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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Roland Rottenfußer</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Die unbekannte Wahrheit hinter den Worten</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 10:06:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Anne Ziegler-Weispfennig gründete mit Autisten eine Theatergruppe. Das bedeutete, mit den Eigenheiten dieser besonderen «Stars» umgehen zu lernen. Die Erfolge jedenfalls bringen Publikum wie Kritiker zum Staunen. (Roland Rottenfußer) Autisten und Theater – das scheint nicht so recht zu passen. Theater, das heisst lebhafte Kommunikation: mit Gesten, Blicken und Betonung. Es bedeutet Einfühlung in das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/CIMG2055.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/CIMG2055-300x225.jpg" alt="" title="CIMG2055" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-7750" /></a>Anne Ziegler-Weispfennig gründete mit Autisten eine Theatergruppe. Das bedeutete, mit den Eigenheiten dieser besonderen «Stars» umgehen zu lernen. Die Erfolge jedenfalls bringen Publikum wie Kritiker zum Staunen. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7748"></span></p>
<p>Autisten und Theater – das scheint nicht so recht zu passen. Theater, das heisst lebhafte Kommunikation: mit Gesten, Blicken und Betonung. Es bedeutet Einfühlung in das Schicksal eines Fremden (einer Bühnenfigur). Und nicht zuletzt auch Textverständnis, wozu die korrekte Interpretation von Ironie und Doppelbedeutungen zählt. Unwillkürlich muss man daran denken, wie berühmte Schauspieler Autisten dargestellt haben: etwa Dustin Hoffman in «Rain Man». </p>
<p>Fest steht, dass die Münchner Theatergruppe «Phoenix aus der Asche», bis letztes Jahr  bestehend aus neun Autisten, ihren Zuschauern immer wieder unvergessliche Kulturerlebnisse bereitete. Zum Beispiel mit einer Aufführung des Stücks «Das Tagebuch der Anne Frank» im Jahr 2004. Kritiker Alexander Kinsky jubelte damals: «Die Beklemmung war spürbar in jeder Nuance dieser so grausam endenden Geschichte der Anne Frank. Kluge inszenatorische Einfälle geben der grossartigen Theaterstunde Impulse.» Auch der Theaterdichter Franz Xaver Kroetz, dessen Stück «Wildwechsel» die Truppe aufführte, zeigte sich bei Probenbesuchen beeindruckt. «Wie diese Leute mit Sprache umgehen, wie sie den Text umsetzen, das ist faszinierend.»</p>
<p><strong>Man kann es als «Theaterwunder» preisen</strong> – oder schlicht als Zeichen dafür, dass autistische Menschen chronisch unterschätzt werden. Alles begann 1998 mit einem Gespräch zwischen der Mutter eines autistischen jungen Mannes und Anne Ziegler-Weispfennig. Die war zuvor 30 Jahre Theaterpädagogin beim Kreisjugendring München gewesen und gerade in «Rente» gegangen. Sie stand zu dieser Zeit mit einem Kästnerprogramm auf der Münchner Kleinkunstbühne «Unterton». Dessen Leiter Jörg Maurer nahm die Gruppe auf. Anne ist heute 73 Jahre alt und von ansteckender Begeisterungsfähigkeit. Sie gehörte zu den Mitbegründern  der Theaterpädagogik in München, hat selbst Schauspiel- und Regieerfahrung. Annes Vater  wurde als Antifaschist von den Nazis verfolgt, konnte nach Kriegsende aber seine Kulturarbeit fortsetzen.</p>
<p>Als ihr vor 13 Jahren angeboten wurde, mit autistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu arbeiten, hatte sie noch keine Ahnung von dieser Behinderung. Trotzdem war sie schon nach der ersten Begegnung mit fünf autistischen, theaterbegeisterten Jugendlichen sehr neugierig geworden. Es war sofort Sympathie im Spiel, aber auch Ängstlichkeit auf Seiten ihrer Gesprächspartner. Vielleicht war es gut, dass Anne den Autisten ohne Vorinformationen begegnete. Sie versuchte, dem Handicap nicht zu viel Gewicht bei ihrer Theaterarbeit zu geben. «Mensch ist Mensch, ob er ein schiefes Bein hat oder einen Redezwang. Ich muss ja auch mit meinen Ecken und Kanten angenommen werden.»</p>
<p><strong>Bei dieser Arbeit standen nie die Defizite im Vordergrund</strong>, sondern Interesse und Begabung der Teilnehmer. Trotzdem war es natürlich notwendig, «die autistisch bedingten Schwierigkeiten zu beachten.» Dazu gehören eine ungewöhnliche Diktion sowie Probleme, einen Text zu lernen. Anne erlaubte den Jugendlichen daher zunächst, ihre Textbücher in der Hand zu behalten. Bildliche Sprache kann von Menschen mit dieser Behinderung nicht immer verstanden werden. Einem berufstätigen Spieler sagte sein Chef wegen eines kleinen Fehlers, er werde morgen ganz schön «im Regen stehen». Der junge Mann nahm es wörtlich und dachte, er werde einen Schirm brauchen. Solche Missverständnisse mussten von der Spielleiterin mit Geduld und Ernsthaftigkeit ausgeräumt werden. Auch ihre engagierten MitarbeiterInnen, allen voran Renate Groß und Dr. Pipa leisteten Enormes.</p>
<p>Für Autisten ist es besonders wichtig, dass Bewegungen, Sprechen und der Umgang mit Requisiten genau erklärt wird: «Ich nehme ein Glas in die Hand, schaue meinen Partner an und ihm dabei fest in die Augen. Dann beginne ich das Spiel, immer noch das Glas in der Hand und setze es am Ende des Textes ab.» Sich auf solche Regieanweisungen zu konzentrieren, stell für Autisten eine enorme Konzentrationsleistung dar. Die Mitglieder von «Phoenix aus der Asche» bewältigten sie am Ende aber mit Bravour. Auch der Satz eines Berichterstatters wurde drei Jahre nach Gründung der Truppe wahr: «Irgendwann schmeissen sie die Bücher auch noch weg». Sogar mit ihrer Scheu vor körperlichen Berührungen lernten die Schauspieler/innen umzugehen.</p>
<p><strong>Die Auswahl der Stücke ist bei dieser besonderen Zielgruppe wichtig.</strong> Sehr lange Texte  sind nicht geeignet. Durch die feinfühlige Arbeit von Anne Ziegler-Weispfennig konnten im Theater sogar Themen angesprochen werden, von denen die Teilnehmer persönlich betroffen waren. Die Auswahl des Stücks «Das Tagebuch der Anne Frank» war z.B. Anlass für lebhafte Diskussionen. Gerade für diese Aufführung erhielt die Gruppe aber den «Stern des Jahres» der Münchner Abendzeitung. Die Auszeichnung galt auch ihrem Mut, sich als Behinderte solchen Themen zu stellen. Es ist ja bekannt, dass auch Menschen mit Handicap in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. In der offen geführten Diskussion legten sie die Angst vor der Auseinandersetzung mit diesem Thema ab.</p>
<p>Die Spielfreude und die Leistungsbereitschaft der Teilnehmer waren während des ganzen Prozesses spürbar. Eine enorme Leistung war es für die Autisten, oft Einzelgänger, «sich dem Partner gegenüber solidarisch zu verhalten». Z.B. indem sie pünktlich und bemüht waren, sich ihre Stellungen und Stichworte auf der Bühne zu merken. Auch menschlich machten die Mitglieder der Theatertruppe während dieser 13 Jahre einen enormen Entwicklungsprozess durch. Therapie stand aber nie im Vordergrund, ergab sich quasi nebenbei. «Es ist gut, wenn die Pädagogik in die Inszenierung eines Stücks einfliesst, nicht umgekehrt.» Gerade dadurch fühlten sich die Mitspieler ernst genommen und konnten die Arbeit sichtlich geniessen.</p>
<p><strong>Wie alle Schauspieler lebt auch diese Theatertruppe für den Applaus. </strong>«Denn genau durch diese grosse Herausforderung und den dann mit der Premiere erlebten Erfolg wird der eigentliche therapeutische Effekt erzielt.» Und der Erfolg ist der Gruppe treu geblieben, über 13 Jahre und in etwa 35 Aufführungen. Manchem Besucher dämmerte es, dass die Autisten,  dem Theater eine ganz eigene, faszinierende Färbung mitgaben. Friedrich Ani, Autor des von den «Phönixen» aufgeführten Stücks «Wie Licht schmeckt», staunte jedenfalls: «Es ist, als tauche plötzlich eine grosse, unbekannte Wahrheit hinter meinen Worten auf.» Ein Wermutstropfen zum Schluss: Anne Ziegler-Weispfennig beendet demnächst ihre spannende Arbeit, um selbst wieder mehr auf der Bühne zu stehen.</p>
<p>(Erstveröffentlichung dieses Artikel im Schweizer «Zeitpunkt», www.zeitpunkt.ch</p>
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		<title>Eins in den Kochtopf, eins in den Müll …</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 08:58:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt/Natur]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Hälfte der produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Wie immer ist Geldgier eine Ursache des Skandals. Aber auch mangelnde Achtung vor Nahrung und eine zu geschmäcklerische Einstellung der Verbraucher. (Roland Rottenfußer) Stellen wir uns zwei Schweine in einem Großschlachtbetrieb vor. Nennen wir sie „Dicky“ und „Micky“. Beide führten ein elendes Leben in Enge und Gestank, vollgepumpt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/Biomuell.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/Biomuell-150x150.jpg" alt="" title="Biomuell" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-7685" /></a>Die Hälfte der produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Wie immer ist Geldgier eine Ursache des Skandals. Aber auch mangelnde Achtung vor Nahrung und eine zu geschmäcklerische Einstellung der Verbraucher. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7684"></span></p>
<p>Stellen wir uns zwei Schweine in einem Großschlachtbetrieb vor. Nennen wir sie „Dicky“ und „Micky“. Beide führten ein elendes Leben in Enge und Gestank, vollgepumpt mit Hormonen und Tranquilizern. Anschließend starben beide einen elenden Tod. Der Unterschied: Dicky starb für den Gaumenkitzel mehrerer Gäste einer Haxenbraterei; Micky dagegen starb umsonst. Sein Fleisch wurde nach der Schlachtung weggeworfen.</p>
<p>Das Beispiel ist fiktiv, aber realitätsnah. Valentin Thurn, Regisseur des schockierenden Dokumentarfilms „Taste the Waste“ hat ausgerechnet, dass rund die Hälfte aller auf der Erde produzierten Lebensmittel im Müll landen. Allein in Deutschland sind das 20 Millionen Tonnen Lebensmittel. Das Essen, das in Europa weggeworfen wird, würde zweimal reichen, um den Welthunger zu beenden. Was bedeutet das, übertragen auf das Thema Fleisch? Allein in Deutschland werden jährlich ca. 1,1 Milliarden Tiere verzehrt. Wenn jedes zweite davon umsonst gestorben ist, ergibt das 550 Millionen. Auch der enorme Bodenverbrauch durch Tier- und Tierfutterwirtschaft sowie die Umweltbelastung durch Fäkalien wären demnach zur Hälfte „für die Katz“.</p>
<p>Die Vergeudung von Lebensmitteln betrifft alle Verwertungsschritte vom Anbau bis zum Endverbrauch. Kartoffeln bleiben massenweise auf dem Acker liegen, in verwilderten Gärten verschimmelt unbemerkt Fallobst, jeder zwei Salatkopf wird aussortiert, bevor er in die Läden kommt. Ursache ist oft ein übertriebener Perfektionsdrang, der Trend zur makellosen Normkartoffel. Dafür sind Kunden mit verantwortlich. Hat ein Apfel die geringste Macke, bleibt er im Regal liegen – aber nur, weil die Supermärkte stets ein Überangebot feilbieten. Es sieht einfach besser aus, wenn eine Auslage lückenlos mit leuchtenden Zitronen bedeckt ist. Besonders schlimm ist die Verschwendung beim Brot: Supermarktbäckereien wollen ihren Kunden bis Ladenschluss das gesamte Sortiment ofenfrisch bieten. Was nicht gekauft wird, ist für den Müll – etwa jedes fünfte Brot.</p>
<p>In den Abfallcontainern der Supermärkte findet man ganze Paletten bester Lebensmittel mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. In den Regalen muss Platz geschaffen werden für Neues. Auch wird das Haltbarkeitsdatum systematisch zu früh angesetzt. Die Hersteller wollen sich für den (unwahrscheinlichen) Fall absichern, dass Kunden sie wegen verdorbener Ware verklagen. Außerdem: Umsätze werden gemacht, wenn viel gekauft, nicht wenn viel gegessen wird. Viele Verbraucher tragen zu dem Skandal bei, indem sie sich wie verwöhnte Kinder benehmen: Sie möchten jederzeit auf eine große Auswahl von Produkten zugreifen können. „Wie soll ich heute wissen, was ich morgen mögen werde?“ Also hat von man von allem etwas da, und vieles vergammelt im Kühlschrank.</p>
<p>Die Verschwendung ist kein Kavaliersdelikt mehr: Ein Drittel der Treibhausgase werden durch die Landwirtschaft ausgestoßen. Auch ihr Anteil am Wasser- und Energieverbrauch ist enorm. Für Weideflächen wird Regenwald gerodet. Würden wir all das für Nahrung in Kauf nehmen, die wir wirklich brauchen, wäre es nachvollziehbar. All diese Verwüstungen, um dann die Hälfte wegzuwerfen, ist jedoch absurd. „Mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung“ schreibt der Ernährungsexperte der UN, Jean Ziegler. Nicht nur Schwein Micky muss sich also fragen, wofür es gestorben ist. Es hat allerdings wenig Sinn, wenn der Endverbraucher sorgsam mit Lebensmitteln umgehen, die nicht gekauften Waren jedoch stattdessen auf Großdeponien der Supermärkte landen. Neben einem Umdenken „aller“ ist auch der Gesetzgeber gefragt, entsprechende Weichen zu stellen.</p>
<p>Film:<br />
Valentin Thurn: Taste the Waste. Lighthouse Home Entertainment. Erscheint im März 2012 auf DVD, 91 min., Fr. …/ Euro 17.99</p>
<p>Buch:<br />
Stefan Kreutzberger, Valentin Thurn: Die Essensvernichter. Kiepenhauer &#038; Witsch 2011, 304 Seiten, Fr. …/ Euro 16,99</p>
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		<title>«Der Schrei der Armen»</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 09:37:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7648" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7648" title="leonardo_boff590" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Leonardo Boff</p></div>
<p>Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. Jahrhunderts wieder auf. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7647"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Christus geht im Poncho einher“, lautet einer der Wahlsprüche der Basiskirchen im Norden Perus. Die Campesinos, Kleinbauern indianische Herkunft, betreiben in der unwirtlichen Gebirgslandschaft seit Generationen Ackerbau. Ein hartes Brot. Da kann sich jede Störung des gewohnten Ablaufs existenzbedrohend auswirken. Seit einigen Jahren haben die Campesinos im peruanischen Cajamarca nun Probleme mit der nahe gelegenen Yanacocha Mine, der größten Goldmine Südamerika. Der metallhaltige Dampf aus den Bergwerken legt sich als rostbraune Schmiere auf die Felder. Dann sterben die Kühe.</p>
<p>Die Campesinos haben begonnen, sich zu wehren. Unterstützt wurden sie dabei bis vor kurzem von einer Kirche, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil für die Rechte der Armen stark machte. Der legendäre Bischof José Dammert Bellido hatte in Cajamarca bis zu seiner Berentung im Jahr 1992 eine selbstbewusste indianische Kirche aufgebaut. Er hatte 3000 Campesinos zu Gemeindehelfern ausgebildet, die zum Teil priesterliche Funktionen wie Bibellesungen und Taufen wahrnahmen. Der mutige Priester Marco Arana setzte das Werk des Bischofs fort und gründete die Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung „Grufides“. Mit zahlreichen gewaltfreien Aktionen unterstützte er die Bauern in ihrem Kampf gegen die Minenbetreiber.</p>
<p>Doch Marco Arana muss sich seit kurzem mit Morddrohungen auseinandersetzen. Schon sechs Campesinos sind, vermutlich von Sicherheitskräften der Minen, ermordet worden. Die Gewalttätigkeiten haben zugenommen, als Ortsbischof Lázaro dem ihm unterstellten Priester Arano in den Rücken fiel. Der Bischof hatte bei seinem Amtsantritt 2004 angekündigt, den „Saustall“ auszumisten. Insider berichten, dass er sich jedes Jahr von den Goldminen-Betreibern ein Auto habe schenken lassen. Bischof Lázaro verfasste einen Hirtenbrief, in dem er mehrere engagierte Priester aufforderte, ihre „Agitation“ sofort einzustellen und sich auf ihre „eigentlichen priesterlichen Aufgaben zu beschränken.“</p>
<p><strong>Was sind die „eigentlichen priesterlichen Aufgaben“?</strong> Zweifellos prallen in Peru zwei Auffassungen von Kirche aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Traditionen der Bibeldeutungen, die einander seit den Ursprüngen des Christentums gegenseitig bekämpfen. Der Verbindung von Thron und Altar, wie sie sich seit dem römischen Kaiser Konstantin anbahnte, kirchlichem Prunkt und weltlicher Machtentfaltung der Päpste stand eine Strömung des sozial engagierten Christentums gegenüber, die sich auf das Armutsgebot bestimmter Stellen des Evangeliums berief.<br />
Als unwissentlicher Begründer und Bezugspunkt jeder Art von „linker Theologie“ gilt der Evangelist Lukas. In seinem Evangelium, geschrieben ca. zwischen 80 und 90 n. Chr., sind – verglichen mit Matthäus, Markus und Johannes – auffällig viele Textstellen überliefert, in denen die soziale Differenz zwischen Arm und Reich Thema ist. Die berühmte Weihnachtsgeschichte mit ihrer Stall- und Krippen-Romantik ist ausschließlich im Lukas-Evangelium überliefert. Sie verlegt die Geburt des Herrn (was historisch nicht verbürgt ist und vielfach bezweifelt wird) in ein „Unterschichten-Milieu“, inmitten der Tiere des Feldes und der einfachen Leute (Hirten). Der Gottessohn auf Stroh gebettet – hier findet der Mythos vom Abstieg Gottes in die „Niedrigkeit“ des Menschlichen einen sinnfälligen und überaus populären Ausdruck.</p>
<p>Schon vor Jesu Geburt allerdings wird bei Lukas Sozialrevolutionäres verkündet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“, heißt es da über Gott Vater. „Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.“ (Lukas 1, 51) Die linke Revoluzzerin, die dies verkündet, ist keine Geringere als Maria, die Mutter Jesu. In der reichen Tradition der Marienverehrung gerade im Katholizismus spielt dieser aggressive Aspekt Marias gegenüber ihren sanften Eigenschaften (Gnade und Milde) nur eine geringe Rolle. Es handelt sich bei Marias „Lobsang“ um eine typische Rollentauschfantasie, die im Weiteren die Rhetorik des Lukas-Evangeliums prägen wird. Die Armen sollen im „Reich Gottes“ in die Position der Reichen versetzt werden, und umgekehrt.</p>
<p>In der Lukas-Version der Bergpredigt heißt es: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier hungert; denn ihr sollt satt werden. (…) Weh euch Reichen! denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr hier satt seid! denn euch wird hungern.“ (Lukas, 6, 20-24). Weiter hinter im Evangelium die Warnung vor Habgier: „Sehet zu und hütet euch vor Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lukas 12, 15). Im Gleichnis „Reicher Mann und armer Lazarus“ findet sich der Reiche nach seinem Ableben in einem qualvollen Totenreich wieder und muss mit ansehen, wie es sich der ebenfalls gestorbene Arme in „Abrahams Schoß“ gut gehen lässt. (Lukas, 16, 19). Natürlich ist da auch die Geschichte von dem Reichen zu erwähnen, dem Jesus rät, alles, was er hat den Armen zu geben. „Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“ (Lukas, 18, 25).</p>
<p><strong>Eine solche Häufung sozial engagierter Textstellen</strong> hat Lukas den Ruf eines „Evangelisten der Armen“ und „sozialistisch denkenden Schriftstellers“ eingebracht. Tatsächlich geht es Jesus im Lukas-Evangelium aber nicht um eine Idealisierung unfreiwilliger Armut, sondern um das Ideal des freiwilligen Besitzverzichts als Voraussetzung für Jüngernachfrage – die Hingabe des „Ego“, um es mit Begriffen einer neueren Spiritualität zu sagen. Der De-facto-Kommunismus und die Besitzlosigkeit der Jüngergemeinschaft Jesu wurden zum Vorbild für besitzlose Mönchsgemeinschaften und Armutsbewegungen im späteren Christentum. Reiche indes werden dazu ermahnt, die Anhaftung an materiellen Gewinn als Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu verstehen. Sie sollen Schulden erlassen, zu Unrecht angeeignetes Gut zurückgeben und generell einen großen Teil ihres Besitzes den Armen spenden. Diese Anweisungen sind zunächst „spirituelle Therapie“ für die Reichen, aber auch der Entwurf einer fundamentalen Sozialordnung, die – im Gegensatz zur modernen Wirtschaftsordnung – geeignet ist, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.</p>
<p>Besonders deutlich werden diese beiden Aspekte in der Geschichte vom Zöllner Zachäus, dem Jesus auftrug, die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben und Menschen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückzugeben. (Lukas 19, 8). Zachäus ist der Prototyp des Ausbeuters, des Feindbilds aller Sozialisten. Steuerpächter im damaligen Judäa waren Eintreiber für den römischen Staat, schlugen aber auf die von Rom geforderte Summe oft noch ein Vielfaches drauf, um sich so an der Bevölkerung des eigenen Landes schamlos zu bereichern. Zachäus ist ein schönes Beispiel für die Umkehr eines Sünders und für Vergebung. Es wäre aber sicher ein Missverständnis, wenn sich die Kirchen mit Hinweis auf Zachäus mit ausbeuterischen Strukturen verbünden würden und dabei die Tatsache, dass es sich dabei um Sünde handelt sowie die Notwendigkeit der Umkehr unter den Tisch fallen ließen. Man kann durchaus sagen, dass „linke“ Interpretationen des Evangeliums eine Grundlage haben. Jesus spricht den Reichen das moralische Recht ab, ihren Besitz nur deshalb zu behalten, weil sie formaljuristisch Anspruch darauf erheben können.</p>
