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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Kurzgeschichte/Satire</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Die Wahren Konservativen</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Jul 2011 09:32:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wirklich fortschrittlich zu sein, bedeutet heute, konservativ zu sein.“ Klingt kühn! Die neu gegründete Partei „Die Wahren Konservativen“ (DWK) errang bei der Landtagswahl jedenfalls einen Achtungserfolg. Sind die Mannen um Parteichef Giselher Bleibtreu nur technikfeindliche Besitzstandswahrer, wie ihre Gegner höhnen? Oder treffen sie den Nerv einer Zeit, die unter Entfremdung und Beschleunigung stöhnt? Beim Interview [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/07/Bauernhausmuseum-kl.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/07/Bauernhausmuseum-kl-300x225.jpg" alt="" title="Bauernhausmuseum-kl" width="300" height="225" class="alignleft size-medium wp-image-5635" /></a>„Wirklich fortschrittlich zu sein, bedeutet heute, konservativ zu sein.“ Klingt kühn! Die neu gegründete Partei „Die Wahren Konservativen“ (DWK) errang bei der Landtagswahl jedenfalls einen Achtungserfolg. Sind die Mannen um Parteichef Giselher Bleibtreu nur technikfeindliche Besitzstandswahrer, wie ihre Gegner höhnen? Oder treffen sie den Nerv einer Zeit, die unter Entfremdung und Beschleunigung stöhnt? Beim Interview hat Bleibtreu jedenfalls einige Überraschungen parat. (Interview: Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-5632"></span></p>
<p><strong>Herr Bleibtreu, Sie sind jünger und flotter als ich Sie mir vorgestellt hatte.</strong></p>
<p>Was haben Sie denn gedacht? Der Vorsitzende der Wahren Konservativen als verknöcherter Alter im Trachtenjanker, der Heino hört und über Ausländer schimpft?</p>
<p><strong>So ungefähr.</strong></p>
<p>Richtig ist, dass ich Dinge liebe, die sich bewährt haben und lange halten. Z.B. das das Leinenhemd, das ich trage. Ich höre Lieder von Reinhard Mey bis Franz Schubert. Wichtig ist aber nicht das Alter, sondern die Wertbeständigkeit. Ich prüfe sorgfältig, ob etwas von Wert ist und halte ihm dann die Treue. Das gilt für meine Frau genauso wie für meinen Lieblingsrotwein oder für die alte Linde, zu der ich immer mit dem Rad fahre, um darunter ein Buch von Thomas Mann zu lesen. </p>
<p><strong>So originell ist es gar nicht, etwas bewahren zu wollen. Die Grünen wollen die Umwelt schützen, die Linken die Besitzstände der Arbeitnehmer. Warum glauben Sie, dass Ihre Partei trotzdem nötig ist?</strong></p>
<p>Für uns ist es ein Lebensgefühl, das viele Lebensbereiche berührt, nicht nur den Umweltschutz. Schauen Sie, fast jeder fühlt sich in einem historischen Stadtkern wohler als in modernen Hochhaus-Silos – ob Luzern, Burghausen oder Volterra. Viele kleine Läden mit persönlicher Beratung im Quartier sind schöner als ein monströses Einkaufszentrum am Stadtrand. Alte Kirchen, Burgen und Fachwerkhäuser faszinieren uns. Die Atmosphäre eines Botanischen Gartens mit vermoosten Statuen und alten Eichen – jeder spürt, dass daran etwas stimmig ist, was in der modernen Welt nicht mehr stimmt. Konservativ ist aber auch die Bewahrung von altem Saatgut, der Verzicht auf Kunstdünger, die Abscheu vor Massentierhaltung, die alte geflochtene Einkaufstasche, die wir statt Plastiktüten verwenden oder die überlieferten Kräuterrezepte statt Antibiotika. Wir befürworten traditionelle Formen des Wirtschaftens wie die Genossenschaft, die Raiffeisenbanken oder Allmenden, gemeinschaftliche Grundbesitz. Verbündete haben wir in vielen Bewegungen. Die nennen sich nur nicht unbedingt „konservativ“.</p>
<p><strong>Ihre Bezeichnung „Die wahren Konservativen“ suggeriert, dass es auch falsche gibt. </strong></p>
<p>Ja. Genau genommen gibt es Konservative als politische Kraft heute gar nicht mehr. Wenn Politiker irrtümlich so bezeichnet werden, sind es entweder Rechtsradikale oder Neoliberale, also technokratische Modernisten.</p>
<p><strong>Leiden Sie darunter, dass viele Kommentatoren Sie in die rechte Ecke drängen?</strong></p>
<p>Ach was! Das ist nur der leichteste Weg, um politische Konkurrenz madig zu machen. Nehmen wir das Thema Ausländerfeindlichkeit: Migranten sind entweder per Einbürgerung Vollmitglieder unserer Gemeinschaft, oder es sind Gäste. In beiden Fällen verlangt es die Ehre, ihnen mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen. Daher finden Sie in unserem Programm nichts von Fremdenfeindlichkeit. Wir sind gegen eine globale Einheitskultur, die uns assimilieren will wie ein Borg-Raumschiff bei „Star Trek“. Viele in unserer Partei beschäftigen sich mit den traditionellen Kulturen anderer Völker: Ich selbst lerne gerade Arabisch und interessiere mich außerdem für Tibet. Die Vielfalt ist konservativ, der Einheitsbrei modernistisch.</p>
<p><strong>Aber Sie wettern gegen Anglizismen wie „Bachelor“ oder „Basement“ und blasen damit ins selbe Horn wie Rechtspopulisten.</strong></p>
<p>Das Englische ist mir willkommen als einer von vielen interessanten Kulturkreisen. Ich liebe z.B. englische Literaturverfilmungen. Aber kulturelle und sprachliche Besatzungsmacht ruft der anglo-amerikanische Einfluss meinen entschiedenen Widerstand heraus. Unlängst legte ich eine DVD ein, und das Programm fragte mich, ob ich sie lieber auf englisch oder auf deutsch sehen wollte. Erschreckend ist, dass ich einen Moment zögerte, bevor ich auf „deutsch“ klickte. Ich hatte noch die Ansage in der U-Bahn im Ohr: „For regional and national destinations, please change!“ Da fühle ich mich kolonialisiert im eigenen Land.</p>
<p><strong>Und Politiker wie Merkel, Berlusconi oder Bush würden Sie nicht als Konservative durchgehen lassen?</strong></p>
<p>Um Gottes willen, das sind eher Karikaturen des Konservativismus. Die bedienen aus purer Berechnung einen militaristisch-autoritären Randbereich unseres Spektrums. Sie fordern harte Strafen für Verlierer der Systeme, die sie selbst geschaffen haben. Sie marschieren in Länder ein, die ihnen nichts getan habe und grüßen mit gespielter Ergriffenheit den Fetisch der Nationalflagge. Nein, danke! Der Konservative bewahrt zunächst sich selbst, und das ist unvereinbar mit einem Bild des Menschen als Ware. Konservativ zu sein heißt also vor allem, die Macht des Kommerziellen zu brechen. Es ist die Lebenslüge der so genannten christlichen und bürgerlichen Parteien, dass sie dem Ökonomismus ihre Seele verkauft haben, zugleich aber mit dem Begriff „konservativ“ hausieren gehen. Ihr Dogma, der Neoliberalismus, zerstört Heimat und Familie, Ehre und Vertrauen.</p>
<p><strong>Geht’s auch weniger pathetisch?</strong></p>
<p>Wer sein Herz am Eingangstor zur politischen Karriere abgegeben hat, nennt uns gern „irrational“. Selbstverständlich hat Konservativsein auch etwas mit Emotionalität zu tun, die noch nicht unter Sachzwängen vergraben ist. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden viele Menschen entwurzelt. Sie mussten ihre ländlichen Regionen verlassen und fanden sich in einer Stadtlandschaft von unfassbarer Hässlichkeit wieder. Das hat Millionen von Menschen das Rückgrat gebrochen. Sie verloren das Gefühl dafür, was ihnen gut tut und was nicht. Im Kommunikationszeitalter kommen ein massiver Verfügbarkeitsdruck dazu und der Zwang zu unbegrenzter Flexibilität. Für die Karriere muss man jederzeit bereit sein, Frau, Kinder, Freunde und gewohnte Umgebung zu verlassen. Nichts gegen Reisen, aber man braucht einen Ort, zu dem man zurückkehren kann</p>
<p><strong>Wenn ich Sie höre, denke ich an Trachtenvereine und den sonntäglichen Kirchgang.</strong></p>
<p>Mein Begriff von „Heimat“ ist viel umfassender. Arbeitnehmern wird heute nicht einmal ein eigenes Zimmer gegönnt mit einer Wand drum herum, die sie mit Bildern schmücken können, die sie lieben. Sie müssen bereit sein, sich heute hier, morgen dort einzuloggen und wie Nomaden die beruflichen Menschlichkeitswüsten zu durchwandern. Die moderne Welt, das sind Großraumbüros oder Großraumabteile voll piepsender Handys und plappernder Wichtigtuer.</p>
<p><strong>Gute Detailbeobachtungen, aber noch kein politisches Programm.</strong></p>
<p>Der Berufsalltag ist politisch. George Orwell erzählt von einem System, in dem es keine Solidarität mehr gibt außer zum Großen Bruder. Der Große Bruder von heute, das sind die Machtkartelle des Turbokapitalismus: Großkonzerne, Banken und willfährige Medien. Entwurzelte Menschen sind leichter manipulierbar, deshalb versuchen die technokratischen Eliten, alles Konservative zu ironisieren. Genauso schlimm ist aber der Wachstumszwang. Dahinter steckt die Dynamik des zinsbasierten Geldes. Wachstumszwang bedeutet Veränderungszwang, und heute wächst das Tempo der Veränderung mit der Dynamik einer Exponentialkurve.</p>
<p><strong>Was ist daran so schlimm? Wollen sie den Status Quo auf ewig einfrieren?</strong></p>
<p>Nein, Entwicklung ist unvermeidlich und oft auch gut. Aber das Tempo der Veränderung muss sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt. Heute haben wir es geradezu mit einem Innovationsterror zu tun. </p>
<p><strong>Jetzt übertreiben Sie aber!</strong></p>
<p>Keineswegs: Konservativ zu sein bedeutet, die Zufriedenheit des Einzelnen und der Gemeinschaft als Ziel wirtschaftlichen Handelns anzuerkennen. Dazu braucht es die Freiheit, einen Lebensstil zu verwirklichen, der es der Seele erlaubt, zu atmen. Für viele Menschen bedeutet das: ein genügsames Leben ohne Hetze, erfüllende menschliche Beziehungen, Naturbezug und eine gesunde Balance von Leben und Arbeiten. Leider gelten zufriedene Menschen aber heute als Feinde einer florierenden Wirtschaft. Sie weigern sich, den Herstellern von technischem Schnickschnack als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Die Industrie geht deshalb immer mehr dazu über, den Konsumanreiz durch Konsumzwang zu ersetzen. Ist der Drucker z.B. kaputt, behauptet der Hersteller, dass sich die Reparatur nicht lohnt. Für den Preis bekommt man schon einen Neuen. Wird ein neuer Fernseher gekauft, muss ein HDMI-Kabel her, weil das Scart-Kabel nicht mehr kompatibel ist. Es herrscht der Zwang zum permanenten Update in immer kürzeren Rhythmen. </p>
<p><strong>Da kann ich Ihnen folgen. Aber gerade jüngere Leute sind nicht wie Sie. Sie sind fasziniert von technischen Innovationen und informieren sich freiwillig.</strong></p>
<p>Teilweise geben ich Ihnen Recht. Das Problem ist nicht, dass es Computerbastler gibt, sondern dass sie unsere Epoche dominieren. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Soldat das prägende Leitbild einer ganzen Kultur. Heute befinden wir alle uns in der Hand von jungen Computer-Schnöseln. Wir verbrauchen viel Zeit und Energie, um mit Hilfe von Technologien Probleme zu lösen, die ohne sie gar nicht entstanden wären. Ich behaupte: Was es vor 10 Jahren noch nicht gab und von niemandem vermisst wurde – etwa BlueRay oder SmartPhone – kann nicht so wichtig sein. </p>
<p><strong>Das klingt für mich, als ob Sie 90 wären, nicht 45!</strong></p>
<p>Ich rufe nicht „Hosianna!“, nur weil etwas brandneu ist und verhalte mich erst mal abwartend und skeptisch. Gespräche unter Jüngeren klingen heute schon so, als würde man Außerirdischen in einem Science Fiction-Film zuhören, die mit dem mobilen Emitter die Deflektor-Phalanx rekalibrieren. Natur verbindet, Technik trennt. Das Erlebnis, am Waldrand ein rosa Büschel aus Lichtnelken zu bewundern oder ein Eichhörnchen beim Erklimmen eines Baums zu beobachten, teilen wir mit unseren Vorfahren. Heute verspotten mich Jugendliche, weil ich statt mit ICQ noch per Email kommuniziere, und für meine Eltern sind selbst Emails ein Rätsel.</p>
<p><strong>Ich weiß, was Sie meinen. Aber es hilft doch nichts, auf den Jugendlichen herumzuhacken. Die Regeln, nach denen junge Computerbastler spielen, wurden doch von Älteren gemacht.</strong></p>
<p>Völlig richtig. Die Jungen sind auch Opfer massiver Manipulation. Damit sind wir bei einer Kernthese meiner Partei: Es gibt in einer Gesellschaft normalerweise ein Gleichgewicht von progressiven und konservativen Kräften. Die einen treiben die Evolution voran, indem sie Visionen einer besseren Welt entwerfen. Die anderen prüfen, was ihnen angeboten wird und lehnen Teile des Neuen als untauglich ab. Ein ungesundes Übergewicht der konservativen Kräfte kann auch problematisch sein: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.“ Heute erleben wir aber die gegenteilige Übertreibung: die permanente, erzwungene, sich beschleunigende Innovation. </p>
<p><strong>Was ist der Grund für diese Entwicklung?</strong></p>
<p>Der Kommerz! Er hat das Gleichgewicht zwischen Verändern und Bewahren zerstört, zugunsten einer Diktatur des Fortschritts. Wertbeständigkeit, eine der Kerntugenden der Konservativen, rechnet sich einfach nicht. Kleider, die zehn Jahre halten, oder Drucker, die 20 Jahre störungsfrei funktionieren, stören die Vermarktungsabsichten der Konzerne. Ein Gedichtband von Rilke, der die Seele über Jahre erfüllt, macht den Kauf unzähliger Modemagazine unnötig. Fortschritt ist ein Tarnbegriff, der die wahre Antriebskraft des Ökonomismus maskiert: den Profit. Wie wenig den Neoliberalen an wirklichem Fortschritt gelegen ist, sieht man daran, dass bestimmte nützliche Innovationen verzögert werden. Elektroautos z.B. sind noch nicht serienreif, weil eine ehrlose Benzinmafia das verhindert.</p>
<p><strong>In Ihrem Parteiprogramm ist jedes zweite Wort „Ehre“. Und da wundern Sie sich, wenn man Sie als reichlich altbacken wahrnimmt.</strong></p>
