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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Blogger auf HdS</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Der dressierte Bürger</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 08:02:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Parkraumbewirtschaftung und Verfolgung von Bagatell-Verkehrssünden. Stress mit Mautpflicht, Sonderparkzonen und Umweltzonen. Hartz IV-Schikanen und Alkoholverbot in U-Bahnen: Das Motto der Staatsorgane lautet immer häufiger: Im Zweifel gegen die Freiheit. Bürger in Deutschland zu sein, bedeutet, sein Leben ständig im Hinblick auf mögliche Bestrafung zu führen. Wozu sind Verbote wirklich da? Mit ihrer Hilfe bringt der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/radarfalle.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/radarfalle-300x225.jpg" alt="" title="&quot;Starenkasten&quot; in Düsseldorf" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-8702" /></a>Parkraumbewirtschaftung und Verfolgung von Bagatell-Verkehrssünden. Stress mit Mautpflicht, Sonderparkzonen und Umweltzonen. Hartz IV-Schikanen und Alkoholverbot in U-Bahnen: Das Motto der Staatsorgane lautet immer häufiger: Im Zweifel gegen die Freiheit. Bürger in Deutschland zu sein, bedeutet, sein Leben ständig im Hinblick auf mögliche Bestrafung zu führen. Wozu sind Verbote wirklich da? Mit ihrer Hilfe bringt der Staat seine Macht ins Spiel, schärft seine Repressionsinstrumente und testet die Gehorsamsbereitschaft der dem Gesetz Unterworfenen. Er reduziert den Homo sapiens auf seine Schrumpfform: den Homo obediens (gehorchenden Mensch), der sich reflexartig der jeweiligen Erlaubnis- oder Verbotslage anzupassen hat. Der Kampf um eine menschlichere Gesellschaft muss daher immer auch ein Kampf gegen unnötige und überhöhte Strafen sein. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-8701"></span></p>
<p>Wie nennt man eigentlich das Gegenteil von „Smily“ – also ein stark vereinfachtes Gesicht mit heruntergezogenem Mundwinkel? Die Internetgemeinde favorisiert „Sady“ (von „sad“ – traurig). Dieses Sady also begegnet mir immer häufiger an Ortseinfahrten. Ich gestehe, dass ich gelegentlich da mit 60 km/h reinbrettere, besonders, wenn links und rechts noch Wiese ist. Das setzt mich der strengen Ermahnung eines interaktiven Verkehrsschilds aus, das meine Geschwindigkeit misst und unverzüglich mit Sadies ahndet. 55 km/h: Sady. 51 km/h: Sady. 50 km/h: Smily – geschafft!<br />
<strong><br />
Wie erzeuge ich ein Unrechtsbewusstsein?</strong></p>
<p>Smily und Sady – das ist der ultimative binäre Code der Volkserziehung. Darin manifestieren sich die beiden Funktionen des Staats: Nikolaus und Knecht Ruprecht. Dabei kann man über diese sanfte Form der Ermahnung noch froh sein. Normalerweise sind Strafen nämlich die einzige Methode des Staates, um seine Bürger auf die Existenz eines Gesetzes aufmerksam zu machen. Nach Schätzungen waren 2005 auf Bundesebene 2.100 Gesetze mit knapp 46.000 Einzelvorschriften sowie 3.140 Rechtsverordnungen mit fast 41.000 Einzelvorschriften in Kraft – Tendenz steigend. Praktischerweise gilt der Grundsatz „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ – sonst würden sich Missetäter womöglich noch auf Unkenntnis herausreden. Wenn es aber so leicht ist, alle Gesetze zu kennen, warum absolvieren Juristen dann ein fünfjähriges Studium? </p>
<p>Die meisten Menschen lösen das Dilemma, indem sie einer Art „natürlicher Ethik“ folgen: Man töten nicht, ist nicht gewalttätig, stiehlt nicht und man beleidigt niemanden. Wer das berücksichtigt, kommt normalerweise gut durchs Leben. Was aber wenn natürliche Ethik und real existierende Gesetzeslage immer stärker auseinander klaffen. Dann bleibt für den Staat nur das Mittel, die Repression zu verschärfen, die den Appell an das Gerechtigkeitsgefühl dann vollständig ersetzt. Zu deutsch: Wer nicht hören will, muss fühlen.</p>
<p><strong>Der Führerschein als Hebel der Bürgerdressur</strong></p>
<p>Ein Fall aus der Praxis: Eine Frau fährt in die Innenstadt von Augsburg ohne eine entsprechende Feinstaubplakette ein. Die Strafe: 110 Euro und ein Punkt in Flensburg. Dabei war ihr Auto nur zwei Jahre alt und natürlich ASU-zertifiziert. Die Strafe entsprach der, die einem wirklichen Umweltverschmutzer gedroht hätte, der mit einer alten Dreckschleuder in die Innenstadt eingefahren wäre. Menschen, die niemanden geschädigt oder gefährdet haben, können also heute mit einer hohen Geldstrafe belegt und mit Führerscheinentzug bedroht werden. Darauf läuft ja das Anschwellen des Punktekontos in Flensburg hinaus. Das bedeutet nichts anderes als die Kriminalisierung der Normalität. Es wird keine Straftat geahndet, sondern nur die Tatsache, dass jemand die Ermittlungen, ob überhaupt eine Straftat vorliegt, nicht vorbeugend erleichtert hat. Ein solches Delikt ist vergleichbar mit der Weigerung, eine Parkscheibe an der Windschutzscheibe zu platzieren. Hier stellt sich eine grundsätzliche Frage. Ist der Bürger verpflichtet, es dem Staat leichter zu machen, ihn zu kontrollieren? Muss er quasi als Hilfssheriff gegen sich selbst tätig werden? </p>
<p><strong>„Schuldvermutung“ auf dem Vormarsch</strong></p>
<p>Der Strafverfolgungsstaat mutiert zunehmend zum Präventivstaat, der das Verhalten seiner Bürger in immer feinere Verzweigungen des Alltags hinein zu steuern versucht. Nehmen wir die Pflicht, nur mit Feinstaubplakette in eine deutsche Innenstadt einzufahren. Übertragen auf andere Delikte bedeutet dies: Man dürfte sich nur dann im öffentlichen Raum bewegen, wenn man sich das polizeiliche Führungszeugnis auf die Stirn klebt. Wer nicht vorab beweist, kein Mörder zu sein, wird verfolgt und bestraft wie ein Mörder. Ein Paradigmenwechsel von der Unschulds- zur Schuldvermutung. Die Abläufe sind automatisiert. Wir werden dazu erzogen, dass Widerstand so zwecklos ist wie bei der Begegnung mit einem Borg-Kollektiv. Einem Bürger einen Strafbefehl zu schicken ist eine so sichere Einnahmequelle wie Geld aus dem Automaten zu ziehen.</p>
<p>Gerade auch die Parkraumbewirtschaftung scheint ein willkommenes Instrument, um jedem Bürger das Erlebnis des Bestraftwerdens zu verschaffen. Ein Beispiel ist meine Nachbarstadt Weilheim. Dort werden seit Jahren die Parkgebühren stufenweise erhöht. Bisher unregulierte Zonen werden reguliert, mit Parkuhren und einem Schilderwald versehen. So wurde in einer Seitenstraße der Beginn der Freiparkzeit von bisher 18 Uhr auf 20 Uhr verschoben. Die Folge: Wer um 19 Uhr in eines der Restaurants essen gehen will, muss zahlen – obwohl die Parkplätze dort schon immer großflächig frei waren.<br />
<strong><br />
Gentrifizierung des Autoverkehrs</strong></p>
<p>Wem die Parkgebühren für längeres Parken zu hoch sind, der wird zu einem hektischen und flüchtigen Einkaufsverhalten gezwungen. Betroffen sind vor allem spontane Menschen, die sich mal im Laden verquatschen und nicht bedenken, dass sie ab 13.45 schlagartig vom legalen Parker zum „Parksünder“ mutieren. Benachteiligt sind Menschen mit Gehbehinderung, die den Weg von den kostenfreien Außenbezirken bis zur Einkaufsmeile zu Fuß nicht schaffen und deshalb teuer parken müssen. Benachteiligt sind natürlich auch einkommensschwache Bürger. Es findet eine Gentrifizierung des Autoverkehrs statt. In den teuren Einkaufsstraßen parken die Wohlhabenderen; die Ärmeren müssen einen längeren Anmarsch sowie Zeitverlust in Kauf nehmen. </p>
<p>Typisch ist im Fall Weilheim (und nicht nur dort), dass von oben herab entschieden wird. Statt den Dialog mit den Bürgern zu suchen, um zu prüfen, wie viel Kontrolle bzw. Freiheit erwünscht ist, agieren die Verkehrsüberwacher nach dem Motto: „Die werden es schon schlucken. Es wird ihnen schon nichts anderes übrig bleiben.“ Mit der Würde des Bürgers als Souverän im demokratischen Prozess hat das nichts zu tun. </p>
<p><strong>Anwesenheitsstrafe für Innenstadt-Besucher</strong></p>
<p>Auch verletzt es das Gebot der Gastfreundschaft, Menschen, die von auswärts in eine Stadt kommen, aufzulauern und ihre mangelnde Ortskenntnis auszunutzen, um sie nach Kräften abzuzocken. Ein Beispiel hierfür sind Sonderparkzonen, deren Gültigkeit nur an den Grenzen der betreffenden Zonen erkennbar ist, nicht an jedem Parkplatz. Solche Einrichtungen sind Autofahrerfallen, die helfen, die Parksünden, die sie verhindern sollen, erst zu kreieren. Wenn ich in meinem Briefkasten einen Brief mit der Aufschrift „Stadt“ finde (z.B. Stadt Weilheim), zucke ich ängstlich zusammen. Das kann nur bedeuten, dass von mir eine Geldzahlung erpresst werden soll. Städte kommunizieren mit ihren Gästen fast nur noch zum Zweck der Bestrafung.</p>
<p>Das Argument, solche Maßnahmen sorgten für „Verkehrsberuhigung“ in der Stadt, kann ich nicht akzeptieren. Wenn eine autofreie Innenstadt gewollt ist, muss die entsprechende Zone eben ganz für den Verkehr gesperrt werden. Es geht nicht an, die Menschen mit reichhaltigem Einkaufsangebot in die Innenstädte zu locken und sie gleichzeitig mit einer Art „Anwesenheitsstrafe“ zu belegen. Der Verdacht, dass es da nur um möglichst reich sprudelnde Geldeinnahmen geht, ist nahe liegend. Denn zu den regulären Parkgebühren kommen die Einnahmen aus Verwarnungsgeldern und Bußbescheiden.</p>
<p><strong>Delikt-Design nach Kassenlage</strong></p>
<p>Den Gemeinden fehlt das Geld, heißt es; für das Aufstellen von Schildern, die Umrüstung von Parkuhren und die Bezahlung der Politessen ist jedoch offenbar immer genügend Geld da. Hat man erst mal ein Delikt neu kreiert (wer vor 20 Uhr umsonst hier parkt, wird bestraft), so muss man es auch durchsetzen. Arbeitskräfte müssen Schilder aufstellen und das Chaos grauer Parkflächen mit einem dichten Gitter weißer Striche bändigen. Der Lebensraum muss parzelliert und in Zonen des Erlaubten und Verbotenen unterteilt werden. Für die Kontrolle vor Ort sowie die Strafenverwaltung muss Personal eingestellt werden. Mindestens diese Kosten müssen wieder hereinkommen, schon deshalb ist mit „Gnade“ von Seiten der Ordnungshüter kaum zu rechnen. </p>
<p><strong>Die Kriminalisierung der Normalität</strong></p>
<p>Ein weiteres Mittel der Bürgerdressur ist natürlich die Ahndung von Bagatelldelikten im Straßenverkehr. Nicht wenige Autofahrer werden in jüngster Zeit mit dem Vorwurf behelligt, 57 km/h in der Ortschaft gefahren zu sein. Die Verkehrsüberwacher haben damit ohne Not ein Stillhalteabkommen zwischen Bürgern und Polizei aufgekündigt, das als Gewohnheitsrecht galt: Schon Fahrlehrer bringen ihren Schülern bei: Bis 59 km/h kann dir nichts passieren. Manche Polizisten winken speziell Fahrer heraus, die mit exakt 50 km/h durch die Ortschaft schleichen. Sie finden es verdächtig, wenn jemand in derart auffälliger Weise unauffällig erscheinen will. Unverdächtige Autofahrer fließen bei 55 bis 60 km/h mit dem Verkehr mit. Dafür drohen aber heutzutage bereits 15 Euro Verwarnungsgeld. Also was jetzt? </p>