<p><strong>Es ist unmöglich, hier einen Gesamtüberblick über die sozial engagierten Strömungen der Kirchengeschichte zu geben</strong>, die sich an das Lukas-Evangelium anschließen. Berühmt ist etwa die „Rede an die Reichen“ (370 n. Chr.) von Basilius, Erzbischof von Caesarea: „Genauso sind die Reichen: Sie betrachten die Güter, die allen gehören, als ihr privates Eigentum, weil sie sich diese als erste angeeignet haben. Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst; den Nackten der Mantel, den du in der Truhe versteckst; den Armen das Geld, das du vergräbst“. Bei dem „vergrabenen“ Geld kann man heute durchaus an auf Bankkonten gehortetes, dem Umlauf entzogenes Geld verstehen. Basilius’ Zeitgenosse, der griechische Bischof Grogor von Nyssa, sprach sogar explizit die Problematik des Zinses an: „Was ist für ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen (…), oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitzt nimmt, was einem nicht gehört?“<br />
Ein großer Erneuerer des Armutsgebots, wie es vor allem aus dem Evangelium des Lukas herausgelesen werden kann, war Franz von Assisi (1181-1226). In seiner Geburtstadt ist noch heute eine graue, zerrissene, mehrfach geflickte Kutte zu besichtigen, extremer Ausdruck seiner uneitlen, allem Weltlichen abgewandten Geisteshaltung. Franz von Assisi war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Als ihn seine ebenfalls aus der „Oberschicht“ stammenden Freunde einmal allein und nachdenklich in einer Gasse vorfanden, fragten sie, ob er daran dächte, „ein Weib zu nehmen“. Franz soll geantwortet haben: „Ich gedenke mir eine Braut zu nehmen, diese ist aber viel edler, reicher und schöner, als Ihr zu denken und Euch vorzustellen vermöget.“ Diese Braut war die Armut.</p>
<p>Franz verkaufte alles, was ihm im väterlichen Haus gehörte, für den Wiederaufbau einer verwahrlosten Kapelle bei Assisi. Als sein Vater ihn dafür öffentlich zur Rede stellte und drohte, ihn zu enterben, entkleidete sich Franz vollständig und gelobte, von nun an nur noch Gott anzugehören. Franz – und in seiner Nachfolge die Orden der Franziskaner und der Klarissinnen – haben seither unzählige soziale Projekte auf den Weg gebracht und sind ihrem Gelübde persönlicher Bedürfnislosigkeit immer treu geblieben. Dabei ist die starke Ausstrahlung des Franz von Assisi sicher u.a. seiner überlieferten Herzensfröhlichkeit zu verdanken – schlagender Beweis dafür, dass eine konsequent immaterielle Lebenseinstellung sehr wohl ein erfülltes Leben zu begründen vermag.</p>
<p><strong>Die armen Franziskaner waren so auch eine beständige lebende Provokation</strong> für eine zunehmend prunksüchtige Kirche, die die soziale Botschaft des Evangeliums eher „wegzuinterpretieren“ suchte. Eine literarische Spur dieses Zwiespalts finden wir in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. In diesem berühmten Mittelalter-Roman wird eine Debatte zwischen Vertretern des Franziskanerordens und einer Gesandtschaft des Papstes Johannes XXII. beschrieben, die sich um die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit der Armut der Kirche dreht. Doch kehren wir zurück in die Moderne.</p>
<p>Einen wesentlichen Schub erhielt die politisch engagierte Kirche nach der kubanischen Revolution von 1959 mit der Entstehung der so genannten „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika. Es war zunächst eine Bewegung der Armen selbst, landloser Bauern und Slumbewohner, die aus der Bibel eine Botschaft der Befreiung von Not und Unterdrückung herauslasen. Sie interpretierten die biblischen Geschichten, etwa den Auszug der Juden aus Ägypten, als etwas, das unmittelbare Konsequenzen für ihren Alltag hatte. Die Kirchenhierarchie verhielt sich gegenüber den Bestrebungen der Basis von Anfang an zwiespältig. Ein Teil des katholischen Klerus stellte sich traditionell eng an die Seite der Mächtigen und Besitzenden.</p>
<p>Auch in anderen Ländern der Erde wurde die Verbindung aus Christentum und Politik als schlagkräftiges Instrument gesellschaftlicher Veränderung entdeckt. Der Rückgriff auf die spirituelle Kraft biblischer Aussagen diente dazu, den berechtigten Ansprüchen der Armen und Unterdrückten Nachdruck zu verleihen, ihren Mut anzuspornen, aber auch Gewalt zu verhindern. So gab sich der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King „überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, geistlich gesehen schon vom Tod gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet. (…) Eine Religion, die beim Individuum endet, ist am Ende.“ Wenn man Martin Luther King erwähnt, muss man in der Geschichte noch weiter zurückgehen und Kings großes Vorbild Gandhi würdigen, einen Mann, der – ohne christlich erzogen zu sein – politische Durchsetzungsfähigkeit mit großer spiritueller Überzeugungskraft verband. Über das Verhältnis von Politik und Religion sagte Gandhi in seiner Autobiografie, es gäbe für ihn „keine Politik, die nicht zugleich Religion wäre. Politik dient der Religion. Politik ohne Religion ist eine Menschenfalle, denn sie tötet die Seele.“</p>
<p>Seit den 70er-Jahren stellten sich Theologen wie Gustavo Gutiérrez (von dem der Begriff „Teologia de la liberación“ stammt), Ernesto Cardenal und Leonardo Boff demonstrativ hinter die christlichen Basisbewegungen in Lateinamerika. Sie schufen mit Schriften wie „Schrei der Armen“ (Leonardo Boff) ein theoretisches Fundament, empfanden sich aber nicht als Begründer der Bewegung, sondern als deren Sprachrohr. Die Befreiungstheologen verstanden die Erlösungsbotschaft der Bibel nicht ausschließlich in einem transzendenten Sinne, sondern fanden in ihr eine weltlich-ökonomische, ja sozialrevolutionäre Botschaft. So kamen sie nicht umhin, auch die Kirchenhierarchie zu kritisieren der sie vorwarfen, durch Verdummung der Armen den Ausbeutungsinteressen der Besitzenden zu dienen. In Deutschland gipfelten die Aktivitäten der Sympathisanten der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung in der Aussage des Theologen Helmut Gollwitzer: „Christen müssen Sozialisten sein“. Gollwitzer war auch ein Freund und Förderer von Rudi Dutschke, dem Anführer der 68er-Studentenbewegung in Berlin.</p>
<p><strong>Jon Sobrino, einer der populärsten Befreiungstheologe</strong>n, der seinen Lebensmittelpunkt seit 1957 in El Salvador hat, drückte die Auffassung der Befreiungstheologie besonders prägnant aus: „An Gott glauben bedeutet, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren.“ Sobrino war auch Berater des 1980 von einer Todesschwadron ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Hinter dem Mord standen vermutlich Militärberater aus den USA. Romero hatte in seiner letzten Predigt vor seiner Ermordung gesagt: „Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der wider das Gesetz Gottes gerichtet ist. (&#8230;) Ich bitte euch, ich flehe euch an, ich befehle euch im Namen Gottes – hört auf mit der Unterdrückung!“</p>
<p>Der Brasilianer Leonardo Boff wurde 1985 vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zu einem Jahr des Schweigens verurteilt und später aller kirchlichen Funktionen enthoben. Ratzinger warf Boff u.a. vor, dass Jesus Christus nach dessen Ansicht keine bestimmte Kirchengestalt befohlen habe, so dass andere als das katholische Kirchenmodell aus dem Evangelium heraus denkbar würden. Ferner dass Offenbarung und Dogma bei Boff nur eine untergeordnete Rolle spielten und dass er den historischen Machtmissbrauch der Kircheninstitution unnötig polemisch und respektlos beschrieben habe. In seiner Rechtfertigung gegenüber der Glaubenskongregation sagte Boff: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“</p>
<p><strong>In den 90er-Jahren startete Leonardo Boff</strong> ganz im Sinne der Grundsätze der Befreiungstheologie scharfe Angriffe gegen die sich ausbreitende Ideologie des Neoliberalismus: „Die Befreiungstheologie ist in den sechziger Jahren aus dem Schrei der Armen hervorgegangen. Dieser Schrei erklingt bis heute. Und er wurde zum lauten Aufschreien, weil es nicht mehr nur die Dritte Welt betrifft, sondern zwei Drittel der Menschheit. Nicht nur die Armen schreien, sondern auch die Schöpfung, unsere Erde, die ausgeplündert wird. In den 90er-Jahren geht es nicht um die Befreiung, sondern um die soziale Ausschließung als Folge der neuen Produktionsweisen, des Weltmarktes und des Neoliberalismus.“</p>
<p>Und Boff vermerkt mit bitterer Ironie: „Hält diese Entwicklung an, verlieren die Armen ihr Privileg, ausgebeutet zu werden. Sie werden einfach ausgeschlossen, für nichts erklärt, und wie beispielsweise die brasilianischen Straßenkinder von Todesschwadronen wie lästige Hunde erschossen.“ In einem anderen Interview sagte der streitbare Theologe: „Ich glaube, dass Veränderung möglich ist, weil ich keinen Gott annehmen kann, der sich dieser Welt gegenüber indifferent verhält, sondern nur einen, der sich den Armen, den Leidenden zuwendet. Seine Gnade gibt Kraft zum Widerstand, Kraft zur Befreiung.“ Die Theologie müsse „offen sein für solche Herausforderungen, für den Schrei der Armen. Sonst bleibt eine Kluft zwischen der Welt des Glaubens und der konkreten politischen Wirklichkeit.“</p>
<p><strong>Wie steht es aber um das sozial engagierte Christentum in unseren Breiten</strong>, in den zunehmend von einer neuen Armut bedrohten „reichen“ Ländern des Westens? Hier bekamen die gegenüber dem Kapitalismus kritischen Kräfte Zuspruch von unerwarteter Seite. Heiner Geißler, der früher als konservativer Hardliner verschriene ehemalige Generalsekretär der CDU stellte in seinem Buch „Was würde Jesus heute sagen?“ die unkonventionelle Frage: „Dürfen Kapitalisten sich Christen nennen?“ Geisslers Antwort: „Wer den Börsenwert und den Aktienkurs eines Unternehmens verabsolutiert und nur noch die Kapitalinteressen ökonomisch gelten lässt, gehört zu den Menschen, die, wie Jesus sagt, viel Geld besitzen und für die es schwer sein wird, in das Reich Gottes zu kommen.“</p>
<p>Über die „Pharisäer“ in seiner eigenen Partei sagte der ehemalige Jesuitenschüler Geißler: „jeden Sonntag (…) feierlich in die Kirche zu gehen, als politischer Schausteller sozusagen (…), aber gleichzeitig tiefe Einschnitte ins soziale Netz, die Kürzung der Sozialhilfe zu verlangen, den Kündigungsschutz abzuschaffen, Lohndumping als Wettbewerbselement zuzulassen, statt einer Bürgerversicherung das Risiko von Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu privatisieren und auf den Kapitalmarkt zu verfrachten, ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern führt wie in den USA zu einer Spaltung der Gesellschaft und ist mit der Botschaft des Evangeliums nicht zu vereinbaren.“</p>
<p>Heiner Geißler gibt auch eine aufschlussreiche Deutung der berühmten Geschichte vom Zinsgroschen. Im Lukasevangelium wird Jesus von Pharisäern gefragt: „Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Die Frage war politisch brisant, weil die falsche Antwort Jesus als Gegner der römischen Besatzung geoutet hätte. Jesus’ Antwort ist bekannt: Sie wird normalerweise übersetzt mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“. Heiner Geißler weist nun darauf hin, dass im griechischen Urtext des Evangeliums das Wort „apodote“ für den Vorgang des Gebens verwendet wird. „Apodote“ heißt aber eigentlich „zurückgeben“, also: „Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist.“ Geißler deutet diesen Satz als Aufforderung an die Juden, sich von der Währungshoheit der Römer zu lösen und das Geld des Kaisers (inklusive dem damit verbundenen Machtanspruch) zurückzuweisen. Demnach wäre die Bibelstelle nicht, wie oft argumentiert wurde, eine Aufforderung an die Kirche, Geistliches und Weltliches sorgfältig zu trennen und sich mit den Mächtigen zu arrangieren.</p>
<p><strong>Ein beredtes Beispiel für den Geist der Befreiungstheologie</strong> in Deutschland ist ein Aufsatz des evangelischen Theologen Ulrich Duchrow, der in Carl Amerys äußerst lesenswertem Sammelband „Briefe an den Reichtum“ veröffentlicht wurde. Duchrow gestaltet seinen Beitrag als fiktiven Briefwechsel zwischen zwei erfundenen Figuren: dem Argentinischen Bischof Teofilo Lucano und dem deutschen Bischof Justus Zumkehr. Der Argentinier gibt zu Protokoll: „Es geht nicht etwa um Armut als solche. Vielmehr geht es um Reichtum, der arm macht. Es geht um Mechanismen der Bereicherung, die als naturnotwendig erklärt und somit vergötzt werden. Armut ist die Folge. Darum kann es die Kirche nicht vermeiden, in Konflikt mit diesem Reichtum zu geraten. Nur so kann sie mitwirken, die Ursachen der gegenwärtigen Misere anzupacken. Bekanntlich reicht es nicht, die unter die Räuber Gefallenen zu versorgen. Man muss sich um die Räuber kümmern und sogar um die Ursachen dafür, dass und warum es Räuber gibt.“</p>
<p>Teofilo Lucano (bzw. Ulrich Duchrow) präzisiert dann seine ökonomische Analyse. Die Ausbeutungsmechanismen hätten „mit der Einführung des Privateigentums zu tun – nicht im Sinn von Gebrauchseigentum, sondern von Eigentum, mit dessen Hilfe man nach Marktgesetzen Vermögensvermehrung betreiben kann. Der Zusammenhang von verabsolutiertem Verfügungseigentum – Zins – Geld – Verlust des verpfändeten Landes/Schuldsklaverei auf der einen und wachsender Großgrundbesitz mit Bewirtschaftung durch Sklavenarbeit auf der anderen Seite – ist also strukturell ein Mechanismus, der den Segenskreislauf umkehrt und damit zwingend in Gegensatz zu Jahweh gerät.“ Er zitiert dann die Bibel: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (natürlich bei Lukas, 16,13). Die Befreiung der Reichen vom Mammonismus sei psychologisch gesprochen „Suchttherapie.“</p>
<p>Der Text wird in der ökonomischen Theorie äußerst konkret und kritisiert die Kirchen für ihre Praxis, von Zinsen auf Geldanlagen zu profitieren: „Wenn hingegen die Zins- über der Wachstumsrate liegt, raubt der Geldvermögensbesitzer den anderen am Wirtschaftsprozess Beteiligten, also vor allem den Arbeitenden, den gerechten Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten. (…) Das Argument, die Kirchen bräuchten die Zinseinnahmen zu marktüblichen Bedingungen (…), ist gleichbedeutend mit der plausiblen Aussage, Räuber brachten ja auch etwas als Lebensunterhalt.“ Autor Duchrow setzt noch eins drauf: „Neutralität in einem asymmetrischen System bedeutet Parteinahme für die Seite der Macht und des Reichtums. Wenn die Kirche Kirche sein will, muss sie sich an die Seite Gottes stellen. Und Gott holt die Mächtigen vom Thron und hebt die Niedrigen aus dem Staub.“</p>
<p><strong>Ist der Vorwurf der Parteinahme für die Seite der Macht berechtigt? </strong>Wie es scheint, hat sich die ablehnende Haltung des Vatikans gegenüber sozialreformerischen und kapitalismuskritischen Bestrebungen innerhalb der Kirche seit den 80er-Jahren und dem Lehrverbot für Leonardo Boff nicht wesentlich verändert. Wer auf einen altersmilde gewordenen Benedikt XVI. gehofft hatte, sah sich schwer enttäuscht, als der „bayerische Papst“ erst im März 2007 gegen den Befreiungstheologen Jon Sobrino eine scharfe Lehrverurteilung aussprach. Der 68-jährige verbreite in einigen seiner Bücher „erhebliche Abweichungen von Glauben und Kirche“ und könne somit bei den Gläubigen „großen Schaden anrichten“. Er betone zu sehr die Solidarität mit Armen und Unterdrückten und zu wenig den Glauben und die Erlösung durch Jesus Christus. Außerdem unterstreiche Sobrino zu sehr den menschlichen Charakter Jesu und vernachlässige dessen Göttlichkeit. Mit einem Entzug der Lehrerlaubnis ist der Rüffel aus dem Vatikan vorerst nicht verbunden.<br />
Wird Jesus also weiterhin in Gold und Purpur gekleidet? Oder läuft er, wie die peruanischen Campesinos meinen, „im Poncho einher“, in der Tracht des einfachen Volkes? Findet man ihn im Bischofsornat oder eher in der zerrissenen Kutte Franz von Assisis oder in dem selbstgesponnenen Baumwollgewand Mahatma Gandhis? Wird die Theologie der Zukunft die göttliche oder die menschliche Natur Christi in den Vordergrund stellen? Und selbst wenn er göttlich war, entbindet dies die Kirchen von ihrer Pflicht zur Fürsorge für die Armen, die gegebenenfalls auch Frontstellung gegenüber ungerechten Bereicherungsmechanismen bedeutet? Sollte ein ferner transzendenter Gott weiter auf Kosten der Menschen und an ihnen vorbei verehrt werden? Oder bedeutet „Menschwerdung Gottes“ nicht gerade, dass der hohe ethische Grundsatz der Nächstenliebe gleichsam auf die Erde herabgestiegen ist, um hier in unserem praktischen Unfeld konkrete Wirklichkeit zu werden?</p>
<p>Der Konflikt zwischen dem sozialreformerischen Priester Marco Arana und seinem konservativen Bischof Lázaro im peruanischen Cajamarca schwelt indes noch immer, und sein Ausgang ist offen. „Meine Mitarbeiter und ich sind zum Abschuss freigegeben“, sagte Arana und fürchtet angesichts der Brutalität der Minenbetreiber und der mangelnden Solidarität der staatlichen und kirchlichen Machthaber um sein nacktes Leben. Der Würzburger katholische Theologieprofessor Elmar Klinger schrieb Bischof Lázaro denn auch einen gesalzenen Brief, in dem er ihn aufforderte, mehr Mut zu zeigen. „Seien Sie der Bischof der Kirche des Volkes Gottes in Cajamarca! Sie werden dadurch Nachteile erleben, aber sich Schätze im Himmel sammeln.“</p>
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		<title>Leben ohne Existenzangst, Arbeit ohne Zwang</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 09:42:16 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Obwohl der Produktivitätsfortschritt uns allen längst ein leichteres Leben ermöglichen würde, hält die Politik weiter am Arbeitszwang fest. Der Widerwille gegen angebliches Sozialschmarotzertum ist auch im Volk so ausgeprägt, dass die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf viel Widerstand stößt. Zu Unrecht: Ein BGE würde den Wert von bisher unbezahlter Arbeit honorieren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7575" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/erich-fromm.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7575" title="erich-fromm" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/erich-fromm-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Früher Befürworter des Grundeinkommens: Erich Fromm</p></div>
<p><strong>Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. </strong>Obwohl der Produktivitätsfortschritt uns allen längst ein leichteres Leben ermöglichen würde, hält die Politik weiter am Arbeitszwang fest. Der Widerwille gegen angebliches Sozialschmarotzertum ist auch im Volk so ausgeprägt, dass die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf viel Widerstand stößt. Zu Unrecht: Ein BGE würde den Wert von bisher unbezahlter Arbeit honorieren und ungeahnte Kreativität frei setzen. Die bisher praktizierte „Antrags- und Schnüffelbürokratie“ hätte ein Ende. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7574"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Artikel 1: Die Würde des Menschen kann von den staatlichen Organen je nach Kassenlage gewährt werden.</p>
<p>Artikel 2: Jeder, der sich im Behördendschungel durchzuschlagen weiß und selbst demütigende Auflagen der staatlich Stellen erfüllt, hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“</p>
<p>Kommt Ihnen an diesen Verfassungsartikeln etwas merkwürdig vor? Richtig, sie stehen so nicht im deutschen Grundgesetz. Tatsächlich heißt es schlicht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. (…) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Was helfen aber Verfassungsnormen, wenn die Behörden in der Praxis eher so entscheiden, als wären meine (satirischen) Paragrafen gültig? Wer heute Hartz IV bzw. Arbeitslosenunterstützung beantragt, steht unter Generalverdacht, ein Sozialschmarotzer zu sein. Er muss sich vor den Sachbearbeitern bis aufs Hemd ausziehen, auf Befehl miese Jobs annehmen oder sinnlose Umschulungsmaßnahmen absolvieren.</p>
<p><strong>„Erlösung vom Arbeitszwang“</strong></p>
<p>Die Behörden verhalten sich bei der Vergabe von Unterstützungsleistungen immer engherziger, dabei würde uns der immense Produktionsfortschritt endlich mehr Großzügigkeit ermöglichen. Die Wirtschaft stellt immer mehr Waren mit der Arbeitskraft von immer weniger Menschen her. Folgt man der Logik der Arbeitsgesellschaft, ist dies eine Tragödie, für den gesunden Menschenverstand wäre es eigentlich ein Grund zur Freude. Die französische Schriftstellerin Viviane Forrester „Der Terror der Ökonomie“ schrieb: „Sollte die Erlösung vom Arbeitszwang, vom biblischen Fluch, nicht logischerweise dazu führen, die eigenen Lebenszeit freier einteilen, freier durchatmen zu können, sich lebendig zu fühlen, ohne herumkommandiert, ausgebeutet und in Abhängigkeit gehalten zu werden?“</p>
