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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Roland Rottenfußer</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Der dressierte Bürger</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 08:02:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Parkraumbewirtschaftung und Verfolgung von Bagatell-Verkehrssünden. Stress mit Mautpflicht, Sonderparkzonen und Umweltzonen. Hartz IV-Schikanen und Alkoholverbot in U-Bahnen: Das Motto der Staatsorgane lautet immer häufiger: Im Zweifel gegen die Freiheit. Bürger in Deutschland zu sein, bedeutet, sein Leben ständig im Hinblick auf mögliche Bestrafung zu führen. Wozu sind Verbote wirklich da? Mit ihrer Hilfe bringt der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/radarfalle.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/radarfalle-300x225.jpg" alt="" title="&quot;Starenkasten&quot; in Düsseldorf" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-8702" /></a>Parkraumbewirtschaftung und Verfolgung von Bagatell-Verkehrssünden. Stress mit Mautpflicht, Sonderparkzonen und Umweltzonen. Hartz IV-Schikanen und Alkoholverbot in U-Bahnen: Das Motto der Staatsorgane lautet immer häufiger: Im Zweifel gegen die Freiheit. Bürger in Deutschland zu sein, bedeutet, sein Leben ständig im Hinblick auf mögliche Bestrafung zu führen. Wozu sind Verbote wirklich da? Mit ihrer Hilfe bringt der Staat seine Macht ins Spiel, schärft seine Repressionsinstrumente und testet die Gehorsamsbereitschaft der dem Gesetz Unterworfenen. Er reduziert den Homo sapiens auf seine Schrumpfform: den Homo obediens (gehorchenden Mensch), der sich reflexartig der jeweiligen Erlaubnis- oder Verbotslage anzupassen hat. Der Kampf um eine menschlichere Gesellschaft muss daher immer auch ein Kampf gegen unnötige und überhöhte Strafen sein. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-8701"></span></p>
<p>Wie nennt man eigentlich das Gegenteil von „Smily“ – also ein stark vereinfachtes Gesicht mit heruntergezogenem Mundwinkel? Die Internetgemeinde favorisiert „Sady“ (von „sad“ – traurig). Dieses Sady also begegnet mir immer häufiger an Ortseinfahrten. Ich gestehe, dass ich gelegentlich da mit 60 km/h reinbrettere, besonders, wenn links und rechts noch Wiese ist. Das setzt mich der strengen Ermahnung eines interaktiven Verkehrsschilds aus, das meine Geschwindigkeit misst und unverzüglich mit Sadies ahndet. 55 km/h: Sady. 51 km/h: Sady. 50 km/h: Smily – geschafft!<br />
<strong><br />
Wie erzeuge ich ein Unrechtsbewusstsein?</strong></p>
<p>Smily und Sady – das ist der ultimative binäre Code der Volkserziehung. Darin manifestieren sich die beiden Funktionen des Staats: Nikolaus und Knecht Ruprecht. Dabei kann man über diese sanfte Form der Ermahnung noch froh sein. Normalerweise sind Strafen nämlich die einzige Methode des Staates, um seine Bürger auf die Existenz eines Gesetzes aufmerksam zu machen. Nach Schätzungen waren 2005 auf Bundesebene 2.100 Gesetze mit knapp 46.000 Einzelvorschriften sowie 3.140 Rechtsverordnungen mit fast 41.000 Einzelvorschriften in Kraft – Tendenz steigend. Praktischerweise gilt der Grundsatz „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ – sonst würden sich Missetäter womöglich noch auf Unkenntnis herausreden. Wenn es aber so leicht ist, alle Gesetze zu kennen, warum absolvieren Juristen dann ein fünfjähriges Studium? </p>
<p>Die meisten Menschen lösen das Dilemma, indem sie einer Art „natürlicher Ethik“ folgen: Man töten nicht, ist nicht gewalttätig, stiehlt nicht und man beleidigt niemanden. Wer das berücksichtigt, kommt normalerweise gut durchs Leben. Was aber wenn natürliche Ethik und real existierende Gesetzeslage immer stärker auseinander klaffen. Dann bleibt für den Staat nur das Mittel, die Repression zu verschärfen, die den Appell an das Gerechtigkeitsgefühl dann vollständig ersetzt. Zu deutsch: Wer nicht hören will, muss fühlen.</p>
<p><strong>Der Führerschein als Hebel der Bürgerdressur</strong></p>
<p>Ein Fall aus der Praxis: Eine Frau fährt in die Innenstadt von Augsburg ohne eine entsprechende Feinstaubplakette ein. Die Strafe: 110 Euro und ein Punkt in Flensburg. Dabei war ihr Auto nur zwei Jahre alt und natürlich ASU-zertifiziert. Die Strafe entsprach der, die einem wirklichen Umweltverschmutzer gedroht hätte, der mit einer alten Dreckschleuder in die Innenstadt eingefahren wäre. Menschen, die niemanden geschädigt oder gefährdet haben, können also heute mit einer hohen Geldstrafe belegt und mit Führerscheinentzug bedroht werden. Darauf läuft ja das Anschwellen des Punktekontos in Flensburg hinaus. Das bedeutet nichts anderes als die Kriminalisierung der Normalität. Es wird keine Straftat geahndet, sondern nur die Tatsache, dass jemand die Ermittlungen, ob überhaupt eine Straftat vorliegt, nicht vorbeugend erleichtert hat. Ein solches Delikt ist vergleichbar mit der Weigerung, eine Parkscheibe an der Windschutzscheibe zu platzieren. Hier stellt sich eine grundsätzliche Frage. Ist der Bürger verpflichtet, es dem Staat leichter zu machen, ihn zu kontrollieren? Muss er quasi als Hilfssheriff gegen sich selbst tätig werden? </p>
<p><strong>„Schuldvermutung“ auf dem Vormarsch</strong></p>
<p>Der Strafverfolgungsstaat mutiert zunehmend zum Präventivstaat, der das Verhalten seiner Bürger in immer feinere Verzweigungen des Alltags hinein zu steuern versucht. Nehmen wir die Pflicht, nur mit Feinstaubplakette in eine deutsche Innenstadt einzufahren. Übertragen auf andere Delikte bedeutet dies: Man dürfte sich nur dann im öffentlichen Raum bewegen, wenn man sich das polizeiliche Führungszeugnis auf die Stirn klebt. Wer nicht vorab beweist, kein Mörder zu sein, wird verfolgt und bestraft wie ein Mörder. Ein Paradigmenwechsel von der Unschulds- zur Schuldvermutung. Die Abläufe sind automatisiert. Wir werden dazu erzogen, dass Widerstand so zwecklos ist wie bei der Begegnung mit einem Borg-Kollektiv. Einem Bürger einen Strafbefehl zu schicken ist eine so sichere Einnahmequelle wie Geld aus dem Automaten zu ziehen.</p>
<p>Gerade auch die Parkraumbewirtschaftung scheint ein willkommenes Instrument, um jedem Bürger das Erlebnis des Bestraftwerdens zu verschaffen. Ein Beispiel ist meine Nachbarstadt Weilheim. Dort werden seit Jahren die Parkgebühren stufenweise erhöht. Bisher unregulierte Zonen werden reguliert, mit Parkuhren und einem Schilderwald versehen. So wurde in einer Seitenstraße der Beginn der Freiparkzeit von bisher 18 Uhr auf 20 Uhr verschoben. Die Folge: Wer um 19 Uhr in eines der Restaurants essen gehen will, muss zahlen – obwohl die Parkplätze dort schon immer großflächig frei waren.<br />
<strong><br />
Gentrifizierung des Autoverkehrs</strong></p>
<p>Wem die Parkgebühren für längeres Parken zu hoch sind, der wird zu einem hektischen und flüchtigen Einkaufsverhalten gezwungen. Betroffen sind vor allem spontane Menschen, die sich mal im Laden verquatschen und nicht bedenken, dass sie ab 13.45 schlagartig vom legalen Parker zum „Parksünder“ mutieren. Benachteiligt sind Menschen mit Gehbehinderung, die den Weg von den kostenfreien Außenbezirken bis zur Einkaufsmeile zu Fuß nicht schaffen und deshalb teuer parken müssen. Benachteiligt sind natürlich auch einkommensschwache Bürger. Es findet eine Gentrifizierung des Autoverkehrs statt. In den teuren Einkaufsstraßen parken die Wohlhabenderen; die Ärmeren müssen einen längeren Anmarsch sowie Zeitverlust in Kauf nehmen. </p>
<p>Typisch ist im Fall Weilheim (und nicht nur dort), dass von oben herab entschieden wird. Statt den Dialog mit den Bürgern zu suchen, um zu prüfen, wie viel Kontrolle bzw. Freiheit erwünscht ist, agieren die Verkehrsüberwacher nach dem Motto: „Die werden es schon schlucken. Es wird ihnen schon nichts anderes übrig bleiben.“ Mit der Würde des Bürgers als Souverän im demokratischen Prozess hat das nichts zu tun. </p>
<p><strong>Anwesenheitsstrafe für Innenstadt-Besucher</strong></p>
<p>Auch verletzt es das Gebot der Gastfreundschaft, Menschen, die von auswärts in eine Stadt kommen, aufzulauern und ihre mangelnde Ortskenntnis auszunutzen, um sie nach Kräften abzuzocken. Ein Beispiel hierfür sind Sonderparkzonen, deren Gültigkeit nur an den Grenzen der betreffenden Zonen erkennbar ist, nicht an jedem Parkplatz. Solche Einrichtungen sind Autofahrerfallen, die helfen, die Parksünden, die sie verhindern sollen, erst zu kreieren. Wenn ich in meinem Briefkasten einen Brief mit der Aufschrift „Stadt“ finde (z.B. Stadt Weilheim), zucke ich ängstlich zusammen. Das kann nur bedeuten, dass von mir eine Geldzahlung erpresst werden soll. Städte kommunizieren mit ihren Gästen fast nur noch zum Zweck der Bestrafung.</p>
<p>Das Argument, solche Maßnahmen sorgten für „Verkehrsberuhigung“ in der Stadt, kann ich nicht akzeptieren. Wenn eine autofreie Innenstadt gewollt ist, muss die entsprechende Zone eben ganz für den Verkehr gesperrt werden. Es geht nicht an, die Menschen mit reichhaltigem Einkaufsangebot in die Innenstädte zu locken und sie gleichzeitig mit einer Art „Anwesenheitsstrafe“ zu belegen. Der Verdacht, dass es da nur um möglichst reich sprudelnde Geldeinnahmen geht, ist nahe liegend. Denn zu den regulären Parkgebühren kommen die Einnahmen aus Verwarnungsgeldern und Bußbescheiden.</p>
<p><strong>Delikt-Design nach Kassenlage</strong></p>
<p>Den Gemeinden fehlt das Geld, heißt es; für das Aufstellen von Schildern, die Umrüstung von Parkuhren und die Bezahlung der Politessen ist jedoch offenbar immer genügend Geld da. Hat man erst mal ein Delikt neu kreiert (wer vor 20 Uhr umsonst hier parkt, wird bestraft), so muss man es auch durchsetzen. Arbeitskräfte müssen Schilder aufstellen und das Chaos grauer Parkflächen mit einem dichten Gitter weißer Striche bändigen. Der Lebensraum muss parzelliert und in Zonen des Erlaubten und Verbotenen unterteilt werden. Für die Kontrolle vor Ort sowie die Strafenverwaltung muss Personal eingestellt werden. Mindestens diese Kosten müssen wieder hereinkommen, schon deshalb ist mit „Gnade“ von Seiten der Ordnungshüter kaum zu rechnen. </p>
<p><strong>Die Kriminalisierung der Normalität</strong></p>
<p>Ein weiteres Mittel der Bürgerdressur ist natürlich die Ahndung von Bagatelldelikten im Straßenverkehr. Nicht wenige Autofahrer werden in jüngster Zeit mit dem Vorwurf behelligt, 57 km/h in der Ortschaft gefahren zu sein. Die Verkehrsüberwacher haben damit ohne Not ein Stillhalteabkommen zwischen Bürgern und Polizei aufgekündigt, das als Gewohnheitsrecht galt: Schon Fahrlehrer bringen ihren Schülern bei: Bis 59 km/h kann dir nichts passieren. Manche Polizisten winken speziell Fahrer heraus, die mit exakt 50 km/h durch die Ortschaft schleichen. Sie finden es verdächtig, wenn jemand in derart auffälliger Weise unauffällig erscheinen will. Unverdächtige Autofahrer fließen bei 55 bis 60 km/h mit dem Verkehr mit. Dafür drohen aber heutzutage bereits 15 Euro Verwarnungsgeld. Also was jetzt? </p>
<p>Dabei ist die Fahrgeschwindigkeit ohne Zweifel wichtig, und Übertretungen können die Unfallgefahr erhöhen. Allerdings ist hier eine schematische Vorgehensweise nicht sinnvoll. In bestimmten Fällen kann schon eine Geschwindigkeit von 20 km/h unverantwortlich sein, obwohl sie legal ist. In anderen Fällen sind 60 km/h keineswegs gefährlich, z.B. am Ortsausgang oder in sehr übersichtlichen Bereichen. Die Ahndung von Bagatellen ist per se Heuchelei, weil mir niemand weismachen kann, dass ihm nicht schon einmal Fehler in dieser Größenordnung unterlaufen sind. Auch kein Polizist. Anders als bei der Ahndung von Schwerverbrechen kriminalisiert die Polizei in solchen Fällen die Normalität, also die menschliche Fehleranfälligkeit im Minimalbereich.</p>
<p><strong>Blitzen verhütet keine Unfälle</strong></p>
<p>Fragwürdig ist auch die Vermischung zweier verschiedener Zwecke: Unfallprävention durch Abschreckung und Geldbeschaffung für die Staatsorgane. Werden diese beiden Bereiche nicht streng getrennt, ist dies genau genommen nicht seriös. Die Regeltreue der Bürger wird so zu einer Gefahr für die finanzielle Ausstattung der Polizeireviere oder Gemeinden. Dies verleitet die Polizei dazu, immer strengere Maßstäbe dafür anzusetzen, was ein Bürger leisten muss, um straffrei davonzukommen. Bußgelder werden so zu Sondersteuern, die mit einem Schuldvorwurf vergiftet sind. Die Vorwürfe sind seit Jahren bekannt und werden u.a. vom ADAC erhoben: Die Polizei blitze nicht dort, wo Schnellfahren gefährlich sei, sondern gerade an ungefährlichen Stellen, wo viele Autos durchkämen. So könne ein Maximum an Einnahmen aus Verwarnungen und Strafen erzielt werden. Kritisieren kann man diese Praxis schon deshalb, weil die personellen Kapazitäten, die aufgewendet werden, um Bagatellen an ungefährlicher Stelle zu ahnden, ja anderswo fehlen:  z.B. bei der Verkehrsüberwachung in kinderreichen Wohnstraßen oder bei der Bekämpfung schwererer Verbrechen.</p>
<p>Was viele Autofahrer bisher nur vage fühlten, scheint nur auch erwiesen. Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss veröffentlichte Ende Februar eine Studie, wonach Radarfallen keine Unfälle verhinderten. „Fahrer aus Altersgruppen mit einem geringen Unfallrisiko werden übermäßig mit Punkten belastet, und Fahrer mit hohem Unfallrisiko werden zu selten kontrolliert.“ Ein Beispiel: In „Vergnügungsmeilen“, wo junge, unerfahrene Fahrer mit dem Auto von der Kneipe zur Diskothek fahren, stehen kaum Blitzer. Dagegen werden routinierte Pendler rasch mal mit 10 km/h zu viel erwischt, wenn sie vor dem Autobahnende nicht schnell genug abbremsen. Das Verhältnis Staat/Bürger leidet jedoch, wenn Zweifel daran aufkommen, ob die Ordnungsmacht nach gerechten und legitimen Kriterien verfährt. </p>
<p><strong>Zum Thema „Bürgerdressur“ noch ein paar weitere Beispiel:</strong></p>
<p><strong>Hartz IV </strong>wurde von den Behörden als Schikanenparcours gestaltet, mit dem sich staatlicherseits nicht nur viel Geld sparen lässt, sondern auch Menschen diszipliniert werden. Hartz-IV-Bestimmungen dienen als „Gesslerhut“, als Gehorsamstest, der die Unterwerfungsbereitschaft der Betroffenen austestet. </p>
<p><strong>Verkehrsbetriebe und Privatfirmen </strong>übernehmen zunehmen staatliche Funktionen mit eigener Pseudogerichtsbarkeit bzw. Exekutive. Ein Beispiel ist die jüngste Welle der Alkoholverbote in U-Bahnen. Dadurch werden Freiheitsrechte klar verletzt. Nicht mehr Randalieren, Verschmutzen und Belästigen werden verfolgt, sondern Verhaltensweisen, die zu diesen Delikten führen <strong>könnten</strong>. </p>
<p><strong>Das Autofahren im Ausland </strong>wird zunehmend zur Kostenfalle mit hoher Bestrafungswahrscheinlichkeit. Wenn ich mich im Ausland aufhalte, werde ich fast immer von einem gutwilligen Einheimischen zur Einhaltung der Vorschriften ermahnt – und zwar in meinem Interesse. Die Behörden seien hierzulande besonders scharf, heißt es dann. Die Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitung besonders streng. Meist wird dann eine Summe genannt, die vielleicht für eine Körperverletzung angemessen wäre, nicht für Bagatelldelikte. </p>
<p><strong>Ein Universum von Strafbarkeiten</strong></p>
<p>Immer stärker zeigt sich die Tendenz, das weite Feld möglicher menschlicher Verhaltensweisen auf einen schmalen Pfad zu begrenzen und geringste Abweichungen mit Übelzufügung zu ahnden. Man denkt unwillkürlich an einen Viehabtrieb. An den Rändern der Herde stehen Treiber mit Ruten, die ausscherenden Kühen kleine Elektroschocks verpassen, um sie auf die vorgesehene Route zurück zu zwingen.</p>
<p>Wozu sind Verbote wirklich da? Die Frage stellt sich vor allem, wenn es um weit verbreitete, bisher selbstverständliche Verhaltensweisen geht, z.B Alkoholtrinken auf Stadtplätzen oder Handybenutzung auf dem Schulhof. Durch Verbote positioniert sich der Staat als verbietende oder erlaubende Ordnungsmacht und drängt den Bürger gewaltsam in die Rolle zurück, die ihm in der modernen gelenkten Demokratie zugedacht ist. So wird der Bürger/Untertan dressiert, „bis jedes Subjekt in einem Universum von Strafbarkeiten und Strafmitteln heimisch wird.“ (Michel Foucault) Je mehr der Bereich des Strafbaren anschwillt und auf das Terrain der Normalität übergreift, desto mehr wandelt sich Bestraftwerden von einem Ausnahmeschicksal (das nur Kriminelle betrifft) zum Normalfall.</p>
<p><strong>Die schwarze Pädagogik des Staates</strong></p>
<p>Wenn wir einmal die Metapher vom „Vater Staat“ weiterspinnen – was für eine Art von Vater zeigt sich uns da? Stellen wir uns einen Erzeuger vor, der seinen Kindern mit grundsätzlichem Misstrauen begegnet, der auf jeder kleinen Verfehlung unnachsichtig herumhackt; der das (meist vorherrschende) Wohlverhalten jedoch als selbstverständlich hinnimmt und Belohnung und Würdigung überhaupt nicht in seinem Verhaltensrepertoire hat. Wie würden wir einen solchen Vater bezeichnen? Man muss sich da schon einen freudlosen und kleinlichen Haustyrannen vorstellen, der seine Kinder argwöhnisch belauert, um aus der Ahndung ihrer Fehler eine Art giftiger Befriedigung zu ziehen. In der Psychologie spricht man in solchen Fällen von Schwarzer Pädagogik.</p>
<p>Eine grundlegende Reform im Umgang mit Bagatelldelikten ist nötig. Alle freiheitsliebenden Menschen müssen sich dafür einsetzen, einen Trend zur Entkriminalisierung zu kreieren. Es ist ein gutes Zeichen, dass mit der Piratenpartei erstmals ein politischer Akteur die Bühne betreten hat, der die Legalisierung bestimmter Delikte zu einem Hauptprogrammpunkt gemacht hat. Die Bewegung darf sich jedoch nicht auf „Videopiraterie“ und Cannabis beschränken, sie muss auf andere Lebensbereiche ausgedehnt werden, besonders auf den Bereich der „Verkehrssünden“. </p>
<p>Neben der ersatzlosen Streichung der geringfügigsten Delikte habe ich zur Reform der Verkehrsüberwachung vor allem drei Vorschläge:</p>
<p>1. Regulierung über Kfz-Steuer: Hier könnte man analog zur Kfz-Versicherung verfahren: Wer sein erstes Auto anschafft, bekommt zunächst einen durchschnittlichen Steuertarif. Fährt er einige Jahre ohne gravierende Verfehlungen Auto, erhält er einen günstigeren Tarif. Treten dagegen Verkehrsverstöße auf, verliert der Fahrer zunächst seinen Vorzugstarif. Bei drastischen und wiederholten Verstößen schnellt die Kfz-Steuer weiter nach oben. Der Fahrer kann dies in der Zukunft aber wieder durch korrektes Verhalten ausgleichen. Auf diese Weise wird gewürdigt, dass „normales“ unfall- und deliktfreies Fahren seitens der Bürger eine Leistung darstellt, die nicht selbstverständlich ist. Strafen sind wieder das, wozu sie eigentlich geschaffen wurden: Sanktionen für tatsächlich gefährliche Verstöße gegen die Sicherheit. Wichtig ist aber, dass die Einnahmen aus Strafen keine Begehrlichkeiten bei den Behörden wecken. Sie müssen zur Gänze wieder an gute Autofahrer ausgeschüttet werden. </p>
<p>2. Entkoppelung von Strafverfolgung und pekuniärer Selbstversorgung der Staatsorgane. Das von der Verkehrspolizei oder Gemeinde eingesammelte Geld sollte niemals diesen Institutionen selbst, sondern immer anderen Begünstigten zufließen. Polizisten und Behörden werden ja bereits durch unsere Steuern vergütet, obwohl sicher in vielen Fällen eine bessere Bezahlung wünschenswert wäre. </p>
<p>3. Ein Bürgerbeirat für die Gemeinden. Über Fragen wie Parkraumbewirtschaftung, Parkzeiten, Radarfallen u.ä. sollten Gemeinden nicht mehr allein entscheiden können. Hierbei sollte ein Kontrollgremium beratend tätig sein, das mit abstimmen und besonders krude Entscheidungen der Stadtväter notfalls blockieren kann. Der Bürgerbeirat könnte eine Funktion ähnlich dem Verbraucherschutz ausüben. Er sollte sicherstellen, dass die Interessen der anliegender Geschäfte, der Einheimischen, Kunden und Besucher, aber auch der körperlich schwächeren und weniger wohlhabenden Menschen berücksichtigt werden. Außerdem sollte er dafür sorgen, dass Radarfallen im Sinn der Unfallprävention wirklich gut platziert sind und dass bei Strafen das Augenmaß gewahrt bleibt. </p>
<p><strong>More Tolerance!</strong></p>
<p>Wie sinnvoll diese Reformen auch sein mögen – die beste Strafe ist noch immer: keine Strafe. Das Motto sollte lauten: So viel Freiheit wie möglich und nur so viel Verhaltenssteuerung wie unbedingt nötig. Den Willen eines Staatsbürgers zu brechen, sollte nur das allerletzte Mittel sein, das ein Vollzugsbeamter eher ungern ausführt. Schließlich ist dessen Wohlergehen das Hauptziel und der letzte Daseinszweck staatlicher Organe. Leider ist derzeit aber die gegenteilige Tendenz festzustellen: Strafen sind der Normalfall, ihr Ausbleiben muss sich der Bürger durch ein geradezu unnatürlich leisetreterisches Verhalten erkaufen. Man straft gern und viel, dem Anschein nach geradezu mit Lust. </p>
<p>Der Kampf um eine menschlichere Gesellschaft muss daher immer auch ein Kampf gegen unnötige und überhöhte Strafen sein. Der Weg in den Orwell-Staat endet mit Totalüberwachung und unmenschlichen Gefängnissen; aber er beginnt damit, dass menschliche Verhaltensweisen zu Verbrechen erklärt werden, die eigentlich keine sind. Die Entwicklung, die in den USA unter dem Schlagwort „Zero Tolerance“  eingesetzt hat, muss umgekehrt werden. „More Tolerance“ könnte eine neue Bewegung heißen. Kämpfen wir weiter dafür, die Zügel, an denen man uns hält, abzuschütteln oder wenigstens zu lockern!</p>
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		<title>Erben – die Mühe, geboren zu werden</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 08:53:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Zins ist schädlich, gewiss, aber er bliebe ein begrenztes Übel, wäre da nicht ein anderer Faktor, der ihn verewigt und potenziert: das Erbe. Erbschaften zementieren Familienprivilegien und unterhöhlen die Chancengleichheit. Der Sohn von Michael Ballack wird nicht nächster Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. In Unternehmen sind derlei Absurditäten aber durchaus üblich. Schwerer wiegt, dass sich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_8600" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/FigarosHochzeit.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/FigarosHochzeit-300x199.jpg" alt="" title="FigarosHochzeit" width="300" height="199" class="size-medium wp-image-8600" /></a><p class="wp-caption-text">Schon in &quot;Figaros Hochzeit&quot; wird gegen ererbte Privilegien gewettert</p></div>Der Zins ist schädlich, gewiss, aber er bliebe ein begrenztes Übel, wäre da nicht ein anderer Faktor, der ihn verewigt und potenziert: das Erbe. Erbschaften zementieren Familienprivilegien und unterhöhlen die Chancengleichheit. Der Sohn von Michael Ballack wird nicht nächster Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. In Unternehmen sind derlei Absurditäten aber durchaus üblich. Schwerer wiegt, dass sich die Akkumulation von Vermögen und politischem Einfluss über Generationen fortsetzen kann. Wer für das Leistungsprinzip und gegen demokratisch nicht legitimierte Machtkonzentration ist, kann nicht gleichzeitig für uneingeschränktes Erben sein. Es müssen Wege gefunden werden, Erbschaften auf ein sozialverträgliches Maß zu begrenzen. Ein paar Vorschläge. (Roland Rottenfußer)<span id="more-8599"></span></p>