<p>Dabei ist die Fahrgeschwindigkeit ohne Zweifel wichtig, und Übertretungen können die Unfallgefahr erhöhen. Allerdings ist hier eine schematische Vorgehensweise nicht sinnvoll. In bestimmten Fällen kann schon eine Geschwindigkeit von 20 km/h unverantwortlich sein, obwohl sie legal ist. In anderen Fällen sind 60 km/h keineswegs gefährlich, z.B. am Ortsausgang oder in sehr übersichtlichen Bereichen. Die Ahndung von Bagatellen ist per se Heuchelei, weil mir niemand weismachen kann, dass ihm nicht schon einmal Fehler in dieser Größenordnung unterlaufen sind. Auch kein Polizist. Anders als bei der Ahndung von Schwerverbrechen kriminalisiert die Polizei in solchen Fällen die Normalität, also die menschliche Fehleranfälligkeit im Minimalbereich.</p>
<p><strong>Blitzen verhütet keine Unfälle</strong></p>
<p>Fragwürdig ist auch die Vermischung zweier verschiedener Zwecke: Unfallprävention durch Abschreckung und Geldbeschaffung für die Staatsorgane. Werden diese beiden Bereiche nicht streng getrennt, ist dies genau genommen nicht seriös. Die Regeltreue der Bürger wird so zu einer Gefahr für die finanzielle Ausstattung der Polizeireviere oder Gemeinden. Dies verleitet die Polizei dazu, immer strengere Maßstäbe dafür anzusetzen, was ein Bürger leisten muss, um straffrei davonzukommen. Bußgelder werden so zu Sondersteuern, die mit einem Schuldvorwurf vergiftet sind. Die Vorwürfe sind seit Jahren bekannt und werden u.a. vom ADAC erhoben: Die Polizei blitze nicht dort, wo Schnellfahren gefährlich sei, sondern gerade an ungefährlichen Stellen, wo viele Autos durchkämen. So könne ein Maximum an Einnahmen aus Verwarnungen und Strafen erzielt werden. Kritisieren kann man diese Praxis schon deshalb, weil die personellen Kapazitäten, die aufgewendet werden, um Bagatellen an ungefährlicher Stelle zu ahnden, ja anderswo fehlen:  z.B. bei der Verkehrsüberwachung in kinderreichen Wohnstraßen oder bei der Bekämpfung schwererer Verbrechen.</p>
<p>Was viele Autofahrer bisher nur vage fühlten, scheint nur auch erwiesen. Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss veröffentlichte Ende Februar eine Studie, wonach Radarfallen keine Unfälle verhinderten. „Fahrer aus Altersgruppen mit einem geringen Unfallrisiko werden übermäßig mit Punkten belastet, und Fahrer mit hohem Unfallrisiko werden zu selten kontrolliert.“ Ein Beispiel: In „Vergnügungsmeilen“, wo junge, unerfahrene Fahrer mit dem Auto von der Kneipe zur Diskothek fahren, stehen kaum Blitzer. Dagegen werden routinierte Pendler rasch mal mit 10 km/h zu viel erwischt, wenn sie vor dem Autobahnende nicht schnell genug abbremsen. Das Verhältnis Staat/Bürger leidet jedoch, wenn Zweifel daran aufkommen, ob die Ordnungsmacht nach gerechten und legitimen Kriterien verfährt. </p>
<p><strong>Zum Thema „Bürgerdressur“ noch ein paar weitere Beispiel:</strong></p>
<p><strong>Hartz IV </strong>wurde von den Behörden als Schikanenparcours gestaltet, mit dem sich staatlicherseits nicht nur viel Geld sparen lässt, sondern auch Menschen diszipliniert werden. Hartz-IV-Bestimmungen dienen als „Gesslerhut“, als Gehorsamstest, der die Unterwerfungsbereitschaft der Betroffenen austestet. </p>
<p><strong>Verkehrsbetriebe und Privatfirmen </strong>übernehmen zunehmen staatliche Funktionen mit eigener Pseudogerichtsbarkeit bzw. Exekutive. Ein Beispiel ist die jüngste Welle der Alkoholverbote in U-Bahnen. Dadurch werden Freiheitsrechte klar verletzt. Nicht mehr Randalieren, Verschmutzen und Belästigen werden verfolgt, sondern Verhaltensweisen, die zu diesen Delikten führen <strong>könnten</strong>. </p>
<p><strong>Das Autofahren im Ausland </strong>wird zunehmend zur Kostenfalle mit hoher Bestrafungswahrscheinlichkeit. Wenn ich mich im Ausland aufhalte, werde ich fast immer von einem gutwilligen Einheimischen zur Einhaltung der Vorschriften ermahnt – und zwar in meinem Interesse. Die Behörden seien hierzulande besonders scharf, heißt es dann. Die Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitung besonders streng. Meist wird dann eine Summe genannt, die vielleicht für eine Körperverletzung angemessen wäre, nicht für Bagatelldelikte. </p>
<p><strong>Ein Universum von Strafbarkeiten</strong></p>
<p>Immer stärker zeigt sich die Tendenz, das weite Feld möglicher menschlicher Verhaltensweisen auf einen schmalen Pfad zu begrenzen und geringste Abweichungen mit Übelzufügung zu ahnden. Man denkt unwillkürlich an einen Viehabtrieb. An den Rändern der Herde stehen Treiber mit Ruten, die ausscherenden Kühen kleine Elektroschocks verpassen, um sie auf die vorgesehene Route zurück zu zwingen.</p>
<p>Wozu sind Verbote wirklich da? Die Frage stellt sich vor allem, wenn es um weit verbreitete, bisher selbstverständliche Verhaltensweisen geht, z.B Alkoholtrinken auf Stadtplätzen oder Handybenutzung auf dem Schulhof. Durch Verbote positioniert sich der Staat als verbietende oder erlaubende Ordnungsmacht und drängt den Bürger gewaltsam in die Rolle zurück, die ihm in der modernen gelenkten Demokratie zugedacht ist. So wird der Bürger/Untertan dressiert, „bis jedes Subjekt in einem Universum von Strafbarkeiten und Strafmitteln heimisch wird.“ (Michel Foucault) Je mehr der Bereich des Strafbaren anschwillt und auf das Terrain der Normalität übergreift, desto mehr wandelt sich Bestraftwerden von einem Ausnahmeschicksal (das nur Kriminelle betrifft) zum Normalfall.</p>
<p><strong>Die schwarze Pädagogik des Staates</strong></p>
<p>Wenn wir einmal die Metapher vom „Vater Staat“ weiterspinnen – was für eine Art von Vater zeigt sich uns da? Stellen wir uns einen Erzeuger vor, der seinen Kindern mit grundsätzlichem Misstrauen begegnet, der auf jeder kleinen Verfehlung unnachsichtig herumhackt; der das (meist vorherrschende) Wohlverhalten jedoch als selbstverständlich hinnimmt und Belohnung und Würdigung überhaupt nicht in seinem Verhaltensrepertoire hat. Wie würden wir einen solchen Vater bezeichnen? Man muss sich da schon einen freudlosen und kleinlichen Haustyrannen vorstellen, der seine Kinder argwöhnisch belauert, um aus der Ahndung ihrer Fehler eine Art giftiger Befriedigung zu ziehen. In der Psychologie spricht man in solchen Fällen von Schwarzer Pädagogik.</p>
<p>Eine grundlegende Reform im Umgang mit Bagatelldelikten ist nötig. Alle freiheitsliebenden Menschen müssen sich dafür einsetzen, einen Trend zur Entkriminalisierung zu kreieren. Es ist ein gutes Zeichen, dass mit der Piratenpartei erstmals ein politischer Akteur die Bühne betreten hat, der die Legalisierung bestimmter Delikte zu einem Hauptprogrammpunkt gemacht hat. Die Bewegung darf sich jedoch nicht auf „Videopiraterie“ und Cannabis beschränken, sie muss auf andere Lebensbereiche ausgedehnt werden, besonders auf den Bereich der „Verkehrssünden“. </p>
<p>Neben der ersatzlosen Streichung der geringfügigsten Delikte habe ich zur Reform der Verkehrsüberwachung vor allem drei Vorschläge:</p>
<p>1. Regulierung über Kfz-Steuer: Hier könnte man analog zur Kfz-Versicherung verfahren: Wer sein erstes Auto anschafft, bekommt zunächst einen durchschnittlichen Steuertarif. Fährt er einige Jahre ohne gravierende Verfehlungen Auto, erhält er einen günstigeren Tarif. Treten dagegen Verkehrsverstöße auf, verliert der Fahrer zunächst seinen Vorzugstarif. Bei drastischen und wiederholten Verstößen schnellt die Kfz-Steuer weiter nach oben. Der Fahrer kann dies in der Zukunft aber wieder durch korrektes Verhalten ausgleichen. Auf diese Weise wird gewürdigt, dass „normales“ unfall- und deliktfreies Fahren seitens der Bürger eine Leistung darstellt, die nicht selbstverständlich ist. Strafen sind wieder das, wozu sie eigentlich geschaffen wurden: Sanktionen für tatsächlich gefährliche Verstöße gegen die Sicherheit. Wichtig ist aber, dass die Einnahmen aus Strafen keine Begehrlichkeiten bei den Behörden wecken. Sie müssen zur Gänze wieder an gute Autofahrer ausgeschüttet werden. </p>
<p>2. Entkoppelung von Strafverfolgung und pekuniärer Selbstversorgung der Staatsorgane. Das von der Verkehrspolizei oder Gemeinde eingesammelte Geld sollte niemals diesen Institutionen selbst, sondern immer anderen Begünstigten zufließen. Polizisten und Behörden werden ja bereits durch unsere Steuern vergütet, obwohl sicher in vielen Fällen eine bessere Bezahlung wünschenswert wäre. </p>
<p>3. Ein Bürgerbeirat für die Gemeinden. Über Fragen wie Parkraumbewirtschaftung, Parkzeiten, Radarfallen u.ä. sollten Gemeinden nicht mehr allein entscheiden können. Hierbei sollte ein Kontrollgremium beratend tätig sein, das mit abstimmen und besonders krude Entscheidungen der Stadtväter notfalls blockieren kann. Der Bürgerbeirat könnte eine Funktion ähnlich dem Verbraucherschutz ausüben. Er sollte sicherstellen, dass die Interessen der anliegender Geschäfte, der Einheimischen, Kunden und Besucher, aber auch der körperlich schwächeren und weniger wohlhabenden Menschen berücksichtigt werden. Außerdem sollte er dafür sorgen, dass Radarfallen im Sinn der Unfallprävention wirklich gut platziert sind und dass bei Strafen das Augenmaß gewahrt bleibt. </p>
<p><strong>More Tolerance!</strong></p>
<p>Wie sinnvoll diese Reformen auch sein mögen – die beste Strafe ist noch immer: keine Strafe. Das Motto sollte lauten: So viel Freiheit wie möglich und nur so viel Verhaltenssteuerung wie unbedingt nötig. Den Willen eines Staatsbürgers zu brechen, sollte nur das allerletzte Mittel sein, das ein Vollzugsbeamter eher ungern ausführt. Schließlich ist dessen Wohlergehen das Hauptziel und der letzte Daseinszweck staatlicher Organe. Leider ist derzeit aber die gegenteilige Tendenz festzustellen: Strafen sind der Normalfall, ihr Ausbleiben muss sich der Bürger durch ein geradezu unnatürlich leisetreterisches Verhalten erkaufen. Man straft gern und viel, dem Anschein nach geradezu mit Lust. </p>
<p>Der Kampf um eine menschlichere Gesellschaft muss daher immer auch ein Kampf gegen unnötige und überhöhte Strafen sein. Der Weg in den Orwell-Staat endet mit Totalüberwachung und unmenschlichen Gefängnissen; aber er beginnt damit, dass menschliche Verhaltensweisen zu Verbrechen erklärt werden, die eigentlich keine sind. Die Entwicklung, die in den USA unter dem Schlagwort „Zero Tolerance“  eingesetzt hat, muss umgekehrt werden. „More Tolerance“ könnte eine neue Bewegung heißen. Kämpfen wir weiter dafür, die Zügel, an denen man uns hält, abzuschütteln oder wenigstens zu lockern!</p>
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		<title>Kurzinterview mit Konstantin bei «Blockupy»</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 07:45:47 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Konstantin Wecker]]></category>
		<category><![CDATA[Videos]]></category>