<p>Statt mehr Freiheit hat die industrielle Massenproduktion aber nur zweierlei bewirkt: mehr Unfreiheit für die vom Arbeitsprozess Ausgeschlossenen und mehr Leistungsdruck auf jene, die man gnädigerweise noch an ihm teilhaben lässt. Wer hätte gedacht, schreibt Forrester, „dass eine Welt, die auch ohne den Schweiß auf der Stirn so vieler Menschen auszukommen vermag, sogleich zur Beute einiger weniger würde und dass man nichts Dringlicheres zu tun haben würde, als die überflüssig gewordenen Arbeiter gnadenlos in die Enge zu treiben.“ Ihr Resümee: „Warum sollten wir nicht zunächst nach einem Modus der Umverteilung und des Überlebens suchen?“</p>
<p><strong>Die Freiheit, „nein“ zu sagen</strong></p>
<p>Den Begriff „Grundeinkommen“ verwendet Viviane Forrester nicht. Dafür tut dies Götz Werner umso intensiver. Seit Jahren tingelt der Chef der Drogeriekette dm unermüdlich durch Vortragssäle und Talkshows, um für seine Idee zu werben. Mit seinem Standardwerk „Einkommen für alle“, legte er eine zusammenhängende Theorie des Grundeinkommens vor. Sie basiert in ihrer ethischen Begründung letztlich auf dem Recht auf Leben und auf Freiheit. „Denn das Recht auf Freiheit beinhaltet sehr wesentlich das Recht, nein sagen zu können. Es beinhaltet zum Beispiel das Recht, eine bestimmte Arbeit abzulehnen. (…) Die Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist.“</p>
<p>Wirklich neu ist der Gedanke nicht: Bereits im 19. Jahrhundert plädierte Paul Lafargue für ein „Recht auf Faulheit“ als Bedingung für die volle Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit. Er meinte damit allerdings nicht völlige Tatenlosigkeit. Zur Finanzierung von mehr Freizeit für alle schlug er vor, unproduktive Mitglieder der Gesellschaft wieder der Arbeit zuzuführen. Bertrand Russel plädierte in „Lob des Müßiggangs“ (1957) explizit für ein Grundeinkommen. Der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm schrieb vor 40 Jahren: „Das garantierte Einkommen würde nicht nur aus dem Schlagwort ‚Freiheit’ eine Realität machen, es würde auch ein tief in der religiösen und humanistischen Tradition des Westens verwurzeltes Prinzip bestätigen, dass der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben.“</p>
<p><strong>Grundeinkommen oder &#8220;Mindestsicherung&#8221;?</strong></p>
<p>Seit die Massenarbeitslosigkeit als strukturelles Phänomen stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen ist, wird in verschiedenen Staaten der Welt ein Grundeinkommen diskutiert. In Brasilien gibt es das BGE sogar schon als Grundrecht, allerdings meist nur auf dem Papier. In dem kleinen brasilianischen Dorf Quatinga Velho wurde ein Projekt gestartet, das die Wirksamkeit eines Bedingungslosen Grundeinkommens in der Praxis erproben sollte. Bruna und Marcus, zwei junge Aktivisten hatten das Projekt 2009 praktisch im Alleingang gestartet, finanziert aus Spenden. Die etwa 100 Einwohner der Gemeinde bekamen für unbegrenzte Zeit monatlich 30 Real (ca. 12 Euro) pro Person. Die Ergebnisse sind überaus ermutigend: Die Menschen ruhen sich nicht in der „sozialen Hängematte“ aus, sondern nehmen ihr Leben aktiv in die eigene Hand.</p>
<p>Die in Österreich seit gut einem Jahr geltende „Mindestsicherung“ ist dagegen eine Mogelpackung, im besten Fall ein „bedingtes Grundeinkommen“ auf niedrigem Niveau. Sie beträgt derzeit 760 Euro pro Monat, die Armutsgefährdungsschwelle liegt jedoch bei 950 Euro. Kindern werden nur 134 Euro zugestanden, womit Kinderarmut programmiert ist. Bedürftigkeit muss weiterhin nachgewiesen werden, wobei die Schnüffelbürokratie sich durch neue Bestimmungen eher ausgeweitet hat. Das Dogma der „Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“ führt dazu, dass Armutsbetroffene von der AMS zu ineffektiven Fortbildungen gezwungen werden, die viele als demütigend empfinden. Bedingungslos ist daran nur der Gehorsam, der von Leistungsempfängern gefordert wird, wollen sie nicht riskieren, dass ihnen das Recht auf Leben per Bescheid entzogen wird.</p>
<p>Über die Höhe des bedingungslosen Grundeinkommens gibt es verschiedene Ansichten. Manchmal wird nur ein Betrag in Höhe der Mindestsicherung bzw. des Hartz-IV-Satz (364 Euro + Wohnungskosten) gefordert, manchmal auch bis zu 1500 Euro. Ersteres würde, weil knapp berechnet, den Arbeitszwang nicht völlig beseitigen; letzteres würde wohl die Motivation, zu arbeiten tatsächlich, wie Kritiker befürchten, schwächen. Der Betrag müsste also in der Gesellschaft ausgehandelt werden und würde wohl zwischen den Extremen liegen. Hätte man den Mut, die Idee zu realisieren, würde sie eine ganze Kette positiver Folgen nach sich ziehen.</p>
<p><strong>Eine Fülle von Vorteilen</strong></p>
<p>* Leistungsempfänger und Sachbearbeiter in Behörden sparen sich Kräfte, die sie bisher im aufreibenden Kampf gegeneinander verschleißen. Gleichzeitig spart der Staat in erheblichem Maße Verwaltungskosten.</p>
<p>* Wer dazuverdient, wird nicht mehr wie vorher mit Abzügen bei den Transferleistungen bestraft. Das BGE hätte eine ähnliche Funktion wie ein Steuer-Freibetrag. Die Menschen würden ermutigt, sich einen höheren Lebensstandard, zusätzlich zum Grundeinkommen, zu erarbeiten.</p>
<p>* Arbeitslosigkeit hat heute immer weniger mit persönlichem Versagen zu tun, während gleichzeitig Druck und Demütigungen für die Betroffenen zunehmen. Das Paradox, dass es in Zeiten zunehmender Automatisierung zwar Arbeitslose geben muss, diese aber als Faulenzer diskriminiert werden, wird durch das Grundeinkommen aufgehoben.</p>
<p>* Auch Kinder bekommen ein Grundeinkommen. Unterhaltsstreitigkeiten sind somit meist gegenstandslos. Kinder sozial schwacher Eltern werden nicht mehr automatisch „mit bestraft“.</p>
<p>* Der freie Zugang zum Studium ist garantiert, auch für Kinder ärmerer Eltern. Es findet weniger soziale Auslese auf dem Bildungssektor statt.</p>
<p>* Das Rentenproblem ist wenigstens insoweit gelöst, als eine Mindestrente (das Grundeinkommen) nie unterschritten wird. Altersarmut wird abgefedert.</p>
<p>* Arbeitnehmer sind durch Arbeitgeber nicht mehr so leicht erpressbar. Niemand arbeitet mehr für Dumpinglöhne. Arbeitgeber sind angehalten, attraktive Jobs zu schaffen oder unattraktive besser zu bezahlen.</p>
<p>* Jeder wird durch die Grundsicherung ermutigt, seiner eigenen Berufung zu folgen. Wer die Arbeit macht, die ihm Freude bereitet, wird sie in der Regel auch gut machen.</p>
<p>* Bisher unbezahlte, gesellschaftlich wertvolle Arbeit wird endlich gewürdigt. Den Betroffenen wird ein Auskommen garantiert, Hausfrauen und Mütter wären z.B. nicht mehr von ihren allein verdienenden Männern abhängig. Nachbarschaftshilfe, Pflege älterer Menschen, politisches Engagement, Ehrenamt und gemeinnützige Arbeit scheitern nicht mehr am Zwang, anderswo seine Brötchen verdienen zu müssen.</p>
<p><strong>Würdigen, was wertvoll ist</strong></p>
<p>Noch ein Wort zur so genannten „Schattenarbeit“, also unbezahlter, scheinbar selbstverständlicher Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird: Götz Werner rechnet aus, „dass in Deutschland im Jahr rund 56 Milliarden bezahlte Arbeitsstunden geleistet werden – zeitgleich jedoch 96 Milliarden unbezahlte Arbeitsstunden.“ Der dm-Gründer schlussfolgert: „Fragen wie ‚Arbeitest du oder bist du nur zu Hause bei den Kindern?’ haben in diesem Jahrhundert keinen Platz mehr.“ Das Bedingungslose Grundeinkommen ist somit auch eine Antwort auf die Wertediskussion. Wie viel ist uns als Gesellschaft die Arbeit von Müttern und Vätern wert, wie viel freiwillige Altenpflege zuhause oder Kunst, die sich nicht nach den Marktgesetzen richten will? Im bisherigen System ist die Antwort klar. Diese Leistungen sind (fast) nichts wert; erwiesenermaßen gesellschaftsschädliche Arbeit wie die von Spekulanten wird dagegen königlich honoriert.</p>
<p>Kritiker des Grundeinkommens sind keineswegs nur bei den „Marktradikalen“ zu finden; auch Linke und Gewerkschafter zeigen sich skeptisch. Götz Werner erklärt das Phänomen des teilweise heftigen Widerstands gegen sein Konzept so: Jeder Bürger betrachtet sich selbst zwar als idealen Bezieher des Grundeinkommens, unterstellt aber seinem Nachbarn, dieser würde sich mit dem unverdienten Geldsegen auf die faule Haut legen. In der Tat sind viele so sehr damit beschäftigt, ihrem „faulen“ Mitmenschen seine Existenzsicherung zu missgönnen, dass sie gar nicht darüber nachdenken, welche Vorteile ein BGE für sie selbst hätte. Es scheint, als ob die Not des Nachbarn ihnen mehr Befriedigung bereiten würde als das eigene Glück.</p>
<p><strong>Mythos &#8220;Sozialschmarotzer&#8221;</strong></p>
<p>Man muss auch in einer relativ reichen Gesellschaft vernünftig wirtschaften. Herumgeisternde Reste einer sozialdarwinistischen Ideologie und die Vorstellung, dass ehrliche Leute für ihr Brot anständig arbeiten sollten, sind jedoch in unserer Überflussgesellschaft anachronistisch. Die übertriebene Verklärung der Arbeit wurzelt noch in der Selbstversorger-Mentalität einer Agrargesellschaft. Damals musste das tägliche Brot einem kargen Boden in Schweiß treibender Plackerei abgerungen werden. Wie wenn der Kampf ums Dasein gar nicht mehr nötig wäre, weil er kollektiv längst gewonnen ist? Unsere Wirtschaft produziert heute weit mehr Waren des täglichen Gebrauchs als wir überhaupt konsumieren können.</p>
<p>Hier wäre gerechte Verteilung nötig, und die ist auch eine Frage des politischen Willens. Politiker appellieren nach wie lieber an die „Selbstverantwortung“ vieler armer Schlucker als an die gesellschaftliche Verantwortung der wenigen, die den Löwenanteil der Arbeitserträge an sich raffen. Klaus Sambor vom Wiener &#8220;Runden Tisch BGE&#8221; schreibt: „Dass die schrankenlos explodierenden Kapitaleinkommen mit Schulterzucken hingenommen werden, während Menschen ohne ‚Erwerbsarbeit’ wegen ein paar hundert Euro zu ‚Sozialschmarotzern’ erklärt werden, denen sozialer Ausschluss droht, ist (…) paradox.“ Auch der Einkommensbegriff, auf dem das alte System beruht, ist überholt. Dieses wird nur als verdientes Einkommen für geleistete Arbeit (in der Vergangenheit) interpretiert, nicht als ermöglichendes Einkommen (für die Zukunft). Letzteres ist ja die Voraussetzung für den Erhalt der Arbeitskraft sowie für den Konsum, der wieder die Wirtschaft ankurbelt.</p>
<p><strong>Argumente gegen das Bedingungslose Grundeinkommen</strong><br />
(und Antworten darauf)</p>
<p><strong>Ist ein Grundeinkommen überhaupt finanzierbar?</strong><br />
Vielfach wird bezweifelt, dass sich ein Staat, der schon unter den heute unvermeidlichen Ausgaben stöhnt, ein Grundeinkommen leisten könnte. Hierzu gibt es aber bereits Berechnungen. Wichtig ist: Für das BGE muss nicht neues Geld erschaffen werden, das nicht da ist. Viele bisherige Sozialleistungen, etwa Arbeitslosenunterstützung, Renten, Studienzuschüsse, entfallen – es sei denn, der Bedarf übersteigt die Höhe des Grundeinkommens (z.B. bei Pflegebedürftigen). Götz Werner rechnet vor, dass ein Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro den deutschen Staat 83 Milliarden Euro kosten würde (für 83 Millionen Menschen). Die Sozialausgaben betrugen (Stand 2009) jedoch schon 750 Milliarden Euro. „Das Grundeinkommen ist quasi schon finanziert!“ Entfallen würden ja auch immense Kosten für den bürokratischen Aufwand, den eine „Bedürftigkeitsprüfung“ verursacht. Außerdem ist die Verfügbarkeit von Geld immer eine Verteilungsfrage. Ich bestreite, dass das Geld für ein BGE nicht vorhanden wäre. Ein Politiker, der das sagt, meint eigentlich: „Es wird von einem mächtigen Personenkreis zurückgehalten, an dessen Privilegien ich nicht zu rühren wage.“</p>
<p><strong>Warum müssen auch &#8220;Reiche&#8221; ein Grundeinkommen bekommen?</strong><br />
Erstens erspart man sich den bürokratischen Aufwand, der entstünde, wenn jeder Bundesbürger nachweisen müsste, dass es „arm genug“ ist. Zweitens gibt es andere Möglichkeiten, Personen mit zu viel Geld zu belasten: durch eine erhöhte Mehrwertsteuer auf Luxusgüter, Steuern auf Spekulationsgewinne, Vermögenssteuer usw.</p>
<p><strong>Würde bei einem Grundeinkommen überhaupt noch jemand arbeiten?</strong><br />
Einen gewissen Prozentsatz von „faulen“, antriebsschwachen Menschen wird es immer geben. Teilweise handelt es sich um pathologische Fälle, die jedoch geheilt, nicht bestraft werden müssten. Es mag auch Fälle von „Schmarotzermentalität“ geben. Allerdings können wir diesen Personen weder das Recht auf Leben absprechen, noch wäre ein Arbeitszwang wirklich sinnvoll. Mit großem bürokratischem Aufwand könnten dadurch nur sehr mäßige Leistungen erpresst werden. Wie beim Thema Terrorprävention meine ich: Man darf nicht ein ganzes Volk tyrannisieren, nur um das Fehlverhalten Einzelner völlig auszuschließen.</p>
<p><strong>Was ist mit Arbeiten, die niemand gern tut? </strong><br />
Würden sich in einem „Volk der Künstler und Faulenzer“ die Müllberge auf den Straßen anhäufen und zum Himmel stinken? Der Film „Grundeinkommen“ von Enno Schmidt und Daniel Häni nennt drei Möglichkeiten für den Fall, dass keiner bestimmte, notwendige Arbeiten verrichten will: von 1. Man bezahlt sie besser. 2. Wir machen diese Arbeit selbst (so wie es z.B. in Hausgemeinschaften einen Treppenputzdienst gibt). 3. Wir automatisieren die Arbeit. Als vierte Lösung könnte man hinzufügen: Die Arbeit bleibt tatsächlich ungetan. Was wäre z.B., wenn keiner mehr Waffen produzieren will? Das BGE würde eher ethisch fragwürdige Firmen in Existenznot stürzen, nicht integere Projekte.</p>
<p><strong>Sollten wir nicht lieber Vollbeschäftigung anstreben, weil Arbeit auch persönliche Erfüllung bedeutet?</strong><br />
Im alten Wirtschaftssystem müssen wir arbeiten, um zu leben. Arbeit gilt als einzige Legitimation, zu existieren, und darauf beruht ihr Erpressungspotenzial. Selbst ein Hersteller von Landminen könnte Kritik an seinem Beruf mit dem Hinweis auf von ihm geschaffene Arbeitsplätze abwehren. Bei steigender Produktivität werden sinnvolle und nützliche Arbeiten von immer weniger Menschen in immer weniger Stunden ausgeführt. Wenn wir dennoch am Dogma der Vollbeschäftigung festhalten, bedeutet das, dass wir zunehmend schädliche und unnütze Arbeit kreieren müssen, damit alle (egal was) arbeiten können. Genau so sieht unsere Welt heute aus. Das gesellschaftliche Ziel muss also lauten: Weniger Arbeit wagen! Wenn wir bedürfnisorientiert wirtschaften wollen, muss auch die künstliche Erzeugung von (ursprünglich gar nicht vorhandenen) Bedürfnissen zur Profitmaximierung eingedämmt werden. Dieser Weg muss jedoch sozial abgefedert werden: durch ein BGE. Ziel einer neuen Ordnung wäre nicht mehr Vollbeschäftigung, sondern die Vollversorgung aller Bürger mit allen wirklich wichtigen Gütern und Dienstleistungen sowie die optimale Balance aus Freizeit und erfüllender Arbeit.</p>
<p><strong>Ist die Idee eines Grundeinkommens nicht eine Utopie?</strong><br />
Hinter diesem Argument steht eine verbreitete resignative Haltung, die Annahme, „die Mächtigen“ würden Maßnahmen zugunsten der sozial Schwachen ohnehin nicht zulassen. Durch die Passivität vieler Bürger werden solche Befürchtungen oft zu selbst erfüllenden Prophezeiungen. Jede soziale Verbesserung in der Geschichte hat einmal als „undurchführbare“ Utopie begonnen. Das öffentliche Interesse am BGE ist in den letzten Jahren rapide gewachsen. Wenn ein „kritische Masse“ interessierter Bürger erreicht ist, könnte der Durchbruch schnell kommen.</p>
<p><strong>Kleines Fazit</strong></p>
<p>„Gute Ideen“, sagte Albert Einstein, „erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint“. Also wagen wir, das Undenkbare zu denken; dann wagen wir, es auch zu wollen; und schließlich wagen wir, zu handeln!</p>
<p><strong>Literatur:</strong><br />
Götz Werner: Einkommen für alle, Verlag Kiepenhauer &amp; Witsch<br />
Yannick Vanderborght: Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, Campus Verlag<br />
Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie, Goldmann Verlag<br />
DVD: Enno Schmidt, Daniel Häni: Grundeinkommen. Hier kostenloser Download möglich:</p>
<p>http://www.forum-grundeinkommen.de/filme-bge/grundeinkommen-filmessay-daniel-haeni-enno-schmidt</p>
<p>Erstveröffentlichung dieses Artikels in der lesenswerten österreichischen Zeitschrift &#8220;Wege&#8221;: <a href="http://www.wege.at">www.wege.at</a></p>
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		<title>Polanski – Opfer, Büßer und Genie</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 07:32:00 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Polanski hat einen neuen Film gedreht – und wieder geht es um die Aufarbeitung von Schuld. In „Gott des Gemetzels“ streiten sich zwei Elternpaare um Gewalt auf dem Schulhof. Das scheint harmlos, verglichen mit den Problemen, die die Protagonisten in „Rosemary’s Baby“, „Tess“ oder „Der Tod und das Mädchen“ haben. Aber es ist charakteristisch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7397" class="wp-caption alignleft" style="width: 207px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Polanski.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Polanski-197x300.jpg" alt="" title="Polanski" width="197" height="300" class="size-medium wp-image-7397" /></a><p class="wp-caption-text">Roman Polanski</p></div>Roman Polanski hat einen neuen Film gedreht – und wieder geht es um die Aufarbeitung von Schuld. In „Gott des Gemetzels“ streiten sich zwei Elternpaare um Gewalt auf dem Schulhof. Das scheint harmlos, verglichen mit den Problemen, die die Protagonisten in „Rosemary’s Baby“, „Tess“ oder „Der Tod und das Mädchen“ haben. Aber es ist charakteristisch für einen Regisseur, der sich hartnäckig an Themen wie Verbrechen, Buße und Vergebung abarbeitet. Wer ist dieser Besessene auf dem Regiestuhl? Leistet er filmisch Abbitte für eine Vergewaltigung, die 34 Jahre zurück liegt? Oder war sein Werk stets überschattet von seiner Kindheit als Jude im von Nazis besetzten Polen? Eine Spurensuche in die Seelenlandschaft eines der faszinierendsten Künstler unserer Zeit. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-7396"></span></p>
<p>„Ich glaube an den Gott des Gemetzels“ sagt Christoph Waltz mit dem ihm eigenen aasigen Grinsen. Der Gott des Gemetzels sei älter und machvoller als der Gott des Gesetzes, den wir vordergründig verehren. Gemeint ist: einen Ordnung schaffenden, gerechter, gar „lieber Gott“ mussten sich die Mensche erst über viele Generationen erarbeiten. Der andere, der dunkle, grausame Gott kann jederzeit durch die dünne Schicht der Zivilisation brechen. Damit ist das Thema von Roman Polanskis neuem Film vorgegeben – und in gewisser Weise das Thema seines ganzen Lebenswerks. In „Gott des Gemetzels“ nach dem erfolgreichen Bühnenstück von Yasmina Reza lassen Christoph Waltz, die Premium-Schauspielerinnen Kate Winslet und Jodie Foster sowie der famose John C. Reilly nach und nach alle Masken fallen. Das ist ebenso grotesk-komisch wie zutiefst erschreckend. Auch diese Mischung ist typisch für den Regisseur.</p>
<p>Es beginnt mit einer höflichen Aussprach zwischen zwei Ehepaaren. Der Sohn des einen Paares hat dem Sohn des anderen auf dem Schulhof zwei Zähne ausgeschlagen. Eine hässliche Geschichte, aber eigentlich keine große Affäre. Zwischen vier vernünftigen Menschen lässt sich das Problem sicher leicht aus der Welt schaffen. Die überlegene Attitüde der Erwachsenen erweist sich aber schnell als anmaßend. Am Ende benehmen sich die beiden Paare schlimmer als Schulhofrabauken: Es wird gegiftet, gebrüllt und geprügelt, ein Handy versinkt in der Tulpenvase. Auch zwischen den Ehepaaren tun sich Abgründe auf: Man verabscheut schon lange und wollte es sich nur nicht eingestehen. „Gott des Gemetzels“ ist ein Film über die Manifestation des Schattens hinter der korrekten Fassade bürgerlicher Ehen. Prügelnde Kinder sind nicht schlimmer als ihre heuchlerischen Eltern – höchstens ehrlicher.</p>
<p>I<strong>st Gott tot?</strong></p>
<p>Das Gottesbild im aktuellen Film erinnert fatal an eine Äußerung von Roman Castevet, dem greisen Teufelsanbeter in Polanskis Klassiker „Rosemary’s Baby“. „Gott ist tot“ sagt Castevet, als Rosemary unfreiwillig den Sohn des Satans geboren hatte. Und auch Dr. Miranda, der Folterarzt aus Polanskis Psycho-Kammerspiel „Der Tod und das Mädchen“ zitiert nur zu gern Nietzsche. Ist es wahr: Gibt es keine guten Gott (mehr), und ist der Antichrist dabei, sich zum eigentlichen Regenten der Welt aufzuschwingen? Und wenn dem so wäre, gibt es dann trotzdem in dieser Schattenwelt Anlass zur Hoffnung? </p>
<p>Wie der Meisterregisseur zu seiner pessimistischen Weltsicht kam, ist heute kein Geheimnis mehr. Als sein Holocaust-Drama „Der Pianist“ 2002 herauskam, sagte Polanski, er hätte ebenso gut seine eigene Lebensgeschichte verfilmen können. Dies hätte er nur psychisch nicht verkraften können. Deshalb verfilmte er die Autobiografie des polnischen Juden und Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman – und gewann seinen längst verdienten Oscar. Ist es legitim, die Biografie eines Künstlers heranzuziehen, um sein Werk zu deuten? Polanski selbst gab 1986 zu Protokoll: „Es ist keine Frage, dass jeder Film eine Art Psychoanalyse ist und irgendwie die Seele des Regisseurs reflektiert.“</p>