<p>John Fontanelli war ein einfacher Pizza-Austräger in New York. Eines Tages erfuhr er von ein paar dubiosen Anwälten, dass er Erbe eines Riesenvermögens war. Wert: eine Billion Dollar. Das Vermögen war von seinem Vorfahren Jakob Fugger vor 500 Jahren angelegt worden – mit der Auflage es erst jetzt, zur Jahrtausendwende, auszuzahlen. Mit Zins und Zinseszins kam so über die Jahre eine stattliche Summe zustande. John Fontanelli war mit einem Schlag mit Abstand der reichste Mensch der Welt. Zum Vergleich: Warren Buffet wird heute auf „nur“ 47 Milliarden geschätzt. Diese Geschichte ist natürlich nicht wahr. Sie ist dem Roman „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach (2001) entnommen. Aber sie könnte wahr sein.</p>
<p>Was fängt man mit so viel Geld an? Das bisschen, was John in der ersten Euphorie für Maßanzüge, Autos und ein Landhaus in England verpulverte, war schnell wieder „verdient“. Mehr noch: Wie Johns Vermögensverwalter McCaine ihm auf Anfrage mitteilte, war sein Bankkonto trotz großzügiger Ausgabenpolitik auf rätselhafte Weise weiter angeschwollen. Ab einer gewissen Höhe ist ein Vermögen kaum klein zu kriegen: aufgrund von Zins und Zinseszins. Zum Glück ist John Fontanelli in Eschbachs Roman ein guter Kerl. Er sucht nach Wegen, mit seinem Geld die ganze Welt zu beglücken. Was wäre aber, wenn so viel Geld in die Hände von weniger wohlmeinenden Individuen geriete?</p>
<p><strong>Was kostet die Welt?</strong></p>
<p>Ein machtbewusster, skrupelloser Erbe würde sich, nachdem er sein Grundbedürfnis nach fünf Yachten und zehn Ferienhäusern gestillt hat, vielleicht Politiker kaufen. Solche, die alles, was legal ist, für legitim halten und sich Fälle von Vorteilsnahme kurzer Hand selbst vergeben. Und er würde versuchen, Einfluss auf die Politik seiner Schützlinge zu nehmen. Vielleicht würde er sich auch Medien kaufen, die dem Volk in professionellen Kampagnen einreden, dass es in ihrem Interesse ist, entrechtet und ausgeplündert zu werden. Relativ günstig ist in Zeiten knapper Kassen auch die komplette Infrastruktur einer Volkswirtschaft zu haben: Wasser, Eisenbahn, Verkehrsbetriebe. Lohnend wäre es auch, mehrere scheinbar konkurrierende Energieversorger zu kontrollieren, um den Verbrauchern überhöhte Strompreise aufzuzwingen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.</p>
<p>Leider ist das hier gezeichnete Szenario schon heute Realität. Mit Guthaben von weit weniger als einer Billion kann eine Minderheit heute das Geschehen auf der Erde zu ihren Gunsten manipulieren. Das reichste Zehntel besitzt 85 Prozent des Weltvermögens. Knapp die Hälfte davon wird vom reichsten einen Prozent gehalten. Eine solche Ungleichverteilung wäre nicht möglich gewesen ohne eine merkwürdigen Gewohnheit der menschlichen Spezies: das Erben. Warum es so gefährlich ist, lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen. Nehmen wir an, ein 20-jähriger legt ein Vermögen von 10.000 Euro an. Er stirbt mit 80. Bei einem Verdopplungszeitraum von 20 Jahren kann sich ein solches Vermögen während der Lebensspanne seines Besitzers höchstens verachtfachen (80.000 Euro). Vererbt er es an seinen 40-jährigen Sohn, so kann dieser, bis er selbst stirbt, schon über ein Vermögen von 320.000 Euro verfügen. Beim Enkel wären es 1.280.000 usw. Wir kennen das Spiel.</p>
<p><strong>Die Mühe, geboren zu werden</strong></p>
<p>Da ist es erstaunlich, dass in der Geldreformerszene relativ selten über Erbschaften gesprochen wird. Dabei basiert eines der bekanntesten Rechenbeispiele über die Absurdität des Zinses auf dem Prinzip der unbegrenzten Vererbung: der „Josephspfennig“. Der englische Moralphilosoph Richard Price rechnete 1772 aus: Ein Pfennig, angelegt mit 5 Prozent zum Zeitpunkt von Jesu Geburt, hätte bis in die Gegenwart ein Vermögen im Wert von 150 Erden aus purem Gold erwirtschaftet. Das Beispiel funktioniert nur, wenn man die ungeschmälerte Weitervererbung von Vermögen unterstellt. Hier muss festgehalten werden: Übermäßiger Reichtum ist nicht nur deshalb schädlich, weil er Armut bedingt (dieser Effekt könnte ja durch Wirtschaftswachstum begrenzt werden). Reichtum ist vielmehr an sich schädlich, weil er Macht generiert, die nicht demokratisch verliehen ist. Sahra Wagenknecht, Sprecherin der Partei „Die Linke“ schreibt hierzu: „Politische Macht ist heute nicht mehr unmittelbar erblich, wirtschaftliche Macht dagegen ist es, und mit ihr vererbt sich auch die Macht, der ganzen Gesellschaft die eigenen Interessen aufzuzwingen.“</p>
<p>Die Ungerechtigkeit von Erbschaften empörte schon die großen Geister der Aufklärung. 1784 schrieb der Komödiendichter Beaumarchais in seinem berühmten Monolog des Figaro an die Adresse des Adels: „Adel, Reichtum, Rang und Würden, all das macht Sie so stolz! Was haben Sie denn geleistet für so viele Vorteile? Sie haben sich die Mühe gegeben, geboren zu werden, weiter nichts.“ Das Stück wurde zum Skandal, die betreffende Textstelle musste von Mozart und da Ponte aus ihrer Oper „Le Nozze di Figaro“ entfernt werden. Die Wahrheit ist eben nicht immer bequem. </p>
<p><strong>Riesenvermögen verhindern!</strong></p>
<p>Stellen wir uns zwei Neugeborene auf der Geburtsstation vor: Jonas und Knut. Beide sehen einander zum Verwechseln ähnlich, quäken, machen in die Windeln. Der Unterschied ist nur: Jonas ist das Kind reicher Eltern, die mehrere Immobilien in zentraler Großstadtlage besitzen. Knut ist das Kind von Hartz-IV-Empfängern. Es ist gut möglich, dass Jonas in 20 Jahren einmal der Vorgesetzte von Knut sein wird – oder sein Vermieter. Baby Knut wäre Baby Jonas tributpflichtig. Und würde man beide Kinder aus Versehen auf der Station vertauschen, wäre die Rollenverteilung umgekehrt. Ich vergaß: Es gibt so etwas wie Eigenverantwortung, und wir haben in unserem Land Chancengleichheit. Oder? Ein Radfahrer, der gegen starken Gegenwind ankämpft, hat kaum die gleichen Chancen wie jemand, dem der Wind in den Rücken bläst. Deshalb meine ich: Wer für unbeschränktes Erben eintritt, hat damit die Chancengleichheit als politisches Ziel aufgegeben.</p>
<p>Eigentlich ist die Erbschaftssteuer traditionell dafür konzipiert, diese Ungerechtigkeit zu begrenzen. In der Bayerischen Verfassung heißt es sogar: „Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“ (Art. 123) Gut gemeint. Aber nur etwa 15 Prozent der Deutschen kommen jährlich in Genuss einer größeren Erbschaft oder Schenkung. Der Rest ist faktisch „enterbt“. Diese glückliche Minderheit wird von der Erbschaftssteuer meist nicht behelligt. Die Freibeträge belaufen sich auf 300.000 (Ehegatten) oder 200.000 (Kinder). Die Steuersätze sind nur für entfernte Verwandte wirklich bedrohlich (60 Prozent). Kinder kommen mit 15 % davon, was verkraftbar ist, wenn man bedenkt, dass damit 85 % dem selbst erarbeiteten Einkommen leistungslos hinzugefügt werden. Wenn ein Erbe nicht ganz ungeschickt ist, wird er die bezahlte Steuer durch Miet- und Zinseinnahmen schnell wieder hereinholen.</p>
<p><strong>Das feudale Zeitalter beenden!</strong></p>
<p>Angesichts der machtvollen Zinseszinsdynamik und der für Erben sehr milden Gesetzgebung verwundert es, dass noch nirgendwo ein Vermögen von über einer Billion Dollar angehäuft wurde. Liegt in der Beschränkung auf zweistellige Milliardensummen doch ein Rest kollektiver Vernunft? Leider ist die Wahrheit unangenehmer: Kriege, Naturkatastrophen, Finanzkrisen und Währungsreformen haben die großen Vermögen in der Vergangenheit immer wieder vernichtet. Oder drastisch ausgedrückt: In einem globalen Monopoly, dessen „natürlicher“ Spielausgang darin besteht, dass am Ende einem die ganze Erde gehört, konnte nur millionenfaches menschliches Leid (z.B. durch Kriege) das gröbste Unrecht verhindern.</p>
<p>Dabei betraf die Geldvernichtung hauptsächlich das Bar- und Buchgeld. Boden- und Unternehmensbesitz blieben auch über die Weltkriege hinweg sehr oft unangetastet. Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, fordert in seinem Buch „Gemeinwohlökonomie“, Unternehmen nicht ausschließlich an Söhne und Töchter, sondern an eine „demokratische EigentümerInnengemeinschaft“ zu übergeben. Blutverwandte können sich unter bestimmen Umständen daran beteiligen, folgen ihren Eltern aber nicht mehr automatisch in Führungspositionen nach. Dazu Felber: „Das ist, im Grunde genommen, nur ein noch ausständiger Schritt aus dem feudalen Zeitalter, den wir bisher – dank intensiver ideologischer Schulung – noch nicht unternommen haben.“ </p>
<p><strong>„Germinal“ ist überall</strong></p>
<p>Nach dem Feudalismus prägten Erbschaften auch das Gesicht des frühindustriellen Zeitalters. In seinem Roman „Germinal“ (1885) berichtet Emile Zola von einem Streik bitter armer Bergarbeiter in Nordfrankreich. Ihrem elenden Schicksal wird das Leben der reichen Familie Grégoire gegenüber gestellt, die seit Generationen von den Erträgen einer einzigen Aktie lebt. Vater Grégoire hat diese Aktie nicht einmal selbst erarbeitet. Daher empfindet er „tiefe Dankbarkeit für eine Anlage, die seit einem Jahrhundert die Familie so schöne ernährte, dass sie die Hände in den Schoß legen konnten. Diese Aktie war gleichsam ihre Gottheit, die ihr Egoismus mit einem Kultus umgab, die Wohltäterin der Familie, die sie in einem breiten Bett der Trägheit wiegte, an einer leckeren Tafel mästete.“ Es ist, zugegeben, ein besonders drastisches und fiktives Beispiel – aber keineswegs realitätsfremd. Zustände wie in „Germinal“ prägten die Vergangenheit Europas, vielleicht werden sie auch seine Zukunft bestimmen </p>
<p>Erben in der heutigen Form verursacht gesamtgesellschaftlich offensichtlich mehr Schaden als Nutzen. Christian Felber begründet dies so: „Das (unbegrenzte) Erbrecht annulliert die einzige ‚natürliche’ negative Rückkoppelung des Kapitalismus: dass aufgebaute und konzentrierte Vermögen wieder dekonzentriert und zerteilt werden. Damit ist es das vielleicht größte Einzelhindernis auf dem Weg zu einer chancengleichen, egalitären und demokratischen Gesellschaft.“</p>
<p><strong>Im Tod gibt es kein Eigentum</strong></p>
<p>Bemerkenswert am Prinzip der Vererbung von Privateigentum ist, dass sie – je nach Betrachtungsweise – sowohl natürlich als auch unnatürlich ist. Natürlich, weil die meisten Menschen, wenn nicht starke Gründe dagegen sprechen, ihr Eigentum nach dem Tod am liebsten den eigenen Kindern überlassen. Will der Staat dies ändern, muss er Zwang ausüben. Und der bedarf in einer Demokratie immer der sorgfältigen Begründung mit Verweis auf übergeordnetes Interesse.</p>
<p>Unnatürlich ist das Vererben, weil der Sterbende sein Eigentum ja nicht mitnehmen kann. Was immer sich der Einzelne unter dem Tod oder dem „Jenseits“ vorstellt – er geht nackt hinüber. Der Körper eines Verstorbenen wird wieder ein Teil der Erde, seine Form löst sich auf, seine Moleküle verteilen sich überall. Über die Seele eines Verstorbenen gibt es verschiedene Ansichten. Manche meinen, sie erlischt; andere glauben, sie löse sich im „Ganzen“ (Gott) auf. Nur für das Eigentum soll das Prinzip der Auflösung im Großen Ganzen nicht gelten. Besitz bleibt der genetischen „Verlängerung“ des Verstorbenen zugeordnet: seinen Erben. Analog zu dem, was mit dem Körper und der Seele geschieht, wäre es aber logischer, Eigentum ginge in Gemeinschaftsbesitz über.</p>
<p><strong>Brutpflegeinstinkt und Wunsch nach Unsterblichkeit</strong></p>
<p>Wie konnte sich etwas so offensichtlich Unlogisches und Ungerechtes so lange halten? Wenn wir diese Frage beantworten wollen, stoßen wir – wie so oft – zuerst auf die herrschenden Machtverhältnisse. Zum anderen glauben auch Benachteiligte des herrschenden Erbrechts oft irrtümlich, dieses sei zu ihrem Vorteil. Damit verhält es sich wie mit dem Zins. Der wird von vielen Normalbürgern als „Freund“ betrachtet, weil sie mit ihren 1000 Euro auf dem Sparkonto 15 Euro Rendite erwirtschaften konnten. Die Betreffenden erkennen nicht, dass rund 30 Prozent ihrer Ausgaben für versteckte Zinsen draufgehen. Ebenso ist es mit dem Erbe: Man freut sich über die Porzellanvase der verstorbenen Tante oder die 5000 Euro, die die alte Mutter noch auf ihrem Sparbuch hatte. Wenige erkennen, dass auch beim Erben die überwältigende Mehrheit der Menschen draufzahlt. Das Gesamtvermögen in Deutschland beläuft sich jährlich auf 8,1 Billionen Euro. „Würde dieses zu gleichen Teilen auf alle neu in das Erwerbsleben Eintretenden verteilt, wären das bis zu 200.000 Euro pro Person.“ (Christian Felber). Jeder, der weniger erbt, gehört rechnerisch also zu den Verlierern. Natürlich ist dieses Beispiel zu „grob“. Wir müssen im Anschluss noch gesondert über die Vererbung von Immobilien und Unternehmen nachdenken.</p>
<p>Wenn wir fragen, warum die meisten Normalbürger dem Prinzip des Erbens intuitiv eher Sympathie entgegenbringen, kommen wir – neben fehlenden Informationen – vor allem auf drei Gründe:<br />
1. Eine Art „Brutpflegeinstinkt“. Man möchte seine Kinder versorgt wissen, auch über den eigenen Tod hinaus.<br />
2. Die Verdrängung des Todes. Man hofft, in seinen Erben noch indirekt weiterleben zu können.<br />
3. Der Wunsch nach Macht. Man möchte über den Tod hinaus das Verhalten der Nachkommen dominieren. Man manipuliert sie sogar schon vor dem Tod, indem man mit dem Erbe lockt oder mit seinem Entzug droht.<br />
4. Hinzu kommt auf der Empfängerseite natürlich die Sehnsucht nach leistungslosem Einkommen.</p>
<p><strong>Erbstreitigkeiten und unfähige Kronprinzen</strong></p>
<p>Von diesen Gründen sind mindestens die ersten beiden legitim und sollten kein Anlass zu Kritik und Spott sein. Es fragt sich jedoch, ob man auf diesen Bedürfnissen unsere Rechtsordnung aufbauen sollte, wenn gewichtige Gründe nach anderen Lösungen verlangen. Man vergisst leicht, dass Erbschaften seit Urzeiten Anlass für viel psychisches Elend, Neid und Ungerechtigkeit waren. Ein Beispiel ist die Situation auf Bauernhöfen im ländlichen Raum. Teilte man Hof und Grund auf alle Kinder auf, so war der Besitz parzelliert, die Einzelteile waren nicht mehr überlebensfähig. Also vererbte man alles dem ältesten Sohn. Der jüngere musste sich beim Nachbarbauern als Knecht verdingen. Die älteste Tochter wurde gut verheiratet. Die jüngere blieb ledig und pflegte aufopferungsvoll die alte Mutter, obwohl diese sie durch Enterben gnadenlos dafür bestraft hatte, eine Frau zu sein. Solche Konstellationen vergiften zahllose Familien nach dem Tod des Erblassers – und schon vorher, indem sich Kinder zu unterwürfigem und intrigantem Verhalten veranlasst sehen. </p>
<p>Nicht besser ist die Situation bei der Vererbung von Familienunternehmen. Christian Felber beklagt: „Das Erbrecht führt dazu, dass die meisten Unternehmen, die heute von UnternehmerInnen aufgebaut werden, morgen von Personen geführt werden, die sich in erster Linie dadurch qualifiziert haben, Sohn und Tochter der VorbesitzerIn zu sein.“ Es gibt also, außer willkürlicher Enterbung, auch noch andere Nachteile der heutigen Praxis: Ungeeignete und unwillige Erben werden in verantwortungsvolle Positionen gehievt und bestimmen über das Wohl und Weh der Angestellten. „Stille Erben“ begnügen sich mit einer Position im Hintergrund und schöpfen im Unternehmen nur den Rahm ab, also Gewinne, die nicht von ihnen, sondern von den Mitarbeitern erwirtschaftet wurden. Fähige Manager werden, da nicht von edlem Geblüt, von der Spitze ferngehalten. Felber spottet: „Fänden Sie es ‚effizient’, dass die Mitglieder des Fußballnationalteams von morgen die Söhne und Töchter der SpielerInnen von heute sind? Fänden Sie es ‚gerecht’? Das heutige Erbrecht funktioniert leider genauso.“ </p>
<p><strong>Milliardenvermögen kann man nicht „verdienen“</strong></p>
<p>In welche Richtung sollten Lösungen also gehen? Der Geldtheoretiker Silvio Gesell (1862-1930) will „arbeitsloses Einkommen“ nicht gänzlich abschaffen und warnt vor dem „sozialistischen Zuchthausstaat“. In der Tat sind Übertreibungen zu vermeiden. „Harte Arbeit“ sollte im Zeitalter der Automatisierung nicht mehr zum Fetisch erhoben werden. Es geht im Kern darum, Eigeninitiative und Leistung nicht zu ersticken, dem emotionalen Bedürfnis der Menschen nach Privateigentum und Versorgung der Nachkommen entgegenzukommen und zugleich ungesunde Überkonzentration von Vermögen, Produktionsmitteln und Boden zu verhindern. </p>
<p>Hierzu gibt es aus jüngerer Zeit ein paar bedenkenswerte Vorschläge. Die Sprecherin der Partei „Die Linke“, Sarah Wagenknecht, argumentiert in ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“: „Wer sein Einfamilienhaus, sein erarbeitetes Spargeld und seine persönlichen Gegenstände in der Hand seiner Kinder wissen will, den sollte der Fiskus in Ruhe lassen. Millionen- oder gar milliardenschwere Großvermögen dagegen beruhen nie nur auf der Arbeitsleistung eines einzelnen Menschen. Vielfach wurden sie selbst bereits ererbt.“ Als Schlussfolgerung schlägt Wagenknecht vor, Erbschaften generell auf 1 Million Euro zu begrenzen. Alles, was darüber hinausgeht, solle mit einer Steuer von 100 Prozent belastet werden.</p>
<p><strong>Angestellte sind keine „Manövriermasse“</strong></p>
<p>Betriebsvermögen, das die 1-Million-Grenze überschreitet, soll laut Wagenknecht jedoch nicht an den Staat gehen, „sondern würde in unveräußerliches Belegschaftseigentum übertragen“. Die meisten Firmenerben, argumentiert sie, seien ohnehin nicht daran interessiert, ein Unternehmen weiterzuführen. Nur 20 Prozent der Unternehmen gingen auf die zweite Generation, nur 7 Prozent auf die dritte Generation über. „Erben führen also nichts weiter, sie verkaufen. Die Beschäftigten, auf deren Arbeit der Unternehmenserfolg wesentlich beruht, werden zur Manövriermasse ohne relevante Mitspracherechte.“ Es geht der linken Politikerin also nicht nur um die gerechte Verteilung von Gewinnen, sondern auch darum, die Würde der Mitarbeiter zu achten. Dies gelingt am besten, indem ihnen Verantwortung und Gemeinschaftseigentum übertragen werden. Indem man die Privilegien derer abbaut, die sich „die Mühe gaben, geboren zu werden“, beschreitet man auch den „Weg in eine echte Leistungsgesellschaft“. </p>
<p>Zur Vererbung von nicht unternehmensgebundenem Vermögen macht Sahra Wagenknecht keine präzisen Angaben. Wichtig scheint, dass Vermögen über 1 Million nicht mehr der „Kriegskasse“ von Machtkartellen zur Verfügung stehen, die damit ein Flächenbombardement gegen den Sozialstaat und die Daseinsvorsorge der Bürger durchführen. Was die Verwendung der eingenommenen Gelder betrifft, so bleibt die talkshowfreudige Linke jedoch vage. Christian Felber macht für die Verwendung der Gelder einen präziseren Vorschlag. Er will Erbschaften bei Finanz- und Immobilienvermögen auf 500.000 Euro pro Person begrenzen. „Darüber hinausgehende Erbvermögen gehen in das Eigentum der Allgemeinheit über und werden zu gleichen Teilen an die Nachkommen der nächsten Generation verteilt.“</p>
<p><strong>Mögliche Lösung: die „demokratische Mitgift“</strong></p>
<p>Diesen Zuschuss für alle Nachkommen nennt Felber die „Demokratische Mitgift“. Sie könnte jungen Menschen z.B. automatisch mit ihrem 18. Geburtstag ausgezahlt werden. Ob diese das Geld dann auf Partys verprassen, den Grundstein für Wohneigentum legen oder für ihre Rente sparen, bleibt ihrem Temperament überlassen. Würde die demokratische Mitgift z.B. 50.000 Euro pro Person betragen, erhielte jemand, der von seinen Eltern später 75.000 Euro erbt, nur noch die Differenz: 25.000. Der Rest käme der Gemeinschaft zugute, speziell: jungen Menschen ohne privates Erbe. Die demokratische Gesellschaft würde Berufsteinsteigern damit signalisieren: Ihr seid uns etwas wert, und wir trauen euch etwas zu. Bisher ist die Botschaft eine andere: Die meisten jungen Menschen werden der Wirtschaft als Billigarbeiter zur Verwertung ausgeliefert, erben unsere Umweltschäden und unsere Schulden, erhalten jedoch keinerlei „Mitgift“.</p>
<p>Was das Weitervererben von Immobilien betrifft, so weist Felber darauf hin, dass in Österreich nur fünf Prozent der Bevölkerung ein Haus besitzen, das mehr wert ist als 450.000 Euro. Die wenigsten würden also bei einer Erbschaftsreform verlieren. Und wer doch betroffen wäre, käme nicht gerade an den Bettelstab, zumal ein Anwesen im Wert von einer Million ja auf zwei Erben verteilt werden könnte. „Eine einzelne Person, die dieses Riesenhaus alleine besitzen möchte, müsste den 500.000 Euro übersteigenden Wert des Hauses der Allgemeinheit ablösen, in den demokratischen Erbpool.“ Für Unternehmen schlägt Christian Felber vor, „dass Familienmitglieder Unternehmensanteile im Wert von maximal zehn Millionen Euro erben dürfen (Startwert). Die darüber hinausgehenden Anteile gehen: a) in das kollektive Eigentum der Beschäftigten über (…) b) an ausgewählte Nichtfamilienmitglieder.“ Dieses Modell wird im Buch natürlich noch präzisiert. </p>
<p><strong>Privilegienerhalt für den Geldadel</strong></p>
<p>Im Übrigen würde eine Begrenzung der Hinterlassenschaften auf ein „Höchsterbe“ einige Probleme lösen, die „rostendes“ Geld (wie es derzeit z.B. bei Regionalwährungen eingesetzt wird) ungelöst lässt. Die Vermögen schmelzen durch „Negativzins“ als Umlaufsicherung nämlich nur sehr langsam. Die ungesunde Konzentration von Macht und Vermögen bleibt lange erhalten. Auch können die Großvermögensbesitzer auf Sachwerte ausweichen: Boden, Immobilien, Lebensmittel. Damit richten sie mitunter noch mehr Schaden an als mit ihren Geldvermögen, die nach spekulativen Anlagemöglichkeiten gieren. Bei einer Obergrenze für Erbschaften risse wenigstens Gevatter Tod den privilegierten Familien das Streichholz aus der Hand, mit dem sie zündeln und das Dach der Realwirtschaft in Brand setzen könnten. </p>