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		<description><![CDATA[Hier ein Filmbericht, der sich eher &#8220;neutral&#8221; hält. Konstantin Wecker ist mit dem Refrain von &#8220;Empört Euch&#8221; sowie mit einem Interviewausschnitt zu hören, der es in sich hat. Die Demokratie in Deutschland ist zwar nicht am Ende, erleidet aber in diesen Tagen einen schweren Schlag. Proteste und Versammlungen werden schlicht verboten &#8211; mit der Begründung, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hier ein Filmbericht, der sich eher &#8220;neutral&#8221; hält. Konstantin Wecker ist mit dem Refrain von &#8220;Empört Euch&#8221; sowie mit einem Interviewausschnitt zu hören, der es in sich hat. Die Demokratie in Deutschland ist zwar nicht am Ende, erleidet aber in diesen Tagen einen schweren Schlag. Proteste und Versammlungen werden schlicht verboten &#8211; mit der Begründung, die Polizei erwarte mögliche künftige Gewalttaten. Konstantin Wecker erhielt ein Singverbot per Anruf der Frankfurter Kriminalpolizei. Die eingebetteten Medien ignorieren den Angriff auf unsere Grundrechte, bringen Ablenkungsthemen wie den Berliner Flughafen, und die ganz Radikalen meinen vorsichtig, die Frankfurter Polizei habe &#8220;vielleicht übertrieben&#8221;.<br />
<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/2012/05/18/kurzinterview-mit-konstantin-bei-blockupy/"><em>Click here to view the embedded video.</em></a></p></p>
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		<title>Konstantin Wecker zu Frankfurt: Empört euch!</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 08:38:17 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>

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		<description><![CDATA[Liebe Freunde, der staatliche Versuch, unser Grundrecht auf uneingeschränkte Versammlungs- und Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen, ist ein Skandal! Wie viel Angst müssen die Mächtigen vor unserer Kritik und unserer Empörung über ihre menschenverachtende Krisen- und Kriegspolitik haben? „Denk&#8217; ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ &#8211; uns geht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/Konstantin-Wecker1.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/Konstantin-Wecker1-206x300.jpg" alt="" title="Konstantin Wecker" width="206" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-8681" /></a>Liebe Freunde,</p>
<p>der staatliche Versuch, unser Grundrecht auf uneingeschränkte Versammlungs- und Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen, ist ein Skandal! Wie viel Angst müssen die Mächtigen vor unserer Kritik und unserer Empörung über ihre menschenverachtende Krisen- und Kriegspolitik haben? „Denk&#8217; ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ &#8211; uns geht es heute wie Heinrich Heine 1843 in seinen Nachtgedanken: Es ist erschreckend, dass sich kritische KünstlerInnen weltweit wieder dafür stark machen müssen, um vor den Türmen der Mächtigen Protestlieder singen zu können.</p>
<p>Ich werde am Donnerstagmittag – ob am Opern- oder am Paulsplatz – gemeinsam mit vielen anderen KünstlerInnen singen und demonstrieren. Ich freue mich darauf, diesen Protest gemeinsam mit Euch allen auf die Straße zu tragen. Empört Euch!</p>
<p>Aktuelle Infos: www.blockupy-frankfurt.org</p>
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		<title>Konstantin Wecker: Niemand kann die Liebe binden</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 08:04:01 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Musikvideo/Podcast]]></category>

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		<description><![CDATA[In unserer lockeren Reihe mit Klassikern von Konstantin Wecker gibt es diesmal ein Lied aus der CD &#8220;ganz schön wecker&#8221; (1988), live aufgenommen bei der Tournee 1990. Konstantin war wieder mit den Jazzern um Wolfgang Dauner unterwegs. es ist eine typische Liveversion, mit vertiefter Klavierimprovisation zu Beginn und wunderbar weit ausschwingendem Ausklang mit Charlie Mariano. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In unserer lockeren Reihe mit Klassikern von Konstantin Wecker gibt es diesmal ein Lied aus der CD &#8220;ganz schön wecker&#8221; (1988), live aufgenommen bei der Tournee 1990. Konstantin war wieder mit den Jazzern um Wolfgang Dauner unterwegs. es ist eine typische Liveversion, mit vertiefter Klavierimprovisation zu Beginn und wunderbar weit ausschwingendem Ausklang mit Charlie Mariano. (Alexander Kinsky, HdS Redaktion)<br />
<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/2012/05/16/konstantin-wecker-niemand-kann-die-liebe-binden/"><em>Click here to view the embedded video.</em></a></p></p>
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		<title>Konstantin Wecker zu Hollande, Griechenland, Neoliberalismus</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 08:21:34 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Konstantin Wecker]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Das gegenwärtige neoliberale Modell kann auf empirisch belastbare Grundlagen nicht verweisen. Es war immer schon eine Glaubenssache, ein Mythos, und später eine knallharte Ideologie eben, die uns als gottgegeben verkauft wurde.&#8221; &#8220;Mit der Austeritätspolitik&#8221;, so schreibt der Politikwissenschaftler Elmar Altvater, &#8220;gibt es keinen Weg aus der Krise.&#8221; Das hab ich nicht nur von Elmar Altvater [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/Konstantin-Wecker.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/05/Konstantin-Wecker-150x150.jpg" alt="" title="Konstantin Wecker" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-8666" /></a>&#8220;Das gegenwärtige neoliberale Modell kann auf empirisch belastbare Grundlagen nicht verweisen. Es war immer schon eine Glaubenssache, ein Mythos, und später eine knallharte Ideologie eben, die uns als gottgegeben verkauft wurde.&#8221;<span id="more-8665"></span></p>
<p>&#8220;Mit der Austeritätspolitik&#8221;, so schreibt der Politikwissenschaftler Elmar Altvater, &#8220;gibt es keinen Weg aus der Krise.&#8221;</p>
<p>Das hab ich nicht nur von Elmar Altvater gehört, das ist ausserhalb Deutschlands Konsens vieler kluger Wissenschaftler und Politiker.<br />
Einzig zu Frau Merkel und ihren Getreuen ist das noch nicht ganz durchgedrungen.</p>
<p>So schreibt die SZ:<br />
&#8220;Was den Franzosen ihre Égalité, ist den Deutschen die Soziale Marktwirtschaft. Die Bundesrepublik hat bereits unter Gerhard Schröder begonnen, diese zu reformieren, um sie zu bewahren. Frankreich steht das noch bevor. Das Land wird sich von der 35-Stunden-Woche und der Rente mit 62 oder gar 60 verabschieden müssen. Es wird den Kündigungsschutz für die Alten lockern müssen, damit die Jungen eine Chance bekommen.&#8221;</p>
<p>Nun, darüber, ob Gerhard Schröder die soziale Marktwirtschaft bewahrt hat lässt sich wohl trefflich streiten. Und auch über die Verballhornung des Begriffes &#8220;Reform&#8221;.</p>
<p>Und der Autor dieses Beitrags &#8211; und da ist er nun bei Gott nicht alleine &#8211; vermittelt uns seine Meinung, als hätte er seine Thesen gerade auf dem Berg Sinai als Tontafeln erhalten.</p>
<p>Aber auf welchem Glauben beruhen eigentlich diese so apodiktisch vorgetragenen &#8220;Beweise&#8221; für die Notwendigkeit gesellschaftliche soziale Strukturen rücksichtslos zu zerstören?</p>
<p>Erst mal muss man wohl fragen: cui bono &#8211; wem nützt es?<br />
So wie es aussieht gibt es in der Tat Nutznießer dieser &#8220;Reformen&#8221; und das sind genau diejenigen, die uns in die Krise gestürzt haben. Banken, Ratingagenturen, und alle Institute und Privatleute die Geld zur Ware gemacht haben und damit ausschließlich sich selbst bereichern.</p>
<p>Das gegenwärtige neoliberale Modell kann auf empirisch belastbare Grundlagen nicht verweisen. Es war immer schon eine Glaubenssache, ein Mythos, und später eine knallharte Ideologie eben, die uns als gottgegeben verkauft wurde.</p>
<p>&#8220;Die öffentliche, anonymisierende Rede von den Finanzmärkten, die gottgleich das Schicksal der Menschen bestimmen und gegen deren Urteil es keine Berfung geben könne, ist Teil eines Mythos von politikfernen Wirtschaftskreisläufen, mit dessen Hilfe Verantwortlichkeiten verwischt und politische Handlungsmöglichkeiten verschleiert werden.&#8221; (Joseph Steinbeiß in der &#8220;Graswurzelrevolution&#8221;)</p>
<p>Zurecht verweist man auf die unzähligen Opfer der mörderischen Ideologien des letzten Jahrhunderts.</p>
<p>Wer bitte wagt es, die Opfer der neoliberalen Ideologien, dieser Diktatur der anonymen Herren, die den &#8220;Markt&#8221; vorschieben, um als Person nicht ins Fadenkreuz der Gegner zu geraten, wer also wagt es hierzulande, diese unzähligen Opfer aufzulisten?</p>
<p>Ich bin sehr froh, dass Hollande gewählt wurde und hoffe, dass er nicht dieselben Fehler macht wie die SPD seit Schröder. Und wenn er wie so viele andere vor Markt und Merkel einknicken wird und seine Versprechungen nicht einhält &#8211; was zu befürchten ist &#8211; dann freu ich mich wenigstens, dass heute morgen, auf Grund der Wahl in Frankreich, der DAX mit einem Minus von zwei Prozent startet. Das spricht schon mal eindeutig für Hollande!</p>
<p>Und Griechenland? Obwohl Wolfgang Schäuble damit gedroht hatte &#8220;die Griechen hätten mit Konsequezen zu rechnen&#8221; falls sie nicht abstimmten, wie die internationale Linie es vorgebe, wagten sie es eigene Entscheidungen zu treffen und der vereinigten Linken zu einem fulminanten Wahlsieg zu verhelfen.</p>
<p>Alexis Tsipras, der Syriza-Chef ist der große Sieger dieser Wahl. Er hat die Pasok vom zweiten Platz verdrängt und liegt damit mit seinem Linken-Bündnis zwischen den beiden großen Parteien. Und auch wenn es uns bestimmte Kreise immer wieder einzuhämmern versuchen &#8211; auch in den Berichten über meinen Auftritt in Athen am 1. Mai musste ich es immer wieder mit Erstaunen lesen &#8211; die vereinigte Linke ist keine &#8220;Splitterpartei&#8221; und ihre Wähler sind keine &#8220;Linksradikalen&#8221;. Sie sind die zweitstärkste Partei mittlerweile und ich frage mich , weshalb keiner die um die 4 Prozent dümpelnde FDP jemals als &#8220;Splitterpartei&#8221; bezeichnet hat.</p>
<p>Aus den meisten Berichten lese ich leider wieder heraus, dass man die griechischen WählerInnen einfach nicht ernst nimmt, so wie man halt dieses Land schon lange behandelt: hochmütig, arrogant, besserwisserisch.</p>
<p>Wes Brot ich ess, des Lied ich sing?<br />
Nein &#8211; solche Lieder braucht die Welt ganz bestimmt nicht.<br />
Sie singen, weil sie ein Lied haben!</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Konstantin Wecker: Meine rebellischen Freunde</title>
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		<pubDate>Wed, 02 May 2012 07:25:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Konstantin Wecker]]></category>