<p>Ja, man hört den Begriff heute kaum mehr – außer im Zusammenhang mit Ehrenmorden. Genau daran krankt ja unsere Gesellschaft. Ehre ist, was unser Leben lebenswert macht, weil das Gesetz immer nur eine Annäherung an wünschenswertes Verhalten erzwingen kann. Du kannst im Gefängnis sitzen, weil du höchst ehrenhaft gehandelt hast. Du kannst aber auch in Freiheit sein, reich und hoch angesehen, und ein Lump. Ein Manager, der für höhere Renditen die Mitarbeiter entlässt, denen die Aktionäre ihren Reichtum verdanken, hat seine Ehre verloren. Er müsste gesellschaftlich geächtet werden, bis er den Schaden wieder gut gemacht habe. Heute darf so ein Mensch nicht nur auf Schonung hoffen, er wird auch noch hofiert, und man lobt seinen Mut zu unpopulären Entscheidungen.</p>
<p><strong>Wenn es ein Verbrechen ist, seinen eigenen Vorteil zu suchen, sind wohl 99 Prozent der Menschen für Sie nicht mehr satisfaktionsfähig!?</strong></p>
<p>Ehre heißt, aufgrund von Weisheit, Güte und Gemeinschaftsgeist freiwillig auf Vorteile zu verzichten. Es bedeutet, Menschen auch dann gut zu behandeln, wenn sie nicht die Macht haben, uns andernfalls zu schaden. Wir haben im Landkreis einen kleinen Bio-Hühnerhof. Die Bäuerin lässt die Tür zum Eierlager offen und legt ihren Kunden vertrauensvoll ein Portemonnaie hin, um zu bezahlen. Es wäre leicht möglich, Eier und Geld zu stehlen. Aber es wäre unehrenhaft, verstehen Sie?</p>
<p><strong>Natürlich.</strong></p>
<p>Im Film „Zeiten des Aufruhrs“ gibt es einen schöne Satz: „Im Grunde wissen wir immer, was die Wahrheit ist, egal wie lange wir ohne sie gelebt haben.“ Das gilt auch für die Ehre. Ihre Grundregeln kennt jeder in einem vergessenen Winkel seiner Seele. Wir treten nicht auf einen Schwachen ein, der am Boden liegt, wir helfen ihm auf. Wir veruntreuen kein Geld, das uns anvertraut ist, selbst wenn wir vor dem Gesetz damit durchkommen. Wir suchen einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen, anstatt wie ein kleines Kind andauernd „Ich!“ zu schreien. Wir stehlen die Ernte nicht von dem, der für sie hart gearbeitet hat. Wir verkaufen die Menschen, die uns vertrauensvoll zu ihren Vertretern bestellt haben, nicht für Geld an Dritte. Sehen Sie, worauf ich hinaus will? Unser politisches und ökonomisches System hat längst seine Ehre verloren.</p>
<p><strong>Das sind starke Worte!</strong></p>
<p>Das muss so deutlich gesagt werden. Richtig verstandene Ehre ist, wonach sich viele Menschen verzweifelt sehnen. Es bedeutet, vertrauen zu können und sich selbst als vertrauenswürdig zu erleben. Als Erwachsene haben wir durch bittere Erfahrung gelernt, dass wir misstrauisch sein müssen, weil Ehre unserem Gegenüber nichts bedeutet. Wenn wir in eine Geschäftsbeziehung eintreten, erwarten wir vom Anderen nichts anderes, als dass er uns übervorteilt, wo er kann. Fast jeder agiert nach dem Motto: „Ich nehme von Dir, was ich kriegen kann, solange ich glaube, dass du dich nicht wehren kannst.“ Firmen und Staat scheinen Tag und Nacht damit beschäftigt, Tricks zu ersinnen, wie sie uns immer weniger geben und dafür immer mehr nehmen können. Jeder kennt Beispiele: Mogelpackungen, gepanschtes Essen, Abzocker-Hotlines mit Endlos-Warteschleife, erzwungene Selbstbedienung statt Service, die Schließung der Stadtbücherei bei gleichzeitiger Erhöhung der Parkgebühren … Es ist eine Welt, in der die Menschen einander belauern, ohne einander zu achten, weil jeder insgeheim weiß, dass er selbst nicht achtenswert ist. </p>
<p><strong>Glauben Sie, dass Moralpredigten das ändern können?</strong></p>
<p>Moral kann einen Systemwechsel nur ergänzen, nicht ersetzen. Ich habe schon angedeutet, dass der Wachstumszwang abgeschafft werden muss. Wir brauchen ein am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaftssystem, basierend auf einem Geld ohne Zins. Um die Gier als psychologischen Motor der Zerstörung zu stoppen, ist es wichtig, neben den Mindestlöhnen auch Höchstlöhne festzulegen. Wenn es nicht mehr so viel zu gewinnen und zu verlieren gibt, lässt der seelische Druck nach, der uns zerreißt. Wenn wir wollen, dass Firmen ehrlich arbeiten und uns Kunden nicht mit Wegwerfprodukten und Serviceabbau quälen, müssen wir ihnen den Existenzdruck nehmen. Das bedeutet weniger Konkurrenz, kostenlose Kredite, notfalls finanzielle Förderung durch die Gemeinschaft. Den öffentlichen Kassen und gemeinwohlorientierten Unternehmen muss also mehr Geld zur Verfügung stehen.</p>
<p><strong>Und wo soll das Geld herkommen?</strong></p>
<p>Es muss durch Enteignung von denen zurückgeholt haben, die es sich legal, aber illegitim angeeignet haben. </p>
<p><strong>Das klingt eher nach der extremen Linken als nach einer konservativen Partei.</strong></p>
<p>Weil wahre Sozialisten, wahre Unweltschützer und wahre Konservative viel gemeinsam haben: die Vision eines guten Lebens, Fairness gegenüber allen Mitgeschöpfen, Gerechtigkeit und eine natürlichen Ordnung, die ungesunde Extreme meidet. Trotzdem haben wir unsere Partei „konservativ“ genannt habe, weil es diese Farbe ist, die im Spektrum am schmerzlichsten fehlt. Konservativ zu sein heißt heute, traurig und wütend zu sein, weil mächtige Kräfte mutwillig zerstören, was an unsere Welt liebenswert war. Wir Wahren Konservativen wollen Traurigkeit und Wut kanalisieren und uns den Abrissbirnen in den Weg stellen. Fortschritt bedeutet nicht, die Menschen zu zwingen, TAN-Nummern in Handys zu tippen, es meint eine <em>tatsächliche</em> Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen. Wirklich fortschrittlich zu sein bedeutet folglich heute, konservativ zu sein.</p>
<p>(Anmerkung: Giselher Bleibtreu ist eine Zweitpersönlichkeit von Roland Rottenfußer. In Mentalität und Ausdrucksweise unterscheidet er sich in einigen Nuancen vom Autor. Bleibtreus zentrale Aussagen und sein Lebensgefühl sind jedoch authentisch.)</p>
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		<title>Satire: Unerwarteter Besuch</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Apr 2011 09:49:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Die endgültige Lösung der Sozialschmarotzerfrage. Auf dem Amt zeigen sich Hartz-IV-Empfänger von ihrer Sonnenseite. Daheim, in den eigenen vier Wänden glauben sie sich jedoch unbeobachtet und sinnen Tag und Nacht darüber nach, wie sie den Steuerzahler um sein ehrliches verdientes Geld bringen können. Die Arbeitsagentur weiß jedoch, mit welchen Mitteln der allfällige Missbrauch eingedämmt werden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/04/Schatten2.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/04/Schatten2-150x150.jpg" alt="" title="Schatten2" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-4819" /></a><strong>Die endgültige Lösung der Sozialschmarotzerfrage. </strong>Auf dem Amt zeigen sich Hartz-IV-Empfänger von ihrer Sonnenseite. Daheim, in den eigenen vier Wänden glauben sie sich jedoch unbeobachtet und sinnen Tag und Nacht darüber nach, wie sie den Steuerzahler um sein ehrliches verdientes Geld bringen können. Die Arbeitsagentur weiß jedoch, mit welchen Mitteln der allfällige Missbrauch eingedämmt werden kann: Strengere Kontrollen, härtere Strafen. Wenn Intimität dem Sozialmissbrauch Vorschub leistet, dann darf es eben keine Intimsphäre für Leistungsbezieher mehr geben. Das könnte dann ungefähr so aussehen wie in dieser Geschichte &#8230; (Roland Rottenfußer)</p>
<p><span id="more-4817"></span>Zuerst war da nur ein Schatten in meinem Schlafzimmer, besser gesagt: die Ahnung eines Schattens. Ich konnte ihn nur aus dem Augenwinkel sehen, weil ich oben lag. Im Schlafzimmer war nur die rosa Salzkristalllampe an. Durch die Ritzen des Rollos drang schon das Dunkelblau des beginnenden Morgens. Erste Lichter regten sich auf der Strasse. Da beunruhigte es mich nicht, wenn gelegentlich dunkle Flecken über die Bettdecke wanderten. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht glauben, dass da jemand war. Jessica und ich waren mit unserem Liebesspiel gleichsam in einen heiligen Raum eingetreten. Jede Berührung, jeden Duft verkosteten wir mit äusserst geschärften Sinnen. Hinzu kam, dass es mit Jessica nicht nur Triebbefriedigung war, sondern echte Liebe. Für einen Mann ohne Beruf, den selbst eine Einladung zum Kaffee in Finanznöte stürzte, war es schwer, eine Frau zu finden. Über jeder Begegnung mit dem anderen Geschlecht schwebte immer ein «Trotzdem»: Würde sie mich trotzdem lieben? Jessica war anders. Sie wirkte völlig aufrichtig, als sie sagte: «Ich hab so was wie mit dir noch nie erlebt.» </p>
<p>Es heisst ja, man könne spüren, wenn einem jemand auf den Rücken starrt. Ich war noch nie überzeugt davon und hielt es für esoterische Spinnerei. Trotzdem konnte ich den Gedanken an einen unheimlichen Besucher im Raum nicht einfach wegdrängen. Die Folge war, dass meine Konzentration schwand und mir meine Standfestigkeit gerade in dem Moment abhanden kam, als eine neue Phase des Liebesspiels beginnen sollte. Jessica hatte die Augen immer geschlossen gehalten. Als sie sie einen Spalt öffnete und gleich darauf weit aufriss, dachte ich zuerst, meine körperlichen Vorzüge hätten sie in Wallung gebracht. Doch sie stiess mich mit einem Ruck und erstaunlicher Körperkraft von sich und schrie: «Da ist jemand im Zimmer!» Jetzt sah auch ich mich um und sah den Schatten. Ein Gesicht löste sich aus dem Dämmerlicht: Es war Herr Löhlein.</p>
<p>Seltsamerweise löste sich unsere Angst bei seinem Anblick von Herrn Löhlein sofort in Nichts auf: Seine unspektakuläre Erscheinung liess keinen Raum für Befürchtungen, wir könnten beraubt oder niedergeschlagen werden. Löhlein war ein kleiner, korrekt gekleideter Herr mit akkuratem Mittelscheitel, schmalem Gesicht und tief liegenden Augen. In seiner Rechten klemmte eine schwarze Aktenmappe. Seine Ausstrahlung glich nicht im Geringsten der eines bulligen Gewaltverbrechers. Und an ihm gemessen kam ich mir als Mann geradezu attraktiv vor. Jessica sass jetzt aufrecht und hatte die Bettdecke bis zum Hals gezogen, um ihre Brüste zu verdecken. Ich selbst blieb gelassen und bedeckte mich nicht. Ich hatte durch die langjährige Bekanntschaft mit Herrn Löhlein schon Routine darin, wie solche Situationen zu bewältigen waren.</p>
<p>«Wer ist das?» rief sie. «Was macht der hier? Schick ihn raus!» Herr Löhlein blieb ungerührt in der Ecke neben der Tür stehen, die Augen weit geöffnet, den kleinen Mund fest zusammengepresst.</p>
<p>«Jessica», sagte ich, von der abklingenden Erregung noch schwer atmend. «Es ist anders als du denkst. Ich habe keine rechtliche Handhabe dafür, Herrn Löhnlein raus zu werfen.»</p>
<p>«Ihr kennt euch?», fragte Jessica mit sich überschlagender Stimme. «Hast du den schon öfters zum Spannen eingeladen? Du bist ja pervers!» Ich wusste, dass es schwer sein würde, Jessica diese Situation zu erklären. </p>
<p>«Ihr Partner hat Recht», meldete sich nun erstmals die Stimme von Herrn Löhlein. Sie klang überraschend hoch und brüchig wie die Stimme einer alten Frau. Zugleich schwang immer ein drohender Unterton mit, was aber auch Einbildung sein konnte. «Ich halte mich in Übereinstimmung mit Paragraf 117b-9 im Rahmen einer Massnahme der Bedürftigkeitsplausibilitätsüberprüfung bei Beziehern von Leistungen nach dem Lohnersatzleistungsbemessungsgesetz in diesem Schlafzimmer auf. Mein Besuch hier erfolgt nicht aufgrund persönlicher Vorlieben. Ich habe als Bedürftigkeitsplausibilitätsprüfer das Schlüsselrecht zur Wohnung und zu allen Zimmern – das bedeutet unangemeldetes Zutrittsrecht wann ich will. Ihr Partner hätte keine Möglichkeit gehabt, mein Erscheinen zu verhindern.» Löhlein war während seiner Rede nie ins Stocken gekommen.</p>
<p>Jessica sass immer noch da, starr in ihrem Schweigen, die Bettdecke vor die Brust gezogen. «Übrigens möchte ich Sie bitten, zu lüften», fügte Herr Löhlein hinzu. «Es mieft ein bisschen. Und ich möchte die Befragung gern in angenehmerer Atmosphäre fortsetzen.»</p>
<p>Mechanisch stand ich auf, schaltete den Deckenstrahler ein, zog das Rollo hoch und öffnete das Fenster. Im Spiegel meines Kleiderschranks sah ich jetzt Jessica und den Beamten in klarem Licht. Draussen setzte schon die Morgendämmerung mit lichtrosa Streifen am Horizont ein, die zwischen grauen Wohnblöcken durchschienen. «Die Befragung!?», stammelte Jessica.</p>
<p>«Wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben», sagte Löhlein nun zu mir gewandt. «Ich kann Ihnen zu dieser erfreulichen Wendung in Ihrem Leben nur gratulieren. Die letzten paar Male überraschte ich Sie ja in recht jämmerlicher Pose beim Onanieren über Bildern von Vicky Bolero.» (Dabei deutete er mit seinen Händen erhebliche Rundungen an) «Ich habe mir schon gedacht: Will sich der Mann denn ewig mit dem Substrat begnügen, während draussen das echte Leben tobt?». </p>
<p>Mir schoss die Schamesröte ins Gesicht. Es war weniger die Tatsache des Onanierens selbst, die mir peinlich war. Aber Vicky Bolero – die Protagonistin seichter Erotikthriller wie «Tödliches Verlagen» – das stellte dem Geschmack ihres Verehrers kein gutes Zeugnis aus. Hinzu kam, dass Jessica Germanistik-Studentin war und extrem gebildet. Jessica begann nun hektisch unter dem Schutz der Bettdecke ihr Höschen und T-Shirt anzuziehen. «Schwein!», sagte sie verächtlich.</p>
<p>«Ich muss sagen», redete Herr Löhlein weiter, «diese Dame wertet Sie in meinen Augen beträchtlich auf. Und auch Ihre Finanzen dürften damit endlich in geordnete Bahnen kommen. Wenn ich mir die Bluse und die Hose der Dame so anschaue – Designerqualität, dürfte nicht billig gewesen sein. Da wird das Amt bis auf weiteres aus dem Schneider sein.»</p>
<p>«Finanzen? Ich verstehe nicht … Was hat das Ganze mit mir zu tun?», stiess Jessica nervös hervor.</p>