<p>Welches der genannten  Modelle sinnvoll ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Sicher ist, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher. Eine Neuordnung des Erbrechts ist notwendig. Dabei gibt es Grenzlinien, die wir nicht überschreiten sollten, wollen wir nicht in die unmenschliche Variante eines zentralistischen Sozialismus verfallen. So darf die Funktionstüchtigkeit der Betriebe und Höfe nicht verloren gehen. Die Vertreibung von Kindern aus elterlichen Wohnungen und (kleineren) Häusern sollte als besondere Härte vermieden werden. An der Unternehmensführung interessierte und dazu befähigte Söhne und Töchter sollten auf sinnvolle Weise eingebunden werden. Im Wesentlichen aber sollte die Nutzung von vererbtem Gut an eigenen oder gemeinschaftlichen Gebrauch, an Sozialverträglichkeit und an die Bereitschaft gekoppelt sein, durch Eigenleistung dessen Wert zu erhalten. In allen anderen Fällen ist Weitervererbung nichts als Privilegienerhalt für einen Geldadel, den zu alimentieren sich unsere schlingernden Volkswirtschaften nicht mehr leisten können.</p>
<p><strong>Es aus eigener Kraft schaffen</strong></p>
<p>Damit sollen den glücklichen Erben von heute nicht grundsätzlich unlautere Absichten unterstellt werden. Ihre Privilegien sind ja nicht selbst „verschuldet“. Die Hoffnung auf eine Erbschaft ist heute auch eine Kompensation für vorenthaltene Chancen, aus eigener Kraft zu Wohlstand zu gelangen. Arbeit wird vielfach als „Gnade“ von Arbeit-Gebern gewährt, künstlich verknappt und schlecht bezahlt. Da erscheint ein Erbe geradezu als Rettungsanker – der leider eben nicht allen zur Verfügung steht. Wenn aber neben dem Erbrecht auch an anderen politischen Stellschrauben gedreht wird, kann eine Gesellschaft entstehen, die mehr Gelassenheit und positivere Zukunftsaussichten begünstigt. Dann wird auch die Gier nach einem möglichst großen Erbe schwinden. Niemand muss mehr nach dem Vermögen von Vater oder Mutter schielen, wenn ihm eine wertschätzende Gemeinschaft die Startchancen gibt, es selbst zu schaffen.</p>
<p><strong>Literaturtipps:</strong></p>
<p>Christian Felber: Gemeinwohlökonomie, Verlag Deuticke, 160 Seiten, Euro 15,90</p>
<p>Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus, Verlag Eichborn, 365 Seiten, Euro 19,99</p>
<p>Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar, Verlag Bastei Lübbe, 896 Seiten, Euro 9,99</p>
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		<title>Die Zukunft des menschlichen Bewusstseins</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 08:30:55 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_8388" class="wp-caption alignleft" style="width: 270px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif" alt="" title="SpiralDynamics" width="260" height="248" class="size-full wp-image-8388" /></a><p class="wp-caption-text">Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</p></div>«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, seine eigene Überwindung durch ein „Höheres“ herbeizuphantasieren. Sicher ist, dass sich das kollektive Bewusstsein der Menschheit weiterentwickelt. Gibt es seriöse Methoden, um die Evolution des Geistes in der näheren Zukunft vorherzusehen? Und dürfen wir hoffen, dass dann endlich Frieden und Vernunft einkehren? (Roland Rottenfußer)<span id="more-8387"></span></p>
<p>Als ich 2008 gefragt wurde, welches meine Voraussagen für 2012 seien, antwortete ich: „Guido Westerwelle wird Außenminister sein“. Die Schreckensvision ist heute Realität, meine ernüchternde Antwort zeigt aber nur, dass ich schon damals von übergroßen Erwartungen an das „Schwellenjahr“ genervt war. Die oben zitierte Behauptung, die Menschheit werde zu „ungeahnter Größe reifen“ wird von zwei Personengruppen erhoben. Die einen verlassen sich auf Sonnenstürme, einen Polsprung oder auf die Intervention wohlwollender Aliens. Die anderen meinen, ein Evolutionssprung des Bewusstseins stünde schlicht deshalb bevor, weil dies so sein müsse. Unsere von Kriegen, religiösem Wahn und Umweltzerstörung gebeutelte Welt verlange danach, dass der menschliche Geist kollektiv wachse – oder sie sei dem Untergang geweiht.</p>
<p>Plausibel ist der Optimismus in beiden Fällen nicht. Betrachten wir die Gegenwart, so gibt es ebenso viele Indizien für einen geistigen Schrumpfungsprozess: Die Frechheit der Banken und Spekulanten wird größer, der Widerstand der Politik kleiner, die Verdummung in den Medien schlimmer. Sicher ist aber, dass sich Bewusstsein in längeren Zeitzyklen entwickelt – und zwar in Richtung auf höhere Komplexität. Der Höhlenmensch unterscheidet sich vom Menschen der mittelalterlichen Ständegesellschaft – und dieser von einem Exponenten des Internetzeitalters. Klar scheint auch, dass sich Entwicklungsprozesse beschleunigen können und dass sich Evolution nach längerer Stagnation oft sprunghaft vollzieht. Die Renaissance in Italien oder die „68er-Bewegung“ sind Beispiel hierfür. </p>
<p><strong>„Der Mensch muss überwunden werden“</strong></p>
<p>Es ist nicht wahrscheinlich, dass dieser Prozess ausgerechnet mit dem heutigen Tag endet. Die Phase von 2011 bis 2013 (oder darüber hinaus) könnte sich durchaus als eine solche Schwellenzeit erweisen. Daher dürfen wir Mutmaßungen darüber anstellen, in welche Richtung die Evolution fortschreiten wird. Wie wird der Mensch der Zukunft denken und fühlen? Was wird ihm wichtig sein, und woran wird er glauben? „Ihr von morgen habt gefunden, was uns unerreichbar schien. Schlugen wir der Welt auch Wunden, vielleicht habt ihr uns verziehen“, heißt es in einem Lied von Udo Jürgens.</p>
<p>Schon Friedrich Nietzsche bekannte in „Also sprach Zarathustra“: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“ Dieser „Übermensch“ – kraftmeierisch, rücksichtslos und von keinem ethischen Skrupel angekränkelt – erscheint heute wie eine Vorausdeutung auf den kapitalistischen Homo oeconomicus. Leider sind Gier und nackter Egoismus eher allzumenschlich als übermenschlich. Als Kontrast schuf Nietzsche eine zweite Vision, die vom „letzten Menschen“. Der ist eine klägliche Verkümmerungsform, die nach Glück und Bequemlichkeit strebt, Leiden zu vermeiden sucht, für jedes Wehwehchen eine Pille bereithält und die Gleichheit aller Menschen fordert. Dies dürfte auf die meisten von uns zutreffen und erscheint wenig schockierend. Nicht wenige andere Denker haben den Menschen als „werdenden Gott“ gedeutet. Die Theosophen ebenso wie der Sufi-Mystiker Gurdjieff oder der indische Guru Sri Aurobindo, der voraussah, ein „supramentales Bewusstsein“ werde zu den Menschen herabsteigen.</p>
<p>Wenn wir uns vom künftigen Menschen ein Bild machen wollen, haben wir mehrere Möglichkeiten:</p>
<p><strong>1. Wir bedienen uns purer Fantasie und Intuition.</strong></p>
<p><strong>2. Wir verlängern die heute sichtbaren Entwicklungslinien</strong> einfach linear weiter in die Zukunft. So könnten wir z.B. die zunehmende Durchdringung des Alltags durch Computer aufs Korn nehmen und uns eine dekadente, entkörperte, komplett von Technik abhängige Menschheit vorstellen. Im Disney-Trickfilm „Wall-E“ bewegen sich übergewichtige Menschen nur noch auf schwebenden Sesseln und lassen sich alle Wünsche per Knopfdruck von Maschinen erfüllen. Das Problem ist: Die Zukunft ist nie nur eine „weiter gedachte“ Gegenwart. Vieles im historischen Prozess erscheint überraschend und chaotisch. So könnte es sein, dass auf die „Virtualisierung“ der Welt eine Gegenbewegung folgt, die wieder zurück zu den natürlichen Wurzeln strebt.</p>
<p><strong>3. Wir betrachten höher entwickelte Zivilisationen</strong> <strong>auf fernen Planeten</strong> und nehmen an, dass sich die Menschheit nach ähnlichen Gesetzen entwickeln wird: Z.B. vom Stammesbewusstsein über das Nationalbewusstsein und das globale Bewusstsein hin zum kosmischen Bewusstsein. Oder von der Verhaftung im Materiellen hin zu einer geistigeren Existenzform, oder sogar bis zur Entstehung feinstofflicher Körper durch „Schwingungsanhebung“. Der Nachteil: Solche evolutionäre Theorien stützen sich nur auf gechannelte oder medial „gesehene“ Aussagen. Deren Authentizität können wir mit gutem Grund beweifeln. Auch halten sich Außerirdische (wenn es sie gibt) vielleicht nicht an unsere irdische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><strong>4. Wir identifizieren lebende Menschen, die wir für besonders weit entwickelt halten</strong>, und betrachten sie als Vorläufer des Kommenden. Wir nehmen an, dass die Masse der Menschen den Pionieren folgen und dass deren Bewusstseinsniveau irgendwann Gemeingut sein wird. Galilei war z.B. ein Vorläufer des rational-naturwissenschaflichen Weltverständnisses. Seinerzeit wurde er von der Kirche angefeindet, heute denken die meisten Menschen im Westen wie er. Sie legen Wert auch empirische Beweise und wissen, dass die Erde nicht Zentrum des Universums ist. Diese Vorgehensweise hat den Nachteil, dass die Wahl der „Pionierindividuen“ oft willkürlich erscheint. Man kann sie in der Vergangenheit leicht ausmachen, in der Gegenwart jedoch nur schwer. Oft genug haben Autoren dabei ihr eigenes Bewusstsein zum Maßstab genommen: „Wo ich bin, ist vorn.“</p>
<p>Aus praktischen Gründen werde ich bei meiner weiteren Analyse trotzdem vor allem den vierten Weg beschreiten. Es gibt extrem unterschiedliche Ansichten darüber, wer als Pionier zu verstehen ist und wie das kollektive Bewusstsein des Zukunftsmenschen beschaffen sein wird.</p>
<p><strong>Theorie 1: Eine Menschheit aus „Vulkaniern“.</strong><br />
Die Emotionen werden abflachen, die technische Intelligenz wird dagegen explodieren. Es findet eine zunehmende Entmaterialisierung statt. Von der Schreibmaschine zum Computer, zum Touchscreen, zum sprach- und schließlich gedankengesteuerten Computer. Damit verbunden wäre vielleicht auch „Dekadenz“ – eine entkörperte und verwöhnte Menschheit, wie sie Nietzsche oder auch der Film „Wall-E“ sahen. Pioniere: Hektische Nerds und Tüftler wie Marc Zuckerberg (Facebook-Gründer).</p>
<p><strong>Theorie 2: Zunehmende übersinnliche Kräfte.</strong><br />
Indigo-Kinder entwickeln fantastische Fähigkeiten, etwa eine Zeitung mit den Füßen zu lesen. Stärker wird auch die Fähigkeit, sich seine Realität magisch selbst zu „kreieren“. Diese Theorie wird vor allem von Autoren des „Positiven Denkens“ vertreten. Pioniere sind meist die Positivdenker selbst, die gemäß dem Gesetz der Anziehung wunschgemäße Ereignisse in ihr Leben rufen. Auch große Yogis wie Babaji können als Vorbilder dienen.</p>
<p><strong>Theorie 3: Erleuchtung für alle</strong><br />
Alternativ könnte auch Erleuchtung, bisher nur wenigen spirituellen Meistern vorbehalten, zum Allgemeingut werden. Andrew Cohen, Herausgeber der Zeitschrift „EnlightenNext“, nennt sein Konzept „Evolutionäre Erleuchtung“ und sieht eine umfassende Transformation des Bewusstseins voraus. Die wachsende Zahl der Erleuchteten sollte sich jedoch nicht der Erde entschweben, sondern helfen, aus ihr einen besseren Ort zu machen. Pioniere wären Gurus und Satsanglehrer – wie Cohen selbst.</p>
<p><strong>Theorie 4: Zunehmendes globales Verantwortungsbewusstsein</strong><br />
Mit oder ohne spirituellen Hintergrund werden sich immer Menschen bewusst, dass wir als Erdbewohner zusammengehören und unseren Lebensraum bewahren müssen. Das Mitgefühl, die Identifikation mit „Allem“ und das Verantwortungsgefühl steigen. Das regionale und nationale erweitert sich zum globalen Bewusstsein. Pioniere sind z.B. Menschen aus dem Umkreis des „Alternativen Nobelpreises“: Hans-Peter Dürr, Vandana Shiva oder Ibrahim Abouleish.</p>
<p>Um eine Idee vom „Menschen der Zukunft“ zu bekommen, ist es hilfreich, sich existierenden Stufenmodelle der Bewusstseinsevolution anzuschauen und hier besonders die fortgeschrittenen Stufen zu beachten. Wir finden in diesen Modellen Elemente aus allen vier genannten Theorien.</p>
<p><strong>Hingabe und Einverständnis</strong></p>
<p>Ein interessantes System entwickelt Wilfried Nelles, der als Therapeut mit Bert Hellingers „Familienstellen“ arbeitet, in seinem Buch „Das Leben hat keinen Rückwärtsgang“. Sein Schnelldurchlauf durch die Bewusstseinsevolution lässt den Menschen bei der unbewussten Einheit mit der Natur starten und führt ihn zunächst – über familiäre, religiöse und nationale Stämme – zur größtmöglichen Vereinzelung. Der moderne Mensch löst sich aus Zwängen und Verbindlichkeiten, sagt „ich will“, verlässt sich im Lebensvollzug auf seine eigenen Kräfte und bei ethischen Entscheidungen auf sein Gewissen. Interessant sind für uns nun die höheren Stufen. Diese zielen aus der Vereinzelung wieder zurück in die Einheit. Zunächst stellen sich Sensibilität für die Bedürfnisse anderer ein, ein solidarisches Empfinden, „ökologisches Bewusstsein“. Man kann die vierte Stufe nach Nelles gut mit der Geistesart eines „typischen 68ers“, Grünen oder Angehörigen der „Therapieszene“ beschreiben. Auch neue Formen undogmatischer Spiritualität tauchen auf. </p>
<p>Wenn wir nun zu noch höheren Stufen fortschreiten, erwartet uns eine Überraschung. Nicht der Willensheros, der sein Schicksal selbst kreiert, erwartet uns hier, sondern pure Hingabe. „Was bedeutet es nun, auf Stufe 5 zu Hause zu sein? Es heißt vor allem, dass man sein Wollen gänzlich aufgegeben hat. (…) Der Wille ist jetzt ganz in den Dienst von dem gestellt, was sich in mir und durch mich manifestiert, in die Welt kommen will. Generell tue ich, was ich tue, weil ich mich durch eine größere Kraft dazu aufgerufen und bewegt fühle. Ich diene.“ Stufe 6 ist dann geprägt durch ein ausgeprägtes „Zeugenbewusstsein“. Wir identifizieren uns nicht mehr mit den Dramen des Ego und erlangen innere Freiheit, indem wir dem Geschehen, das sich durch uns vollziehen will, zuschauen und zustimmen. „Das Bewusstsein der sechsten Stufe ist in Einklang gekommen mit dem Bewusstsein schlechthin, wie es sich in den Erscheinungen – und zwar in allen Erscheinungen – der Welt ausdrückt.“ Dieses Bewusstsein ähnelt, analog zum Lebenszyklus des individuellen Menschen, dem Alter. Und es kann nur auf ein Ziel zufließen: den Tod (des Egos), die Erleuchtung. Auf dieser Stufe ist nicht mehr nur „Einklang“, sondern Identität mit dem kosmischen Ganzen gegeben. </p>
<p><strong>Planet der Erleuchteten</strong></p>
<p>Die Annahme, dass der Erleuchtete Zielpunkt der menschlichen Evolution sei, ähnelt auch dem Modell der „erleuchteten Evolution“ Andrew Cohens. Übrigens wurde das Modell „Von der Einheit zur Vereinzelung, von der Vereinzelung zurück zur Einheit“ in ähnlicher Weise schon von dem großen Jesuiten und Theologen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) entworfen. Pioniere des Zukunftsmenschen nach Wilfried Nelles sind zunächst Künstler, die sich dem Schaffensprozess vollkommen hingeben, sich zum „Kanal“ für das Werk machen, das durch sie kommen will. Dann auch große Dienende und Liebende, Mystiker und Erleuchtete. Die Vorstellung, dass ihnen die Zukunft gehört, wirkt zunächst anziehender als die Vision eines Planeten der Nerds und „Vulkanier“.</p>
<p>Wilfried Nelles Modell hat aber den Nachteil, dass es endgültig in sich abgeschlossen wirkt. Außer dem Erreichen höherer Grade von Hingabe und Einverständnis scheint es für die Menschheit kaum Zukunftsperspektiven zu geben. Es bleibt kaum Raum für das ganz Neue, Unerwartete. Differenzierter und in der Zukunft „ergebnisoffen“ ist das Modell „Spiral Dynamics“, das 1996 von Don Beck begründet und von Ken Wilber weiter entwickelt wurde. Es umfasst 9 Stufen der Bewusstseinsevolution, die – eher willkürlich – mit Farben bezeichnet werden: blau, orange, grün usw. Jede Stufe erscheint als Reaktion auf die Schattenseiten der vorhergehenden. Auf jeder Stufe gibt es gesunde Ausprägungen wie auch Pathologien (Verfallsformen). Spiral Dynamics wurde 2011 von Werner Küstenmacher, Marion Küstenmacher und Tilmann Haberer noch einmal in populärer und ansprechender Form zusammengefasst: „Gott 9.0“. Ich stütze mich im Weiteren vor allem auf dieses Buch.</p>
<p><strong>Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</strong></p>
<p>Wieder interessieren mich hier die höheren Stufen mehr, da wir uns ein Bild vom „Menschen der Zukunft“ machen wollen. Die archaischen Stufen finden sich heute auf der Erde kaum noch: Das tierische Bewusstsein, basierend auf dem puren Überlebensinstinkt („beige“). Die primitive Stammeskultur mit einem magischen Weltverständnis („purpur“). Die Barbarenhorden der Völkerwanderungszeit, die aufbrachen, um neuen Lebensraum zu erobern, unterstützt von Kriegsgöttern („rot“).</p>
<p>Bei den heute lebenden Menschen dominieren die nächsten drei Stufen, die anderswo auch als „Traditionalisten“, „Modernisten“ und „Kulturkreative“ bezeichnet wurden. „Blau“ sind z.B. erzkonservative US-Amerikaner oder muslimische Fundamentalisten. Sie pochen auf Recht und Ordnung, schaffen sich Nationen mit starken Zentralregierungen und halten eine Glaubensvorstellung für wahr, weil sie in der Bibel (oder im Koran) verankert ist. „Orange“ ist jene Geistesart, die im Zeitalter Galileis ihren Anfang nahm: Aufklärung, Vernunft, Technik und Fortschritt, aber auch Individualismus und die Macht des Gewissens gehören zu dieser Stufe. Als Schattenseiten zeigten sich bald die Ausplünderung der Natur, Egoismus, Werteverfall und gar technokratischer Neoliberalismus. Darauf reagierend entstanden die Emanzipationsbewegungen der Arbeiter, Frauen und Drittweltländer sowie die Umweltbewegung („grün“). Sensibilität, Innerlichkeit und Solidarität gewannen als Werte an Gewicht – der „typische 68“ oder Hippie, der bei Wilfried Nelles auf Stufe 3 zuhause ist.<br />
<strong><br />
Zukunftsmenschen: Vernetzte Überflieger</strong></p>
<p>Stellen wir uns also Menschen vor, die vielleicht zu Anti-Atomdemos gehen, im Bioladen einkaufen und einen Yoga-Kurs besuchen. Sind über dieses Bewusstseinsniveau hinaus überhaupt noch Steigerungen denkbar? Beck und Wilber meinten: „ja“ und entwarfen zunächst eine siebte, die „gelbe“ Stufe. Eine „gelbe“ Person kennzeichnet zunächst ein Grundgefühl von Einsamkeit. Ihr geht es auf die Nerven, in Schamanengruppen im Kreis zu tanzen oder auf Demos im Chor „Hoch die internationale Solidarität!“ zu brüllen. Der „Gelbe“ braucht viel Zeit für sich allein und er denkt über allerlei nach: z.B. darüber, ob die Feindbilder der „Grünen“ für ihn überhaupt noch gelten. „Blaue“ Spießer oder „orange“ Technokraten, selbst „purpurne“ Buschleute – alle sind für ihn o.k., auf ihre Weise. </p>
<p>„Gelb“ sieht und würdigt alle Stufen, die davor existierten und entzieht sich somit den Aufgeregtheiten von Klassenkampf oder Frauenbewegung. „Gelb“ denkt „integral“ (im Sinne von integrierend), „systemisch“ und „synthetisch“. Dazu gehört, „Widersprüche auszuhalten, Paradoxes denken zu können und einander widersprechende Prinzipien gleichzeitig treu zu sein.“ Solche Menschen sind individualistischer als „grüne“, sie überwinden Distanzen jedoch, indem sie sich vernetzen – unverbindlich und in Freiheit. Ken Wilber setzte mit „Gelb“ zunächst seiner eigenen Wesensart als philosophischer „Überflieger“ ein Denkmal. Darüber hinaus kann man an die Internet-Generation denken, die sich vernetzt, auf vielen Kanälen kommuniziert, offen ist, jedoch auch „festlegungsscheu“.  Ist diese Geisteshaltung wirklich ein Fortschritt gegenüber „Grün“? Man kann in einigen Punkten Zweifel anmelden. „Gelbe“ sträuben sich gegen Gleichmacherei und würden darauf bestehen, dass der korangläubige türkische Patriarch von nebenan „unter“ ihnen steht, weil er einer früheren, archaischen Evolutionsstufe angehört. Damit ist eine Gefahr von „Gelb“ angesprochen: Überheblichkeit und hierarchisches Denken.</p>
<p><strong>Unfassbare Bewusstseinshöhen</strong></p>
<p>Auf der nächsten Stufe, „Türkis“, werden die Ausführungen von „Gott 9.0“ arg spekulativ, denn kaum ein heute lebende Mensch vermag solche Geisteshöhen zu erklimmen: Alle Menschen der Welt sind demnach „Zellen in diesem einen großen göttlichen Organismus, und nicht nur die Menschen: Auch Tiere, Pflanzen und sogar die unbelebte Natur gehörten dazu.“ Intuition und Instinkt werden wichtiger, paranormale Fähigkeiten verstärken sich, was an die Theorie der „Indigokinder“ erinnert. Auch Gipfelerlebnisse, „Flow“ und spirituelle Erfahrungen, in denen „das personale Ich verschwindet“ treten gehäuft auf. Damit ähnelt „Türkis“ den oberen Entwicklungsstufen bei Wilfried Nelles, die auf Hingabe und Auflösung der getrennten Identität abzielen. Durch Vernetzung und Geistesverschmelzungen werden Einzelne zu „Zellen“ im Körper einer übergeordneten kollektiven Intelligenz. Sich darüber hinaus Entwicklung vorzustellen, fällt schwer. Darum ist die vorerst letzte Stufe im System, „Koralle“, auch rein fiktiv und nicht genau umrissen. </p>
<p>Insgesamt erscheint mir „Spiral Dynamics“ als beachtenswertes und plausibles Modell der Bewusstseinsevolution. Die große Erzählung schwächelt jedoch in der Endphase. Die Stufen sind nicht mehr klar genug konturiert und erscheinen wie ein zusammenhangloses Konglomerat von Eigenschaften, die den Begründern des Weltbilds fortschrittlich schienen. Man könnte „Gelb“ und „Türkis“ auch als eine Stufe interpretieren. Oder als Varianten der Stufen „Orange“ (technikbegeisterte, einzelgängerische Internetgeneration) und „Grün“ (solidarischer Weltbeglückungsanspruch mit mystischem Touch). Gerade „Gelb“ scheint auch stark durch Ken Wilbers persönliche Aversion gegen die US-amerikanischen „Babyboomers“ (68er) und ihre Werte geprägt zu sein. Der Philosoph ist nämlich nicht unbedingt ein Linker. Insgesamt ist das Modell einer möglichen künftigen Bewusstseinsentwicklung nur als (interessanter) Versuch und als vorläufig zu werten. Mit jedem Jahr, das vergeht, tauchen neue Aspekte auf. Einige rücken in den Vordergrund, andere verlieren wieder an Bedeutung. </p>
<p><strong>Nicht am Gras ziehen, damit es wächst!</strong></p>
<p>Wie auch die Quantenphysik zeigt, ist die Zukunft im Prinzip ergebnisoffen und kein bloße Verlängerung der Vergangenheit. Somit sind Vorhersagen so gut wie unmöglich. Das „Unwahrscheinliche“ kann jederzeit geschehen. Das Neue ist weniger durch Vergangenes prädestiniert, sondern tritt aus der Zukunft her kommend aktiv in die Existenz. Daher schreibt Wilfried Nelles mit Recht: „Die meisten von uns empfinden die heutige Zeit als Ende einer langen Entwicklung, nach der nichts Neues, qualitativ anderes mehr kommen kann, anstatt als Stufe in einem Prozess, der weit über uns hinausreicht.“ </p>
