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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Kurzgeschichte/Satire</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Meine ungehaltene Rede</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Mar 2012 10:03:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8230; anlässlich einer nicht erfolgten Kandidatur zur Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich, es war schon immer äußerst unwahrscheinlich, dass Monika Herz je das Amt der Bundespräsidentin bekleiden wird. Aber bei Frau Klarsfeld war es das ja auch, und hat sie deshalb gleich aufgegeben? Jedenfalls haben die vorangegangenen Wirren um den Kleibaz (kleinsten Bundespräsidenten aller Zeiten) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/MonikaHerz.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/MonikaHerz-150x150.jpg" alt="" title="MonikaHerz" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-8152" /></a><strong>&#8230; anlässlich einer nicht erfolgten Kandidatur zur Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland.</strong> Natürlich, es war schon immer äußerst unwahrscheinlich, dass Monika Herz je das Amt der Bundespräsidentin bekleiden wird. Aber bei Frau Klarsfeld war es das ja auch, und hat sie deshalb gleich aufgegeben? Jedenfalls haben die vorangegangenen Wirren um den Kleibaz (kleinsten Bundespräsidenten aller Zeiten) und seinen nun installierten, schon vorab hoch belobigten Nachfolger die Autorin dazu veranlasst, sich schon mal eine angemessene Antrittsrede auszudenken. Für den Fall. Man weiß ja nie, wie lange es dauert, bis wieder eine Nachfolgerin gesucht wird. Und wenn es Monika Herz nicht tut, spricht ja keiner über die wirklich wichtigen Themen: Z.B. über Regionalwährungen, über Direkte Demokratie, über das Bedingungslose Grundeinkommen, das Verbot von Waffenhandel &#8211; und darüber, was Ehre wirklich bedeutet (außer im Zusammenhang mit einem dubiosen Sold)<span id="more-8151"></span></p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende,</p>
<p>niemals hätte ich geglaubt, dass ich das erleben werde! Immerhin stehe ich hier vor Ihnen. Was für ein Glück! Was für eine Freude! Was für eine Ehre! Denn es hat lange gedauert, bis jemand wie ich hier stehen konnte. Das heißt, eigentlich stehe ich gar nicht wirklich hier. Denn für den Job als Bundespräsidentin kann ich ja gar nicht hier stehen. Weil ich nämlich zu jung dafür bin. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 3, Absatz 3:<br />
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. </p>
<p>Das heißt demnach, dass man auf keinen Fall benachteiligt werden darf. Außer wegen dem Alter. Zu jung für den Job als Bundespräsidentin. Es tröstet mich nicht wirklich, dass andere Menschen auch wegen ihres Alters bei der Jobsuche benachteiligt werden dürfen. Diese anderen Menschen sind meist zu alt für die Jobs, die sie gerne hätten. Das heißt: Artikel 3, Absatz 3 lässt viel Spielraum für Benachteiligungen. Vielleicht sollte man ja das Grundgesetz mal neu schreiben. Dann wäre es eine echte Verfassung. Kein vorläufiges Grundgesetz. Aber das will leider keiner. Außer dem Volk selbst, vielleicht.</p>
<p>Draußen vor der Tür steht der Omnibus für Direkte Demokratie. Der ist auch hierher nach Berlin gekommen und bringt Ihnen mindestens 100.000 Unterschriften mit. Diese 100.000 Menschen haben mit ihrem Namen und einem persönlichen Zeichen bestätigt, dass Sie jetzt endlich und zwar sofort – 67 Jahre nach Kriegsende – Volksabstimmungen auf Bundesebene wünschen. Das mit den Volksabstimmungen steht auch im Grundgesetz. Artikel 20, Absatz 2. Der Souverän wünscht und die Abgeordneten haben diesen Wunsch zu erfüllen, meine sehr verehrten, hier versammelten anwesenden Damen und Herren des Deutschen Bundestages!</p>
<p>Seltsamerweise haben 67 % der Kandidaten und Kandidatinnen vor der vergangenen Bundestagswahl versprochen, für ein Gesetz zu stimmen, das Volksabstimmungen auf Bundesebene regelt. Als es dann so weit war und die Linke am 12. November 2010 einen Antrag zur Einführung von Volksentscheiden einbrachte, begannen so viele Abgeordnete wie nie zuvor zu glänzen – und jetzt kommt&#8217;s – sie glänzen nicht etwa wegen der Ehre, weil sie ihr Wort gehalten haben, das sie hoch und heilig versprochen hatten. Sie glänzten durch Abwesenheit. 15,76 % der Abgeordneten gingen da gar nicht erst hin. So viele Abwesende wie noch nie zuvor bei einer Abstimmung. Vielleicht sollten sie eher Ab-Wesende genannt werden, anstatt Ab-Geordnete. Sie hatten offenbar besseres zu tun, als zu zeigen, dass man sich als Volk auf sie verlassen kann. 64 % der Anwesenden waren dann gegen den Antrag. Der Antrag war damit abgelehnt. Das war&#8217;s.</p>
<p><a href="http://www.abgeordnetenwatch.de/einfuehrung_bundesweiter_volksentscheide-605-326.html">http://www.abgeordnetenwatch.de/einfuehrung_bundesweiter_volksentscheide-605-326.html</a></p>
<p>Wofür werden Sie eigentlich bezahlt, meine sehr verehrten heute hier und jetzt anwesenden Damen und Herren des Deutschen Bundestags? Als Souverän und Geldgeber darf man ja mal fragen, oder?</p>
<p>Dass ich heute hier stehe, ist eine Frage der Ehre. Das heißt, eigentlich ist es eher eine Folge der Unehre. Oder noch genauer: Der Unehrlichkeit. Aber nicht von mir. Und auch nicht nur von meinem werten Vorgänger, dem Herrn Wulff. Sondern weil so viele von Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren Bundestagsabgeordnete, gelogen haben. Damals. Vor der Wahl.</p>
<p>Repräsentanten sollten halt einfach nicht lügen. Haben Sie das nicht gelernt? Hat Ihnen das niemand beigebracht?</p>
<p>Das ist eine ganz einfache Spielregel. Denn Lügen haben kurze Amtszeit. So ist das halt nun mal. Wenn man das nicht gelernt hat, dann kann man heutzutage nicht  Bundespräsidentin werden. Deshalb stehe ich jetzt hier allein so rum.</p>
<p>Das Problem mit dem Lügen liegt vielleicht daran, dass besondere Qualifikationen für das Amt der Bundespräsidentin nicht erforderlich sind. Laut Wahlrecht muss man von jemandem der hier versammelten Anwesenden vorgeschlagen werden. Und älter als 40 Jahre sein. Das ist alles. Und dann muss man gewählt werden. Da vor der Wahl ja schon feststand, dass mein sehr verehrter Konkurrent, der Herr Gauck, gewählt wird, hätte mich eigentlich niemand vorschlagen brauchen. </p>
<p>Wenn man die Wahl hat, mich oder Gauck zu wählen, dann wählt man natürlich Gauck. Das weiß man doch schon vorher. Da sind sich doch (fast) alle einig gewesen. Vorher schon. </p>
<p>Meine hoch verehrten Damen und Herren, wie nennt man so etwas? Demokratie? Ach so, die ganz die moderne Form der Demokratie ist das! Die findet nämlich ohne Volk statt. Und ohne nennenswerte Opposition. Und ohne ernstzunehmende Gegenkandidaten. Die wunderbare Einheits-Demokratie. Wie wunderbar! </p>
<p>Vielleicht möchten Sie es sich doch noch einmal überlegen, meine sehr verehrten Anwesenden. </p>
<p>Die Bundespräsidentin ist nämlich das vorletzte Bollwerk zum Schutz der Demokratie. Danach kommt nur noch das Bundesverfassungsgericht. Komisch ist es schon irgendwie, dass meine Vorgänger das nicht so recht gemerkt haben. Die wesentliche Aufgabe der Bundespräsidentin besteht nämlich darin, ein Gesetz zu unterschreiben. Sonst ist es nicht gültig, das Gesetz. Bevor ich etwas unterschreibe, prüfe ich, ob das in Ordnung ist, was da drinsteht. Das heißt also: lesen und schreiben sollte eine Bundespräsidentin schon können. Und verstehen, was da drin steht. Ein Gesetz, das ich nicht verstehe, das unterschreibe ich nicht. Es sollen ziemlich viele solch unverständlicher Gesetze in letzter Zeit allein von der EU gekommen sein. Zum Beispiel 367 Seiten unverständliche Hieroglyphen, allein für ein einziges Gesetz, wo geregelt ist, dass in Zukunft die großen Konzerne Geld schöpfen können. Die Privatisierung des Geldes. In ein paar Jahren haben wir dann Coca-Cola-Geld. Mit dem können wir dann nur noch ausgewählte Produkte kaufen, von Coca-Cola und den Spezln von Coca-Cola. Oder so. Nur noch Konzernware mit Konzerngeld. Coca-Cola ist jetzt bloß ein Beispiel. Keine Schleichwerbung. Ich hätte auch Esso sagen können, oder besser Exxon.</p>
<p>Das Gleiche gilt für dieses ESM-Vertrag, der jetzt unbedingt ganz schnell verabschiedet werden muss. Was steht denn da drin? Ach, da steht bloß drin, dass der ESM nachhaltig das vom BVerfG in seinem  Urteil vom 07. Sept 2011 hervorgehobene Budgetrecht des nationalen Parlaments beschneidet. Und dass ein Gouverneurs-Rat ermächtigt wird, unendlich große Summen von den Vertragspartnern zu fordern, wenn dies zur Rettung der notleidenden Banken erforderlich ist. Weil Staaten die Zinsen nicht mehr zahlen können. Also ein Ermächtigungs-Vertrag? Nein! Nein, nicht doch! Also ich würde so etwas nicht unterschreiben. Und ich hätte auch früher das eine oder andere Gesetz nicht unterschrieben. Wenn ich damals schon Bundespräsidentin gewesen wäre. Dann würde ich aber wahrscheinlich heute nicht hier stehen. Denn eine Bundespräsidentin darf das Bundeskabinett nicht am Regieren hindern. Sonst kommt vielleicht ein schwarzer Mann und schon ist sie tot. Verunglückt. Oder Selbstmord. Leider. Dann gibt es ein feierliches Staatsbegräbnis. Mit viel medialer Volkstrauer und Zapfenstreich.</p>
<p>Mein Vor-Vorgänger, der Herr Köhler sagte: „Bretton Woods II“. Damals in seiner „Berliner Rede“ in der Elisabethkirche am 24. März 2009. Das war schon sehr gefährlich. Aber da das Volk „Bretton Woods II“ sowieso nicht versteht, bekam er eine Gnadenfrist. Bretton Woods II, das ist die Folge von „Bretton Woods“. Sie wissen nicht, was „Bretton Woods“ ist, meine sehr verehrten Anwesenden? Ich kann es Ihnen gerne sagen. „Denn eigentlich beginnt die Geschichte der heutigen Finanzkrise in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1944. In dieser Nacht haben die USA – und das ist bis heute kaum bekannt – die Dokumente der Währungskonferenz von Bretton Woods heimlich umgeschrieben. Als die aus 44 Nationen stammenden Konferenzteilnehmer den Vertrag schließlich unterzeichneten, ahnten sie nicht, dass die USA in dem Dokument das Wort &#8220;Gold&#8221; jeweils um den Zusatz &#8220;oder US-Dollar&#8221; erweitert hatten.“ *</p>
<p>Als der Herr Köhler dann im Flugzeug, auf der Heimreise von Afghanistan davon sprach, dass es sich um einen echten Krieg handelt und dass es hierbei nicht wirklich um die Taliban geht, sondern um die Versorgung der westlichen Welt, da war es dann vorbei mit der Gnadenfrist. Denn das wusste das Volk nämlich auch schon. Das Volk hatte sich nur gewundert, warum keiner der Politiker das wusste. „Wollen die uns für dumm verkaufen!“ fragte sich das Volk. Zum Glück ist das Flugzeug mit dem Herrn Köhler drin nicht abgestürzt. Die Frage ist ja eher: Womit wird die westliche Welt eigentlich aus Afghanistan versorgt. Mit Rohopium? Ach da schau her! Mit dem Zeug kann man nämlich richtig viel Geld machen. Das gibt riesige Summen auf dem Schwarzmarkt. Ins Gefängnis werden aber die Süchtigen gesteckt. Und die kleinen Dealer. Die großen Dealer fliegen im Nadelstreifen-Anzug mit ihren Diplomatenköfferchen voller Geld in der Businessclass herum. Außerdem liegen in dem kargen Bergland noch Unmengen so genannte „Seltene Erden“ herum. Die braucht der Westen nämlich auch. </p>
<p>Und damit bin ich schon im Eiltempo bei meinem dritten Lieblingsthema angekommen. Das erste war „Volk“, wie sie vielleicht gemerkt haben. Ich stehe hier sozusagen ganz allein als Volk so rum. Das zweite war „Macht“, falls sie es nicht gemerkt haben sollten. Und das dritte ist „Geld“.</p>
<p>VOLK – MACHT &#8211; GELD</p>
<p>Zum Geld, in aller Kürze, ich weiß, meine Redezeit ist gleich um.</p>
<p>Bitte überweisen Sie nach der Wahl meinen Ehrensold auf mein Chiemgauer-Konto. Sie wissen nicht, was ein Chiemgauer ist? Der Chiemgauer, das ist ein mehrdeutiger Begriff. 1. ist der Chiemgauer ein Mensch aus Bayern, der im Chiemgau beheimatet ist. Und 2. ist der Chiemgauer die erfolgreichste Komplementärwährung Deutschlands. Ich habe ein Chiemgauer-Konto bei meiner Lieblings-Genossenschafts-Bank von den Genossen von der ehemaligen Post, spätere privatisierte Aktiengesellschaft Telekom. Leider bin ich nicht gefragt worden, ob ich einverstanden bin mit der Privatisierung. Kommunikation ist nämlich nach meiner bescheidenen Meinung etwas so wichtiges für uns als Volk, dass „man“ das nicht hätte verkaufen dürfen. Das gilt übrigens auch für die Transportmittel. Und für die Stromversorgung. Also auf mein „Chiemgauer-Konto“ überweisen Sie bitte meinen Ehrensold! </p>
<p>Über die Höhe meines Ehrensolds, ach, da würde ich sagen, lassen wir doch mal das Volk entscheiden. Ich wär ja mit 13.000,- im Jahr auch zufrieden. Die 13 ist nämlich meine Glückszahl. Jeden Monat 1000,- und an Weihnachten noch mal 1000,- extra. Ich bin ja noch jung. Und ich wünsche mir nämlich mal eine große Familie, die möchte ich gerne beschenken können. 5  Kinder, später dann die Schwiegerkinder, mindestens 3 Ehemänner, davon zwei Ex. Enkelkinder hätte ich dann später auch noch gern ein paar. Das soll ein großes Glück sein. Eltern und Schwiegereltern hat man ja auch zum Beschenken. Und Patenkinder hätte ich auch noch gern. Eins in Tibet, eins in Süddakota, ein Indianerkind, und eins in Bolivien, noch ein Indianerkind. Und eins in Österreich. Da braucht man einfach ein bisschen was für die Geschenke. Dafür hat das Volk bestimmt Verständnis. </p>
<p>Urlaubsgeld brauch ich nicht. Es wird mich schon jemand einladen für umsonst. Das ist so üblich, hab ich gehört, wenn man Bundespräsidentin ist. Den Ehrensold hätte ich dann aber bitte gerne lebenslänglich. Damit würde sich mein Rentenanspruch  immerhin mehr als verdoppeln! Mit diesem Rentenanspruch bin ich ziemlich genau im bundesdeutschen Mittel für Frauen. Frauen haben durchschnittlich 500,- Rente, Männer durchschnittlich 1000,-. Das hab ich so gelesen beim Bundesamt für Statistik.</p>
<p>Und weil wir grad beim Geld sind. Was für die Bundespräsidentin gilt, das sollte natürlich für alle gelten. Bedingungslos. Bedingungsloses Grundeinkommen!</p>
<p>Aber ich fürchte, davon haben Sie bisher genauso wenig gehört, wie vom Chiemgauer und den Komplementärwährungen. Oder haben Sie doch schon mal was davon gehört? Wegen der Petition von der Susanne Wiest vielleicht? Aber die Petition ist von Ihnen leider abgelehnt worden. Ich buchstabiere es Ihnen gerne noch einmal. Bedingungsloses Grund- Einkommen. Sie verstehen das Wort „bedingungslos“ nicht? Das ist so ein ähnliches Wort wie „Freiheit“. Aber das verstehen Sie vermutlich leider auch nicht. Kein Wunder, wenn man sich so anschaut, wie Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Demokratie verstehen.</p>
<p>Ich würde es Ihnen ja gern genauer erklären, aber meine Redezeit ist bald um.</p>