<p>«Sie sind als Lebensgefährtin eines Lohnersatzleistungsempfängers zur Auskunft über Ihre Vermögensverhältnisse verpflichtet. Überschreiten Ihre Einkünfte den Selbstbehalt von 305 Euro, so müssen Sie den Rest vollständig zur Deckung der Lebenshaltungskosten Ihres mit Ihnen in eheähnlicher Gemeinschaft lebenden Partners einsetzen.» Löhlein griff behände nach Jessicas Bluse, noch ehe sie diese überzustreifen konnte. Genüsslich sog er ihren Geruch nach Schweiss und Parfum durch die Nase ein.</p>
<p>«Lassen Sie das!», rief Jessica wütend und riss ihm die Bluse wieder aus der Hand. Das schien Herrn Löhnlein ungnädig zu stimmen. Er holte aus seiner Aktenmappe einen daumendicken Papierstapel und drückte ihn der Studentin in die Hand. «Diesen Auskunftsbogen über Ihre Vermögensverhältnisse bitte ich Sie, binnen einer Woche vollständig ausgefüllt an die obige Adresse zu schicken.»</p>
<p>Jessica überflog das Heft und geriet angesichts der unzähligen Fragen in Panik: «Was, das alles soll ich ausfüllen? Sie können mich mal!»</p>
<p>«Liebes Fräulein, es geht hier nicht darum, was Sie wollen.» Löhnlein setzte das überlegene Lächeln eines Amtsträgers auf, der anfänglichen Widerstand gewöhnt war und wusste, dass er die Mittel hatte, diesen jederzeit zu brechen. «Widrigenfalls können Sie mit Geldbussen nicht unter 500 Euro wegen Verweigerung der Zusammenarbeit mit einer Amtsperson bestraft werden. Ich sagte ja, es besteht eine gesetzliche Verpflichtung für in eheähnlicher Gemeinschaft lebende …»</p>
<p>«Eheähnliche Gemeinschaft?», rief Jessica erbost. Sie hatte sich in der Zwischenzeit rasch Bluse und Hose übergezogen und stand breitbeinig neben meinem Bett. «Wir waren im Bett miteinander, das ist alles.» </p>
<p>Alles, was bisher geschehen war, hatte ich gleichmütig ertragen. Diese Äusserung meiner Liebsten versetzte mir jedoch einen heftigen Stich ins Herz. «Aber Jessica, du hast doch gesagt …» Weiter kam ich nicht, weil meine Stimme versagte. </p>
<p>«Als eheähnliche Gemeinschaft gilt eine Paarbeziehung dann, wenn beide Partner eine emotionale Zuneigungsgemeinschaft nach Paragraf  285 eingehen. Als beweiskräftige Hinweise auf das Bestehen einer solchen Gemeinschaft gelten sexuelle Interaktionen zweiten und dritten Grades sowie körpersprachliche Resonanzsignale. Was ich in den letzten zehn Minuten bei Ihnen beobachtet habe, erfüllt beide Tatbestände. Im Streitfall liegt die Beweislast bei den Beklagten.»</p>
<p>«Beklagten?» Jessicas Stimme begann sich nun hysterisch zu überschlagen. «Aber ich habe doch kein Verbrechen begangen! Und Sie wollen mir mein gesamtes Geld nehmen bis auf 300 Euro?»</p>
<p>«305 Euro», berichtigte Herr Löhlein. </p>
<p>«Aber von ‚emotional’ kann doch im Zusammenhang mit diesem Herren überhaupt keine Rede sein!» Sie schaute mich giftig an, und ihr Mund zog sich zu einem schmalen Strich zusammen. «Und wenn ich Ihnen schwöre, dass es purer Sex war – seelenloser Sex, lassen Sie mich dann laufen?»</p>
<p>«Naja», sagte Herr Löhnlein und liess sich mit der Antwort Zeit. Er genoss es sichtlich, dass man seinen nächsten Worten wie einem mächtigen Richterspruch entgegenfieberte. «Sie müssen nicht für ihn aufkommen, wenn es sich bei Ihrer Beziehung um einmaligen Geschlechtsverkehr ohne emotionale Beteiligung handelte. Aber das, was ich da zwischen Ihnen beiden beobachtet habe, sah ganz anders aus.»</p>
<p>«Das täuscht», beeilte sich Jessica zu versichern. «Die Erregung, die Sie vielleicht bei mir bemerkt haben, war rein körperlicher Natur.»</p>
<p>Herr Löhnlein musterte mich abschätzig. Ich merkte erst jetzt, dass ich noch immer nackt auf dem Bett lag. «Naja», meinte er genüsslich. «Ihre Aussage ist wenig glaubwürdig. Schauen Sie ihn sich doch an! Ist das ein Mann, den eine attraktive Frau wie Sie nur wegen seines Körpers will?»</p>
<p>Mit einem Ruck zog ich die Decke über meinen Körper. Ich fühlte mich auf einmal schmutzig und hässlich. Am offenen Fenster bemerkte ich fünf Gesichter, die mit starren Augen hineinschauten. Meine Wohnung liegt im Parterre. Wenn der Vorgang nicht zugezogen ist, kann man von draussen sehen, was innen vor sich geht. Ich wusste nicht, wie lange meine Nachbarn schon da gestanden waren und wie viel von unserer Konversationen sie mitverfolgt hatten. Die Decke vor meine Blösse haltend, schloss ich das Fenster mit einem Ruck und zog die Gardine vor. </p>
<p>Herr Löhlein liess noch ein bisschen Zeit verstreichen. Dann sagte er: «Ich bitte Sie, eine Frau wie Sie – Sie könnten durchaus jemanden haben, der zumindest einen anständigen Job hat und nicht andauernd Ärger mit den Behörden.»</p>
<p>Jessica fixierte Herrn Löhlein jetzt mit ihrem Katzenblick – die Augen leicht zusammengekniffen, die Brauen nach oben gezogen. Es war derselbe Blick, der mich damals, als ich sie kennen lernte, zum Wahnsinn getrieben hatte. Zwischen den beiden schwebte nun ein stillschweigendes Einverständnis im Raum. Löhlein wendete sich nun wieder an Jessica. «Wenn der Leistungsbezieher Ihrer Aussage nicht widerspricht, dass es sich um einmaligen, emotional unbeteiligten Geschlechtsverkehr handelt, würde ich Sie von Ihrer Auskunftspflicht entbinden. Wollen Sie der Dame widersprechen?», fragte er mich.</p>
<p>Jessica stiess mich unsanft in die Rippe und zischte mir etwas Unfreundliches zu.</p>
<p>«Nein», sagte ich leise. «Ich widerspreche nicht.»</p>
<p>«Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass im Wiederholungsfall, wenn ich Sie noch einmal zusammen erwische, die Dame unweigerlich mit ihrem gesamten Vermögen für den Herren aufkommen müsste. Haben Sie mich verstanden?» Löhlein blickte herausfordernd in die Runde.</p>
<p>«Ja», sagte ich, ohne aufzublicken.</p>
<p>«Welches Interesse sollte ich haben, weiter mit einem Loser zusammen zu sein?», sagte Jessica.</p>
<p>Herr Löhlein packte daraufhin das Auskunftsformular in seine Mappe und verliess das Schlafzimmer, dicht gefolgt von Jessica, die sich nicht mehr zu mir umdrehte. Als ich das Klacken der Wohnungstür hörte, stand ich noch eine Weile wie benommen da. Bis ich Löhleins und Jessicas Stimmen hörte, wie sie dicht an meinem Fenster vorbeigingen – munter miteinander plaudernd und feixend.</p>
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		<title>Sarrazin gründet Gen-Bank</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Nov 2010 10:42:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>

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		<description><![CDATA[Thilo Sarrazin, der sozialdemokratische Zauberlehrling des Finanzkapitals, gründet nach seiner Entlassung bei der Bundesbank jetzt unter dem Motto: &#8220;Deutschland soll es besser GEN&#8221; seine &#8220;Bank der guten Gene&#8221;, die Deutsch-Europäische Gen-Bank. Der Ex-Banker: &#8220;Man muss verhindern, dass sich die Armuts-HARTZ4-Gene weiter zügellos vermehren. Raus aus der Hängematte, hart arbeiten, schluss mit Luxus, Pullover anziehn und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/11/sarrazin.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/11/sarrazin-150x150.jpg" alt="" title="sarrazin" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-3406" /></a>Thilo Sarrazin, der sozialdemokratische Zauberlehrling des Finanzkapitals, gründet nach seiner Entlassung bei der Bundesbank jetzt unter dem Motto: &#8220;Deutschland soll es besser GEN&#8221; seine &#8220;Bank der guten Gene&#8221;, die Deutsch-Europäische Gen-Bank. Der Ex-Banker: &#8220;Man muss verhindern, dass sich die Armuts-HARTZ4-Gene weiter zügellos vermehren. Raus aus der Hängematte, hart arbeiten, schluss mit Luxus, Pullover anziehn und warm arbeiten.&#8221; (Satire: Linke Zeitung)<br />
<a href="http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9896&#038;Itemid=1">http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9896&#038;Itemid=1</a></p>
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		<title>Satire: Tödliche Bewerbung</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Oct 2010 09:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Todesstrafe in der Schweiz wird es vorerst nicht geben. Trotzdem wird das Thema heiss diskutiert, und es ist Zeit, sich Gedanken zu machen: Wie könnte professionelles Töten in einem Land verankert werden, das damit keine Erfahrung (mehr) hat? Und vor allem: Wer soll die Drecksarbeit machen? Ein vielleicht gar nicht so fernes Zukunftsszenario. (Roland [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/10/Todesstrafe.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/10/Todesstrafe-150x150.jpg" alt="" title="Todesstrafe" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-3003" /></a>Die Todesstrafe in der Schweiz wird es vorerst nicht geben. Trotzdem wird das Thema heiss diskutiert, und es ist Zeit, sich Gedanken zu machen: Wie könnte professionelles Töten in einem Land verankert werden, das damit keine Erfahrung (mehr) hat? Und vor allem: Wer soll die Drecksarbeit machen? Ein vielleicht gar nicht so fernes Zukunftsszenario. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-3002"></span><br />
Szene: In einem grosszügig ausgestatteten Chef-Büro. Durchs Fenster kann man gegenüber ein Gefängnisgebäude erkennen. Personen: Giovanni Spöri, Personalmanager der Gefängnisverwaltung. Reto Bodmer, ein Bewerber. </p>
<p>Spöri: Danke, dass Sie zu unserem Gespräch gekommen sind. Ich habe Ihre Bewerbung zum Execution Manager mit Interesse gelesen.</p>
<p>Bodmer: Ich habe zu danken. Es ist für mich eine ausserordentliche berufliche Chance.</p>
<p>Spöri: Sie wissen worum es geht!? Ich möchte von Anfang an Missverständnisse vermeiden. Aufgrund des Referendums wurde unser bewährtes Kantonsgefängnis mit Mitteln des Staates um einen Todestrakt erweitert: ein Zellenblock, zusätzliche Sicherheitssysteme und als Herzstück der Exekutionsraum. Sie wären bei der Bewachung und Verpflegung der Gefangenen eingesetzt, vor allem aber bräuchten wir jemanden, der bei Exekutionen das Doing übernimmt.</p>
<p>Bodmer: Das ist mir klar.</p>
<p>Spöri: Wir sind derzeit noch uneins über die effizienteste Hinrichtungsart. Einige meiner Kollegen bevorzugen den guten alten elektrischen Stuhl. In diesem Fall würden zu Ihren Aufgaben gehören: Festschnallen der Gurte, Anbringung der Elektroden, den Hebel drücken, wenn das O.K. von der Zentrale kommt. Anschliessend die Leiche entsorgen … könnten Sie sich vorstellen, dass das ein interessantes Betätigungsfeld für Sie wäre?</p>
<p>Bodmer: Absolut, deshalb bin ich hier.</p>
<p>Spöri: Fein. Es wird derzeit auch über die Letale Injektion nachgedacht. Ich möchte in Ihrem Interesse hoffen, dass man der Spritze den Vorzug gibt. Das geht nicht unbedingt schneller. Minuten langes Würgen und Röcheln kann trotzdem vorkommen, aber es riecht hinterher nicht so stark nach verbranntem Fleisch. </p>
<p>Bodmer: Ich bin da nicht so empfindlich.</p>
<p>Spöri: Normalerweise frage ich Bewerber an dieser Stelle nach ihrer Branchenerfahrung. Aber in diesem Fall … Sie sind ein Landsmann. Woher sollen Sie die Erfahrung denn nehmen?</p>
<p>Bodmer: Wie Sie wissen, war ich 8 Jahre lang Wärter in einem Hochsicherheitsgefängnis. Man bekommt Routine darin, den Willen von Menschen zu brechen. Was ich darüber hinaus an Qualifikationen brauche, kann ich mir aneignen. </p>
<p>Spöri: Schön, aber warum meinen Sie, dass speziell Sie für Exekutionen geeignet sind, Herr Bodmer?</p>
<p>Bodmer: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als ich 7 war, wollte mein Vater uns zeigen, wie man ein Kaninchen schlachtet. Meine beiden älteren Brüder haben sich furchtbar geziert: Das arme Tier! Das süsse Tier! Ich kann das nicht! Ich habe ohne ein Wort das Messer genommen und habe es dem Kaninchen in den Hals gerammt.</p>
<p>Spöri: Was haben Sie dabei empfunden?</p>
<p>Bodmer: Nichts.</p>
<p>Spöri: Warum nicht, mochten Sie das Kaninchen nicht?</p>
<p>Bodmer: Doch, aber ich kann unpassende Gefühle abstellen, wenn nötig. Im Gegensatz zu meinen Brüdern habe ich die Fähigkeit, die grösseren Zusammenhänge zu sehen. Meine Brüder sahen nur dieses zuckende, warme Ding, das um sein Leben kämpfte. Ich dachte an den schmackhaften Braten auf unserem Teller. Ich sah, dass es getan werden musste. Einer muss es tun.</p>
<p>Spöri: Ist das auch Ihre Einstellung zu der Stelle, um die Sie sich bewerben –«Einer muss es tun»?</p>
<p>Bodmer: Absolut. Ich las in einer liberalen Zeitung: «Die meisten, die beim Referendum mit ‚Ja’ gestimmt haben, wären nicht einmal in der Lage, einen Fisch zu erschlagen, geschweige denn einen Menschen.» Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich wollte nicht einer dieser Feiglinge sein. Wenn ein Mann von etwas überzeugt ist, dann muss er auch die Kraft haben, es selbst zu tun.</p>
<p>Spöri: Es ist aber ein Unterschied, ob Sie ein Kaninchen abstechen oder ob Sie einen Menschen töten. Es gibt wenig Erfahrung damit in unserem Land. Über drei Generationen wurden Menschen nur von Verbrechern getötet – oder von Mutter Natur. Dass ein Mensch rechtmässig, unter kontrollierten Bedingungen getötet wird, das ist neu. Wie wollen Sie damit umgehen?</p>
<p>Bodmer: Es sind keine Menschen, die ich töten werde.</p>
<p>Spöri: Keine Menschen? Sie werden aber verdammt danach aussehen. Sie werden eine Nase haben wie Sie, zwei Arme und zwei Beine wie Sie, Sie werden schwitzen wie Sie, und in ihren Augen wird ein Ausdruck unfassbarer Angst liegen. Manche werden schreien, manche werden um Gnade winseln …</p>
<p>Bodmer: Irrelevant. Sie haben dasselbe ihren Opfern angetan. Vielleicht haben die auch um Gnade gefleht. Jetzt tue ich es ihnen an.</p>
