überleben reicht, so vernahm der Kapitän durch die geschlossene Tür die Beschwerden der erhitzten Arbeitergemüter. Eine knisternd meuternde Stimmung lag in der Luft. Der Maschinist, offensichtlich der Rädelsführer der Schiffsarbeiter, gab kund, dass er gewillt sei, seine Arbeit als Maschinist zu beenden. Eine letzte Fahrt noch, dann wolle er das Schiff verlassen.  Beipflichtendes Gemurmel und zustimmendes Klopfen durchströmen den Raum der knisternden Stille.

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    Diese Worte aus sicherer Distanz vernommen, gehen an die Substanz des Kapitäns. Seine Position als Instanz, der es pflichtbewusst zu folgen galt, droht mit solchen Worten untergraben zu werden. Entsetzen beim Kapitän, im nächsten Augenblick blindwütiger Zorn. Seine Position als Führungsinstanz, einst ihm in die Wiege gelegt, darf auf keinen Fall ins Wanken geraten, seine Autorität nie in Frage gestellt werden. Er ist Kapitän an Bord, er führt das Steuer und die Geschicke. Jegliche Formen von Widerstand gelten als Untergrabung seiner Autorität und Macht. Wutschnaubend kehrt der Kapitän zu seinem Platz an Oberdeck der Kommandobrücke zurück. Laut ertönt aus seinem Mund die klare Anweisung: „Volle Kraft voraus!“

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    Eiligst verbreitet der Bootsmann die Befehlsanordnung über das Schiff. Erster und zweiter Steuermann werden unvermittelt in Kenntnis gesetzt, die ihrerseits im Laufschritt durch die engen Gänge rennend den Befehl des Kapitäns an alle Crewmitglieder des Bootes ausrufen. Ein betriebsames Eilen folgt. Alle Crewmitglieder verlassen rasch ihre Kajüte und begeben sich unversehens an ihren vorgesehenen Platz und übernehmen all die notwendigen Handgriffe, die sie im Schlaf beherrschen. Keiner kommt auf die Idee zu fragen, warum im frühen Morgengrauen, kaum die Hand vor Augen erkennend, das Schiff volle Kraft vorausfahren soll. Die Arbeiter sind es gewohnt zu arbeiten, ohne zu hinterfragen. Das hat man ihnen lange genug eingetrichtert. Der Maschinist quetscht sich auf seinen kleinen Schemel am stickigen Platz am untersten Rumpf des Schiffes und feuert die Maschinen schaufelweise mit Kohlen an. Das Schiff gewinnt unter den stampfenden Turbinen an Fahrt, schnell und immer schneller, bis es zum Schluss volle Kraft vorausfährt. Schweiß steht dem Maschinisten auf der Stirn, er gibt, alles, was er kann. Wild lodert das Feuer in der Brennkammer des Schiffes auf. Mit wütenden, weiß aufwirbelnden Schaumflocken, den Bug des Schiffes zerschneidend peitscht das Boot im frühen Morgengrauen durch die aufgewühlten Wogen des Meeres. Befehlsgetreu hält der erste Steuermann Kurs auf Riff. „Es ist schon in Ordnung, es bestimmt wer regiert“.
    Mit glasigen, weit aufgerissenen Augen, versteinernden Lippen und blindwütigem Gesicht stiert der Kapitän auf die sich rasch nähernden hoch aufgetürmten braungrauen Felsenberge. Rache, das ist sein einziger Gedanke, Rache an seiner undankbaren, meuternden Arbeitercrew, speziell an dem revoltierenden Maschinisten.

    Unter lautem Gestampfe der Turbinen durchpeitscht das Schiff in voller Fahrt die unruhigen Wogen des Meeres. Sekunden späte, ein lauter Knall, ein berstendes Krächzen, ein stöhnendes Knarzen… Seitlich reißt der Schiffsrumpf in voller Länge auf, wie ein glatter Sägeschnitt. Es folgt ein ohrenbetäubendes Rauschen. Wassermassen überfluten das Boot und drängen in alle Räume, vom Ober- bis zum Unterdeck, in alle Ritzen und Winkel. Ein entsetztes Schreien und Rufen der Männer. Sie werden von den Wassermassen überspült und in den eisigen Fluten davongetragen. Das Boot gerät in eine gefährliche Schieflage. Ein letztes verzweifeltes Aufbäumen, die Nase des Bugs steil in die Höhe gereckt, schnellt das Boot blitzschnell senkrecht nach oben, um Sekunden später mit der gesamten Mannschaft an Bord unter schmerzendem Ächzen und lautem Wehklagen in dem Sog des Meeres zu versinken. Noch eine kräftige Welle auf der Wasseroberfläche, und schon schließt sich das Meer wieder zusammen und begräbt den sinkenden Koloss unter sich. Grabesstille.

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    3.: Szenenwechsel

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    Heiner Braun lümmelt sich, Füße hochliegend, Bier trinkend und gleichzeitig Chips kauend bequem auf seinem durchgesessenen Sofa. Er klickt mit seiner Fernbedienung wahllos in ein Fernsehprogramm: „Berichte aus aller Welt“.