<p>Sie können mich ja wählen, dann kann ich später in aller Ruhe weiterreden. </p>
<p>Über die Ehre zum Beispiel. Denn wenn ich dereinst einmal auch so einen schönen Ehrensold bekomme, dann rede ich auch gerne ein bisschen ausführlicher über die Ehre. </p>
<p>Zur Ehre gehört zum Beispiel, dass man seine Rechnungen bezahlt. Dann ist man ein ehrenwerter Kaufmann. Schulden zahlt man zurück. So hab ich das noch gelernt. Obwohl ich noch so jung bin. Mit Zins und Zinseszins. Besser wäre es allerdings, überhaupt keine Schulden zu machen. Das geht leider nicht immer. Als Hausfrau zum Beispiel braucht man ein Haus, sonst ist man keine richtige Hausfrau. Wenn man nicht so viel geerbt hat, dass es reicht für ein Haus, dann muss man halt doch Schulden machen. Genauso ist es mit einem Staats-Haushalt auch. Ein Staat ist ja auch ein Gebilde. Das hat man sich aufgebaut. Alle haben da mitgebaut. Das ganze Volk. Ein richtiges Kunstwerk. Aber wenn man sich mit dem Schuldenmachen verrechnet hat beim Staatshaushalt, dann kommen die Banken und dann gehört den Banken das schöne Haus. Das war schon immer so, so lange ich zurückdenken kann.</p>
<p>Außer wenn einem die Banken die Schulden erlassen würden. Das tun sie natürlich nicht freiwillig. Die kommen einfach nicht auf die Idee. Stattdessen kommen sie auf die Idee, immer noch mehr Geld zu fordern. Irgendwie artet das aus. Mein Gott! Dann muss man das mit dem Schuldenerlass als Staat halt selber tun. Das geht! Als Staat hat man ja schon Macht. Oder? Und danach ist man dann befreit. Dann kann man aufatmen und von vorn anfangen. Früher gab es das immer wieder mal. Nach dem Krieg zum Beispiel. Man kann das auch VOR dem Krieg machen. Dann hat man sich den Krieg gespart. Das fände ich viel besser. Irgendwie vernünftiger. Weil beim Krieg da verlieren wir Frauen nicht nur unsere Häuser, sondern auch unsere Männer und unsere Kinder. Das ist viel schlimmer. Zur gleichen Zeit gewinnen andere ziemlich viel Geld und ziemlich viel Macht. Mit dem Verkauf von Waffen zum Beispiel. Da sind Sie, mein verehrtes hier und heute anwesendes Bundeskabinett …  ja wo sind Sie denn? Sind Sie da? Da sind Sie ja auch recht gut im Geschäft, nicht wahr? Waffengeschäfte! Da schau her. Erst kürzlich, kurz vor Weihnachten haben Sie wieder 270 Leopard-Panzer nach Saudi-Arabien verkauft. </p>
<p><a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-12/leopard-panzer-saudi-arabien">http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-12/leopard-panzer-saudi-arabien</a></p>
<p>Ein Geschenk der Deutschen an die Saudis. Damit die Machthaber in Saudi-Arabien was haben, um gegen das saudi-arabische Volk vorzugehen. Falls die anfangen würden, zu protestieren. Das darf man nämlich nicht in Saudi-Arabien. Dort darf man noch nicht einmal ein Geburtstagsgedicht zu Ehren des Propheten twittern. Wenn das Gedicht nicht gefällt, erwartet einen dort die Todesstrafe. So wie jetzt dem armen Hamza Kashgari. 23 Jahre ist er jung. Und sitzt im Gefängnis wegen 3 schönen Gedichten. Enthauptung mit dem Schwert. Wenn der Henker keine Lust hat, das Schwert ordentlich zu führen, kann das recht unangenehm für den armen Dichter werden. Dabei sind seine Gedichte wunderschön. Der Prophet hätte sich sicher sehr gefreut, wenn er noch leben würde. Er war ja selber ein Poet. Und ein Visionär. Und ein Rebell. Genauso wie Jesus übrigens. Deshalb mochte der Prophet Jesus damals auch so gern. Ja, wirklich. Der Islam beruft sich auf die Lehren von Jesus. Haben Sie das nicht gewusst? In der Kaaba in Mekka soll sogar eine Statue der Heiligen Maria drinstehen.</p>
<p>Hoffentlich haben Sie nicht auch noch diese neue Geheim-Waffe verkauft. Diese „Silent Sheriffs“. Das ist eine ganz gemeine Waffe für den Nahkampf, habe ich gehört. Die fügt dem Getroffenen einen solch grauenhaften Schmerz zu, dass er niemals wieder freiwillig wohin geht, wo ihm das angetan wurde. Auf eine Demonstration zum Beispiel. Nie mehr! Den Schmerz vergisst der nie! Und was das Beste ist: Bereits 15 Sekunden danach ist der Einsatz von Silent Sheriff nicht mehr nachweisbar. Kein Blut, keine Wunde, kein Nachweis. Die ganz elegante moderne waffentechnologische Lösung gegen Rebellen.</p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=LJEW1Kj4Gio">http://www.youtube.com/watch?v=LJEW1Kj4Gio</a></p>
<p>Sie haben nicht verstanden, dass Sie nicht lügen sollen. Und was noch schlimmer ist: Dass Sie niemanden töten und niemanden verletzen sollen, haben Sie auch nicht verstanden. Ach, Sie machen das nicht selbst? Sie verkaufen „nur“ die Waffen, damit andere besser töten können. Oder Schmerzen zufügen. Aber jetzt ist Schluss damit. Das sage ich Ihnen!</p>
<p>Mein Name ist ja ein traditioneller jüdischer Name, obwohl ich keine Jüdin bin &#8211; jedenfalls so weit ich weiß. In der jüdischen Tradition, da gab es alle 7 Jahre einen großen Schuldenerlass. Von Staats wegen. Da würde ich schon mal gerne drüber reden, wenn ich dann Bundespräsidentin geworden bin. Wenn es das früher schon gab, dann könnte es das ja heute auch mal wieder geben. Das wäre doch eine nette Geste, wenn wir als Deutsche auf wirklich gute alte jüdische Traditionen zurückgreifen würden. Es wäre auf alle Fälle eine nettere Geste, als immer weiter Waffen zu verkaufen, da unten in Jerusalem. Damit die da immer weiter Krieg führen können. Für irgendjemanden scheint sich das zu lohnen. Aber das hab ich ja schon gesagt. So ein Krieg lohnt sich übrigens auch für das Baugewerbe. Irgendjemand muss ja schließlich wieder aufbauen, was die mit den Panzern vorher kaputtgemacht haben. Und wer bauen will, braucht Geld. Deshalb lohnt sich so ein Krieg auch wieder für die Banken. Es ist ein einziges Ringelreihe-Spiel.</p>
<p>Statt den Banken immer noch mehr Geld in den Rachen zu werfen, würde ich sagen: Schuldenerlass. Geld selber machen. Ehrensold auf das Chiemgauer-Konto. Geht doch!</p>
<p>So. Und jetzt dürfen Sie wählen gehen! </p>
<p>Sie können ja mich wählen, wenn Sie könnten! Sie haben nicht die Wahl, mich zu wählen? Komisch. Wie konnte es nur so weit kommen, dass Sie keine Wahl haben? Das muss am Grundgesetz liegen. Weil das Grundgesetz eigentlich eine richtige Verfassung sein sollte. In dieser Verfassung könnte dann auch drin stehen, dass man wegen des Alters nicht benachteiligt werden darf. Und dass die wirklich wichtigen Dinge, wie etwa der Verkauf von Staatseigentum oder Zusammenschlüsse und Verträge mit übergeordneten Organisationseinheiten vom Volk abgesegnet werden muss. Ich mein ja bloß. </p>
<p>Wenn Sie  keine Wahl haben, dann geht es Ihnen wie uns. Wir haben nämlich auch keine Wahl. Wir haben nur noch die große schwarz-rot-grün-gelbe Einheitspartei. Alternativlos. Die Linke geht gar nicht. Und die Piraten, die kennt man noch nicht. Vielleicht sind die Piraten ja die letzte Chance, wenn man keine Wahl mehr hat. Denn wer keine Wahl hat, hat auch keine Chancen mehr. Vielleicht sollten Sie die nicht vorhandenen Chancen doch nutzen.</p>
<p>Bevor das Volk noch so richtig grantig wird. Ich hör es ja schon länger deutlich murren. Wenn das Volk hörbar murrt, dann sollten gewisse Leute anfangen, mal ein bisschen nachzudenken. Oder umzudenken. Man kann in so einem Kopf nicht nur in Kategorien von links oder rechts, oben oder unten denken. Man kann auch vernetzt denken. Sie könnten auch darüber nachdenken, ob sie so weitermachen wollen wie bisher. Das wäre doch mal ein lohnenswerter Gedanke. Ein wirklich gewinnbringender Gedanke.</p>
<p>Wenn Sie dann vor der Urne stehen, dann denken Sie bitte noch einmal kurz daran, dass Sie selbst dereinst vielleicht auch in so einer Urne stecken werden. Als Asche. Das ist Ihnen egal? Dann haben Sie noch nicht verstanden, dass das Leben nach der Urne weitergeht. Und zwar als Folge von dem, was da als Geist in der Urne drinsteckt. Das ist eigentlich ganz einfach zu verstehen.</p>
<p>Und jetzt gehen Sie bitte und wählen Sie.</p>
<p>Monika Herz am 29.02.2012</p>
<p>Zitat Georg Zoche aus WELT MACHT GELD<br />
<a href="http://www.weltmachtgeld.de/">http://www.weltmachtgeld.de/</a></p>
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		<title>Die Wahren Konservativen</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Jul 2011 09:32:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wirklich fortschrittlich zu sein, bedeutet heute, konservativ zu sein.“ Klingt kühn! Die neu gegründete Partei „Die Wahren Konservativen“ (DWK) errang bei der Landtagswahl jedenfalls einen Achtungserfolg. Sind die Mannen um Parteichef Giselher Bleibtreu nur technikfeindliche Besitzstandswahrer, wie ihre Gegner höhnen? Oder treffen sie den Nerv einer Zeit, die unter Entfremdung und Beschleunigung stöhnt? Beim Interview [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/07/Bauernhausmuseum-kl.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/07/Bauernhausmuseum-kl-300x225.jpg" alt="" title="Bauernhausmuseum-kl" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-5635" /></a>„Wirklich fortschrittlich zu sein, bedeutet heute, konservativ zu sein.“ Klingt kühn! Die neu gegründete Partei „Die Wahren Konservativen“ (DWK) errang bei der Landtagswahl jedenfalls einen Achtungserfolg. Sind die Mannen um Parteichef Giselher Bleibtreu nur technikfeindliche Besitzstandswahrer, wie ihre Gegner höhnen? Oder treffen sie den Nerv einer Zeit, die unter Entfremdung und Beschleunigung stöhnt? Beim Interview hat Bleibtreu jedenfalls einige Überraschungen parat. (Interview: Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-5632"></span></p>
<p><strong>Herr Bleibtreu, Sie sind jünger und flotter als ich Sie mir vorgestellt hatte.</strong></p>
<p>Was haben Sie denn gedacht? Der Vorsitzende der Wahren Konservativen als verknöcherter Alter im Trachtenjanker, der Heino hört und über Ausländer schimpft?</p>
<p><strong>So ungefähr.</strong></p>
<p>Richtig ist, dass ich Dinge liebe, die sich bewährt haben und lange halten. Z.B. das das Leinenhemd, das ich trage. Ich höre Lieder von Reinhard Mey bis Franz Schubert. Wichtig ist aber nicht das Alter, sondern die Wertbeständigkeit. Ich prüfe sorgfältig, ob etwas von Wert ist und halte ihm dann die Treue. Das gilt für meine Frau genauso wie für meinen Lieblingsrotwein oder für die alte Linde, zu der ich immer mit dem Rad fahre, um darunter ein Buch von Thomas Mann zu lesen. </p>
<p><strong>So originell ist es gar nicht, etwas bewahren zu wollen. Die Grünen wollen die Umwelt schützen, die Linken die Besitzstände der Arbeitnehmer. Warum glauben Sie, dass Ihre Partei trotzdem nötig ist?</strong></p>
<p>Für uns ist es ein Lebensgefühl, das viele Lebensbereiche berührt, nicht nur den Umweltschutz. Schauen Sie, fast jeder fühlt sich in einem historischen Stadtkern wohler als in modernen Hochhaus-Silos – ob Luzern, Burghausen oder Volterra. Viele kleine Läden mit persönlicher Beratung im Quartier sind schöner als ein monströses Einkaufszentrum am Stadtrand. Alte Kirchen, Burgen und Fachwerkhäuser faszinieren uns. Die Atmosphäre eines Botanischen Gartens mit vermoosten Statuen und alten Eichen – jeder spürt, dass daran etwas stimmig ist, was in der modernen Welt nicht mehr stimmt. Konservativ ist aber auch die Bewahrung von altem Saatgut, der Verzicht auf Kunstdünger, die Abscheu vor Massentierhaltung, die alte geflochtene Einkaufstasche, die wir statt Plastiktüten verwenden oder die überlieferten Kräuterrezepte statt Antibiotika. Wir befürworten traditionelle Formen des Wirtschaftens wie die Genossenschaft, die Raiffeisenbanken oder Allmenden, gemeinschaftliche Grundbesitz. Verbündete haben wir in vielen Bewegungen. Die nennen sich nur nicht unbedingt „konservativ“.</p>
<p><strong>Ihre Bezeichnung „Die wahren Konservativen“ suggeriert, dass es auch falsche gibt. </strong></p>
<p>Ja. Genau genommen gibt es Konservative als politische Kraft heute gar nicht mehr. Wenn Politiker irrtümlich so bezeichnet werden, sind es entweder Rechtsradikale oder Neoliberale, also technokratische Modernisten.</p>
<p><strong>Leiden Sie darunter, dass viele Kommentatoren Sie in die rechte Ecke drängen?</strong></p>
<p>Ach was! Das ist nur der leichteste Weg, um politische Konkurrenz madig zu machen. Nehmen wir das Thema Ausländerfeindlichkeit: Migranten sind entweder per Einbürgerung Vollmitglieder unserer Gemeinschaft, oder es sind Gäste. In beiden Fällen verlangt es die Ehre, ihnen mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen. Daher finden Sie in unserem Programm nichts von Fremdenfeindlichkeit. Wir sind gegen eine globale Einheitskultur, die uns assimilieren will wie ein Borg-Raumschiff bei „Star Trek“. Viele in unserer Partei beschäftigen sich mit den traditionellen Kulturen anderer Völker: Ich selbst lerne gerade Arabisch und interessiere mich außerdem für Tibet. Die Vielfalt ist konservativ, der Einheitsbrei modernistisch.</p>
<p><strong>Aber Sie wettern gegen Anglizismen wie „Bachelor“ oder „Basement“ und blasen damit ins selbe Horn wie Rechtspopulisten.</strong></p>
<p>Das Englische ist mir willkommen als einer von vielen interessanten Kulturkreisen. Ich liebe z.B. englische Literaturverfilmungen. Aber kulturelle und sprachliche Besatzungsmacht ruft der anglo-amerikanische Einfluss meinen entschiedenen Widerstand heraus. Unlängst legte ich eine DVD ein, und das Programm fragte mich, ob ich sie lieber auf englisch oder auf deutsch sehen wollte. Erschreckend ist, dass ich einen Moment zögerte, bevor ich auf „deutsch“ klickte. Ich hatte noch die Ansage in der U-Bahn im Ohr: „For regional and national destinations, please change!“ Da fühle ich mich kolonialisiert im eigenen Land.</p>
<p><strong>Und Politiker wie Merkel, Berlusconi oder Bush würden Sie nicht als Konservative durchgehen lassen?</strong></p>
<p>Um Gottes willen, das sind eher Karikaturen des Konservativismus. Die bedienen aus purer Berechnung einen militaristisch-autoritären Randbereich unseres Spektrums. Sie fordern harte Strafen für Verlierer der Systeme, die sie selbst geschaffen haben. Sie marschieren in Länder ein, die ihnen nichts getan habe und grüßen mit gespielter Ergriffenheit den Fetisch der Nationalflagge. Nein, danke! Der Konservative bewahrt zunächst sich selbst, und das ist unvereinbar mit einem Bild des Menschen als Ware. Konservativ zu sein heißt also vor allem, die Macht des Kommerziellen zu brechen. Es ist die Lebenslüge der so genannten christlichen und bürgerlichen Parteien, dass sie dem Ökonomismus ihre Seele verkauft haben, zugleich aber mit dem Begriff „konservativ“ hausieren gehen. Ihr Dogma, der Neoliberalismus, zerstört Heimat und Familie, Ehre und Vertrauen.</p>
<p><strong>Geht’s auch weniger pathetisch?</strong></p>