<p>Spöri: Unsere Kritiker sagen: Wenn wir dasselbe tun wie diese Mörder, was gibt uns das Recht, uns über sie erhaben zu fühlen?</p>
<p>Bodmer: Wen sie nicht den Tod verdient hätten, hätte sie der Bundesrichter nicht dazu verurteilt. Ich bin nur ausführendes Organ. Ich bin überzeugt, dass man die Menschenwürde nicht ausgerechnet denen zugestehen sollten, die sie mit Füssen treten. Staatliche Autorität beruht auf der Kraft, zu unterscheiden – zwischen Individuen, denen er Menschenrechte zuspricht und solchen, denen er sie verweigert. Menschenwürde nach dem Giesskannenprinzip überall hin zu verstreuen, ist nicht effizient. Antisoziale Kräfte würden das nur als Freibrief sehen, weiter die Regeln zu verletzen. </p>
<p>Spöri: Ausgezeichnet, Herr Bodmer. Wo möchten Sie beruflich in 20 Jahren stehen?</p>
<p>Bodmer:  Ich möchte auf ein erfülltes Lebenswerk als Execution Manager zurückblicken und sagen können: Durch meine Arbeit ist unser Land ein Stück sicherer geworden. Vielleicht möchte ich Ausbilder sein und junge Menschen auf den Weg des effizienten Tötens führen.</p>
<p>Spöri: Das ist lobenswert. Aber ich muss Sie noch etwas Persönliches fragen:</p>
<p>Bodmer: Bitte sehr.</p>
<p>Spöri: Sie haben keine Familie, wie ich sehe. Beabsichtigen Sie, demnächst eine zu gründen?</p>
<p>Bodmer: Wenn es meine Arbeit nicht beeinträchtigt …</p>
<p>Spöri: Ich frage das aus einem ganz bestimmten Grund. Die Todesstrafe ist noch ein junge Errungenschaft und in der Bevölkerung nicht ausreichend verankert. Es ist in anderen Ländern schon vorgekommen, dass Execution Manager gekündigt haben, weil ihre Frauen Liberale waren oder weil ihre Kinder in der Schule gehänselt wurde: «Sein Vater ist ein Killer!»</p>
<p>Bodmer: Zu kündigen käme für mich nicht in Frage: Eine Frau, die mich will, muss mich nehmen wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen. Manche Männer schnarchen nachts, andere trinken, ich töte.</p>
<p>Spöri: Ich will Ihnen keine Angst machen, Herr Bodmer. Frauen sind fasziniert von Macht, und welche Macht könnte grösser sein als die über Leben und Tod? Man findet in der Geschichte eher einen grossen Künstler ohne Frau als einen Massenmörder, der solo geblieben ist. Aber unterschätzen Sie nicht den gesellschaftlichen Druck von den Befürwortern der Kuscheljustiz. Sie werden ein Pionier sein. Sie werden Standfestigkeit benötigen.</p>
<p>Bodmer: Über die verfüge ich, verlassen Sie sich darauf. Ich bin stolz derjenige zu sein, der, eine Bresche schlägt. In ein paar Jahren wird das, was heute wie eine Monstrosität wirkt, eine pure Selbstverständlichkeit geworden sein.</p>
<p>Spöri: Überschätzen Sie die Lernbereitschaft des Volkes nicht. Die Menschen wollen Fleisch, aber sie lieben die Metzger nicht. Sie wollen von Ungeziefer befreit werden, aber wenn sie einen Kammerjäger treffen, rümpfen sie die Nase.</p>
<p>Bodmer: Ich verstehe, was Sie meinen, aber das schreckt mich nicht. Die Mehrheit hat entschieden, und wer sind wir, uns ihrem Willen entgegen zu stellen? Stellen Sie sich vor, niemand würde sich auf diese Stelle bewerben! Wo kämen wir denn da hin?</p>
<p>Spöri? Ja, wo kämen wir da hin? … Ich muss Ihnen sagen, Herr Bodmer, ich bin von Ihrer Arbeitseinstellung sehr angetan. Wenn es nach mir ginge, müssten wir keine weiteren Bewerber einladen. </p>
<p>Bodmer: Vielen Dank, Herr Spöri.</p>
<p>Spöri: Haben Sie Ihrerseits noch Fragen, Herr Bodmer?</p>
<p>Bodmer: Hat der Beruf Zukunft, ich meine: ist er sicher?</p>
<p>Spöri: Herr Bodmer, der Bund hätte nicht Millionen in den Todestrakt investiert hat, wenn er ihn nicht nutzen wollte. Die Erfahrung zeigt: In Ländern, die die Todesstrafe eingeführt haben, wird sie auch exekutiert. Ab einer gewissen Grössenordnung greift bei einem Projekt auch das Arbeitsplatzargument.</p>
<p>Bodmer: Das beruhigt mich. Es schien mir nur, die Beschränkung auf Sexualstraftaten mit Todesfolge …</p>
<p>Spöri: Diese Beschränkung wird nicht lange Bestand haben. Massgebliche Kreise bereiten schon jetzt eine Kampagne zur Erweiterung des Tatbestands-Portfolios vor. Das Referendum hat eine Tür aufgestossen, und wir haben nicht vor, auf der Schwelle stehen zu bleiben.</p>
<p>Bodmer: Natürlich nicht. Darf ich fragen, in welche Richtung diese Erweiterung …?</p>
<p>Spöri: Terrorismus, Mitgliedschaft in terroristischen Vereinigungen, Aktivitäten, die zur Vorbereitung terroristischer Aktivitäten dienen könnten, Niederschlagung von Aufständen … Wir dürfen ruhig ein bisschen träumen, Herr Spöri. Die Zeit arbeitet für uns, ebenso wie die innere Logik der politischen Entwicklung.</p>
<p>Bodmer: Wie meinen Sie das?</p>
<p>Spöri: Wir werden unseren Landsleuten in naher Zukunft einiges zumuten müssen: weitere Finanzkrisen, Sparpakete, Gehaltskürzungen, Lebensmittel- und Wasserknappheit … Der Staat darf sich der zu erwartenden Insubordination nicht schutzlos ausliefern. Er muss sein Waffenarsenal erweitern. Die Folterwerkzeuge zu zeigen, ist oft der beste Weg, um ihre Anwendung zu vermeiden. Der Staat eliminiert mit der Einführung der Todesstrafe nicht nur einzelne Straftäter. Er zeigt auch, dass er stark genug ist, seine Gegner notfalls mit allen Mitteln zu bekämpfen. Allein das wird auf den Rest der Gesellschaft eine disziplinierende Wirkung ausüben.</p>
<p>Bodmer: Ich stimme Ihnen voll zu, Herr Spöri. Aber glauben Sie dass unser Land reif ist für eine umfassendere Lösung?</p>
<p>Spöri: Was nicht reif ist, wird reif gemacht. Sehen Sie, Jahrzehnte lang wurde der Fortschritt allein daran gemessen, dass der Staat immer weicher, immer nachsichtiger wurde, bis er schliesslich zu einem lauwarmen Brei aus Mitgefühl zerschmolz. Es ist ein gutes Zeichen, dass unser Volk endlich die Kraft gefunden hat, diese Entscheidung zu treffen. Jahrzehnte ohne Todesstrafe, Jahrhunderte ohne Krieg – das wirkt schwächend auf die Seele eines Volkes. Ein behütetes Leben ohne Schicksal, ohne Blut, ohne Schuld, ohne Opfer … Ein solches Volk endet in netter Beliebigkeit oder in grüblerischer Selbstzerfleischung.</p>
<p>Bodmer: Wie recht Sie haben, Herr Spöri!</p>
<p>Spöri: Die Geschichte bewegt sich nicht für alle Ewigkeit in eine Richtung, Herr Bodmer. Sie verläuft in Wellenbewegungen. Wird eine bestimmte Tendenz, z.B. Humanität, überdehnt, schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Unser Referendum markiert exakt diesen Umschlagpunkt. Mit Ihrer und meiner Hilfe wird sich das Pendel noch ein ganzes Stück weiter bewegen. Die Propaganda der Liberalen hat uns als «Ewig Gestrige» bezeichnet. Das Gegenteil ist richtig: Wir sind Morgige, die Vorboten des Neuen.</p>
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		<title>Satire: »Kinder für Deutschland«</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Sep 2010 16:55:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[»Die Deutschen sterben aus« heißt es in den Medien immer wieder. Mit Recht, denn unsere »Alterspyramide«, die eher einem Atompilz als einer Pyramide gleicht, lässt für die Renten und für die Zukunft unseres Vaterlands Schlimmes erwarten. Werden »wir« in die Minderheit geraten, während »die Anderen« immer mehr überhand nehmen? Den Klagen von Politikern, Wirtschaftsverbänden und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/lebensborn.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/lebensborn-200x300.jpg" alt="" title="lebensborn" width="200" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-2880" /></a>»Die Deutschen sterben aus« heißt es in den Medien immer wieder. Mit Recht, denn unsere »Alterspyramide«, die eher einem Atompilz als einer Pyramide gleicht, lässt für die Renten und für die Zukunft unseres Vaterlands Schlimmes erwarten. Werden »wir« in die Minderheit geraten, während »die Anderen« immer mehr überhand nehmen? Den Klagen von Politikern, Wirtschaftsverbänden und Presse sind bisher kaum Taten gefolgt. Wie kann man es schaffen, aktive Bevölkerungspolitik zu betreiben, die über bloße Appelle an die Zeugungswilligkeit einheimischer Erbgutträger hinausgeheht? (Roland Rottenfußer)<span id="more-2879"></span><br />
Aus dem Leben eines Deckers</p>
<p>»Hier sind ihre Termine für heute, Herr Remmler«, sagte der zuständige Fertilization Manager und überreichte seinem Gegenüber einen handbeschriebenen Zettel, der nichts als vier dreistellige Nummern enthielt – nebst Uhrzeitangabe. »Alle frischer Eisprung, extrem fruchtbar. Wir zählen auf Sie, Herr Remmler.«</p>
<p>»Zimmer 403, Zimmer 222, Zimmer 398 – wer war das noch mal? Ach ja, eine süße Rothaarige, das wird gehen &#8230; aber Zimmer 008 &#8230; nein, Heer Kuhlmann, das können Sie nicht von mir verlangen, beim besten Willen &#8230;« Herr Remmler wirkte ernstlich entrüstet.<br />
»Herr Remmler, ich weiß, Sie sind einer unserer fähigsten Decker. 32 Kinder innerhalb des ersten Vertragsjahres – das ist nicht gering zu schätzen. Ich habe deshalb versucht, Problemfälle möglichst von Ihnen fern zu halten, aber diesmal – tut mir leid – müssen Sie ran. Alle anderen potenziell verfügbaren Decker sind komplett ausgebucht, einige sind unpässlich wie Herr Nimmerweich, der sich trotz unserer medizinischen Vorsorge leider mit dem Tripper infiziert hat. Sie sind der Einzige, der bei Zimmer 008 derzeit den Dienst erledigen kann, sie hat ihre fruchtbaren Tage und ist extrem gebärfreudig, wie Sie wissen. Alle 9-10 Monate ein Wurf – wie ein Uhrwerk.«</p>
<p>»Aber was nicht geht, das geht nicht. Wissen Sie, der unangenehme Körpergeruch der Dame &#8230; und dann will sie immer in der Nashornstellung, Sie wissen doch, ich bin da empfindlich. Außerdem, haben Sie sich ihre Figur mal angesehen?«</p>
<p>»Herr Remmler, es tut mir leid, dass wir nicht ausschließlich mit Damen aufwarten können, die wie Angelina Jolie aussehen. Tun Sie Ihre Pflicht, wir bezahlen Sie gut dafür. Oder wollen Sie, dass wir sie wieder in Hartz IV zurückstufen?«</p>
<p>»Natürlich nicht«, beeilte sich Remmler zu versichern.</p>
<p>»Lassen Sie sich auf der Station eine Viagra aushändigen und schreiben Sie’s auf die Spesenrechnung, dann kann nichts schief gehen. Sie sind doch Profi, nicht wahr?« Kuhlmann gab Remmler einen kumpelhaften Klaps auf die Schulter. »Übrigens: Es ist wieder eine Fuhre frischer Austrägerinnen bei uns unter Vertrag genommen worden. Da sind sicher wieder welche dabei, bei denen Arbeit und Vergnügen gar nicht so weit auseinander liegen.« Herr Kuhlmann zwinkerte Herrn Remmler spitzbübisch und verschwörerisch zu.</p>
<p>»Vergnügen nennen Sie dass, wenn die Eieruhr auf 15 Minuten gestellt ist? Schon nach 10 Minuten fängt der Computer an zu nerven: ‚Ihre Fertilisationszeit ist in fünf Minuten beendet &#8230; Ihre Fertilisationszeit ist in drei Minuten beeindet &#8230; Bitte kommen Sie JETZT zum Ende.‘ Wissen Sie eigentlich, wie frustrierend das ist? Es ist ein Wunder, dass unter solchen Arbeitsbedingungen überhaupt Kinder gezeugt werden können! Dabei können Männer pro Tag kaum öfter als fünf mal. Ich meine &#8230; da hätte man doch Zeit!«</p>
<p>»Herr Remmler, Sie wissen, was der Grund ist für die knappen Zeitvorgaben«, erwiderte Kuhlmann gewohnt sachlich. »Es soll vermieden werden, dass zwischen den Deckern und den Austrägerinnen emotionale Beziehungen entstehen, die zu unerwünschten Verwicklungen führen könnten. Am Ende bilden sich zwei ein, dass sie Romeo und Julia sind, verklagen uns, dass wir ihnen das von ihnen erzeugte Kind ausliefern, und wollen auf Familie mit Reihenhaus machen. Und wir vom Born Make-A-Child sind die Gelackmeierten. Haben wir alles schon erlebt. Nein, nein, Herr Remmler, so geht das nicht. Sie sind hier als Fertilisator engagiert, wenn Sie Ihre romantische Ader ausleben wollen, suchen Sie sich per Kontaktanzeige eine ‚warmherzige, verständnisvolle Sie für gemeinsame Gespräche am Kaminfeuer‘. Hier bei uns geht’s um Geburtsquoten, Geburtsquoten, Geburtsquoten, dafür sind wir da, für nichts anderes.«</p>
<p>Woher soll ich denn Kraft nehmen, zusätzlich zu meiner Decker-Tätigkeit noch eine Liebesbeziehung zu pflegen?, dachte Herr Remmler. Die Frauen, die ich privat kennen lerne, laufen doch auf und davon, sobald ich nur erwähne, in welcher Branche ich tätig bin! Aber er verkniff sich diese letzte Bemerkung, weil er wusste, dass er bei Herrn Kuhlmann da auf Granit beißen würde.</p>
<p>Kinder für Deutschland</p>
<p>»Born Make-A-Chaahahahaha-hild!!!« sang  der Frauenchor aus der Lautsprecheranlage und bediente sich dabei der Melodie des Rock-Klassikers »Born to be wild«. Das Logo der Kinderschmiede tauchte jetzt auf dem Monitor auf. Es war ein stilisierter Frauenunterleib, aus dem nacheinander drei quicklebendige Babys purzelten, eines schwarz, eines rot, eines gold koloriert – die Farben unserer Nationalflagge. »Kinder für Deutschland ist eine Initiative des Bundesfamilienministeriums und des Bundesverbands Deutscher Unternehmer«, sagte die leicht belehrend klingende Stimme eines Sprechers. Dann präsentierte der Monitor eine Kurzdokumentation – unterlegt von melodramatischer Musik – die allseits bekannten Fakten über den Geburtenrückgang der 70er, 80er, 90er und 2000er Jahre. »Die Deutschen sterben aus. Die Alterspyramide gleicht eher einem Atompilz. Wer soll unsere Renten bezahlen?« klagten eingeblendete Original-Schlagzeilen aus den Zeiten der Krise. »Irgendwann sind wir Deutschen in der Minderheit« unkten Rechtsradikale, malten das Schreckensszenario von Unterwanderung und Überfremdung an die Wand und konnten tatsächlich in den Jahren nach 2005 beachtliche, stetig steigende Wahlerfolge für sich verbuchen.</p>