<p>Auch das bewusste Heranzüchten erwünschter Eigenschaften des Zukunftsmenschen, wie es Peter Sloderdijk 1999 in „Regeln für den Menschenpark“ vorgeschlagen hat, sollten wir lieber bleiben lassen. Die Evolution entzieht sich hartnäckig allen „Umerziehungsversuchen“ durch den begrenzten menschlichen Verstand. Über die Richtung der Veränderungen können wir Spekulationen anstellen, beschleunigen können wir sie kaum. Das Gras wächst nicht schneller, wenn wir an ihm ziehen. Nelles vergleicht die Evolution mit einem Fluss, dessen Bestimmung es ist, im Ozean zu münden. „Aber so sehr es ihn dorthin ziehen mag (…), so unsinnig wäre es, daran zu arbeiten, möglichst schnell und sofort dorthin zu gelangen. Es würde bedeuten, sein Flusssein zu verleugnen und all die großartigen Landschaften zu verpassen, die er auf dem Weg zum Meer zu durchfließen – und durch sein Fließen mitzugestalten – hat.“ </p>
<p><strong>Buchtipps:</strong><br />
Küstenmacher/Haberer/Küstenmacher: Gott 9.0 – wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, Euro 22,99</p>
<p>Wilfried Nelles: Das Leben hat keinen Rückwärtsgang. Die Evolution des Bewusstseins, spirituelles Wachstum und das Familienstellen. Innenwelt Verlag, 295 Seiten, Euro 16,80</p>
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		<title>Göttliches Gehirntraining</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 10:16:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Meditation, Gebet, Körperübungen, Mantras – spirituelle Praktiken sollen die Menschen dem Göttlichen näher bringen und die Erleuchtungs-wahrscheinlichkeit erhöhen. Aber sind sie auch gesund? Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und M.R. Waldman haben in ihrem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ nachgewiesen, dass religiöse Übungen Stress und Depressionen bekämpfen sowie die Alterung des Gehirns aufhalten. Und sie sagen auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/GehirnAufbau.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/GehirnAufbau-300x199.jpg" alt="" title="GehirnAufbau" width="300" height="199" class="alignleft size-medium wp-image-8280" /></a>Meditation, Gebet, Körperübungen, Mantras – spirituelle Praktiken sollen die Menschen dem Göttlichen näher bringen und die Erleuchtungs-wahrscheinlichkeit erhöhen. Aber sind sie auch gesund? Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und M.R. Waldman haben in ihrem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ nachgewiesen, dass religiöse Übungen Stress und Depressionen bekämpfen sowie die Alterung des Gehirns aufhalten. Und sie sagen auch genau, welche Techniken am besten helfen. (Roland Rottenfußer)<span id="more-8279"></span></p>
<p>In der leeren, dunklen Kirche saßen ein paar alte Frauen. „Muatterl“, sagt man in Bayern. Auf einer Kirchenbank steckten sie die Köpfe zusammen und murmelten vor sich hin. Ich konnte nur einzelne Worte verstehen: „Gnade … Frauen … Sünder … amen“. Und dasselbe immer wieder: „Gnade … Frauen … Sünder … amen“. Ganz klar: Sie beteten den Rosenkranz, das Ave Maria. Ich war damals um die 20 und nur aus Interesse an Kunst in dem Gotteshaus. Evangelisch erzogen, durchlief ich zudem eine Phase des strengen „Jugendatheismus“. Das Treiben der Muatterl betrachtete ich daher mit einer Mischung aus Spott und Überlegenheitsgefühl. Schnell waren Vorwürfe zur Hand: Der Rosenkranz war langweilig, spießig und formalistisch. Die Betenden dachten über die Worte, die sie sprachen, offenbar gar nicht nach. Sie leierten sie nur herunter. Zu „denen“, so beschloss ich stolz, wollte ich nie gehören.<br />
<strong><br />
Spiritueller Theoretiker sucht Praxiserfahrung</strong><br />
25 Jahre später verstand ich mich nicht mehr als Atheisten und suchte nach einer zeitgemäßen, individuellen Form der Spiritualität. Ich fand mich in einem Zen-Retreat wieder, in einem von Licht durchfluteten Seminarraum mit 40 anderen Individualisten. Aufgereiht wie Vögel auf einer Stange saßen wir auf unseren Sitzkissen und meditierten: schweigend, gegenstandslos. Ich war schlecht gelaunt, weil mich das Seminar gezwungen hatte, früh aufzustehen. Schon nach wenigen Minuten tat mir der Rücken weh. Mir war langweilig, und der Rat der Leiterin, meine Gedanken weder zu verscheuchen noch zu vertiefen, half wenig. Ich wollte hier weg. Vor mir lagen jedoch noch 19 Sitzungen à 25 Minuten. In den Teepausen versicherten mir ein paar leisetreterische Teilnehmer, dass unser Retreat erstaunlich wenig streng war. Andere Meister waren viel strenger und verboten den Schülern gar das Husten. </p>
<p>Unterdessen verdiente ich meine Semmeln längst als spiritueller Journalist. Ich verfügte über perfekte theoretische Kenntnisse zahlreicher spiritueller Praktiken. Viele hatte ich sogar ausprobiert: Hatha Yoga, Kriya Yoga, Qi Gong, Rebirthing, Osho-Meditation … Ich hätte sie so beschreiben können, dass Leser ergriffen innehielten und den brennenden Wunsch nach einem entsprechenden Seminar verspürten. Eine wirklich dauerhafte spirituelle Praxis konnte ich mir aber nie angewöhnen, ich gab sie stets nach einiger Zeit wieder auf. Die beiden „Techniken“, die ich oben beschrieb, Rosenkranz-Beten und Zen-Meditation, waren jedenfalls für mich nicht das Richtige. Wer hatte Recht: Menschen, die zu einem persönlichen Gott beteten oder solche, die auf die „Leere“ meditierten? Diejenigen, die heilige Sätze aus alten Büchern nachsprachen, oder die beharrlich Schweigenden, die im Hier und Jetzt „einfach anwesend“ waren?</p>
<p><strong>Besinnung in einer gehetzten Welt</strong><br />
Wie finden wir überhaupt zu einer regelmäßigen Übungspraxis, die uns in spiritueller, seelischer wie körperlicher Hinsicht „heil“ macht, uns im Alltag trägt, tröstet und entspannt? Es ist nicht unwichtig, welche Antwort wir auf diese Frage finden. Und dies aus drei Gründen.<br />
1. In unserer materialistischen Gesellschaft besteht vielfach ein spirituelles Vakuum. Es bleibt zu wenig Zeit zur „Besinnung“ – und oft fehlt auch die Einsicht, dass diese notwendig und segensreich sein kann.<br />
2. Dort, wo sich Menschen als spirituell Suchende verstehen, herrscht ein Überangebot, das verwirrt. In einer multioptionalen Seminar-, Retreat- und Workshop-Welt riskieren wir, alles ein bisschen und nichts richtig zu machen. Schnupper-Religiosität – übrigens auch mein persönliches Problem.<br />
3. Wir haben es mit einem kollektiven Gesundheitsproblem zu tun. Depressionen, Ängste und Burnouts boomen, und ca. 30 Prozent der Menschen in den Industriestaaten leiden mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung. Diese Zahl markiert aber nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter verbirgt sich ein weites Feld diffusen Unwohlseins, nervöser Unruhe und innerer Leere.</p>
<p>Für diejenigen, die sich über Heilung nur freuen, wenn die Wissenschaft ihnen deren Seriosität bestätigt, gibt es jetzt eine gute Nachricht. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass spirituelle Übungen unser Gehirn positiv verändern. Und sie sagen auch genau, welche Übungen helfen. Dokumentiert ist dies alles in dem hervorragenden Buch von Andrew Newberg und Mark Robert Waldman: „Der Fingerabdruck Gottes.“ Die Autoren untersuchten „ganz normale“ Leute wie den Industriemechaniker Gus und beauftragten sie mit irritierenden spirituellen Übungen. So mussten die Probanden jeden Tag bestimmte Mantras sprechen, die den Betreffenden gar nichts sagten und nicht einmal mit ihren Glaubensvorstellungen übereinstimmten. Die Ergebnisse wurden mittels Gehirnscans überprüft und waren überzeugend. Gus zeigte sich von der positiven Wirkung begeistert, seine Gedächtnisleistung verbesserte sich drastisch.</p>
<p><strong>Gebete sind gut für’s Gehirn</strong><br />
Dabei ging es den Wissenschaftlern nicht darum, die Richtigkeit bestimmter religiöser Überzeugungen zu beweisen. Ihre Frage war nicht: „Ist es wahr?“, sondern „Hilft es?“ Die Frage nach der Existenz Gottes wurde weder explizit bejaht, noch verneint: „Aus neurologischer Sicht ist Gott eine sich stets ändernde und weiterentwickelnde Auffassung und Erfahrung, die sich im menschlichen Gehirn abspielt.“ Wichtiger ist Newberg und Waldman die Frage, ob wir durch die Übungen bessere und glücklichere Menschen werden. Die Antwort ist ein klares „Ja“: Religiöse und spirituelle Besinnung „dienen nämlich der Stärkung eines einzigartigen Neuralkreislaufes, der gezielt das soziale Bewusstsein und Einfühlungsvermögen fördert und destruktive Gefühle und Emotionen eindämmt.“</p>
<p>Ursache dieser Effekte ist die so genannte neuronale Plastizität, die Veränderbarkeit der Neuronen im Gehirn. „Wer über etwas so Komplexes und Mysteriöses wie Gott nachdenkt, verursacht unglaubliche Schübe an neuronaler Aktivität, die in verschiedenen Hirnregionen ausgelöst werden.“ Vereinfacht: Schon das Nachdenken über Religion führt dazu, dass unser Gehirn wächst. Die Aktivierung des präfrontalen und des anteriorischen cingulären Kortex im Großhirn „verbessert nicht nur das Gedächtnis und die Kognition. Sie wirkt gleichzeitig den Auswirkungen der Depression entgegen, die so oft Symptome altersbedingter Erkrankungen sind“ (z.B. Alzheimer). Dies kann den Autoren zufolge durch Yoga und kontemplative Meditation, aber auch durch Gebete bewirkt werden. Sie stärken unser Gefühl der Verbundenheit mit anderen, schützen vor gesundheitlichen Schäden durch Stress, machen den Geist gelassen, friedlich und wachsam.</p>
<p><strong>Erfahrungen als Sufi-Schüler</strong><br />
Aber welche Übungen genau? Zur selben Zeit, als ich „Der Fingerabdruck Gottes las“,  war ich auch bei meiner Suche nach einer für mich passenden spirituellen Praxis weitergekommen. Ich hatte mehrere Sufi-Kurse besucht: bei einem ausgezeichneten Meister deutsch-ägyptischer Herkunft. Die islamische Mystik lehrt die Technik des „Dhikr“, rituelle Rezitationen heiliger Sätze, verbunden mit gezielter Atmung und Bewegung. Wichtige Sätze aus dem Koran wie „La illaha ill’Allah“ (Es gibt keinen Gott außer Gott) oder „Bismillah ar-Rahman ar-Rahim“ (im Namen Gottes, des Gnädigen, des Allerbarmers) werden über fünf Minuten gesungen. Üblich ist die Kombination von Wort und Geste. Man spricht etwa „Astarchfarullah“ (Gott, verzeih mir) und streckt dabei seine rechte Hand aus, legt sie anschließend aufs Herz. Ein langsam ausgeatmetes „Hu“ (Er) sendet in den ganzen Körper entspannende Schwingungen. Ein schnell gesprochenes „Hu“ bewirkt einen Hyperventilationseffekt und lädt den Körper mit Energie auf.</p>
<p>Während einer 40-Tages-Einweihung praktizierte ich diese Übungen eine Dreiviertelstunde täglich. Die Wirkung war enorm. Ich platzierte mich vor meinem Hausaltar, entzündete eine Kerze, nahm den (buddhistischen!) Rosenkranz in die Hände und legte los. Schon stellte sich tiefe Entspannung ein, eine Art aktive Stille, die mehr war als die Abwesenheit von Lärm. Ich fühlte eine angenehme Benommenheit, ein Strömen und „Summen“ im ganzen Körper, verbunden mit dem Gefühl, in etwas Gütiges eingehüllt zu sein wie in einen Segen. Dieser Effekt wirkte sich auch in meinem Alltag aus: Ich war gelassener und heiterer. Wann immer ich im Alltag auch nur an das Dhikr denke, kann ich den entspannenden Segen in mir aktivieren.</p>
<p>Da ich mich nicht in erster Linie als Muslim, sondern als freien spirituell Suchenden empfinde, wollte ich wissen, ob sich dieselbe Wirkung auch mit Mantren anderer Religionen erzielen ließ. Ich begann mit dem aramäischen Vaterunser (das ich auswendig kann) und mit Sätzen aus dem christlichen Ritus, etwa „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Das Ergebnis meines Experiments: christliche Sätze wirken ebenso gut wie islamische. Aufgrund früherer Erfahrungen weiß ich, dass auch Hindu-Mantras eine tief entspannende, „segnende“ Kraft entfalten können. Man muss also nicht zu einer bestimmten Religion „übertreten“, um von der Kraft des Dhikr zu profitieren.</p>
<p><strong>Stille ist das Ziel, nicht der Weg</strong><br />
Unbewusst enthielt meine spirituelle Praxis schon viele Komponenten, die auch von Gehirnforschern als hilfreich erachtet werden: Newberg und Waldman beschreiben die wesentlichen Aspekte so: „Das Bewahren des entspannten Bewusstseins, das Regulieren des Atems und das Ausführen einer einfachen oder auch einer komplizierten Körperbewegung mit einem beliebigen Körperteil. Gleichzeitig wiederholen Sie singend, im Sprechgesang oder auch lautlos einen für Sie bedeutsamen Klang oder eine für Sie sinntragende Wortverbindung.“ Damit ist die Zauberformel für eine spirituelle Praxis benannt, die gleichermaßen spirituell, psychisch und körperlich wohltuend wirkt. Schon in den 70er-Jahren hatte Herbert Benson (Harvard-Universität) nachgewiesen, dass es Stress reduziert, wenn man „langsam atmet und Wörter oder Wortverbindungen wiederholt, die einem das Gefühl von Behaglichkeit verleihen“.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum ich (wie viele andere) mit dem reinen Sitzen in Stille Schwierigkeiten hatte. Es wirkt weniger ganzheitlich, weil Körper und Stimme unbeteiligt bleiben, während der Geist nichts hat, woran er sich festhalten kann und sich deshalb langweilt oder abschweift. Den Wert des Sitzens in Stille (etwa im Zen) will ich nicht bestreiten, ein solch „strenges“ Setting macht es für Ungeübte nur sehr schwer. Die absolute Stille sollte das Ziel sein; gezielte Körperbewegungen, Sprache und Gesang können aber der Weg sein, um sie zu erreichen. Setze ich mich unvorbereitet auf einen Stuhl, so fällt mir die Meditation schwer. Ganz anders nach einen Dhikr: Die Stille breitet sich dann wohlig in mir aus, und ich kann noch lange so sitzen und ihr nachspüren.</p>
<p>Aufgrund eigener Erfahrung und der Erkenntnisse der Gehirnforscher kann ich für regelmäßige spirituelle Übungen jetzt ein paar Empfehlungen geben:</p>
<p><strong>Was wichtig ist:</strong><br />
* Die Länge der Übungen. Sie beträgt idealerweise ca. 20-40 Minuten oder länger. Es ist erwiesen, „dass das Gehirn umso mehr Veränderungen durchmacht, je länger man betet oder meditiert.<br />
* Regelmäßigkeit. Möglichst täglich zu einer bestimmten Tageszeit über einen längeren Zeitraum, für den man sich verpflichtet. Dann die Ergebnisse auswerten.<br />
* Mindestens die Komponenten Entspannung, ruhige Atmung, Bewegung und Sprache oder Gesang (Mantra).<br />
* Eine persönliche Beziehung zum „Mantra“. Ich habe einmal mit einem nicht spirituellen, jedoch mir sympathischen Wort experimentiert: „Eichhörnchen“, das ich 100mal wiederholte. Interessanterweise wirkte es ausgezeichnet. Trotzdem meine ich: Unpassende Mantras schwächen die Motivation und vermitteln kein Gefühl der Geborgenheit.</p>
<p><strong>Was gern überschützt wird:</strong><br />
* Die Meditationshaltung. Unserem Gehirn und unserer Gesundheit ist es egal, ob wir unsere Beine im Lotussitz verknoten oder einfach auf einem Stuhl sitzen.<br />
* Die spirituelle „Ideologie“. Newberg und Waldman zeigten in eine Studie, dass der erzielte Nutzen der Mantras „Om Mani Padme Hum“ (Buddhismus), „Rama Rama“ (Hinduismus), „Herr, erbarme dich unser“ (Christentum) und „Schalom“ jeweils gleich war. Messungen an betenden Nonnen ergaben die gleichen neurologischen Veränderungen wie solche an meditierenden Buddhisten. Die Empfehlungen in diesem Artikel gelten unabhängig vom Wahrheitsgehalt der betreffenden Weltanschauungen. So könnte es sein, dass eine bestimmte indische Gottheit gar nicht existiert, dass aber ihr Mantra einen tiefen Entspannungszustand erzeugt. Ein Atheist könnte mit „La illaha ill’Allah“ starke Energieerfahrungen machen. Das Problem ist nur: Er wird wahrscheinlich nicht so lange durchhalten.</p>
<p><strong>Eine typische Übung, geeignet für fast alle</strong><br />
* Wähle ein Mantra, einen „heiligen Satz“, zu dem du eine Beziehung hast. Am besten mehrere, damit ein Zeitrahmen von ca. 30 Minuten ausgefüllt werden kann.<br />
* Wähle einen Ort in deiner Wohnung, an dem du täglich ungestört üben kannst. Ein Hausaltar mit für dich wichtigen Symbolbildern ist ideal. Gib dem Ritual einen Rahmen: Am besten zu Beginn eine Kerze entzünden, sie am Ende löschen. Ein Rosenkranz (egal welcher Herkunft) hilft, um die Wortwiederholungen zu zählen.<br />
* Komme zunächst an, setz dich auf einen Stuhl oder ein Kissen und entspanne deinen Körper vollständig. Atme mehrmals langsam und tief durch, bis du zur Ruhe gekommen bist.<br />
* Singe nun dein Mantra (monoton oder auch mit einer Melodie) und lass den Klang deinen ganzen Körper durchdringen. Verbinde das Mantra mit deinem Atemrhythmus, so dass eine Regelmäßigkeit entsteht. Kurze Phrasen können 108 x, längere auch nur 33 x oder 11 x wiederholt werden. (Ich habe hier einige „heilige Zahlen“ vorgeschlagen, die du aber abändern kannst.)<br />
* Nach einer Übungseinheit halte eine Weile inne, atme und spüre den Wirkungen nach. Dann gehe zum nächsten Wort, zum nächsten Satz oder Gebet über.<br />
* Füge ein persönliches Gebet an, wenn du möchtest, und sitze am Ende noch eine Weile ruhig da, um in die Stille einzutauchen, die entstanden ist.</p>
<p><strong>Erleuchtung nicht ausgeschlossen</strong><br />
Für bestimmte Meditationen, etwa buddhistische oder Transzendentale Meditation, existiert ein spezieller Glaubenshintergrund. Sie sind für die Gläubigen mehr als nur Methoden schnöder Gesundheitsprophylaxe. Auch versucht man in traditionellen Schulen die Erwartungen der Schüler meist zu dämpfen.  Sie werden auf längere Durststrecken vorbereitet und ermahnt, dass die Hoffnung auf ekstatische Meditationserfahrungen in der Zukunft das Sein im gegenwärtigen Augenblick beeinträchtigt. Dieses Konzept ist schlüssig, kann Anfänger auf dem Weg jedoch abschrecken. Der von mir vorgeschlagene Weg beruht auf einem klaren Handlungsplan, der jedoch individuell und frei gewählt ist. Er ermutigt Praktizierende zum Weitermachen, indem sich sofort und zuverlässig beglückende Energie-Erfahrungen einstellen.</p>
<p>Ziel aller Übungswege ist letztlich die Stille, die gegenstandslose, wortlose Meditation. Dies wissen auch die Sufis, die dem stillen Dhikr eine größere Tiefe zusprechen als dem lauten. Der heilige Bruder Konrad von Altötting soll gesagt haben: „Ich bete nicht, ich halte mein Herz einfach in die Liebe Gottes hinein.“ Das islamische und das von mir so genannte „christliche Dhikr“ können ein solches Gefühl erzeugen. Es ist aber auch möglich, vor einem anderen Glaubenshintergrund auf den Begriff „Gott“ zu verzichten und sich einer namenlosen „erfüllten Leere“ hinzugeben. Um solche Zustände zu erreichen, ist es jedoch zu empfehlen, sich zuerst an strukturierte Übungen zu gewöhnen, in den etwas „gemacht“ wird (singen, sprechen, atmen, bewegen). Die „Erleuchtung“ – keine Angst! – ist auch auf einem solch pragmatischen Übungsweg möglich. Newberg und Waldman schreiben: „Die Grenzen zwischen Gott und Mensch können durch eine Verringerung der Aktivitäten im Partiallappen über Meditation oder intensive Gebete aufgelöst werden. Man fühlt sich eins mit dem Objekt der Einkehr und seinem spirituellen Glauben.“</p>
<p><strong>Rosenkranz rehabilitiert</strong><br />
Haben also die „Muatterl“, die ich als Jüngling in einer bayerischen Kirche beobachtete, doch Recht gehabt? Steckt in ihrem einfachen Rosenkranz-Gebet mehr Weisheit als uns „spirituell Unabhängigen“ bewusst ist? Auf dem neuesten Stand der Wissenschaft befanden sich die Frauen allemal. In einer ihrer jüngsten Studien stellten Newberg und Waldman nämlich fest, „dass das rituelle Rosenkranzbeten sowohl Spannung wie auch Stress und Angst abbaut.“ Wenn während einer meiner Übungen ein junger Mensch am Fenster lauschen würde, dächte er vielleicht verächtlich: „Was ist das für ein brabbelnder Spießer?“ Er hätte Recht und auch wieder nicht. Der Weg verändert den, der ihn geht.</p>
<p>Buchtipp:<br />
Andrew Newberg, Mark Robert Waldman: Der Fingerabdruck Gotte, Kailash Verlag, 450 Seiten, Euro 19,95</p>
<p>Erstveröffentlichung dieses Artikels in dem empfehlenswerten österreichischen Magazin &#8220;Wege&#8221; <a href="http://www.wege.at">www.wege.at</a></p>
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		<title>Sind wir Schöpfer oder Marionetten?</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Mar 2012 09:52:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Neurowissenschaftler stellt die Existenz eines Freien Willens in Frage. Bilden wir uns nur ein, dass wir frei sind? Welchen Sinn machen Strafen, wenn niemand verantwortlich ist? Und erübrigt sich das Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung, wenn alles vorherbestimmt ist? Die Folgen einer «Abschaffung» des Freien Willens wären weit reichend. Die Forschungsergebnisse dazu sind jedoch vieldeutig. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/Marionette.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-8116" title="Marionette" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/Marionette-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Neurowissenschaftler stellt die Existenz eines Freien Willens in Frage. Bilden wir uns nur ein, dass wir frei sind? Welchen Sinn machen Strafen, wenn niemand verantwortlich ist? Und erübrigt sich das Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung, wenn alles vorherbestimmt ist? Die Folgen einer «Abschaffung» des Freien Willens wären weit reichend. Die Forschungsergebnisse dazu sind jedoch vieldeutig. Was tun? Im Zweifel für die Freiheit! (Roland Rottenfußer)<span id="more-8114"></span></p>
<p>«Who’s to blame?» sagen die Engländer, wenn sie nach einem Schuldigen suchen. Übersetzt heisst das etwa: «Wer kann beschimpft werden?» Das Bedürfnis, jemanden zu beschuldigen, sitzt tief. Das ganze Justizsystem mit unzähligen Arbeitsplätzen ist auf der Vorstellung aufgebaut, dass es für einen Schaden einen Verantwortlichen geben müsse. Schuld setzt voraus, dass sich jemand böswillig oder fahrlässig zu einer Tat entschieden hat. Was aber, wenn der freie Wille gar nicht existieren würde?</p>