<p>Wer sein Herz am Eingangstor zur politischen Karriere abgegeben hat, nennt uns gern „irrational“. Selbstverständlich hat Konservativsein auch etwas mit Emotionalität zu tun, die noch nicht unter Sachzwängen vergraben ist. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden viele Menschen entwurzelt. Sie mussten ihre ländlichen Regionen verlassen und fanden sich in einer Stadtlandschaft von unfassbarer Hässlichkeit wieder. Das hat Millionen von Menschen das Rückgrat gebrochen. Sie verloren das Gefühl dafür, was ihnen gut tut und was nicht. Im Kommunikationszeitalter kommen ein massiver Verfügbarkeitsdruck dazu und der Zwang zu unbegrenzter Flexibilität. Für die Karriere muss man jederzeit bereit sein, Frau, Kinder, Freunde und gewohnte Umgebung zu verlassen. Nichts gegen Reisen, aber man braucht einen Ort, zu dem man zurückkehren kann</p>
<p><strong>Wenn ich Sie höre, denke ich an Trachtenvereine und den sonntäglichen Kirchgang.</strong></p>
<p>Mein Begriff von „Heimat“ ist viel umfassender. Arbeitnehmern wird heute nicht einmal ein eigenes Zimmer gegönnt mit einer Wand drum herum, die sie mit Bildern schmücken können, die sie lieben. Sie müssen bereit sein, sich heute hier, morgen dort einzuloggen und wie Nomaden die beruflichen Menschlichkeitswüsten zu durchwandern. Die moderne Welt, das sind Großraumbüros oder Großraumabteile voll piepsender Handys und plappernder Wichtigtuer.</p>
<p><strong>Gute Detailbeobachtungen, aber noch kein politisches Programm.</strong></p>
<p>Der Berufsalltag ist politisch. George Orwell erzählt von einem System, in dem es keine Solidarität mehr gibt außer zum Großen Bruder. Der Große Bruder von heute, das sind die Machtkartelle des Turbokapitalismus: Großkonzerne, Banken und willfährige Medien. Entwurzelte Menschen sind leichter manipulierbar, deshalb versuchen die technokratischen Eliten, alles Konservative zu ironisieren. Genauso schlimm ist aber der Wachstumszwang. Dahinter steckt die Dynamik des zinsbasierten Geldes. Wachstumszwang bedeutet Veränderungszwang, und heute wächst das Tempo der Veränderung mit der Dynamik einer Exponentialkurve.</p>
<p><strong>Was ist daran so schlimm? Wollen sie den Status Quo auf ewig einfrieren?</strong></p>
<p>Nein, Entwicklung ist unvermeidlich und oft auch gut. Aber das Tempo der Veränderung muss sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt. Heute haben wir es geradezu mit einem Innovationsterror zu tun. </p>
<p><strong>Jetzt übertreiben Sie aber!</strong></p>
<p>Keineswegs: Konservativ zu sein bedeutet, die Zufriedenheit des Einzelnen und der Gemeinschaft als Ziel wirtschaftlichen Handelns anzuerkennen. Dazu braucht es die Freiheit, einen Lebensstil zu verwirklichen, der es der Seele erlaubt, zu atmen. Für viele Menschen bedeutet das: ein genügsames Leben ohne Hetze, erfüllende menschliche Beziehungen, Naturbezug und eine gesunde Balance von Leben und Arbeiten. Leider gelten zufriedene Menschen aber heute als Feinde einer florierenden Wirtschaft. Sie weigern sich, den Herstellern von technischem Schnickschnack als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Die Industrie geht deshalb immer mehr dazu über, den Konsumanreiz durch Konsumzwang zu ersetzen. Ist der Drucker z.B. kaputt, behauptet der Hersteller, dass sich die Reparatur nicht lohnt. Für den Preis bekommt man schon einen Neuen. Wird ein neuer Fernseher gekauft, muss ein HDMI-Kabel her, weil das Scart-Kabel nicht mehr kompatibel ist. Es herrscht der Zwang zum permanenten Update in immer kürzeren Rhythmen. </p>
<p><strong>Da kann ich Ihnen folgen. Aber gerade jüngere Leute sind nicht wie Sie. Sie sind fasziniert von technischen Innovationen und informieren sich freiwillig.</strong></p>
<p>Teilweise geben ich Ihnen Recht. Das Problem ist nicht, dass es Computerbastler gibt, sondern dass sie unsere Epoche dominieren. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Soldat das prägende Leitbild einer ganzen Kultur. Heute befinden wir alle uns in der Hand von jungen Computer-Schnöseln. Wir verbrauchen viel Zeit und Energie, um mit Hilfe von Technologien Probleme zu lösen, die ohne sie gar nicht entstanden wären. Ich behaupte: Was es vor 10 Jahren noch nicht gab und von niemandem vermisst wurde – etwa BlueRay oder SmartPhone – kann nicht so wichtig sein. </p>
<p><strong>Das klingt für mich, als ob Sie 90 wären, nicht 45!</strong></p>
<p>Ich rufe nicht „Hosianna!“, nur weil etwas brandneu ist und verhalte mich erst mal abwartend und skeptisch. Gespräche unter Jüngeren klingen heute schon so, als würde man Außerirdischen in einem Science Fiction-Film zuhören, die mit dem mobilen Emitter die Deflektor-Phalanx rekalibrieren. Natur verbindet, Technik trennt. Das Erlebnis, am Waldrand ein rosa Büschel aus Lichtnelken zu bewundern oder ein Eichhörnchen beim Erklimmen eines Baums zu beobachten, teilen wir mit unseren Vorfahren. Heute verspotten mich Jugendliche, weil ich statt mit ICQ noch per Email kommuniziere, und für meine Eltern sind selbst Emails ein Rätsel.</p>
<p><strong>Ich weiß, was Sie meinen. Aber es hilft doch nichts, auf den Jugendlichen herumzuhacken. Die Regeln, nach denen junge Computerbastler spielen, wurden doch von Älteren gemacht.</strong></p>
<p>Völlig richtig. Die Jungen sind auch Opfer massiver Manipulation. Damit sind wir bei einer Kernthese meiner Partei: Es gibt in einer Gesellschaft normalerweise ein Gleichgewicht von progressiven und konservativen Kräften. Die einen treiben die Evolution voran, indem sie Visionen einer besseren Welt entwerfen. Die anderen prüfen, was ihnen angeboten wird und lehnen Teile des Neuen als untauglich ab. Ein ungesundes Übergewicht der konservativen Kräfte kann auch problematisch sein: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.“ Heute erleben wir aber die gegenteilige Übertreibung: die permanente, erzwungene, sich beschleunigende Innovation. </p>
<p><strong>Was ist der Grund für diese Entwicklung?</strong></p>
<p>Der Kommerz! Er hat das Gleichgewicht zwischen Verändern und Bewahren zerstört, zugunsten einer Diktatur des Fortschritts. Wertbeständigkeit, eine der Kerntugenden der Konservativen, rechnet sich einfach nicht. Kleider, die zehn Jahre halten, oder Drucker, die 20 Jahre störungsfrei funktionieren, stören die Vermarktungsabsichten der Konzerne. Ein Gedichtband von Rilke, der die Seele über Jahre erfüllt, macht den Kauf unzähliger Modemagazine unnötig. Fortschritt ist ein Tarnbegriff, der die wahre Antriebskraft des Ökonomismus maskiert: den Profit. Wie wenig den Neoliberalen an wirklichem Fortschritt gelegen ist, sieht man daran, dass bestimmte nützliche Innovationen verzögert werden. Elektroautos z.B. sind noch nicht serienreif, weil eine ehrlose Benzinmafia das verhindert.</p>
<p><strong>In Ihrem Parteiprogramm ist jedes zweite Wort „Ehre“. Und da wundern Sie sich, wenn man Sie als reichlich altbacken wahrnimmt.</strong></p>
<p>Ja, man hört den Begriff heute kaum mehr – außer im Zusammenhang mit Ehrenmorden. Genau daran krankt ja unsere Gesellschaft. Ehre ist, was unser Leben lebenswert macht, weil das Gesetz immer nur eine Annäherung an wünschenswertes Verhalten erzwingen kann. Du kannst im Gefängnis sitzen, weil du höchst ehrenhaft gehandelt hast. Du kannst aber auch in Freiheit sein, reich und hoch angesehen, und ein Lump. Ein Manager, der für höhere Renditen die Mitarbeiter entlässt, denen die Aktionäre ihren Reichtum verdanken, hat seine Ehre verloren. Er müsste gesellschaftlich geächtet werden, bis er den Schaden wieder gut gemacht habe. Heute darf so ein Mensch nicht nur auf Schonung hoffen, er wird auch noch hofiert, und man lobt seinen Mut zu unpopulären Entscheidungen.</p>
<p><strong>Wenn es ein Verbrechen ist, seinen eigenen Vorteil zu suchen, sind wohl 99 Prozent der Menschen für Sie nicht mehr satisfaktionsfähig!?</strong></p>
<p>Ehre heißt, aufgrund von Weisheit, Güte und Gemeinschaftsgeist freiwillig auf Vorteile zu verzichten. Es bedeutet, Menschen auch dann gut zu behandeln, wenn sie nicht die Macht haben, uns andernfalls zu schaden. Wir haben im Landkreis einen kleinen Bio-Hühnerhof. Die Bäuerin lässt die Tür zum Eierlager offen und legt ihren Kunden vertrauensvoll ein Portemonnaie hin, um zu bezahlen. Es wäre leicht möglich, Eier und Geld zu stehlen. Aber es wäre unehrenhaft, verstehen Sie?</p>
<p><strong>Natürlich.</strong></p>
<p>Im Film „Zeiten des Aufruhrs“ gibt es einen schöne Satz: „Im Grunde wissen wir immer, was die Wahrheit ist, egal wie lange wir ohne sie gelebt haben.“ Das gilt auch für die Ehre. Ihre Grundregeln kennt jeder in einem vergessenen Winkel seiner Seele. Wir treten nicht auf einen Schwachen ein, der am Boden liegt, wir helfen ihm auf. Wir veruntreuen kein Geld, das uns anvertraut ist, selbst wenn wir vor dem Gesetz damit durchkommen. Wir suchen einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen, anstatt wie ein kleines Kind andauernd „Ich!“ zu schreien. Wir stehlen die Ernte nicht von dem, der für sie hart gearbeitet hat. Wir verkaufen die Menschen, die uns vertrauensvoll zu ihren Vertretern bestellt haben, nicht für Geld an Dritte. Sehen Sie, worauf ich hinaus will? Unser politisches und ökonomisches System hat längst seine Ehre verloren.</p>
<p><strong>Das sind starke Worte!</strong></p>
<p>Das muss so deutlich gesagt werden. Richtig verstandene Ehre ist, wonach sich viele Menschen verzweifelt sehnen. Es bedeutet, vertrauen zu können und sich selbst als vertrauenswürdig zu erleben. Als Erwachsene haben wir durch bittere Erfahrung gelernt, dass wir misstrauisch sein müssen, weil Ehre unserem Gegenüber nichts bedeutet. Wenn wir in eine Geschäftsbeziehung eintreten, erwarten wir vom Anderen nichts anderes, als dass er uns übervorteilt, wo er kann. Fast jeder agiert nach dem Motto: „Ich nehme von Dir, was ich kriegen kann, solange ich glaube, dass du dich nicht wehren kannst.“ Firmen und Staat scheinen Tag und Nacht damit beschäftigt, Tricks zu ersinnen, wie sie uns immer weniger geben und dafür immer mehr nehmen können. Jeder kennt Beispiele: Mogelpackungen, gepanschtes Essen, Abzocker-Hotlines mit Endlos-Warteschleife, erzwungene Selbstbedienung statt Service, die Schließung der Stadtbücherei bei gleichzeitiger Erhöhung der Parkgebühren … Es ist eine Welt, in der die Menschen einander belauern, ohne einander zu achten, weil jeder insgeheim weiß, dass er selbst nicht achtenswert ist. </p>
<p><strong>Glauben Sie, dass Moralpredigten das ändern können?</strong></p>
<p>Moral kann einen Systemwechsel nur ergänzen, nicht ersetzen. Ich habe schon angedeutet, dass der Wachstumszwang abgeschafft werden muss. Wir brauchen ein am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaftssystem, basierend auf einem Geld ohne Zins. Um die Gier als psychologischen Motor der Zerstörung zu stoppen, ist es wichtig, neben den Mindestlöhnen auch Höchstlöhne festzulegen. Wenn es nicht mehr so viel zu gewinnen und zu verlieren gibt, lässt der seelische Druck nach, der uns zerreißt. Wenn wir wollen, dass Firmen ehrlich arbeiten und uns Kunden nicht mit Wegwerfprodukten und Serviceabbau quälen, müssen wir ihnen den Existenzdruck nehmen. Das bedeutet weniger Konkurrenz, kostenlose Kredite, notfalls finanzielle Förderung durch die Gemeinschaft. Den öffentlichen Kassen und gemeinwohlorientierten Unternehmen muss also mehr Geld zur Verfügung stehen.</p>
<p><strong>Und wo soll das Geld herkommen?</strong></p>
<p>Es muss durch Enteignung von denen zurückgeholt haben, die es sich legal, aber illegitim angeeignet haben. </p>
<p><strong>Das klingt eher nach der extremen Linken als nach einer konservativen Partei.</strong></p>
<p>Weil wahre Sozialisten, wahre Unweltschützer und wahre Konservative viel gemeinsam haben: die Vision eines guten Lebens, Fairness gegenüber allen Mitgeschöpfen, Gerechtigkeit und eine natürlichen Ordnung, die ungesunde Extreme meidet. Trotzdem haben wir unsere Partei „konservativ“ genannt habe, weil es diese Farbe ist, die im Spektrum am schmerzlichsten fehlt. Konservativ zu sein heißt heute, traurig und wütend zu sein, weil mächtige Kräfte mutwillig zerstören, was an unsere Welt liebenswert war. Wir Wahren Konservativen wollen Traurigkeit und Wut kanalisieren und uns den Abrissbirnen in den Weg stellen. Fortschritt bedeutet nicht, die Menschen zu zwingen, TAN-Nummern in Handys zu tippen, es meint eine <em>tatsächliche</em> Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen. Wirklich fortschrittlich zu sein bedeutet folglich heute, konservativ zu sein.</p>
<p>(Anmerkung: Giselher Bleibtreu ist eine Zweitpersönlichkeit von Roland Rottenfußer. In Mentalität und Ausdrucksweise unterscheidet er sich in einigen Nuancen vom Autor. Bleibtreus zentrale Aussagen und sein Lebensgefühl sind jedoch authentisch.)</p>
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		<title>Satire: Unerwarteter Besuch</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Apr 2011 09:49:31 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Die endgültige Lösung der Sozialschmarotzerfrage. Auf dem Amt zeigen sich Hartz-IV-Empfänger von ihrer Sonnenseite. Daheim, in den eigenen vier Wänden glauben sie sich jedoch unbeobachtet und sinnen Tag und Nacht darüber nach, wie sie den Steuerzahler um sein ehrliches verdientes Geld bringen können. Die Arbeitsagentur weiß jedoch, mit welchen Mitteln der allfällige Missbrauch eingedämmt werden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/04/Schatten2.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/04/Schatten2-150x150.jpg" alt="" title="Schatten2" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-4819" /></a><strong>Die endgültige Lösung der Sozialschmarotzerfrage. </strong>Auf dem Amt zeigen sich Hartz-IV-Empfänger von ihrer Sonnenseite. Daheim, in den eigenen vier Wänden glauben sie sich jedoch unbeobachtet und sinnen Tag und Nacht darüber nach, wie sie den Steuerzahler um sein ehrliches verdientes Geld bringen können. Die Arbeitsagentur weiß jedoch, mit welchen Mitteln der allfällige Missbrauch eingedämmt werden kann: Strengere Kontrollen, härtere Strafen. Wenn Intimität dem Sozialmissbrauch Vorschub leistet, dann darf es eben keine Intimsphäre für Leistungsbezieher mehr geben. Das könnte dann ungefähr so aussehen wie in dieser Geschichte &#8230; (Roland Rottenfußer)</p>
<p><span id="more-4817"></span>Zuerst war da nur ein Schatten in meinem Schlafzimmer, besser gesagt: die Ahnung eines Schattens. Ich konnte ihn nur aus dem Augenwinkel sehen, weil ich oben lag. Im Schlafzimmer war nur die rosa Salzkristalllampe an. Durch die Ritzen des Rollos drang schon das Dunkelblau des beginnenden Morgens. Erste Lichter regten sich auf der Strasse. Da beunruhigte es mich nicht, wenn gelegentlich dunkle Flecken über die Bettdecke wanderten. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht glauben, dass da jemand war. Jessica und ich waren mit unserem Liebesspiel gleichsam in einen heiligen Raum eingetreten. Jede Berührung, jeden Duft verkosteten wir mit äusserst geschärften Sinnen. Hinzu kam, dass es mit Jessica nicht nur Triebbefriedigung war, sondern echte Liebe. Für einen Mann ohne Beruf, den selbst eine Einladung zum Kaffee in Finanznöte stürzte, war es schwer, eine Frau zu finden. Über jeder Begegnung mit dem anderen Geschlecht schwebte immer ein «Trotzdem»: Würde sie mich trotzdem lieben? Jessica war anders. Sie wirkte völlig aufrichtig, als sie sagte: «Ich hab so was wie mit dir noch nie erlebt.» </p>