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		<description><![CDATA[Zu meinem 65. im Juni wird ein Lesebuch erscheinen, das ich „Meine rebellischen Freunde“ genannt habe. Dort werde ich mit Auszügen aus ihren Texten über 50 DichterInnen und WissenschaftlerInnen vorstellen, die mir in meinem Leben Mut gemacht haben, mich angeregt haben weiter zu machen, wenn ich kurz davor war aufzugeben. Ob Oskar Maria Graf oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/Konstantin-Wecker.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/Konstantin-Wecker-206x300.jpg" alt="" title="Konstantin-Wecker" width="206" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-8585" /></a>Zu meinem 65. im Juni wird ein Lesebuch erscheinen, das ich „Meine rebellischen Freunde“ genannt habe. Dort werde ich mit Auszügen aus ihren Texten über 50 DichterInnen und WissenschaftlerInnen vorstellen, die mir in meinem Leben Mut gemacht haben, mich angeregt haben weiter zu machen, wenn ich kurz davor war aufzugeben. Ob Oskar Maria Graf oder Arno Gruen, Rosa Luxemburg oder Bertha von Suttner, Hannes Wader, Bernie Glassmann ,Arundhati Roy, Dostojewski und eben viele, viele mehr &#8211; Menschen, denen ich viel zu verdanken habe, weil sie mich inspirieren konnten, viele persönlich, manche nur durch ihr Werk. Vielleicht entdeckt ihr einige auch als eure Freunde wieder, vielleicht findet ihr dadurch neue Freunde! Hier ein kleiner Auszug meines Vorwortes:<span id="more-8584"></span></p>
<p><strong>Die Poesie des Widerstands</strong></p>
<p>Als Jugendlicher hatte ich oft das Gefühl, allein gegen die ganze Welt zu stehen. Niemand in meinem Umfeld teilte meine Ideen und Utopien. Meine Eltern standen mir zwar nahe, doch in der Pubertät will man ja nicht unbedingt von seinen Eltern verstanden werden, man will Gleichgesinnte außerhalb des Elternhauses finden, neue geistige Welten erobern und Menschen begegnen, die einem den Weg zu neuen Ufern weisen. In dieser Zeit wurden die Dichter meine Freunde. Sie waren es, die mich aus der Einsamkeit rissen, mir Mut machten, mich davon überzeugten, dass es noch andere Welten, Weiten, Universen gibt, die mir weit vertrauter erschienen als die kleine Welt dieses konservativen und noch von vielen Altnazis beherrschten bayerischen Gymnasiums, an dem ich meine Jugend verbrachte. Mit meiner Liebe zur Poesie entdeckte ich die geistige und rebellische Kraft der Worte. Ich lebte mit den Versen von Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Gottfried Benn und litt mit den vielen Dichtern des Expressionismus, die in den Schützengräben des1. Weltkriegs bluteten. Ich war berührt, betört und berauscht von ihrer Dichtung. Diese Dichter wurden mir zu Freunden. Sie waren es, die gegen die Windmühlen einer verständnislosen Welt anrannten.</p>
<p>Diese Verzauberung durch Worte, diese Begeisterung, mich von der Poesie in eine eigene Welt entführen zu lassen und Metaphern für wahrhaftiger zu halten als die Realität, ist mir bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. Und noch heute finde ich Zuspruch und Trost bei den Dichtern, in oft bereits zerschlissenen Büchern, die ich immer wieder zur Hand nehme. Von deren Visionen lasse ich mich entführen in eine Welt, die mir manchmal wirklicher erscheint als die so genannte Wirklichkeit. Es sind die Dichter, die aus der Fülle dessen schöpfen, was uns unverstanden umgibt. Sie bringen das Unsagbare zum Klingen. Niemals dürfen wir die Poesie der Politik opfern. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass die Politik von der Poesie lernt. Und wenn sie das nicht kann oder will, dann müssen wir ihr auf die Sprünge helfen – mit Kreativität und Anarchie, mit Musik, Tanz und Gedicht!</p>
<p>www.amazon.de/Meine-rebellischen-Freunde-pers%C3%B6nliches-Lesebuch/dp/3784432964/ref=sr_1_1</p>
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		<title>Erben – die Mühe, geboren zu werden</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 08:53:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Zins ist schädlich, gewiss, aber er bliebe ein begrenztes Übel, wäre da nicht ein anderer Faktor, der ihn verewigt und potenziert: das Erbe. Erbschaften zementieren Familienprivilegien und unterhöhlen die Chancengleichheit. Der Sohn von Michael Ballack wird nicht nächster Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. In Unternehmen sind derlei Absurditäten aber durchaus üblich. Schwerer wiegt, dass sich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_8600" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/FigarosHochzeit.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/FigarosHochzeit-300x199.jpg" alt="" title="FigarosHochzeit" width="300" height="199" class="size-medium wp-image-8600" /></a><p class="wp-caption-text">Schon in &quot;Figaros Hochzeit&quot; wird gegen ererbte Privilegien gewettert</p></div>Der Zins ist schädlich, gewiss, aber er bliebe ein begrenztes Übel, wäre da nicht ein anderer Faktor, der ihn verewigt und potenziert: das Erbe. Erbschaften zementieren Familienprivilegien und unterhöhlen die Chancengleichheit. Der Sohn von Michael Ballack wird nicht nächster Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. In Unternehmen sind derlei Absurditäten aber durchaus üblich. Schwerer wiegt, dass sich die Akkumulation von Vermögen und politischem Einfluss über Generationen fortsetzen kann. Wer für das Leistungsprinzip und gegen demokratisch nicht legitimierte Machtkonzentration ist, kann nicht gleichzeitig für uneingeschränktes Erben sein. Es müssen Wege gefunden werden, Erbschaften auf ein sozialverträgliches Maß zu begrenzen. Ein paar Vorschläge. (Roland Rottenfußer)<span id="more-8599"></span></p>
<p>John Fontanelli war ein einfacher Pizza-Austräger in New York. Eines Tages erfuhr er von ein paar dubiosen Anwälten, dass er Erbe eines Riesenvermögens war. Wert: eine Billion Dollar. Das Vermögen war von seinem Vorfahren Jakob Fugger vor 500 Jahren angelegt worden – mit der Auflage es erst jetzt, zur Jahrtausendwende, auszuzahlen. Mit Zins und Zinseszins kam so über die Jahre eine stattliche Summe zustande. John Fontanelli war mit einem Schlag mit Abstand der reichste Mensch der Welt. Zum Vergleich: Warren Buffet wird heute auf „nur“ 47 Milliarden geschätzt. Diese Geschichte ist natürlich nicht wahr. Sie ist dem Roman „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach (2001) entnommen. Aber sie könnte wahr sein.</p>
<p>Was fängt man mit so viel Geld an? Das bisschen, was John in der ersten Euphorie für Maßanzüge, Autos und ein Landhaus in England verpulverte, war schnell wieder „verdient“. Mehr noch: Wie Johns Vermögensverwalter McCaine ihm auf Anfrage mitteilte, war sein Bankkonto trotz großzügiger Ausgabenpolitik auf rätselhafte Weise weiter angeschwollen. Ab einer gewissen Höhe ist ein Vermögen kaum klein zu kriegen: aufgrund von Zins und Zinseszins. Zum Glück ist John Fontanelli in Eschbachs Roman ein guter Kerl. Er sucht nach Wegen, mit seinem Geld die ganze Welt zu beglücken. Was wäre aber, wenn so viel Geld in die Hände von weniger wohlmeinenden Individuen geriete?</p>
<p><strong>Was kostet die Welt?</strong></p>
<p>Ein machtbewusster, skrupelloser Erbe würde sich, nachdem er sein Grundbedürfnis nach fünf Yachten und zehn Ferienhäusern gestillt hat, vielleicht Politiker kaufen. Solche, die alles, was legal ist, für legitim halten und sich Fälle von Vorteilsnahme kurzer Hand selbst vergeben. Und er würde versuchen, Einfluss auf die Politik seiner Schützlinge zu nehmen. Vielleicht würde er sich auch Medien kaufen, die dem Volk in professionellen Kampagnen einreden, dass es in ihrem Interesse ist, entrechtet und ausgeplündert zu werden. Relativ günstig ist in Zeiten knapper Kassen auch die komplette Infrastruktur einer Volkswirtschaft zu haben: Wasser, Eisenbahn, Verkehrsbetriebe. Lohnend wäre es auch, mehrere scheinbar konkurrierende Energieversorger zu kontrollieren, um den Verbrauchern überhöhte Strompreise aufzuzwingen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.</p>
<p>Leider ist das hier gezeichnete Szenario schon heute Realität. Mit Guthaben von weit weniger als einer Billion kann eine Minderheit heute das Geschehen auf der Erde zu ihren Gunsten manipulieren. Das reichste Zehntel besitzt 85 Prozent des Weltvermögens. Knapp die Hälfte davon wird vom reichsten einen Prozent gehalten. Eine solche Ungleichverteilung wäre nicht möglich gewesen ohne eine merkwürdigen Gewohnheit der menschlichen Spezies: das Erben. Warum es so gefährlich ist, lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen. Nehmen wir an, ein 20-jähriger legt ein Vermögen von 10.000 Euro an. Er stirbt mit 80. Bei einem Verdopplungszeitraum von 20 Jahren kann sich ein solches Vermögen während der Lebensspanne seines Besitzers höchstens verachtfachen (80.000 Euro). Vererbt er es an seinen 40-jährigen Sohn, so kann dieser, bis er selbst stirbt, schon über ein Vermögen von 320.000 Euro verfügen. Beim Enkel wären es 1.280.000 usw. Wir kennen das Spiel.</p>
<p><strong>Die Mühe, geboren zu werden</strong></p>
<p>Da ist es erstaunlich, dass in der Geldreformerszene relativ selten über Erbschaften gesprochen wird. Dabei basiert eines der bekanntesten Rechenbeispiele über die Absurdität des Zinses auf dem Prinzip der unbegrenzten Vererbung: der „Josephspfennig“. Der englische Moralphilosoph Richard Price rechnete 1772 aus: Ein Pfennig, angelegt mit 5 Prozent zum Zeitpunkt von Jesu Geburt, hätte bis in die Gegenwart ein Vermögen im Wert von 150 Erden aus purem Gold erwirtschaftet. Das Beispiel funktioniert nur, wenn man die ungeschmälerte Weitervererbung von Vermögen unterstellt. Hier muss festgehalten werden: Übermäßiger Reichtum ist nicht nur deshalb schädlich, weil er Armut bedingt (dieser Effekt könnte ja durch Wirtschaftswachstum begrenzt werden). Reichtum ist vielmehr an sich schädlich, weil er Macht generiert, die nicht demokratisch verliehen ist. Sahra Wagenknecht, Sprecherin der Partei „Die Linke“ schreibt hierzu: „Politische Macht ist heute nicht mehr unmittelbar erblich, wirtschaftliche Macht dagegen ist es, und mit ihr vererbt sich auch die Macht, der ganzen Gesellschaft die eigenen Interessen aufzuzwingen.“</p>
<p>Die Ungerechtigkeit von Erbschaften empörte schon die großen Geister der Aufklärung. 1784 schrieb der Komödiendichter Beaumarchais in seinem berühmten Monolog des Figaro an die Adresse des Adels: „Adel, Reichtum, Rang und Würden, all das macht Sie so stolz! Was haben Sie denn geleistet für so viele Vorteile? Sie haben sich die Mühe gegeben, geboren zu werden, weiter nichts.“ Das Stück wurde zum Skandal, die betreffende Textstelle musste von Mozart und da Ponte aus ihrer Oper „Le Nozze di Figaro“ entfernt werden. Die Wahrheit ist eben nicht immer bequem. </p>
<p><strong>Riesenvermögen verhindern!</strong></p>