<p>Gehirnforscher haben begründete Zweifel an unserer gängigen Alltagspsychologie. Schon Anfang der 80er wagte der US-amerikanische Neuropsychologe Benjamin Libet ein Aufsehen erregendes Experiment. Durch Messung elektrischer Hirnaktivitäten von Versuchspersonen, die willentliche Körperbewegungen ausführten, fand er heraus: Das so genannte Bereitschaftspotenzial, ein Hirnsignal, das die Vorbereitung motorischer Aktivität anzeigt, ging der bewussten Willensentscheidung um etwa eine Fünftelsekunde voraus. Das Gehirn hatte die Handlung eingeleitet, bevor sich die Person zu ihr «entschloss». Libet folgerte: «Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun!»</p>
<p>Zu ähnlichen Ergebnissen kam Daniel Wegner (Boston) 1999 bei einem Experiment, das unter dem Slogan «I Spy» in die Forschungsgeschichte einging. Dabei hatten zwei Versuchspersonen gemeinsam die Kontrolle über einen Cursor, der über den Bildschirm eines Computers wanderte und an bestimmten Stellen stoppte. Versuchspersonen bildeten sich nun oft im Nachhinein ein, die «Entscheidung» über einen bestimmten Stopp des Cursors getroffen zu haben. In Wirklichkeit hatte die andere Person entschieden, die vom Versuchsleiter über Kopfhörer instruiert wurde. Jüngere Untersuchungen (Dr. Chun Siong Soon 2008) deuten ebenfalls darauf hin, dass sich vorbereitende Gehirnaktivitäten zeigen, bevor einem Menschen eine Entscheidung bewusst wird.</p>
<p>Wenn mehrere Erklärungen für ein Geschehen möglich sind, betrachten wir uns gern selbst als die Ursache. So könnte man die beschriebenen Experimente deuten. Beruht die These vom Freien Willen also auf Wunschdenken, damit wir uns mächtiger fühlen können als wir es tatsächlich sind? Normalerweise wird eher der umgekehrte Vorwurf erhoben. Menschen drücken sich angeblich nur allzu gern vor der Verantwortung. Erhard F. Freitag, Starautor des so genannten Positiven Denkens, schreibt: «So manchem wäre es angenehm zu hören, es gäbe keinen freien Willen. Die liebste Rolle des Menschen scheint die des Opfers zu sein.»</p>
<p>Neben der Esoterik, die gern die These vertritt, wir seien gottähnliche Schöpfer unserer Realität, legt vor allem die Politik grössten Wert auf einen Freien Willen. Die Annahme, dass wir frei sind, gehört zum geistigen Überbau des Neoliberalismus. Die Ideologie der Eigenverantwortung dient Politikern als Vorwand, um den Abbau der Sozialsysteme voranzutreiben. Der für sein ökonomisches Schicksal selbst verantwortliche Einzelmensch wird in letzter Konsequenz sogar für seinen eigenen Untergang verantwortlich gemacht. Positives Denken und Neoliberalismus blasen insofern ins selbe Horn: Wer arm ist, hat Reichtum nur nicht intensiv genug visualisiert.</p>
<p>Ein zweiter Grund dafür, warum es einen Freien Willen geben «muss», ist das Strafrecht. Hier gibt es seit einigen Jahren Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die es nahe legen, die Frage der Schuld neu zu definieren. Gian Franco Stevanin z.B. brachte fünf Frauen um und zerstückelte ihre Leichen. Bei Untersuchungen seines Gehirns zeigte eine MRT-Aufnahme einen riesigen Flecken in Neocortex – Gewebeverlust. Eine drastische Veränderung des Sozialverhaltens ist unter solchen Umständen keine Überraschung. Aber es sind nicht immer solch auffällige Schäden im Spiel. Jana Buffkin und Vickie Luttrell von der Universität Springfield analysierten 17 Bild gebende Studien zu gewalttätigem Verhalten. Das einhellige Ergebnis: Psychopathen und Straftäter weisen Veränderungen in bestimmten Hirnregionen auf. Besonders häufig sind Schädigungen des Gefühlszentrums. Die Probenanden schauen sich z.B. grausame Filmszenen an, ohne dass sich im Gehirn Veränderungen zeigen.</p>
<p>Die Psychiaterin Dorothy Lewis untersuchte zum Tod Verurteilte auf Gehirnschäden. Ihre Schlussfolgerung: Das sitzen keine harten Jungs, sondern Kranke. Lewis fragt: «In welchem Ausmass muss unser Rechtssystem seine Kriterien für Schuldfähigkeit und mildernde Umstände modifizieren und Regeln annehmen, die mit den Befunden der Neurowissenschaft des 21. Jahrhunderts in Einklang stehen?» Diesbezüglich tut sich auf Seiten der Justiz wenig. Der Freie Wille ist dort Teil der Berufsphilosophie. Der Strafrechtler Prof. Reinhard Merkel widerspricht den Ergebnissen der Neurowissenschaft nicht. Er merkt jedoch an: «Es geht nicht nur darum, was der Gesetzesbrecher verdient, sondern auch um die Belange der Geschädigten. (…) Wenn eine Norm verletzt wurde, so muss der Staat etwas unternehmen, um ihre lädierte Geltung zu ‚reparieren’. Dieser symbolische Akt ist die Strafe.»</p>
<p>Viele würden ihm zustimmen, aber ein schlechter Nachgeschmack bleibt. Merkel selbst definiert mildernde Umstände so, dass der Beklagte in seinem «Anders-handeln-Können» eingeschränkt sei. Ist der Freie Wille aber nachweislich durch körperliche Ursachen beeinträchtigt, so erscheint es willkürlich, den Betroffenen dennoch «symbolisch» zu bestrafen. Mit der gleichen Begründung könnte man Tiere, Kinder oder schwer Geisteskranke für ihre Taten belangen.</p>
<p>Die These vom Freien Willen wirft zweierlei Fragen auf: 1. Ist sie wahr? 2. Macht sie aus uns bessere Menschen, als dies bei einer fatalistischen Weltsicht der Fall wäre? Es scheint bequem, sich seiner Verantwortung mit Hinweis auf «Vorherbestimmung» oder Gehirnschäden zu entziehen. Aber ist eine Weltanschauung schon deshalb falsch, weil sie bequem ist? Fatalisten leugnen ja nicht nur die Schuld, sondern auch das Verdienst. Wer sich von Gott oder einem Schicksal gelenkt fühlt, schreibt seine Leistungen nicht sich selbst zu. Augustinus lobte in einem seiner Gebete «Gott, von dem auf uns alles Gute herfliesst».</p>
<p>Bei den meisten Menschen regt sich Widerstand, wenn der Freie Wille angezweifelt wird. Dies scheint unserer Vorstellung von Würde und Selbstbestimmung zu widersprechen. Behauptet jemand, es gäbe keinen Freien Willen, so ist das, als wolle man die Existenz der Liebe bezweifeln. Beides ist naturwissenschaftlich schwer beweisbar. Beides fühlen wir nichtsdestotrotz. Sollten wir diese kollektive Intuition der Menschen nicht ernst nehmen? Jedenfalls können wir in einer Hinsicht beruhigt sein: Wissenschaftler sind sich über die Frage der Willensfreiheit keineswegs einig.</p>
<p>Die berühmten Experimente Benjamin Libets wurden von oberflächlichen Presseartikeln allzu begierig aufgegriffen und einseitig interpretiert. Libet selbst verstand sich als gemässigter Verfechter des Freien Willens. Er billigte diesem eine Vetofunktion zu. Der Mensch könne seinen Zeigefinger rechtzeitig stoppen, sei der Hirnaktivität also nicht hilflos ausgeliefert. Dies ist entscheidend, wenn es z.B. darum geht, ob jemand eine Waffe auf einen Menschen abfeuert. Zudem muss man voreilige Deutungen der Libet-Experimente anzweifeln. Wenn Hirnaktivitäten dem bewussten Willensimpuls vorangehen, so heisst dies nicht, dass ein Puppenspieler-Gott seine Finger im Spiel hatte. Eher ist ein «Unterbewusstsein» im Spiel, aus dem menschliche Handlungen hervorquellen. Aber dieses kann umgekehrt auch von unserem Wachbewusstsein beeinflusst werden.</p>
<p>Ein weiterer Einwand: Bei den Experimenten von Libet und seinen Nachfolgern wurden nur unbedeutende Entscheidungen getroffen, deren Ausgang den Probanden gleichgültig sein konnte. Sie hatten z.B. die Wahl, einen linken oder rechten Knopf zu drücken. Können wir daraus Rückschlüsse darauf ziehen, wie Menschen wichtige Lebensentscheidungen treffen – speziell wenn sie Zeit haben, das Für und Wider zu erwägen? Ein klarer Beweis, dass wir nicht frei entscheiden können, steht also noch aus.</p>
<p>Wie verhalten wir uns in einer solchen Pattsituation? Sicher ist die Menschheitsfrage «Freiheit oder Schicksal» nicht mit einem einfachen Entweder-Oder zu lösen. Ich glaube, dass wir einem Feld verschiedenster Einflüsse ausgesetzt sind: Eltern, Milieu, Vererbung, vielleicht auch den Sternen. Diese Einflüsse können für unser künftiges Verhalten aber nur Wahrscheinlichkeiten erzeugen. Wer das Konzentrationslager erdulden muss, wird wahrscheinlich daran zerbrechen. Es wäre zynisch, den Opfern mit Blick auf ihre Eigenverantwortung unser Mitgefühl zu verweigern. Andererseits gab es Ausnahmemenschen wie Victor Frankl, die es schafften, im KZ ihre Integrität zu bewahren und zu überleben. Sie zeigen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie die Umstände sind, sondern auch darauf, wie man sich zu ihnen stellt.</p>
<p>Ich verstehe unser Schicksal wie die Bahn eines Balls in einer Regenrinne. Die Schwerkraft zieht uns immer zur Mitte, zum wahrscheinlichsten und «normalen» Verhalten. Je weiter wir uns von der Mittellinie entfernen, desto mehr Kraft müssen wir aufwenden, um der Schwerkraft zu entkommen. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, können wir jedoch aus dem scheinbar Vorbestimmten ausbrechen. Von solchen grenzüberschreitenden Taten handeln alle Geschichten über Heldinnen und Helden.</p>
<p>Die Frage nach dem Freien Willen ähnelt der Frage nach der Existenz Gottes. Wir können es nicht wissen, also stellen wir eine Hypothese auf und handeln dementsprechend. Später prüfen wir, ob uns diese Entscheidung zu einem aktiven und glücklichen Menschen gemacht hat. Es mag sein, dass uns hundert «Gegenbeweise» täglich an unsere vermeintliche Machtlosigkeit erinnern. Dennoch spricht viel dafür, sich so zu verhalten, als wären wir frei. Das macht es uns leichter, die Chancen zu erkennen, die wir haben. Es entreisst uns der Lähmung, der Unterwürfigkeit und der passiven Hinnahme des Gegebenen.</p>
<p>Die Freiheit kann nicht nur als geistiger Überbau des Neoliberalismus missbraucht werden. Sie ist auch der Leitwert aller Rebellen. Die Geschichte zeigt, dass sich diejenigen, die sich einem Schicksal unterwarfen, nur allzu leicht der Obrigkeit unterordneten. Anpassung schien der gerade Weg der Kugel in der Regenrinne zu sein. Diejenigen, die etwas veränderten, waren immer die, die daran glaubten, dass ihre Entscheidung einen Unterschied machte. Und unsere Welt braucht so dringend Menschen, die sich die Freiheit nehmen, zu handeln. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wie gross oder klein unser Anteil der Freiheit ist – wir sollten ihn nutzen.</p>
<p>(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Schweizer«Zeitpunkt»: <a href="http://www.zeitpunkt.ch">www.zeitpunkt.ch</a></p>
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		<title>Die unbekannte Wahrheit hinter den Worten</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 10:06:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Anne Ziegler-Weispfennig gründete mit Autisten eine Theatergruppe. Das bedeutete, mit den Eigenheiten dieser besonderen «Stars» umgehen zu lernen. Die Erfolge jedenfalls bringen Publikum wie Kritiker zum Staunen. (Roland Rottenfußer) Autisten und Theater – das scheint nicht so recht zu passen. Theater, das heisst lebhafte Kommunikation: mit Gesten, Blicken und Betonung. Es bedeutet Einfühlung in das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/CIMG2055.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/CIMG2055-300x225.jpg" alt="" title="CIMG2055" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-7750" /></a>Anne Ziegler-Weispfennig gründete mit Autisten eine Theatergruppe. Das bedeutete, mit den Eigenheiten dieser besonderen «Stars» umgehen zu lernen. Die Erfolge jedenfalls bringen Publikum wie Kritiker zum Staunen. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7748"></span></p>
<p>Autisten und Theater – das scheint nicht so recht zu passen. Theater, das heisst lebhafte Kommunikation: mit Gesten, Blicken und Betonung. Es bedeutet Einfühlung in das Schicksal eines Fremden (einer Bühnenfigur). Und nicht zuletzt auch Textverständnis, wozu die korrekte Interpretation von Ironie und Doppelbedeutungen zählt. Unwillkürlich muss man daran denken, wie berühmte Schauspieler Autisten dargestellt haben: etwa Dustin Hoffman in «Rain Man». </p>
<p>Fest steht, dass die Münchner Theatergruppe «Phoenix aus der Asche», bis letztes Jahr  bestehend aus neun Autisten, ihren Zuschauern immer wieder unvergessliche Kulturerlebnisse bereitete. Zum Beispiel mit einer Aufführung des Stücks «Das Tagebuch der Anne Frank» im Jahr 2004. Kritiker Alexander Kinsky jubelte damals: «Die Beklemmung war spürbar in jeder Nuance dieser so grausam endenden Geschichte der Anne Frank. Kluge inszenatorische Einfälle geben der grossartigen Theaterstunde Impulse.» Auch der Theaterdichter Franz Xaver Kroetz, dessen Stück «Wildwechsel» die Truppe aufführte, zeigte sich bei Probenbesuchen beeindruckt. «Wie diese Leute mit Sprache umgehen, wie sie den Text umsetzen, das ist faszinierend.»</p>
<p><strong>Man kann es als «Theaterwunder» preisen</strong> – oder schlicht als Zeichen dafür, dass autistische Menschen chronisch unterschätzt werden. Alles begann 1998 mit einem Gespräch zwischen der Mutter eines autistischen jungen Mannes und Anne Ziegler-Weispfennig. Die war zuvor 30 Jahre Theaterpädagogin beim Kreisjugendring München gewesen und gerade in «Rente» gegangen. Sie stand zu dieser Zeit mit einem Kästnerprogramm auf der Münchner Kleinkunstbühne «Unterton». Dessen Leiter Jörg Maurer nahm die Gruppe auf. Anne ist heute 73 Jahre alt und von ansteckender Begeisterungsfähigkeit. Sie gehörte zu den Mitbegründern  der Theaterpädagogik in München, hat selbst Schauspiel- und Regieerfahrung. Annes Vater  wurde als Antifaschist von den Nazis verfolgt, konnte nach Kriegsende aber seine Kulturarbeit fortsetzen.</p>
<p>Als ihr vor 13 Jahren angeboten wurde, mit autistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu arbeiten, hatte sie noch keine Ahnung von dieser Behinderung. Trotzdem war sie schon nach der ersten Begegnung mit fünf autistischen, theaterbegeisterten Jugendlichen sehr neugierig geworden. Es war sofort Sympathie im Spiel, aber auch Ängstlichkeit auf Seiten ihrer Gesprächspartner. Vielleicht war es gut, dass Anne den Autisten ohne Vorinformationen begegnete. Sie versuchte, dem Handicap nicht zu viel Gewicht bei ihrer Theaterarbeit zu geben. «Mensch ist Mensch, ob er ein schiefes Bein hat oder einen Redezwang. Ich muss ja auch mit meinen Ecken und Kanten angenommen werden.»</p>
<p><strong>Bei dieser Arbeit standen nie die Defizite im Vordergrund</strong>, sondern Interesse und Begabung der Teilnehmer. Trotzdem war es natürlich notwendig, «die autistisch bedingten Schwierigkeiten zu beachten.» Dazu gehören eine ungewöhnliche Diktion sowie Probleme, einen Text zu lernen. Anne erlaubte den Jugendlichen daher zunächst, ihre Textbücher in der Hand zu behalten. Bildliche Sprache kann von Menschen mit dieser Behinderung nicht immer verstanden werden. Einem berufstätigen Spieler sagte sein Chef wegen eines kleinen Fehlers, er werde morgen ganz schön «im Regen stehen». Der junge Mann nahm es wörtlich und dachte, er werde einen Schirm brauchen. Solche Missverständnisse mussten von der Spielleiterin mit Geduld und Ernsthaftigkeit ausgeräumt werden. Auch ihre engagierten MitarbeiterInnen, allen voran Renate Groß und Dr. Pipa leisteten Enormes.</p>
<p>Für Autisten ist es besonders wichtig, dass Bewegungen, Sprechen und der Umgang mit Requisiten genau erklärt wird: «Ich nehme ein Glas in die Hand, schaue meinen Partner an und ihm dabei fest in die Augen. Dann beginne ich das Spiel, immer noch das Glas in der Hand und setze es am Ende des Textes ab.» Sich auf solche Regieanweisungen zu konzentrieren, stell für Autisten eine enorme Konzentrationsleistung dar. Die Mitglieder von «Phoenix aus der Asche» bewältigten sie am Ende aber mit Bravour. Auch der Satz eines Berichterstatters wurde drei Jahre nach Gründung der Truppe wahr: «Irgendwann schmeissen sie die Bücher auch noch weg». Sogar mit ihrer Scheu vor körperlichen Berührungen lernten die Schauspieler/innen umzugehen.</p>
<p><strong>Die Auswahl der Stücke ist bei dieser besonderen Zielgruppe wichtig.</strong> Sehr lange Texte  sind nicht geeignet. Durch die feinfühlige Arbeit von Anne Ziegler-Weispfennig konnten im Theater sogar Themen angesprochen werden, von denen die Teilnehmer persönlich betroffen waren. Die Auswahl des Stücks «Das Tagebuch der Anne Frank» war z.B. Anlass für lebhafte Diskussionen. Gerade für diese Aufführung erhielt die Gruppe aber den «Stern des Jahres» der Münchner Abendzeitung. Die Auszeichnung galt auch ihrem Mut, sich als Behinderte solchen Themen zu stellen. Es ist ja bekannt, dass auch Menschen mit Handicap in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. In der offen geführten Diskussion legten sie die Angst vor der Auseinandersetzung mit diesem Thema ab.</p>
<p>Die Spielfreude und die Leistungsbereitschaft der Teilnehmer waren während des ganzen Prozesses spürbar. Eine enorme Leistung war es für die Autisten, oft Einzelgänger, «sich dem Partner gegenüber solidarisch zu verhalten». Z.B. indem sie pünktlich und bemüht waren, sich ihre Stellungen und Stichworte auf der Bühne zu merken. Auch menschlich machten die Mitglieder der Theatertruppe während dieser 13 Jahre einen enormen Entwicklungsprozess durch. Therapie stand aber nie im Vordergrund, ergab sich quasi nebenbei. «Es ist gut, wenn die Pädagogik in die Inszenierung eines Stücks einfliesst, nicht umgekehrt.» Gerade dadurch fühlten sich die Mitspieler ernst genommen und konnten die Arbeit sichtlich geniessen.</p>
<p><strong>Wie alle Schauspieler lebt auch diese Theatertruppe für den Applaus. </strong>«Denn genau durch diese grosse Herausforderung und den dann mit der Premiere erlebten Erfolg wird der eigentliche therapeutische Effekt erzielt.» Und der Erfolg ist der Gruppe treu geblieben, über 13 Jahre und in etwa 35 Aufführungen. Manchem Besucher dämmerte es, dass die Autisten,  dem Theater eine ganz eigene, faszinierende Färbung mitgaben. Friedrich Ani, Autor des von den «Phönixen» aufgeführten Stücks «Wie Licht schmeckt», staunte jedenfalls: «Es ist, als tauche plötzlich eine grosse, unbekannte Wahrheit hinter meinen Worten auf.» Ein Wermutstropfen zum Schluss: Anne Ziegler-Weispfennig beendet demnächst ihre spannende Arbeit, um selbst wieder mehr auf der Bühne zu stehen.</p>
<p>(Erstveröffentlichung dieses Artikel im Schweizer «Zeitpunkt», www.zeitpunkt.ch</p>
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		<title>Eins in den Kochtopf, eins in den Müll …</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 08:58:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt/Natur]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Hälfte der produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Wie immer ist Geldgier eine Ursache des Skandals. Aber auch mangelnde Achtung vor Nahrung und eine zu geschmäcklerische Einstellung der Verbraucher. (Roland Rottenfußer) Stellen wir uns zwei Schweine in einem Großschlachtbetrieb vor. Nennen wir sie „Dicky“ und „Micky“. Beide führten ein elendes Leben in Enge und Gestank, vollgepumpt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/Biomuell.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/Biomuell-150x150.jpg" alt="" title="Biomuell" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-7685" /></a>Die Hälfte der produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Wie immer ist Geldgier eine Ursache des Skandals. Aber auch mangelnde Achtung vor Nahrung und eine zu geschmäcklerische Einstellung der Verbraucher. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7684"></span></p>
<p>Stellen wir uns zwei Schweine in einem Großschlachtbetrieb vor. Nennen wir sie „Dicky“ und „Micky“. Beide führten ein elendes Leben in Enge und Gestank, vollgepumpt mit Hormonen und Tranquilizern. Anschließend starben beide einen elenden Tod. Der Unterschied: Dicky starb für den Gaumenkitzel mehrerer Gäste einer Haxenbraterei; Micky dagegen starb umsonst. Sein Fleisch wurde nach der Schlachtung weggeworfen.</p>
<p>Das Beispiel ist fiktiv, aber realitätsnah. Valentin Thurn, Regisseur des schockierenden Dokumentarfilms „Taste the Waste“ hat ausgerechnet, dass rund die Hälfte aller auf der Erde produzierten Lebensmittel im Müll landen. Allein in Deutschland sind das 20 Millionen Tonnen Lebensmittel. Das Essen, das in Europa weggeworfen wird, würde zweimal reichen, um den Welthunger zu beenden. Was bedeutet das, übertragen auf das Thema Fleisch? Allein in Deutschland werden jährlich ca. 1,1 Milliarden Tiere verzehrt. Wenn jedes zweite davon umsonst gestorben ist, ergibt das 550 Millionen. Auch der enorme Bodenverbrauch durch Tier- und Tierfutterwirtschaft sowie die Umweltbelastung durch Fäkalien wären demnach zur Hälfte „für die Katz“.</p>
<p>Die Vergeudung von Lebensmitteln betrifft alle Verwertungsschritte vom Anbau bis zum Endverbrauch. Kartoffeln bleiben massenweise auf dem Acker liegen, in verwilderten Gärten verschimmelt unbemerkt Fallobst, jeder zwei Salatkopf wird aussortiert, bevor er in die Läden kommt. Ursache ist oft ein übertriebener Perfektionsdrang, der Trend zur makellosen Normkartoffel. Dafür sind Kunden mit verantwortlich. Hat ein Apfel die geringste Macke, bleibt er im Regal liegen – aber nur, weil die Supermärkte stets ein Überangebot feilbieten. Es sieht einfach besser aus, wenn eine Auslage lückenlos mit leuchtenden Zitronen bedeckt ist. Besonders schlimm ist die Verschwendung beim Brot: Supermarktbäckereien wollen ihren Kunden bis Ladenschluss das gesamte Sortiment ofenfrisch bieten. Was nicht gekauft wird, ist für den Müll – etwa jedes fünfte Brot.</p>
<p>In den Abfallcontainern der Supermärkte findet man ganze Paletten bester Lebensmittel mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. In den Regalen muss Platz geschaffen werden für Neues. Auch wird das Haltbarkeitsdatum systematisch zu früh angesetzt. Die Hersteller wollen sich für den (unwahrscheinlichen) Fall absichern, dass Kunden sie wegen verdorbener Ware verklagen. Außerdem: Umsätze werden gemacht, wenn viel gekauft, nicht wenn viel gegessen wird. Viele Verbraucher tragen zu dem Skandal bei, indem sie sich wie verwöhnte Kinder benehmen: Sie möchten jederzeit auf eine große Auswahl von Produkten zugreifen können. „Wie soll ich heute wissen, was ich morgen mögen werde?“ Also hat von man von allem etwas da, und vieles vergammelt im Kühlschrank.</p>
<p>Die Verschwendung ist kein Kavaliersdelikt mehr: Ein Drittel der Treibhausgase werden durch die Landwirtschaft ausgestoßen. Auch ihr Anteil am Wasser- und Energieverbrauch ist enorm. Für Weideflächen wird Regenwald gerodet. Würden wir all das für Nahrung in Kauf nehmen, die wir wirklich brauchen, wäre es nachvollziehbar. All diese Verwüstungen, um dann die Hälfte wegzuwerfen, ist jedoch absurd. „Mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung“ schreibt der Ernährungsexperte der UN, Jean Ziegler. Nicht nur Schwein Micky muss sich also fragen, wofür es gestorben ist. Es hat allerdings wenig Sinn, wenn der Endverbraucher sorgsam mit Lebensmitteln umgehen, die nicht gekauften Waren jedoch stattdessen auf Großdeponien der Supermärkte landen. Neben einem Umdenken „aller“ ist auch der Gesetzgeber gefragt, entsprechende Weichen zu stellen.</p>