<p>Es heisst ja, man könne spüren, wenn einem jemand auf den Rücken starrt. Ich war noch nie überzeugt davon und hielt es für esoterische Spinnerei. Trotzdem konnte ich den Gedanken an einen unheimlichen Besucher im Raum nicht einfach wegdrängen. Die Folge war, dass meine Konzentration schwand und mir meine Standfestigkeit gerade in dem Moment abhanden kam, als eine neue Phase des Liebesspiels beginnen sollte. Jessica hatte die Augen immer geschlossen gehalten. Als sie sie einen Spalt öffnete und gleich darauf weit aufriss, dachte ich zuerst, meine körperlichen Vorzüge hätten sie in Wallung gebracht. Doch sie stiess mich mit einem Ruck und erstaunlicher Körperkraft von sich und schrie: «Da ist jemand im Zimmer!» Jetzt sah auch ich mich um und sah den Schatten. Ein Gesicht löste sich aus dem Dämmerlicht: Es war Herr Löhlein.</p>
<p>Seltsamerweise löste sich unsere Angst bei seinem Anblick von Herrn Löhlein sofort in Nichts auf: Seine unspektakuläre Erscheinung liess keinen Raum für Befürchtungen, wir könnten beraubt oder niedergeschlagen werden. Löhlein war ein kleiner, korrekt gekleideter Herr mit akkuratem Mittelscheitel, schmalem Gesicht und tief liegenden Augen. In seiner Rechten klemmte eine schwarze Aktenmappe. Seine Ausstrahlung glich nicht im Geringsten der eines bulligen Gewaltverbrechers. Und an ihm gemessen kam ich mir als Mann geradezu attraktiv vor. Jessica sass jetzt aufrecht und hatte die Bettdecke bis zum Hals gezogen, um ihre Brüste zu verdecken. Ich selbst blieb gelassen und bedeckte mich nicht. Ich hatte durch die langjährige Bekanntschaft mit Herrn Löhlein schon Routine darin, wie solche Situationen zu bewältigen waren.</p>
<p>«Wer ist das?» rief sie. «Was macht der hier? Schick ihn raus!» Herr Löhlein blieb ungerührt in der Ecke neben der Tür stehen, die Augen weit geöffnet, den kleinen Mund fest zusammengepresst.</p>
<p>«Jessica», sagte ich, von der abklingenden Erregung noch schwer atmend. «Es ist anders als du denkst. Ich habe keine rechtliche Handhabe dafür, Herrn Löhnlein raus zu werfen.»</p>
<p>«Ihr kennt euch?», fragte Jessica mit sich überschlagender Stimme. «Hast du den schon öfters zum Spannen eingeladen? Du bist ja pervers!» Ich wusste, dass es schwer sein würde, Jessica diese Situation zu erklären. </p>
<p>«Ihr Partner hat Recht», meldete sich nun erstmals die Stimme von Herrn Löhlein. Sie klang überraschend hoch und brüchig wie die Stimme einer alten Frau. Zugleich schwang immer ein drohender Unterton mit, was aber auch Einbildung sein konnte. «Ich halte mich in Übereinstimmung mit Paragraf 117b-9 im Rahmen einer Massnahme der Bedürftigkeitsplausibilitätsüberprüfung bei Beziehern von Leistungen nach dem Lohnersatzleistungsbemessungsgesetz in diesem Schlafzimmer auf. Mein Besuch hier erfolgt nicht aufgrund persönlicher Vorlieben. Ich habe als Bedürftigkeitsplausibilitätsprüfer das Schlüsselrecht zur Wohnung und zu allen Zimmern – das bedeutet unangemeldetes Zutrittsrecht wann ich will. Ihr Partner hätte keine Möglichkeit gehabt, mein Erscheinen zu verhindern.» Löhlein war während seiner Rede nie ins Stocken gekommen.</p>
<p>Jessica sass immer noch da, starr in ihrem Schweigen, die Bettdecke vor die Brust gezogen. «Übrigens möchte ich Sie bitten, zu lüften», fügte Herr Löhlein hinzu. «Es mieft ein bisschen. Und ich möchte die Befragung gern in angenehmerer Atmosphäre fortsetzen.»</p>
<p>Mechanisch stand ich auf, schaltete den Deckenstrahler ein, zog das Rollo hoch und öffnete das Fenster. Im Spiegel meines Kleiderschranks sah ich jetzt Jessica und den Beamten in klarem Licht. Draussen setzte schon die Morgendämmerung mit lichtrosa Streifen am Horizont ein, die zwischen grauen Wohnblöcken durchschienen. «Die Befragung!?», stammelte Jessica.</p>
<p>«Wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben», sagte Löhlein nun zu mir gewandt. «Ich kann Ihnen zu dieser erfreulichen Wendung in Ihrem Leben nur gratulieren. Die letzten paar Male überraschte ich Sie ja in recht jämmerlicher Pose beim Onanieren über Bildern von Vicky Bolero.» (Dabei deutete er mit seinen Händen erhebliche Rundungen an) «Ich habe mir schon gedacht: Will sich der Mann denn ewig mit dem Substrat begnügen, während draussen das echte Leben tobt?». </p>
<p>Mir schoss die Schamesröte ins Gesicht. Es war weniger die Tatsache des Onanierens selbst, die mir peinlich war. Aber Vicky Bolero – die Protagonistin seichter Erotikthriller wie «Tödliches Verlagen» – das stellte dem Geschmack ihres Verehrers kein gutes Zeugnis aus. Hinzu kam, dass Jessica Germanistik-Studentin war und extrem gebildet. Jessica begann nun hektisch unter dem Schutz der Bettdecke ihr Höschen und T-Shirt anzuziehen. «Schwein!», sagte sie verächtlich.</p>
<p>«Ich muss sagen», redete Herr Löhlein weiter, «diese Dame wertet Sie in meinen Augen beträchtlich auf. Und auch Ihre Finanzen dürften damit endlich in geordnete Bahnen kommen. Wenn ich mir die Bluse und die Hose der Dame so anschaue – Designerqualität, dürfte nicht billig gewesen sein. Da wird das Amt bis auf weiteres aus dem Schneider sein.»</p>
<p>«Finanzen? Ich verstehe nicht … Was hat das Ganze mit mir zu tun?», stiess Jessica nervös hervor.</p>
<p>«Sie sind als Lebensgefährtin eines Lohnersatzleistungsempfängers zur Auskunft über Ihre Vermögensverhältnisse verpflichtet. Überschreiten Ihre Einkünfte den Selbstbehalt von 305 Euro, so müssen Sie den Rest vollständig zur Deckung der Lebenshaltungskosten Ihres mit Ihnen in eheähnlicher Gemeinschaft lebenden Partners einsetzen.» Löhlein griff behände nach Jessicas Bluse, noch ehe sie diese überzustreifen konnte. Genüsslich sog er ihren Geruch nach Schweiss und Parfum durch die Nase ein.</p>
<p>«Lassen Sie das!», rief Jessica wütend und riss ihm die Bluse wieder aus der Hand. Das schien Herrn Löhnlein ungnädig zu stimmen. Er holte aus seiner Aktenmappe einen daumendicken Papierstapel und drückte ihn der Studentin in die Hand. «Diesen Auskunftsbogen über Ihre Vermögensverhältnisse bitte ich Sie, binnen einer Woche vollständig ausgefüllt an die obige Adresse zu schicken.»</p>
<p>Jessica überflog das Heft und geriet angesichts der unzähligen Fragen in Panik: «Was, das alles soll ich ausfüllen? Sie können mich mal!»</p>
<p>«Liebes Fräulein, es geht hier nicht darum, was Sie wollen.» Löhnlein setzte das überlegene Lächeln eines Amtsträgers auf, der anfänglichen Widerstand gewöhnt war und wusste, dass er die Mittel hatte, diesen jederzeit zu brechen. «Widrigenfalls können Sie mit Geldbussen nicht unter 500 Euro wegen Verweigerung der Zusammenarbeit mit einer Amtsperson bestraft werden. Ich sagte ja, es besteht eine gesetzliche Verpflichtung für in eheähnlicher Gemeinschaft lebende …»</p>
<p>«Eheähnliche Gemeinschaft?», rief Jessica erbost. Sie hatte sich in der Zwischenzeit rasch Bluse und Hose übergezogen und stand breitbeinig neben meinem Bett. «Wir waren im Bett miteinander, das ist alles.» </p>
<p>Alles, was bisher geschehen war, hatte ich gleichmütig ertragen. Diese Äusserung meiner Liebsten versetzte mir jedoch einen heftigen Stich ins Herz. «Aber Jessica, du hast doch gesagt …» Weiter kam ich nicht, weil meine Stimme versagte. </p>
<p>«Als eheähnliche Gemeinschaft gilt eine Paarbeziehung dann, wenn beide Partner eine emotionale Zuneigungsgemeinschaft nach Paragraf  285 eingehen. Als beweiskräftige Hinweise auf das Bestehen einer solchen Gemeinschaft gelten sexuelle Interaktionen zweiten und dritten Grades sowie körpersprachliche Resonanzsignale. Was ich in den letzten zehn Minuten bei Ihnen beobachtet habe, erfüllt beide Tatbestände. Im Streitfall liegt die Beweislast bei den Beklagten.»</p>
<p>«Beklagten?» Jessicas Stimme begann sich nun hysterisch zu überschlagen. «Aber ich habe doch kein Verbrechen begangen! Und Sie wollen mir mein gesamtes Geld nehmen bis auf 300 Euro?»</p>
<p>«305 Euro», berichtigte Herr Löhlein. </p>
<p>«Aber von ‚emotional’ kann doch im Zusammenhang mit diesem Herren überhaupt keine Rede sein!» Sie schaute mich giftig an, und ihr Mund zog sich zu einem schmalen Strich zusammen. «Und wenn ich Ihnen schwöre, dass es purer Sex war – seelenloser Sex, lassen Sie mich dann laufen?»</p>
<p>«Naja», sagte Herr Löhnlein und liess sich mit der Antwort Zeit. Er genoss es sichtlich, dass man seinen nächsten Worten wie einem mächtigen Richterspruch entgegenfieberte. «Sie müssen nicht für ihn aufkommen, wenn es sich bei Ihrer Beziehung um einmaligen Geschlechtsverkehr ohne emotionale Beteiligung handelte. Aber das, was ich da zwischen Ihnen beiden beobachtet habe, sah ganz anders aus.»</p>
<p>«Das täuscht», beeilte sich Jessica zu versichern. «Die Erregung, die Sie vielleicht bei mir bemerkt haben, war rein körperlicher Natur.»</p>
<p>Herr Löhnlein musterte mich abschätzig. Ich merkte erst jetzt, dass ich noch immer nackt auf dem Bett lag. «Naja», meinte er genüsslich. «Ihre Aussage ist wenig glaubwürdig. Schauen Sie ihn sich doch an! Ist das ein Mann, den eine attraktive Frau wie Sie nur wegen seines Körpers will?»</p>
<p>Mit einem Ruck zog ich die Decke über meinen Körper. Ich fühlte mich auf einmal schmutzig und hässlich. Am offenen Fenster bemerkte ich fünf Gesichter, die mit starren Augen hineinschauten. Meine Wohnung liegt im Parterre. Wenn der Vorgang nicht zugezogen ist, kann man von draussen sehen, was innen vor sich geht. Ich wusste nicht, wie lange meine Nachbarn schon da gestanden waren und wie viel von unserer Konversationen sie mitverfolgt hatten. Die Decke vor meine Blösse haltend, schloss ich das Fenster mit einem Ruck und zog die Gardine vor. </p>
<p>Herr Löhlein liess noch ein bisschen Zeit verstreichen. Dann sagte er: «Ich bitte Sie, eine Frau wie Sie – Sie könnten durchaus jemanden haben, der zumindest einen anständigen Job hat und nicht andauernd Ärger mit den Behörden.»</p>
<p>Jessica fixierte Herrn Löhlein jetzt mit ihrem Katzenblick – die Augen leicht zusammengekniffen, die Brauen nach oben gezogen. Es war derselbe Blick, der mich damals, als ich sie kennen lernte, zum Wahnsinn getrieben hatte. Zwischen den beiden schwebte nun ein stillschweigendes Einverständnis im Raum. Löhlein wendete sich nun wieder an Jessica. «Wenn der Leistungsbezieher Ihrer Aussage nicht widerspricht, dass es sich um einmaligen, emotional unbeteiligten Geschlechtsverkehr handelt, würde ich Sie von Ihrer Auskunftspflicht entbinden. Wollen Sie der Dame widersprechen?», fragte er mich.</p>
<p>Jessica stiess mich unsanft in die Rippe und zischte mir etwas Unfreundliches zu.</p>
<p>«Nein», sagte ich leise. «Ich widerspreche nicht.»</p>
<p>«Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass im Wiederholungsfall, wenn ich Sie noch einmal zusammen erwische, die Dame unweigerlich mit ihrem gesamten Vermögen für den Herren aufkommen müsste. Haben Sie mich verstanden?» Löhlein blickte herausfordernd in die Runde.</p>
<p>«Ja», sagte ich, ohne aufzublicken.</p>
<p>«Welches Interesse sollte ich haben, weiter mit einem Loser zusammen zu sein?», sagte Jessica.</p>
<p>Herr Löhlein packte daraufhin das Auskunftsformular in seine Mappe und verliess das Schlafzimmer, dicht gefolgt von Jessica, die sich nicht mehr zu mir umdrehte. Als ich das Klacken der Wohnungstür hörte, stand ich noch eine Weile wie benommen da. Bis ich Löhleins und Jessicas Stimmen hörte, wie sie dicht an meinem Fenster vorbeigingen – munter miteinander plaudernd und feixend.</p>
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		<title>Sarrazin gründet Gen-Bank</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Nov 2010 10:42:23 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Thilo Sarrazin, der sozialdemokratische Zauberlehrling des Finanzkapitals, gründet nach seiner Entlassung bei der Bundesbank jetzt unter dem Motto: &#8220;Deutschland soll es besser GEN&#8221; seine &#8220;Bank der guten Gene&#8221;, die Deutsch-Europäische Gen-Bank. Der Ex-Banker: &#8220;Man muss verhindern, dass sich die Armuts-HARTZ4-Gene weiter zügellos vermehren. Raus aus der Hängematte, hart arbeiten, schluss mit Luxus, Pullover anziehn und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/11/sarrazin.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/11/sarrazin-150x150.jpg" alt="" title="sarrazin" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-3406" /></a>Thilo Sarrazin, der sozialdemokratische Zauberlehrling des Finanzkapitals, gründet nach seiner Entlassung bei der Bundesbank jetzt unter dem Motto: &#8220;Deutschland soll es besser GEN&#8221; seine &#8220;Bank der guten Gene&#8221;, die Deutsch-Europäische Gen-Bank. Der Ex-Banker: &#8220;Man muss verhindern, dass sich die Armuts-HARTZ4-Gene weiter zügellos vermehren. Raus aus der Hängematte, hart arbeiten, schluss mit Luxus, Pullover anziehn und warm arbeiten.&#8221; (Satire: Linke Zeitung)<br />
<a href="http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9896&#038;Itemid=1">http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9896&#038;Itemid=1</a></p>
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		<title>Satire: Tödliche Bewerbung</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Oct 2010 09:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Todesstrafe in der Schweiz wird es vorerst nicht geben. Trotzdem wird das Thema heiss diskutiert, und es ist Zeit, sich Gedanken zu machen: Wie könnte professionelles Töten in einem Land verankert werden, das damit keine Erfahrung (mehr) hat? Und vor allem: Wer soll die Drecksarbeit machen? Ein vielleicht gar nicht so fernes Zukunftsszenario. (Roland [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/10/Todesstrafe.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/10/Todesstrafe-150x150.jpg" alt="" title="Todesstrafe" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-3003" /></a>Die Todesstrafe in der Schweiz wird es vorerst nicht geben. Trotzdem wird das Thema heiss diskutiert, und es ist Zeit, sich Gedanken zu machen: Wie könnte professionelles Töten in einem Land verankert werden, das damit keine Erfahrung (mehr) hat? Und vor allem: Wer soll die Drecksarbeit machen? Ein vielleicht gar nicht so fernes Zukunftsszenario. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-3002"></span><br />
Szene: In einem grosszügig ausgestatteten Chef-Büro. Durchs Fenster kann man gegenüber ein Gefängnisgebäude erkennen. Personen: Giovanni Spöri, Personalmanager der Gefängnisverwaltung. Reto Bodmer, ein Bewerber. </p>