<p>Stellen wir uns zwei Neugeborene auf der Geburtsstation vor: Jonas und Knut. Beide sehen einander zum Verwechseln ähnlich, quäken, machen in die Windeln. Der Unterschied ist nur: Jonas ist das Kind reicher Eltern, die mehrere Immobilien in zentraler Großstadtlage besitzen. Knut ist das Kind von Hartz-IV-Empfängern. Es ist gut möglich, dass Jonas in 20 Jahren einmal der Vorgesetzte von Knut sein wird – oder sein Vermieter. Baby Knut wäre Baby Jonas tributpflichtig. Und würde man beide Kinder aus Versehen auf der Station vertauschen, wäre die Rollenverteilung umgekehrt. Ich vergaß: Es gibt so etwas wie Eigenverantwortung, und wir haben in unserem Land Chancengleichheit. Oder? Ein Radfahrer, der gegen starken Gegenwind ankämpft, hat kaum die gleichen Chancen wie jemand, dem der Wind in den Rücken bläst. Deshalb meine ich: Wer für unbeschränktes Erben eintritt, hat damit die Chancengleichheit als politisches Ziel aufgegeben.</p>
<p>Eigentlich ist die Erbschaftssteuer traditionell dafür konzipiert, diese Ungerechtigkeit zu begrenzen. In der Bayerischen Verfassung heißt es sogar: „Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“ (Art. 123) Gut gemeint. Aber nur etwa 15 Prozent der Deutschen kommen jährlich in Genuss einer größeren Erbschaft oder Schenkung. Der Rest ist faktisch „enterbt“. Diese glückliche Minderheit wird von der Erbschaftssteuer meist nicht behelligt. Die Freibeträge belaufen sich auf 300.000 (Ehegatten) oder 200.000 (Kinder). Die Steuersätze sind nur für entfernte Verwandte wirklich bedrohlich (60 Prozent). Kinder kommen mit 15 % davon, was verkraftbar ist, wenn man bedenkt, dass damit 85 % dem selbst erarbeiteten Einkommen leistungslos hinzugefügt werden. Wenn ein Erbe nicht ganz ungeschickt ist, wird er die bezahlte Steuer durch Miet- und Zinseinnahmen schnell wieder hereinholen.</p>
<p><strong>Das feudale Zeitalter beenden!</strong></p>
<p>Angesichts der machtvollen Zinseszinsdynamik und der für Erben sehr milden Gesetzgebung verwundert es, dass noch nirgendwo ein Vermögen von über einer Billion Dollar angehäuft wurde. Liegt in der Beschränkung auf zweistellige Milliardensummen doch ein Rest kollektiver Vernunft? Leider ist die Wahrheit unangenehmer: Kriege, Naturkatastrophen, Finanzkrisen und Währungsreformen haben die großen Vermögen in der Vergangenheit immer wieder vernichtet. Oder drastisch ausgedrückt: In einem globalen Monopoly, dessen „natürlicher“ Spielausgang darin besteht, dass am Ende einem die ganze Erde gehört, konnte nur millionenfaches menschliches Leid (z.B. durch Kriege) das gröbste Unrecht verhindern.</p>
<p>Dabei betraf die Geldvernichtung hauptsächlich das Bar- und Buchgeld. Boden- und Unternehmensbesitz blieben auch über die Weltkriege hinweg sehr oft unangetastet. Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, fordert in seinem Buch „Gemeinwohlökonomie“, Unternehmen nicht ausschließlich an Söhne und Töchter, sondern an eine „demokratische EigentümerInnengemeinschaft“ zu übergeben. Blutverwandte können sich unter bestimmen Umständen daran beteiligen, folgen ihren Eltern aber nicht mehr automatisch in Führungspositionen nach. Dazu Felber: „Das ist, im Grunde genommen, nur ein noch ausständiger Schritt aus dem feudalen Zeitalter, den wir bisher – dank intensiver ideologischer Schulung – noch nicht unternommen haben.“ </p>
<p><strong>„Germinal“ ist überall</strong></p>
<p>Nach dem Feudalismus prägten Erbschaften auch das Gesicht des frühindustriellen Zeitalters. In seinem Roman „Germinal“ (1885) berichtet Emile Zola von einem Streik bitter armer Bergarbeiter in Nordfrankreich. Ihrem elenden Schicksal wird das Leben der reichen Familie Grégoire gegenüber gestellt, die seit Generationen von den Erträgen einer einzigen Aktie lebt. Vater Grégoire hat diese Aktie nicht einmal selbst erarbeitet. Daher empfindet er „tiefe Dankbarkeit für eine Anlage, die seit einem Jahrhundert die Familie so schöne ernährte, dass sie die Hände in den Schoß legen konnten. Diese Aktie war gleichsam ihre Gottheit, die ihr Egoismus mit einem Kultus umgab, die Wohltäterin der Familie, die sie in einem breiten Bett der Trägheit wiegte, an einer leckeren Tafel mästete.“ Es ist, zugegeben, ein besonders drastisches und fiktives Beispiel – aber keineswegs realitätsfremd. Zustände wie in „Germinal“ prägten die Vergangenheit Europas, vielleicht werden sie auch seine Zukunft bestimmen </p>
<p>Erben in der heutigen Form verursacht gesamtgesellschaftlich offensichtlich mehr Schaden als Nutzen. Christian Felber begründet dies so: „Das (unbegrenzte) Erbrecht annulliert die einzige ‚natürliche’ negative Rückkoppelung des Kapitalismus: dass aufgebaute und konzentrierte Vermögen wieder dekonzentriert und zerteilt werden. Damit ist es das vielleicht größte Einzelhindernis auf dem Weg zu einer chancengleichen, egalitären und demokratischen Gesellschaft.“</p>
<p><strong>Im Tod gibt es kein Eigentum</strong></p>
<p>Bemerkenswert am Prinzip der Vererbung von Privateigentum ist, dass sie – je nach Betrachtungsweise – sowohl natürlich als auch unnatürlich ist. Natürlich, weil die meisten Menschen, wenn nicht starke Gründe dagegen sprechen, ihr Eigentum nach dem Tod am liebsten den eigenen Kindern überlassen. Will der Staat dies ändern, muss er Zwang ausüben. Und der bedarf in einer Demokratie immer der sorgfältigen Begründung mit Verweis auf übergeordnetes Interesse.</p>
<p>Unnatürlich ist das Vererben, weil der Sterbende sein Eigentum ja nicht mitnehmen kann. Was immer sich der Einzelne unter dem Tod oder dem „Jenseits“ vorstellt – er geht nackt hinüber. Der Körper eines Verstorbenen wird wieder ein Teil der Erde, seine Form löst sich auf, seine Moleküle verteilen sich überall. Über die Seele eines Verstorbenen gibt es verschiedene Ansichten. Manche meinen, sie erlischt; andere glauben, sie löse sich im „Ganzen“ (Gott) auf. Nur für das Eigentum soll das Prinzip der Auflösung im Großen Ganzen nicht gelten. Besitz bleibt der genetischen „Verlängerung“ des Verstorbenen zugeordnet: seinen Erben. Analog zu dem, was mit dem Körper und der Seele geschieht, wäre es aber logischer, Eigentum ginge in Gemeinschaftsbesitz über.</p>
<p><strong>Brutpflegeinstinkt und Wunsch nach Unsterblichkeit</strong></p>
<p>Wie konnte sich etwas so offensichtlich Unlogisches und Ungerechtes so lange halten? Wenn wir diese Frage beantworten wollen, stoßen wir – wie so oft – zuerst auf die herrschenden Machtverhältnisse. Zum anderen glauben auch Benachteiligte des herrschenden Erbrechts oft irrtümlich, dieses sei zu ihrem Vorteil. Damit verhält es sich wie mit dem Zins. Der wird von vielen Normalbürgern als „Freund“ betrachtet, weil sie mit ihren 1000 Euro auf dem Sparkonto 15 Euro Rendite erwirtschaften konnten. Die Betreffenden erkennen nicht, dass rund 30 Prozent ihrer Ausgaben für versteckte Zinsen draufgehen. Ebenso ist es mit dem Erbe: Man freut sich über die Porzellanvase der verstorbenen Tante oder die 5000 Euro, die die alte Mutter noch auf ihrem Sparbuch hatte. Wenige erkennen, dass auch beim Erben die überwältigende Mehrheit der Menschen draufzahlt. Das Gesamtvermögen in Deutschland beläuft sich jährlich auf 8,1 Billionen Euro. „Würde dieses zu gleichen Teilen auf alle neu in das Erwerbsleben Eintretenden verteilt, wären das bis zu 200.000 Euro pro Person.“ (Christian Felber). Jeder, der weniger erbt, gehört rechnerisch also zu den Verlierern. Natürlich ist dieses Beispiel zu „grob“. Wir müssen im Anschluss noch gesondert über die Vererbung von Immobilien und Unternehmen nachdenken.</p>
<p>Wenn wir fragen, warum die meisten Normalbürger dem Prinzip des Erbens intuitiv eher Sympathie entgegenbringen, kommen wir – neben fehlenden Informationen – vor allem auf drei Gründe:<br />
1. Eine Art „Brutpflegeinstinkt“. Man möchte seine Kinder versorgt wissen, auch über den eigenen Tod hinaus.<br />
2. Die Verdrängung des Todes. Man hofft, in seinen Erben noch indirekt weiterleben zu können.<br />
3. Der Wunsch nach Macht. Man möchte über den Tod hinaus das Verhalten der Nachkommen dominieren. Man manipuliert sie sogar schon vor dem Tod, indem man mit dem Erbe lockt oder mit seinem Entzug droht.<br />
4. Hinzu kommt auf der Empfängerseite natürlich die Sehnsucht nach leistungslosem Einkommen.</p>
<p><strong>Erbstreitigkeiten und unfähige Kronprinzen</strong></p>
<p>Von diesen Gründen sind mindestens die ersten beiden legitim und sollten kein Anlass zu Kritik und Spott sein. Es fragt sich jedoch, ob man auf diesen Bedürfnissen unsere Rechtsordnung aufbauen sollte, wenn gewichtige Gründe nach anderen Lösungen verlangen. Man vergisst leicht, dass Erbschaften seit Urzeiten Anlass für viel psychisches Elend, Neid und Ungerechtigkeit waren. Ein Beispiel ist die Situation auf Bauernhöfen im ländlichen Raum. Teilte man Hof und Grund auf alle Kinder auf, so war der Besitz parzelliert, die Einzelteile waren nicht mehr überlebensfähig. Also vererbte man alles dem ältesten Sohn. Der jüngere musste sich beim Nachbarbauern als Knecht verdingen. Die älteste Tochter wurde gut verheiratet. Die jüngere blieb ledig und pflegte aufopferungsvoll die alte Mutter, obwohl diese sie durch Enterben gnadenlos dafür bestraft hatte, eine Frau zu sein. Solche Konstellationen vergiften zahllose Familien nach dem Tod des Erblassers – und schon vorher, indem sich Kinder zu unterwürfigem und intrigantem Verhalten veranlasst sehen. </p>
<p>Nicht besser ist die Situation bei der Vererbung von Familienunternehmen. Christian Felber beklagt: „Das Erbrecht führt dazu, dass die meisten Unternehmen, die heute von UnternehmerInnen aufgebaut werden, morgen von Personen geführt werden, die sich in erster Linie dadurch qualifiziert haben, Sohn und Tochter der VorbesitzerIn zu sein.“ Es gibt also, außer willkürlicher Enterbung, auch noch andere Nachteile der heutigen Praxis: Ungeeignete und unwillige Erben werden in verantwortungsvolle Positionen gehievt und bestimmen über das Wohl und Weh der Angestellten. „Stille Erben“ begnügen sich mit einer Position im Hintergrund und schöpfen im Unternehmen nur den Rahm ab, also Gewinne, die nicht von ihnen, sondern von den Mitarbeitern erwirtschaftet wurden. Fähige Manager werden, da nicht von edlem Geblüt, von der Spitze ferngehalten. Felber spottet: „Fänden Sie es ‚effizient’, dass die Mitglieder des Fußballnationalteams von morgen die Söhne und Töchter der SpielerInnen von heute sind? Fänden Sie es ‚gerecht’? Das heutige Erbrecht funktioniert leider genauso.“ </p>
<p><strong>Milliardenvermögen kann man nicht „verdienen“</strong></p>
<p>In welche Richtung sollten Lösungen also gehen? Der Geldtheoretiker Silvio Gesell (1862-1930) will „arbeitsloses Einkommen“ nicht gänzlich abschaffen und warnt vor dem „sozialistischen Zuchthausstaat“. In der Tat sind Übertreibungen zu vermeiden. „Harte Arbeit“ sollte im Zeitalter der Automatisierung nicht mehr zum Fetisch erhoben werden. Es geht im Kern darum, Eigeninitiative und Leistung nicht zu ersticken, dem emotionalen Bedürfnis der Menschen nach Privateigentum und Versorgung der Nachkommen entgegenzukommen und zugleich ungesunde Überkonzentration von Vermögen, Produktionsmitteln und Boden zu verhindern. </p>
