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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Spiritualität</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Visionen – in Bewegung kommen</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 08:25:38 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Vision, das hat zunächst etwas mit dem Sehsinn zu tun, mit den Augen und den damit verbundenen Hirnarealen, in denen visuelle Reize verarbeitet werden. Dazu drängt sich ein Bild auf: Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken in die Weite. Von oben betrachtet ergibt sich eine neue Orientierung. Wir verlieren uns nicht im Geflecht des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/mountain-top-view.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/mountain-top-view-300x193.jpg" alt="" title="mountain-top-view" width="300" height="193" class="alignleft size-medium wp-image-7699" /></a>Vision, das hat zunächst etwas mit dem Sehsinn zu tun, mit den Augen und den damit verbundenen Hirnarealen, in denen visuelle Reize verarbeitet werden. Dazu drängt sich ein Bild auf: Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken in die Weite. Von oben betrachtet ergibt sich eine neue Orientierung. Wir verlieren uns nicht im Geflecht des täglichen Geschiebes und Getriebes dort unten, sondern überschauen die Welt, erkennen Zusammenhänge und Ziele: Dort liegt es, dort will ich hin. Wenn wir später wieder unten sind, wenn wir uns im Alltag mit Tunnelblick durchwuseln, wird es gut tun, sich an die Fernsicht von einst zu erinnern. (Quelle: Spuren, Schweiz)<br />
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		<title>«Der Schrei der Armen»</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 09:37:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7648" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7648" title="leonardo_boff590" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Leonardo Boff</p></div>
<p>Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. Jahrhunderts wieder auf. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7647"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Christus geht im Poncho einher“, lautet einer der Wahlsprüche der Basiskirchen im Norden Perus. Die Campesinos, Kleinbauern indianische Herkunft, betreiben in der unwirtlichen Gebirgslandschaft seit Generationen Ackerbau. Ein hartes Brot. Da kann sich jede Störung des gewohnten Ablaufs existenzbedrohend auswirken. Seit einigen Jahren haben die Campesinos im peruanischen Cajamarca nun Probleme mit der nahe gelegenen Yanacocha Mine, der größten Goldmine Südamerika. Der metallhaltige Dampf aus den Bergwerken legt sich als rostbraune Schmiere auf die Felder. Dann sterben die Kühe.</p>
<p>Die Campesinos haben begonnen, sich zu wehren. Unterstützt wurden sie dabei bis vor kurzem von einer Kirche, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil für die Rechte der Armen stark machte. Der legendäre Bischof José Dammert Bellido hatte in Cajamarca bis zu seiner Berentung im Jahr 1992 eine selbstbewusste indianische Kirche aufgebaut. Er hatte 3000 Campesinos zu Gemeindehelfern ausgebildet, die zum Teil priesterliche Funktionen wie Bibellesungen und Taufen wahrnahmen. Der mutige Priester Marco Arana setzte das Werk des Bischofs fort und gründete die Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung „Grufides“. Mit zahlreichen gewaltfreien Aktionen unterstützte er die Bauern in ihrem Kampf gegen die Minenbetreiber.</p>
<p>Doch Marco Arana muss sich seit kurzem mit Morddrohungen auseinandersetzen. Schon sechs Campesinos sind, vermutlich von Sicherheitskräften der Minen, ermordet worden. Die Gewalttätigkeiten haben zugenommen, als Ortsbischof Lázaro dem ihm unterstellten Priester Arano in den Rücken fiel. Der Bischof hatte bei seinem Amtsantritt 2004 angekündigt, den „Saustall“ auszumisten. Insider berichten, dass er sich jedes Jahr von den Goldminen-Betreibern ein Auto habe schenken lassen. Bischof Lázaro verfasste einen Hirtenbrief, in dem er mehrere engagierte Priester aufforderte, ihre „Agitation“ sofort einzustellen und sich auf ihre „eigentlichen priesterlichen Aufgaben zu beschränken.“</p>