<p>Die Politik stand verständlicherweise unter Druck, sofort zu handeln. Die Bundeskanzlerin räumte in Zusammenarbeit mit einem Gremium aus Ärzten, Hebammen, Psychologen und Wirtschaftsvertretern die letzten medizinethischen Hürden beiseite, um einer industriellen Massenerzeugung deutscher Kinder den Weg zu bahnen. »Ein Million Kinder jedes Jahr« lautete das ehrgeizige Ziel. Zur Rekrutierung einer ausreichenden Anzahl von Deckern wurden Hartz-IV-Bezieher in der Größenordnung von einigen Hundertausenden herangezogen. Es bedurfte keiner großer Überredungskunst, um allein stehende Männer mit Zusatzprämien und der Beschreibung einer in den meisten Fällen doch recht angenehmen Tätigkeit zu locken.</p>
<p>Als schwieriger erwies es sich, eine ausreichende Zahl von Austrägerinnen für das Programm zu gewinnen. Die von jeder Frau zu unterschreibende Verpflichtungserklärung, keinen zum Decken bestellten Mann zurückzuweisen und auf alle Umgangsrechte mit den auf diesem Weg erzeugten Kinder unwiderruflich zu verzichten, erwies sich als schwer zu überwindende Hürde für viele offenbar emotional labile Frauen. Aber es waren wirtschaftlich harte Zeiten, und die Aussicht, nach der fünften Geburt quasi finanziell ausgesorgt zu haben – ohne jede Verpflichtung, selbst für den Unterhalt der Kinder zu sorgen – hatte dann doch eine genügende Anzahl von Frauen locken können, sich für das Programm zur Verfügung zu stellen. </p>
<p>Bilder von zufrieden strahlenden Born-Kindern, von staatlichen bestellten Pflegeeltern liebevoll, wenn auch nicht mit dem in Kleinfamilien üblichen Grad an individueller Aufmerksamkeit betreut, rundeten das Demo-Video ab. Dreieinhalb Millionen neuer deutscher Mädchen und Jungen seit Start des Programms »Kinder für Deutschland« – diese Bilanz konnte sich sehen lassen. Neue Konsumenten, neue Krankenkassenbeitrags-, Rentenbeitrags- und Steuerzahler wuchsen nach. Deutschland konnte wieder optimistisch in die Zukunft blicken. »Born Make-A-Child!« sang der Chor zum Abschluss der Präsentation noch einmal.</p>
<p>Sichtlich beeindruckt saßen meine sonst so zungenfertigen Kollegen und ich eine Weile sprachlos vor dem jetzt schwarzen Monitor. Ich war zusammen mit 14 anderen Journalisten zu einer Präsentation mit anschließender Pressekonferenz eingeladen worden, die die Fertilisations-Profis von Born Make-A-Child anlässlich jüngster Vorwürfe der Auslandspresse anberaumt hatten. Neben Vertretern hochauflagiger Zeitschriften wie der WZ (Wachstumszeitung) und der Norddeutschen Zeitung kam ich mir als Redakteur eines kleinen, kritischen Alternativblatts recht verloren vor, war aber wild entschlossen, meiner Stimme Gehör zu verschaffen.</p>
<p>»Meine Damen, meine Herren, ich stehe jetzt für Ihre Fragen zur Verfügung«, sagte der Präsentator Raimund Kuhlmann mit routiniertem Charme.</p>
<p>»Hat die Tel Aviv Post nicht recht, wenn sie auf die Tradition des von Hitler initiierten so genannten Lebensborns verweist«, meldete ich mich gleich frech zu Wort. »Immerhin sollte damals die Reinheit der Rasse gefördert werden durch Kreuzung von einander völlig fremden Männern und Frauen mit körperlichen Merkmalen, die als typisch arisch galten.«</p>
<p>Ein unruhiges Raunen ging durch die Journalistenrunde. »Ich habe eine solche Frage natürlich erwartet«, erwiderte Kuhlmann ruhig. »Ich habe Verständnis für Kritiker, die die Wiederverwendung des Wortes ‚Born‘ in unserem Firmennamen für geschmacklos halten. Aber wir wollen uns doch hier nicht an den Worten aufhängen, nicht wahr? Gewiss, es sind damals unter Hitler schlimme Dinge passiert«, sagte er flüchtig, als wolle er sich einer Pflicht entledigen, deren Erfüllung an dieser Stelle von ihm erwartet werden konnte. »Ich will das in keiner Weise beschönigen &#8230; ABER &#8230;« Nun war es, als hätte ein unerwarteter Energieschub Herrn Kuhlmann ergriffen. »Meine Damen, meine Herren, es wäre naiv anzunehmen, dass damals ALLES schlecht gewesen wäre.«</p>
<p>Verhaltene Entrüstung einiger Journalisten.</p>
<p>»Sie werden doch wohl nichts gegen Schäferhunde einzuwenden haben, nur weil Hitler Schäferhunde mochte, nicht wahr?«</p>
<p>Sichtlich war es Kuhlmann gelungen, durch diesen wohl vorbereiteten Scherz das Eis unter den Anwesenden zu brechen. Zustimmendes Raunen.</p>
<p>»Was wir bei aller berechtigter Kritik an einigen unerfreulichen Vorgängen der damaligen Zeit doch nicht vergessen dürften ist: Damals wurden Werte hoch gehalten, die auch in unserer Zeit dringend der Erneuerung harren. Die Pflicht des Einzelnen, sich und seine persönlichen Interessen stärker in den Dienst des Allgemeinwohls zu stellen – speziell auch in harten Zeiten, in denen die Politik nicht umhin kann, vom Volk gewisse Opfer zu verlangen – ein bisschen von diesem Geist, behaupte ich, würde auch uns verwöhnten Deutschen wieder gut anstehen. Der enorme Konkurrenzdruck, der durch die Globalisierung der Arbeitsmärkte entstanden ist, bringt die unumstößliche Notwendigkeit mit sich, dass wir einen Gutteil unserer bisherigen Anspruchshaltung zugunsten des Denkens in weit größeren Zusammenhängen zu revidieren bereit sind. Um es kurz zu sagen: Wenn wir Deutsche uns im Wettbewerb behaupten wollen, müssen wir drei Dinge ändern: Wir müssen mehr werden, wir müssen billiger werden und wir müssen anspruchsloser werden. Punkt 1, die Anzahl der in den Arbeits- und Konsumprozess Involvierten zu erhöhen, ist das besondere Anliegen von Born Make-A-Child.«</p>
<p>»Das ist eine Einstellung, die mich verdächtig an den Nazi-Slogan ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ erinnerte«, warf ich ein.</p>
<p>»Nicht ganz«, konterte Kuhlmann unbeeindruckt. »Wenn Sie Slogans mögen, dann lautet der heute gültige wohl: ‚Du bist nichts, die Rendite ist alles‘. Aber das unfruchtbare Wühlen in der Vergangenheit bringt uns doch hier nicht weiter. Oder wollen Sie als nächstes die notwendige Aufweichung des Kündigungsschutzes mit dem Hinweis auf den Spartakus-Aufstand kritisieren?«</p>
<p>Spöttisches Gelächter meiner Journalisten-Kollegen. Der Punkt ging eindeutig an Kuhlmann. Ich war fürs erste durch die rhetorische Überlegenheit des Fertilization Managers eingeschüchtert und überließ das Feld der brillanten Kollegin von der WZ.</p>
<p>»Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, den Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt durch die Erzeugung zusätzlicher künftiger Arbeitnehmer, unnötig zu erhöhen?«<br />
Wider Erwarten versuchte Kuhlmann nicht einmal, zu leugnen. »Tja, Konkurrenz belebt das Geschäft, nicht wahr?« Wieder hatte er die Lacher auf seiner Seite. »Sehen Sie, versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Firmenchefs, der gegenüber seinen Mitarbeitern unbequeme, aber notwendige Einsparmaßnahmen durchsetzen möchte. ‚Wenn Ihnen die Arbeitsbedingungen in unserem Betrieb nicht passen, gibt es sicher genügend andere, die liebend gern Ihre Stellung einnehmen würden‘ wäre ein nahe liegendes Argument des Chefs. Was aber, wenn weit und breit niemand ist, der bereit wäre die Stelle des Arbeitnehmers einzunehmen oder sich sogar, wie es wünschenswert wäre, mit weniger Lohn zufrieden zu geben? Die ganze Argumentationskette des Firmeninhabers bräche in sich zusammen, er wäre dem Starrsinn seines Angestellten machtlos ausgeliefert. Und alles nur weil sich die Deutschen aus purem Egoismus hartnäckig weigern, Kinder zu zeugen. Das kann es doch wohl nicht sein, oder?«<br />
»Um Arbeitnehmer klein zu halten, hat es aber doch bisher genügt, auf billigere Produktionsstätten im Ausland zu verweisen«, wandte die WZ-Redakteurin ein.</p>
<p>»Ja, sehen Sie, das hat eine Zeit lang auch ganz gut funktioniert«, sagte Kuhlmann. »Das Problem ist nur, der Trend ging dahin, dass allmählich gar kein Deutscher mehr Arbeit hatte. Das hat die ohnehin klammen Haushaltskassen des Staates noch mehr überlastet. Niemand hatte mehr das Geld, um auch noch so billig im Ausland produzierte Produkte zu kaufen. Wer bitte soll denn die neue Generation der Handy-Klingeltöne kostenpflichtig herunterladen? Die Wirtschaftslage lässt es schon längst nicht mehr zu, dass ausschließlich Produkte hergestellt werden, die für die Menschen wirklich notwendig und sinnvoll sind. Damit man sinnlose Dinge verkaufen kann, braucht man aber zuallererst Menschen. Und Menschen sind, bevor sie zu Konsumenten werden können, leider Gottes – Kinder! Wenn du mehr Schweinefutter verkaufen willst, sorge dafür, dass genügend Schweine gezüchtet werden; wenn du Handys und Videospiele verkaufen willst, züchte Kinder.«</p>
<p>»Aber ist das nicht sehr zynisch?«, meinte nun sogar die taffe Dame von der Wachstumszeitung.</p>
<p>»Was Sie zynisch nennen, nenne ich realistisch«, antwortete Kuhlmann mit einem gönnerhaften Lächeln. »Es ist nun einmal so: Damit der soziale Frieden in einem Land gewahrt bleibt, muss den Bürgern dieses Landes direkt und indirekt unablässig die eine Botschaft eingetrichtert werden: Es gibt viel zu viele von euch, und nicht alle können einen Platz an der Sonne bekommen. Viele von euch werden durch den Rost fallen. Also strengt euch an, alle unsere Regeln getreu zu befolgen – und wenn sie euch auch noch so unsinnig und schikanös vorkommen. Ihr befindet euch in einem erbarmungslosen Wettkampf um ein lebenswertes Leben. Eure Mitmenschen sind eure Gegner. Ihr müsst sie mitleidlos aus dem Feld schlagen, damit sie nicht euch aus dem Feld schlagen. Eure Schiedsrichter bei diesem Wettkampf sind wir, die Regelmacher!«</p>
<p>Kuhlmanns Augen funkelten bei diesen Worten bezwingend und fast bedrohlich. Niemand von den Anwesenden hätte in diesem Moment gewagt, sich dem Charisma des Präsentators entgegen zu stellen. »Und sehen Sie, diese Kinder hier sind die Garanten dafür, dass die Botschaft auch weiterhin ankommt«, fuhr Kuhlmann fort. »Sie sind ohne eine liebende Mutter und ohne einen Vater aufgewachsen. Nur die Stärkeren von ihnen waren überhaupt in der Lage, die Atmosphäre emotionaler Kühle zu überleben, in der sie bei ihren staatlich ausgebildeten Pflegeeltern aufwachsen mussten. Sie lernen von Kindesbeinen an, dass sie ihren Platz auf dieser Erde, ihr Recht auf Leben, Glück und Würde nicht geschenkt bekommen, sondern dass sie darum kämpfen müssen – gegeneinander. Bringen Sie die Kinder herein, Frau Schröbe!«</p>
<p>Ein seltsamer Aufmarsch</p>
<p>Vor unseren Augen vollzog sich nun ein seltsamer Aufmarsch. 30 Jungen und Mädchen kamen in Zweierreihen herein, nicht im Gleichschritt, aber doch wie ferngesteuert, mit starrem Blick, in dem jede kindliche Daseinsfreude erloschen schien. Die Kinder, nicht in Uniformen, wohl aber artig in Kleidungsstücke bekannter Marken gekleidet, waren zwischen 3 und 4 Jahren alt, die erste Generation der Born-Kinder. Sie stellten sich nun in Frontlinie vor den sitzenden Journalisten auf. </p>
<p>»Wollt ihr den Onkels und Tanten nicht guten Tag sagen und euer Sprüchlein aufsagen, Kinder!?«, sagte die etwas affektiert freundlich wirkende, und doch eindringlich dominante Stimme von Frau Schröbe.</p>
<p>»Guten Tag!« erklang es in einem noch etwas holprigen und doch in Anbetracht der Altersstufe der Kinder erstaunlich disziplinierten Chor. »Wir sind die Born-Kinder. Wir wollen immer brav sein. Wenn wir groß sind, wollen wir kaufen und arbeiten.«</p>
<p>»Brav habt ihr das gemacht«, säuselte Frau Schröbe. »Und jetzt habe ich noch ein kleines Spiel mit Euch vor. Hier in meinem Sack habe ich wunderschöne Plastikhandys, die lustige Piepstöne von sich geben. Ich werfe sie jetzt in die Luft, und wer sie auffängt, dem gehören sie.«</p>
<p>Die Augen der Kinder waren gebannt auf die Erzieherin gerichtet. Die kleinen Körper spannten sich an, zum Sprung bereit.</p>
<p>»Aber aufgepasst, es sind nicht für alle Kinder Handys da. Wer zu langsam ist, geht leer aus.«</p>
<p>Schwupp, warf Frau Schröbe die billigen, quietschbunten Plastikdinger in die Luft, so dass sie auf die wartenden Kinder herunterprasselten. Die Kleinen sprangen eifrig in die Höhe, stießen sich beim Schnappen nach den Handys gegenseitig beiseite und suchten mit verbissenem Eifer auf dem Boden nach der ersehnten Beute. Zwei Jungen zogen mit vor Wut verzerrtem Gesicht an den zwei Enden ein und desselben Handys, bis einer von ihnen als Sieger hervorging und das Ziel seine Wünsche triumphierend in die Luft reckte. »Jaaa!«, rief er aus.<br />
»Schön hast du das gemacht, Patrick!«, sagte Herr Kuhlmann zu dem Sieger. »Ich bin stolz auf dich, du hast gut gekämpft. Weiter so!«</p>
<p>Niemand bemerkte indes den traurigen Verlierer der kurzen Schlacht, einen dunkelblonden Jungen von zierlichem Körperbau. Seine Augen, in denen jetzt verstohlene Tränen standen, schienen etwas auszudrücken, was den anderen Kindern fehlte, die Wehmut eines gewohnheitsmäßigen Verlierers, eines Außenseiters, der heute gewiss nicht zu ersten Mal von seinen Kameraden missachtet und ausgelacht wurde. Der Junge saß jetzt dicht vor mir auf dem Boden. Unwillkürlich strich ich ihm über das Haar und wollte ihm etwas Ermutigendes zuflüstern: »Ist doch nicht so schlimm! So wichtig ist das auch nicht, das dumme Handy! Du bist doch trotzdem ein lieber Junge.«</p>
<p>»Komm, Robert, weg da!«, fuhr Frau Schröbe den Jungen an und zerrte ihn weg. Und sie fügte giftig an meine Adresse hinzu: »Mischen Sie sich nicht in Erziehungsangelegenheiten ein! Berichten Sie lieber über die offensichtlichen Erfolge unserer Anstalt!«</p>
<p>Robert drehte sich an Frau Schröbes Hand plötzlich zu mir um, und seine Augen hatten die Tränen wohl erfolgreich unterdrückt. Plötzlich war ein unheimlicher Zorn, ja fast Hass in seinem Blick, als er mich anschrie: »Du bist blöd! Die Handys sind wohl wichtig! Und beim nächsten Mal werde ICH gewinnen!«</p>