<p>Film:<br />
Valentin Thurn: Taste the Waste. Lighthouse Home Entertainment. Erscheint im März 2012 auf DVD, 91 min., Fr. …/ Euro 17.99</p>
<p>Buch:<br />
Stefan Kreutzberger, Valentin Thurn: Die Essensvernichter. Kiepenhauer &#038; Witsch 2011, 304 Seiten, Fr. …/ Euro 16,99</p>
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		<title>«Der Schrei der Armen»</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 09:37:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7648" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7648" title="leonardo_boff590" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Leonardo Boff</p></div>
<p>Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. Jahrhunderts wieder auf. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7647"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Christus geht im Poncho einher“, lautet einer der Wahlsprüche der Basiskirchen im Norden Perus. Die Campesinos, Kleinbauern indianische Herkunft, betreiben in der unwirtlichen Gebirgslandschaft seit Generationen Ackerbau. Ein hartes Brot. Da kann sich jede Störung des gewohnten Ablaufs existenzbedrohend auswirken. Seit einigen Jahren haben die Campesinos im peruanischen Cajamarca nun Probleme mit der nahe gelegenen Yanacocha Mine, der größten Goldmine Südamerika. Der metallhaltige Dampf aus den Bergwerken legt sich als rostbraune Schmiere auf die Felder. Dann sterben die Kühe.</p>
<p>Die Campesinos haben begonnen, sich zu wehren. Unterstützt wurden sie dabei bis vor kurzem von einer Kirche, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil für die Rechte der Armen stark machte. Der legendäre Bischof José Dammert Bellido hatte in Cajamarca bis zu seiner Berentung im Jahr 1992 eine selbstbewusste indianische Kirche aufgebaut. Er hatte 3000 Campesinos zu Gemeindehelfern ausgebildet, die zum Teil priesterliche Funktionen wie Bibellesungen und Taufen wahrnahmen. Der mutige Priester Marco Arana setzte das Werk des Bischofs fort und gründete die Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung „Grufides“. Mit zahlreichen gewaltfreien Aktionen unterstützte er die Bauern in ihrem Kampf gegen die Minenbetreiber.</p>
<p>Doch Marco Arana muss sich seit kurzem mit Morddrohungen auseinandersetzen. Schon sechs Campesinos sind, vermutlich von Sicherheitskräften der Minen, ermordet worden. Die Gewalttätigkeiten haben zugenommen, als Ortsbischof Lázaro dem ihm unterstellten Priester Arano in den Rücken fiel. Der Bischof hatte bei seinem Amtsantritt 2004 angekündigt, den „Saustall“ auszumisten. Insider berichten, dass er sich jedes Jahr von den Goldminen-Betreibern ein Auto habe schenken lassen. Bischof Lázaro verfasste einen Hirtenbrief, in dem er mehrere engagierte Priester aufforderte, ihre „Agitation“ sofort einzustellen und sich auf ihre „eigentlichen priesterlichen Aufgaben zu beschränken.“</p>
<p><strong>Was sind die „eigentlichen priesterlichen Aufgaben“?</strong> Zweifellos prallen in Peru zwei Auffassungen von Kirche aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Traditionen der Bibeldeutungen, die einander seit den Ursprüngen des Christentums gegenseitig bekämpfen. Der Verbindung von Thron und Altar, wie sie sich seit dem römischen Kaiser Konstantin anbahnte, kirchlichem Prunkt und weltlicher Machtentfaltung der Päpste stand eine Strömung des sozial engagierten Christentums gegenüber, die sich auf das Armutsgebot bestimmter Stellen des Evangeliums berief.<br />
Als unwissentlicher Begründer und Bezugspunkt jeder Art von „linker Theologie“ gilt der Evangelist Lukas. In seinem Evangelium, geschrieben ca. zwischen 80 und 90 n. Chr., sind – verglichen mit Matthäus, Markus und Johannes – auffällig viele Textstellen überliefert, in denen die soziale Differenz zwischen Arm und Reich Thema ist. Die berühmte Weihnachtsgeschichte mit ihrer Stall- und Krippen-Romantik ist ausschließlich im Lukas-Evangelium überliefert. Sie verlegt die Geburt des Herrn (was historisch nicht verbürgt ist und vielfach bezweifelt wird) in ein „Unterschichten-Milieu“, inmitten der Tiere des Feldes und der einfachen Leute (Hirten). Der Gottessohn auf Stroh gebettet – hier findet der Mythos vom Abstieg Gottes in die „Niedrigkeit“ des Menschlichen einen sinnfälligen und überaus populären Ausdruck.</p>
<p>Schon vor Jesu Geburt allerdings wird bei Lukas Sozialrevolutionäres verkündet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“, heißt es da über Gott Vater. „Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.“ (Lukas 1, 51) Die linke Revoluzzerin, die dies verkündet, ist keine Geringere als Maria, die Mutter Jesu. In der reichen Tradition der Marienverehrung gerade im Katholizismus spielt dieser aggressive Aspekt Marias gegenüber ihren sanften Eigenschaften (Gnade und Milde) nur eine geringe Rolle. Es handelt sich bei Marias „Lobsang“ um eine typische Rollentauschfantasie, die im Weiteren die Rhetorik des Lukas-Evangeliums prägen wird. Die Armen sollen im „Reich Gottes“ in die Position der Reichen versetzt werden, und umgekehrt.</p>
<p>In der Lukas-Version der Bergpredigt heißt es: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier hungert; denn ihr sollt satt werden. (…) Weh euch Reichen! denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr hier satt seid! denn euch wird hungern.“ (Lukas, 6, 20-24). Weiter hinter im Evangelium die Warnung vor Habgier: „Sehet zu und hütet euch vor Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lukas 12, 15). Im Gleichnis „Reicher Mann und armer Lazarus“ findet sich der Reiche nach seinem Ableben in einem qualvollen Totenreich wieder und muss mit ansehen, wie es sich der ebenfalls gestorbene Arme in „Abrahams Schoß“ gut gehen lässt. (Lukas, 16, 19). Natürlich ist da auch die Geschichte von dem Reichen zu erwähnen, dem Jesus rät, alles, was er hat den Armen zu geben. „Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“ (Lukas, 18, 25).</p>
<p><strong>Eine solche Häufung sozial engagierter Textstellen</strong> hat Lukas den Ruf eines „Evangelisten der Armen“ und „sozialistisch denkenden Schriftstellers“ eingebracht. Tatsächlich geht es Jesus im Lukas-Evangelium aber nicht um eine Idealisierung unfreiwilliger Armut, sondern um das Ideal des freiwilligen Besitzverzichts als Voraussetzung für Jüngernachfrage – die Hingabe des „Ego“, um es mit Begriffen einer neueren Spiritualität zu sagen. Der De-facto-Kommunismus und die Besitzlosigkeit der Jüngergemeinschaft Jesu wurden zum Vorbild für besitzlose Mönchsgemeinschaften und Armutsbewegungen im späteren Christentum. Reiche indes werden dazu ermahnt, die Anhaftung an materiellen Gewinn als Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu verstehen. Sie sollen Schulden erlassen, zu Unrecht angeeignetes Gut zurückgeben und generell einen großen Teil ihres Besitzes den Armen spenden. Diese Anweisungen sind zunächst „spirituelle Therapie“ für die Reichen, aber auch der Entwurf einer fundamentalen Sozialordnung, die – im Gegensatz zur modernen Wirtschaftsordnung – geeignet ist, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.</p>
<p>Besonders deutlich werden diese beiden Aspekte in der Geschichte vom Zöllner Zachäus, dem Jesus auftrug, die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben und Menschen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückzugeben. (Lukas 19, 8). Zachäus ist der Prototyp des Ausbeuters, des Feindbilds aller Sozialisten. Steuerpächter im damaligen Judäa waren Eintreiber für den römischen Staat, schlugen aber auf die von Rom geforderte Summe oft noch ein Vielfaches drauf, um sich so an der Bevölkerung des eigenen Landes schamlos zu bereichern. Zachäus ist ein schönes Beispiel für die Umkehr eines Sünders und für Vergebung. Es wäre aber sicher ein Missverständnis, wenn sich die Kirchen mit Hinweis auf Zachäus mit ausbeuterischen Strukturen verbünden würden und dabei die Tatsache, dass es sich dabei um Sünde handelt sowie die Notwendigkeit der Umkehr unter den Tisch fallen ließen. Man kann durchaus sagen, dass „linke“ Interpretationen des Evangeliums eine Grundlage haben. Jesus spricht den Reichen das moralische Recht ab, ihren Besitz nur deshalb zu behalten, weil sie formaljuristisch Anspruch darauf erheben können.</p>
<p><strong>Es ist unmöglich, hier einen Gesamtüberblick über die sozial engagierten Strömungen der Kirchengeschichte zu geben</strong>, die sich an das Lukas-Evangelium anschließen. Berühmt ist etwa die „Rede an die Reichen“ (370 n. Chr.) von Basilius, Erzbischof von Caesarea: „Genauso sind die Reichen: Sie betrachten die Güter, die allen gehören, als ihr privates Eigentum, weil sie sich diese als erste angeeignet haben. Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst; den Nackten der Mantel, den du in der Truhe versteckst; den Armen das Geld, das du vergräbst“. Bei dem „vergrabenen“ Geld kann man heute durchaus an auf Bankkonten gehortetes, dem Umlauf entzogenes Geld verstehen. Basilius’ Zeitgenosse, der griechische Bischof Grogor von Nyssa, sprach sogar explizit die Problematik des Zinses an: „Was ist für ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen (…), oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitzt nimmt, was einem nicht gehört?“<br />
Ein großer Erneuerer des Armutsgebots, wie es vor allem aus dem Evangelium des Lukas herausgelesen werden kann, war Franz von Assisi (1181-1226). In seiner Geburtstadt ist noch heute eine graue, zerrissene, mehrfach geflickte Kutte zu besichtigen, extremer Ausdruck seiner uneitlen, allem Weltlichen abgewandten Geisteshaltung. Franz von Assisi war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Als ihn seine ebenfalls aus der „Oberschicht“ stammenden Freunde einmal allein und nachdenklich in einer Gasse vorfanden, fragten sie, ob er daran dächte, „ein Weib zu nehmen“. Franz soll geantwortet haben: „Ich gedenke mir eine Braut zu nehmen, diese ist aber viel edler, reicher und schöner, als Ihr zu denken und Euch vorzustellen vermöget.“ Diese Braut war die Armut.</p>
<p>Franz verkaufte alles, was ihm im väterlichen Haus gehörte, für den Wiederaufbau einer verwahrlosten Kapelle bei Assisi. Als sein Vater ihn dafür öffentlich zur Rede stellte und drohte, ihn zu enterben, entkleidete sich Franz vollständig und gelobte, von nun an nur noch Gott anzugehören. Franz – und in seiner Nachfolge die Orden der Franziskaner und der Klarissinnen – haben seither unzählige soziale Projekte auf den Weg gebracht und sind ihrem Gelübde persönlicher Bedürfnislosigkeit immer treu geblieben. Dabei ist die starke Ausstrahlung des Franz von Assisi sicher u.a. seiner überlieferten Herzensfröhlichkeit zu verdanken – schlagender Beweis dafür, dass eine konsequent immaterielle Lebenseinstellung sehr wohl ein erfülltes Leben zu begründen vermag.</p>
<p><strong>Die armen Franziskaner waren so auch eine beständige lebende Provokation</strong> für eine zunehmend prunksüchtige Kirche, die die soziale Botschaft des Evangeliums eher „wegzuinterpretieren“ suchte. Eine literarische Spur dieses Zwiespalts finden wir in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. In diesem berühmten Mittelalter-Roman wird eine Debatte zwischen Vertretern des Franziskanerordens und einer Gesandtschaft des Papstes Johannes XXII. beschrieben, die sich um die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit der Armut der Kirche dreht. Doch kehren wir zurück in die Moderne.</p>
<p>Einen wesentlichen Schub erhielt die politisch engagierte Kirche nach der kubanischen Revolution von 1959 mit der Entstehung der so genannten „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika. Es war zunächst eine Bewegung der Armen selbst, landloser Bauern und Slumbewohner, die aus der Bibel eine Botschaft der Befreiung von Not und Unterdrückung herauslasen. Sie interpretierten die biblischen Geschichten, etwa den Auszug der Juden aus Ägypten, als etwas, das unmittelbare Konsequenzen für ihren Alltag hatte. Die Kirchenhierarchie verhielt sich gegenüber den Bestrebungen der Basis von Anfang an zwiespältig. Ein Teil des katholischen Klerus stellte sich traditionell eng an die Seite der Mächtigen und Besitzenden.</p>
<p>Auch in anderen Ländern der Erde wurde die Verbindung aus Christentum und Politik als schlagkräftiges Instrument gesellschaftlicher Veränderung entdeckt. Der Rückgriff auf die spirituelle Kraft biblischer Aussagen diente dazu, den berechtigten Ansprüchen der Armen und Unterdrückten Nachdruck zu verleihen, ihren Mut anzuspornen, aber auch Gewalt zu verhindern. So gab sich der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King „überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, geistlich gesehen schon vom Tod gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet. (…) Eine Religion, die beim Individuum endet, ist am Ende.“ Wenn man Martin Luther King erwähnt, muss man in der Geschichte noch weiter zurückgehen und Kings großes Vorbild Gandhi würdigen, einen Mann, der – ohne christlich erzogen zu sein – politische Durchsetzungsfähigkeit mit großer spiritueller Überzeugungskraft verband. Über das Verhältnis von Politik und Religion sagte Gandhi in seiner Autobiografie, es gäbe für ihn „keine Politik, die nicht zugleich Religion wäre. Politik dient der Religion. Politik ohne Religion ist eine Menschenfalle, denn sie tötet die Seele.“</p>
<p>Seit den 70er-Jahren stellten sich Theologen wie Gustavo Gutiérrez (von dem der Begriff „Teologia de la liberación“ stammt), Ernesto Cardenal und Leonardo Boff demonstrativ hinter die christlichen Basisbewegungen in Lateinamerika. Sie schufen mit Schriften wie „Schrei der Armen“ (Leonardo Boff) ein theoretisches Fundament, empfanden sich aber nicht als Begründer der Bewegung, sondern als deren Sprachrohr. Die Befreiungstheologen verstanden die Erlösungsbotschaft der Bibel nicht ausschließlich in einem transzendenten Sinne, sondern fanden in ihr eine weltlich-ökonomische, ja sozialrevolutionäre Botschaft. So kamen sie nicht umhin, auch die Kirchenhierarchie zu kritisieren der sie vorwarfen, durch Verdummung der Armen den Ausbeutungsinteressen der Besitzenden zu dienen. In Deutschland gipfelten die Aktivitäten der Sympathisanten der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung in der Aussage des Theologen Helmut Gollwitzer: „Christen müssen Sozialisten sein“. Gollwitzer war auch ein Freund und Förderer von Rudi Dutschke, dem Anführer der 68er-Studentenbewegung in Berlin.</p>
<p><strong>Jon Sobrino, einer der populärsten Befreiungstheologe</strong>n, der seinen Lebensmittelpunkt seit 1957 in El Salvador hat, drückte die Auffassung der Befreiungstheologie besonders prägnant aus: „An Gott glauben bedeutet, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren.“ Sobrino war auch Berater des 1980 von einer Todesschwadron ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Hinter dem Mord standen vermutlich Militärberater aus den USA. Romero hatte in seiner letzten Predigt vor seiner Ermordung gesagt: „Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der wider das Gesetz Gottes gerichtet ist. (&#8230;) Ich bitte euch, ich flehe euch an, ich befehle euch im Namen Gottes – hört auf mit der Unterdrückung!“</p>
<p>Der Brasilianer Leonardo Boff wurde 1985 vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zu einem Jahr des Schweigens verurteilt und später aller kirchlichen Funktionen enthoben. Ratzinger warf Boff u.a. vor, dass Jesus Christus nach dessen Ansicht keine bestimmte Kirchengestalt befohlen habe, so dass andere als das katholische Kirchenmodell aus dem Evangelium heraus denkbar würden. Ferner dass Offenbarung und Dogma bei Boff nur eine untergeordnete Rolle spielten und dass er den historischen Machtmissbrauch der Kircheninstitution unnötig polemisch und respektlos beschrieben habe. In seiner Rechtfertigung gegenüber der Glaubenskongregation sagte Boff: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“</p>
<p><strong>In den 90er-Jahren startete Leonardo Boff</strong> ganz im Sinne der Grundsätze der Befreiungstheologie scharfe Angriffe gegen die sich ausbreitende Ideologie des Neoliberalismus: „Die Befreiungstheologie ist in den sechziger Jahren aus dem Schrei der Armen hervorgegangen. Dieser Schrei erklingt bis heute. Und er wurde zum lauten Aufschreien, weil es nicht mehr nur die Dritte Welt betrifft, sondern zwei Drittel der Menschheit. Nicht nur die Armen schreien, sondern auch die Schöpfung, unsere Erde, die ausgeplündert wird. In den 90er-Jahren geht es nicht um die Befreiung, sondern um die soziale Ausschließung als Folge der neuen Produktionsweisen, des Weltmarktes und des Neoliberalismus.“</p>
<p>Und Boff vermerkt mit bitterer Ironie: „Hält diese Entwicklung an, verlieren die Armen ihr Privileg, ausgebeutet zu werden. Sie werden einfach ausgeschlossen, für nichts erklärt, und wie beispielsweise die brasilianischen Straßenkinder von Todesschwadronen wie lästige Hunde erschossen.“ In einem anderen Interview sagte der streitbare Theologe: „Ich glaube, dass Veränderung möglich ist, weil ich keinen Gott annehmen kann, der sich dieser Welt gegenüber indifferent verhält, sondern nur einen, der sich den Armen, den Leidenden zuwendet. Seine Gnade gibt Kraft zum Widerstand, Kraft zur Befreiung.“ Die Theologie müsse „offen sein für solche Herausforderungen, für den Schrei der Armen. Sonst bleibt eine Kluft zwischen der Welt des Glaubens und der konkreten politischen Wirklichkeit.“</p>
<p><strong>Wie steht es aber um das sozial engagierte Christentum in unseren Breiten</strong>, in den zunehmend von einer neuen Armut bedrohten „reichen“ Ländern des Westens? Hier bekamen die gegenüber dem Kapitalismus kritischen Kräfte Zuspruch von unerwarteter Seite. Heiner Geißler, der früher als konservativer Hardliner verschriene ehemalige Generalsekretär der CDU stellte in seinem Buch „Was würde Jesus heute sagen?“ die unkonventionelle Frage: „Dürfen Kapitalisten sich Christen nennen?“ Geisslers Antwort: „Wer den Börsenwert und den Aktienkurs eines Unternehmens verabsolutiert und nur noch die Kapitalinteressen ökonomisch gelten lässt, gehört zu den Menschen, die, wie Jesus sagt, viel Geld besitzen und für die es schwer sein wird, in das Reich Gottes zu kommen.“</p>
<p>Über die „Pharisäer“ in seiner eigenen Partei sagte der ehemalige Jesuitenschüler Geißler: „jeden Sonntag (…) feierlich in die Kirche zu gehen, als politischer Schausteller sozusagen (…), aber gleichzeitig tiefe Einschnitte ins soziale Netz, die Kürzung der Sozialhilfe zu verlangen, den Kündigungsschutz abzuschaffen, Lohndumping als Wettbewerbselement zuzulassen, statt einer Bürgerversicherung das Risiko von Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu privatisieren und auf den Kapitalmarkt zu verfrachten, ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern führt wie in den USA zu einer Spaltung der Gesellschaft und ist mit der Botschaft des Evangeliums nicht zu vereinbaren.“</p>
<p>Heiner Geißler gibt auch eine aufschlussreiche Deutung der berühmten Geschichte vom Zinsgroschen. Im Lukasevangelium wird Jesus von Pharisäern gefragt: „Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Die Frage war politisch brisant, weil die falsche Antwort Jesus als Gegner der römischen Besatzung geoutet hätte. Jesus’ Antwort ist bekannt: Sie wird normalerweise übersetzt mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“. Heiner Geißler weist nun darauf hin, dass im griechischen Urtext des Evangeliums das Wort „apodote“ für den Vorgang des Gebens verwendet wird. „Apodote“ heißt aber eigentlich „zurückgeben“, also: „Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist.“ Geißler deutet diesen Satz als Aufforderung an die Juden, sich von der Währungshoheit der Römer zu lösen und das Geld des Kaisers (inklusive dem damit verbundenen Machtanspruch) zurückzuweisen. Demnach wäre die Bibelstelle nicht, wie oft argumentiert wurde, eine Aufforderung an die Kirche, Geistliches und Weltliches sorgfältig zu trennen und sich mit den Mächtigen zu arrangieren.</p>
<p><strong>Ein beredtes Beispiel für den Geist der Befreiungstheologie</strong> in Deutschland ist ein Aufsatz des evangelischen Theologen Ulrich Duchrow, der in Carl Amerys äußerst lesenswertem Sammelband „Briefe an den Reichtum“ veröffentlicht wurde. Duchrow gestaltet seinen Beitrag als fiktiven Briefwechsel zwischen zwei erfundenen Figuren: dem Argentinischen Bischof Teofilo Lucano und dem deutschen Bischof Justus Zumkehr. Der Argentinier gibt zu Protokoll: „Es geht nicht etwa um Armut als solche. Vielmehr geht es um Reichtum, der arm macht. Es geht um Mechanismen der Bereicherung, die als naturnotwendig erklärt und somit vergötzt werden. Armut ist die Folge. Darum kann es die Kirche nicht vermeiden, in Konflikt mit diesem Reichtum zu geraten. Nur so kann sie mitwirken, die Ursachen der gegenwärtigen Misere anzupacken. Bekanntlich reicht es nicht, die unter die Räuber Gefallenen zu versorgen. Man muss sich um die Räuber kümmern und sogar um die Ursachen dafür, dass und warum es Räuber gibt.“</p>
<p>Teofilo Lucano (bzw. Ulrich Duchrow) präzisiert dann seine ökonomische Analyse. Die Ausbeutungsmechanismen hätten „mit der Einführung des Privateigentums zu tun – nicht im Sinn von Gebrauchseigentum, sondern von Eigentum, mit dessen Hilfe man nach Marktgesetzen Vermögensvermehrung betreiben kann. Der Zusammenhang von verabsolutiertem Verfügungseigentum – Zins – Geld – Verlust des verpfändeten Landes/Schuldsklaverei auf der einen und wachsender Großgrundbesitz mit Bewirtschaftung durch Sklavenarbeit auf der anderen Seite – ist also strukturell ein Mechanismus, der den Segenskreislauf umkehrt und damit zwingend in Gegensatz zu Jahweh gerät.“ Er zitiert dann die Bibel: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (natürlich bei Lukas, 16,13). Die Befreiung der Reichen vom Mammonismus sei psychologisch gesprochen „Suchttherapie.“</p>