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    „Heute früh ist kurz vor Rotterdam erneut ein schwer beladenes Boot gekentert‘, schnarrt es aus dem Bildschirm. ‚Zahlreiche Tote sind zu beklagen, über fünfzig Crewmitglieder und der Maschinist. Der Kapitän und sein erster Steuermann sind wie durch ein Wunder mit dem Schrecken davongekommen. Das Boot ist auf dem Weg von Südafrika nach Hamburg aus noch ungeklärter Ursache kurz vor Rotterdam auf Riff gelaufen. Es ist das dritte ungeklärte große Bootsunglück innerhalb von nur einer Woche.“

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    Heiner schaut angewidert zur Seite und murmelt vor sich hin: „Was geht mich das Pack an ausländischen Arbeitern an? Erst kommen sie in unser Land, nehmen uns unsere Arbeit weg, und dann klauen sie uns auch noch unsere Frauen! Sollen sie doch ertrinken. Gelangweilt schaltet er seinen Fernseher auf einen anderen Kanal um: Sportschau, Fußball, Deutschland gegen die Türkei. Noch ein kurzer zufriedener Rülpser, die ausgetretenen Springerstiefel übereinander geschlagen auf den Glascouchtisch gelegt, öffnet Heiner mit seinem Feuerzeug die Bierflasche. Klackernd fällt der Kronkorken auf den braunen schmuddeligen Fliesenboden und rollt unter das fransenumsäumte, khakifarbige Sofa.
    „Tooor! Sieg!!! Die deutsche Mannschaft hat gewonnen!!! Deutschland ist Weltmeister!!! “ ertönt es aus dem Fernseher. „Tooor!!!“ brüllt Heiner grölend durch den Raum, springt vor Begeisterung auf und trinkt sein Bier in einem Zuge aus. „Geht doch“, brüllt er mit Inbrunst der Überzeugung, „da haben die dummen Kanacken aus der Türkei endlich mal einen auf die Nuss bekommen.“ Stolz rülpsend fläzt er sich wieder in sein schmuddeliges, durchgesessenes Sofa und murmelt zufrieden vor sich hin: „Jetzt sind wir endlich wer. Wir sind Gold.“
    (Co: Bettina Beckröge)

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    4.: Nachklang:

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    Als Nachklang an die wirkliche Geschichte, anbei Filmausschnitte mit Originalfilmschauplätzen aus Frankreich, La Rochelle, zum unvergesslichen Film „Das Boot“, begleitet vom Soundtrack von Klaus Doldinger.
    https://youtu.be/Qxx_heoUO-U

    • Piranha
      Antworten
      „…mir scheint, weder Palantir, noch Sophia oder Bescheidenbleiben haben ein Problem anzuerkennen, dass poetisches Gedankengut in Gedichten, Texten und Liedern vorkommt. Also unterstelle es ihnen bitte nicht.

      Hierzu hast du leider meine  unmittelbar erfolgte Korrektur übersehen. Aber ok, macht nichts.

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      “… mir keine fremden Worte in den Mund zu legen und meine Worte nicht zu verdrehen. Ich denke, du verstehst, was ich meine.”

      Nein, tut mir leid, das weiß ich nicht!

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      Im Übrigen meine ich, dass jede/r Kommentierende Rede und Gegenrede aushalten können muss, also das, was du als “Einmischung” bezeichnest.  Die du dir verbittest? Das wird schwerlich möglich sein; wir sind hier in einem öffentlich zugänglichen Web-Magazin. Hier darf jede/r schreiben, was er will, solange es den hier gültigen Regeln entspricht.

      .

      An Streitereien habe ich keinerlei Interesse.

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      Schöne Woche,

      P.

       

       

  • eulenfeder
    Antworten
    “Miezel, eine schlaue Katze

    Molly, ein begabter Hund

    wohnhaft an demselben Platze

    Haßten sich aus Herzensgrund.

    Schon der Ausdruck ihrer Mienen

    Bei gesträubter Haarfrisur

    Zeigt es deutlich: zwischen ihnen

    Ist von Liebe keine Spur… ”

     

    Wilhelm Busch war ein Revoluzzer – das kann kaum bestritten werden

    revolutionär seine Art und Kunst, vor allem der erste Comiczeichner ( hier, in Japan jahrtausende alte Tradition ) und seine Art die Gesellschaft auf die Schippe zu nehmen, bloßzustellen.

    Vor allem die Münchner Schickeria hat ihn derart angekotzt, dass er das Studium vernachlässigte und sein bischen Geld versoff.

    Ein Freigeist auch, ein Rebell.

    Eine Revolution anzuzetteln jedoch, war nicht sein Bestreben – also wunderbare Poesie sein Werk, die Kritik in köstlichen Humor ( auch Sarkasmus ) verpackt .

     

     

     

  • Sophia
    Antworten
    Wenn ich den ganzen Gesprächsverlauf hier nachlese, will ich Sie, Bettina ermuntern, Ihre Geschichten einem Verlag anzubieten. Aus Ihrer Sicht gibt es offenbar keine Expertise hier, die Sie respektieren können.

    Good luck

     

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