<p>Hierzu gibt es aus jüngerer Zeit ein paar bedenkenswerte Vorschläge. Die Sprecherin der Partei „Die Linke“, Sarah Wagenknecht, argumentiert in ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“: „Wer sein Einfamilienhaus, sein erarbeitetes Spargeld und seine persönlichen Gegenstände in der Hand seiner Kinder wissen will, den sollte der Fiskus in Ruhe lassen. Millionen- oder gar milliardenschwere Großvermögen dagegen beruhen nie nur auf der Arbeitsleistung eines einzelnen Menschen. Vielfach wurden sie selbst bereits ererbt.“ Als Schlussfolgerung schlägt Wagenknecht vor, Erbschaften generell auf 1 Million Euro zu begrenzen. Alles, was darüber hinausgeht, solle mit einer Steuer von 100 Prozent belastet werden.</p>
<p><strong>Angestellte sind keine „Manövriermasse“</strong></p>
<p>Betriebsvermögen, das die 1-Million-Grenze überschreitet, soll laut Wagenknecht jedoch nicht an den Staat gehen, „sondern würde in unveräußerliches Belegschaftseigentum übertragen“. Die meisten Firmenerben, argumentiert sie, seien ohnehin nicht daran interessiert, ein Unternehmen weiterzuführen. Nur 20 Prozent der Unternehmen gingen auf die zweite Generation, nur 7 Prozent auf die dritte Generation über. „Erben führen also nichts weiter, sie verkaufen. Die Beschäftigten, auf deren Arbeit der Unternehmenserfolg wesentlich beruht, werden zur Manövriermasse ohne relevante Mitspracherechte.“ Es geht der linken Politikerin also nicht nur um die gerechte Verteilung von Gewinnen, sondern auch darum, die Würde der Mitarbeiter zu achten. Dies gelingt am besten, indem ihnen Verantwortung und Gemeinschaftseigentum übertragen werden. Indem man die Privilegien derer abbaut, die sich „die Mühe gaben, geboren zu werden“, beschreitet man auch den „Weg in eine echte Leistungsgesellschaft“. </p>
<p>Zur Vererbung von nicht unternehmensgebundenem Vermögen macht Sahra Wagenknecht keine präzisen Angaben. Wichtig scheint, dass Vermögen über 1 Million nicht mehr der „Kriegskasse“ von Machtkartellen zur Verfügung stehen, die damit ein Flächenbombardement gegen den Sozialstaat und die Daseinsvorsorge der Bürger durchführen. Was die Verwendung der eingenommenen Gelder betrifft, so bleibt die talkshowfreudige Linke jedoch vage. Christian Felber macht für die Verwendung der Gelder einen präziseren Vorschlag. Er will Erbschaften bei Finanz- und Immobilienvermögen auf 500.000 Euro pro Person begrenzen. „Darüber hinausgehende Erbvermögen gehen in das Eigentum der Allgemeinheit über und werden zu gleichen Teilen an die Nachkommen der nächsten Generation verteilt.“</p>
<p><strong>Mögliche Lösung: die „demokratische Mitgift“</strong></p>
<p>Diesen Zuschuss für alle Nachkommen nennt Felber die „Demokratische Mitgift“. Sie könnte jungen Menschen z.B. automatisch mit ihrem 18. Geburtstag ausgezahlt werden. Ob diese das Geld dann auf Partys verprassen, den Grundstein für Wohneigentum legen oder für ihre Rente sparen, bleibt ihrem Temperament überlassen. Würde die demokratische Mitgift z.B. 50.000 Euro pro Person betragen, erhielte jemand, der von seinen Eltern später 75.000 Euro erbt, nur noch die Differenz: 25.000. Der Rest käme der Gemeinschaft zugute, speziell: jungen Menschen ohne privates Erbe. Die demokratische Gesellschaft würde Berufsteinsteigern damit signalisieren: Ihr seid uns etwas wert, und wir trauen euch etwas zu. Bisher ist die Botschaft eine andere: Die meisten jungen Menschen werden der Wirtschaft als Billigarbeiter zur Verwertung ausgeliefert, erben unsere Umweltschäden und unsere Schulden, erhalten jedoch keinerlei „Mitgift“.</p>
<p>Was das Weitervererben von Immobilien betrifft, so weist Felber darauf hin, dass in Österreich nur fünf Prozent der Bevölkerung ein Haus besitzen, das mehr wert ist als 450.000 Euro. Die wenigsten würden also bei einer Erbschaftsreform verlieren. Und wer doch betroffen wäre, käme nicht gerade an den Bettelstab, zumal ein Anwesen im Wert von einer Million ja auf zwei Erben verteilt werden könnte. „Eine einzelne Person, die dieses Riesenhaus alleine besitzen möchte, müsste den 500.000 Euro übersteigenden Wert des Hauses der Allgemeinheit ablösen, in den demokratischen Erbpool.“ Für Unternehmen schlägt Christian Felber vor, „dass Familienmitglieder Unternehmensanteile im Wert von maximal zehn Millionen Euro erben dürfen (Startwert). Die darüber hinausgehenden Anteile gehen: a) in das kollektive Eigentum der Beschäftigten über (…) b) an ausgewählte Nichtfamilienmitglieder.“ Dieses Modell wird im Buch natürlich noch präzisiert. </p>
<p><strong>Privilegienerhalt für den Geldadel</strong></p>
<p>Im Übrigen würde eine Begrenzung der Hinterlassenschaften auf ein „Höchsterbe“ einige Probleme lösen, die „rostendes“ Geld (wie es derzeit z.B. bei Regionalwährungen eingesetzt wird) ungelöst lässt. Die Vermögen schmelzen durch „Negativzins“ als Umlaufsicherung nämlich nur sehr langsam. Die ungesunde Konzentration von Macht und Vermögen bleibt lange erhalten. Auch können die Großvermögensbesitzer auf Sachwerte ausweichen: Boden, Immobilien, Lebensmittel. Damit richten sie mitunter noch mehr Schaden an als mit ihren Geldvermögen, die nach spekulativen Anlagemöglichkeiten gieren. Bei einer Obergrenze für Erbschaften risse wenigstens Gevatter Tod den privilegierten Familien das Streichholz aus der Hand, mit dem sie zündeln und das Dach der Realwirtschaft in Brand setzen könnten. </p>
<p>Welches der genannten  Modelle sinnvoll ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Sicher ist, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher. Eine Neuordnung des Erbrechts ist notwendig. Dabei gibt es Grenzlinien, die wir nicht überschreiten sollten, wollen wir nicht in die unmenschliche Variante eines zentralistischen Sozialismus verfallen. So darf die Funktionstüchtigkeit der Betriebe und Höfe nicht verloren gehen. Die Vertreibung von Kindern aus elterlichen Wohnungen und (kleineren) Häusern sollte als besondere Härte vermieden werden. An der Unternehmensführung interessierte und dazu befähigte Söhne und Töchter sollten auf sinnvolle Weise eingebunden werden. Im Wesentlichen aber sollte die Nutzung von vererbtem Gut an eigenen oder gemeinschaftlichen Gebrauch, an Sozialverträglichkeit und an die Bereitschaft gekoppelt sein, durch Eigenleistung dessen Wert zu erhalten. In allen anderen Fällen ist Weitervererbung nichts als Privilegienerhalt für einen Geldadel, den zu alimentieren sich unsere schlingernden Volkswirtschaften nicht mehr leisten können.</p>
<p><strong>Es aus eigener Kraft schaffen</strong></p>
<p>Damit sollen den glücklichen Erben von heute nicht grundsätzlich unlautere Absichten unterstellt werden. Ihre Privilegien sind ja nicht selbst „verschuldet“. Die Hoffnung auf eine Erbschaft ist heute auch eine Kompensation für vorenthaltene Chancen, aus eigener Kraft zu Wohlstand zu gelangen. Arbeit wird vielfach als „Gnade“ von Arbeit-Gebern gewährt, künstlich verknappt und schlecht bezahlt. Da erscheint ein Erbe geradezu als Rettungsanker – der leider eben nicht allen zur Verfügung steht. Wenn aber neben dem Erbrecht auch an anderen politischen Stellschrauben gedreht wird, kann eine Gesellschaft entstehen, die mehr Gelassenheit und positivere Zukunftsaussichten begünstigt. Dann wird auch die Gier nach einem möglichst großen Erbe schwinden. Niemand muss mehr nach dem Vermögen von Vater oder Mutter schielen, wenn ihm eine wertschätzende Gemeinschaft die Startchancen gibt, es selbst zu schaffen.</p>
<p><strong>Literaturtipps:</strong></p>
<p>Christian Felber: Gemeinwohlökonomie, Verlag Deuticke, 160 Seiten, Euro 15,90</p>
<p>Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus, Verlag Eichborn, 365 Seiten, Euro 19,99</p>
<p>Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar, Verlag Bastei Lübbe, 896 Seiten, Euro 9,99</p>
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		<title>Konstantin Wecker: Die Weiße Rose</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Apr 2012 09:42:44 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Konstantin Wecker]]></category>
		<category><![CDATA[Musikvideo/Podcast]]></category>

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		<description><![CDATA[1981/82 komponierte Konstantin Wecker die Filmmusik zu Michael Verhoevens Filmdrama &#8220;Die Weiße Rose&#8221; mit Lena Stolze in der Rolle der Sophie Scholl und Martin Benrath als Professor Kurt Huber. Das parallel dazu entstandene gleichnamige Lied enthält einen der zentralen künstlerischen und politischen Leitsätze Konstantins: &#8220;Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.&#8221; Es erschien erstmals [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1981/82 komponierte Konstantin Wecker die Filmmusik zu Michael Verhoevens Filmdrama &#8220;Die Weiße Rose&#8221; mit Lena Stolze in der Rolle der Sophie Scholl und Martin Benrath als Professor Kurt Huber. Das parallel dazu entstandene gleichnamige Lied enthält einen der zentralen künstlerischen und politischen Leitsätze Konstantins: &#8220;Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.&#8221; Es erschien erstmals 1983 auf der LP &#8220;Filmmusiken&#8221;, wurde 1988 für die Produktion &#8220;ganz schön wecker&#8221; mit dem Modern String Quartet in einer eigens von Konstantin für Klavierquintett arrangierten Fassung neu eingespielt und auch bei &#8220;Classics&#8221; 1991 berücksichtigt. Die aktuellste Aufnahme, live aufgenommen mit dem Spring String Quartet 2009, gibt es auf der CD &#8220;Stürmische Zeiten, mein Schatz&#8221;. Hier eine Liveaufnahme mit Konstantin solo aus dem Jahr 2005. (Alexander Kinsky, Wecker Archiv)<br />
<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/2012/04/18/konstantin-wecker-die-weise-rose/"><em>Click here to view the embedded video.</em></a></p></p>
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		<title>Die Zukunft des menschlichen Bewusstseins</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 08:30:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_8388" class="wp-caption alignleft" style="width: 270px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif" alt="" title="SpiralDynamics" width="260" height="248" class="size-full wp-image-8388" /></a><p class="wp-caption-text">Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</p></div>«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, seine eigene Überwindung durch ein „Höheres“ herbeizuphantasieren. Sicher ist, dass sich das kollektive Bewusstsein der Menschheit weiterentwickelt. Gibt es seriöse Methoden, um die Evolution des Geistes in der näheren Zukunft vorherzusehen? Und dürfen wir hoffen, dass dann endlich Frieden und Vernunft einkehren? (Roland Rottenfußer)<span id="more-8387"></span></p>