<p>Spöri: Danke, dass Sie zu unserem Gespräch gekommen sind. Ich habe Ihre Bewerbung zum Execution Manager mit Interesse gelesen.</p>
<p>Bodmer: Ich habe zu danken. Es ist für mich eine ausserordentliche berufliche Chance.</p>
<p>Spöri: Sie wissen worum es geht!? Ich möchte von Anfang an Missverständnisse vermeiden. Aufgrund des Referendums wurde unser bewährtes Kantonsgefängnis mit Mitteln des Staates um einen Todestrakt erweitert: ein Zellenblock, zusätzliche Sicherheitssysteme und als Herzstück der Exekutionsraum. Sie wären bei der Bewachung und Verpflegung der Gefangenen eingesetzt, vor allem aber bräuchten wir jemanden, der bei Exekutionen das Doing übernimmt.</p>
<p>Bodmer: Das ist mir klar.</p>
<p>Spöri: Wir sind derzeit noch uneins über die effizienteste Hinrichtungsart. Einige meiner Kollegen bevorzugen den guten alten elektrischen Stuhl. In diesem Fall würden zu Ihren Aufgaben gehören: Festschnallen der Gurte, Anbringung der Elektroden, den Hebel drücken, wenn das O.K. von der Zentrale kommt. Anschliessend die Leiche entsorgen … könnten Sie sich vorstellen, dass das ein interessantes Betätigungsfeld für Sie wäre?</p>
<p>Bodmer: Absolut, deshalb bin ich hier.</p>
<p>Spöri: Fein. Es wird derzeit auch über die Letale Injektion nachgedacht. Ich möchte in Ihrem Interesse hoffen, dass man der Spritze den Vorzug gibt. Das geht nicht unbedingt schneller. Minuten langes Würgen und Röcheln kann trotzdem vorkommen, aber es riecht hinterher nicht so stark nach verbranntem Fleisch. </p>
<p>Bodmer: Ich bin da nicht so empfindlich.</p>
<p>Spöri: Normalerweise frage ich Bewerber an dieser Stelle nach ihrer Branchenerfahrung. Aber in diesem Fall … Sie sind ein Landsmann. Woher sollen Sie die Erfahrung denn nehmen?</p>
<p>Bodmer: Wie Sie wissen, war ich 8 Jahre lang Wärter in einem Hochsicherheitsgefängnis. Man bekommt Routine darin, den Willen von Menschen zu brechen. Was ich darüber hinaus an Qualifikationen brauche, kann ich mir aneignen. </p>
<p>Spöri: Schön, aber warum meinen Sie, dass speziell Sie für Exekutionen geeignet sind, Herr Bodmer?</p>
<p>Bodmer: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als ich 7 war, wollte mein Vater uns zeigen, wie man ein Kaninchen schlachtet. Meine beiden älteren Brüder haben sich furchtbar geziert: Das arme Tier! Das süsse Tier! Ich kann das nicht! Ich habe ohne ein Wort das Messer genommen und habe es dem Kaninchen in den Hals gerammt.</p>
<p>Spöri: Was haben Sie dabei empfunden?</p>
<p>Bodmer: Nichts.</p>
<p>Spöri: Warum nicht, mochten Sie das Kaninchen nicht?</p>
<p>Bodmer: Doch, aber ich kann unpassende Gefühle abstellen, wenn nötig. Im Gegensatz zu meinen Brüdern habe ich die Fähigkeit, die grösseren Zusammenhänge zu sehen. Meine Brüder sahen nur dieses zuckende, warme Ding, das um sein Leben kämpfte. Ich dachte an den schmackhaften Braten auf unserem Teller. Ich sah, dass es getan werden musste. Einer muss es tun.</p>
<p>Spöri: Ist das auch Ihre Einstellung zu der Stelle, um die Sie sich bewerben –«Einer muss es tun»?</p>
<p>Bodmer: Absolut. Ich las in einer liberalen Zeitung: «Die meisten, die beim Referendum mit ‚Ja’ gestimmt haben, wären nicht einmal in der Lage, einen Fisch zu erschlagen, geschweige denn einen Menschen.» Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich wollte nicht einer dieser Feiglinge sein. Wenn ein Mann von etwas überzeugt ist, dann muss er auch die Kraft haben, es selbst zu tun.</p>
<p>Spöri: Es ist aber ein Unterschied, ob Sie ein Kaninchen abstechen oder ob Sie einen Menschen töten. Es gibt wenig Erfahrung damit in unserem Land. Über drei Generationen wurden Menschen nur von Verbrechern getötet – oder von Mutter Natur. Dass ein Mensch rechtmässig, unter kontrollierten Bedingungen getötet wird, das ist neu. Wie wollen Sie damit umgehen?</p>
<p>Bodmer: Es sind keine Menschen, die ich töten werde.</p>
<p>Spöri: Keine Menschen? Sie werden aber verdammt danach aussehen. Sie werden eine Nase haben wie Sie, zwei Arme und zwei Beine wie Sie, Sie werden schwitzen wie Sie, und in ihren Augen wird ein Ausdruck unfassbarer Angst liegen. Manche werden schreien, manche werden um Gnade winseln …</p>
<p>Bodmer: Irrelevant. Sie haben dasselbe ihren Opfern angetan. Vielleicht haben die auch um Gnade gefleht. Jetzt tue ich es ihnen an.</p>
<p>Spöri: Unsere Kritiker sagen: Wenn wir dasselbe tun wie diese Mörder, was gibt uns das Recht, uns über sie erhaben zu fühlen?</p>
<p>Bodmer: Wen sie nicht den Tod verdient hätten, hätte sie der Bundesrichter nicht dazu verurteilt. Ich bin nur ausführendes Organ. Ich bin überzeugt, dass man die Menschenwürde nicht ausgerechnet denen zugestehen sollten, die sie mit Füssen treten. Staatliche Autorität beruht auf der Kraft, zu unterscheiden – zwischen Individuen, denen er Menschenrechte zuspricht und solchen, denen er sie verweigert. Menschenwürde nach dem Giesskannenprinzip überall hin zu verstreuen, ist nicht effizient. Antisoziale Kräfte würden das nur als Freibrief sehen, weiter die Regeln zu verletzen. </p>
<p>Spöri: Ausgezeichnet, Herr Bodmer. Wo möchten Sie beruflich in 20 Jahren stehen?</p>
<p>Bodmer:  Ich möchte auf ein erfülltes Lebenswerk als Execution Manager zurückblicken und sagen können: Durch meine Arbeit ist unser Land ein Stück sicherer geworden. Vielleicht möchte ich Ausbilder sein und junge Menschen auf den Weg des effizienten Tötens führen.</p>
<p>Spöri: Das ist lobenswert. Aber ich muss Sie noch etwas Persönliches fragen:</p>
<p>Bodmer: Bitte sehr.</p>
<p>Spöri: Sie haben keine Familie, wie ich sehe. Beabsichtigen Sie, demnächst eine zu gründen?</p>
<p>Bodmer: Wenn es meine Arbeit nicht beeinträchtigt …</p>
<p>Spöri: Ich frage das aus einem ganz bestimmten Grund. Die Todesstrafe ist noch ein junge Errungenschaft und in der Bevölkerung nicht ausreichend verankert. Es ist in anderen Ländern schon vorgekommen, dass Execution Manager gekündigt haben, weil ihre Frauen Liberale waren oder weil ihre Kinder in der Schule gehänselt wurde: «Sein Vater ist ein Killer!»</p>
<p>Bodmer: Zu kündigen käme für mich nicht in Frage: Eine Frau, die mich will, muss mich nehmen wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen. Manche Männer schnarchen nachts, andere trinken, ich töte.</p>
<p>Spöri: Ich will Ihnen keine Angst machen, Herr Bodmer. Frauen sind fasziniert von Macht, und welche Macht könnte grösser sein als die über Leben und Tod? Man findet in der Geschichte eher einen grossen Künstler ohne Frau als einen Massenmörder, der solo geblieben ist. Aber unterschätzen Sie nicht den gesellschaftlichen Druck von den Befürwortern der Kuscheljustiz. Sie werden ein Pionier sein. Sie werden Standfestigkeit benötigen.</p>
<p>Bodmer: Über die verfüge ich, verlassen Sie sich darauf. Ich bin stolz derjenige zu sein, der, eine Bresche schlägt. In ein paar Jahren wird das, was heute wie eine Monstrosität wirkt, eine pure Selbstverständlichkeit geworden sein.</p>
<p>Spöri: Überschätzen Sie die Lernbereitschaft des Volkes nicht. Die Menschen wollen Fleisch, aber sie lieben die Metzger nicht. Sie wollen von Ungeziefer befreit werden, aber wenn sie einen Kammerjäger treffen, rümpfen sie die Nase.</p>
<p>Bodmer: Ich verstehe, was Sie meinen, aber das schreckt mich nicht. Die Mehrheit hat entschieden, und wer sind wir, uns ihrem Willen entgegen zu stellen? Stellen Sie sich vor, niemand würde sich auf diese Stelle bewerben! Wo kämen wir denn da hin?</p>
<p>Spöri? Ja, wo kämen wir da hin? … Ich muss Ihnen sagen, Herr Bodmer, ich bin von Ihrer Arbeitseinstellung sehr angetan. Wenn es nach mir ginge, müssten wir keine weiteren Bewerber einladen. </p>
<p>Bodmer: Vielen Dank, Herr Spöri.</p>
<p>Spöri: Haben Sie Ihrerseits noch Fragen, Herr Bodmer?</p>
<p>Bodmer: Hat der Beruf Zukunft, ich meine: ist er sicher?</p>
<p>Spöri: Herr Bodmer, der Bund hätte nicht Millionen in den Todestrakt investiert hat, wenn er ihn nicht nutzen wollte. Die Erfahrung zeigt: In Ländern, die die Todesstrafe eingeführt haben, wird sie auch exekutiert. Ab einer gewissen Grössenordnung greift bei einem Projekt auch das Arbeitsplatzargument.</p>
<p>Bodmer: Das beruhigt mich. Es schien mir nur, die Beschränkung auf Sexualstraftaten mit Todesfolge …</p>
<p>Spöri: Diese Beschränkung wird nicht lange Bestand haben. Massgebliche Kreise bereiten schon jetzt eine Kampagne zur Erweiterung des Tatbestands-Portfolios vor. Das Referendum hat eine Tür aufgestossen, und wir haben nicht vor, auf der Schwelle stehen zu bleiben.</p>
<p>Bodmer: Natürlich nicht. Darf ich fragen, in welche Richtung diese Erweiterung …?</p>
<p>Spöri: Terrorismus, Mitgliedschaft in terroristischen Vereinigungen, Aktivitäten, die zur Vorbereitung terroristischer Aktivitäten dienen könnten, Niederschlagung von Aufständen … Wir dürfen ruhig ein bisschen träumen, Herr Spöri. Die Zeit arbeitet für uns, ebenso wie die innere Logik der politischen Entwicklung.</p>
<p>Bodmer: Wie meinen Sie das?</p>
<p>Spöri: Wir werden unseren Landsleuten in naher Zukunft einiges zumuten müssen: weitere Finanzkrisen, Sparpakete, Gehaltskürzungen, Lebensmittel- und Wasserknappheit … Der Staat darf sich der zu erwartenden Insubordination nicht schutzlos ausliefern. Er muss sein Waffenarsenal erweitern. Die Folterwerkzeuge zu zeigen, ist oft der beste Weg, um ihre Anwendung zu vermeiden. Der Staat eliminiert mit der Einführung der Todesstrafe nicht nur einzelne Straftäter. Er zeigt auch, dass er stark genug ist, seine Gegner notfalls mit allen Mitteln zu bekämpfen. Allein das wird auf den Rest der Gesellschaft eine disziplinierende Wirkung ausüben.</p>
<p>Bodmer: Ich stimme Ihnen voll zu, Herr Spöri. Aber glauben Sie dass unser Land reif ist für eine umfassendere Lösung?</p>
<p>Spöri: Was nicht reif ist, wird reif gemacht. Sehen Sie, Jahrzehnte lang wurde der Fortschritt allein daran gemessen, dass der Staat immer weicher, immer nachsichtiger wurde, bis er schliesslich zu einem lauwarmen Brei aus Mitgefühl zerschmolz. Es ist ein gutes Zeichen, dass unser Volk endlich die Kraft gefunden hat, diese Entscheidung zu treffen. Jahrzehnte ohne Todesstrafe, Jahrhunderte ohne Krieg – das wirkt schwächend auf die Seele eines Volkes. Ein behütetes Leben ohne Schicksal, ohne Blut, ohne Schuld, ohne Opfer … Ein solches Volk endet in netter Beliebigkeit oder in grüblerischer Selbstzerfleischung.</p>
<p>Bodmer: Wie recht Sie haben, Herr Spöri!</p>
<p>Spöri: Die Geschichte bewegt sich nicht für alle Ewigkeit in eine Richtung, Herr Bodmer. Sie verläuft in Wellenbewegungen. Wird eine bestimmte Tendenz, z.B. Humanität, überdehnt, schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Unser Referendum markiert exakt diesen Umschlagpunkt. Mit Ihrer und meiner Hilfe wird sich das Pendel noch ein ganzes Stück weiter bewegen. Die Propaganda der Liberalen hat uns als «Ewig Gestrige» bezeichnet. Das Gegenteil ist richtig: Wir sind Morgige, die Vorboten des Neuen.</p>
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		<title>Satire: »Kinder für Deutschland«</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Sep 2010 16:55:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[»Die Deutschen sterben aus« heißt es in den Medien immer wieder. Mit Recht, denn unsere »Alterspyramide«, die eher einem Atompilz als einer Pyramide gleicht, lässt für die Renten und für die Zukunft unseres Vaterlands Schlimmes erwarten. Werden »wir« in die Minderheit geraten, während »die Anderen« immer mehr überhand nehmen? Den Klagen von Politikern, Wirtschaftsverbänden und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/lebensborn.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/lebensborn-200x300.jpg" alt="" title="lebensborn" width="200" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-2880" /></a>»Die Deutschen sterben aus« heißt es in den Medien immer wieder. Mit Recht, denn unsere »Alterspyramide«, die eher einem Atompilz als einer Pyramide gleicht, lässt für die Renten und für die Zukunft unseres Vaterlands Schlimmes erwarten. Werden »wir« in die Minderheit geraten, während »die Anderen« immer mehr überhand nehmen? Den Klagen von Politikern, Wirtschaftsverbänden und Presse sind bisher kaum Taten gefolgt. Wie kann man es schaffen, aktive Bevölkerungspolitik zu betreiben, die über bloße Appelle an die Zeugungswilligkeit einheimischer Erbgutträger hinausgeheht? (Roland Rottenfußer)<span id="more-2879"></span><br />
Aus dem Leben eines Deckers</p>
<p>»Hier sind ihre Termine für heute, Herr Remmler«, sagte der zuständige Fertilization Manager und überreichte seinem Gegenüber einen handbeschriebenen Zettel, der nichts als vier dreistellige Nummern enthielt – nebst Uhrzeitangabe. »Alle frischer Eisprung, extrem fruchtbar. Wir zählen auf Sie, Herr Remmler.«</p>
<p>»Zimmer 403, Zimmer 222, Zimmer 398 – wer war das noch mal? Ach ja, eine süße Rothaarige, das wird gehen &#8230; aber Zimmer 008 &#8230; nein, Heer Kuhlmann, das können Sie nicht von mir verlangen, beim besten Willen &#8230;« Herr Remmler wirkte ernstlich entrüstet.<br />
»Herr Remmler, ich weiß, Sie sind einer unserer fähigsten Decker. 32 Kinder innerhalb des ersten Vertragsjahres – das ist nicht gering zu schätzen. Ich habe deshalb versucht, Problemfälle möglichst von Ihnen fern zu halten, aber diesmal – tut mir leid – müssen Sie ran. Alle anderen potenziell verfügbaren Decker sind komplett ausgebucht, einige sind unpässlich wie Herr Nimmerweich, der sich trotz unserer medizinischen Vorsorge leider mit dem Tripper infiziert hat. Sie sind der Einzige, der bei Zimmer 008 derzeit den Dienst erledigen kann, sie hat ihre fruchtbaren Tage und ist extrem gebärfreudig, wie Sie wissen. Alle 9-10 Monate ein Wurf – wie ein Uhrwerk.«</p>
<p>»Aber was nicht geht, das geht nicht. Wissen Sie, der unangenehme Körpergeruch der Dame &#8230; und dann will sie immer in der Nashornstellung, Sie wissen doch, ich bin da empfindlich. Außerdem, haben Sie sich ihre Figur mal angesehen?«</p>
<p>»Herr Remmler, es tut mir leid, dass wir nicht ausschließlich mit Damen aufwarten können, die wie Angelina Jolie aussehen. Tun Sie Ihre Pflicht, wir bezahlen Sie gut dafür. Oder wollen Sie, dass wir sie wieder in Hartz IV zurückstufen?«</p>
<p>»Natürlich nicht«, beeilte sich Remmler zu versichern.</p>
<p>»Lassen Sie sich auf der Station eine Viagra aushändigen und schreiben Sie’s auf die Spesenrechnung, dann kann nichts schief gehen. Sie sind doch Profi, nicht wahr?« Kuhlmann gab Remmler einen kumpelhaften Klaps auf die Schulter. »Übrigens: Es ist wieder eine Fuhre frischer Austrägerinnen bei uns unter Vertrag genommen worden. Da sind sicher wieder welche dabei, bei denen Arbeit und Vergnügen gar nicht so weit auseinander liegen.« Herr Kuhlmann zwinkerte Herrn Remmler spitzbübisch und verschwörerisch zu.</p>