<p>Der Text wird in der ökonomischen Theorie äußerst konkret und kritisiert die Kirchen für ihre Praxis, von Zinsen auf Geldanlagen zu profitieren: „Wenn hingegen die Zins- über der Wachstumsrate liegt, raubt der Geldvermögensbesitzer den anderen am Wirtschaftsprozess Beteiligten, also vor allem den Arbeitenden, den gerechten Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten. (…) Das Argument, die Kirchen bräuchten die Zinseinnahmen zu marktüblichen Bedingungen (…), ist gleichbedeutend mit der plausiblen Aussage, Räuber brachten ja auch etwas als Lebensunterhalt.“ Autor Duchrow setzt noch eins drauf: „Neutralität in einem asymmetrischen System bedeutet Parteinahme für die Seite der Macht und des Reichtums. Wenn die Kirche Kirche sein will, muss sie sich an die Seite Gottes stellen. Und Gott holt die Mächtigen vom Thron und hebt die Niedrigen aus dem Staub.“</p>
<p><strong>Ist der Vorwurf der Parteinahme für die Seite der Macht berechtigt? </strong>Wie es scheint, hat sich die ablehnende Haltung des Vatikans gegenüber sozialreformerischen und kapitalismuskritischen Bestrebungen innerhalb der Kirche seit den 80er-Jahren und dem Lehrverbot für Leonardo Boff nicht wesentlich verändert. Wer auf einen altersmilde gewordenen Benedikt XVI. gehofft hatte, sah sich schwer enttäuscht, als der „bayerische Papst“ erst im März 2007 gegen den Befreiungstheologen Jon Sobrino eine scharfe Lehrverurteilung aussprach. Der 68-jährige verbreite in einigen seiner Bücher „erhebliche Abweichungen von Glauben und Kirche“ und könne somit bei den Gläubigen „großen Schaden anrichten“. Er betone zu sehr die Solidarität mit Armen und Unterdrückten und zu wenig den Glauben und die Erlösung durch Jesus Christus. Außerdem unterstreiche Sobrino zu sehr den menschlichen Charakter Jesu und vernachlässige dessen Göttlichkeit. Mit einem Entzug der Lehrerlaubnis ist der Rüffel aus dem Vatikan vorerst nicht verbunden.<br />
Wird Jesus also weiterhin in Gold und Purpur gekleidet? Oder läuft er, wie die peruanischen Campesinos meinen, „im Poncho einher“, in der Tracht des einfachen Volkes? Findet man ihn im Bischofsornat oder eher in der zerrissenen Kutte Franz von Assisis oder in dem selbstgesponnenen Baumwollgewand Mahatma Gandhis? Wird die Theologie der Zukunft die göttliche oder die menschliche Natur Christi in den Vordergrund stellen? Und selbst wenn er göttlich war, entbindet dies die Kirchen von ihrer Pflicht zur Fürsorge für die Armen, die gegebenenfalls auch Frontstellung gegenüber ungerechten Bereicherungsmechanismen bedeutet? Sollte ein ferner transzendenter Gott weiter auf Kosten der Menschen und an ihnen vorbei verehrt werden? Oder bedeutet „Menschwerdung Gottes“ nicht gerade, dass der hohe ethische Grundsatz der Nächstenliebe gleichsam auf die Erde herabgestiegen ist, um hier in unserem praktischen Unfeld konkrete Wirklichkeit zu werden?</p>
<p>Der Konflikt zwischen dem sozialreformerischen Priester Marco Arana und seinem konservativen Bischof Lázaro im peruanischen Cajamarca schwelt indes noch immer, und sein Ausgang ist offen. „Meine Mitarbeiter und ich sind zum Abschuss freigegeben“, sagte Arana und fürchtet angesichts der Brutalität der Minenbetreiber und der mangelnden Solidarität der staatlichen und kirchlichen Machthaber um sein nacktes Leben. Der Würzburger katholische Theologieprofessor Elmar Klinger schrieb Bischof Lázaro denn auch einen gesalzenen Brief, in dem er ihn aufforderte, mehr Mut zu zeigen. „Seien Sie der Bischof der Kirche des Volkes Gottes in Cajamarca! Sie werden dadurch Nachteile erleben, aber sich Schätze im Himmel sammeln.“</p>
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		<title>Leben ohne Existenzangst, Arbeit ohne Zwang</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 09:42:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Obwohl der Produktivitätsfortschritt uns allen längst ein leichteres Leben ermöglichen würde, hält die Politik weiter am Arbeitszwang fest. Der Widerwille gegen angebliches Sozialschmarotzertum ist auch im Volk so ausgeprägt, dass die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf viel Widerstand stößt. Zu Unrecht: Ein BGE würde den Wert von bisher unbezahlter Arbeit honorieren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7575" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/erich-fromm.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7575" title="erich-fromm" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/erich-fromm-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Früher Befürworter des Grundeinkommens: Erich Fromm</p></div>
<p><strong>Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. </strong>Obwohl der Produktivitätsfortschritt uns allen längst ein leichteres Leben ermöglichen würde, hält die Politik weiter am Arbeitszwang fest. Der Widerwille gegen angebliches Sozialschmarotzertum ist auch im Volk so ausgeprägt, dass die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf viel Widerstand stößt. Zu Unrecht: Ein BGE würde den Wert von bisher unbezahlter Arbeit honorieren und ungeahnte Kreativität frei setzen. Die bisher praktizierte „Antrags- und Schnüffelbürokratie“ hätte ein Ende. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7574"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Artikel 1: Die Würde des Menschen kann von den staatlichen Organen je nach Kassenlage gewährt werden.</p>
<p>Artikel 2: Jeder, der sich im Behördendschungel durchzuschlagen weiß und selbst demütigende Auflagen der staatlich Stellen erfüllt, hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“</p>
<p>Kommt Ihnen an diesen Verfassungsartikeln etwas merkwürdig vor? Richtig, sie stehen so nicht im deutschen Grundgesetz. Tatsächlich heißt es schlicht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. (…) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Was helfen aber Verfassungsnormen, wenn die Behörden in der Praxis eher so entscheiden, als wären meine (satirischen) Paragrafen gültig? Wer heute Hartz IV bzw. Arbeitslosenunterstützung beantragt, steht unter Generalverdacht, ein Sozialschmarotzer zu sein. Er muss sich vor den Sachbearbeitern bis aufs Hemd ausziehen, auf Befehl miese Jobs annehmen oder sinnlose Umschulungsmaßnahmen absolvieren.</p>
<p><strong>„Erlösung vom Arbeitszwang“</strong></p>
<p>Die Behörden verhalten sich bei der Vergabe von Unterstützungsleistungen immer engherziger, dabei würde uns der immense Produktionsfortschritt endlich mehr Großzügigkeit ermöglichen. Die Wirtschaft stellt immer mehr Waren mit der Arbeitskraft von immer weniger Menschen her. Folgt man der Logik der Arbeitsgesellschaft, ist dies eine Tragödie, für den gesunden Menschenverstand wäre es eigentlich ein Grund zur Freude. Die französische Schriftstellerin Viviane Forrester „Der Terror der Ökonomie“ schrieb: „Sollte die Erlösung vom Arbeitszwang, vom biblischen Fluch, nicht logischerweise dazu führen, die eigenen Lebenszeit freier einteilen, freier durchatmen zu können, sich lebendig zu fühlen, ohne herumkommandiert, ausgebeutet und in Abhängigkeit gehalten zu werden?“</p>
<p>Statt mehr Freiheit hat die industrielle Massenproduktion aber nur zweierlei bewirkt: mehr Unfreiheit für die vom Arbeitsprozess Ausgeschlossenen und mehr Leistungsdruck auf jene, die man gnädigerweise noch an ihm teilhaben lässt. Wer hätte gedacht, schreibt Forrester, „dass eine Welt, die auch ohne den Schweiß auf der Stirn so vieler Menschen auszukommen vermag, sogleich zur Beute einiger weniger würde und dass man nichts Dringlicheres zu tun haben würde, als die überflüssig gewordenen Arbeiter gnadenlos in die Enge zu treiben.“ Ihr Resümee: „Warum sollten wir nicht zunächst nach einem Modus der Umverteilung und des Überlebens suchen?“</p>
<p><strong>Die Freiheit, „nein“ zu sagen</strong></p>
<p>Den Begriff „Grundeinkommen“ verwendet Viviane Forrester nicht. Dafür tut dies Götz Werner umso intensiver. Seit Jahren tingelt der Chef der Drogeriekette dm unermüdlich durch Vortragssäle und Talkshows, um für seine Idee zu werben. Mit seinem Standardwerk „Einkommen für alle“, legte er eine zusammenhängende Theorie des Grundeinkommens vor. Sie basiert in ihrer ethischen Begründung letztlich auf dem Recht auf Leben und auf Freiheit. „Denn das Recht auf Freiheit beinhaltet sehr wesentlich das Recht, nein sagen zu können. Es beinhaltet zum Beispiel das Recht, eine bestimmte Arbeit abzulehnen. (…) Die Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist.“</p>
<p>Wirklich neu ist der Gedanke nicht: Bereits im 19. Jahrhundert plädierte Paul Lafargue für ein „Recht auf Faulheit“ als Bedingung für die volle Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit. Er meinte damit allerdings nicht völlige Tatenlosigkeit. Zur Finanzierung von mehr Freizeit für alle schlug er vor, unproduktive Mitglieder der Gesellschaft wieder der Arbeit zuzuführen. Bertrand Russel plädierte in „Lob des Müßiggangs“ (1957) explizit für ein Grundeinkommen. Der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm schrieb vor 40 Jahren: „Das garantierte Einkommen würde nicht nur aus dem Schlagwort ‚Freiheit’ eine Realität machen, es würde auch ein tief in der religiösen und humanistischen Tradition des Westens verwurzeltes Prinzip bestätigen, dass der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben.“</p>
<p><strong>Grundeinkommen oder &#8220;Mindestsicherung&#8221;?</strong></p>
<p>Seit die Massenarbeitslosigkeit als strukturelles Phänomen stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen ist, wird in verschiedenen Staaten der Welt ein Grundeinkommen diskutiert. In Brasilien gibt es das BGE sogar schon als Grundrecht, allerdings meist nur auf dem Papier. In dem kleinen brasilianischen Dorf Quatinga Velho wurde ein Projekt gestartet, das die Wirksamkeit eines Bedingungslosen Grundeinkommens in der Praxis erproben sollte. Bruna und Marcus, zwei junge Aktivisten hatten das Projekt 2009 praktisch im Alleingang gestartet, finanziert aus Spenden. Die etwa 100 Einwohner der Gemeinde bekamen für unbegrenzte Zeit monatlich 30 Real (ca. 12 Euro) pro Person. Die Ergebnisse sind überaus ermutigend: Die Menschen ruhen sich nicht in der „sozialen Hängematte“ aus, sondern nehmen ihr Leben aktiv in die eigene Hand.</p>
<p>Die in Österreich seit gut einem Jahr geltende „Mindestsicherung“ ist dagegen eine Mogelpackung, im besten Fall ein „bedingtes Grundeinkommen“ auf niedrigem Niveau. Sie beträgt derzeit 760 Euro pro Monat, die Armutsgefährdungsschwelle liegt jedoch bei 950 Euro. Kindern werden nur 134 Euro zugestanden, womit Kinderarmut programmiert ist. Bedürftigkeit muss weiterhin nachgewiesen werden, wobei die Schnüffelbürokratie sich durch neue Bestimmungen eher ausgeweitet hat. Das Dogma der „Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“ führt dazu, dass Armutsbetroffene von der AMS zu ineffektiven Fortbildungen gezwungen werden, die viele als demütigend empfinden. Bedingungslos ist daran nur der Gehorsam, der von Leistungsempfängern gefordert wird, wollen sie nicht riskieren, dass ihnen das Recht auf Leben per Bescheid entzogen wird.</p>
<p>Über die Höhe des bedingungslosen Grundeinkommens gibt es verschiedene Ansichten. Manchmal wird nur ein Betrag in Höhe der Mindestsicherung bzw. des Hartz-IV-Satz (364 Euro + Wohnungskosten) gefordert, manchmal auch bis zu 1500 Euro. Ersteres würde, weil knapp berechnet, den Arbeitszwang nicht völlig beseitigen; letzteres würde wohl die Motivation, zu arbeiten tatsächlich, wie Kritiker befürchten, schwächen. Der Betrag müsste also in der Gesellschaft ausgehandelt werden und würde wohl zwischen den Extremen liegen. Hätte man den Mut, die Idee zu realisieren, würde sie eine ganze Kette positiver Folgen nach sich ziehen.</p>
<p><strong>Eine Fülle von Vorteilen</strong></p>
<p>* Leistungsempfänger und Sachbearbeiter in Behörden sparen sich Kräfte, die sie bisher im aufreibenden Kampf gegeneinander verschleißen. Gleichzeitig spart der Staat in erheblichem Maße Verwaltungskosten.</p>
<p>* Wer dazuverdient, wird nicht mehr wie vorher mit Abzügen bei den Transferleistungen bestraft. Das BGE hätte eine ähnliche Funktion wie ein Steuer-Freibetrag. Die Menschen würden ermutigt, sich einen höheren Lebensstandard, zusätzlich zum Grundeinkommen, zu erarbeiten.</p>
<p>* Arbeitslosigkeit hat heute immer weniger mit persönlichem Versagen zu tun, während gleichzeitig Druck und Demütigungen für die Betroffenen zunehmen. Das Paradox, dass es in Zeiten zunehmender Automatisierung zwar Arbeitslose geben muss, diese aber als Faulenzer diskriminiert werden, wird durch das Grundeinkommen aufgehoben.</p>
<p>* Auch Kinder bekommen ein Grundeinkommen. Unterhaltsstreitigkeiten sind somit meist gegenstandslos. Kinder sozial schwacher Eltern werden nicht mehr automatisch „mit bestraft“.</p>
<p>* Der freie Zugang zum Studium ist garantiert, auch für Kinder ärmerer Eltern. Es findet weniger soziale Auslese auf dem Bildungssektor statt.</p>
<p>* Das Rentenproblem ist wenigstens insoweit gelöst, als eine Mindestrente (das Grundeinkommen) nie unterschritten wird. Altersarmut wird abgefedert.</p>
<p>* Arbeitnehmer sind durch Arbeitgeber nicht mehr so leicht erpressbar. Niemand arbeitet mehr für Dumpinglöhne. Arbeitgeber sind angehalten, attraktive Jobs zu schaffen oder unattraktive besser zu bezahlen.</p>
<p>* Jeder wird durch die Grundsicherung ermutigt, seiner eigenen Berufung zu folgen. Wer die Arbeit macht, die ihm Freude bereitet, wird sie in der Regel auch gut machen.</p>
<p>* Bisher unbezahlte, gesellschaftlich wertvolle Arbeit wird endlich gewürdigt. Den Betroffenen wird ein Auskommen garantiert, Hausfrauen und Mütter wären z.B. nicht mehr von ihren allein verdienenden Männern abhängig. Nachbarschaftshilfe, Pflege älterer Menschen, politisches Engagement, Ehrenamt und gemeinnützige Arbeit scheitern nicht mehr am Zwang, anderswo seine Brötchen verdienen zu müssen.</p>
<p><strong>Würdigen, was wertvoll ist</strong></p>
<p>Noch ein Wort zur so genannten „Schattenarbeit“, also unbezahlter, scheinbar selbstverständlicher Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird: Götz Werner rechnet aus, „dass in Deutschland im Jahr rund 56 Milliarden bezahlte Arbeitsstunden geleistet werden – zeitgleich jedoch 96 Milliarden unbezahlte Arbeitsstunden.“ Der dm-Gründer schlussfolgert: „Fragen wie ‚Arbeitest du oder bist du nur zu Hause bei den Kindern?’ haben in diesem Jahrhundert keinen Platz mehr.“ Das Bedingungslose Grundeinkommen ist somit auch eine Antwort auf die Wertediskussion. Wie viel ist uns als Gesellschaft die Arbeit von Müttern und Vätern wert, wie viel freiwillige Altenpflege zuhause oder Kunst, die sich nicht nach den Marktgesetzen richten will? Im bisherigen System ist die Antwort klar. Diese Leistungen sind (fast) nichts wert; erwiesenermaßen gesellschaftsschädliche Arbeit wie die von Spekulanten wird dagegen königlich honoriert.</p>
<p>Kritiker des Grundeinkommens sind keineswegs nur bei den „Marktradikalen“ zu finden; auch Linke und Gewerkschafter zeigen sich skeptisch. Götz Werner erklärt das Phänomen des teilweise heftigen Widerstands gegen sein Konzept so: Jeder Bürger betrachtet sich selbst zwar als idealen Bezieher des Grundeinkommens, unterstellt aber seinem Nachbarn, dieser würde sich mit dem unverdienten Geldsegen auf die faule Haut legen. In der Tat sind viele so sehr damit beschäftigt, ihrem „faulen“ Mitmenschen seine Existenzsicherung zu missgönnen, dass sie gar nicht darüber nachdenken, welche Vorteile ein BGE für sie selbst hätte. Es scheint, als ob die Not des Nachbarn ihnen mehr Befriedigung bereiten würde als das eigene Glück.</p>
<p><strong>Mythos &#8220;Sozialschmarotzer&#8221;</strong></p>
<p>Man muss auch in einer relativ reichen Gesellschaft vernünftig wirtschaften. Herumgeisternde Reste einer sozialdarwinistischen Ideologie und die Vorstellung, dass ehrliche Leute für ihr Brot anständig arbeiten sollten, sind jedoch in unserer Überflussgesellschaft anachronistisch. Die übertriebene Verklärung der Arbeit wurzelt noch in der Selbstversorger-Mentalität einer Agrargesellschaft. Damals musste das tägliche Brot einem kargen Boden in Schweiß treibender Plackerei abgerungen werden. Wie wenn der Kampf ums Dasein gar nicht mehr nötig wäre, weil er kollektiv längst gewonnen ist? Unsere Wirtschaft produziert heute weit mehr Waren des täglichen Gebrauchs als wir überhaupt konsumieren können.</p>
<p>Hier wäre gerechte Verteilung nötig, und die ist auch eine Frage des politischen Willens. Politiker appellieren nach wie lieber an die „Selbstverantwortung“ vieler armer Schlucker als an die gesellschaftliche Verantwortung der wenigen, die den Löwenanteil der Arbeitserträge an sich raffen. Klaus Sambor vom Wiener &#8220;Runden Tisch BGE&#8221; schreibt: „Dass die schrankenlos explodierenden Kapitaleinkommen mit Schulterzucken hingenommen werden, während Menschen ohne ‚Erwerbsarbeit’ wegen ein paar hundert Euro zu ‚Sozialschmarotzern’ erklärt werden, denen sozialer Ausschluss droht, ist (…) paradox.“ Auch der Einkommensbegriff, auf dem das alte System beruht, ist überholt. Dieses wird nur als verdientes Einkommen für geleistete Arbeit (in der Vergangenheit) interpretiert, nicht als ermöglichendes Einkommen (für die Zukunft). Letzteres ist ja die Voraussetzung für den Erhalt der Arbeitskraft sowie für den Konsum, der wieder die Wirtschaft ankurbelt.</p>
<p><strong>Argumente gegen das Bedingungslose Grundeinkommen</strong><br />
(und Antworten darauf)</p>
<p><strong>Ist ein Grundeinkommen überhaupt finanzierbar?</strong><br />
Vielfach wird bezweifelt, dass sich ein Staat, der schon unter den heute unvermeidlichen Ausgaben stöhnt, ein Grundeinkommen leisten könnte. Hierzu gibt es aber bereits Berechnungen. Wichtig ist: Für das BGE muss nicht neues Geld erschaffen werden, das nicht da ist. Viele bisherige Sozialleistungen, etwa Arbeitslosenunterstützung, Renten, Studienzuschüsse, entfallen – es sei denn, der Bedarf übersteigt die Höhe des Grundeinkommens (z.B. bei Pflegebedürftigen). Götz Werner rechnet vor, dass ein Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro den deutschen Staat 83 Milliarden Euro kosten würde (für 83 Millionen Menschen). Die Sozialausgaben betrugen (Stand 2009) jedoch schon 750 Milliarden Euro. „Das Grundeinkommen ist quasi schon finanziert!“ Entfallen würden ja auch immense Kosten für den bürokratischen Aufwand, den eine „Bedürftigkeitsprüfung“ verursacht. Außerdem ist die Verfügbarkeit von Geld immer eine Verteilungsfrage. Ich bestreite, dass das Geld für ein BGE nicht vorhanden wäre. Ein Politiker, der das sagt, meint eigentlich: „Es wird von einem mächtigen Personenkreis zurückgehalten, an dessen Privilegien ich nicht zu rühren wage.“</p>
<p><strong>Warum müssen auch &#8220;Reiche&#8221; ein Grundeinkommen bekommen?</strong><br />
Erstens erspart man sich den bürokratischen Aufwand, der entstünde, wenn jeder Bundesbürger nachweisen müsste, dass es „arm genug“ ist. Zweitens gibt es andere Möglichkeiten, Personen mit zu viel Geld zu belasten: durch eine erhöhte Mehrwertsteuer auf Luxusgüter, Steuern auf Spekulationsgewinne, Vermögenssteuer usw.</p>
<p><strong>Würde bei einem Grundeinkommen überhaupt noch jemand arbeiten?</strong><br />
Einen gewissen Prozentsatz von „faulen“, antriebsschwachen Menschen wird es immer geben. Teilweise handelt es sich um pathologische Fälle, die jedoch geheilt, nicht bestraft werden müssten. Es mag auch Fälle von „Schmarotzermentalität“ geben. Allerdings können wir diesen Personen weder das Recht auf Leben absprechen, noch wäre ein Arbeitszwang wirklich sinnvoll. Mit großem bürokratischem Aufwand könnten dadurch nur sehr mäßige Leistungen erpresst werden. Wie beim Thema Terrorprävention meine ich: Man darf nicht ein ganzes Volk tyrannisieren, nur um das Fehlverhalten Einzelner völlig auszuschließen.</p>
<p><strong>Was ist mit Arbeiten, die niemand gern tut? </strong><br />
Würden sich in einem „Volk der Künstler und Faulenzer“ die Müllberge auf den Straßen anhäufen und zum Himmel stinken? Der Film „Grundeinkommen“ von Enno Schmidt und Daniel Häni nennt drei Möglichkeiten für den Fall, dass keiner bestimmte, notwendige Arbeiten verrichten will: von 1. Man bezahlt sie besser. 2. Wir machen diese Arbeit selbst (so wie es z.B. in Hausgemeinschaften einen Treppenputzdienst gibt). 3. Wir automatisieren die Arbeit. Als vierte Lösung könnte man hinzufügen: Die Arbeit bleibt tatsächlich ungetan. Was wäre z.B., wenn keiner mehr Waffen produzieren will? Das BGE würde eher ethisch fragwürdige Firmen in Existenznot stürzen, nicht integere Projekte.</p>
<p><strong>Sollten wir nicht lieber Vollbeschäftigung anstreben, weil Arbeit auch persönliche Erfüllung bedeutet?</strong><br />
Im alten Wirtschaftssystem müssen wir arbeiten, um zu leben. Arbeit gilt als einzige Legitimation, zu existieren, und darauf beruht ihr Erpressungspotenzial. Selbst ein Hersteller von Landminen könnte Kritik an seinem Beruf mit dem Hinweis auf von ihm geschaffene Arbeitsplätze abwehren. Bei steigender Produktivität werden sinnvolle und nützliche Arbeiten von immer weniger Menschen in immer weniger Stunden ausgeführt. Wenn wir dennoch am Dogma der Vollbeschäftigung festhalten, bedeutet das, dass wir zunehmend schädliche und unnütze Arbeit kreieren müssen, damit alle (egal was) arbeiten können. Genau so sieht unsere Welt heute aus. Das gesellschaftliche Ziel muss also lauten: Weniger Arbeit wagen! Wenn wir bedürfnisorientiert wirtschaften wollen, muss auch die künstliche Erzeugung von (ursprünglich gar nicht vorhandenen) Bedürfnissen zur Profitmaximierung eingedämmt werden. Dieser Weg muss jedoch sozial abgefedert werden: durch ein BGE. Ziel einer neuen Ordnung wäre nicht mehr Vollbeschäftigung, sondern die Vollversorgung aller Bürger mit allen wirklich wichtigen Gütern und Dienstleistungen sowie die optimale Balance aus Freizeit und erfüllender Arbeit.</p>
<p><strong>Ist die Idee eines Grundeinkommens nicht eine Utopie?</strong><br />
Hinter diesem Argument steht eine verbreitete resignative Haltung, die Annahme, „die Mächtigen“ würden Maßnahmen zugunsten der sozial Schwachen ohnehin nicht zulassen. Durch die Passivität vieler Bürger werden solche Befürchtungen oft zu selbst erfüllenden Prophezeiungen. Jede soziale Verbesserung in der Geschichte hat einmal als „undurchführbare“ Utopie begonnen. Das öffentliche Interesse am BGE ist in den letzten Jahren rapide gewachsen. Wenn ein „kritische Masse“ interessierter Bürger erreicht ist, könnte der Durchbruch schnell kommen.</p>