<p><strong>Jugend im Schatten Nazideutschlands</strong></p>
<p>Roman Polanski wurde 1933 in Paris geboren. Seine jüdischen Eltern, seine Schwester und er wurden von den Nazi-Besatzern ins Krakauer Ghetto umgesiedelt. Dort musste Roman einmal mit ansehen, wie eine alte Frau, die nicht mehr laufen konnte, von einem deutschen Offizier erschossen wurde. Daraufhin wurde der Junge zum Bettnässer. Seine Mutter kam später in Auschwitz ums Leben, Vater und Schwester überlebten das Konzentrationslager. Der kleine Roman wurde von seinen Eltern im letzten Moment bei einer katholischen Familie im Dorf Wysoka untergebracht. Dort verbrachte er die Jahre zwischen seinem 9. und 13. Lebensjahr – jederzeit in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Misstrauen, Einsamkeit, klaustrophobische Enge, ein tiefer Widerwille gegenüber den unverständlichen Bestimmungen der Staatsmacht – diese Elemente zeigen sich später in vielen seiner Filme. </p>
<p>Während seiner Jahre in Wysoka hatte sich Roman, dessen Eltern keine frommen Juden waren, mit dem katholischen Glauben seiner Ziehfamilie angefreundet. Das ging so weit, dass er sich selbst nicht mehr als Juden betrachtete. Nach dem Krieg wurde ihm aber schnell deutlich gemacht, dass er nicht dazugehörte. Ein katholischer Priester schloss ihn wegen seiner jüdischen Herkunft vom Religionsunterricht aus – für Polanski eine tiefe Verletzung. Später kamen religiöse Gemeinschaften in seinen Werken immer schlecht weg. Sie wurden z.B. in der Darstellung von Satanskulten parodiert. „Ich denke, dass die Religionen generell viel Unheil über die Menschen gebracht haben“, schrieb er 1986. Acht Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft war Roman Polanski wieder ein Verfolgter. Als der Einberufungsbescheid zum Militärdienst eintraf, tauchte er vorübergehend unter. Die demütigenden Rituale des Militärs erinnerten ihn wohl nicht zu Unrecht an den am eigenen Leib erfahrenen Faschismus.</p>
<p><strong>Ekel, Grauen und Groteske</strong></p>
<p>Inzwischen hatte Polanski jedoch seine Leidenschaft für den Film entdeckt. So sammelte er Schnipsel, die ein Filmvorführer aus defekten Filmkopien herausgeschnitten hatte. Er arbeitete als Schauspieler, u.a. in Andrzej Wajdas Film „Pokolenie“ (1955). Bald drehte er eigene Kurzfilme und sein Langfilmdebut „Das Messer im Wasser“ (1962). Mit „Ekel“ (Hauptrolle: Cathérine Deneuve) machte der Jungregisseur 1965 einen gewaltigen Schritt nach vorn. Es war sein Einstieg in das internationale Filmgeschäft. Der Film gehört bis heute zu seinen visuell interessantesten, ein Meisterwerk, das den Filmen Hitchcocks in nichts nachsteht. „Ekel“ porträtiert nicht so sehr die äußere Realität, als vielmehr die innere Welt einer jungen, traumatisierten Frau, die nach und nach in die Psychose abdriftet. Ihre verdrängten sexuellen Wünsche führen dazu, dass sie eine Vergewaltigung imaginiert und mehrere Männer umbringt, die sich ihr nähern wollen. Das Thema Gewalt gegen Frauen war bei Polanski also schon präsent, bevor es in seinen eigenen Leben eine Rolle spielen sollte. </p>
<p>Polanskis erster großer Filmerfolg war dann „Tanz der Vampire“. Auch hier geht es eigentlich um eine Vergewaltigung – symbolisch dargestellt in der Entführung der jungen Sarah durch den Vampir Graf Krolock. Es zeigt sich das Motiv des perversen Zugriffs männlicher Dominanz auf ein weibliches Opfer – Polanskis eigener Schatten, wie man später sehen wird. Der Regisseur, der in dem Film selbst die Hauptrolle des Alfred spielt, karikiert hier außerdem das Milieu des Ostjudentums, verkörpert in dem Wirt „Shagall“ (eine Anspielung auf die Bilderwelt Marc Chagalls). Interessant ist die Gruselgroteske aber vor allem als Allegorie auf den Faschismus, mit dem sich Polanski damals noch nicht direkt auseinandersetzen wollte. Eine diffuse Atmosphäre der Bedrohung herrscht im Dorf, die an die Situation in Polanskis Jugend erinnert. Krolock spricht im englischen Original ein „deutsch“ rollende „R“. Dessen homosexueller Sohn Herbert ist „arisch“ blond, und einer Stelle deutet Krolock mit der Geste eines angedeuteten Hitlergrußes in die Landschaft hinaus.</p>
<p>Am deutlichsten ist die Allegorie auf den Faschismus aber in Gestalt von Graf Krolocks Weltherrschaftsanspruch. Wie ein Virus breitet sich Vampirismus durch Ansteckung in der ganzen Welt aus. Man weiß nie, wer noch vertrauenswürdig, wer schon infiziert ist – ein Bild für den radikalen Vertrauensverlust in einer aus den Fugen geratenen Welt. Das Böse kommt nicht (nur) von außen, sondern scheint in allen Menschen latent zu sein. Juden im Dritten Reich könnten sich gefühlt haben wie Nichtvampire unter Vampiren – jederzeit in Gefahr, entdeckt zu werden. In „Tanz der Vampire“ wird die Enttarnung der Verfolgten symbolisch gezeigt, indem sie (im Gegensatz zu den Vampiren) ein Spiegelbild erzeugen. Der Seelenverlust der Kräfte des Bösen findet im Fehlen eines Spiegelbilds seinen trefflichen Ausdruck.<br />
<strong><br />
Eine Jungfrauengeburt und ein neues Trauma</strong></p>
<p>Die Macht des Bösen triumphiert dann 1968 wieder in „Rosemary’s Baby“, zweifellos einem der besten Horrorthriller, die je gedreht wurden. Das Strukturprinzip des Thrillers ist die Steigerung, die unaufhaltsam auf eine Eskalation zutreibt. Der Verlauf einer Schwangerschaft ist deshalb der ideale Thrillerstoff, denn auch in dieser wächst naturgemäß die Spannung. Polanski erzählt in „Rosemary’s Baby“ die ins Negative verkehrte Geschichte der Geburt Christi. Die junge Heldin ist ein unschuldiges „Gefäß“ für den kommenden Weltenherrscher. Statt des „Heiligen Geistes“ tritt Satan als Erzeuger auf. Sein Bild vermischt sich in einer Traumsequenz mit dem von Rosemarys Mann Guy, der seine Seele längst dem Bösen verschrieben hat. Alles Vertraute verkehrt sich in dem Film ins Bedrohliche und Grauenhafte: auch die freundlichen, etwas aufdringlichen Nachbarn (der Catevets) oder der betuliche Schulmediziner (Dr. Saphirstein). Und wieder wird in einem Polanski-Film eine Frau missbraucht. Die Paranoia ist, wie zuvor in „Ekel“ und später in „Der Mieter“, allgegenwärtig. Im Gegenssatz zu den beiden anderen Film ist die Bedrohung in „Rosemary“ jedoch real: Der Satansbraten wird geboren, die Jüngergemeinde ruft „Heil Satan!“, und Rosemary fügt sich wohl oder übel in ihre Rolle: „Sie ist sein Mutter“. </p>
<p>Eineinhalb Jahre nach der Aufführung dieses Films erlebte Roman Polanski erneut ein schweres Trauma: Seine Frau Sharon Tate, Hauptdarstellerin in „Tanz der Vampire“, wurde von Anhängern des schizophrenen Hippies Charles Manson ermordet. Polanski war abwesend, machte sich jedoch schwere Vorwürfe, zumal die Presse eine „geheime Verbindung“ zwischen dem Mordfall und Polanskis Werk herbei fantasierte. In der Tat ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass insbesondere „Rosemary“ und „Vampire“ den Mörder bei der Auswahl seines Opfers beeinflusst haben könnten. Manson fantasierte damals öffentlich über den Endsieg einer weißen Herrenrasse. Polanski litt entsetzlich, zumal ihm der Tod seiner Frau wie eine Wiederholung der Ermordung seiner Mutter durch die Nazis vorgekommen sein musste.</p>
<p><strong>Vom Opfer zum Täter</strong></p>
<p>Das Weltbild seiner Filme hellte sich infolgedessen nicht gerade auf, wie auch der Filmhit „Chinatown“ mit Jack Nicholson zeigten. Das Thema war wieder eine Vergewaltigung, diesmal der Missbrauch einer Tochter durch ihren Vater. Der Regisseur inszenierte ihn im Kontext eines lichtlosen gesellschaftlichen Universums, in dem die Niedrigkeit triumphiert und der wohlmeinende Detektiv machtlos gegen Windmühlen rennt. Privat war die Phase der Trauer um Sharon Tate für Polanski mit dem verzweifelten Versuch verbunden, sich zu zerstreuen. Er feierte in dieser Zeit wilde Partys, hatte viele Frauen, vor allem junge. Der psychoanalytisch orientierte Polanski-Biograf Andreas Jacke schreibt: „Seine Fixierung auf sehr junge Mädchen hängt vermutlich mit der Angst davor zusammen, wieder eine feste Bindung zu einer erwachsenen Person einzugehen.“ </p>
<p>1977 gipfelte diese „Phase“ in einem Geschlechtsverkehr mit dem nur 13 Jahre alten Fotomodell Samantha Geimer. Polanski gab damals an, der unter Drogeneinfluss vollzogene Sex sei einvernehmlich gewesen. Außerdem habe das Mädchen älter ausgesehen. „Nichts im Leben hatte mich auf den Gedanken vorbereitet, man könnte in mir einen Verbrecher sehen.“ Genau das taten Justiz und Presse jedoch. Auch geschürt durch Polanskis mangelnde Einsicht, wurde der Starregisseur für lange Zeit zum öffentlichen Buhmann. Nach 42-tägiger Untersuchungshaft flüchtete Polanski aus den USA. Obwohl er schuldig war, stellte der Status des Flüchlings, die anhaltende Angst vor dem Gefängnis, doch eine Retraumatisierung dar, die an sein Jugendschicksal anknüpft. Noch in „Der Ghostwriter“ (2010) zeigte Polanski einen englischen Expolitiker (Pierce Brosnan), der fürchten muss, in fast jedem Land der Erde verhaftet zu werden.</p>
<p><strong>Die Suche nach Vergebung</strong></p>
<p>Polanskis Flucht war, im Nachhinein betrachtet, ein zweifelhaftes, aber faszinierendes Experiment. Zu Recht misstraute er wohl dem staatlichen „Strafanspruch“, der Fähigkeit des Justizapparats, tatsächlich Gerechtigkeit herzustellen. Polanski fühlte sich sehr wohl schuldig, wie mehrere seiner weiteren Werke zeigten. Er verurteilte sich jedoch zu „Bewährung“ und inszenierte seine Filme wie eine künstlerische „Buße“. Gerade in „Tess“ und „Der Tod und das Mädchen“ zeigt er mit beispielhaftem Mitgefühl die traumatisierenden Folgen der Gewalt von Männern an Frauen. Mit „Der Pianist“ schien der Regisseur dann die Vergebung der Weltöffentlichkeit erlangt zu haben – und seine eigene. Denn das erschütternde Drama über die Flucht eines Musikers im Warschauer Ghetto lenkte das Mitgefühl – nach vielen Filmen über Frauen als Opfer – endlich auch auf den Regisseur selbst.</p>
<p>Holocaust-Überlebende erfahren in offiziellen Verlautbarungen normalerweise viel Zuspruch. Ihr Leiden ist allgemein als sehr schwerwiegend anerkannt. Ebenso wie das Schicksal von Menschen, die einen Ehepartner durch Mord verloren haben. Was aber, wenn einer der Überlebenden nicht auf „korrekte“ Weise traumatisiert ist? Wenn sich das erlittene Böse nicht (nur) in Depression, sondern in überschiessender Lebensgier ausdrückt – oder in einem Gewaltakt, der den Schmerz für kurze Zeit betäubt, indem er ihn an einen unschuldigen Dritten weitergibt? Polanskis Verhalten gegenüber Geimer scheint nicht vollständig entschuldbar. Trotzdem zeigt der Fall, wie schwierig das Urteil über einen Menschen ist, dessen Leben wir nicht gelebt haben. Samantha Geimer, das Opfer, zeigte jedenfalls Größe. Sie sagte schlicht: «Menschen machen Fehler».</p>
<p><strong>„Tess“ – ein Film als Buße</strong></p>
<p>Auch künstlerisch hatten die seelischen Erschütterungen rund um Polanskis Verhaftung jFolgen. Er verzichtete fortan auf surrealistische Elemente in seinem Werk, insbesondere auf die Darstellung psychotischer Charaktere. Dergleichen belastete ihn wohl jetzt zu sehr. In „Tess“, dem ebenso romantischen wie schonungslosen Romanklassiker von Thomas Hardy, fand er den idealen Stoff, um seine eigenen Dämonen zu zähmen. Seine ermordete Frau hatte ihn das Buch ans Herz gelegt – Sharon Tate, die übrigens im Alter von 17 Jahren vergewaltigt worden war und die Hauptrolle in dem Film gern selbst gespielt hätte. In „Tess“ wird die junge, unschuldige Protagonistin von einem älteren Verwandten missbraucht. Die Vergewaltigungsszene ist in Buch und Film in einen Nebel getaucht – ähnlich wie Polanskis Verkehr mit Samantha Geimer. „Tess“ (1979) zeigt das Urböse, das auch dem Faschismus zugrunde liegt: das Verbrechen gegen den freien Willen des Individuums. Und er zeigt die traumatischen Folgen der Tat, von der die junge Frau bis zu ihrem Ende verfolgt wird: ausgestoßen, verängstigt, voll Sehnsucht nach der verlorenen Reinheit, nach Liebe. Tess wird zuletzt selbst zur Mörderin, indem sie ihren Peiniger tötet. Als indirekte Folge der Vergewaltigung verliert sie nun den letzten Rest ihrer Unschuld. Vielleicht fühlte sich das Nazi-Opfer Polanski ähnlich: unschuldig-schuldig. </p>
<p>Später gab der Regisseur zu Protokoll, dass „Tess“ der erste Film sei, der seine tiefsten Gefühle ausdrücken würde. Ein anderes Thema des Films scheint ihn bis in die Gegenwart zu verfolgen. Wie bekannt ist, wurde Polanski 2009 von Schweizer Behörden verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Für den Künstler, der sich weltlicher Justiz entzogen und eine eigene „innere Gerichtsverhandlung“ inszeniert hatte, bedeutete das Ereignis, dass er von seinem Schatten eingeholt wurde. Aber wer gab den Behörden, also Fremden, das Recht, einen Fall wieder aufzurollen, mit dem Täter wie Opfer ihren Frieden geschlossen hatten? So gesehen gleichen die staatlichen Racheengel einer Figur aus „Tess“ mit dem verräterischen Namen Angel Claire – einem Mann, der sich weigert, seinen eigenen Schatten zu erkennen und deshalb auf der „befleckten Ehre“ seiner Braut Tess unbarmherzig herumhackt. Die Unfähigkeit der „Guten“ zu vergeben, zeigt Polanskis Meisterwerk, besitzt die Macht, einen Menschen zu zerstören. </p>
<p><strong>Und wieder Sex und Gewalt</strong></p>
<p>In seinen wichtigsten Filmen der folgenden Schaffensperiode bleibt das Thema Sex im Zusammenhang mit Gewalt und Demütigung präsent. „Bitter Moon“ (1992) zeigt die umfassbare psychische Grausamkeit eines Mannes und einer Frau, die einander zugleich in sexueller Abhängigkeit verbunden sind. Emmanuelle Seigner, die Polanski kurz zuvor geheiratet hatte, spielt die Hauptrolle, Peter Coyote ihren Mann, der – später in den Rollstuhl gefesselt – von ihr bis aufs Blut gequält wird. Das von dunkler Begierde beherrschte Paar wirkt zugleich wie der Schatten eines zweiten Paares (Hugh Grant und Kristen Scott Thomas), das in zivilisierter, jedoch matter Liebesfreundschaft miteinander verbunden ist.</p>
<p>Mit „Der Tod und das Mädchen“ (1994) thematisiert Polanski den Ursprung seines Traumas, den Faschismus, dann erstmals explizit. Paulina (Sigourney Weaver) glaubt in einem Besucher ihres Gatten (Ben Kingsley) den Mann wieder zu erkennen, der sie vor Jahren auf Befehl einer südamerikanischen Diktatur folterte und missbrauchte. Die Frage ist nun, ob Rache eine Lösung darstellt, ob die Folgen des Traumas ausgelöscht werden können, indem sich das Opfer dem moralischen Niveau des Täters nach unten angleicht. Im Gegensatz zu Tess entscheidet sich Paulina gegen die Rache: „Durch ihre Aggressivität versucht sie zwar zunächst, das Trauma abzureagieren, indem sie die Rollen verkehrt, aber dieser Weg führt sie nicht weiter, da er das Geschehene nicht zurücknehmen kann und dessen negativen Einfluss nur verstärkt“ (Andreas Jacke). Wie in „Chinatown“ kommt es also zu keiner „befriedigenden“ Auflösung – etwa einer Bestrafung durch eine vermeintliche omnipotente Justiz. Nichts kann das Geschehene ungeschehen machen, Opfer und Täter müssen als Teil derselben Gesellschaft nebeneinander weiterleben.</p>
<p><strong>Erlösung durch die Kunst</strong></p>
<p>Welche Hoffnung bleibt also in einem filmischen Kosmos, der kein Happy End zuzulassen scheint? Die Antwort gibt „Der Pianist“ in einer sehr bewegenden Sequenz. Ein Nazi-Hauptmann befielt Szpilmann, ihm eine Chopin-Ballade auf dem Klavier vorzuspielen. Der Offizier ist so beeindruckt, dass er den Pianisten leben lässt. Die durch Krieg und Faschismus verursachten monumentalen Verwüstungen sind durch diesen privaten Akt des Mitgefühls nicht ausgelöscht. Die Musik spiegelt aber das unauslöschliche Potenzial der menschlichen Seele, die Sehnsucht nach einer Seinsform, die über Gewalt und Niedrigkeit hinausweist. Es gibt immer nur Inseln der Menschlichkeit, die für Augenblicke wärmen können. Sie lassen aber durch den Kontrast die Absurdität und Schäbigkeit des Unmenschlichen noch stärker hervortreten. Nicht zuletzt zeigt die Schlüsselszene aus der Pianist, wie Traumata bearbeitet werden können: mit den Mitteln der Kunst.</p>
<p>Um dies glaubwürdig umzusetzen, bedurfte es aber eines Regisseurs, der Opfer- und Täterrolle, Licht und Schatten in seiner eigenen Seele vorgefunden und verarbeitet hat. „Der Gott des Gemetzels“ und der Gott der Liebe, sie sind zwei Aspekte der erlebten Realität. Sie in scharfen, schmerzhaften wie faszinierenden Kontrasten auf die Leinwand gebannt zu haben, ist Polanski wie nur wenigen anderen Künstlern gelungen.</p>
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		<title>Engagierte Spiritualität</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 12:48:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik (Ausland)]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7490" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat-150x150.jpg" alt="" title="ThichNhat" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-7490" /></a><p class="wp-caption-text">Thich Nhat Hanh</p></div>Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: Ich wiederhole hier einen Artikel aus dem Jahr 2006, auch um Fragen zu beantworten, die in letzter Zeit von Lesern kamen: ob wir nun unter die esoterischen Wirrköpfe gegangen seien oder noch politische Kämpfer, wie es sich gehört. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-7489"></span></p>
<p>Politik und Spiritualität – geht das zusammen? In einer säkularisierten Gesellschaft verbinden viele mit spirituell inspirierter Politik eher Horrorvorstellung. Die jahrtausende alte unheilige Allianz von Thron und Altar kommt ins Blickfeld, Kirchensteuer und das Prinzip „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Man kann dabei auch an den betenden George Bush denken, an den islamischen „Gottesstaat“ der Ayatollahs oder eine „christlich-soziale“ Politik, die mit „christlich“ und „sozial“ ungefähr so viel zu tun hat, wie das Orwellsche „Wahrheitsministerium“ mit der Wahrheit.</p>
<p>Ich selbst habe mich, was spirituelle Politik betrifft, vor einigen Jahren eher als Spötter hervorgetan und in einer Satire das Zerrbild einer esoterischen Partei entworfen. „Sozialhilfe abschaffen, der Reichtum ist in dir“ lautete der Slogan dieser imaginären Partei. Auf den Sozialämtern wurden statt Geld Positiv-Denken-Ratgeber ausgegeben, die den „Weg vom Mangelbewusstsein zum Füllebewusstsein“ aufzeigen sollten. Außerdem war jene Partei von einem antidemokratischen Elitarismus beseelt: „Es kann keine Gleichheit der Rechte geben zwischen uralten Seelen und solchen, die noch im Stadium der Kindheit verharren“. Völlig aus der Luft gegriffen war meine Satire leider nicht. Sie war einer Realität abgelauscht, in der Extrem-Esoteriker sogar so weit gehen, Armut, Hunger und Holocaust als pränatal frei gewähltes (karmisches) Schicksal zu bezeichnen.</p>
<p><strong>Wer spirituell ist, muss politisch sein</strong></p>
<p>Über „rechte Esoterik“ gibt es eine Reihe von Veröffentlichung, z.B. von Roman Schweidlenka oder von der streitbaren Ex-Grünen Jutta Ditfurth („Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-) Faschismus und Biozentrismus“). Diese Aufklärungsarbeit hat, obwohl sie leider in vielen Fällen mit Polemik und eher schikanösen Argumentationsmustern arbeitet, durchaus ihrer Verdienste. Ein waches Bewusstsein gegenüber den Gefahren einer „rechten“, inhumanen oder autoritär-faschistoiden Esoterik ist immer geboten. Dennoch habe ich mich als Redakteur des spirituellen Monatsmagazins „connection“ fünf Jahre lang vehement dafür eingesetzt, dass es zu einer Zusammenarbeit der „feindlichen“ Brüder Spiritualität und Politik kommen möge. „Wer spirituell ist, muss meines Erachtens politisch sein“, schrieb ich 2003. Und umgekehrt: „Allzu lang haben wir die Politik Menschen ohne spirituelles und ethisches Fundament überlassen  – und dementsprechend sieht unsere Welt heute aus.“</p>
<p>Wie komme ich zu solchen Aussagen? Mit großem Interesse habe ich erst unlängst eine Textpassage des Dalai Lama gelesen, in der dieser ähnlich argumentiert: „Es gibt eine philosophische Meinung, die Moralisten davor warnt, sich in Politik einzumischen, weil diese der ethischen und moralischen Grundsätze entbehre. Diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge, denn eine Politik ohne ethische Grundsätze dient nicht dem Wohl und Nutzen des Menschen.“ Und weiter: „Man hört des öfteren von spirituellen Menschen, dass sie die Vermischung von Politik und Religion mit Sorge erfüllt, da sie eine Verzerrung der Ethik durch Politik und dadurch eine Verunreinigung der Religion befürchten. Solche Überlegungen sind nicht nur selbstsüchtig, sondern auch in sich widersprüchlich. Alle Religionen sind ja dazu da, dem Menschen zu dienen und zu helfen, und mit jeder Abgrenzung von Religion gegen Politik gibt man ein machtvolles Instrument preis, das im Sinne des sozialen Wohlergehens der Menschen wirken soll.“<br />
<strong><br />
Hat der Weg ein Herz?</strong></p>