<p>»Vergnügen nennen Sie dass, wenn die Eieruhr auf 15 Minuten gestellt ist? Schon nach 10 Minuten fängt der Computer an zu nerven: ‚Ihre Fertilisationszeit ist in fünf Minuten beendet &#8230; Ihre Fertilisationszeit ist in drei Minuten beeindet &#8230; Bitte kommen Sie JETZT zum Ende.‘ Wissen Sie eigentlich, wie frustrierend das ist? Es ist ein Wunder, dass unter solchen Arbeitsbedingungen überhaupt Kinder gezeugt werden können! Dabei können Männer pro Tag kaum öfter als fünf mal. Ich meine &#8230; da hätte man doch Zeit!«</p>
<p>»Herr Remmler, Sie wissen, was der Grund ist für die knappen Zeitvorgaben«, erwiderte Kuhlmann gewohnt sachlich. »Es soll vermieden werden, dass zwischen den Deckern und den Austrägerinnen emotionale Beziehungen entstehen, die zu unerwünschten Verwicklungen führen könnten. Am Ende bilden sich zwei ein, dass sie Romeo und Julia sind, verklagen uns, dass wir ihnen das von ihnen erzeugte Kind ausliefern, und wollen auf Familie mit Reihenhaus machen. Und wir vom Born Make-A-Child sind die Gelackmeierten. Haben wir alles schon erlebt. Nein, nein, Herr Remmler, so geht das nicht. Sie sind hier als Fertilisator engagiert, wenn Sie Ihre romantische Ader ausleben wollen, suchen Sie sich per Kontaktanzeige eine ‚warmherzige, verständnisvolle Sie für gemeinsame Gespräche am Kaminfeuer‘. Hier bei uns geht’s um Geburtsquoten, Geburtsquoten, Geburtsquoten, dafür sind wir da, für nichts anderes.«</p>
<p>Woher soll ich denn Kraft nehmen, zusätzlich zu meiner Decker-Tätigkeit noch eine Liebesbeziehung zu pflegen?, dachte Herr Remmler. Die Frauen, die ich privat kennen lerne, laufen doch auf und davon, sobald ich nur erwähne, in welcher Branche ich tätig bin! Aber er verkniff sich diese letzte Bemerkung, weil er wusste, dass er bei Herrn Kuhlmann da auf Granit beißen würde.</p>
<p>Kinder für Deutschland</p>
<p>»Born Make-A-Chaahahahaha-hild!!!« sang  der Frauenchor aus der Lautsprecheranlage und bediente sich dabei der Melodie des Rock-Klassikers »Born to be wild«. Das Logo der Kinderschmiede tauchte jetzt auf dem Monitor auf. Es war ein stilisierter Frauenunterleib, aus dem nacheinander drei quicklebendige Babys purzelten, eines schwarz, eines rot, eines gold koloriert – die Farben unserer Nationalflagge. »Kinder für Deutschland ist eine Initiative des Bundesfamilienministeriums und des Bundesverbands Deutscher Unternehmer«, sagte die leicht belehrend klingende Stimme eines Sprechers. Dann präsentierte der Monitor eine Kurzdokumentation – unterlegt von melodramatischer Musik – die allseits bekannten Fakten über den Geburtenrückgang der 70er, 80er, 90er und 2000er Jahre. »Die Deutschen sterben aus. Die Alterspyramide gleicht eher einem Atompilz. Wer soll unsere Renten bezahlen?« klagten eingeblendete Original-Schlagzeilen aus den Zeiten der Krise. »Irgendwann sind wir Deutschen in der Minderheit« unkten Rechtsradikale, malten das Schreckensszenario von Unterwanderung und Überfremdung an die Wand und konnten tatsächlich in den Jahren nach 2005 beachtliche, stetig steigende Wahlerfolge für sich verbuchen.</p>
<p>Die Politik stand verständlicherweise unter Druck, sofort zu handeln. Die Bundeskanzlerin räumte in Zusammenarbeit mit einem Gremium aus Ärzten, Hebammen, Psychologen und Wirtschaftsvertretern die letzten medizinethischen Hürden beiseite, um einer industriellen Massenerzeugung deutscher Kinder den Weg zu bahnen. »Ein Million Kinder jedes Jahr« lautete das ehrgeizige Ziel. Zur Rekrutierung einer ausreichenden Anzahl von Deckern wurden Hartz-IV-Bezieher in der Größenordnung von einigen Hundertausenden herangezogen. Es bedurfte keiner großer Überredungskunst, um allein stehende Männer mit Zusatzprämien und der Beschreibung einer in den meisten Fällen doch recht angenehmen Tätigkeit zu locken.</p>
<p>Als schwieriger erwies es sich, eine ausreichende Zahl von Austrägerinnen für das Programm zu gewinnen. Die von jeder Frau zu unterschreibende Verpflichtungserklärung, keinen zum Decken bestellten Mann zurückzuweisen und auf alle Umgangsrechte mit den auf diesem Weg erzeugten Kinder unwiderruflich zu verzichten, erwies sich als schwer zu überwindende Hürde für viele offenbar emotional labile Frauen. Aber es waren wirtschaftlich harte Zeiten, und die Aussicht, nach der fünften Geburt quasi finanziell ausgesorgt zu haben – ohne jede Verpflichtung, selbst für den Unterhalt der Kinder zu sorgen – hatte dann doch eine genügende Anzahl von Frauen locken können, sich für das Programm zur Verfügung zu stellen. </p>
<p>Bilder von zufrieden strahlenden Born-Kindern, von staatlichen bestellten Pflegeeltern liebevoll, wenn auch nicht mit dem in Kleinfamilien üblichen Grad an individueller Aufmerksamkeit betreut, rundeten das Demo-Video ab. Dreieinhalb Millionen neuer deutscher Mädchen und Jungen seit Start des Programms »Kinder für Deutschland« – diese Bilanz konnte sich sehen lassen. Neue Konsumenten, neue Krankenkassenbeitrags-, Rentenbeitrags- und Steuerzahler wuchsen nach. Deutschland konnte wieder optimistisch in die Zukunft blicken. »Born Make-A-Child!« sang der Chor zum Abschluss der Präsentation noch einmal.</p>
<p>Sichtlich beeindruckt saßen meine sonst so zungenfertigen Kollegen und ich eine Weile sprachlos vor dem jetzt schwarzen Monitor. Ich war zusammen mit 14 anderen Journalisten zu einer Präsentation mit anschließender Pressekonferenz eingeladen worden, die die Fertilisations-Profis von Born Make-A-Child anlässlich jüngster Vorwürfe der Auslandspresse anberaumt hatten. Neben Vertretern hochauflagiger Zeitschriften wie der WZ (Wachstumszeitung) und der Norddeutschen Zeitung kam ich mir als Redakteur eines kleinen, kritischen Alternativblatts recht verloren vor, war aber wild entschlossen, meiner Stimme Gehör zu verschaffen.</p>
<p>»Meine Damen, meine Herren, ich stehe jetzt für Ihre Fragen zur Verfügung«, sagte der Präsentator Raimund Kuhlmann mit routiniertem Charme.</p>
<p>»Hat die Tel Aviv Post nicht recht, wenn sie auf die Tradition des von Hitler initiierten so genannten Lebensborns verweist«, meldete ich mich gleich frech zu Wort. »Immerhin sollte damals die Reinheit der Rasse gefördert werden durch Kreuzung von einander völlig fremden Männern und Frauen mit körperlichen Merkmalen, die als typisch arisch galten.«</p>
<p>Ein unruhiges Raunen ging durch die Journalistenrunde. »Ich habe eine solche Frage natürlich erwartet«, erwiderte Kuhlmann ruhig. »Ich habe Verständnis für Kritiker, die die Wiederverwendung des Wortes ‚Born‘ in unserem Firmennamen für geschmacklos halten. Aber wir wollen uns doch hier nicht an den Worten aufhängen, nicht wahr? Gewiss, es sind damals unter Hitler schlimme Dinge passiert«, sagte er flüchtig, als wolle er sich einer Pflicht entledigen, deren Erfüllung an dieser Stelle von ihm erwartet werden konnte. »Ich will das in keiner Weise beschönigen &#8230; ABER &#8230;« Nun war es, als hätte ein unerwarteter Energieschub Herrn Kuhlmann ergriffen. »Meine Damen, meine Herren, es wäre naiv anzunehmen, dass damals ALLES schlecht gewesen wäre.«</p>
<p>Verhaltene Entrüstung einiger Journalisten.</p>
<p>»Sie werden doch wohl nichts gegen Schäferhunde einzuwenden haben, nur weil Hitler Schäferhunde mochte, nicht wahr?«</p>
<p>Sichtlich war es Kuhlmann gelungen, durch diesen wohl vorbereiteten Scherz das Eis unter den Anwesenden zu brechen. Zustimmendes Raunen.</p>
<p>»Was wir bei aller berechtigter Kritik an einigen unerfreulichen Vorgängen der damaligen Zeit doch nicht vergessen dürften ist: Damals wurden Werte hoch gehalten, die auch in unserer Zeit dringend der Erneuerung harren. Die Pflicht des Einzelnen, sich und seine persönlichen Interessen stärker in den Dienst des Allgemeinwohls zu stellen – speziell auch in harten Zeiten, in denen die Politik nicht umhin kann, vom Volk gewisse Opfer zu verlangen – ein bisschen von diesem Geist, behaupte ich, würde auch uns verwöhnten Deutschen wieder gut anstehen. Der enorme Konkurrenzdruck, der durch die Globalisierung der Arbeitsmärkte entstanden ist, bringt die unumstößliche Notwendigkeit mit sich, dass wir einen Gutteil unserer bisherigen Anspruchshaltung zugunsten des Denkens in weit größeren Zusammenhängen zu revidieren bereit sind. Um es kurz zu sagen: Wenn wir Deutsche uns im Wettbewerb behaupten wollen, müssen wir drei Dinge ändern: Wir müssen mehr werden, wir müssen billiger werden und wir müssen anspruchsloser werden. Punkt 1, die Anzahl der in den Arbeits- und Konsumprozess Involvierten zu erhöhen, ist das besondere Anliegen von Born Make-A-Child.«</p>
<p>»Das ist eine Einstellung, die mich verdächtig an den Nazi-Slogan ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ erinnerte«, warf ich ein.</p>
<p>»Nicht ganz«, konterte Kuhlmann unbeeindruckt. »Wenn Sie Slogans mögen, dann lautet der heute gültige wohl: ‚Du bist nichts, die Rendite ist alles‘. Aber das unfruchtbare Wühlen in der Vergangenheit bringt uns doch hier nicht weiter. Oder wollen Sie als nächstes die notwendige Aufweichung des Kündigungsschutzes mit dem Hinweis auf den Spartakus-Aufstand kritisieren?«</p>
<p>Spöttisches Gelächter meiner Journalisten-Kollegen. Der Punkt ging eindeutig an Kuhlmann. Ich war fürs erste durch die rhetorische Überlegenheit des Fertilization Managers eingeschüchtert und überließ das Feld der brillanten Kollegin von der WZ.</p>
<p>»Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, den Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt durch die Erzeugung zusätzlicher künftiger Arbeitnehmer, unnötig zu erhöhen?«<br />
Wider Erwarten versuchte Kuhlmann nicht einmal, zu leugnen. »Tja, Konkurrenz belebt das Geschäft, nicht wahr?« Wieder hatte er die Lacher auf seiner Seite. »Sehen Sie, versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Firmenchefs, der gegenüber seinen Mitarbeitern unbequeme, aber notwendige Einsparmaßnahmen durchsetzen möchte. ‚Wenn Ihnen die Arbeitsbedingungen in unserem Betrieb nicht passen, gibt es sicher genügend andere, die liebend gern Ihre Stellung einnehmen würden‘ wäre ein nahe liegendes Argument des Chefs. Was aber, wenn weit und breit niemand ist, der bereit wäre die Stelle des Arbeitnehmers einzunehmen oder sich sogar, wie es wünschenswert wäre, mit weniger Lohn zufrieden zu geben? Die ganze Argumentationskette des Firmeninhabers bräche in sich zusammen, er wäre dem Starrsinn seines Angestellten machtlos ausgeliefert. Und alles nur weil sich die Deutschen aus purem Egoismus hartnäckig weigern, Kinder zu zeugen. Das kann es doch wohl nicht sein, oder?«<br />
»Um Arbeitnehmer klein zu halten, hat es aber doch bisher genügt, auf billigere Produktionsstätten im Ausland zu verweisen«, wandte die WZ-Redakteurin ein.</p>
<p>»Ja, sehen Sie, das hat eine Zeit lang auch ganz gut funktioniert«, sagte Kuhlmann. »Das Problem ist nur, der Trend ging dahin, dass allmählich gar kein Deutscher mehr Arbeit hatte. Das hat die ohnehin klammen Haushaltskassen des Staates noch mehr überlastet. Niemand hatte mehr das Geld, um auch noch so billig im Ausland produzierte Produkte zu kaufen. Wer bitte soll denn die neue Generation der Handy-Klingeltöne kostenpflichtig herunterladen? Die Wirtschaftslage lässt es schon längst nicht mehr zu, dass ausschließlich Produkte hergestellt werden, die für die Menschen wirklich notwendig und sinnvoll sind. Damit man sinnlose Dinge verkaufen kann, braucht man aber zuallererst Menschen. Und Menschen sind, bevor sie zu Konsumenten werden können, leider Gottes – Kinder! Wenn du mehr Schweinefutter verkaufen willst, sorge dafür, dass genügend Schweine gezüchtet werden; wenn du Handys und Videospiele verkaufen willst, züchte Kinder.«</p>
<p>»Aber ist das nicht sehr zynisch?«, meinte nun sogar die taffe Dame von der Wachstumszeitung.</p>
<p>»Was Sie zynisch nennen, nenne ich realistisch«, antwortete Kuhlmann mit einem gönnerhaften Lächeln. »Es ist nun einmal so: Damit der soziale Frieden in einem Land gewahrt bleibt, muss den Bürgern dieses Landes direkt und indirekt unablässig die eine Botschaft eingetrichtert werden: Es gibt viel zu viele von euch, und nicht alle können einen Platz an der Sonne bekommen. Viele von euch werden durch den Rost fallen. Also strengt euch an, alle unsere Regeln getreu zu befolgen – und wenn sie euch auch noch so unsinnig und schikanös vorkommen. Ihr befindet euch in einem erbarmungslosen Wettkampf um ein lebenswertes Leben. Eure Mitmenschen sind eure Gegner. Ihr müsst sie mitleidlos aus dem Feld schlagen, damit sie nicht euch aus dem Feld schlagen. Eure Schiedsrichter bei diesem Wettkampf sind wir, die Regelmacher!«</p>
<p>Kuhlmanns Augen funkelten bei diesen Worten bezwingend und fast bedrohlich. Niemand von den Anwesenden hätte in diesem Moment gewagt, sich dem Charisma des Präsentators entgegen zu stellen. »Und sehen Sie, diese Kinder hier sind die Garanten dafür, dass die Botschaft auch weiterhin ankommt«, fuhr Kuhlmann fort. »Sie sind ohne eine liebende Mutter und ohne einen Vater aufgewachsen. Nur die Stärkeren von ihnen waren überhaupt in der Lage, die Atmosphäre emotionaler Kühle zu überleben, in der sie bei ihren staatlich ausgebildeten Pflegeeltern aufwachsen mussten. Sie lernen von Kindesbeinen an, dass sie ihren Platz auf dieser Erde, ihr Recht auf Leben, Glück und Würde nicht geschenkt bekommen, sondern dass sie darum kämpfen müssen – gegeneinander. Bringen Sie die Kinder herein, Frau Schröbe!«</p>
<p>Ein seltsamer Aufmarsch</p>
<p>Vor unseren Augen vollzog sich nun ein seltsamer Aufmarsch. 30 Jungen und Mädchen kamen in Zweierreihen herein, nicht im Gleichschritt, aber doch wie ferngesteuert, mit starrem Blick, in dem jede kindliche Daseinsfreude erloschen schien. Die Kinder, nicht in Uniformen, wohl aber artig in Kleidungsstücke bekannter Marken gekleidet, waren zwischen 3 und 4 Jahren alt, die erste Generation der Born-Kinder. Sie stellten sich nun in Frontlinie vor den sitzenden Journalisten auf. </p>
<p>»Wollt ihr den Onkels und Tanten nicht guten Tag sagen und euer Sprüchlein aufsagen, Kinder!?«, sagte die etwas affektiert freundlich wirkende, und doch eindringlich dominante Stimme von Frau Schröbe.</p>
<p>»Guten Tag!« erklang es in einem noch etwas holprigen und doch in Anbetracht der Altersstufe der Kinder erstaunlich disziplinierten Chor. »Wir sind die Born-Kinder. Wir wollen immer brav sein. Wenn wir groß sind, wollen wir kaufen und arbeiten.«</p>
<p>»Brav habt ihr das gemacht«, säuselte Frau Schröbe. »Und jetzt habe ich noch ein kleines Spiel mit Euch vor. Hier in meinem Sack habe ich wunderschöne Plastikhandys, die lustige Piepstöne von sich geben. Ich werfe sie jetzt in die Luft, und wer sie auffängt, dem gehören sie.«</p>
<p>Die Augen der Kinder waren gebannt auf die Erzieherin gerichtet. Die kleinen Körper spannten sich an, zum Sprung bereit.</p>
<p>»Aber aufgepasst, es sind nicht für alle Kinder Handys da. Wer zu langsam ist, geht leer aus.«</p>