<p><strong>Kleines Fazit</strong></p>
<p>„Gute Ideen“, sagte Albert Einstein, „erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint“. Also wagen wir, das Undenkbare zu denken; dann wagen wir, es auch zu wollen; und schließlich wagen wir, zu handeln!</p>
<p><strong>Literatur:</strong><br />
Götz Werner: Einkommen für alle, Verlag Kiepenhauer &amp; Witsch<br />
Yannick Vanderborght: Ein Grundeinkommen für alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags, Campus Verlag<br />
Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie, Goldmann Verlag<br />
DVD: Enno Schmidt, Daniel Häni: Grundeinkommen. Hier kostenloser Download möglich:</p>
<p>http://www.forum-grundeinkommen.de/filme-bge/grundeinkommen-filmessay-daniel-haeni-enno-schmidt</p>
<p>Erstveröffentlichung dieses Artikels in der lesenswerten österreichischen Zeitschrift &#8220;Wege&#8221;: <a href="http://www.wege.at">www.wege.at</a></p>
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		<title>Polanski – Opfer, Büßer und Genie</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 07:32:00 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Roman Polanski hat einen neuen Film gedreht – und wieder geht es um die Aufarbeitung von Schuld. In „Gott des Gemetzels“ streiten sich zwei Elternpaare um Gewalt auf dem Schulhof. Das scheint harmlos, verglichen mit den Problemen, die die Protagonisten in „Rosemary’s Baby“, „Tess“ oder „Der Tod und das Mädchen“ haben. Aber es ist charakteristisch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7397" class="wp-caption alignleft" style="width: 207px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Polanski.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Polanski-197x300.jpg" alt="" title="Polanski" width="197" height="300" class="size-medium wp-image-7397" /></a><p class="wp-caption-text">Roman Polanski</p></div>Roman Polanski hat einen neuen Film gedreht – und wieder geht es um die Aufarbeitung von Schuld. In „Gott des Gemetzels“ streiten sich zwei Elternpaare um Gewalt auf dem Schulhof. Das scheint harmlos, verglichen mit den Problemen, die die Protagonisten in „Rosemary’s Baby“, „Tess“ oder „Der Tod und das Mädchen“ haben. Aber es ist charakteristisch für einen Regisseur, der sich hartnäckig an Themen wie Verbrechen, Buße und Vergebung abarbeitet. Wer ist dieser Besessene auf dem Regiestuhl? Leistet er filmisch Abbitte für eine Vergewaltigung, die 34 Jahre zurück liegt? Oder war sein Werk stets überschattet von seiner Kindheit als Jude im von Nazis besetzten Polen? Eine Spurensuche in die Seelenlandschaft eines der faszinierendsten Künstler unserer Zeit. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-7396"></span></p>
<p>„Ich glaube an den Gott des Gemetzels“ sagt Christoph Waltz mit dem ihm eigenen aasigen Grinsen. Der Gott des Gemetzels sei älter und machvoller als der Gott des Gesetzes, den wir vordergründig verehren. Gemeint ist: einen Ordnung schaffenden, gerechter, gar „lieber Gott“ mussten sich die Mensche erst über viele Generationen erarbeiten. Der andere, der dunkle, grausame Gott kann jederzeit durch die dünne Schicht der Zivilisation brechen. Damit ist das Thema von Roman Polanskis neuem Film vorgegeben – und in gewisser Weise das Thema seines ganzen Lebenswerks. In „Gott des Gemetzels“ nach dem erfolgreichen Bühnenstück von Yasmina Reza lassen Christoph Waltz, die Premium-Schauspielerinnen Kate Winslet und Jodie Foster sowie der famose John C. Reilly nach und nach alle Masken fallen. Das ist ebenso grotesk-komisch wie zutiefst erschreckend. Auch diese Mischung ist typisch für den Regisseur.</p>
<p>Es beginnt mit einer höflichen Aussprach zwischen zwei Ehepaaren. Der Sohn des einen Paares hat dem Sohn des anderen auf dem Schulhof zwei Zähne ausgeschlagen. Eine hässliche Geschichte, aber eigentlich keine große Affäre. Zwischen vier vernünftigen Menschen lässt sich das Problem sicher leicht aus der Welt schaffen. Die überlegene Attitüde der Erwachsenen erweist sich aber schnell als anmaßend. Am Ende benehmen sich die beiden Paare schlimmer als Schulhofrabauken: Es wird gegiftet, gebrüllt und geprügelt, ein Handy versinkt in der Tulpenvase. Auch zwischen den Ehepaaren tun sich Abgründe auf: Man verabscheut schon lange und wollte es sich nur nicht eingestehen. „Gott des Gemetzels“ ist ein Film über die Manifestation des Schattens hinter der korrekten Fassade bürgerlicher Ehen. Prügelnde Kinder sind nicht schlimmer als ihre heuchlerischen Eltern – höchstens ehrlicher.</p>
<p>I<strong>st Gott tot?</strong></p>
<p>Das Gottesbild im aktuellen Film erinnert fatal an eine Äußerung von Roman Castevet, dem greisen Teufelsanbeter in Polanskis Klassiker „Rosemary’s Baby“. „Gott ist tot“ sagt Castevet, als Rosemary unfreiwillig den Sohn des Satans geboren hatte. Und auch Dr. Miranda, der Folterarzt aus Polanskis Psycho-Kammerspiel „Der Tod und das Mädchen“ zitiert nur zu gern Nietzsche. Ist es wahr: Gibt es keine guten Gott (mehr), und ist der Antichrist dabei, sich zum eigentlichen Regenten der Welt aufzuschwingen? Und wenn dem so wäre, gibt es dann trotzdem in dieser Schattenwelt Anlass zur Hoffnung? </p>
<p>Wie der Meisterregisseur zu seiner pessimistischen Weltsicht kam, ist heute kein Geheimnis mehr. Als sein Holocaust-Drama „Der Pianist“ 2002 herauskam, sagte Polanski, er hätte ebenso gut seine eigene Lebensgeschichte verfilmen können. Dies hätte er nur psychisch nicht verkraften können. Deshalb verfilmte er die Autobiografie des polnischen Juden und Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman – und gewann seinen längst verdienten Oscar. Ist es legitim, die Biografie eines Künstlers heranzuziehen, um sein Werk zu deuten? Polanski selbst gab 1986 zu Protokoll: „Es ist keine Frage, dass jeder Film eine Art Psychoanalyse ist und irgendwie die Seele des Regisseurs reflektiert.“</p>
<p><strong>Jugend im Schatten Nazideutschlands</strong></p>
<p>Roman Polanski wurde 1933 in Paris geboren. Seine jüdischen Eltern, seine Schwester und er wurden von den Nazi-Besatzern ins Krakauer Ghetto umgesiedelt. Dort musste Roman einmal mit ansehen, wie eine alte Frau, die nicht mehr laufen konnte, von einem deutschen Offizier erschossen wurde. Daraufhin wurde der Junge zum Bettnässer. Seine Mutter kam später in Auschwitz ums Leben, Vater und Schwester überlebten das Konzentrationslager. Der kleine Roman wurde von seinen Eltern im letzten Moment bei einer katholischen Familie im Dorf Wysoka untergebracht. Dort verbrachte er die Jahre zwischen seinem 9. und 13. Lebensjahr – jederzeit in Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Misstrauen, Einsamkeit, klaustrophobische Enge, ein tiefer Widerwille gegenüber den unverständlichen Bestimmungen der Staatsmacht – diese Elemente zeigen sich später in vielen seiner Filme. </p>
<p>Während seiner Jahre in Wysoka hatte sich Roman, dessen Eltern keine frommen Juden waren, mit dem katholischen Glauben seiner Ziehfamilie angefreundet. Das ging so weit, dass er sich selbst nicht mehr als Juden betrachtete. Nach dem Krieg wurde ihm aber schnell deutlich gemacht, dass er nicht dazugehörte. Ein katholischer Priester schloss ihn wegen seiner jüdischen Herkunft vom Religionsunterricht aus – für Polanski eine tiefe Verletzung. Später kamen religiöse Gemeinschaften in seinen Werken immer schlecht weg. Sie wurden z.B. in der Darstellung von Satanskulten parodiert. „Ich denke, dass die Religionen generell viel Unheil über die Menschen gebracht haben“, schrieb er 1986. Acht Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft war Roman Polanski wieder ein Verfolgter. Als der Einberufungsbescheid zum Militärdienst eintraf, tauchte er vorübergehend unter. Die demütigenden Rituale des Militärs erinnerten ihn wohl nicht zu Unrecht an den am eigenen Leib erfahrenen Faschismus.</p>
<p><strong>Ekel, Grauen und Groteske</strong></p>
<p>Inzwischen hatte Polanski jedoch seine Leidenschaft für den Film entdeckt. So sammelte er Schnipsel, die ein Filmvorführer aus defekten Filmkopien herausgeschnitten hatte. Er arbeitete als Schauspieler, u.a. in Andrzej Wajdas Film „Pokolenie“ (1955). Bald drehte er eigene Kurzfilme und sein Langfilmdebut „Das Messer im Wasser“ (1962). Mit „Ekel“ (Hauptrolle: Cathérine Deneuve) machte der Jungregisseur 1965 einen gewaltigen Schritt nach vorn. Es war sein Einstieg in das internationale Filmgeschäft. Der Film gehört bis heute zu seinen visuell interessantesten, ein Meisterwerk, das den Filmen Hitchcocks in nichts nachsteht. „Ekel“ porträtiert nicht so sehr die äußere Realität, als vielmehr die innere Welt einer jungen, traumatisierten Frau, die nach und nach in die Psychose abdriftet. Ihre verdrängten sexuellen Wünsche führen dazu, dass sie eine Vergewaltigung imaginiert und mehrere Männer umbringt, die sich ihr nähern wollen. Das Thema Gewalt gegen Frauen war bei Polanski also schon präsent, bevor es in seinen eigenen Leben eine Rolle spielen sollte. </p>
<p>Polanskis erster großer Filmerfolg war dann „Tanz der Vampire“. Auch hier geht es eigentlich um eine Vergewaltigung – symbolisch dargestellt in der Entführung der jungen Sarah durch den Vampir Graf Krolock. Es zeigt sich das Motiv des perversen Zugriffs männlicher Dominanz auf ein weibliches Opfer – Polanskis eigener Schatten, wie man später sehen wird. Der Regisseur, der in dem Film selbst die Hauptrolle des Alfred spielt, karikiert hier außerdem das Milieu des Ostjudentums, verkörpert in dem Wirt „Shagall“ (eine Anspielung auf die Bilderwelt Marc Chagalls). Interessant ist die Gruselgroteske aber vor allem als Allegorie auf den Faschismus, mit dem sich Polanski damals noch nicht direkt auseinandersetzen wollte. Eine diffuse Atmosphäre der Bedrohung herrscht im Dorf, die an die Situation in Polanskis Jugend erinnert. Krolock spricht im englischen Original ein „deutsch“ rollende „R“. Dessen homosexueller Sohn Herbert ist „arisch“ blond, und einer Stelle deutet Krolock mit der Geste eines angedeuteten Hitlergrußes in die Landschaft hinaus.</p>
<p>Am deutlichsten ist die Allegorie auf den Faschismus aber in Gestalt von Graf Krolocks Weltherrschaftsanspruch. Wie ein Virus breitet sich Vampirismus durch Ansteckung in der ganzen Welt aus. Man weiß nie, wer noch vertrauenswürdig, wer schon infiziert ist – ein Bild für den radikalen Vertrauensverlust in einer aus den Fugen geratenen Welt. Das Böse kommt nicht (nur) von außen, sondern scheint in allen Menschen latent zu sein. Juden im Dritten Reich könnten sich gefühlt haben wie Nichtvampire unter Vampiren – jederzeit in Gefahr, entdeckt zu werden. In „Tanz der Vampire“ wird die Enttarnung der Verfolgten symbolisch gezeigt, indem sie (im Gegensatz zu den Vampiren) ein Spiegelbild erzeugen. Der Seelenverlust der Kräfte des Bösen findet im Fehlen eines Spiegelbilds seinen trefflichen Ausdruck.<br />
<strong><br />
Eine Jungfrauengeburt und ein neues Trauma</strong></p>
<p>Die Macht des Bösen triumphiert dann 1968 wieder in „Rosemary’s Baby“, zweifellos einem der besten Horrorthriller, die je gedreht wurden. Das Strukturprinzip des Thrillers ist die Steigerung, die unaufhaltsam auf eine Eskalation zutreibt. Der Verlauf einer Schwangerschaft ist deshalb der ideale Thrillerstoff, denn auch in dieser wächst naturgemäß die Spannung. Polanski erzählt in „Rosemary’s Baby“ die ins Negative verkehrte Geschichte der Geburt Christi. Die junge Heldin ist ein unschuldiges „Gefäß“ für den kommenden Weltenherrscher. Statt des „Heiligen Geistes“ tritt Satan als Erzeuger auf. Sein Bild vermischt sich in einer Traumsequenz mit dem von Rosemarys Mann Guy, der seine Seele längst dem Bösen verschrieben hat. Alles Vertraute verkehrt sich in dem Film ins Bedrohliche und Grauenhafte: auch die freundlichen, etwas aufdringlichen Nachbarn (der Catevets) oder der betuliche Schulmediziner (Dr. Saphirstein). Und wieder wird in einem Polanski-Film eine Frau missbraucht. Die Paranoia ist, wie zuvor in „Ekel“ und später in „Der Mieter“, allgegenwärtig. Im Gegenssatz zu den beiden anderen Film ist die Bedrohung in „Rosemary“ jedoch real: Der Satansbraten wird geboren, die Jüngergemeinde ruft „Heil Satan!“, und Rosemary fügt sich wohl oder übel in ihre Rolle: „Sie ist sein Mutter“. </p>
<p>Eineinhalb Jahre nach der Aufführung dieses Films erlebte Roman Polanski erneut ein schweres Trauma: Seine Frau Sharon Tate, Hauptdarstellerin in „Tanz der Vampire“, wurde von Anhängern des schizophrenen Hippies Charles Manson ermordet. Polanski war abwesend, machte sich jedoch schwere Vorwürfe, zumal die Presse eine „geheime Verbindung“ zwischen dem Mordfall und Polanskis Werk herbei fantasierte. In der Tat ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass insbesondere „Rosemary“ und „Vampire“ den Mörder bei der Auswahl seines Opfers beeinflusst haben könnten. Manson fantasierte damals öffentlich über den Endsieg einer weißen Herrenrasse. Polanski litt entsetzlich, zumal ihm der Tod seiner Frau wie eine Wiederholung der Ermordung seiner Mutter durch die Nazis vorgekommen sein musste.</p>
<p><strong>Vom Opfer zum Täter</strong></p>
<p>Das Weltbild seiner Filme hellte sich infolgedessen nicht gerade auf, wie auch der Filmhit „Chinatown“ mit Jack Nicholson zeigten. Das Thema war wieder eine Vergewaltigung, diesmal der Missbrauch einer Tochter durch ihren Vater. Der Regisseur inszenierte ihn im Kontext eines lichtlosen gesellschaftlichen Universums, in dem die Niedrigkeit triumphiert und der wohlmeinende Detektiv machtlos gegen Windmühlen rennt. Privat war die Phase der Trauer um Sharon Tate für Polanski mit dem verzweifelten Versuch verbunden, sich zu zerstreuen. Er feierte in dieser Zeit wilde Partys, hatte viele Frauen, vor allem junge. Der psychoanalytisch orientierte Polanski-Biograf Andreas Jacke schreibt: „Seine Fixierung auf sehr junge Mädchen hängt vermutlich mit der Angst davor zusammen, wieder eine feste Bindung zu einer erwachsenen Person einzugehen.“ </p>
<p>1977 gipfelte diese „Phase“ in einem Geschlechtsverkehr mit dem nur 13 Jahre alten Fotomodell Samantha Geimer. Polanski gab damals an, der unter Drogeneinfluss vollzogene Sex sei einvernehmlich gewesen. Außerdem habe das Mädchen älter ausgesehen. „Nichts im Leben hatte mich auf den Gedanken vorbereitet, man könnte in mir einen Verbrecher sehen.“ Genau das taten Justiz und Presse jedoch. Auch geschürt durch Polanskis mangelnde Einsicht, wurde der Starregisseur für lange Zeit zum öffentlichen Buhmann. Nach 42-tägiger Untersuchungshaft flüchtete Polanski aus den USA. Obwohl er schuldig war, stellte der Status des Flüchlings, die anhaltende Angst vor dem Gefängnis, doch eine Retraumatisierung dar, die an sein Jugendschicksal anknüpft. Noch in „Der Ghostwriter“ (2010) zeigte Polanski einen englischen Expolitiker (Pierce Brosnan), der fürchten muss, in fast jedem Land der Erde verhaftet zu werden.</p>
<p><strong>Die Suche nach Vergebung</strong></p>
<p>Polanskis Flucht war, im Nachhinein betrachtet, ein zweifelhaftes, aber faszinierendes Experiment. Zu Recht misstraute er wohl dem staatlichen „Strafanspruch“, der Fähigkeit des Justizapparats, tatsächlich Gerechtigkeit herzustellen. Polanski fühlte sich sehr wohl schuldig, wie mehrere seiner weiteren Werke zeigten. Er verurteilte sich jedoch zu „Bewährung“ und inszenierte seine Filme wie eine künstlerische „Buße“. Gerade in „Tess“ und „Der Tod und das Mädchen“ zeigt er mit beispielhaftem Mitgefühl die traumatisierenden Folgen der Gewalt von Männern an Frauen. Mit „Der Pianist“ schien der Regisseur dann die Vergebung der Weltöffentlichkeit erlangt zu haben – und seine eigene. Denn das erschütternde Drama über die Flucht eines Musikers im Warschauer Ghetto lenkte das Mitgefühl – nach vielen Filmen über Frauen als Opfer – endlich auch auf den Regisseur selbst.</p>
<p>Holocaust-Überlebende erfahren in offiziellen Verlautbarungen normalerweise viel Zuspruch. Ihr Leiden ist allgemein als sehr schwerwiegend anerkannt. Ebenso wie das Schicksal von Menschen, die einen Ehepartner durch Mord verloren haben. Was aber, wenn einer der Überlebenden nicht auf „korrekte“ Weise traumatisiert ist? Wenn sich das erlittene Böse nicht (nur) in Depression, sondern in überschiessender Lebensgier ausdrückt – oder in einem Gewaltakt, der den Schmerz für kurze Zeit betäubt, indem er ihn an einen unschuldigen Dritten weitergibt? Polanskis Verhalten gegenüber Geimer scheint nicht vollständig entschuldbar. Trotzdem zeigt der Fall, wie schwierig das Urteil über einen Menschen ist, dessen Leben wir nicht gelebt haben. Samantha Geimer, das Opfer, zeigte jedenfalls Größe. Sie sagte schlicht: «Menschen machen Fehler».</p>
<p><strong>„Tess“ – ein Film als Buße</strong></p>
<p>Auch künstlerisch hatten die seelischen Erschütterungen rund um Polanskis Verhaftung jFolgen. Er verzichtete fortan auf surrealistische Elemente in seinem Werk, insbesondere auf die Darstellung psychotischer Charaktere. Dergleichen belastete ihn wohl jetzt zu sehr. In „Tess“, dem ebenso romantischen wie schonungslosen Romanklassiker von Thomas Hardy, fand er den idealen Stoff, um seine eigenen Dämonen zu zähmen. Seine ermordete Frau hatte ihn das Buch ans Herz gelegt – Sharon Tate, die übrigens im Alter von 17 Jahren vergewaltigt worden war und die Hauptrolle in dem Film gern selbst gespielt hätte. In „Tess“ wird die junge, unschuldige Protagonistin von einem älteren Verwandten missbraucht. Die Vergewaltigungsszene ist in Buch und Film in einen Nebel getaucht – ähnlich wie Polanskis Verkehr mit Samantha Geimer. „Tess“ (1979) zeigt das Urböse, das auch dem Faschismus zugrunde liegt: das Verbrechen gegen den freien Willen des Individuums. Und er zeigt die traumatischen Folgen der Tat, von der die junge Frau bis zu ihrem Ende verfolgt wird: ausgestoßen, verängstigt, voll Sehnsucht nach der verlorenen Reinheit, nach Liebe. Tess wird zuletzt selbst zur Mörderin, indem sie ihren Peiniger tötet. Als indirekte Folge der Vergewaltigung verliert sie nun den letzten Rest ihrer Unschuld. Vielleicht fühlte sich das Nazi-Opfer Polanski ähnlich: unschuldig-schuldig. </p>
<p>Später gab der Regisseur zu Protokoll, dass „Tess“ der erste Film sei, der seine tiefsten Gefühle ausdrücken würde. Ein anderes Thema des Films scheint ihn bis in die Gegenwart zu verfolgen. Wie bekannt ist, wurde Polanski 2009 von Schweizer Behörden verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Für den Künstler, der sich weltlicher Justiz entzogen und eine eigene „innere Gerichtsverhandlung“ inszeniert hatte, bedeutete das Ereignis, dass er von seinem Schatten eingeholt wurde. Aber wer gab den Behörden, also Fremden, das Recht, einen Fall wieder aufzurollen, mit dem Täter wie Opfer ihren Frieden geschlossen hatten? So gesehen gleichen die staatlichen Racheengel einer Figur aus „Tess“ mit dem verräterischen Namen Angel Claire – einem Mann, der sich weigert, seinen eigenen Schatten zu erkennen und deshalb auf der „befleckten Ehre“ seiner Braut Tess unbarmherzig herumhackt. Die Unfähigkeit der „Guten“ zu vergeben, zeigt Polanskis Meisterwerk, besitzt die Macht, einen Menschen zu zerstören. </p>
<p><strong>Und wieder Sex und Gewalt</strong></p>
<p>In seinen wichtigsten Filmen der folgenden Schaffensperiode bleibt das Thema Sex im Zusammenhang mit Gewalt und Demütigung präsent. „Bitter Moon“ (1992) zeigt die umfassbare psychische Grausamkeit eines Mannes und einer Frau, die einander zugleich in sexueller Abhängigkeit verbunden sind. Emmanuelle Seigner, die Polanski kurz zuvor geheiratet hatte, spielt die Hauptrolle, Peter Coyote ihren Mann, der – später in den Rollstuhl gefesselt – von ihr bis aufs Blut gequält wird. Das von dunkler Begierde beherrschte Paar wirkt zugleich wie der Schatten eines zweiten Paares (Hugh Grant und Kristen Scott Thomas), das in zivilisierter, jedoch matter Liebesfreundschaft miteinander verbunden ist.</p>
<p>Mit „Der Tod und das Mädchen“ (1994) thematisiert Polanski den Ursprung seines Traumas, den Faschismus, dann erstmals explizit. Paulina (Sigourney Weaver) glaubt in einem Besucher ihres Gatten (Ben Kingsley) den Mann wieder zu erkennen, der sie vor Jahren auf Befehl einer südamerikanischen Diktatur folterte und missbrauchte. Die Frage ist nun, ob Rache eine Lösung darstellt, ob die Folgen des Traumas ausgelöscht werden können, indem sich das Opfer dem moralischen Niveau des Täters nach unten angleicht. Im Gegensatz zu Tess entscheidet sich Paulina gegen die Rache: „Durch ihre Aggressivität versucht sie zwar zunächst, das Trauma abzureagieren, indem sie die Rollen verkehrt, aber dieser Weg führt sie nicht weiter, da er das Geschehene nicht zurücknehmen kann und dessen negativen Einfluss nur verstärkt“ (Andreas Jacke). Wie in „Chinatown“ kommt es also zu keiner „befriedigenden“ Auflösung – etwa einer Bestrafung durch eine vermeintliche omnipotente Justiz. Nichts kann das Geschehene ungeschehen machen, Opfer und Täter müssen als Teil derselben Gesellschaft nebeneinander weiterleben.</p>
<p><strong>Erlösung durch die Kunst</strong></p>
<p>Welche Hoffnung bleibt also in einem filmischen Kosmos, der kein Happy End zuzulassen scheint? Die Antwort gibt „Der Pianist“ in einer sehr bewegenden Sequenz. Ein Nazi-Hauptmann befielt Szpilmann, ihm eine Chopin-Ballade auf dem Klavier vorzuspielen. Der Offizier ist so beeindruckt, dass er den Pianisten leben lässt. Die durch Krieg und Faschismus verursachten monumentalen Verwüstungen sind durch diesen privaten Akt des Mitgefühls nicht ausgelöscht. Die Musik spiegelt aber das unauslöschliche Potenzial der menschlichen Seele, die Sehnsucht nach einer Seinsform, die über Gewalt und Niedrigkeit hinausweist. Es gibt immer nur Inseln der Menschlichkeit, die für Augenblicke wärmen können. Sie lassen aber durch den Kontrast die Absurdität und Schäbigkeit des Unmenschlichen noch stärker hervortreten. Nicht zuletzt zeigt die Schlüsselszene aus der Pianist, wie Traumata bearbeitet werden können: mit den Mitteln der Kunst.</p>
<p>Um dies glaubwürdig umzusetzen, bedurfte es aber eines Regisseurs, der Opfer- und Täterrolle, Licht und Schatten in seiner eigenen Seele vorgefunden und verarbeitet hat. „Der Gott des Gemetzels“ und der Gott der Liebe, sie sind zwei Aspekte der erlebten Realität. Sie in scharfen, schmerzhaften wie faszinierenden Kontrasten auf die Leinwand gebannt zu haben, ist Polanski wie nur wenigen anderen Künstlern gelungen.</p>
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