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		<title>«Straffällig werden ist Bürgerpflicht»</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 09:28:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Privatisierung verstärkt die Effizienz durch Konkurrenz und Unternehmergeist und generiert Wachstum. Alles klar, aber gilt das für jedes Aufgabenfeld? Im Strafvollzug ist die Privatisierung längst angekommen, sie sorgt aber für eine drastische Verschiebung des Blickwinkels. Was bedeutet Wachstum in der Gefängnisbranche? Und was tun, wenn die kriminelle Energie der Bürger nicht ausreicht, um ausreichend Kundschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_2803" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/KnastIndymedia.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/09/KnastIndymedia-150x150.jpg" alt="" title="KnastIndymedia" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-2803" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Indymedia</p></div>Privatisierung verstärkt die Effizienz durch Konkurrenz und Unternehmergeist und generiert Wachstum. Alles klar, aber gilt das für jedes Aufgabenfeld? Im Strafvollzug ist die Privatisierung längst angekommen, sie sorgt aber für eine drastische Verschiebung des Blickwinkels. Was bedeutet Wachstum in der Gefängnisbranche? Und was tun, wenn die kriminelle Energie der Bürger nicht ausreicht, um ausreichend Kundschaft zu akquirieren? Eine visionäre, nicht wirklich komische Satire von Roland Rottenfußer.<span id="more-2800"></span><br />
Anna, die Lebensgefährtin unserer Hauptfigur R., ist Sozialpädagogin. Gerade hat sie eine Stelle als Gefängnissozialarbeiterin beim privaten Gefängnisbetreiber PrizBiz angetreten. Mit ihrem Chef, Filialleiter Trutz Haiderich (früher hätte man „Gefängnisdirektor“ gesagt), versteht sie sich ausnehmend gut. So überrascht es nicht, dass sie ihn eines Abends in R.s und Annas gemeinsame Wohnung einlädt. Ein gutes Glas Wein lockert die Zunge, und es kommt manches ans Tageslicht, was Insider der Gefängnisbranche sonst nicht gern öffentlich sagen.</p>
<p>Haiderich: Ihr Freund ist eher ein Stiller, stimmt’s, Anna?</p>
<p>Anna: Ja, so ist sein Naturell. Vielleicht liegt es auch daran, dass er Sie für eine Art Polizisten hält. Es gab da in letzter Zeit ein paar Zusammenstöße mit der Ordnungsmacht …</p>
<p>R.: Anna!</p>
<p>Anna: Das darf ich doch gegenüber Herrn Haiderich erwähnen. Wir sind doch hier im privaten Kreis, nicht Herr Haiderich?</p>
<p>Haiderich (lacht gönnerhaft): Nein ich bin wirklich nicht dienstlich hier, keine Sorge. Und selbst, wenn: ich bin Vollzugsbeamter, kein Ermittlungsbeamter. So ruhig, wie sich Ihr Freund benimmt, habe ich keine Bedenken, dass wir demnächst beruflich miteinander zu tun haben werden (klopft ihm auf die Schulter).</p>
<p>R.: Nein, das ist es nicht. Ich fühle mich in Ihrer Gegenwart etwas unsicher. Ich glaube, es hängt mit den Zeitungsberichten zusammen: über die vielen Gefängnisselbstmorde, die es in letzter Zeit gegeben hat. Ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen über das Thema sprechen soll, ohne dass es wie ein Vorwurf klingt.</p>
<p>Haiderich: Tun Sie sich keinen Zwang an, mein Lieber. Ich bin Kritik gewohnt, und schließlich sind wir hier unter uns. </p>
<p>R.: Ich bezweifle nicht, dass alle Insassen bei PrizBiz ihre Gefängnisstrafe verdient haben: Nur: Diese Überbelegungsprobleme, von denen die Zeitung spricht, kann man das nicht besser lösen? In einem Raum mit 20 Fremden, noch dazu alles Verbrecher, ich glaube, ich würde auch wahnsinnig werden – oder depressiv.</p>
<p>Haiderich: Sehen Sie, PrizBiz ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wir sind kein Erholungsheim. Mehrfachzellen ermöglichen eine größere Gefangenendichte pro Quadratmeter, das ist das<br />
ganze Geheimnis. Ursprünglich hatten wir ein Konzept mit sehr kleinen Einzelzellen, videoüberwacht. Das war nicht so konfliktträchtig. Wir mussten keine Gefangenen beruhigen, die sich gegenseitig blutig geschlagen haben, unsere Pflegekräfte mussten weniger Verletzungen im rektalen Bereich verarzten. Aber wir haben dann in Absprache mit der Justiz wieder vom Einzelzellen-Modell Abstand genommen – mit Rücksicht auf das Freiheitsabstandsgebots!</p>
<p>R.: Das Freiheitsabstandsgebot?</p>
<p>Haiderich: Es muss ein qualitativer Abstand bestehen zwischen dem Leben in Freiheit und dem Leben hinter Gittern. Sonst greift die Abschreckung nicht mehr. Gefängnis ist die bewusste Kreation einer künstlichen Hölle – natürlich im Dienste des Guten. Aber wo soll der Abstand herkommen, wenn die Freiheit draußen für die Unterschichten immer schwerer von einer Hölle zu unterscheiden ist? Sie erleben es ja selbst: Die Menschen leben in kleinen Wohnklos, damit Miete für sie erschwinglich ist. Sie werden praktisch überall überwacht. Sie sind von Verboten umstellt. Für Arme ist die Bewegungsfreiheit außerhalb des Gefängnisses nur eine theoretische. Praktisch bewegt sich ihr ganzes Leben in einem sehr engen Radius zwischen Wohnung, Arbeit oder Arbeitsamt, U-Bahn und Discounter. Wie sollen wir diese Gefangenschaft in den Gefängnissen noch übertreffen? Unsere Antwort ist mit Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Wir zwingen die Insassen, einander ertragen zu müssen. Ihre aufgestaute Aggressivität, die sich normalerweise gegen uns richten würde, entlädt sich nun im Kampf gegeneinander. Wir sehen dabei zu und greifen gelegentlich ein, nicht ohne unsere Empörung über die Verrohung dieser Menschen zum Ausdruck zu bringen. Ihre fortgesetzte Gewalttätigkeit ist für uns nur Beleg, dass diese Menschen hinter Schloss und Riegel gehören. </p>
<p>R. Aber macht Ihnen die Rückfallquote nicht Sorgen?</p>
<p>Haiderich: Nun ja, ich sagte ja, wir sind ein Wirtschaftsunternehmen.</p>
<p>R. Wie meinen Sie das?</p>
<p>Haiderich: Mit Neukunden allein könnten wir unsere Zellenbelegungsquote nicht halten. Wir sind auf Rückkehrer angewiesen. Schließlich wollen wir wirtschaftlich überleben.</p>
<p>R.: PrizBiz hat Angst ums Überleben?</p>
<p>Haiderich: Gefängnisse müssen nicht nur voll belegt sein, um sich zu rechnen; das System als Ganzes muss auch wachsen. Die Filialen müssen sprießen, auf der Landkarte darf es keine weißen Flecken geben, auf denen keine PrizBiz-Filiale verzeichnet ist. Wir haben Kredite aufnehmen müssen, unsere Gläubiger verlangen Renditen im zweistelligen Bereich. Kurz gesagt: Wenn wir die Anzahl unserer Vollzugsplätze nicht binnen 10 Jahren mindestens verdoppeln, können wir zu machen. Sie können Sich vorstellen, was das für unsere Mitarbeiter und ihre Familien bedeutet. Z.B. für Anna.</p>
<p>Anna: Wäre es dir lieber, ich wäre wieder arbeitslos?</p>
<p>R.: Natürlich nicht. Ich frage mich nur: Reicht die kriminelle Energie im Land überhaupt aus, um ein beständiges Wachstum zu generieren? </p>
<p>Haiderich: Im Gegensatz zu anderen Bedürfnissen unterliegt der Bedarf an Gefängnisdienstleistungen nicht dem Zufall.</p>
<p>R.: Wie meinen Sie das?</p>
<p>Haiderich: Sehen Sie, Sie haben mir von der Flut der Verbotsschilder in Ihrer Wohngegend erzählt. Ebenso von der Zunahme jener viel tückischeren Strafbarkeiten, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Die Nachbarschaft ist parzelliert in einen Fleckenteppich einander ablösender und teilweise überschneidender Verbotszonen. Auf einem Gehweg kann es verboten sein, zu schnell zu gehen, auf einem anderen geht man besser nicht zu langsam. Hier ist das Rauchen verboten, dort das Öffnen einer Bierdose, an einem anderen Ort das Essen in der Öffentlichkeit. Sie haben ihr Fahrrad unrechtmäßig abgestellt. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil in Sichtweite ihres Fahrrads kein Verbotsschild stand. Sie hatten aber übersehen, dass sie schon 30 Meter weiter in eine Fahrradsverbotszone eingefahren waren. Glauben Sie, das alles ist Zufall?</p>
<p>R.: Ich weiß es nicht. Ich stelle nur fest, dass ich ziemlich ratlos bin. Ich musste in den letzten Wochen so viele Strafen zahlen, dass ich Angst habe, finanziell zusammenzubrechen. Ich hatte schon das Magazin „Strafen aktuell“ abonniert, um genauestens über die neuesten Verbote informiert zu sein, aber es war aussichtslos. Das Abo ging zusätzlich ans Geld, konnte aber nicht verhindern, dass ich immer wieder strafbaren Handlungen erwischt werde. Auf allen Strafzetteln heißt es ja: „ersatzweise Gefängnis“. Da mir aber allmählich das Geld ausgeht, habe ich mich entschlossen, das Haus nicht mehr zu verlassen.</p>
<p>Haiderich (amüsiert): Im Ernst? Das erstaunt mich. Wie können Sie Ihr Leben überhaupt organisieren? </p>
<p>Anna: R. und ich haben eine Abmachung. Ich gehe einkaufen, und dafür muss er die Wäsche und den Abwasch machen. Sie wissen ja, dass wir PrizBiz-Mitarbeiter unsere Strafen-Freibeträge haben. Da ist unser Budget für Strafen noch nicht so schnell erschöpft.</p>
<p>R.: Ich bin freiberuflicher Journalist. Da erledige ich alles mit Email und Telefon. Wenn ich mal von einem Arbeitgeber zu einem persönlichen Treffen eingeladen werde, winde ich mich heraus. Das hat mich schon manches Job-Angebot gekostet. Aber was soll ich machen?</p>
<p>Haiderich: Aber mein Lieber, eigentlich leben Sie doch schon im Gefängnis!?</p>
<p>R.: Irgendwie schon, aber welche Wahl habe ich? Auf die Straße gehen ist faktisch gleichbedeutend mit straffällig werden. Viele in meinem Bekanntenkreis sagen schon: „Ich gehe erst wieder auf die Straße, wenn ich mir ein paar Strafen leisten kann.“</p>
<p>Haiderich (lacht lauthals, unterdrückt seine Heiterkeit dann aber): Verzeihen Sie, lieber R., ich schätze Anna und Sie und wünsche Ihnen bestimmt nichts Böses. Aber verstehen Sie bitte, dass Ihre Schilderung unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten für mich eine grandiose Nachricht ist. Sie und alle Bürger dieser Stadt befinden sich in einem aussichtslosen Wettlauf. </p>
<p>R.: Was meinen Sie mit „Wettlauf“?</p>
<p>Haiderich: Auf der einen Seite ist da die fast schon groteske Bravheit der Deutschen, ihr eifriges Bemühen, jedes noch so sinnlose Verbot getreulich zu beachten. Auf der anderen Seite das Bestreben des Systems, doch irgendwo Schuld bei ihnen zu finden. Der Bürger kann diesen Wettlauf nur verlieren, denn der Staat hat zwei Möglichkeiten, um ihn immer wieder einzuholen: Er kann die Liste der Strafanlässe erweitern und er kann die Überwachungsdichte verstärken. So lange, bis strafbare Handlung und Strafe untrennbar miteinander verbunden sind. Bürgerrechtler klagen immer über den „Überwachungsstaat“ oder über überhöhte Strafen. Aber wer ist denn eigentlich an dieser Entwicklung schuld? Die Bürger!</p>
<p>R.: Der Bürger? Warum?</p>
<p>Haiderich: Nun begreifen Sie doch: Wollen wir die Zellenbelegung sichern und dabei Wachstum generieren, muss es immer eine bestimmte Anzahl an Strafgefangenen geben. Die Bürger weigern sich aber zunehmend, grobe Delikte wie Gewaltvergehen, Diebstahl, sexuelle Belästigung, Vandalismus usw. zu begehen. Was sollen wir also tun? Wir sind gezwungen, kleinere bis kleinste Vergehen zu Verbrechen zu erklären und zugleich die Aufklärungsquote zu erhöhen. Ich will es Ihnen noch mal an einem anderen Beispiel erklären. Sie und ich sitzen hier zusammen, trinken Wein, essen Salzstangen. Ab und zu geht einer auf die Toilette. Wenn ich rauche, öffnen Sie das Fenster und lassen Luft herein. Wie definieren Sie die genannten Tätigkeiten?</p>
<p>R.: Ich weiß nicht. Es sind ganz normale Tätigkeiten.</p>
<p>Haiderich: Eben nicht. Alle genannten Tätigkeiten sind definiert als der Bereich des Erlaubten. Sie dürfen all diese Dinge tun, nicht etwa weil Sie von Natur aus das Recht dazu hätten, sondern weil Ihnen der Staat das Recht auf diese Handlungen gewährt hat. Dieser genau definierte Bezirk des Erlaubten aber ist umgrenzt durch den Bereich des Verbotenen. Die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem ist flexibel und wird bestimmt durch den Bedarf. Dieser wiederum hängt von verschiedenen Faktoren ab, zu deren wichtigsten die regionale Wirtschaftsförderung gehört. Und PrizBiz ist der größte Arbeitgeber im Landkreis. Stellen Sie sich den Bereich des Erlaubten also als eine Insel vor, auf der Sie sich mit anderen Bürgern immer stärker zusammen drängen müssen. Den Bereich des Verbotenen als ein Meer bei steigender Flut.</p>
<p>R.: Sie reden immer vom Wachstum. Was passiert aber, wenn das Wachstum immer so weiter geht, womöglich exponential? Ich meine: Was bedeutet das für die Gesamtgesellschaft?</p>
<p>Anna: R., so kannst du nicht mit Herrn Haiderich reden!</p>
<p>Haiderich: Nein lassen Sie, Anna, es ist eine gute Frage. Die Antwort ist: Ich bin Betriebswirt und zunächst nur am Gedeihen meines eigenen Unternehmens interessiert. Der Rest geht mich nichts an.</p>
<p>R.: Aber es muss auch weiter Menschen außerhalb des Gefängnisses geben!?</p>
<p>Haiderich: Ja leider: im Zuliefererbereich. Also bei Polizei und Justiz, bei der Verpflegung, bei der Sicherheitstechnologie, in der Baubranche, um neue Gefängnisfilialen aufzubauen, usw. Aber wir sollten unsere Phantasie da nicht zu stark einschränken. Das gesamte, in unserer Gesellschaft vorhandene Know-How wird nach und nach von außerhalb in das Gefängnissystem hinein wandern. Unsere Gefangenen arbeiten ja jetzt schon recht fleißig. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Ab einer gewissen Größenordnung können alle gesellschaftlich notwendigen Arbeiten von Kräften innerhalb des Gefängnissystems erbracht werden. Das ist außerdem erheblich kostengünstiger.</p>
<p>R.: Aber das wäre ja …</p>
<p>Haiderich (mit leuchtenden Augen) …: eine Gesellschaft aus Wärtern und Gefangenen. Haben Sie Lust, sich als Wärter zu bewerben? Die andere Alternative ist wenig verlockend, nicht wahr?</p>