<p>Schwupp, warf Frau Schröbe die billigen, quietschbunten Plastikdinger in die Luft, so dass sie auf die wartenden Kinder herunterprasselten. Die Kleinen sprangen eifrig in die Höhe, stießen sich beim Schnappen nach den Handys gegenseitig beiseite und suchten mit verbissenem Eifer auf dem Boden nach der ersehnten Beute. Zwei Jungen zogen mit vor Wut verzerrtem Gesicht an den zwei Enden ein und desselben Handys, bis einer von ihnen als Sieger hervorging und das Ziel seine Wünsche triumphierend in die Luft reckte. »Jaaa!«, rief er aus.<br />
»Schön hast du das gemacht, Patrick!«, sagte Herr Kuhlmann zu dem Sieger. »Ich bin stolz auf dich, du hast gut gekämpft. Weiter so!«</p>
<p>Niemand bemerkte indes den traurigen Verlierer der kurzen Schlacht, einen dunkelblonden Jungen von zierlichem Körperbau. Seine Augen, in denen jetzt verstohlene Tränen standen, schienen etwas auszudrücken, was den anderen Kindern fehlte, die Wehmut eines gewohnheitsmäßigen Verlierers, eines Außenseiters, der heute gewiss nicht zu ersten Mal von seinen Kameraden missachtet und ausgelacht wurde. Der Junge saß jetzt dicht vor mir auf dem Boden. Unwillkürlich strich ich ihm über das Haar und wollte ihm etwas Ermutigendes zuflüstern: »Ist doch nicht so schlimm! So wichtig ist das auch nicht, das dumme Handy! Du bist doch trotzdem ein lieber Junge.«</p>
<p>»Komm, Robert, weg da!«, fuhr Frau Schröbe den Jungen an und zerrte ihn weg. Und sie fügte giftig an meine Adresse hinzu: »Mischen Sie sich nicht in Erziehungsangelegenheiten ein! Berichten Sie lieber über die offensichtlichen Erfolge unserer Anstalt!«</p>
<p>Robert drehte sich an Frau Schröbes Hand plötzlich zu mir um, und seine Augen hatten die Tränen wohl erfolgreich unterdrückt. Plötzlich war ein unheimlicher Zorn, ja fast Hass in seinem Blick, als er mich anschrie: »Du bist blöd! Die Handys sind wohl wichtig! Und beim nächsten Mal werde ICH gewinnen!«</p>
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		<title>«Straffällig werden ist Bürgerpflicht»</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 09:28:15 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Privatisierung verstärkt die Effizienz durch Konkurrenz und Unternehmergeist und generiert Wachstum. Alles klar, aber gilt das für jedes Aufgabenfeld? Im Strafvollzug ist die Privatisierung längst angekommen, sie sorgt aber für eine drastische Verschiebung des Blickwinkels. Was bedeutet Wachstum in der Gefängnisbranche? Und was tun, wenn die kriminelle Energie der Bürger nicht ausreicht, um ausreichend Kundschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_2803" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/KnastIndymedia.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/KnastIndymedia-150x150.jpg" alt="" title="KnastIndymedia" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-2803" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Indymedia</p></div>Privatisierung verstärkt die Effizienz durch Konkurrenz und Unternehmergeist und generiert Wachstum. Alles klar, aber gilt das für jedes Aufgabenfeld? Im Strafvollzug ist die Privatisierung längst angekommen, sie sorgt aber für eine drastische Verschiebung des Blickwinkels. Was bedeutet Wachstum in der Gefängnisbranche? Und was tun, wenn die kriminelle Energie der Bürger nicht ausreicht, um ausreichend Kundschaft zu akquirieren? Eine visionäre, nicht wirklich komische Satire von Roland Rottenfußer.<span id="more-2800"></span><br />
Anna, die Lebensgefährtin unserer Hauptfigur R., ist Sozialpädagogin. Gerade hat sie eine Stelle als Gefängnissozialarbeiterin beim privaten Gefängnisbetreiber PrizBiz angetreten. Mit ihrem Chef, Filialleiter Trutz Haiderich (früher hätte man „Gefängnisdirektor“ gesagt), versteht sie sich ausnehmend gut. So überrascht es nicht, dass sie ihn eines Abends in R.s und Annas gemeinsame Wohnung einlädt. Ein gutes Glas Wein lockert die Zunge, und es kommt manches ans Tageslicht, was Insider der Gefängnisbranche sonst nicht gern öffentlich sagen.</p>
<p>Haiderich: Ihr Freund ist eher ein Stiller, stimmt’s, Anna?</p>
<p>Anna: Ja, so ist sein Naturell. Vielleicht liegt es auch daran, dass er Sie für eine Art Polizisten hält. Es gab da in letzter Zeit ein paar Zusammenstöße mit der Ordnungsmacht …</p>
<p>R.: Anna!</p>
<p>Anna: Das darf ich doch gegenüber Herrn Haiderich erwähnen. Wir sind doch hier im privaten Kreis, nicht Herr Haiderich?</p>
<p>Haiderich (lacht gönnerhaft): Nein ich bin wirklich nicht dienstlich hier, keine Sorge. Und selbst, wenn: ich bin Vollzugsbeamter, kein Ermittlungsbeamter. So ruhig, wie sich Ihr Freund benimmt, habe ich keine Bedenken, dass wir demnächst beruflich miteinander zu tun haben werden (klopft ihm auf die Schulter).</p>
<p>R.: Nein, das ist es nicht. Ich fühle mich in Ihrer Gegenwart etwas unsicher. Ich glaube, es hängt mit den Zeitungsberichten zusammen: über die vielen Gefängnisselbstmorde, die es in letzter Zeit gegeben hat. Ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen über das Thema sprechen soll, ohne dass es wie ein Vorwurf klingt.</p>
<p>Haiderich: Tun Sie sich keinen Zwang an, mein Lieber. Ich bin Kritik gewohnt, und schließlich sind wir hier unter uns. </p>
<p>R.: Ich bezweifle nicht, dass alle Insassen bei PrizBiz ihre Gefängnisstrafe verdient haben: Nur: Diese Überbelegungsprobleme, von denen die Zeitung spricht, kann man das nicht besser lösen? In einem Raum mit 20 Fremden, noch dazu alles Verbrecher, ich glaube, ich würde auch wahnsinnig werden – oder depressiv.</p>
<p>Haiderich: Sehen Sie, PrizBiz ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wir sind kein Erholungsheim. Mehrfachzellen ermöglichen eine größere Gefangenendichte pro Quadratmeter, das ist das<br />
ganze Geheimnis. Ursprünglich hatten wir ein Konzept mit sehr kleinen Einzelzellen, videoüberwacht. Das war nicht so konfliktträchtig. Wir mussten keine Gefangenen beruhigen, die sich gegenseitig blutig geschlagen haben, unsere Pflegekräfte mussten weniger Verletzungen im rektalen Bereich verarzten. Aber wir haben dann in Absprache mit der Justiz wieder vom Einzelzellen-Modell Abstand genommen – mit Rücksicht auf das Freiheitsabstandsgebots!</p>
<p>R.: Das Freiheitsabstandsgebot?</p>
<p>Haiderich: Es muss ein qualitativer Abstand bestehen zwischen dem Leben in Freiheit und dem Leben hinter Gittern. Sonst greift die Abschreckung nicht mehr. Gefängnis ist die bewusste Kreation einer künstlichen Hölle – natürlich im Dienste des Guten. Aber wo soll der Abstand herkommen, wenn die Freiheit draußen für die Unterschichten immer schwerer von einer Hölle zu unterscheiden ist? Sie erleben es ja selbst: Die Menschen leben in kleinen Wohnklos, damit Miete für sie erschwinglich ist. Sie werden praktisch überall überwacht. Sie sind von Verboten umstellt. Für Arme ist die Bewegungsfreiheit außerhalb des Gefängnisses nur eine theoretische. Praktisch bewegt sich ihr ganzes Leben in einem sehr engen Radius zwischen Wohnung, Arbeit oder Arbeitsamt, U-Bahn und Discounter. Wie sollen wir diese Gefangenschaft in den Gefängnissen noch übertreffen? Unsere Antwort ist mit Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Wir zwingen die Insassen, einander ertragen zu müssen. Ihre aufgestaute Aggressivität, die sich normalerweise gegen uns richten würde, entlädt sich nun im Kampf gegeneinander. Wir sehen dabei zu und greifen gelegentlich ein, nicht ohne unsere Empörung über die Verrohung dieser Menschen zum Ausdruck zu bringen. Ihre fortgesetzte Gewalttätigkeit ist für uns nur Beleg, dass diese Menschen hinter Schloss und Riegel gehören. </p>
<p>R. Aber macht Ihnen die Rückfallquote nicht Sorgen?</p>
<p>Haiderich: Nun ja, ich sagte ja, wir sind ein Wirtschaftsunternehmen.</p>
<p>R. Wie meinen Sie das?</p>
<p>Haiderich: Mit Neukunden allein könnten wir unsere Zellenbelegungsquote nicht halten. Wir sind auf Rückkehrer angewiesen. Schließlich wollen wir wirtschaftlich überleben.</p>
<p>R.: PrizBiz hat Angst ums Überleben?</p>
<p>Haiderich: Gefängnisse müssen nicht nur voll belegt sein, um sich zu rechnen; das System als Ganzes muss auch wachsen. Die Filialen müssen sprießen, auf der Landkarte darf es keine weißen Flecken geben, auf denen keine PrizBiz-Filiale verzeichnet ist. Wir haben Kredite aufnehmen müssen, unsere Gläubiger verlangen Renditen im zweistelligen Bereich. Kurz gesagt: Wenn wir die Anzahl unserer Vollzugsplätze nicht binnen 10 Jahren mindestens verdoppeln, können wir zu machen. Sie können Sich vorstellen, was das für unsere Mitarbeiter und ihre Familien bedeutet. Z.B. für Anna.</p>
<p>Anna: Wäre es dir lieber, ich wäre wieder arbeitslos?</p>
<p>R.: Natürlich nicht. Ich frage mich nur: Reicht die kriminelle Energie im Land überhaupt aus, um ein beständiges Wachstum zu generieren? </p>
<p>Haiderich: Im Gegensatz zu anderen Bedürfnissen unterliegt der Bedarf an Gefängnisdienstleistungen nicht dem Zufall.</p>
<p>R.: Wie meinen Sie das?</p>
<p>Haiderich: Sehen Sie, Sie haben mir von der Flut der Verbotsschilder in Ihrer Wohngegend erzählt. Ebenso von der Zunahme jener viel tückischeren Strafbarkeiten, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Die Nachbarschaft ist parzelliert in einen Fleckenteppich einander ablösender und teilweise überschneidender Verbotszonen. Auf einem Gehweg kann es verboten sein, zu schnell zu gehen, auf einem anderen geht man besser nicht zu langsam. Hier ist das Rauchen verboten, dort das Öffnen einer Bierdose, an einem anderen Ort das Essen in der Öffentlichkeit. Sie haben ihr Fahrrad unrechtmäßig abgestellt. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil in Sichtweite ihres Fahrrads kein Verbotsschild stand. Sie hatten aber übersehen, dass sie schon 30 Meter weiter in eine Fahrradsverbotszone eingefahren waren. Glauben Sie, das alles ist Zufall?</p>
<p>R.: Ich weiß es nicht. Ich stelle nur fest, dass ich ziemlich ratlos bin. Ich musste in den letzten Wochen so viele Strafen zahlen, dass ich Angst habe, finanziell zusammenzubrechen. Ich hatte schon das Magazin „Strafen aktuell“ abonniert, um genauestens über die neuesten Verbote informiert zu sein, aber es war aussichtslos. Das Abo ging zusätzlich ans Geld, konnte aber nicht verhindern, dass ich immer wieder strafbaren Handlungen erwischt werde. Auf allen Strafzetteln heißt es ja: „ersatzweise Gefängnis“. Da mir aber allmählich das Geld ausgeht, habe ich mich entschlossen, das Haus nicht mehr zu verlassen.</p>
<p>Haiderich (amüsiert): Im Ernst? Das erstaunt mich. Wie können Sie Ihr Leben überhaupt organisieren? </p>
<p>Anna: R. und ich haben eine Abmachung. Ich gehe einkaufen, und dafür muss er die Wäsche und den Abwasch machen. Sie wissen ja, dass wir PrizBiz-Mitarbeiter unsere Strafen-Freibeträge haben. Da ist unser Budget für Strafen noch nicht so schnell erschöpft.</p>
<p>R.: Ich bin freiberuflicher Journalist. Da erledige ich alles mit Email und Telefon. Wenn ich mal von einem Arbeitgeber zu einem persönlichen Treffen eingeladen werde, winde ich mich heraus. Das hat mich schon manches Job-Angebot gekostet. Aber was soll ich machen?</p>
<p>Haiderich: Aber mein Lieber, eigentlich leben Sie doch schon im Gefängnis!?</p>
<p>R.: Irgendwie schon, aber welche Wahl habe ich? Auf die Straße gehen ist faktisch gleichbedeutend mit straffällig werden. Viele in meinem Bekanntenkreis sagen schon: „Ich gehe erst wieder auf die Straße, wenn ich mir ein paar Strafen leisten kann.“</p>
<p>Haiderich (lacht lauthals, unterdrückt seine Heiterkeit dann aber): Verzeihen Sie, lieber R., ich schätze Anna und Sie und wünsche Ihnen bestimmt nichts Böses. Aber verstehen Sie bitte, dass Ihre Schilderung unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten für mich eine grandiose Nachricht ist. Sie und alle Bürger dieser Stadt befinden sich in einem aussichtslosen Wettlauf. </p>
<p>R.: Was meinen Sie mit „Wettlauf“?</p>
<p>Haiderich: Auf der einen Seite ist da die fast schon groteske Bravheit der Deutschen, ihr eifriges Bemühen, jedes noch so sinnlose Verbot getreulich zu beachten. Auf der anderen Seite das Bestreben des Systems, doch irgendwo Schuld bei ihnen zu finden. Der Bürger kann diesen Wettlauf nur verlieren, denn der Staat hat zwei Möglichkeiten, um ihn immer wieder einzuholen: Er kann die Liste der Strafanlässe erweitern und er kann die Überwachungsdichte verstärken. So lange, bis strafbare Handlung und Strafe untrennbar miteinander verbunden sind. Bürgerrechtler klagen immer über den „Überwachungsstaat“ oder über überhöhte Strafen. Aber wer ist denn eigentlich an dieser Entwicklung schuld? Die Bürger!</p>
<p>R.: Der Bürger? Warum?</p>
<p>Haiderich: Nun begreifen Sie doch: Wollen wir die Zellenbelegung sichern und dabei Wachstum generieren, muss es immer eine bestimmte Anzahl an Strafgefangenen geben. Die Bürger weigern sich aber zunehmend, grobe Delikte wie Gewaltvergehen, Diebstahl, sexuelle Belästigung, Vandalismus usw. zu begehen. Was sollen wir also tun? Wir sind gezwungen, kleinere bis kleinste Vergehen zu Verbrechen zu erklären und zugleich die Aufklärungsquote zu erhöhen. Ich will es Ihnen noch mal an einem anderen Beispiel erklären. Sie und ich sitzen hier zusammen, trinken Wein, essen Salzstangen. Ab und zu geht einer auf die Toilette. Wenn ich rauche, öffnen Sie das Fenster und lassen Luft herein. Wie definieren Sie die genannten Tätigkeiten?</p>
<p>R.: Ich weiß nicht. Es sind ganz normale Tätigkeiten.</p>
<p>Haiderich: Eben nicht. Alle genannten Tätigkeiten sind definiert als der Bereich des Erlaubten. Sie dürfen all diese Dinge tun, nicht etwa weil Sie von Natur aus das Recht dazu hätten, sondern weil Ihnen der Staat das Recht auf diese Handlungen gewährt hat. Dieser genau definierte Bezirk des Erlaubten aber ist umgrenzt durch den Bereich des Verbotenen. Die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem ist flexibel und wird bestimmt durch den Bedarf. Dieser wiederum hängt von verschiedenen Faktoren ab, zu deren wichtigsten die regionale Wirtschaftsförderung gehört. Und PrizBiz ist der größte Arbeitgeber im Landkreis. Stellen Sie sich den Bereich des Erlaubten also als eine Insel vor, auf der Sie sich mit anderen Bürgern immer stärker zusammen drängen müssen. Den Bereich des Verbotenen als ein Meer bei steigender Flut.</p>
<p>R.: Sie reden immer vom Wachstum. Was passiert aber, wenn das Wachstum immer so weiter geht, womöglich exponential? Ich meine: Was bedeutet das für die Gesamtgesellschaft?</p>
<p>Anna: R., so kannst du nicht mit Herrn Haiderich reden!</p>
<p>Haiderich: Nein lassen Sie, Anna, es ist eine gute Frage. Die Antwort ist: Ich bin Betriebswirt und zunächst nur am Gedeihen meines eigenen Unternehmens interessiert. Der Rest geht mich nichts an.</p>
<p>R.: Aber es muss auch weiter Menschen außerhalb des Gefängnisses geben!?</p>