<p><strong>Was sind die „eigentlichen priesterlichen Aufgaben“?</strong> Zweifellos prallen in Peru zwei Auffassungen von Kirche aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Traditionen der Bibeldeutungen, die einander seit den Ursprüngen des Christentums gegenseitig bekämpfen. Der Verbindung von Thron und Altar, wie sie sich seit dem römischen Kaiser Konstantin anbahnte, kirchlichem Prunkt und weltlicher Machtentfaltung der Päpste stand eine Strömung des sozial engagierten Christentums gegenüber, die sich auf das Armutsgebot bestimmter Stellen des Evangeliums berief.<br />
Als unwissentlicher Begründer und Bezugspunkt jeder Art von „linker Theologie“ gilt der Evangelist Lukas. In seinem Evangelium, geschrieben ca. zwischen 80 und 90 n. Chr., sind – verglichen mit Matthäus, Markus und Johannes – auffällig viele Textstellen überliefert, in denen die soziale Differenz zwischen Arm und Reich Thema ist. Die berühmte Weihnachtsgeschichte mit ihrer Stall- und Krippen-Romantik ist ausschließlich im Lukas-Evangelium überliefert. Sie verlegt die Geburt des Herrn (was historisch nicht verbürgt ist und vielfach bezweifelt wird) in ein „Unterschichten-Milieu“, inmitten der Tiere des Feldes und der einfachen Leute (Hirten). Der Gottessohn auf Stroh gebettet – hier findet der Mythos vom Abstieg Gottes in die „Niedrigkeit“ des Menschlichen einen sinnfälligen und überaus populären Ausdruck.</p>
<p>Schon vor Jesu Geburt allerdings wird bei Lukas Sozialrevolutionäres verkündet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“, heißt es da über Gott Vater. „Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.“ (Lukas 1, 51) Die linke Revoluzzerin, die dies verkündet, ist keine Geringere als Maria, die Mutter Jesu. In der reichen Tradition der Marienverehrung gerade im Katholizismus spielt dieser aggressive Aspekt Marias gegenüber ihren sanften Eigenschaften (Gnade und Milde) nur eine geringe Rolle. Es handelt sich bei Marias „Lobsang“ um eine typische Rollentauschfantasie, die im Weiteren die Rhetorik des Lukas-Evangeliums prägen wird. Die Armen sollen im „Reich Gottes“ in die Position der Reichen versetzt werden, und umgekehrt.</p>
<p>In der Lukas-Version der Bergpredigt heißt es: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier hungert; denn ihr sollt satt werden. (…) Weh euch Reichen! denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr hier satt seid! denn euch wird hungern.“ (Lukas, 6, 20-24). Weiter hinter im Evangelium die Warnung vor Habgier: „Sehet zu und hütet euch vor Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lukas 12, 15). Im Gleichnis „Reicher Mann und armer Lazarus“ findet sich der Reiche nach seinem Ableben in einem qualvollen Totenreich wieder und muss mit ansehen, wie es sich der ebenfalls gestorbene Arme in „Abrahams Schoß“ gut gehen lässt. (Lukas, 16, 19). Natürlich ist da auch die Geschichte von dem Reichen zu erwähnen, dem Jesus rät, alles, was er hat den Armen zu geben. „Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“ (Lukas, 18, 25).</p>
<p><strong>Eine solche Häufung sozial engagierter Textstellen</strong> hat Lukas den Ruf eines „Evangelisten der Armen“ und „sozialistisch denkenden Schriftstellers“ eingebracht. Tatsächlich geht es Jesus im Lukas-Evangelium aber nicht um eine Idealisierung unfreiwilliger Armut, sondern um das Ideal des freiwilligen Besitzverzichts als Voraussetzung für Jüngernachfrage – die Hingabe des „Ego“, um es mit Begriffen einer neueren Spiritualität zu sagen. Der De-facto-Kommunismus und die Besitzlosigkeit der Jüngergemeinschaft Jesu wurden zum Vorbild für besitzlose Mönchsgemeinschaften und Armutsbewegungen im späteren Christentum. Reiche indes werden dazu ermahnt, die Anhaftung an materiellen Gewinn als Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu verstehen. Sie sollen Schulden erlassen, zu Unrecht angeeignetes Gut zurückgeben und generell einen großen Teil ihres Besitzes den Armen spenden. Diese Anweisungen sind zunächst „spirituelle Therapie“ für die Reichen, aber auch der Entwurf einer fundamentalen Sozialordnung, die – im Gegensatz zur modernen Wirtschaftsordnung – geeignet ist, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.</p>