<p>R.: Ich weiß nicht …</p>
<p>Haiderich: Der Trend ist nicht zu stoppen. Gefängnisaufenthalte werden sich von bedauerlichen Ausnahmen immer mehr zum Normalfall in den Biografien fast aller Bürgern entwickeln. Man wird seine Gefängniszeiten in gewissen Abständen absolvieren, so wie Männer jetzt zu Reservistenübungen beim Militär eingezogen wurden. Und das ist nur der Anfang. Die Strafe wird im Leben der Menschen stets als reale Perspektive gegenwärtig sein. Wir bieten schon in naher Zukunft die PrizBiz-Rabattkarte an.</p>
<p>R.: Was soll ich darunter verstehen?</p>
<p>Haiderich: Die PrizBiz-Rabattkarte bietet Bürgern die Möglichkeit, vorsorglich Zeit als Gefangener in einer unserer Filialen zu verbringen. Wenn sie später wirklich straffällig werden, wird ihnen diese Zeit angerechnet. Zusätzlich werden ihnen ein paar Strafwochen erlassen.</p>
<p>R.: Sie meinen, unschuldige Menschen sollten freiwillig ins Gefängnis gehen?</p>
<p>Haiderich: Was heißt schon „unschuldig?“ Jeder Mensch in Freiheit ist ohnehin ein zukünftiger Straffälliger. Sie müssen sich, wenn Sie das moderne Gefängniswesen verstehen wollen, vom Konzept der moralischen Schuld verabschieden. Unverantwortlich handeln in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit eher jene, die sich weigern, der Gefängnisbranche als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Straffällig zu werden ist sozusagen Bürgerpflicht in den Tagen der Krise.</p>
<p>R.: Aber ohne eine zugrunde liegende Schuld macht die Strafe doch keinen Sinn mehr!</p>
<p>Haiderich: Jeder Gefangene ist zumindest in einer Hinsicht schuldig geworden: Er hatte zu wenig Geld. Das ist in unserer befriedeten Gesellschaft eigentlich die einzige verbleibende Schuld. Es ist zugleich die Urschuld, die durch nichts zu sühnen ist. Hast Du Geld, lassen sich selbst für größte Verbrechen Lösungen finden. Hast du kein Geld, nützt dir selbst akribisches Bemühen um Gesetzestreue nichts. Geldmangel aber ist eine relative Größe. Sie lässt sich steuern und hängt von der Höhe der Geldforderungen ab.</p>
<p>R.: Man kann der Schuld also nicht entkommen?</p>
<p>Haiderich: Nein, die Schuld gehört wesenhaft zu Ihrer Identität als Bürger dieses Staates. Der Bürger wird vor seinem Staat immer nackt dastehen, unzureichend, voller Makel. Kein Bürger ist im Grunde seines Staates würdig. </p>
<p>R.: Das klingt fast so, als ob der Staat Gott wäre.</p>
<p>Haiderich.: Ja, das Strafsystem, wie es von PrizBiz in Zusammenarbeit mit den Behörden erarbeitet wurde, hat quasi den Platz eingenommen, den früher die großen Religionen einnahmen. Die Schuld ist unentrinnbar. Die Menschen haben zu lange nicht mehr an ihre Schuld geglaubt. Mit der Bindung an die Kirchen schwand auch das Schuldgefühl. Nützliche Theorien wie die Erbsünde verblassten in den Köpfen der Menschen. Staat und Privatwirtschaft mussten diese Lücke ausfüllen. Der Gefängnisinsasse ist der Prototyp des Menschen der Zukunft: Er ist mit wenigem zufrieden, die Hölle ist quasi sein Zuhause, und er duldet das alles, weil er seine Lebenssituation als seine eigene Schuld betrachtet.</p>
<p>(Ein heftiges, forderndes Klopfen an der Tür. R. zuckt zusammen)</p>
<p>Anna: Erwartest du jemanden?</p>
<p>R.: Nein, du?</p>
<p>Anna: Nein. Hast du etwa wieder einen Strafzettel fabriziert?</p>
<p>R.: Nein. Wie denn? Ich war die letzten Wochen nur zu Hause. Vielleicht ist es der Nachbar.</p>
<p>(Es klopft abermals, diesmal noch heftiger)</p>
<p>Anna: Nein, keiner von unseren Nachbarn und Freunden klopft auf diese Weise an die Tür – auf eine Art, die keinerlei Widerspruch duldet.</p>
<p>R.: Ich mache die Tür nicht auf. Wenn wir alle ganz leise sind, gehen sie vielleicht wieder weg.</p>
<p>Haiderich: Ich an Ihrer Stelle würde aufmachen. Es ist sicher Polizei. Es ist dieses spezielle Polizei- Klopfen. Als Mitarbeiter im Strafvollzug bin ich verpflichtet, zu öffnen. Sonst mache ich mich der Behinderung bei der Ergreifung eines Gefangenen schuldig. Das kann ich mir in meiner Position nicht leisten. Also öffnen Sie, sonst öffne ich.</p>
<p>(Es klopft zum dritten Mal. Diesmal so als würde die Tür gleich einbrechen)</p>
<p>R.: Ergreifung eines Gefangenen? Aber ich habe nichts getan. Ich war nicht auf der Straße. Ich habe nichts Illegales downgeloadet. Ich habe alle meine Rechnungen bezahlt …</p>
<p>Haiderich: Irgendetwas hat man immer getan.</p>
<p>(Die Tür bricht krachend auf. Fünf schwer bewaffnete Polizisten in Helmen und Schutzanzügen stürmen ins Zimmer. Zwei von ihnen ergreifen R. beim Arm. Die anderen zielen mit schweren MGs auf ihn.)</p>
<p>Polizist: Herr R.!?</p>
<p>R. (schüchtern): Ja, das bin ich.</p>
<p>Polizist: Sie habe es versäumt, Ihren Schneeräumdienst auf der Schillerstr. 77, Wohnblock D5, ordnungsgemäß zu verrichten.</p>
<p>R.: Ja, aber ich wusste nicht, dass es zu schneien angefangen hat. Ich war immer hier in der Wohnung und hatte die Rollos unten. Anna, hast du bemerkt, dass es angefangen hat zu schneien?</p>
<p>Anna: Natürlich.</p>
<p>Haiderich: Es ist in solchen Situationen besser, nicht nach Entschuldigungen zu suchen. Die Polizei reagiert mit Recht gereizt auf Entschuldigungen. Man könnte Ihnen das als Weigerung auslegen, die volle Verantwortung für Ihre Tat zu übernehmen.</p>
<p>R.: Tat? Aber ich habe nichts getan. Ich hole das Schneeräumen gern nach.</p>
<p>Polizist: Sie haben die Möglichkeit, gleich jetzt 398 Euro an mich zu entrichten. Alternativ begleiten wir Sie unverzüglich zu Ihrem Bankautomaten. Alternativ Gefängnis. </p>
<p>R.: Aber ich habe keine 398 Euro, weder in meiner Tasche noch auf meinem Konto. Anna hättest du vielleicht …</p>
<p>Anna: Tut mir leid, R., noch mal kann und will ich nicht für dich einspringen. Ich habe oft genug an dich appelliert, dich nicht andauernd mit den Behörden anzulegen. Aber dein verantwortungsloses Verhalten…</p>
<p>Haiderich (legt den Arm um Anna und lächelt süffisant): Hatte ich es dir nicht gesagt: Er ist ein Versager. Eine Frau wie du kann ganz andere Männer haben.</p>
<p>Polizist: Sie können das Geld nicht bezahlen. Also Gefängnis. Wir sind befugt, Sie unverzüglich in die örtliche PrizBiz-Filiale zu überstellen. Sie dürfen keine privaten Gegenstände mitnehmen. Kleidung und Bettzeug werden Ihnen im Gefängnis gestellt. (Zwei Polizisten packen ihn und führen ihn zur Tür hinaus)</p>
<p>Haiderich: Wir sehen uns ja dann bald. Ging schneller, als ich gedacht hatte.</p>
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		<title>Babys hungern lassen: der beste Leistungsanreiz</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Jul 2010 08:18:15 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>

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		<description><![CDATA[Elterngeld in Höhe von 300 Euro pro Monat soll nach einem Beschluss der Bundesregierung für BezieherInnen von Hartz IV in Zukunft nicht mehr anrechnungsfrei sein, sondern als Einkommen angerechnet werden. Begründung ist, dass Eltern von Säuglingen Arbeitsanreize brauchen. Das Institut für Innovative Politik (IP) begrüßt diesen Vorstoß der christlich-liberalen Bundesregierung. (Satire, Quelle: Linke Zeitung) http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_2366" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/07/mutterBaby.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/07/mutterBaby-150x150.jpg" alt="" title="mutterBaby" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-2366" /></a><p class="wp-caption-text">Damit ist jetzt Schluss: Mütter mit Babys ruhen sich in der sozialen Hängematte aus</p></div>Elterngeld in Höhe von 300 Euro pro Monat soll nach einem Beschluss der Bundesregierung für BezieherInnen von Hartz IV in Zukunft nicht mehr anrechnungsfrei sein, sondern als Einkommen angerechnet werden. Begründung ist, dass Eltern von Säuglingen Arbeitsanreize brauchen. Das Institut für Innovative Politik (IP) begrüßt diesen Vorstoß der christlich-liberalen Bundesregierung. (Satire, Quelle: Linke Zeitung)<br />
<a href="http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1">http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=9120&#038;Itemid=1</a></p>
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		<title>Die Kuppel</title>
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		<pubDate>Tue, 18 May 2010 07:51:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Für Reiche gibt’s keine Erderwärmung. Futuristische Satire von Roland Rottenfußer. (Quelle: Neue Wirklichkeit) Wir schreiben das Jahr 2060. Überall in Mitteleuropa herrscht wegen der Erderwärmung Wüstenklima. Im bayerischen Oberland stöhnen die Menschen unter Dürre, Hunger und Überbevölkerung – verursacht auch durch zahlreiche Migranten aus den Küstenregionen, die vor dem rapide angestiegenen Meeresspiegel ins Landesinnere flüchteten. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/05/Kuppel.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1815" title="Kuppel" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/05/Kuppel-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Für Reiche gibt’s keine Erderwärmung.</strong> Futuristische Satire von Roland Rottenfußer. (Quelle: Neue Wirklichkeit)</p>
<p>Wir schreiben das Jahr 2060. Überall in Mitteleuropa herrscht wegen der Erderwärmung Wüstenklima. Im bayerischen Oberland stöhnen die Menschen unter Dürre, Hunger und Überbevölkerung – verursacht auch durch zahlreiche Migranten aus den Küstenregionen, die vor dem rapide angestiegenen Meeresspiegel ins Landesinnere flüchteten. Überall in Mitteleuropa? Nein, eine Gruppe Wohlhabenden hat sich unter die „Kuppel“ geflüchtet, eine riesige Kunststoffglocke, die ein Gebiet von 25 Quadratkilometern umspannt und 5 Kilometer in den Himmel ragt.</p>
<p><a href="http://www.neue-wirklichkeit.de/?p=173.html" target="_blank">http://www.neue-wirklichkeit.de/?p=173.html</a></p>
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		<title>Eine Geschichte von Gott zum Osterfest 2010</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Apr 2010 07:14:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>

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		<description><![CDATA[Autor der Geschichte ist der holländische Liedermacher Herman van Veen. Empfohlen wurde sie im Newsletter von Bernhard Fricke (Bürgerbewegung &#8220;David gegen Goliath&#8221;).Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Hause ging, war es schön; sagenhaftes Wetter! Und das erste, was Gott tat, war: Die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen gut zu lüften. Und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/herman-van-veen_001529_2_MainPicture.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1458" title="herman-van-veen_001529_2_MainPicture" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/herman-van-veen_001529_2_MainPicture-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor der Geschichte ist der holländische Liedermacher Herman van Veen. Empfohlen wurde sie im Newsletter von Bernhard Fricke (Bürgerbewegung &#8220;David gegen Goliath&#8221;).<span id="more-1457"></span>Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Hause ging,</p>
<p>war es schön; sagenhaftes Wetter!</p>
<p>Und das erste, was Gott tat, war:</p>
<p>Die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen gut zu lüften.</p>
<p>Und Gott dachte:</p>
<p>Vor dem Essen werd&#8217; ich mir noch kurz die Beine vertreten.</p>
<p>Und er lief den Hügel hinab zu jenem Dorf,</p>
<p>von dem er genau wusste, dass es da lag.</p>
<p>Und das erste, was Gott auffiel, war,</p>
<p>dass da mitten im Dorf während seiner Abwesenheit etwas geschehen war,</p>
<p>was er nicht erkannte.</p>
<p>Mitten auf dem Platz stand eine Masse mit einer Kuppel</p>
<p>und einem Pfeil, der pedantisch nach oben wies.</p>
<p>Und Gott rannte mit Riesenschritten den Hügel hinab,</p>
<p>stürmte die monumentale Treppe hinauf</p>
<p>und befand sich in einem unheimlichen,</p>
<p>nasskalten, halbdunklen, muffigen Raum.</p>
<p>Und dieser Raum hing voll mit allerlei merkwürdigen Bildern,</p>
<p>viele Mütter mit Kind mit Reifen überm Kopf</p>
<p>und ein fast sadistisches Standbild</p>
<p>von einem Mann an einem Lattengerüst.</p>
<p>Und der Raum wurde erleuchtet von einer Anzahl fettiger,</p>
<p>gelblich-weißer. charmoistriefender Substanzen,</p>
<p>aus denen Licht leckte.</p>
<p>Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche Menge</p>
<p>kleiner Kerle herumlaufen</p>
<p>mit dunkelbraunen und schwarzen Kleidern</p>
<p>und dicken Büchern unter müden Achseln,</p>
<p>die selbst aus einiger Entfernung leicht moderig rochen.</p>
<p>&#8220;Komm mal her! Was ist das hier?&#8221;</p>
<p>&#8220;Was ist das die?! &#8211; Das ist eine Kirche, mein Freund.</p>
<p>Das ist das Haus Gottes, mein Freund.&#8221;</p>
<p>&#8220;Aha&#8230; Wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge,</p>
<p>warum blühen dann hier keine Blumen,</p>
<p>warum strömt dann hier kein Wasser</p>
<p>und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen?!&#8221;</p>
<p>&#8220;&#8230;das weiß ich nicht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Kommen hier viele Menschen her, Knabe?&#8221;</p>
<p>&#8220;Es geht in letzter Zeit ein Bisschen zurück.&#8221;</p>
<p>&#8220;Und woher kommt das deiner Meinung nach? Oder hast du keine Meinung?&#8221;</p>
<p>&#8220;Es ist der Teufel.</p>
<p>Der Teufel ist in die Menschen gefahren.</p>
<p>Die Menschen denken heutzutage, dass sie selbst Gott sind</p>
<p>und sitzen lieber auf ihrem Hintern in der Sonne.&#8221;</p>
<p>Und lief fröhlich pfeifend aus der Kirche auf den Platz.</p>