<p>Der Dalai Lama oder auch Mahatma Gandhi können durchaus als ermutigende Beispiele für eine Verbindung politischen Einflusses mit spiritueller Tiefe gelten. Auch das soziale Engagement von Persönlichkeiten wie Franz von Assisi oder der zeitgenössischen „Kuschelmeisterin“ Amma (Mata Amritanandamayi), die für unzählige karitative Hilfsprojekte in aller Welt verantwortlich zeichnet, kann kaum geleugnet werden. Dass es ebenso viele – wenn nicht mehr – Gegenbeispiele für misslungene „polit-spirituelle“ Experimente gibt, will ich nicht bestreiten. Die Frage ist nur welche Schlüsse wir daraus ziehen und welche Tendenz wir künftig fördern wollen: eher die strikte Trennung der beiden Welten oder den Versuch einer Annäherung, eines wachsenden gegenseitigen Verständnisses.</p>
<p>Zunächst müssen wir sauber trennen zwischen Religion (dem institutionalisierten, durch Schriften, Priester und Organisationen vermittelten Gottesbezug) und Spiritualität, einer Form von Geistigkeit, die ihren Sitz im Inneren des einzelnen Menschen selbst hat. Religion begrenzt uns, weil sie versucht, uns in ein – vermeintlich gottgegebenes und somit unantastbares – Ordnungssystem einzubinden. Spiritualität dagegen befreit, weil sie uns mit unserem innersten Selbst in Kontakt bringt, das uns in dem Maße, wie wir es erschließen, von allen weltlichen Bindungen unabhängig macht. Wir müssen ebenso zwischen Esoterik (Geheimwissen, beschränkt auf einen „inneren Kreis“) und Exoterik (nach außen hin praktizierte Religion) unterscheiden. Und schließlich müssen wir uns fragen: Wer praktiziert einen bestimmten spirituellen Weg und wie geschieht dies? Wird ein Schritt in Richtung Befreiung gegangen oder in Richtung „selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Immanuel Kant), fördert Spiritualität einen mitfühlenden und unterstützenden Umgang mit anderen Wesen oder verhärtet sie uns, führt uns zu einem vielleicht lediglich egozentrischen Erleuchtungsstreben? Mit einem Wort des spirituellen Kultautors Carlos Castaneda könnte man all diese Fragen so zusammenfassen: Hat der Weg ein Herz?<br />
<strong><br />
Hitlers vernünftelnde Erben</strong></p>
<p>Diese Frage für die Gesamtheit spiritueller Wege und Bekenntnisse pauschal mit „Ja“ oder auch mit „Nein“ zu beantworten wäre Unsinn. Autorinnen und Autoren wie Jutta Ditfurth haben sich auf Auswüchse „rechter“ Esoterik eingeschossen und damit sicherlich eine beachtenswerte Teilwahrheit, aber eben nur eine Teil-Wahrheit erfasst. Gerade auf Seiten der Linken hängt dieser anti-spirituelle Reflex vielleicht mit einem Phänomen zusammen, das Wolfgang Schmidt-Reinecke das neudeutsche Irrationalitätstrauma nennt. Schmidt-Reinecke argumentiert, die Nazis hätten „für Generationen das spirituelle Klima in Deutschland vergiftet“. „Die innerhalb einer tiefen Seelenschicht vorgenommene Verwechslung der nationalsozialistischen Ideologie mit spirituellen Idealen führte mit dem Untergang dieser Ideologie bei einer Mehrheit der Deutschen zwangsläufig auch zur Verdrängung spiritueller Orientierungen.“ Vereinfacht gesprochen besagt diese Theorie folgendes: Weil sich die Nazis in missbräuchlicher Weise okkulter spiritueller Gedanken und Symbole bedient haben, suchen wir unser Heil seither nur noch in staubtrockener wissenschaftlicher Rationalität. Weil seit 1945 alles Pathetische, Irrationale und Mystische „pfui“ ist, haben wir gleichsam einen Teil unserer Seele amputiert und uns auf eine korrekte, aber im Grunde verarmte Existenzform reduziert: als Hitlers vernünftelnde Erben.</p>
<p>Auch dies ist vermutlich nur eine Teilwahrheit, denn die Furcht vor den der eigenen Seele innewohnenden Untiefen – vor dem eigenen „Schatten“ ebenso wie vor einem möglicherweise das Vorstellungsvermögen übersteigenden „Licht“ – ist sicher älter als das Faschismustrauma. Treffend beschreibt der Journalist Geseko von Lüpke in der Zeitschrift „connection“ das Unbehagen der politisch Aktiven, speziell der „linken“ Szene, gegenüber allem Spirituellen: „Das Misstrauen der Politik gegenüber der Religion ist uralt und hat gute Gründe. Historisch war der religiöse Weg zuerst immer ein Weg des Rückzugs aus der Welt, der Suche nach innen, des individuellen Friedens und der letztlich unpolitischen Zufriedenheit im Alleinen. Deshalb war Religion für Lenin ‚Opium fürs Volk’. Sie machte passiv, züchtete gut zu regierende, anpassungsfähige Streber nach dem Paradies, nicht aber stolze, konsequente, kreative und unbeugsame Aktivisten für den Kampf um soziale Gerechtigkeit. (…) Das Religiöse wurde damit zum Werkzeug der Macht, zum Ausdruck des Unpolitischen selbst. Aufklärung, die Freiheit der Gedanken, politische Bewusstheit, Demokratie und Sozialismus mussten sich mühsam durch einen Brei religiöser Entmündigung und gläubig-schicksalsgläubiger Apathie kämpfen, der wie Klebstoff das eigenständige Denken verhinderte.“</p>
<p>Von Lüpke beschreibt ausführlich die tatsächlich „rechtslastigen“ Phänomene innerhalb der spirituellen Szene wie etwa „fremdenfeindliche ‚Öko’-Konzepte, reaktionäre Heimatverbundenheit, nationalistisch verbrämtes ‚Stammesbewusstsein’, autoritäre, ‚germanische’ Erdrituale und der Ruf nach einer ökologischen Bewusstseinsreform hin zum ‚Reinen, Schönen und Wahren“ Er wendet sich aber auch gegen Vorurteile innerhalb der „linken“ und der Ökoszene, die alle Ansätze von Spiritualität (wie es sie in der Hippie- und der beginnenden Grünen-Bewegung durchaus gab) als „abtrünnig, weltfremd und versponnen“ abkanzeln. Geseko von Lüpke schließt seinen Aufsatz: „Spiritualität kann Politik befruchten, und Politik kann zur spirituellen Praxis werden. Die alten Trennungen sind aufgehoben, die Grabenkämpfe können eingestellt werden. In Zukunft wird es darum gehen, den spirituell Suchenden dabei zu helfen, die inneren Reformen ins Außen zu tragen und die Aktivisten dabei zu unterstützen, die Reform der Welt im Innen zu verankern.“</p>
<p><strong>Mystik – nichts für „Diesseits-Drückeberger“</strong></p>
<p>Ist er da nicht allzu optimistisch? Ich möchte zeigen, dass Spiritualität, wie ich sie verstehe, ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch ist – also „links“, wenn man es etwas vereinfacht ausdrücken will. Eine solche Spiritualität macht Lust und ist mit jeder Art sozialen, ökologischen und politischen Engagements mehr als nur vereinbar, sie legt dieses Engagement sogar nahe. Spiritualität, wie ich sie hier verstehe, kann beinahe synonym mit einem anderen Begriff verwendet werden: Mystik.<br />
Auch mit „Mystik“ wird oft das Bild vom Studierzimmer-Eremiten oder vom meditierenden Weltflüchtling und Diesseits-Drückeberger verbunden. Dieses Bild kommt nicht von ungefähr, und möglicherweise hat die (missverstandene) Geschichte des Buddha ihren Anteil daran. Der junge Buddha verließ den Palast, in dem er aufgewachsen war und sah das Elend der Welt. Er suchte einen Weg zur Befreiung vom Leiden – und war tat er? Er setzte sich unter einen Baum und meditierte. Während Jesus viele Kranke, die ihm begegneten, heilte, wandte sich der Buddha zunächst vom Anblick des Leidens ab und ging nach innen. </p>
<p>Es besteht kein Zweifel, dass Buddha der Menschheit einen großen Schatz an spiritueller Weisheit hinterlassen hat. Das Problem ist jedoch, dass sein Vorbild weitreichende Auswirkungen hatte auf unser Bild davon, was einen spirituellen Menschen ausmacht. Derselbe Buddha war es, der seine Jünger ermutigte, ihre Familien zu verlassen, um sich ganz dem eigenen Erleuchtungsweg zu weihen. Erleuchtungs-Egoismus? Jedenfalls taucht ein sehr nahe liegender Einwand auf: Wenn wir alle eins sind, wie viele Weisheitslehrer behaupten, warum dann nur nach innen gehen? Warum nicht auch für eine Familie sorgen, einen Baum pflanzen, Gemeinschaften gründen und die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen verbessern helfen?</p>
<p>Natürlich ist die Lehre des Buddha geduldig und vieldeutig wie die Jesu. Auch Jesus forderte seine Jünger, z.B. Petrus, auf, ihre Berufe und Familien liegen und stehen zu lassen und ihm zu folgen. Er argumentierte aber auch, man solle sich zuerst mit seinem Nächsten versöhnen, bevor man seinem Gott im Gebet begegne. Es kommt darauf an, was wir in den Schriften lesen und was wir aus ihnen machen wollen. Ein weiser und glaubwürdiger Wanderer zwischen den (spirituellen) Welten ist der Benediktiner-Pater und Zen-Eingeweihte Willigis Jäger, dem nach Meinungsverschiedenheiten mit der katholischen Mutterkirche das Recht entzogen wurde, Sakramente zu spenden und öffentlich zu lehren. Jäger meint, dass dem Zen, so wie es heute gelehrt wird, ein sozialer Akzent fehle. „Wir haben meiner Meinung nach vergessen zu sagen: du hast eine soziale Verantwortung. Du hast nicht nur die Aufgabe, die Menschen in die Erlösung, in eine tiefere Einsicht zu führen, du hast auch die Aufgabe dich auf dem sozialen, dem gesellschaftspolitischen Gebiet zu engagieren. Das ist die Erkenntnis, die wir als Westler auch dem Zen – den östlichen Wegen ganz allgemein – hinzufügen können und sollen.“</p>
<p><strong>Unser größeres Selbst</strong></p>
<p>Willigis Jäger sagt, dass jedes Teil und auch jedes Einzelwesen seinen Sinn durch die Verbindung zum Ganzen erhält: „Erkennen und erfahren, dass wir eins sind –daraus kommt eigentlich alle Ethik. Die Ethik kommt nicht aus ‚du sollt, du musst oder du darfst nicht’. Sie kommt aus dieser Erfahrung der Einheit heraus. Wenn ich die Not des Anderen als meine Not erfahre, dann tue ich gleichsam etwas für mich, wenn ich dem Anderen helfe.“ Mystik, so könnte man schlussfolgern, ist ihrem Wesen nach sozial; religiöse Institutionen sind es nicht unbedingt, weil sie häufig auch mit einer Rhetorik der Ausgrenzung gegenüber den „Nicht-Dazugehörigen“ oder „Nicht-Linientreuen“ arbeiten. Da Mystik der innere, dem unmittelbaren Erleben entspringende Kern aller Religionen ist, soll hier auch kein bestimmtes religiöses Bekenntnis auf Kosten eines anderen hervorgehoben werden. Soziale und nicht-soziale Strömungen können sich vielmehr vor jedem kulturellen und religiösen Hintergrund entfalten.</p>
<p>Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat beispielsweise eine moderne Spielart des engagierten Buddhismus entwickelt, die mit Weltabgewandtheit nichts zu tun hat. Seine Argumente lehnen sich eng an die Schriften des Religionsgründers und dessen Lehre vom „Nicht-Selbst“ an. Was der Mensch sein „Selbst“ nennt, ist nach Buddha durchdrungen von Elementen des „Nicht-Selbst“ – etwa Wasser, Luft, pflanzliche und mineralische Strukturen sowie Bewusstseinsströmungen, die nicht seiner (eigentlich nur illusionären) Persönlichkeit angehören. Thich Nhat Hanh nennt diese Erkenntnis „die Lehre des gegenseitigen Sich-Durchdringens, des Zusammenseins (interbeing). Man kann nicht einfach nur sein, man muss mit sein, von allem durchdrungen“. Von Thich Nhat Hanh stammt auch der schöne Satz: „Wir müssen beginnen, die Erde in uns weinen zu hören.“ Er entwirft ein ganz anderes Bild von einem religiösen Menschen: „Wenn die Erde dein Körper wäre, könntest du viele Bereiche wahrnehmen, an denen sie leidet. Viele Menschen sind sich des Leidens der Welt bewusst, und ihre Herzen sind voller Mitgefühl. Sie wissen, was getan werden muss. Sie setzen sich auch politischer, sozialer und ökologischer Ebene ein, um die Zustände zu verändern.“</p>
<p><strong>Soziale Mystik</strong></p>
<p>Den Begriff der „sozialen Mystik“ benutzt ganz explizit auch die US-Amerikanerin Joanna Macy, bekannt als die große alte Dame der Tiefenökologie. Joanna Macy spricht vom Modell eines „Ökologischen Selbst“, wodurch das herkömmliche Bild vom „hautverkapselten Ego“ aus den Angeln gehoben werde. Dadurch werde auch der Begriff des „Eigennutzes“ um eine entscheidende Dimension erweitert. Man kann nicht einen Baum fällen, ein Tier quälen oder einen Moorsee verseuchen, ohne dadurch zugleich seinem erweiterten Selbst zu schaden, seinen eigenen erweiterten „Körper“ zu verletzen. Die Empfindung, dass die Erde unser Körper ist, entspricht der hinduistischen Erkenntnis „Tat tvam asi“ (Wörtlich: „das bist Du“, Leitsatz der Upanishaden, heiliger Schriften der Hindus). Was immer du vor dir siehst, meint dieser Satz, ist nicht von dir getrennt, du bist es selbst.</p>
<p>Was spirituell inspirierte Politik bedeuten könnte, ist – in allgemeinen Worten gesagt – ziemlich einfach. Sie würde in allen ideologischen und konkreten Fragen die geistig-spirituelle Innenseite der Dinge berücksichtigen, sozusagen ihre Seele. Tiefenökologie z.B. unterscheidet sich vom herkömmlichen Umweltschutz dadurch, dass sie in der Natur einen göttlichen Geist erkennt. Die Natur besitzt somit eine Würde jenseits ihres Nutzwertes und ist mehr als nur eine hübsche Kulisse für menschliches Handeln. Vor allem ist sie nichts, was vom Menschen grundsätzlich verschieden wäre. Was schützt denn der Umweltschützer? Sich selbst, denn er ist die Natur, und beide – die Natur wie der Mensch – sind Teile des göttlichen Ganzen.<br />
<strong><br />
Tiefenökologie, Tiefenpolitik?</strong></p>
<p>Natürlich könnte man an dieser Stelle auch das Wort „göttlich“ weglassen. Es genügt die Erkenntnis, dass alle Phänomene, alle Lebewesen im Universum untereinander zu einem allumspannenden Netz verwoben sind. Wozu braucht es da Gott? Das ist eine weit reichende Frage, mit deren Beantwortung man Bücher füllen könnte. Gewiss kommt man ohne den Begriff eines persönlichen Gottes aus – eine solche Begriffswahl ist Glaubenssache –, kaum aber ohne ein Prinzip wie „Geist“ oder „Bewusstsein“. Wer den Geist leugnet, gleicht jenem außerirdischen Wissenschaftler, der eine CD mit Werkzeugen zerhackt und dann beklagt, er habe nirgendwo Musik gefunden. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber nennt philosophische Richtungen, die ein Netz bzw. System des Lebens postulieren, ohne eine entsprechende geistige Tiefendimension hinzuzufügen, „Flachland“. Und „flach“ ist gewiss nicht nur die politische Landschaft in Wilbers Heimat, den USA.</p>
<p>Tiefenökologie ist Ökologie aus einem mystischen Weltbild und mystischen Erleben heraus. In ähnlicher Weise kann es auch Tiefenpolitik – z.B. Tiefenaußenpolitik und Tiefensozialpolitik – geben. Von einem mystischen Standpunkt aus gesehen, kann ich nicht Krieg gegen ein anderes Land führen, weil der Andere, den ich angreife und töte, nicht von mir getrennt ist. Tat tvam asi, das bin ich selbst. Analog dazu werde ich keinen meiner Mitmenschen ausbeuten wollen, denn als Ausbeuter bin ich mit dem Ausgebeuteten energetisch verbunden. Man sieht also, dass ernst gemeinte Spiritualität oder Mystik enorme politische Konsequenzen hätte. Der Teufel steckt mit Sicherheit auch hier im Detail, aber ich habe nicht den Eindruck, dass mit mystisch inspirierter Politik bereits in so großem Stil experimentiert wurde, dass man schon jetzt von ihrem Scheitern sprechen könnte.</p>
<p><strong>Wozu überhaupt Spiritualität?</strong></p>
<p>Spiritualität ist nicht „automatisch“ links, auch nicht notwendigerweise solidarisch, befreiend, bewusstseinserweiternd. Man hat mit dem „mystischen“ Argument, der Einzelne finde seine Bestimmung hauptsächlich im Kontext eines größeren Ganzen, auch schon militärische Formalausbildung und Marschkolonnen gerechtfertigt. Es macht aber keinen Sinn, das „Kind“ der Spiritualität mit dem „Bade“ gewisser rechts-esoterischer Extrempositionen auszuschütten. Wozu überhaupt Spiritualität? lautet die Kernfrage. Genügt nicht ein allgemeines Gespür für Humanität und für das, was „anständig“ wäre im Kontext des politischen Handelns? Für viele Menschen sicher. Ich kann hier nur erklären, warum ich Spiritualität für mich selbst nicht missen möchte.</p>
<p>Spiritualität zeigt uns, dass wir nicht bloß ein Stück Treibholz auf dem See sind, sondern der See selbst – bis hinunter in seine unergründeten Tiefen. Spiritualität zeigt uns (uns zwar durch direktes Erleben, nicht nur durch theoretische Belehrung), dass wir mit einem potenziell unendlich großen Bewusstseinsraum verbunden sind, der zur Erschließung ansteht. Spiritualität überschreitet und durchbricht Grenzen: solche der politischen und gesellschaftlichen Systeme wie auch solche des Denkens und Erlebens. Es ist die Sehnsucht des Wassertropfens nach dem Meer. Es ist die Sehnsucht des in die Körperlichkeit und in die Begrenzungen des gesellschaftlichen Massenbewusstseins Verbannten nach dem „Mehr“. Dieselbe Sehnsucht kann uns in Meditations-Retreats führen, in denen es hoch diszipliniert zugeht – oder zur ausschweifenden Entgrenzung, zu Sex, Drugs und Rock n’Roll.</p>
<p><strong>Jenseits der Sachzwänge</strong></p>
<p>Spiritualität löst uns aus unseren Verpflichtungen zur Konformität heraus und führt uns in den innersten Raum intimer Zwiesprache mit dem „Selbst“. Wer dort angekommen ist und sein Verbundenheit mit Allem erfahren hat, wird der Welt vielleicht gar nicht mehr entfliehen wollen, sondern den Wunsch verspüren, sich liebend, leidend, mitfühlend und helfend in sie hinein zu verströmen. Ein solcher Mensch wäre wahrscheinlich ein sehr guter „Politiker“, denn er wäre nicht mehr so leicht manipulierbar, blendbar, erpressbar. Er hätte ja das Eigentliche gefunden, an dem gemessen jedes Surrogat blass erscheint, mag es nun um Macht oder Mandate gehen, um Privatjet, Pressepräsenz oder Politbarometer – oder um das zufriedene Zunicken von Börsianern und Konzernchefs, die ihm bescheinigen, wie brav er wieder mal Wachstum, Profit und Ordnung hoch gehalten hat. Wer dem „Herrn“ lieber dient als dem „Mammon“ und Gott mehr gehorcht als den Menschen, wer diesen „Herrn“ überdies als einen inneren Gott begreift, der als leise, aber vernehmliche Stimme in unserem Herzen zu uns spricht, der könnte sich als ein höchst unbequemer, anarchischer, jenseits vordergründiger Sachzwänge freier Zeitgenosse erweisen. Die alte Ordnung müsste sich in Acht nehmen vor solchen „Polit-Spirituellen“, sie hätten mit den domestizierten Kirchenschäflein, die Paulus zufolge „der Obrigkeit untertan“ sein müssen, nicht mehr viel gemein.</p>
<p>Lohnt sich da für politisch Aktive, die mit der Spiritualität bisher nichts am Hut hatten, nicht ein zweiter Blick? Man „muss“ als Linker natürlich nicht spirituell sein, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn eine anti-spirituelle Haltung nicht mehr automatisch als zur mentalen Grundausstattung der „modern“ und „sozial“ Denkenden gehörig betrachtet würde. Ich halte mich da an Joanna Macy. Nach ihrer Meinung ist es von enormer Bedeutung, „die herkömmlichen Paradigmen loszulassen, wonach die Welt entweder ein Schlachtfeld mit den Siegen einzelner ist oder eine Falle, der wir mit der ersehnten Erleuchtung entfliehen sollten.“</p>
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		<title>2012 – auf der Schwelle</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 07:20:30 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir dürfen hoffen, aber noch nicht ruhen, denn das kommende Jahr wird heftig. Auch wenn sich esoterische Prophezeiungen nicht bewahrheiten, dürfte 2012 durch beschleunigte Entwicklungsprozesse geprägt sein, durch Eskalation und Enthüllungen. Während die Untauglichkeit der alten Systeme überdeutlich wird und sich die Wut der Missbrauchten in Protesten entlädt, baut eine Avantgarde schon an den Modellprojekten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7389" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/maya-kalender.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/maya-kalender-300x290.jpg" alt="" title="maya-kalender" width="300" height="290" class="size-medium wp-image-7389" /></a><p class="wp-caption-text">Maya-Kalender</p></div>Wir dürfen hoffen, aber noch nicht ruhen, denn das kommende Jahr wird heftig. Auch wenn sich esoterische Prophezeiungen nicht bewahrheiten, dürfte 2012 durch beschleunigte Entwicklungsprozesse geprägt sein, durch Eskalation und Enthüllungen. Während die Untauglichkeit der alten Systeme überdeutlich wird und sich die Wut der Missbrauchten in Protesten entlädt, baut eine Avantgarde schon an den Modellprojekten einer neuen Wirklichkeit. (Roland Rottenfusser)<span id="more-7387"></span></p>
<p>Das Jahr 2012 hat schon begonnen, genauer gesagt am 11.11.2011. Kein Faschingsscherz! Etwa 400 Menschen aus aller Welt sind aus diesem Anlass in die peruanische Andenregion, nahe dem Titicacasee, gereist, um eine einzigartige Zeremonie zu begehen. Sie findet nahe einer eindrucksvollen Felsformation statt, die «Gottes Tor» genannt wird – der Legende nach die Pforte in eine andere Dimension. Peruanische Priester sind zugegen, die das heilige Wissen der Mayas hüten. </p>
<p>Es ist ein uralter Kraftort, zu dem die Teilnehmer aufsteigen: auf 4000 Höhenmetern, was das Atmen schwer macht. Reiseleiterin Carolina Hehenkamp ist Bestsellerautorin («Das Indigo-Phänomen») und mit spirituellen Ritualen wohl vertraut. Dieses Erlebnis ist aber auch für sie nicht alltäglich. «In unseren Köpfen drehen sich unterschiedliche Galaxien und weit entfernte Planetengruppen», beschreibt sie ihre Gefühle. «Uralte Portale öffnen sich, während wir in Bussen zu Gottes Tor ‚Amaru Muro’ fahren. (…) Wenn wir uns in die drei Portale stellen, spürt jeder sofort die Verbindung mit den Göttlichen Ebenen des Seins.» </p>