<p>Besonders deutlich werden diese beiden Aspekte in der Geschichte vom Zöllner Zachäus, dem Jesus auftrug, die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben und Menschen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückzugeben. (Lukas 19, 8). Zachäus ist der Prototyp des Ausbeuters, des Feindbilds aller Sozialisten. Steuerpächter im damaligen Judäa waren Eintreiber für den römischen Staat, schlugen aber auf die von Rom geforderte Summe oft noch ein Vielfaches drauf, um sich so an der Bevölkerung des eigenen Landes schamlos zu bereichern. Zachäus ist ein schönes Beispiel für die Umkehr eines Sünders und für Vergebung. Es wäre aber sicher ein Missverständnis, wenn sich die Kirchen mit Hinweis auf Zachäus mit ausbeuterischen Strukturen verbünden würden und dabei die Tatsache, dass es sich dabei um Sünde handelt sowie die Notwendigkeit der Umkehr unter den Tisch fallen ließen. Man kann durchaus sagen, dass „linke“ Interpretationen des Evangeliums eine Grundlage haben. Jesus spricht den Reichen das moralische Recht ab, ihren Besitz nur deshalb zu behalten, weil sie formaljuristisch Anspruch darauf erheben können.</p>
<p><strong>Es ist unmöglich, hier einen Gesamtüberblick über die sozial engagierten Strömungen der Kirchengeschichte zu geben</strong>, die sich an das Lukas-Evangelium anschließen. Berühmt ist etwa die „Rede an die Reichen“ (370 n. Chr.) von Basilius, Erzbischof von Caesarea: „Genauso sind die Reichen: Sie betrachten die Güter, die allen gehören, als ihr privates Eigentum, weil sie sich diese als erste angeeignet haben. Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst; den Nackten der Mantel, den du in der Truhe versteckst; den Armen das Geld, das du vergräbst“. Bei dem „vergrabenen“ Geld kann man heute durchaus an auf Bankkonten gehortetes, dem Umlauf entzogenes Geld verstehen. Basilius’ Zeitgenosse, der griechische Bischof Grogor von Nyssa, sprach sogar explizit die Problematik des Zinses an: „Was ist für ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen (…), oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitzt nimmt, was einem nicht gehört?“<br />
Ein großer Erneuerer des Armutsgebots, wie es vor allem aus dem Evangelium des Lukas herausgelesen werden kann, war Franz von Assisi (1181-1226). In seiner Geburtstadt ist noch heute eine graue, zerrissene, mehrfach geflickte Kutte zu besichtigen, extremer Ausdruck seiner uneitlen, allem Weltlichen abgewandten Geisteshaltung. Franz von Assisi war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Als ihn seine ebenfalls aus der „Oberschicht“ stammenden Freunde einmal allein und nachdenklich in einer Gasse vorfanden, fragten sie, ob er daran dächte, „ein Weib zu nehmen“. Franz soll geantwortet haben: „Ich gedenke mir eine Braut zu nehmen, diese ist aber viel edler, reicher und schöner, als Ihr zu denken und Euch vorzustellen vermöget.“ Diese Braut war die Armut.</p>
<p>Franz verkaufte alles, was ihm im väterlichen Haus gehörte, für den Wiederaufbau einer verwahrlosten Kapelle bei Assisi. Als sein Vater ihn dafür öffentlich zur Rede stellte und drohte, ihn zu enterben, entkleidete sich Franz vollständig und gelobte, von nun an nur noch Gott anzugehören. Franz – und in seiner Nachfolge die Orden der Franziskaner und der Klarissinnen – haben seither unzählige soziale Projekte auf den Weg gebracht und sind ihrem Gelübde persönlicher Bedürfnislosigkeit immer treu geblieben. Dabei ist die starke Ausstrahlung des Franz von Assisi sicher u.a. seiner überlieferten Herzensfröhlichkeit zu verdanken – schlagender Beweis dafür, dass eine konsequent immaterielle Lebenseinstellung sehr wohl ein erfülltes Leben zu begründen vermag.</p>
<p><strong>Die armen Franziskaner waren so auch eine beständige lebende Provokation</strong> für eine zunehmend prunksüchtige Kirche, die die soziale Botschaft des Evangeliums eher „wegzuinterpretieren“ suchte. Eine literarische Spur dieses Zwiespalts finden wir in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. In diesem berühmten Mittelalter-Roman wird eine Debatte zwischen Vertretern des Franziskanerordens und einer Gesandtschaft des Papstes Johannes XXII. beschrieben, die sich um die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit der Armut der Kirche dreht. Doch kehren wir zurück in die Moderne.</p>