<p>Als ich 2008 gefragt wurde, welches meine Voraussagen für 2012 seien, antwortete ich: „Guido Westerwelle wird Außenminister sein“. Die Schreckensvision ist heute Realität, meine ernüchternde Antwort zeigt aber nur, dass ich schon damals von übergroßen Erwartungen an das „Schwellenjahr“ genervt war. Die oben zitierte Behauptung, die Menschheit werde zu „ungeahnter Größe reifen“ wird von zwei Personengruppen erhoben. Die einen verlassen sich auf Sonnenstürme, einen Polsprung oder auf die Intervention wohlwollender Aliens. Die anderen meinen, ein Evolutionssprung des Bewusstseins stünde schlicht deshalb bevor, weil dies so sein müsse. Unsere von Kriegen, religiösem Wahn und Umweltzerstörung gebeutelte Welt verlange danach, dass der menschliche Geist kollektiv wachse – oder sie sei dem Untergang geweiht.</p>
<p>Plausibel ist der Optimismus in beiden Fällen nicht. Betrachten wir die Gegenwart, so gibt es ebenso viele Indizien für einen geistigen Schrumpfungsprozess: Die Frechheit der Banken und Spekulanten wird größer, der Widerstand der Politik kleiner, die Verdummung in den Medien schlimmer. Sicher ist aber, dass sich Bewusstsein in längeren Zeitzyklen entwickelt – und zwar in Richtung auf höhere Komplexität. Der Höhlenmensch unterscheidet sich vom Menschen der mittelalterlichen Ständegesellschaft – und dieser von einem Exponenten des Internetzeitalters. Klar scheint auch, dass sich Entwicklungsprozesse beschleunigen können und dass sich Evolution nach längerer Stagnation oft sprunghaft vollzieht. Die Renaissance in Italien oder die „68er-Bewegung“ sind Beispiel hierfür. </p>
<p><strong>„Der Mensch muss überwunden werden“</strong></p>
<p>Es ist nicht wahrscheinlich, dass dieser Prozess ausgerechnet mit dem heutigen Tag endet. Die Phase von 2011 bis 2013 (oder darüber hinaus) könnte sich durchaus als eine solche Schwellenzeit erweisen. Daher dürfen wir Mutmaßungen darüber anstellen, in welche Richtung die Evolution fortschreiten wird. Wie wird der Mensch der Zukunft denken und fühlen? Was wird ihm wichtig sein, und woran wird er glauben? „Ihr von morgen habt gefunden, was uns unerreichbar schien. Schlugen wir der Welt auch Wunden, vielleicht habt ihr uns verziehen“, heißt es in einem Lied von Udo Jürgens.</p>
<p>Schon Friedrich Nietzsche bekannte in „Also sprach Zarathustra“: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“ Dieser „Übermensch“ – kraftmeierisch, rücksichtslos und von keinem ethischen Skrupel angekränkelt – erscheint heute wie eine Vorausdeutung auf den kapitalistischen Homo oeconomicus. Leider sind Gier und nackter Egoismus eher allzumenschlich als übermenschlich. Als Kontrast schuf Nietzsche eine zweite Vision, die vom „letzten Menschen“. Der ist eine klägliche Verkümmerungsform, die nach Glück und Bequemlichkeit strebt, Leiden zu vermeiden sucht, für jedes Wehwehchen eine Pille bereithält und die Gleichheit aller Menschen fordert. Dies dürfte auf die meisten von uns zutreffen und erscheint wenig schockierend. Nicht wenige andere Denker haben den Menschen als „werdenden Gott“ gedeutet. Die Theosophen ebenso wie der Sufi-Mystiker Gurdjieff oder der indische Guru Sri Aurobindo, der voraussah, ein „supramentales Bewusstsein“ werde zu den Menschen herabsteigen.</p>
<p>Wenn wir uns vom künftigen Menschen ein Bild machen wollen, haben wir mehrere Möglichkeiten:</p>
<p><strong>1. Wir bedienen uns purer Fantasie und Intuition.</strong></p>
<p><strong>2. Wir verlängern die heute sichtbaren Entwicklungslinien</strong> einfach linear weiter in die Zukunft. So könnten wir z.B. die zunehmende Durchdringung des Alltags durch Computer aufs Korn nehmen und uns eine dekadente, entkörperte, komplett von Technik abhängige Menschheit vorstellen. Im Disney-Trickfilm „Wall-E“ bewegen sich übergewichtige Menschen nur noch auf schwebenden Sesseln und lassen sich alle Wünsche per Knopfdruck von Maschinen erfüllen. Das Problem ist: Die Zukunft ist nie nur eine „weiter gedachte“ Gegenwart. Vieles im historischen Prozess erscheint überraschend und chaotisch. So könnte es sein, dass auf die „Virtualisierung“ der Welt eine Gegenbewegung folgt, die wieder zurück zu den natürlichen Wurzeln strebt.</p>
<p><strong>3. Wir betrachten höher entwickelte Zivilisationen</strong> <strong>auf fernen Planeten</strong> und nehmen an, dass sich die Menschheit nach ähnlichen Gesetzen entwickeln wird: Z.B. vom Stammesbewusstsein über das Nationalbewusstsein und das globale Bewusstsein hin zum kosmischen Bewusstsein. Oder von der Verhaftung im Materiellen hin zu einer geistigeren Existenzform, oder sogar bis zur Entstehung feinstofflicher Körper durch „Schwingungsanhebung“. Der Nachteil: Solche evolutionäre Theorien stützen sich nur auf gechannelte oder medial „gesehene“ Aussagen. Deren Authentizität können wir mit gutem Grund beweifeln. Auch halten sich Außerirdische (wenn es sie gibt) vielleicht nicht an unsere irdische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><strong>4. Wir identifizieren lebende Menschen, die wir für besonders weit entwickelt halten</strong>, und betrachten sie als Vorläufer des Kommenden. Wir nehmen an, dass die Masse der Menschen den Pionieren folgen und dass deren Bewusstseinsniveau irgendwann Gemeingut sein wird. Galilei war z.B. ein Vorläufer des rational-naturwissenschaflichen Weltverständnisses. Seinerzeit wurde er von der Kirche angefeindet, heute denken die meisten Menschen im Westen wie er. Sie legen Wert auch empirische Beweise und wissen, dass die Erde nicht Zentrum des Universums ist. Diese Vorgehensweise hat den Nachteil, dass die Wahl der „Pionierindividuen“ oft willkürlich erscheint. Man kann sie in der Vergangenheit leicht ausmachen, in der Gegenwart jedoch nur schwer. Oft genug haben Autoren dabei ihr eigenes Bewusstsein zum Maßstab genommen: „Wo ich bin, ist vorn.“</p>
<p>Aus praktischen Gründen werde ich bei meiner weiteren Analyse trotzdem vor allem den vierten Weg beschreiten. Es gibt extrem unterschiedliche Ansichten darüber, wer als Pionier zu verstehen ist und wie das kollektive Bewusstsein des Zukunftsmenschen beschaffen sein wird.</p>
<p><strong>Theorie 1: Eine Menschheit aus „Vulkaniern“.</strong><br />
Die Emotionen werden abflachen, die technische Intelligenz wird dagegen explodieren. Es findet eine zunehmende Entmaterialisierung statt. Von der Schreibmaschine zum Computer, zum Touchscreen, zum sprach- und schließlich gedankengesteuerten Computer. Damit verbunden wäre vielleicht auch „Dekadenz“ – eine entkörperte und verwöhnte Menschheit, wie sie Nietzsche oder auch der Film „Wall-E“ sahen. Pioniere: Hektische Nerds und Tüftler wie Marc Zuckerberg (Facebook-Gründer).</p>
<p><strong>Theorie 2: Zunehmende übersinnliche Kräfte.</strong><br />
Indigo-Kinder entwickeln fantastische Fähigkeiten, etwa eine Zeitung mit den Füßen zu lesen. Stärker wird auch die Fähigkeit, sich seine Realität magisch selbst zu „kreieren“. Diese Theorie wird vor allem von Autoren des „Positiven Denkens“ vertreten. Pioniere sind meist die Positivdenker selbst, die gemäß dem Gesetz der Anziehung wunschgemäße Ereignisse in ihr Leben rufen. Auch große Yogis wie Babaji können als Vorbilder dienen.</p>
<p><strong>Theorie 3: Erleuchtung für alle</strong><br />
Alternativ könnte auch Erleuchtung, bisher nur wenigen spirituellen Meistern vorbehalten, zum Allgemeingut werden. Andrew Cohen, Herausgeber der Zeitschrift „EnlightenNext“, nennt sein Konzept „Evolutionäre Erleuchtung“ und sieht eine umfassende Transformation des Bewusstseins voraus. Die wachsende Zahl der Erleuchteten sollte sich jedoch nicht der Erde entschweben, sondern helfen, aus ihr einen besseren Ort zu machen. Pioniere wären Gurus und Satsanglehrer – wie Cohen selbst.</p>
<p><strong>Theorie 4: Zunehmendes globales Verantwortungsbewusstsein</strong><br />
Mit oder ohne spirituellen Hintergrund werden sich immer Menschen bewusst, dass wir als Erdbewohner zusammengehören und unseren Lebensraum bewahren müssen. Das Mitgefühl, die Identifikation mit „Allem“ und das Verantwortungsgefühl steigen. Das regionale und nationale erweitert sich zum globalen Bewusstsein. Pioniere sind z.B. Menschen aus dem Umkreis des „Alternativen Nobelpreises“: Hans-Peter Dürr, Vandana Shiva oder Ibrahim Abouleish.</p>
<p>Um eine Idee vom „Menschen der Zukunft“ zu bekommen, ist es hilfreich, sich existierenden Stufenmodelle der Bewusstseinsevolution anzuschauen und hier besonders die fortgeschrittenen Stufen zu beachten. Wir finden in diesen Modellen Elemente aus allen vier genannten Theorien.</p>
<p><strong>Hingabe und Einverständnis</strong></p>
<p>Ein interessantes System entwickelt Wilfried Nelles, der als Therapeut mit Bert Hellingers „Familienstellen“ arbeitet, in seinem Buch „Das Leben hat keinen Rückwärtsgang“. Sein Schnelldurchlauf durch die Bewusstseinsevolution lässt den Menschen bei der unbewussten Einheit mit der Natur starten und führt ihn zunächst – über familiäre, religiöse und nationale Stämme – zur größtmöglichen Vereinzelung. Der moderne Mensch löst sich aus Zwängen und Verbindlichkeiten, sagt „ich will“, verlässt sich im Lebensvollzug auf seine eigenen Kräfte und bei ethischen Entscheidungen auf sein Gewissen. Interessant sind für uns nun die höheren Stufen. Diese zielen aus der Vereinzelung wieder zurück in die Einheit. Zunächst stellen sich Sensibilität für die Bedürfnisse anderer ein, ein solidarisches Empfinden, „ökologisches Bewusstsein“. Man kann die vierte Stufe nach Nelles gut mit der Geistesart eines „typischen 68ers“, Grünen oder Angehörigen der „Therapieszene“ beschreiben. Auch neue Formen undogmatischer Spiritualität tauchen auf. </p>
<p>Wenn wir nun zu noch höheren Stufen fortschreiten, erwartet uns eine Überraschung. Nicht der Willensheros, der sein Schicksal selbst kreiert, erwartet uns hier, sondern pure Hingabe. „Was bedeutet es nun, auf Stufe 5 zu Hause zu sein? Es heißt vor allem, dass man sein Wollen gänzlich aufgegeben hat. (…) Der Wille ist jetzt ganz in den Dienst von dem gestellt, was sich in mir und durch mich manifestiert, in die Welt kommen will. Generell tue ich, was ich tue, weil ich mich durch eine größere Kraft dazu aufgerufen und bewegt fühle. Ich diene.“ Stufe 6 ist dann geprägt durch ein ausgeprägtes „Zeugenbewusstsein“. Wir identifizieren uns nicht mehr mit den Dramen des Ego und erlangen innere Freiheit, indem wir dem Geschehen, das sich durch uns vollziehen will, zuschauen und zustimmen. „Das Bewusstsein der sechsten Stufe ist in Einklang gekommen mit dem Bewusstsein schlechthin, wie es sich in den Erscheinungen – und zwar in allen Erscheinungen – der Welt ausdrückt.“ Dieses Bewusstsein ähnelt, analog zum Lebenszyklus des individuellen Menschen, dem Alter. Und es kann nur auf ein Ziel zufließen: den Tod (des Egos), die Erleuchtung. Auf dieser Stufe ist nicht mehr nur „Einklang“, sondern Identität mit dem kosmischen Ganzen gegeben. </p>
<p><strong>Planet der Erleuchteten</strong></p>