<p><strong>Ritual hoch in den Anden. </strong>Warum wurde dieser Ritualort gewählt? Dort, in der Andenregion hat sich die «Schlange des Lichts» verankert. Einem Mythos zufolge hat die Erde, wie der menschliche Körper, bestimmte feinstoffliche Energiezentren (Kundalinizentren). Das wichtigste wird «Schlange des Lichts» genannt und war bis vor kurzem in Tibet zentriert. Es «wanderte» jetzt jedoch zum Titicacasee und verströmt von dort aus eine «weibliche elektrische Energie». Sie berührt die Herzen und macht sie bereit für die Ankunft des neuen Zeitalters, in dem «Pacha Mama» (Mutter Erde) und Vater Himmel in Harmonie leben werden. Der 11.11.2011 ist ein Schwellendatum, mit dem dieser Prozess in seine heisse Phase tritt.</p>
<p>Carolina Hehenkamp schildert das Herzstück des Rituals: «Nach eine Zeremonie mit Cocablättern, um Mutter Erde zu danken, formen alle Teilnehmer eine Spirale. Um genau 11 Uhr 11 senden sie die Herzschwingungen von Liebe, Frieden und Einheit an Mutter Erde, die Elemente, die vier Richtungen und die Menschheit aus. Andenmusik, Flöten und Didgeridoos begleiten uns. Danach startet eine laute, fröhliche Feier. Alle umarmen sich.» Für Carolina Hehenkamp hat das Jahr 2012, das nun anbricht, gewichtige Bedeutung: «Die Trennung zwischen den Dimensionen wir aufgehoben und jeder kann erkennen dass er ein wertvoller Teil Gottes ist, immer gewesen ist.»</p>
<p>2012 – im Hype um das geheimnisvolle Jahr verschmelzen traditionelle und moderne Mythen. Schliesslich ist die Jahreszahl selbst zum Mythos geworden. Lange schon spüren wir die «Bugwelle» von Gerüchten und Ängsten, die 2012 beim Näherkommen vor sich her treibt. Und wir erschrecken fast, wie nahe es uns schon gerückt ist. Carolina Hehenkamps Zeremonie in den Anden ist dabei nur eine von vielen Ausdrucksformen des «2012-Fiebers».</p>
<p><strong>«Das Vermächtnis der Maya wird sich erfüllen.»</strong> Die Seminarleiter Leniel und Jophiel Nebrig (Selbstbeschreibung: «Mitglieder der Lichtfamilie») präsentieren auf ihrer Webseite die Essenz aus neun Prophezeiungen der Geistesgeschichte. U.a. von Nostradamus, Johannes, Pater Pio sowie aus «eigener Befragung der Akasha-Chronik». Ihr Resümee: «Die Menschheit wird zu ungeahnter Grösse reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter (Das Goldene Zeitalter) beginnen.» Statt «Apokalypse» verwenden sie lieber den Begriff «Spirituelle Reinigung der Erde.» Auch vom Aufstieg in die 5. Dimension ist die Rede. Die Krise soll sich auf drei Tage verdichten, in denen die Erde an einen anderen Platz im Kosmos gerückt wird. Sogar Überlebenstipps gibt es. Lichtarbeiter sollen während des Übergangs unbedingt in ihren Wohnungen blieben und die Fenster abdunkeln. «Denn was sich draussen in der Zeit abspielt, übersteigt extrem unser Fassungsvermögen. Es würde bei uns Todesangst erzeugen.»</p>
<p>Zum Glück gibt es auch moderatere Prophezeiungen. Einige besonders populäre sollen hier in der Kürze beschrieben werden.</p>
<p><strong>Der Maya-Kalender endet:</strong> Hier liegt der Ursprung des Booms um «2012». Der Maya-Kalender betrachtet Zeit nicht wie einen Pfeil aus der Vergangenheit in die Zukunft, er berechnet sie in Zyklen. Verschiedene Zyklen (Teilkalender) greifen wie Zahnräder ineinander. Bekannt sind der Tzolkin-Kalender, der Haab-Kalender und die «Lange Zählung», die mehr als 5000 Jahre dauert. Am 21.12.2012 endet nicht nur ein solcher langer Zyklus, sondern auch eine 26.000 Jahre umfassende Grossepoche, die sich nach der Präzession der Erdachse berechnet. Die (gedachte) Verlängerung der Achse wandert immer um das Zentrum unserer Galaxie herum. Zur Wintersonnwende 2012 wird sie zum ersten Mal seit 26.000 Jahren wieder ins «Herz der Milchstrasse» zeigen. Was das bedeuten kann, weiss niemand, weil es über das «letzte Mal» keine Aufzeichnungen gibt. Die meisten Autoren deuten das Ende des Maya-Kalenders aber nicht mehr als Ende der Welt, sondern «nur» als einen Epochenwechsel mit drastischen Veränderungen.</p>
<p><strong>Nibiru – die Aliens kommen: </strong>Der Privatforscher Zachariah Sitchin will aus altsumerischen Schriften ein atemberaubendes Szenario herausgelesen haben: Der Wanderplanet Nibiru umrundet die Sonne in einem sehr langen Zeitrhythmus: 3600 Jahre. Er wird bewohnt von sehr weit entwickelten Ausserirdischen: den Anunaki. Diese Wesen besuchten in die Erde, als sich beide Planeten nahe waren. Sie liessen sich als Götter verehren und sind (durch Genmanipulation) die eigentlichen Schöpfer der heutigen Menschheit. 2012, so behaupten esoterische Forscher, soll sich der Planet wieder der Erde nähern, und die Aliens könnten zurückkehren. Auch Erich von Däniken leitet aus seiner Präastronautik in neuen Veröffentlichungen eine Vision von der «Rückkehr der Götter» ab. Alternativ gibt es eine Theorie, wonach ein Wanderplanet («Planet X») 2012 auf die Erde prallen und alles Leben auslöschen könnte.</p>
<p><strong>Polsprung:</strong> Der magnetische Pol der Erde wandert ständig, allerdings nur minimal und seit langem in die gleich Richtung. Ursache ist wahrscheinlich die Rotation von flüssigem Eisen im Erdkern. 2012 könnte sich die Richtung dieser Wanderung umkehren und/oder ein extremer «Sprung» geschehen. Die Neigung der Erde im Verhältnis zum Weltraum könnte sich ändern, die Jahreszeiten würden sich verschieben. Als wissenschaftlich erwiesen gilt, dass die Stärke des Erdmagnetfelds seit 1979 um 1,7 Prozent abgenommen hat. Da das Magnetfeld schon seit Jahrhunderten «schwächelt», wird auch befürchtet, dass Sonnenstürme ungehindert zur Erde vordringen können.</p>
<p><strong>Die Sonne explodiert:</strong> Nicht nur «esoterisch» sind Spekulationen über verstärkte Sonneneruptionen im Jahr 2012. NASA-Wissenschaftler erforschten in den letzten Jahren verstärkte Sonnenaktivitäten und erwarten deren Höhepunkt für das kommende Jahr. Sie entwarfen auch ein Szenario der möglichen Folgen für unsere Zivilisation, käme es zu einer Super-Eruption und einem geomagnetischen Sonnensturm. Die gravierendsten Auswirkungen beträfen das irdische Energienetz. 1859 brannten bei einem ähnlichen Vorfall alle Telegraphen-Verbindungen durch, und 1989 waren in Kanada sechs Millionen Menschen für mehr als neun Stunden ohne Strom. Noch nie waren unsere Versorgungseinrichtungen weltweit so vernetzt und damit verwundbar wie heute. Noch nie waren wir so abhängig vom Strom. Ohne Computer etwa funktioniert heute kein Wirtschaftszweig mehr. Wenn die Stromausfälle Tage und Wochen andauern, könnte dies unsere Lebensmittel- und Wasserversorgung und vieles mehr tangieren.</p>
<p>Dies allerdings wäre ein einmaliges Ereignis, das vorübergeht. Es gibt jedoch Entwicklungen, die unaufhaltsam auf eine Eskalation zutreiben und die auch nach dem 21.12.2012 nicht enden werden. Dazu gehören die Bevölkerungsexplosion (seit Ende 2011 leben 7 Millarden Menschen auf der Erde) und der Klimawandel.</p>
<p><strong>Beispiel Finanzen: </strong>Noch brisanter dürften die Eskalation der Schuldenkrisen sowie die instabile Lage auf den Finanzmärkten sein. Es könnte sein, dass 2012 zum Jahr des grossen Zusammenbruchs wird. Man muss bedenken, dass Schulden und Vermögen wie die Erdbevölkerung exponentiell wachsen. In Europa dürfte ein Staat nach dem anderen «fallen» – jeweils begleitet von Medienkommentaren, nur ein strenger Sparkurs auf Kosten der Bürger könne die Rettung bringen. Diese «Rettung» zieht die Staaten jedoch immer tiefer in den Sumpf, weil sie die Binnenkonjunktur abwürgt. Die internationale Steuerzahlerherde wird für die Spielschulden der Zocker in Haftung genommen. Wenn «starke» Länder für die «schwachen» mitzahlen, beschleunigt sich jedoch deren eigener Zerfallsprozess. Letztlich könnte die EU auseinander brechen, indem ein Land nach dem anderen Insolvenz anmeldet und ausscheidet. Auch die USA, die 2011 nur knapp am Staatsbankrott vorbeischlitterten, könnten zum Epizentrum eines globalen Finanzbebens werden. </p>
<p><strong>Ein Jahr der Aufstände: </strong>Als Folge dürfte 2012, noch mehr als 2011, zum Jahr der Revolten werden. Die Wut wird wachsen, weil den Menschen ohne eigenes Verschulden immer mehr genommen wird. Gleichzeitig werden die Rechtfertigungsstrategien der Machtelite zerbröckeln. Wenn Machthaber Misshandlung und Ausplünderung als «alternativlos» preisen, liegt es nahe, nach Alternativen zu besagten Machthabern zu suchen. Wenn alle Länder über die Schmerzgrenze hinaus sparen müssen, kann dies nicht länger als Einzelversagen interpretiert werden. Es wird immer mehr Menschen klar werden, dass ein Systemfehler vorliegt. Da Alternativen jedoch meist nicht in Sicht sind, wird sich zunächst ein eher ungerichteter Volkszorn entladen. Infolgedessen werden die Machteliten ihre Repressionsmassnahmen verstärken. Der Kapitalismus wird versuchen, den Spiegel zu zerschlagen, der ihm sein hässliches Gesicht zeigt. </p>
<p><strong>Die Masken fallen:</strong> «Apokalypse» heisst vom Wortsinn her nicht «Weltuntergang», sondern «Enthüllung der Wahrheit». Somit war schon 2011 apokalyptisch: Fukushima hat die Lüge von sicheren Atomanlagen hinfällig gemacht. Der Polit-Showman zu Guttenberg stolperte über eine gefälschte Doktorarbeit. Rupert Murdoch musste zugeben, dass sein Presseimperium Prominente bespitzelt hatte. Der deutsche Verfassungsschutz schaute über Jahre untätig dem Treiben einer Neonazi-Mörderbande zu. Den Banken traut sowieso keiner mehr, nachdem legal das Geld vieler Anlieger veruntreut wurde. Die Glaubwürdigkeit der tragenden Institutionen unserer Gesellschaft erodiert, und es ist kein Zufall, dass es gerade jetzt passiert. Computer, Handy und «Schwarmintelligenz» ermöglichen es heute, Missstände in Rekordzeit aufzudecken und die Informationen darüber zu verbreiten. Politiker müssen zunehmend absurde Positionen vertreten, an die sie selbst nicht mehr glauben. Deshalb kommt es zu «Freudschen Versprechern», zu Fehlleistungen und gar zur Flucht aus den Ämtern. Dies dürfte sich 2012 verstärken.</p>
<p><strong>Regierungen purzeln: </strong>Berlusconi und Papandreou waren erst der Anfang. 2012 stehen in mehr als 25 Ländern der Erde Wahlen an, u.a. in den USA, in Frankreich, in Russland, im Iran und in Tunesien. Vielfach sind Regierungswechsel wahrscheinlich. Die durch die Systemdynamik erzeugten Krisen wird eher der regierenden Partei angelastet werden, auch wenn die Opposition nicht minder verstrickt ist. Jeder Staatschef ist heute automatisch ein «Rekordschulden-Präsident» oder «Pleite-Premier», es sei denn, es gelingt ihm, ein gewaltiges, umweltschädliches Wirtschaftswachstum loszutreten. Die Intervalle zwischen den Machtwechseln dürften kürzer werden. Ende 2012 wird eine globale Politikerriege versammelt sein, in der man ausser Angela Merkel kaum mehr ein bekanntes Gesicht findet.</p>
<p><strong>Vorboten des Neuen:</strong> Unterdessen wird eine wachsende Avantgarde unermüdlich an Modellprojekten einer Welt nach dem Zusammenbruch arbeiten. Diese Projekte können als Rettungsboote für wenige und als Vorbilder für viele dienen. Einiges davon findet man in dem hervorragenden Dokumentarfilm «2012 – Time for Change» von João Amorim. Wissenschaftler, Künstler und Vordenker sprachen darin über den Abschied von einem materiellen Weltbild und die Geburt einer globalen, nachhaltigen Kultur. Popstar Sting fasst zusammen: «2012 ist ein interessantes Jahr &#8211; wir müssen es zu einem positiven Jahr machen!» Und der Geldreformer Bernard Lietaer fordert dazu auf, Erkenntnis in Aktion umzuwandeln: «Spirituell sein bedeutet handeln.» Von politisch noch unklaren Protestbewegungen wie «Occupy» wird eine Suchbewegung ausgehen. Gleichzeitig werden Vertreter schon vorhandener Konzepte wie Humanwirtschaftsbewegung, Grundeinkommen oder regionale Selbstversorgung versuchen, ihre Ideen in den Protestbewegungen zu verankern. Es entsteht ein explosives Gebräu aus Konzepten und Projekten – vielleicht der Keim einer neuen Weltordnung.</p>
<p><strong>Eine letzte Prophezeiung: </strong>Spätestens an Weihnachten könnte kollektiver Katzenjammer herrschen. Stellen wir uns vor, 2012 ist vorbei, und die Welt ist nicht untergegangen. Auch das Goldene Zeitalter lässt weiter auf sich warten. Es hat Veränderungen gegeben, aber gibt es die nicht in jedem Jahr? Muss dann ein neues Jahr in der Zukunft ausgewählt werden, auf das wir unsere Ängste und Hoffnungen projizieren können? Vielleicht wird die Ernüchterung auch heilsam sein. Wir können dann endlich überspannte Erwartungen loslassen und tun, was zu tun ist, um eine bessere Welt zu bauen.</p>
<p><strong>Übersichtliche, kritische Infos zu 2012-Theorien:</strong> www.2012-blog.de</p>
<p>Webseite von Carolina Hehenkamp zu spirituellen Reisen: www.pranalight.de</p>
<p>DVD-Tipp: João Amorim: 2012 – Time for Change. Alive Vertrieb 2010, 80 min., Fr. …/ Euro 16,99</p>
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		<title>Babaji und der Mythos Unsterblichkeit</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 07:27:22 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[„Babaji wurde von Gott auserwählt, um für die Dauer dieses speziellen Weltenzyklus in seinem Körper zu verbleiben. Zeitalter werden kommen und gehen – doch der unsterbliche Meister (…) wird gegenwärtig sein auf dieser irdischen Bühne“. Babaji, der „Yogi-Christus“ vom Himalaya, wurde durch Paramahansa Yogananda und seine „Autobiografie eines Yogi“ weltbekannt. Doch ist er nur eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Babaji.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Babaji.jpg" alt="" title="Babaji" width="234" height="300" class="alignleft size-full wp-image-7393" /></a>„Babaji wurde von Gott auserwählt, um für die Dauer dieses speziellen Weltenzyklus in seinem Körper zu verbleiben. Zeitalter werden kommen und gehen – doch der unsterbliche Meister (…) wird gegenwärtig sein auf dieser irdischen Bühne“. Babaji, der „Yogi-Christus“ vom Himalaya, wurde durch Paramahansa Yogananda und seine „Autobiografie eines Yogi“ weltbekannt. Doch ist er nur eine literarische Kunstfigur, oder solle wir den zahllosen Zeugen glauben, die ihm begegnet sein wollen? Die Spurensuche führt zu exotischen Plätzen und skurrilen Menschen – aber auch ins eigene Herz. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7391"></span></p>
<p>„Babaji, hast du ein Lied für mich, um der Welt von ihrem Schutzengel zu erzählen?“ Meine erste Begegnung mit Babaji verdanke ich keinem esoterischen Buch, sondern dem Popsänger Roger Hodgson, der das Lied 1977 für „Supertramp“ schrieb. Ich hatte im Alter von 15 keine Ahnung, wovon das Lied handelte, aber es lief bei mir rauf und runter. Es dauerte 25 Jahre, bis ich in der Lage war, meinen Lieblingssong aus den 70ern zu verstehen. Auf dem Hausaltar meiner neuen Freundin sah ich das Bild eines jungen, androgyn wirkenden Mannes mit langem dunklen Haarem, weich gezeichnet, mit entspannten Gesichtszügen. „Das ist Babaji“, erklärte die Freundin, ein spiritueller Meister, den sie sehr verehrte. Wenn ich näheres wissen wollte, sollte ich die „Autobiografie eines Yogi“ von Yogananda lesen. </p>
<p>„Oh, what is it that makes me believe in you?“, sang Hodgson mit Inbrunst. In der Tat muss man diese Frage stellen: Warum glaubten und glauben Millionen von Menschen in aller Welt an Babaji? Als Antwort muss man zunächst auf Yogananda verweisen, dessen Buch 1947 erschienen war und bis heute zu den unsterblichen spirituellen Klassikern gehört. Damals sprach noch niemand von einer „Esoterik-Welle“. Millionen von Menschen haben seither von den rätselhaften Fähigkeiten der indischen Yogis erfahren, von strengen Meistern und hingebungsvollen Schülern, vom Konzept der „Erleuchtung“ – und vor allem von Babaji. </p>
<p><strong>Avatar – Aufbruch zum Himalaja</strong></p>
<p>Ich las und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein unsterblicher Yogi sollte dieser Babaji sein. Er lebt seit vielen Jahrhunderten im Himalaja im Körper eines 16-jährigen und verströmt gleich einer Sendestation unablässig seinen immateriellen Segen in die Welt. Sein Titel ist der eines „Mahavatars“ (großen Avatars). Assoziationen an einen bekannten Film sind nicht ganz falsch. Ein Avatar ist ein göttliches Wesen, das, obwohl dem Kreislauf der Inkarnationen entronnen, freiwillig in einen Menschenkörper eintaucht, um der Erde bei ihrer spirituellen Entwicklung beizustehen. Babaji vermag Gedanken in die Köpfe auserwählter Menschen zu pflanzen und so die Weltgeschichte zu beeinflussen. Er kann mit Gedankengeschwindigkeit reisen und sich materialisieren oder entmaterialisieren wie es ihm gefällt. „Dann sahen wir ein plötzliches Aufleuchten und erlebten die augenblickliche Entstofflichung seines Körpers, dessen Elementarteilchen sich in einem nebelhaften Licht auflösten.“</p>
<p>Laut Yogananda steht der Mahavatar auf einer Stufe mit Christus, mit dem er in „ständiger Verbindung“ steht. Im Gegensatz zu diesem ist sein Wirken aber nicht auf eine kurze historische Epoche beschränkt. Babaji arbeitet über einen längeren Zeitraum, jedoch verborgen, im Hintergrund. „Solche Meister entziehen sich stets den neugierigen Blicken der Menge und haben die Macht, sich jederzeit unsichtbar zu machen.“  (Yogananda) Babajis Sangha (spirituelle Gemeinschaft) im Himalaya, ist durch einen magischen Bann vor den Blicken neugieriger Wanderer abgeschirmt. Babaji kann nur von demjenigen gesehen werden, den er selbst dazu auserwählt hat. </p>
<p><strong>Lahiri Mahasayas Vision</strong></p>
<p>So geschah es dem Postbeamten und Familienvater Lahiri Mahasaya. Babaji weihte ihn unter wahrhaft fantastischen Umständen in die Technik des Kriya-Yoga ein – mit dem Auftrag, diese überall in der Welt zu verbreiten. So materialisierte Babaji für die Einweihungszeremonie einen prachtvollen Palast im Himalaja, der am nächsten Morgen wieder verschwunden war. Der Kriya-Yoga, soll Babaji zu Lahiri Mahasaya gesagt haben, „ist eine Wiederbelebung derselben Wissenschaft, die Krishna vor mehreren Jahrtausenden Arjuna vermittelte und die später auch Patanjali und Christus sowie Johannes, Paulus und anderen Jüngern bekannt wurde.“ Im Kern handelt es sich um eine Atemtechnik (Pranayama), nicht schwer zu erlernen, aber auch nicht so leicht, dass man selbst darauf kommen kann. Yogananda nennt den Kriya-Yoga „Ein Werkzeug, durch das die menschliche Evolution beschleunigt werden kann.“ Es stellt quasi die Überholspur zur Erleuchtung dar. </p>
<p>Auch dem wichtigsten Schüler Lahiris erschien der rätselhafte Babaji: Sri Yukteswar. Ihm prophezeite der Unsterbliche, dass er bald einem jungen Mann begegnen würde, der dazu ausersehen sei, den Kriya-Yoga im Westen zu verbreiten. Es war Paramahansa Yogananda selbst, der in den 20er-Jahren nach Los Angeles zog und die bis heute bestehende Organisation „Self-Realization Fellowship“ gründete. Mit unzähligen Vorträgen und Kursen sowie seinem Bestseller „Autobiografie eines Yogi“ brachte er dem Westen aber nicht nur den Kriya-Yoga; er trug entscheidend zur Popularität des Yoga und der Spiritualität überhaupt bei. Im Zuge des Yogananda-Booms wurde Babaji zu einer Art Pop-Ikone der Hippie-Ära. Sein Konterfei zierte u.a. das berühmte Cover des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“.<br />
<strong><br />
Märchenfigur oder reale Person?</strong></p>
<p>Babaji als eine Art Märchenfigur zur verehren, mag ja noch angehen. Nicht wenige Menschen betrachten ihn aber als real. Zahlreiche Zeugen, auch abseits der Meisterlinie von Lahiri-Mahasaya, behaupten, mit dem Mahavatar kommuniziert, ihn gesehen oder seine Präsenz gespürt zu haben. So die beiden indischen Yogameister S.A.A. Ramaiah und V.T. Neelakantan, die Theosophin Annie Besant und Leonard Orr, Begründer der Atemtherapie „Rebirthing“. Schon im15. Jahrhundert soll Babaji den berühmen Dichter und Mystiker Kabir in den Kriya-Yoga eingeweiht haben. Kann es soviel Rauch geben ohne eine Feuer, das ihn verursacht hat? Anders gefragt: Existiert Babaji? Eine touristische Expedition in den Himalaja scheint da wenig aussichtsreich. Der US-amerikanische Yogananda-Schüler Roy Eugene Davis, den ich vor Jahren selbst kennen lernen durfte, sagte dazu: „Yogananda, Yukteswar und Lahiri forderten alle ihre Schüler auf, nicht im Himalaya nach Babaji zu suchen, sondern ihn durch tiefe Meditation und Kontemplation in ihrem Inneren zu finden.“</p>
<p>Yogananda ist (bis auf eine persönliche Begegnung mit Babaji, die er erzählt) keine Primärquelle. Er gibt überwiegend die Berichte Dritter wider. Tatsache ist, dass die „Autobiografie“ eine Art Babaji-Evangelium voll eindrucksvoller Worte und Szenen enthält. Auch von Jesus wissen wir schließlich nicht, ob er alles „wirklich genau so“ gesagt hat. Auf dem spirituellen Fest Kumbha-Mela begegnet Lahiri Mahasaya einem Sadhu (Asketen) mit einer Bettelschale, den er verächtlich der Heuchelei bezichtigt. Wenige Momente später sieht er Babaji vor dem Sadhu knien und ihm lächelnd die Füße waschen. Lahiri: „Da wusste ich, was er mir zu verstehen geben wollte: ich sollte niemanden kritisieren, sondern Gott im Tempel eines jeden Körpers sehen, ganz gleich, ob es sich um höher- oder tieferstehende Menschen handelt.“</p>