<p>Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl</p>
<p>in der Sonne sitzen.</p>
<p>Und Gott schob sich neben das Männlein,</p>
<p>schlug die Beine übereinander und sagte:</p>
<p>&#8220;&#8230;Kollege!&#8221;</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Herman van Veen</strong></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Neu: Artikel zum Selberbasteln</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 09:14:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte/Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Aktion von „Hinter den Schlagzeilen“ zur Stärkung der Eigenverantwortung des Lesers im Zuge allfälliger Sparmaßnahmen. (Roland Rottenfußer) Dieses Artikel-Bauset enthält folgende Einzelteile: 1 x Haupttext (HAT) 3 x Zwischentitel (ZT) 1 x Vorspann (V) 1 x Unterüberschrift (UÜ) 1 x Überschrift (Ü) Bauanleitung: Schritt 1: Kopieren Sie das gesamte Material in eine leere Textdatei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1454" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/StammSäge.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-1454" title="StammSäge" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2010/04/StammSäge-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Ihr Möbelgroßhändler liefert ab jetzt Baumstämme zum Selbersägen</p></div>
<p>Eine Aktion von „Hinter den Schlagzeilen“ zur Stärkung der Eigenverantwortung des Lesers im Zuge allfälliger Sparmaßnahmen. (Roland Rottenfußer)</p>
<p>Dieses Artikel-Bauset enthält folgende Einzelteile:</p>
<p>1 x Haupttext (HAT)</p>
<p>3 x Zwischentitel (ZT)</p>
<p>1 x Vorspann (V)</p>
<p>1 x Unterüberschrift (UÜ)</p>
<p>1 x Überschrift (Ü)<span id="more-1453"></span></p>
<p>Bauanleitung:</p>
<p>Schritt 1: Kopieren Sie das gesamte Material in eine leere Textdatei und speichern Sie.</p>
<p>Schritt 2: Fügen Sie die ZT 1 bis 3 an die den dafür vorgesehenen Stellen in HT ein. Lassen Sie dabei jeweils eine Zeile Abstand zum vorausgehenden und nachfolgenden Text.</p>
<p>Schritt 3: Montieren Sie V oberhalb von HT, formatieren Sie V mit „fett“ und schalten Sie eine Leerzeile Abstand zu HAT.</p>
<p>Schritt 4: Montieren Sie UT oberhalb von V, formatieren Sie UT mit Schriftgröße 14 und schalten Sie eine Leerzeile Abstand zu V</p>
<p>Schritt 5: Montieren Sie Ü oberhalb von UT, formatieren Sie Ü mit Schriftgröße 20 und schalten Sie eine Leerzeile Abstand zu UT</p>
<p>Schritt 6: Sehen Sie den ganzen Text auf Rechtschreib-, Grammatik- und Flüchtigkeitsfehler durch und beseitigen Sie jede Form stilistischer Unbeholfenheit.</p>
<p>Falls Schwierigkeiten bei der Durchführung dieser Anweisungen auftauchen sollten, wenden Sie sich gern an unsere Servicehotline: 0190-0038-487-837-483-059-938-293-938. Kosten: 7,5 SF/min.</p>
<p>HT:</p>
<p>Ich wollte ein Schränkchen kaufen, nur ein kleines Badezimmerschränkchen 30 x 60 cm aus Holz mit Trübglasfendster. Ich ging extra nicht zu Ikea, weil ich mich beim Zusammenschrauben der Möbel oft genug im Jungel der verwirr3enden Gebrauchsanleitungen verheddert habe. Ich ging in eine andere Handlelskette für wohnrauminnenausstattung, und da es sich nur um ein ganz kleines Schränkschen handelte, dachte ich, man würde mir die Endmontage ersparen. Da war ich schon in die fAlle gegangen. Die Verkäuferin kassierte erst die 60 Euro, dann sagte sie: Warten Sie bitte einen Moment und brachte mir aus dem Lager eine Kiste zurück, deren Format keineswegs mit dem des Kästchens identisch war, das im Ausstellungsraum an der Want hing.</p>
<p>„Was soll das?“, fragte ich. „Ich gebe Ihnen meine Geldscheine ja auch nicht in kleinen Papierfetzchen und verlange von Ihnen, dass Sie sie selber zusammenkleben. Die Verkäuferin lächelt übelregen wie man über die dumme Bemrkung eines Kindes lächelt und sagte dann routiniert, ohne die Endmontage durch den Kunden würden erheblich mehr Lager- und Arbeitskosten anfallen. Der Schrank könne sonst nie zu einem so niedrigen Preis abgegeben werden, wie er nun mir zuteil würde. Und ich beklagte mich auch nohc, anstatt dankbar dem ggenialen Geschäftskonzept zu huldigen! Ich murre zwar noch: „Das nächste Mal verkaufen Sie mir wahrscheinlich einen Baumstamm und eine Säge“ – aber in Wirklichkeit habe ich längst eingesehen, dass ich am kürzeren Hebel sitze.</p>
<p>(ZT 1)</p>
<p>Resigniert zog ich mit meinem Päckchen ab. Es war kaum schmäler als das zusammengebaute Kästchen, grübelte ich, als ich mit dem Auto nach Hause fuhr. Was konnte das für einen grßen Unterschied bei der Lagerung machen. Außerdem, wenn diese Regelung so sehr zugunsxten des Kunden war, wie kam es dann, dass immer die Besitzer und Gründer solcher Großhandelsketten Multimillardäre waren, während ich immer noch im unteren bis mittleren Einkommensbereich rumkrebste. „Mehr Eigenverantwortung, Roland!“, mahnte mcih eine Stimme aus meinem Unterbewusstsein, die von diversen Botschaften aus Psychoratgebern und politischen Sonntagsreden dort hinein geplfanzt worden war. Die Mode, lästige Arbeiten auf Kunden abzuwälten, war die Materialisierung der herrschenden Ideologie der Eigenverantworutnge. Wer andere zu Eigenverantwortung mahnt, sagt damit immer: ich selbst will weniger davon tragen. GEanu so machen es die Möbelgeschäfte. Denn wenn mir der Zusammenbau mal nicht gelingt, stehe erst mal ich da mit meinen Selbstzweifeln und der Aufgabe, Helfer zu organisieren. Selbst wenn ich das Päckchen dann zurückschicken kann, sit es immer noch ein Haufen Verwaltungsaufwand, der an mir hängen bleibt.</p>
<p>Und warum muss ich eigentlich in immer mehr Rstaurants den kellner spielen. Bei McDonals weiß man das ja. Da geht man schon gar nicht rein. Aber bei unverdächtig wirkenden Ausflugscafes, Kniepen und Kleinrestaurants. Man sitzt und sitzt, keine Bedineung. Bis eimen ein überlegen wirkender Mann am Nachbartisch gönnerhaft zuraunt: „Hier ist Selbstbedienung. Wussten Sie das etwa nicht? Na da können Sie warten, bis Sie schwarz werden.“ Also stapfe ich genervt, aber tapfer ins Restaurantinnere und stelle mich ganz hinten an einer unübersehbaren Schlange an. Als ich zum Zug komme, stelle ich fest, dass der Preis gar nicht so wahnsinnig niedrig ist, dass es gerechtfertigt wäre, dass ich eine halbe Stunde meiner Ziet hier in stickiger Küchenluft anstehe. IN einer halben Stunde könnte ich selbst als Geringverdiener 10 Euro verdienen. Der Preis der Käsespätzle ist aber höchstens um 50 Cent niedriger als in anderen Kneipen. Wenn überhaupt.</p>
<p>(ZT 2)</p>
<p>Überhaupt Käsespätzle. Meist handelt es sich nicht um echten Käse, der sich zwischen den Spatzten zu Fäden zieht, sondern um eine käsige Sahnesoße, die die Spatzen in einen diffusen, ausdrucklosen Brei verwandetl. Dazu statt der der leckeren, feuchten, in der Pfanne dunkelbraun gebratenen Zwiebeln Röstzwiebeln aus der Dose, hart, kratzig und natürlich kalt. Wahrscheinlich hat ein Betriebswirt ausgerechnet, dass die Sahnesoße und die die Fertigzwiebeln pro Teller Käsespätzle 5 Cent Einsparungen ergeben. Das addiert sich bei mehreren 1000 Tellern pro Jahr auf einen beträchtlichen Betrag, vor allem wenn man solche Operationen bei allen angebotenen Speisen durchführt. Dort mal das Kuchenstück um 1 cm dünner machen. Dort den Anteil des Schaums an der Latte Macchiato auf Kosten der Flüssigkeit erhöhen. Bei Apfelsaftschorlen nur 0,2 Liter Apfelsaft, aber 0,3 Liter Mineralwasser verwenden (weil der Saft teurer ist). Oder überhaupt gleich 0,4 Liter-Gläser verwenden, anstatt 0,5 Liter, wie es fürher üblich war. Selbstverständlich alles, ohne dass es billiger wird.</p>
<p>Es gibt Joghurts, bei denen der Kunde Neutraljoghurt und Fruchcoctail selbst mischen muss, weil die das in de Fabrik offenbar nicht hinkrieten. IN Konzerten wird man immer häufiger aufgefordert, selber zu singen. Es ist grotesk. Wenn ich ein Fahrrad kaufen will, bin ich erst mal überrascht, dass es recht billig ist, nur 300 Euro. Dann fragt die Verkäuferin in aller Seelenruhe, ob ich denn zu meinem Fahrrad auch noch ein Lciht wünsche. Selbstverständlich will ich ein Licht. Das ist nicht nur Vorschrift, es hilft tatsächlich, nicht nachts von Autofahrern aufs Korn genommen zu werden. „Dann sind es noch mal 70 Euro extra. Und wüsnchen Sie eventuell auch noch einen Sattel?“ … Nach einem ausgedehnten Frage- und Anwortspiel erhalte ich dann eine Rechnung über 545 Euro. „Aber der Preis auf dem Schild ist nur 300 Euro“. „Jaja“, sagt die Verkäuferin mit einem nunmehr sehr bestimmten, spitzen Tonfall. „Aber der Preis versteht sich selbstverständlich <strong>vor Montage.</strong>“ Aha.</p>
<p>Überall das gleiche Spiel: Gehst du zum Optiker sind die Preise für Gestelle kommod. Willst Du allerdings eni Produkt haben, das Du tatsächlich auf die Nase setzen kannst und das den ursprünglihc intendierten zweck erfüllt, dir das Sehen zu ermöglichen, zahlst du gut das Dreifache oder Vierfache. Ein Fahrkartenschalter ist ein Relikt aus den goldenen 70ern. Du must dich mit den Dialogmenüs der Automatenungetüme rumschlagen. Und wehe, Du kommst mal nicht zurecht und steigst trotzdem ein: du bist ein Verbrecher. Rufst du wo an, darfst du nicht erwarten, tatsächlich einen Menschen am anderen Ende der Leitung anzutreffen. Erst mal grenzt ein Automat den ungefähren Sinnzusammenhang deines Anrufs ein: „Handelt es sich um eine Anfrage wegen Störungen im Betriebsablauf, drücken Sie bitte die 1“.</p>
<p>(ZT 3)</p>
<p>Es gibt einen gemeinsamen Nenner bei all diesen Alltagsbeobachtungen: Anbieter von Waren und Dienstleistungen scheinen Tag und Nacht über Möglichkeiten nachzugrübeln, wie sie ihren Kunden <strong>so wenig Leistung wie möglich</strong> geben können. Ganze Stäbe von Sparkommissaren und Manipulationsexperten werden offenbar dafür bezahlt, darüber nachzudenken, wie sie dich und mcih über den Tisch ziehen können. Um ein eventuelles Abwandern der Kunden zu verhindern, hat man sich entschlossen, durch brancheninterne Absprachen dafür zu sorgen, dass der Kunde nirgendwo mehr einen Anbieter findet, der ihn gut behandelt. Die Tarnung, also der Versuch, Einsparmaßnahmen hinter betulichen Beteurungen zu verbergen, dass alles nur zum Wohle des kUnden geschieht, wird auch zunehmend fallen gelassen. Immer häufiger wird dem Kunden frech ins Gesicht gesagt, dass man zwar durchaus weiß, dass man dem Kunden Unannehmlichkeiten bereitet, dass dieser aber ruhig mal versuchen solle, dagegen anzugehen. Die gesetzlichen Vorschriften diesbezüglich sind immer schon unter Dach und Fach. Und sie sind immer zugunsten des Großhändlers.</p>
<p>Wie mir scheint, wäre aber zu große Wehleidigket auf Seiten der Kunden fehl am Platz. Eigentlich ist es nur die Retourkutsche für ein Verhalten, das wir kUnden schon seit jeher an den Tag legen: Die versuchen und für unser Geld so wenig Leistung wie möglich zu bringen – Na und? Wir versuchen ja auch, so wenig Geld wie möglich auszugeben. Haben wir uns schon mal darüber Gedanken gemacht, ob Lieferanten und Händler überhaupt leben können, wenn sie ihre Waren zu einem Preis abgeben, der so niedrig ist, dass wir uns nach dem Kauf als „Schnäppchenjäger“ selbst beweihräuchern? Wie geht es den Kaffeepflückern in Afrika, die deinen Schnäppchekaffee pflücken? Der Kunde ist in seiner überwiegenden Mehrheit sozial blind. Es interessiert ihn einfach einen SCHeißdreck, wie es dem Händler geht. „Der Kunde ist König“ – habsten Sie sich mal überlegt, wie sich das für den Händler anfühlt? Wenn wir König sind, was ist denn dann er? Unteran? Diener? Sklave? Wer ist das schon gern. Deshalb jetzt der Aufstand der Händler und Hersteller gegen den angemaßten König. „Wenn wir zusammenhalten“, haben die sich gedacht, „dann kriegen wir den schon klein. Der soll Möbel zusammenschrauben, sich vor Automaten den Kopf zerbrechen und Colas auf schwankenden Tabletten durch die Sitzreihen tragen.“ Von wegen König, der Kunde ist Sklave. Er hat es bloß in seiner überwiegenden Mehrheit noch nicht gemerkt.</p>
<p>Als Autor frage ich mich natürlich: Wenn das der Trend ist, warum werde ich so blöd sein und meine Artikel dem Leser immer so gut und ausgefeilt wie möglich zu präsentieren? Bin ich etwa der letzte Idiot, dem tatsächlich etwas daran liegt, Qualität zu liefern und zufriedene Kunden zu haben? Damit ist jetzt schluss. Dieser Artikel ist der erste Schritt meines Plans, mit dem ich den Leser zu mehr Eigenverantwortung erziehen will (und mir selbst Arbeit zu erspracne. Es geht nämlich viel schneller, wenn man die ganzen Vehler hier nicht ausbessert, sondern stehen lässt). Wenn Sie das für eine Unverschämtheit halten, dann muss ich Sie fragen, warum Sie es sich von den anderen Herstellern und Händlern gefallen lassen. Und falls Sie diesen Artikel lustig finden, frage ich mich, warum Sie McDonals, Ikea, die Bahn und andere gr0ße Rationalisierer (auf Ihre Kosten) ernst nehmen.</p>
<p>ZT1: Möbelkauf des Grauens</p>
<p>ZT2: Einsparungen bei Kässpatzen</p>
<p>ZT3: Rachefeldzug der Anbieter gegen die Kunden</p>
<p>V:</p>
<p>Kellnern bei McDonals, Schrauben für Ikea, Fahrkartenziehen am Automaten, Dialogmenüs enträtseln am Päckchenautomaten – „Crowdsourcing“, das Abwälzen kleiner Routinearbeiten auf dne fügsamen Pöbel – boomt. Tat für Tag werden uns Minuten gestohlen, die sich über die Wochen zu Stunden über die Jahre zu gewaltigen Arbeitsleistungen summieren, die wir umsonsxt f+r die betreffenden Fimen erbringen. Es stellt sich die bange Frage: Tun die überhaupt noch irgendwas selbst? Und wie lange lassen wir uns da eingtlnlcih noch geafllen?</p>
<p>UÜ:</p>
<p>Wie Unternehmen ihre eigenen Aufgaben an den Endverbraucher abwälten</p>
<p>Ü:</p>
<p>Der Kunde ist Sklave</p>
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