<p>Die Annahme, dass der Erleuchtete Zielpunkt der menschlichen Evolution sei, ähnelt auch dem Modell der „erleuchteten Evolution“ Andrew Cohens. Übrigens wurde das Modell „Von der Einheit zur Vereinzelung, von der Vereinzelung zurück zur Einheit“ in ähnlicher Weise schon von dem großen Jesuiten und Theologen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) entworfen. Pioniere des Zukunftsmenschen nach Wilfried Nelles sind zunächst Künstler, die sich dem Schaffensprozess vollkommen hingeben, sich zum „Kanal“ für das Werk machen, das durch sie kommen will. Dann auch große Dienende und Liebende, Mystiker und Erleuchtete. Die Vorstellung, dass ihnen die Zukunft gehört, wirkt zunächst anziehender als die Vision eines Planeten der Nerds und „Vulkanier“.</p>
<p>Wilfried Nelles Modell hat aber den Nachteil, dass es endgültig in sich abgeschlossen wirkt. Außer dem Erreichen höherer Grade von Hingabe und Einverständnis scheint es für die Menschheit kaum Zukunftsperspektiven zu geben. Es bleibt kaum Raum für das ganz Neue, Unerwartete. Differenzierter und in der Zukunft „ergebnisoffen“ ist das Modell „Spiral Dynamics“, das 1996 von Don Beck begründet und von Ken Wilber weiter entwickelt wurde. Es umfasst 9 Stufen der Bewusstseinsevolution, die – eher willkürlich – mit Farben bezeichnet werden: blau, orange, grün usw. Jede Stufe erscheint als Reaktion auf die Schattenseiten der vorhergehenden. Auf jeder Stufe gibt es gesunde Ausprägungen wie auch Pathologien (Verfallsformen). Spiral Dynamics wurde 2011 von Werner Küstenmacher, Marion Küstenmacher und Tilmann Haberer noch einmal in populärer und ansprechender Form zusammengefasst: „Gott 9.0“. Ich stütze mich im Weiteren vor allem auf dieses Buch.</p>
<p><strong>Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</strong></p>
<p>Wieder interessieren mich hier die höheren Stufen mehr, da wir uns ein Bild vom „Menschen der Zukunft“ machen wollen. Die archaischen Stufen finden sich heute auf der Erde kaum noch: Das tierische Bewusstsein, basierend auf dem puren Überlebensinstinkt („beige“). Die primitive Stammeskultur mit einem magischen Weltverständnis („purpur“). Die Barbarenhorden der Völkerwanderungszeit, die aufbrachen, um neuen Lebensraum zu erobern, unterstützt von Kriegsgöttern („rot“).</p>
<p>Bei den heute lebenden Menschen dominieren die nächsten drei Stufen, die anderswo auch als „Traditionalisten“, „Modernisten“ und „Kulturkreative“ bezeichnet wurden. „Blau“ sind z.B. erzkonservative US-Amerikaner oder muslimische Fundamentalisten. Sie pochen auf Recht und Ordnung, schaffen sich Nationen mit starken Zentralregierungen und halten eine Glaubensvorstellung für wahr, weil sie in der Bibel (oder im Koran) verankert ist. „Orange“ ist jene Geistesart, die im Zeitalter Galileis ihren Anfang nahm: Aufklärung, Vernunft, Technik und Fortschritt, aber auch Individualismus und die Macht des Gewissens gehören zu dieser Stufe. Als Schattenseiten zeigten sich bald die Ausplünderung der Natur, Egoismus, Werteverfall und gar technokratischer Neoliberalismus. Darauf reagierend entstanden die Emanzipationsbewegungen der Arbeiter, Frauen und Drittweltländer sowie die Umweltbewegung („grün“). Sensibilität, Innerlichkeit und Solidarität gewannen als Werte an Gewicht – der „typische 68“ oder Hippie, der bei Wilfried Nelles auf Stufe 3 zuhause ist.<br />
<strong><br />
Zukunftsmenschen: Vernetzte Überflieger</strong></p>
<p>Stellen wir uns also Menschen vor, die vielleicht zu Anti-Atomdemos gehen, im Bioladen einkaufen und einen Yoga-Kurs besuchen. Sind über dieses Bewusstseinsniveau hinaus überhaupt noch Steigerungen denkbar? Beck und Wilber meinten: „ja“ und entwarfen zunächst eine siebte, die „gelbe“ Stufe. Eine „gelbe“ Person kennzeichnet zunächst ein Grundgefühl von Einsamkeit. Ihr geht es auf die Nerven, in Schamanengruppen im Kreis zu tanzen oder auf Demos im Chor „Hoch die internationale Solidarität!“ zu brüllen. Der „Gelbe“ braucht viel Zeit für sich allein und er denkt über allerlei nach: z.B. darüber, ob die Feindbilder der „Grünen“ für ihn überhaupt noch gelten. „Blaue“ Spießer oder „orange“ Technokraten, selbst „purpurne“ Buschleute – alle sind für ihn o.k., auf ihre Weise. </p>
<p>„Gelb“ sieht und würdigt alle Stufen, die davor existierten und entzieht sich somit den Aufgeregtheiten von Klassenkampf oder Frauenbewegung. „Gelb“ denkt „integral“ (im Sinne von integrierend), „systemisch“ und „synthetisch“. Dazu gehört, „Widersprüche auszuhalten, Paradoxes denken zu können und einander widersprechende Prinzipien gleichzeitig treu zu sein.“ Solche Menschen sind individualistischer als „grüne“, sie überwinden Distanzen jedoch, indem sie sich vernetzen – unverbindlich und in Freiheit. Ken Wilber setzte mit „Gelb“ zunächst seiner eigenen Wesensart als philosophischer „Überflieger“ ein Denkmal. Darüber hinaus kann man an die Internet-Generation denken, die sich vernetzt, auf vielen Kanälen kommuniziert, offen ist, jedoch auch „festlegungsscheu“.  Ist diese Geisteshaltung wirklich ein Fortschritt gegenüber „Grün“? Man kann in einigen Punkten Zweifel anmelden. „Gelbe“ sträuben sich gegen Gleichmacherei und würden darauf bestehen, dass der korangläubige türkische Patriarch von nebenan „unter“ ihnen steht, weil er einer früheren, archaischen Evolutionsstufe angehört. Damit ist eine Gefahr von „Gelb“ angesprochen: Überheblichkeit und hierarchisches Denken.</p>
<p><strong>Unfassbare Bewusstseinshöhen</strong></p>
<p>Auf der nächsten Stufe, „Türkis“, werden die Ausführungen von „Gott 9.0“ arg spekulativ, denn kaum ein heute lebende Mensch vermag solche Geisteshöhen zu erklimmen: Alle Menschen der Welt sind demnach „Zellen in diesem einen großen göttlichen Organismus, und nicht nur die Menschen: Auch Tiere, Pflanzen und sogar die unbelebte Natur gehörten dazu.“ Intuition und Instinkt werden wichtiger, paranormale Fähigkeiten verstärken sich, was an die Theorie der „Indigokinder“ erinnert. Auch Gipfelerlebnisse, „Flow“ und spirituelle Erfahrungen, in denen „das personale Ich verschwindet“ treten gehäuft auf. Damit ähnelt „Türkis“ den oberen Entwicklungsstufen bei Wilfried Nelles, die auf Hingabe und Auflösung der getrennten Identität abzielen. Durch Vernetzung und Geistesverschmelzungen werden Einzelne zu „Zellen“ im Körper einer übergeordneten kollektiven Intelligenz. Sich darüber hinaus Entwicklung vorzustellen, fällt schwer. Darum ist die vorerst letzte Stufe im System, „Koralle“, auch rein fiktiv und nicht genau umrissen. </p>
<p>Insgesamt erscheint mir „Spiral Dynamics“ als beachtenswertes und plausibles Modell der Bewusstseinsevolution. Die große Erzählung schwächelt jedoch in der Endphase. Die Stufen sind nicht mehr klar genug konturiert und erscheinen wie ein zusammenhangloses Konglomerat von Eigenschaften, die den Begründern des Weltbilds fortschrittlich schienen. Man könnte „Gelb“ und „Türkis“ auch als eine Stufe interpretieren. Oder als Varianten der Stufen „Orange“ (technikbegeisterte, einzelgängerische Internetgeneration) und „Grün“ (solidarischer Weltbeglückungsanspruch mit mystischem Touch). Gerade „Gelb“ scheint auch stark durch Ken Wilbers persönliche Aversion gegen die US-amerikanischen „Babyboomers“ (68er) und ihre Werte geprägt zu sein. Der Philosoph ist nämlich nicht unbedingt ein Linker. Insgesamt ist das Modell einer möglichen künftigen Bewusstseinsentwicklung nur als (interessanter) Versuch und als vorläufig zu werten. Mit jedem Jahr, das vergeht, tauchen neue Aspekte auf. Einige rücken in den Vordergrund, andere verlieren wieder an Bedeutung. </p>
<p><strong>Nicht am Gras ziehen, damit es wächst!</strong></p>
<p>Wie auch die Quantenphysik zeigt, ist die Zukunft im Prinzip ergebnisoffen und kein bloße Verlängerung der Vergangenheit. Somit sind Vorhersagen so gut wie unmöglich. Das „Unwahrscheinliche“ kann jederzeit geschehen. Das Neue ist weniger durch Vergangenes prädestiniert, sondern tritt aus der Zukunft her kommend aktiv in die Existenz. Daher schreibt Wilfried Nelles mit Recht: „Die meisten von uns empfinden die heutige Zeit als Ende einer langen Entwicklung, nach der nichts Neues, qualitativ anderes mehr kommen kann, anstatt als Stufe in einem Prozess, der weit über uns hinausreicht.“ </p>
<p>Auch das bewusste Heranzüchten erwünschter Eigenschaften des Zukunftsmenschen, wie es Peter Sloderdijk 1999 in „Regeln für den Menschenpark“ vorgeschlagen hat, sollten wir lieber bleiben lassen. Die Evolution entzieht sich hartnäckig allen „Umerziehungsversuchen“ durch den begrenzten menschlichen Verstand. Über die Richtung der Veränderungen können wir Spekulationen anstellen, beschleunigen können wir sie kaum. Das Gras wächst nicht schneller, wenn wir an ihm ziehen. Nelles vergleicht die Evolution mit einem Fluss, dessen Bestimmung es ist, im Ozean zu münden. „Aber so sehr es ihn dorthin ziehen mag (…), so unsinnig wäre es, daran zu arbeiten, möglichst schnell und sofort dorthin zu gelangen. Es würde bedeuten, sein Flusssein zu verleugnen und all die großartigen Landschaften zu verpassen, die er auf dem Weg zum Meer zu durchfließen – und durch sein Fließen mitzugestalten – hat.“ </p>
<p><strong>Buchtipps:</strong><br />
Küstenmacher/Haberer/Küstenmacher: Gott 9.0 – wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, Euro 22,99</p>
<p>Wilfried Nelles: Das Leben hat keinen Rückwärtsgang. Die Evolution des Bewusstseins, spirituelles Wachstum und das Familienstellen. Innenwelt Verlag, 295 Seiten, Euro 16,80</p>
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		<item>
		<title>Konstantin Wecker: Chor der Kriegerwaisen</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 07:22:02 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In unserer lockeren Reihe mit Wecker Liedern von einst bis jetzt ist heute die LP „Wecker“ von 1982 dran, vielen unvergesslich allein schon wegen des Coverbildes &#8211; Konstantin am Klavier in seinem Haus in der Toskana. Auf dieser LP findet sich eine der wenigen Fremdtextvertonungen, die Konstantin (bis 1998, „Brecht“) selbst gesungen hat, der „Chor der Kriegerwaisen (geschrieben zwischen zwei Kriegen)“ von Mascha Kaléko, einer der großen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, die so wie viele andere das Emigrantenschicksal durchleben musste. Hier noch einige Hinweise auf Konstantins Zusammenarbeit mit anderen Textautoren (Auswahl): Maurus Pacher (Lieder für Margot Werner und die Schwabinger Gisela), Bettina Wegner, André Heller, Sigi Maron (für deren LPs zur Zeit der Friedensbewegung 1982 bis 1985), Jutta Richter („Es lebte ein Kind auf den Bäumen“, 1999). Für die Fernsehserie „Kir Royal“ (1986) hat Konstantin übrigens auch „Die blauen Husaren“ von Heinrich Heine vertont. Und in seinem aktuellen Konzertprogramm singt er seine Erich Kästner Vertonung „Ansprache an die Millionäre“.<br />
(Alexander Kinsky, Wecker Archiv)<br />
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