<p><strong>Gibt es Unsterblichkeit?</strong></p>
<p>Die Gretchenfrage im Umgang mit Babaji lautet sicher: „Wie hältst du’s mit der Unsterblichkeit?“ Können wir den teilweise fantastischen Berichten glauben? Carter Phipps schreibt in der Zeitschrift „Was ist Erleuchtung?“: „Manch einer sagte, Babajis Erleuchtung überträfe selbst die des Buddha, sie wäre eine vollkommene Transformation des Bewusstseins, deren machtvolle Kraft radikale Veränderungen bis in die Zellen des physischen Körpers hinein bewirken würde.“ Ist die Wirklichkeit vielleicht nicht so fest gefügt, wie wir glauben? Ist sie vielmehr gummiartig verformbar durch den Geist, wenn dieser mittels geheimer Techniken trainiert wurde? Einem Schüler Babajis legt Yoganda folgende poetische Erklärung in den Mund: „Der ganze Kosmos ist ein vom Schöpfer projizierter Gedanke. Und so ist auch der im Raum schwebende, schwere Erdkörper nichts als ein Traum Gottes, der alle Dinge aus Seinem Geist erschaffen hat, ähnlich wie der Mensch im Traum alle Lebewesen der Schöpfung nachbildet und lebendig werden lassen kann.“</p>
<p>Weiteren Aufschluss über Babaji und die von ihm angewandten „Techniken“ erhalten wir aus dem Buch „Babaji., Kriya Yoga und die 18 Siddhas“ von Marshall Govindan. Der Autor gibt an, Babaji selbst einmal im Himalaya begegnet zu sein, jedoch nicht in grobstofflicher Form. „Er erschien auf der Vitalebene (…), es war eher wie eine Parallelrealität.“ Govindan liefert auch, was uns Yogananda hartnäckig verweigerte: eine Biografie des Erdenlebens Babajis, beginnend mit seiner Kindheit. Demnach wurde Babaji 203 in einem kleinen Dorf in Tamil Nadu, Indien, geboren. Das Kind wurde von seinen Eltern Nagaraj (König der Schlangen) genannt, was auf seine spätere Beherrschung der Kundalini-Energie hinweist. Nagaraj wuchs in einer Brahmanen-Familie im Schutz eines großen Shiva-Tempels auf. Mit fünf Jahren wurde der Knabe von einem Menschhändler entführt. Dieses Verbrechen erwies sich als Segen, denn er gelangte an einen reichen Mann, der ihn bald freigab und schloss sich einer Gruppe wandernder Saddhus an. </p>
<p><strong>Liebeserklärung an das Leben</strong></p>
<p>Der spätere Babaji (wörtlich „verehrter Vater“) wurde ein Gelehrter der heiligen Schriften. Bald schon verstand er aber, dass die Wahrheit nicht in den Worten lag. Er wurde Schüler eines großen Siddha namens Agastyar. Die Siddhas der südindischen (tamilischen) Tradition verstanden, „dass ihre Fähigkeit, das Göttliche zu erleben und zu manifestieren, nicht auf die spirituelle Ebene der Existenz begrenzt war.“ Es könne vielmehr „in die niedrigeren Ebenen der Existenz herabsteigen“, einschließlich des physischen Körpers. Vereinfacht gesagt, hatte Agastyar Übungstechniken entwickelt, die es erlaubten, den Körper ganz mit Göttlichkeit zu durchdringen. In Badrinath, einem Heiligtum nahe der indisch-tibetischen Grenze, trat Nagaraj nach 18 Monaten strenger yogischer Disziplin in den „Soruba Samadhi“ ein. Das bedeutet: die Gottheit steigt in den Körper herab und transformiert ihn zu reinem Licht. Er ist nun unzerstörbar, unsterblich.</p>
<p>Laut Marshall Govindan hat die die südindische Siddha-Tradition ihren Ursprung im versunkenen Kontinent Kumari Kandam (oder Lemuria), dessen höchste Erhebung heute Sri Lanka ist. Dort entwickelte sich eine eigenständige spirituelle Tradition, die sich von der nordindischen Advaita-Lehre fundamental unterscheidet. „Denn für sie ist die Welt eine Illusion und deshalb von geringem Wert – sie ist eine einzige riesige Ablenkung. Die Siddhas hingegen erkannten, dass die Welt göttlich ist und dass sich alles in einem Prozess der Evolution befindet.“ Der Mythos Babajis kann demnach auch als eine Liebeserklärung an das Leben und den Körper verstanden werden. Einem Körper, der nicht verachtet, nicht gezüchtigt, sondern nur veredelt werden will: zu einem Werkzeug ewiger Freude, zum Auffanggefäß Gottes. Einer Kultur, die Unsterblichkeit nur noch bei den Vampiren der Popkultur kennt, tut dies als Denkanstoß gewiss gut.</p>
<p><strong>Der „echte“ Babaji – 1970 gefunden</strong></p>
<p>So schön der Mythos ist, etwas unbefriedigend bleibt es doch, dass man es immer nur mit einem Phantom. Es ist gibt keine Fotos oder Videoaufnahmen des Mahavatars. Oder doch? Gibt man „Babaji“ bei „google Bilder“ ein, so erhält man überwiegend Fotos von einem jungen Mann, der, abgesehen von aufgemalten Querstrichen auf der Stirn, ziemlich normal aussieht. Es handelt sich um den so genannten Haidakhan Babaji, der angeblich 1970 in einer Höhle im indischen Haidakhan „erschien“. Vielen Anhängern galt der Jüngling als Wiedergeburt eines Asketen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie in beiden Inkarnationen den „wahren Babaji“. In den späten 70ern und frühen 80ern strömten Tausende zu seinen Auftritten. Man sagte ihm eine energetische Ausstrahlung und magischer Kräfte nach, z.B. das Gedankenlesen.<br />
<strong><br />
„Babajis“ überall</strong></p>
<p>Für Kenner von Yoganandas Babaji mag dies irritierend wirken, denn der sieht nicht nur auf den klassischen Porträtzeichnungen ganz anders auch, er musste sich auch nicht reinkarnieren, da er gar nicht erst starb. Von seinen Anhängern abgesehen, wurde der Haidakhan Babaji auch von niemandem als der „echte“ anerkannt, schon gar nicht von Yoganandas Self-Realization Fellowship. Das Misstrauen schien gerechtfertigt, da Haidakhan Baba 1984 starb – immerhin ein peinlicher Vorgang für einen Unsterblichen. Wer mit den Wunderkräften der Siddhas vertraut ist, mag hierin aber kein ernstes Glaubenshindernis sehen. Könnte Babaji nicht in mehreren „Ausstrahlungen“ oder Verkörperungen zugleich gegenwärtig sein? </p>
<p>Leonard Orr, der berühmteste westliche Schüler des Haidakhan Babaji, hält seinen Meister, des frühen Todes ungeachtet, für niemanden geringeren als Gott selbst. „Babaji ist der ewige Vater in menschlicher Form, der in östlichen Traditionen als Shiva-Yogi bekannt ist, als die ewige Jugend. Man muss verstehen, dass Babaji so viele Körper haben kann, wie er will.“ Orr behauptet, Babaji tauche schon in der Bibel als „Engel des Herrn“ auf, im Koran als „Khidir“ und im Hindu-Glauben als Krishna. Auch für den Widerspruch zwischen dem (sterblichen) Haidkhan Babaji und dem (unsterblichen) Yogananda-Babaji hat Orr eine Erklärung parat: Letzterer sei nicht Babaji selbst, sondern dessen Sohn (im Sinne einer Teilinkarnation). Wem das zu weit geht, der möge sich daran erinnern, dass Christen überall auf der Welt an die Identität des Menschen Jesus mit Gottvater glauben. Trotzdem ist die Quellenlage im Fall Babaji zugegebenermaßen verworren. Der Babaji-Forscher Carter Phipps stieß allein auf zwei lebende Personen, die angaben, Babaji zu sein – nicht zu reden von denen, die ihn „gespürt“ haben wollen.</p>
<p><strong>Eine Ahnung von Babajis Segen</strong></p>
<p>Ich lege „Best of Supertramp“ in den CD-Spieler und höre das Lied noch mal. „Mein ganzes Leben lang fühlte ich, dass du zuhörst“, beginnt es. Ist es mehr als ein hohles Versprechen, wenn Lahiri Mahasaya sagt: „Jeder, den Namen Babajis ehrfürchtig ausspricht, zieht augenblicklich seinen Segen auf sich herab“? Ich habe vor Jahren eine Kriya-Einweihung bei Roy Eugene Davis absolviert und die Technik erlernt. Mit der Erleuchtung hapert es noch ein bisschen. Das liegt aber wohl an meiner mangelnden Konsequenz beim Üben. Bestätigen kann ich, dass sich beim Atmen ein strömendes Gefühl an der Wirbelsäule einstellt, eine starke Energieansammlung im „Dritten Auge“, eine Art kribbelndes Lustempfinden bis in die Fingerspitzen, Gedankenstille und – ich kann es nicht anders ausdrücken – das Gefühl, von einer Art Segen berührt zu werden. </p>
<p>Auch wenn das für Skeptiker keine akzeptable Erklärung sein dürfte, ende ich mit einem Wort, das laut Yogananda von Babaji selbst stammt: „Es ist leicht, an etwas zu glauben, was man sieht; jede seelische Suche ist dann überflüssig. Nur diejenigen, die ihren natürlichen Skeptizismus und ihre materialistische Einstellung überwinden, verdienen es, die übernatürliche Wirklichkeit zu schauen.“</p>
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		<title>Die Verantwortungslüge</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Dec 2011 09:50:36 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Neoliberalismus wird der schöne Begriff &#8220;Verantwortung&#8221; missbraucht. Der Einzelne soll durch Konsum-entscheidungen auf eigene Kosten das Versagen der Politik korrigieren. Von &#8220;Eigen-verantwortung&#8221; wird immer dann gesprochen, wenn sich die Institutionen aus der Verantwortung zurückziehen. Und wenn sie uns eine Verschlimmerung unserer Situation aufzwingen wollen. Trotzdem gibt es eine wirkliche Verantwortung des Bürgers: Sie besteht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7319" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Spiderman.jpg"><img class="size-medium wp-image-7319" title="Spiderman" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Spiderman-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Große Macht birgt auch große Verantwortung&quot;. Wir haben nur die Verantwortung, nicht die Macht</p></div>
<p>Im Neoliberalismus wird der schöne Begriff &#8220;Verantwortung&#8221; missbraucht. Der Einzelne soll durch Konsum-entscheidungen auf eigene Kosten das Versagen der Politik korrigieren. Von &#8220;Eigen-verantwortung&#8221; wird immer dann gesprochen, wenn sich die Institutionen aus der Verantwortung zurückziehen. Und wenn sie uns eine Verschlimmerung unserer Situation aufzwingen wollen. Trotzdem gibt es eine wirkliche Verantwortung des Bürgers: Sie besteht darin, die Macht dieser Institutionen zu brechen. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7318"></span></p>
<p>„Ein bisschen Eigenverantwortung finde ich schon richtig“, sagte mein Zahnarzt, als er mir die hohe Rechnung präsentierte. Meine Krankenkasse würde davon keinen Cent übernehmen. Auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Brüderle fordert mehr Eigenverantwortung. Für die Pflegeversicherung solle – wie schon bei der Rente – jeder selbst vorsorgen. Auf dem Arbeitsmarkt gilt ja schon längst: „Fördern und Fordern“. Auf eine Sammelklage gegen die zu geringe Höhe des Hartz IV-Satzes, reagierter die Stadt Wiesbaden mit dem Bescheid: „Diese Vorgehensweise entspricht der Zielsetzung des Gesetzgebers, die Eigenverantwortung des Leistungsempfängers zu stärken“. Die Kläger hatten aber detailliert nachgewiesen, dass sie von dem Geld beim besten Willen nicht leben konnten.</p>
<p>„Eigenverantwortung“ klingt gut. Dahinter steht scheinbar das Ideal einer autonomen Persönlichkeit. Man befreit sich aus Abhängigkeiten und trifft für sein Leben Entscheidungen. Geht es schief, trägt man dafür die Verantwortung, also auch die Folgen. Ich bin tief gerührt, dass sich Menschen wie Brüderle und mein Zahnarzt so für meine Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit engagieren. Das ist quasi humanistische Psychotherapie, und bekomme sie sogar umsonst! Auch von der Kinoleinwand herunter bekomme ich wertvolle Ratschläge: „Unsere Entscheidungen machen aus uns, was wir sind“, belehrt mich Spiderman. Das gleiche sagt Professor Dumbledore zu Harry Potter, als der ihn fragt, ob in ihm nicht der Keim des Bösen schlummere. „Viel mehr, als unsere Fähigkeiten, sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“ Und aus dem Lautsprecher kiekst ein gewisser Michael Jackson: „I’m starting with the man in the mirror.”</p>
<p><strong>Die erschöpften Realitätsschöpfer</strong></p>
<p>Wie es der Zufall will, stimmen auch die freundlichen Zeugen Jehovas, mit denen ich gelegentlich diskutiere, Spiderman zu. Sie glauben fest, dass uns Gott einen freien Willen geschenkt hat. „Denn ohne freien Willen hätte ja der ganze Justizapparat keinen Sinn“. Übertragen auf die Religion: dann dürfte Gott niemanden verdammen, und das gehört bekanntlich zu seinen Kernkompetenzen. Überhaupt bin ich, seit ich spirituelle Wege gehe, noch tiefer vom Prinzip der Eigenverantwortung durchdrungen. In einer Broschüre des Dachverbands Geistiges Heilen heißt es: „Ausgehend davon, dass der Mensch der Schöpfer seiner Realität ist, trägt er die Verantwortung oder Mitverantwortung für alle Dinge und Ereignisse, die in sein Leben treten.“ Ich, der Schöpfer meiner Realität!? Gemeint ist das Berühmte „Gesetz der Anziehung“, das Büchern wie „The Secret“ Millionenauflagen bescherte.</p>
<p>Zentral für unser Thema ist aber vor allem die Frage der ökologischen und politischen Eigenverantwortung. Angela Merkel etwa wirft uns vor: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt.“ Prinz Charles setzt eins drauf: „Wir zerstören die Klimaanlage unseres Planeten.“ Dirk Fleck, Autor einer Ökothrillern, nennt uns pauschal die „Tätergeneration“. Wir zerstören mit unserer Art zu leben und zu wirtschaften die Lebensgrundlagen unserer Nachkommen. Das bedrückt mich umso mehr als ich ja schon von Geburt an dem Tätervolk (Deutschland) und dem Tätergeschlecht (Männer) angehöre. Erdrückend viel Schuld für einen eigentlich ziemlich harmlos wirkenden Typen wie mich. Ich schlafe in letzter Zeit schlecht.<br />
<strong><br />
Kampfbegriff „Eigenverantwortung“</strong></p>
<p>Die drastische und pauschale Zuschreibung von Verantwortung an die breite Masse, an Sie und mich, ist heute gängige Rhetorik. Wenn ich eine bessere Welt will, fange ich mit der Veränderung bei mir selbst an. Oft enthalten Ratschläge einen belehrenden Grundton: „Du versuchst dich vor deiner Verantwortung zu drücken, aber ich habe dich durchschaut. Lern erst mal erwachsen zu werden.“ Eigentlich könnte man sich ja darüber freuen könnte, dass Verantwortung so ein Zeitgeist-Thema geworden ist. Und gewiss gibt es echte Verantwortung und echte Schuld. Ich wehre mich aber entschieden gegen Übertreibungen und den Missbrauch des Begriffs „Eigenverantwortung“.</p>
<p><strong>Beispiel Zahnarzt:</strong> Ich putze meine Zähne so gut, dass der Zahnarzt seit vielen Jahren nichts zu meckern hat. Obendrein gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Ich bin meiner Verantwortung also in beispielhafter Weise nachgekommen. Die Prophylaxe zahle ich trotzdem aus eigener Tasche, zuzüglich der Praxisgebühr. Eine Art Geldstrafe für vernünftiges Verhalten.</p>
<p><strong>Beispiel Rente:</strong> Viele Menschen haben schlicht nicht das Geld, um privat etwas zurückzulegen. Sie treiben sehenden Auges auf die Altersarmut zu. Dazu kommt: Wer keine „Riester-Rente“ in Anspruch nimmt, dem entgehen auch die staatlichen Zuschüsse. De facto eine Geldstrafe für Armut.</p>
<p><strong>Beispiel Benzin sparen und CO2 vermeiden:</strong> Auf dem Land sind die Verkehrsverbindungen oft so schlecht, dass man ohne Auto nicht weit kommt. Außerdem treibt die Bahn seit Jahren die Preise nach oben, während sie gleichzeitig den Service verschlechtert und die Kontrollen verschärft.</p>
<p><strong>Beispiel Glühbirnen: </strong>Unverantwortliche Verbraucher haben Glühbirnen alten Typs benutzt und diese sogar noch unnötig lange brennen lassen. Zum Glück ist Papa Staat da eingeschritten und hat uns durch ein Verbot zu unserem Glück gezwungen. Es wird so getan, als ob hier der Dreh- und Angelpunkt für die Rettung der Welt läge. Die Wahrheit ist: Nur etwa ein Zehntel des CO2-Ausstoßes entfällt überhaupt auf Privathaushalte, davon ca. ein Zwanzigstel auf Beleuchtung, also ein Zweihundertstel. Und von den großen Energienutzern, z.B. der Atomindustrie, werden gewaltige Mengen CO2 völlig sinnlos in die Luft geblasen. Für den Energieexperten des Landkreises Weilheim, Hans Arpke, geht die „Verantwortung“ des Endverbrauchers in Sachen Licht gegen Null: „Glühbirnen alten Typs geben Wärme ab. Wenn sie durch temperaturneutrale Energiesparlampen ersetzt werden, könnte der Verbraucher dies im Winter kompensieren, indem er die Heizung weiter aufdreht.“</p>
<p><strong>Beispiel „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“:</strong> Tatsache ist, dass immer mehr Menschen unter die Armutsgrenze gedrückt werden. Ein Blumenstrauß für die Liebste zum Geburtstag ist nicht mehr drin, weil er nicht zum Hartz IV-Warenkorb gehört. Die Prasser sind vor allem die reichsten 10 Prozent, und da vor allem das reichste eine Prozent. Und die Politik tut alles, um deren Riesenvermögen noch weiter anschwellen zu lassen.</p>
<p><strong>Beispiel Friedenspolitik: </strong>Hier herrscht oft eine Eigenverantwortungsmentalität, die zu kurz greift. Gerade spirituelle Menschen argumentieren gern: „Der Friede beginnt in dir“. Der Friede im eigenen Herzen hat aber mit dem Weltfrieden nur am Rande zu tun. Er muss nach außen getragen werden, um gesellschaftliche Realität zu werden. Der Friedenspsychologe Prof. Gert Sommer mahnt politisches Engagement an, das die Auseinandersetzung mit den Kriegsbefürwortern nicht scheut. „Mit sich selbst im Frieden zu sein ist auch schön. Aber selbst wenn 99 % der Weltbevölkerung im Frieden sind und 1 % ist es nicht, dann reicht das völlig aus, um Kriege zu führen.“ Angesprochen ist hier vor allem die Machtfrage.</p>
<p><strong>Beispiel Fairtrade-Produkte. </strong>Hier kann der Käufer tatsächlich etwas tun, allerdings mit Einschränkungen. Erstens wird ihm die ethisch richtige Handlung durch den Preis erschwert. Wohlmeinende zahlen eine Art Ethik-Strafgebühr. Viele können sich Preisaufschläge von z.B. 50 % bei Rosen beim besten Willen nicht leisten. Zweitens verschleiern die Großhändler bewusst die unfairen Herstellungsbedingungen beim Großteil der Produktpalette aus Übersee. Gleichzeitig werden die Verbraucher durch massive Werbekampagnen ständig zur Bedenkenlosigkeit verführt. Es braucht viel Zeit- und Energieaufwand, um zureichend informiert zu sein und Fehlentscheidungen auszuschließen. Ist ein Produkt „fair“, war der Transportweg vielleicht zu lang (z.B. bei Rosen), und man ist ein „Klimasünder“. Es stellt sich also die Frage: Warum kaufen mächtige Multis nicht von vornherein nur faire Produkte ein? Mit der Platzierung von Fairtrade-Ware räumen sie ja im Umkehrschluss ein, überwiegend Hersteller zu unterstützen, die unfair, also ausbeuterisch arbeiten. Ist ihnen das egal? Und warum verbietet der Staat nicht einfach den unfairen Handel? Ein kapitalistisches System, das seit Adam Smith auf dem Egoismus fußt, erwartet ausgerechnet vom Appell an den Altruismus des Einzelnen eine ethische Wirtschaftsordnung. Absurd!</p>
<p><strong>„Verantwortung“ im Kleinen, Machtlosigkeit im Großen</strong></p>
<p>Der Endverbraucher soll also jene Fehler kompensieren, die vorher von großen Organisationen mit ungleich mehr Macht begangen wurden. Es findet eine Art Crowdsourcing des Verantwortungsgefühls statt. Der wohlmeinende Verbraucher lädt das ganze Elend der Welt auf sein Gewissen: „Wenn ich korrekt einkaufen würdet, gäbe es keine Ausbeutung mehr“. Wahrscheinlicher ist aber: Kaufen mehr Menschen Fairtrade-Produkte, sind diese vielleicht früher ausverkauft. Nicht jeder Plantagenbesitzer ist daran interessiert, seine Arbeiter besser zu bezahlen, wenn es bisher auch funktioniert hat. Und wenn unfaire Produkte boykottiert werden, könnte das bedeuten, dass Arbeiter statt ihrer mies bezahlten bald gar keine Jobs mehr haben. Solche Probleme können nur durch Strukturveränderungen und politische Entscheidungen im Großen gelöst werden. Nahe liegend wäre es z.B., die Gewinnspanne der Aldi-Brüder (Vermögen geschätzte 34 Milliarden) drastisch zu reduzieren. Das Geld könnte eingesetzt werden, um Herstellern fairere Preise zu bezahlen. Auch müsste jede Gewinnabschöpfung durch Personen verhindert werden, die keine Eigenleistung erbringen (Aktionäre).</p>
<p>Innerhalb des alten System erleben wir jedoch immer wieder das alte Spiel: Arbeiter und Endverbraucher sollen sich um das kleine Stück vom Kuchen raufen, das die Abzocker übrig lassen. Da ist es schon anerkennenswert, dass mancher Fairtrade-Kunde freiwillig auf einen Vorteil verzichtet, wozu niemand sonst innerhalb der Lieferkette bereit war. Der österreichische Sachbuchautor Christian Felber wittert dahinter ein perfides System: „Wir werden vom eigentlichen Platz des politischen Geschehens ferngehalten und in die Supermärkte gelotst, wo wir unsere demokratische Verantwortung ausleben sollen, in einem zugewiesenen Reservat der Wahlfreiheit als Ersatz für echte Demokratie.“ Hier trifft Felber den Kern: Die Bürger werden von wichtigen Entscheidungen im Großen systematisch ausgeschlossen. Z.B. durch die Verweigerung direkter Demokratie (außer in der Schweiz) und durch Verlagerung von Entscheidungen auf die EU-Ebene. Durch Berufung auf Sachzwänge („Alternativlosigkeit“) und inszenierten Geldmangel. Durch wachsende, versteckte Macht der nicht demokratisch gewählten Kräfte (IWF, Ratingagenturen Großbanken, Weltkonzerne). Gleichzeitig sollen wir uns „immer verantwortlicher“ fühlen.</p>