<p>Haiderich: Ja leider: im Zuliefererbereich. Also bei Polizei und Justiz, bei der Verpflegung, bei der Sicherheitstechnologie, in der Baubranche, um neue Gefängnisfilialen aufzubauen, usw. Aber wir sollten unsere Phantasie da nicht zu stark einschränken. Das gesamte, in unserer Gesellschaft vorhandene Know-How wird nach und nach von außerhalb in das Gefängnissystem hinein wandern. Unsere Gefangenen arbeiten ja jetzt schon recht fleißig. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Ab einer gewissen Größenordnung können alle gesellschaftlich notwendigen Arbeiten von Kräften innerhalb des Gefängnissystems erbracht werden. Das ist außerdem erheblich kostengünstiger.</p>
<p>R.: Aber das wäre ja …</p>
<p>Haiderich (mit leuchtenden Augen) …: eine Gesellschaft aus Wärtern und Gefangenen. Haben Sie Lust, sich als Wärter zu bewerben? Die andere Alternative ist wenig verlockend, nicht wahr?</p>
<p>R.: Ich weiß nicht …</p>
<p>Haiderich: Der Trend ist nicht zu stoppen. Gefängnisaufenthalte werden sich von bedauerlichen Ausnahmen immer mehr zum Normalfall in den Biografien fast aller Bürgern entwickeln. Man wird seine Gefängniszeiten in gewissen Abständen absolvieren, so wie Männer jetzt zu Reservistenübungen beim Militär eingezogen wurden. Und das ist nur der Anfang. Die Strafe wird im Leben der Menschen stets als reale Perspektive gegenwärtig sein. Wir bieten schon in naher Zukunft die PrizBiz-Rabattkarte an.</p>
<p>R.: Was soll ich darunter verstehen?</p>
<p>Haiderich: Die PrizBiz-Rabattkarte bietet Bürgern die Möglichkeit, vorsorglich Zeit als Gefangener in einer unserer Filialen zu verbringen. Wenn sie später wirklich straffällig werden, wird ihnen diese Zeit angerechnet. Zusätzlich werden ihnen ein paar Strafwochen erlassen.</p>
<p>R.: Sie meinen, unschuldige Menschen sollten freiwillig ins Gefängnis gehen?</p>
<p>Haiderich: Was heißt schon „unschuldig?“ Jeder Mensch in Freiheit ist ohnehin ein zukünftiger Straffälliger. Sie müssen sich, wenn Sie das moderne Gefängniswesen verstehen wollen, vom Konzept der moralischen Schuld verabschieden. Unverantwortlich handeln in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit eher jene, die sich weigern, der Gefängnisbranche als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Straffällig zu werden ist sozusagen Bürgerpflicht in den Tagen der Krise.</p>
<p>R.: Aber ohne eine zugrunde liegende Schuld macht die Strafe doch keinen Sinn mehr!</p>
<p>Haiderich: Jeder Gefangene ist zumindest in einer Hinsicht schuldig geworden: Er hatte zu wenig Geld. Das ist in unserer befriedeten Gesellschaft eigentlich die einzige verbleibende Schuld. Es ist zugleich die Urschuld, die durch nichts zu sühnen ist. Hast Du Geld, lassen sich selbst für größte Verbrechen Lösungen finden. Hast du kein Geld, nützt dir selbst akribisches Bemühen um Gesetzestreue nichts. Geldmangel aber ist eine relative Größe. Sie lässt sich steuern und hängt von der Höhe der Geldforderungen ab.</p>
<p>R.: Man kann der Schuld also nicht entkommen?</p>
<p>Haiderich: Nein, die Schuld gehört wesenhaft zu Ihrer Identität als Bürger dieses Staates. Der Bürger wird vor seinem Staat immer nackt dastehen, unzureichend, voller Makel. Kein Bürger ist im Grunde seines Staates würdig. </p>
<p>R.: Das klingt fast so, als ob der Staat Gott wäre.</p>
<p>Haiderich.: Ja, das Strafsystem, wie es von PrizBiz in Zusammenarbeit mit den Behörden erarbeitet wurde, hat quasi den Platz eingenommen, den früher die großen Religionen einnahmen. Die Schuld ist unentrinnbar. Die Menschen haben zu lange nicht mehr an ihre Schuld geglaubt. Mit der Bindung an die Kirchen schwand auch das Schuldgefühl. Nützliche Theorien wie die Erbsünde verblassten in den Köpfen der Menschen. Staat und Privatwirtschaft mussten diese Lücke ausfüllen. Der Gefängnisinsasse ist der Prototyp des Menschen der Zukunft: Er ist mit wenigem zufrieden, die Hölle ist quasi sein Zuhause, und er duldet das alles, weil er seine Lebenssituation als seine eigene Schuld betrachtet.</p>
<p>(Ein heftiges, forderndes Klopfen an der Tür. R. zuckt zusammen)</p>
<p>Anna: Erwartest du jemanden?</p>
<p>R.: Nein, du?</p>
<p>Anna: Nein. Hast du etwa wieder einen Strafzettel fabriziert?</p>
<p>R.: Nein. Wie denn? Ich war die letzten Wochen nur zu Hause. Vielleicht ist es der Nachbar.</p>
<p>(Es klopft abermals, diesmal noch heftiger)</p>
<p>Anna: Nein, keiner von unseren Nachbarn und Freunden klopft auf diese Weise an die Tür – auf eine Art, die keinerlei Widerspruch duldet.</p>
<p>R.: Ich mache die Tür nicht auf. Wenn wir alle ganz leise sind, gehen sie vielleicht wieder weg.</p>
<p>Haiderich: Ich an Ihrer Stelle würde aufmachen. Es ist sicher Polizei. Es ist dieses spezielle Polizei- Klopfen. Als Mitarbeiter im Strafvollzug bin ich verpflichtet, zu öffnen. Sonst mache ich mich der Behinderung bei der Ergreifung eines Gefangenen schuldig. Das kann ich mir in meiner Position nicht leisten. Also öffnen Sie, sonst öffne ich.</p>
<p>(Es klopft zum dritten Mal. Diesmal so als würde die Tür gleich einbrechen)</p>
<p>R.: Ergreifung eines Gefangenen? Aber ich habe nichts getan. Ich war nicht auf der Straße. Ich habe nichts Illegales downgeloadet. Ich habe alle meine Rechnungen bezahlt …</p>
<p>Haiderich: Irgendetwas hat man immer getan.</p>
<p>(Die Tür bricht krachend auf. Fünf schwer bewaffnete Polizisten in Helmen und Schutzanzügen stürmen ins Zimmer. Zwei von ihnen ergreifen R. beim Arm. Die anderen zielen mit schweren MGs auf ihn.)</p>
<p>Polizist: Herr R.!?</p>
<p>R. (schüchtern): Ja, das bin ich.</p>
<p>Polizist: Sie habe es versäumt, Ihren Schneeräumdienst auf der Schillerstr. 77, Wohnblock D5, ordnungsgemäß zu verrichten.</p>
<p>R.: Ja, aber ich wusste nicht, dass es zu schneien angefangen hat. Ich war immer hier in der Wohnung und hatte die Rollos unten. Anna, hast du bemerkt, dass es angefangen hat zu schneien?</p>
<p>Anna: Natürlich.</p>
<p>Haiderich: Es ist in solchen Situationen besser, nicht nach Entschuldigungen zu suchen. Die Polizei reagiert mit Recht gereizt auf Entschuldigungen. Man könnte Ihnen das als Weigerung auslegen, die volle Verantwortung für Ihre Tat zu übernehmen.</p>
<p>R.: Tat? Aber ich habe nichts getan. Ich hole das Schneeräumen gern nach.</p>
<p>Polizist: Sie haben die Möglichkeit, gleich jetzt 398 Euro an mich zu entrichten. Alternativ begleiten wir Sie unverzüglich zu Ihrem Bankautomaten. Alternativ Gefängnis. </p>
<p>R.: Aber ich habe keine 398 Euro, weder in meiner Tasche noch auf meinem Konto. Anna hättest du vielleicht …</p>
<p>Anna: Tut mir leid, R., noch mal kann und will ich nicht für dich einspringen. Ich habe oft genug an dich appelliert, dich nicht andauernd mit den Behörden anzulegen. Aber dein verantwortungsloses Verhalten…</p>
<p>Haiderich (legt den Arm um Anna und lächelt süffisant): Hatte ich es dir nicht gesagt: Er ist ein Versager. Eine Frau wie du kann ganz andere Männer haben.</p>
<p>Polizist: Sie können das Geld nicht bezahlen. Also Gefängnis. Wir sind befugt, Sie unverzüglich in die örtliche PrizBiz-Filiale zu überstellen. Sie dürfen keine privaten Gegenstände mitnehmen. Kleidung und Bettzeug werden Ihnen im Gefängnis gestellt. (Zwei Polizisten packen ihn und führen ihn zur Tür hinaus)</p>
<p>Haiderich: Wir sehen uns ja dann bald. Ging schneller, als ich gedacht hatte.</p>
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		<title>Babys hungern lassen: der beste Leistungsanreiz</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Jul 2010 08:18:15 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>

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		<description><![CDATA[Elterngeld in Höhe von 300 Euro pro Monat soll nach einem Beschluss der Bundesregierung für BezieherInnen von Hartz IV in Zukunft nicht mehr anrechnungsfrei sein, sondern als Einkommen angerechnet werden. Begründung ist, dass Eltern von Säuglingen Arbeitsanreize brauchen. Das Institut für Innovative Politik (IP) begrüßt diesen Vorstoß der christlich-liberalen Bundesregierung. (Satire, Quelle: Linke Zeitung) http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_2366" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/07/mutterBaby.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/07/mutterBaby-150x150.jpg" alt="" title="mutterBaby" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-2366" /></a><p class="wp-caption-text">Damit ist jetzt Schluss: Mütter mit Babys ruhen sich in der sozialen Hängematte aus</p></div>Elterngeld in Höhe von 300 Euro pro Monat soll nach einem Beschluss der Bundesregierung für BezieherInnen von Hartz IV in Zukunft nicht mehr anrechnungsfrei sein, sondern als Einkommen angerechnet werden. Begründung ist, dass Eltern von Säuglingen Arbeitsanreize brauchen. Das Institut für Innovative Politik (IP) begrüßt diesen Vorstoß der christlich-liberalen Bundesregierung. (Satire, Quelle: Linke Zeitung)<br />
<a href="http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1">http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1</a></p>
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		<title>Die Kuppel</title>
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		<pubDate>Tue, 18 May 2010 07:51:20 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Für Reiche gibt’s keine Erderwärmung. Futuristische Satire von Roland Rottenfußer. (Quelle: Neue Wirklichkeit) Wir schreiben das Jahr 2060. Überall in Mitteleuropa herrscht wegen der Erderwärmung Wüstenklima. Im bayerischen Oberland stöhnen die Menschen unter Dürre, Hunger und Überbevölkerung – verursacht auch durch zahlreiche Migranten aus den Küstenregionen, die vor dem rapide angestiegenen Meeresspiegel ins Landesinnere flüchteten. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/05/Kuppel.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1815" title="Kuppel" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/05/Kuppel-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Für Reiche gibt’s keine Erderwärmung.</strong> Futuristische Satire von Roland Rottenfußer. (Quelle: Neue Wirklichkeit)</p>
<p>Wir schreiben das Jahr 2060. Überall in Mitteleuropa herrscht wegen der Erderwärmung Wüstenklima. Im bayerischen Oberland stöhnen die Menschen unter Dürre, Hunger und Überbevölkerung – verursacht auch durch zahlreiche Migranten aus den Küstenregionen, die vor dem rapide angestiegenen Meeresspiegel ins Landesinnere flüchteten. Überall in Mitteleuropa? Nein, eine Gruppe Wohlhabenden hat sich unter die „Kuppel“ geflüchtet, eine riesige Kunststoffglocke, die ein Gebiet von 25 Quadratkilometern umspannt und 5 Kilometer in den Himmel ragt.</p>
<p><a href="http://www.neue-wirklichkeit.de/?p=173.html" target="_blank">http://www.neue-wirklichkeit.de/?p=173.html</a></p>
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		<title>Eine Geschichte von Gott zum Osterfest 2010</title>
		<link>http://hinter-den-schlagzeilen.de/2010/04/04/eine-geschichte-von-gott-zum-osterfest-2010/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 Apr 2010 07:14:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>

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		<description><![CDATA[Autor der Geschichte ist der holländische Liedermacher Herman van Veen. Empfohlen wurde sie im Newsletter von Bernhard Fricke (Bürgerbewegung &#8220;David gegen Goliath&#8221;).Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Hause ging, war es schön; sagenhaftes Wetter! Und das erste, was Gott tat, war: Die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen gut zu lüften. Und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/herman-van-veen_001529_2_MainPicture.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1458" title="herman-van-veen_001529_2_MainPicture" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/herman-van-veen_001529_2_MainPicture-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor der Geschichte ist der holländische Liedermacher Herman van Veen. Empfohlen wurde sie im Newsletter von Bernhard Fricke (Bürgerbewegung &#8220;David gegen Goliath&#8221;).<span id="more-1457"></span>Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Hause ging,</p>
<p>war es schön; sagenhaftes Wetter!</p>
<p>Und das erste, was Gott tat, war:</p>
<p>Die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen gut zu lüften.</p>
<p>Und Gott dachte:</p>
<p>Vor dem Essen werd&#8217; ich mir noch kurz die Beine vertreten.</p>
<p>Und er lief den Hügel hinab zu jenem Dorf,</p>
<p>von dem er genau wusste, dass es da lag.</p>
<p>Und das erste, was Gott auffiel, war,</p>
<p>dass da mitten im Dorf während seiner Abwesenheit etwas geschehen war,</p>
<p>was er nicht erkannte.</p>
<p>Mitten auf dem Platz stand eine Masse mit einer Kuppel</p>
<p>und einem Pfeil, der pedantisch nach oben wies.</p>
<p>Und Gott rannte mit Riesenschritten den Hügel hinab,</p>
<p>stürmte die monumentale Treppe hinauf</p>
<p>und befand sich in einem unheimlichen,</p>
<p>nasskalten, halbdunklen, muffigen Raum.</p>
<p>Und dieser Raum hing voll mit allerlei merkwürdigen Bildern,</p>
<p>viele Mütter mit Kind mit Reifen überm Kopf</p>
<p>und ein fast sadistisches Standbild</p>
<p>von einem Mann an einem Lattengerüst.</p>
<p>Und der Raum wurde erleuchtet von einer Anzahl fettiger,</p>
<p>gelblich-weißer. charmoistriefender Substanzen,</p>
<p>aus denen Licht leckte.</p>
<p>Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche Menge</p>
<p>kleiner Kerle herumlaufen</p>
<p>mit dunkelbraunen und schwarzen Kleidern</p>
<p>und dicken Büchern unter müden Achseln,</p>
<p>die selbst aus einiger Entfernung leicht moderig rochen.</p>
<p>&#8220;Komm mal her! Was ist das hier?&#8221;</p>
<p>&#8220;Was ist das die?! &#8211; Das ist eine Kirche, mein Freund.</p>
<p>Das ist das Haus Gottes, mein Freund.&#8221;</p>
<p>&#8220;Aha&#8230; Wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge,</p>
<p>warum blühen dann hier keine Blumen,</p>
<p>warum strömt dann hier kein Wasser</p>
<p>und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen?!&#8221;</p>
<p>&#8220;&#8230;das weiß ich nicht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Kommen hier viele Menschen her, Knabe?&#8221;</p>
<p>&#8220;Es geht in letzter Zeit ein Bisschen zurück.&#8221;</p>
<p>&#8220;Und woher kommt das deiner Meinung nach? Oder hast du keine Meinung?&#8221;</p>
<p>&#8220;Es ist der Teufel.</p>
<p>Der Teufel ist in die Menschen gefahren.</p>
<p>Die Menschen denken heutzutage, dass sie selbst Gott sind</p>
<p>und sitzen lieber auf ihrem Hintern in der Sonne.&#8221;</p>
<p>Und lief fröhlich pfeifend aus der Kirche auf den Platz.</p>
<p>Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl</p>
<p>in der Sonne sitzen.</p>
<p>Und Gott schob sich neben das Männlein,</p>
<p>schlug die Beine übereinander und sagte:</p>
<p>&#8220;&#8230;Kollege!&#8221;</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Herman van Veen</strong></p>
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