<p><strong>Verfallsform echter Verantwortung</strong></p>
<p>Mit Blick auf die von Politikern und staatlichen Stellen verbreiteten Kampagnen kann man feststellen:</p>
<p>– Eigenverantwortung wird immer dann angemahnt, wenn uns jemand dazu zwingen will, Verschlechterungen unserer Lebenssituation hinzunehmen. Jeder Widerstand wäre ja dann gleichbedeutend mit der Regression auf ein unreifes Stadium der Charakterentwicklung. Beim Kauf einer neuen Brille stelle ich z.B. fest, dass meine Eigenverantwortung enorm groß ist (ich trage 100 Prozent selbst), während ich weiter monatlich meine Krankenkassenbeiträge zahle.</p>
<p>– Eigenverantwortung wird von denen angemahnt, die sich aus der Verantwortung zurückziehen wollen, obwohl sie gut dafür bezahlt werden, diese zu tragen. Ein Beispiel: Bei der „Bankenrettung“ 2008 wurde deutlich, dass Banken zwar ungeniert mit Milliardensummen zockten, aber nicht einsahen, warum sie entsprechende Verluste selbst tragen sollten. Dafür hat man ja den Steuerzahler. „Eigenverantwortung“ ist heute vor allem der Kampfbegriff der Unverantwortlichen.</p>
<p>- Der Begriff Eigenverantwortung dient auch der Disziplinierung, der Prägung der Bürger im Sinne des gewünschten Menschenbildes. Echte Autonomie und Reife werden damit eher verhindert. Christian Felber schreibt dazu: „Eigenverantwortung kann nicht heißen, dass ich mir vorgegebene Charakterzüge aneigne, dass ich mich an ein normatives Menschenbild anpasse. Das ist Unterwerfung, nicht Freiheit.“</p>
<p>- So wie der Begriff heute gebraucht wird, ist Eigenverantwortung die Verfallsform von echter Verantwortung. Diese ist normalerweise immer sozial, also gemeinschaftlich und zielt niemals auf Vereinzelung und Entsolidarisierung ab. „Die angedeutete Beziehungslosigkeit eines Menschen, der sich angeblich ganz um sich selbst kümmert, ist eine naive Illusion. Kein Mensch ist unabhängig, wir hängen alle voneinander ab.“ (Felber)</p>
<p><strong>Zugewiesene Reservate der Freiheit</strong></p>
<p>Wenn jedoch der Begriff „Eigenverantwortung“ im Neoliberalismus missbraucht wird, könnten wir dann nicht wenigstens den Begriff „Verantwortung“ gelten lassen? Prinzipiell schon. Unsere Verantwortung steht und fällt aber mit unserem realen Einfluss auf das Geschehen. Der ist oft kleiner als wir denken. Deshalb greifen auch wohlmeinende Appelle aus der Aktivistenszene oft zu kurz. So lesen wir im Webmagazin „Sein“, „dass ein Wandel nicht durch politischen Widerstand und Gewalt erzeugt werden kann, sondern bei jedem Einzelnen beginnt, in jeder einzelnen Entscheidung, die wir jeden Tag treffen.“ Schade, dass der Autor zusammen mit der Gewalt gleich auch den Widerstand entsorgt hat. Die Machthaber können sich nur freuen, dass solche Halbwahrheiten im Volk kursieren. Sie müssen dann nur noch unseren Raum für Einzelentscheidungen auf ein für sie ungefährliches Maß verkleinern – und genau das geschieht.</p>
<p>Machtstrukturen werden stets durch Gesetze zementiert. Wir können im legalen Rahmen aber oft nur die unbedeutenden Entscheidungen treffen. Wer etwas verändern will, gerät schnell in eine Zwickmühle: Was helfen würde, ist verboten; was erlaubt ist, hilft nicht. Beispiele für in Deutschland verbotene sinnvolle Maßnahmen sind: Generalstreiks und unangemeldete Demonstrationen oder Besetzungen. Bedeutende Veränderungen können oft nur illegal herbeigeführt werden, und Verbote sind strafbewehrt. Der Einzelne müsste sich „opfern“ und sich dafür auch noch von denen beschimpfen lassen, für deren Wohl er eingetreten ist. Strafen werden von Machthabern stets so hoch angesetzt, dass sich die Mehrheit davon abgeschreckt fühlt und die mutige Minderheit vernachlässigbar ist.</p>
<p><strong>Gefährlicher „Zuständigkeitsburnout“</strong></p>
<p>Da sich illegale Handlungen sich meist verbieten, blieben mühsame, langwierige Wege mit geringen Erfolgsaussichten: Der Einzelne kann eine Partei „unterwandern“ und dort seine Programmwünsche durchsetzen. Er kann eine eigene Partei oder Bürgerbewegung gründen, Protestbriefe und Petitionen schreiben, Unterschriftenlisten herumgehen lassen usw. Einflussnahme ist hier möglich. Die wahrscheinliche Wirkung ist aber so gering, dass viele schon im Vorfeld das Handtuch werfen. Hinzu kommt: Ethisch richtiges Handeln setzt einen umfassenden, meist langwierigen Erwachensprozess voraus. Man muss viel Zeit und Energie investieren und dem Gegenwind der herrschenden Kultur trotzen. Man muss Sachverhalte recherchieren, die die Verantwortlichen lieber unter Verschluss halten. Man muss sich selbst motivieren und von ihrem Alltagsgeschäft ausgelaugte Menschen hinter dem Ofen hervorlocken. Von typischen Argumenten („Du hältst dich wohl für was besseres“, „Die da oben machen ja sowieso, was sie wollen“) darf man sich nicht entmutigen lassen.</p>
<p>Ich engagiere mich ja als Journalist und auch privat in einigen Belangen. Wenn ich aber einmal erschöpft bin und dann eine besserwisserische Mail erhalte – „Du, da müssen wir doch was dagegen tun“ – reagiere ich zunehmend gereizt. Das Energie- und Zeitbudget des Menschen ist begrenzt, sein Verantwortungsbereich dagegen potenziell unbegrenzt. Besonders problematisch ist der Satz: „Wer zuschaut, ist mitschuldig“. Er führt, nimmt man ihr wörtlich, sehr schnell zu einem „Zuständigkeitsburnout“. Natürlich sollte man, wenn einer gerade ertrinkt, nicht am Ufer stehen bleiben – man sollte hineinhüpfen und ihn retten. Wer sich allerdings für den ganzen Globus zuständig fühlt, kommt schnell an seine Grenzen. Wenn ich in Syrien hinschaue, schaue ich gleichzeitig in Fukushima weg, und umgekehrt.</p>
<p><strong>In die Vereinzelung getrieben</strong></p>
<p>Und es sind gerade die aufrechten Leute, denen schnell die Zeit und die Kraft ausgeht: Diejenigen, denen ihre Familie und ihr Beruf wichtig ist und die noch in einem gemeinnützigen Verein mitarbeiten. Ihre „Gegner“, z.B. in den globalen Konzernen, verfügen dagegen über gut bezahlte Vollzeitprofis in Sachen Manipulation. Diese sinnen Tag für Tag darüber nach, wie sie uns Verschlechterungen unserer Lage aufzwingen und Gegenwehr möglichst ausschalten können. Ob es darum geht, das Pinkeln und Parken in den Städten zu verteuern, die Überwachungsdichte zu erhöhen oder die Gesundheitskosten auf Arbeitnehmer abzuwälzen. Das neoliberale Menschenbild zieht so eine Negativspirale nach sich: Da sich das Kollektiv zunehmend weigern, Verantwortung für uns zu übernehmen, sind wir ständig damit beschäftigt, für uns selbst zu sorgen. In der Folge haben wir nicht mehr die Kraft, Verantwortung für das Kollektiv zu übernehmen.</p>
<p>Appelle an unser Verantwortungsgefühl suggerieren, dass unser Zuständigkeitsbereich beliebig ausweitbar wäre. Richtig ist, dass unser Einfluss in Maßen wachsen kann, solange wir die Zeche für ethisches Verhalten selbst zahlen (Beispiel: Fairtrade). Schwieriger wird es, wenn unser eigenverantwortliches Handeln massiv Herrschaftsinteressen berührt. Ein Beispiel sind die überall aus dem Boden schießenden Komplementär- oder Regionalwährungen. Wenn sie dem System der Kontrolle über das Geldwesen gefährlich werden, könnten sie von heute auf morgen verboten werden. So geschah es dem berühmten Geldexperiment von Wörgl von 1932. Vernunft und selbst offensichtliche Erfolge könnten wenig fruchten, wo Machtinteressen berührt sind.<br />
<strong><br />
Schuldgefühle machen klein</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, wie es möglich war, Verantwortung so massiv in teils unzutreffender, teils übertriebener Weise auf den „einfachen Bürger“ abzuwälzen. Zunächst ist der Verantwortungstransfer natürlich eine psychische Selbstentlastung der wirklich Mächtigen. Es ist nicht gerade angenehm, sich damit zu konfrontieren, wie schwer die Verwüstungen sind, die man schon angerichtet hat. Gerhard Polt spottet in seinem Sketch „Der Verantwortungsnehmer“: „Das kann man doch dem Minister doch nicht bloß deshalb anlasten, weil er es veranlasst hat.“ Zum zweiten sollen natürlich die finanziellen Nachteile verantwortlichen Handelns auf uns verschoben werden (Beispiel: ethisches Einkaufen).</p>
<p>Ich möchte aber noch einen dritten Grund nennen, der mir noch wichtiger erscheint: Die dunkle Schwester der Verantwortung ist die Schuld. Und mit Schuldgefühlen kann man Menschen manipulieren. Wer Verantwortung übernimmt, ohne entsprechende Einflussmöglichkeiten zu haben, wird sich schnell als Versager fühlen, wenn die Dinge nicht in seinem Sinn funktionieren. Größere „Eigenverantwortung“ erzeugt größere Schuldgefühle. Die lähmen, machen uns klein und bringen uns gar zu der Annahme, wir hätten eine Besserung der Verhältnisse gar nicht verdient. Der US-amerikanische Bürgerrechtler Noam Chomsky schreibt: „Die Menschheit soll denken, sie sei wegen zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldige ihres Nicht-Erfolgs. Das ‚System’ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit sein Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns.“</p>
<p><strong>Eine weltliche Form der „Erbsünde“</strong></p>
<p>Man kann zum Vergleich auch andere Modelle der Schuldzuschreibung heranziehen. Das katholische Konzept der „Erbsünde“, begründet von Paulus und dessen Verehrer Augustinus, diente z.B. als Instrument zur Beherrschung der Masse. Ein weltliches Pendant dazu bilden übertrieben strenge Gesetze: etwa auf dem Gebiet des Copyrights oder der Verkehrsregeln. Je strenger die Regeln, desto mehr tendiert das Gesetz dazu, den Menschen für seine unvermeidliche Fehleranfälligkeit zu bestrafen, also für sein Menschsein. Es wird also aus der menschlichen Konstante „Fehlbarkeit“ Schuld erschaffen, die der Betroffene nur durch eine Geldzahlung tilgen kann. Dieses Konzept erinnert wiederum an die Geldschöpfung in Form von Schuld durch die Banken. Nimmt jemand einen Kredit auf, erschafft die Bank hierfür eine Summe Geldes aus dem Nichts – verbunden mit dem Anspruch auf Zinszahlungen durch den Schuldner.</p>
<p>Zu diesen drei traditionellen Schuldkonzepten – Religion, Gesetz und Geldschöpfung – kommt in jüngerer Zeit ein viertes, das bei politischen Aktivisten und in der Ökoszene gängig ist. Dahinter steht oft die durchaus ehrenwerte Absicht, zuerst sich selbst zu belasten, statt die Schuld nur im Außen zu sehen. Der Kern dieser Kollektivschuldthese lautet: „Alles geschieht, weil wir es zulassen.“ Dieses Pauschalurteil hält einer genaueren Untersuchung natürlich nicht stand. So wäre der Satz: „Assad lässt auf Demonstranten schießen, weil wir es zulassen“ zwar formal richtig, jedoch realitätsfern. Ist es im Ernst zu erwarten, dass wir nach Syrien einreisen, um uns vor die Gewehre der Mörder zu werfen? Wir könnten auf einer Unterschriftenliste protestieren, aber davon zeigt sich Assad wahrscheinlich unbeeindruckt. Außerdem: Niemals hören wir, dass auch das Gute geschieht, „weil wir es zulassen“. Pfleger helfen den Kranken, weil wir es zulassen. Wunderbare Musik wird geschrieben, weil wir es zulassen. In jedem Frühjahr sprießen herrliche Blumen, weil wir es zulassen.<br />
<strong><br />
„Ich bin verantwortlich, wenn die Sonne aufgeht“</strong></p>
<p>Hier wird deutlich, warum viele Menschen die Verantwortung, die ihnen zugeschoben wird, scheinbar bereitwillig übernehmen. Man müsste sich ja nicht jeden Schuh anziehen, der herumsteht. Ich vermute aber, dahinter steht dem Wunsch, sich mächtig zu fühlen. Der König im Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Was für eine Machfülle! Auch in der Esoterik ist es üblich, dem Individuum die Urheberschaft an allem zuzuschreiben („Ich bin Schöpfer meiner Realität“). Ich sehe darin eine Abwehr von Machtlosigkeitsgefühlen, die als unerträglich erlebt werden. Die Größenfantasien sprießen in dem Maß, wie unsere tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Institutionen zurückgedrängt werden. An diese Sehnsucht, uns Verantwortung anzueignen, appellieren wiederum die Institutionen, die sie uns nur allzu gern zuschieben.</p>
<p><strong>„Ent-schuldigt euch!“</strong></p>
<p>Ich sehe voraus, dass mein Artikel bei einigen Lesern Abwehr hervorruft: „Er macht es den Bürgern und Verbrauchern zu bequem. Vielleicht will er sich nur selbst vor der Verantwortung drücken“. In der Tat will ich meine Leserinnen und Lesern auch entlasten – von falschen Selbstvorwürfen. Aber meine Schlussfolgerung ist alles andere als bequem. Sie belastet uns alle mit einer Aufgabe, die die meisten bis heute gar nicht als solche erkennen. Wir müssen die bestehenden Machtstrukturen angreifen. Die Kräfte also, die darüber entscheiden, dass unsere Steuergelder in Kriegsgerät fließen. Jene, die bestimmen, dass das Volk und seine „Vertreter“ Geld nur als Schuldgeld von Privatbanken beziehen können. Jene, die das Geld in einem wahnwitzigen legalen Raubzug beständig von unten nach oben pumpen.</p>
<p>Wir sollten all das tun, aber nicht „weil“, sondern „damit“. Nicht weil wir schuld daran sind, dass die unterbezahlten Menschen in den Bananenplantagen an chemischen Spritzmitteln ersticken, sondern damit eine Welt entsteht, in der dies nicht mehr geschehen kann. Zwischen „weil“ und „damit“ besteht ein großer Unterschied: Noam Chomsky hat es schon angedeutet: Fühlen wir uns als Versager, macht uns das depressiv, also antriebsschwach. Fühlen wir uns dagegen als wertvolle Menschen, denen ihre Würde von Machtkartellen geraubt wurde, werden wir selbstbewusst unser Recht einfordern. Betrachten wir uns selbst als die Verantwortlichen, so neigen wir zur Nabelschau, anstatt an der revolutionären Umwälzung der Verhältnisse im Großen zu arbeiten. Wir leiten also Energie von den großen hin zu den kleinen Kampfplätzen. Außerdem: Wenn wir uns nach dem Motto: „Es geschieht, weil wir es zulassen“ ständig selbst beschimpfen, entlassen wir die Täter billig aus ihrer Verantwortung.</p>
<p><strong>Jenseits der Größenfantasien</strong></p>
<p>Dies ist kein Aufruf, die „kleinen Schritte“ zu einem anständigeren Leben zu unterlassen. Ich finde es wichtig, z.B. unnötige Autofahrten zu unterlassen und fair gehandelten Orangensaft zu kaufen. Aber diese Dinge sollten nebenbei geschehen und allmählich in Fleisch und Blut übergehen. Und man darf von ihnen keine „Wunder“ erwarten. Das Leben des politisch erwachten Menschen sollte stets so organisiert sein, dass noch Kraft für die großen Kämpfe übrig ist. Das kann bedeuten, auf die Straße zu gehen, Plätze zu besetzen und Banken zu umzingeln. Das kann bedeuten, bei Regen und Kälte draußen zu stehen und durch die bedrohlichen Spaliere hochgerüsteter Polizisten zu marschieren. Das kann bedeuten, seine Kräfte auf strategisch wichtige Punkte zu konzentrieren, etwa die Internetfreiheit, Direkte Demokratie oder die Zerschlagung der Bankenmacht. Das kann bedeuten, mehr Sorgfalt auf richtige Wahlentscheidung zu lenken, anstatt mechanisch das Kreuzchen bei seiner politischen „Jugendliebe“ zu machen. Das kann auch bedeuten, den Ungehorsam zu proben und dafür negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen.</p>
<p>Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum es so beliebt ist, zu sagen: „Ich fange lieber mit kleinen Veränderungen bei mir selbst an“? Es ist einfach bequemer, die Fairtrade-Rosen für 3 Euro zu kaufen, als auf die Straße zu gehen und sich mit der Macht anzulegen. Das erstere verschafft ein wohliges Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Das letztere verursacht Angst, ist riskant. Es ist oft mit Selbstzweifeln verbunden oder bedeutet zähes Ringen mit Mitstreitern um den richtigen Weg. Gerade dies bedeutet aber wirkliche Eigenverantwortung, ein wirkliches politisches Erwachsenwerden ohne falsche Schuldgefühle und Größenfantasien. Ja, die Veränderung muss bei jeden Einzelnen anfangen. Aber sie darf nicht dort aufhören. Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wo wir nicht verantwortlich sind.</p>
<p>(Erstveröffentlichung einer veränderten Version dieses Artikels im Schweizer Magazin &#8220;Zeitpunkt&#8221;. <a href="http://">www.zeitpunkt.ch</a>)</p>
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		<title>Roland Rottenfußer: 2012</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 10:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist Dezember 2011, und bald schon beginnt das ominöse Jahr 2012. Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie es verlaufen wird. In gut einem Jahr, dem 21.12.2012, endet der Maya-Kalender. Endet auch die Welt? Dem Ende des Kapitalismus werden wir jedenfalls ein ganzes Stück näher gerückt sein. Hier eine optimistische Fantasie in Gedichtform. Spürst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7160" class="wp-caption alignleft" style="width: 253px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/SiegfriedDrache.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/SiegfriedDrache-243x300.jpg" alt="" title="SiegfriedDrache" width="243" height="300" class="size-medium wp-image-7160" /></a><p class="wp-caption-text">Wird der Kapitalismus 2012 besiegt?</p></div>Es ist Dezember 2011, und bald schon beginnt das ominöse Jahr 2012. Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie es verlaufen wird. In gut einem Jahr, dem 21.12.2012, endet der Maya-Kalender. Endet auch die Welt? Dem Ende des Kapitalismus werden wir jedenfalls ein ganzes Stück näher gerückt sein. Hier eine optimistische Fantasie in Gedichtform.</p>
<p><span id="more-7159"></span><br />
Spürst du es auch? Es ist kein Drang, eher ein Sog,<br />
Der uns die Zukunft wieder weit zu öffnen scheint.<br />
Wir ahnen jetzt, wie beispiellos man uns betrog.<br />
Und schreien heraus, was schon so lange in uns weint.</p>
<p>Sie wollten Wachstum, doch was wuchs, waren Geschwüre,<br />
Sie nahmen Zinsen und bemäntelten den Raub.<br />
Dies ist gewiss der letzte Tango der Vampire.<br />
Beim Licht der Wahrheit zerfällt ihre Macht zu Staub .</p>
<p>Dahin der Glanz, in dem sich Kleptomanen sonnten.<br />
Der Kehraus naht, unter den Masken schwitzt man Blut.<br />
Niemand versteht mehr, wie wir denen glauben konnten.<br />
Zuerst ist Scham da, dann auf einmal sehr viel Wut.</p>
<p>Und die Verzagten, sie versetzen plötzlich Berge.<br />
Was sie bedrohte, war nur Holoprojektion.<br />
Und all die Scheinriesen im Anzug sind nur Zwerge,<br />
Sie prellen keinen mehr um den verdienten Lohn.</p>
<p><strong>Der neue Mensch macht sich nicht länger klein.<br />
Er ist zu freiheitsliebend, um noch liberal zu sein.<br />
Lass uns zusammen träumen ohne Scheu.<br />
Im Jahr 2012 wird alles neu.</strong></p>
<p>Und an der Wall Street sieht man Mauerspechte hacken,<br />
In ein paar Tagen ist die Räuberhöhle Schutt.<br />
Man sieht die Händler hektisch Geld in Koffer packen.<br />
Doch wohin fliehen? Wo sie auch hingehen, wächst die Wut.</p>
<p>Und aus den Chefetagen fliehen nackte Kaiser.<br />
Der Papst tritt ab, sein Petersplatz bleibt immer leer.<br />
Und die Befehlshaber sind schon vom Brüllen heiser -<br />
Es ist umsonst, denn es gehorcht jetzt keiner mehr.</p>
<p>Der Drache schnaubt, um seine Höhle toben Stürme.<br />
Noch deckt sein Wanst den Schatz, doch bald schon ist es aus.<br />
Und die Missbrauchten strömen in die Bankentürme<br />
Und säen auf den Dächern Krokussamen aus.</p>
<p>In den Ruinen eines Kerkers tanzen Menschen<br />
Froh um ein Feuer, wo man Aktien verbrennt.<br />
Und niemand darbt mehr, weil sich alle alles schenken,<br />
In einer Welt, die keine Schuldscheine mehr kennt.</p>
<p><strong><br />
Kein Herrscher mehr, weil jeder König ist.<br />
Von der Befreiung trennt uns nur noch eine kurze Frist.<br />
Und alle Masken fallen, ihr werdet sehen.<br />
Im Jahr 2012 wird es geschehen.</strong></p>
<p>Und kein Versklavter übertüncht mehr seine Ketten.<br />
Man sieht Versteinerte, die wiederauferstehen.<br />
Und all die Großsprecher, es waren Marionetten.<br />
Man kann die Fäden jetzt nur allzu deutlich sehen.</p>
<p>Über das Pflaster weht der Wind vergilbte Lügen<br />
Und eine Überwachungskamera zerschellt.<br />
Man hat es satt, sich Unerträglichem zu fügen,<br />
Und schlägt die Zelte auf in dieser Zwischenwelt.</p>
<p>Vielleicht sind Aliens unterwegs, um uns zu retten,<br />
Kosmische Strahlen aus der Tiefe unseres Raums.<br />
Jedoch, ich würde mich nicht trauen, darauf zu wetten,<br />
Es wäre schön, aber wahrscheinlich ist es kaum.</p>
<p>Propheten sagen, diese Welt geht demnächst unter,<br />
Doch ich verspreche, eine neue Welt entsteht<br />
Wenn wir zusammenstehen, erschaffen wir ein Wunder,<br />
Bevor die Menschheit ganz real zugrunde geht.</p>
<p><strong>Wir dürfen hoffen, aber noch nicht ruhen,<br />
Wenn es geschehen soll, dann müssen wir es selber tun.<br />
Was keines Menschen Auge je gesehen,<br />
Im Jahr 2012 wird es geschehen.</strong></p>
<p>.</p>
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