<p>Einen wesentlichen Schub erhielt die politisch engagierte Kirche nach der kubanischen Revolution von 1959 mit der Entstehung der so genannten „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika. Es war zunächst eine Bewegung der Armen selbst, landloser Bauern und Slumbewohner, die aus der Bibel eine Botschaft der Befreiung von Not und Unterdrückung herauslasen. Sie interpretierten die biblischen Geschichten, etwa den Auszug der Juden aus Ägypten, als etwas, das unmittelbare Konsequenzen für ihren Alltag hatte. Die Kirchenhierarchie verhielt sich gegenüber den Bestrebungen der Basis von Anfang an zwiespältig. Ein Teil des katholischen Klerus stellte sich traditionell eng an die Seite der Mächtigen und Besitzenden.</p>
<p>Auch in anderen Ländern der Erde wurde die Verbindung aus Christentum und Politik als schlagkräftiges Instrument gesellschaftlicher Veränderung entdeckt. Der Rückgriff auf die spirituelle Kraft biblischer Aussagen diente dazu, den berechtigten Ansprüchen der Armen und Unterdrückten Nachdruck zu verleihen, ihren Mut anzuspornen, aber auch Gewalt zu verhindern. So gab sich der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King „überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, geistlich gesehen schon vom Tod gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet. (…) Eine Religion, die beim Individuum endet, ist am Ende.“ Wenn man Martin Luther King erwähnt, muss man in der Geschichte noch weiter zurückgehen und Kings großes Vorbild Gandhi würdigen, einen Mann, der – ohne christlich erzogen zu sein – politische Durchsetzungsfähigkeit mit großer spiritueller Überzeugungskraft verband. Über das Verhältnis von Politik und Religion sagte Gandhi in seiner Autobiografie, es gäbe für ihn „keine Politik, die nicht zugleich Religion wäre. Politik dient der Religion. Politik ohne Religion ist eine Menschenfalle, denn sie tötet die Seele.“</p>
<p>Seit den 70er-Jahren stellten sich Theologen wie Gustavo Gutiérrez (von dem der Begriff „Teologia de la liberación“ stammt), Ernesto Cardenal und Leonardo Boff demonstrativ hinter die christlichen Basisbewegungen in Lateinamerika. Sie schufen mit Schriften wie „Schrei der Armen“ (Leonardo Boff) ein theoretisches Fundament, empfanden sich aber nicht als Begründer der Bewegung, sondern als deren Sprachrohr. Die Befreiungstheologen verstanden die Erlösungsbotschaft der Bibel nicht ausschließlich in einem transzendenten Sinne, sondern fanden in ihr eine weltlich-ökonomische, ja sozialrevolutionäre Botschaft. So kamen sie nicht umhin, auch die Kirchenhierarchie zu kritisieren der sie vorwarfen, durch Verdummung der Armen den Ausbeutungsinteressen der Besitzenden zu dienen. In Deutschland gipfelten die Aktivitäten der Sympathisanten der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung in der Aussage des Theologen Helmut Gollwitzer: „Christen müssen Sozialisten sein“. Gollwitzer war auch ein Freund und Förderer von Rudi Dutschke, dem Anführer der 68er-Studentenbewegung in Berlin.</p>
<p><strong>Jon Sobrino, einer der populärsten Befreiungstheologe</strong>n, der seinen Lebensmittelpunkt seit 1957 in El Salvador hat, drückte die Auffassung der Befreiungstheologie besonders prägnant aus: „An Gott glauben bedeutet, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren.“ Sobrino war auch Berater des 1980 von einer Todesschwadron ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Hinter dem Mord standen vermutlich Militärberater aus den USA. Romero hatte in seiner letzten Predigt vor seiner Ermordung gesagt: „Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der wider das Gesetz Gottes gerichtet ist. (&#8230;) Ich bitte euch, ich flehe euch an, ich befehle euch im Namen Gottes – hört auf mit der Unterdrückung!“</p>
<p>Der Brasilianer Leonardo Boff wurde 1985 vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zu einem Jahr des Schweigens verurteilt und später aller kirchlichen Funktionen enthoben. Ratzinger warf Boff u.a. vor, dass Jesus Christus nach dessen Ansicht keine bestimmte Kirchengestalt befohlen habe, so dass andere als das katholische Kirchenmodell aus dem Evangelium heraus denkbar würden. Ferner dass Offenbarung und Dogma bei Boff nur eine untergeordnete Rolle spielten und dass er den historischen Machtmissbrauch der Kircheninstitution unnötig polemisch und respektlos beschrieben habe. In seiner Rechtfertigung gegenüber der Glaubenskongregation sagte Boff: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“</p>
<p><strong>In den 90er-Jahren startete Leonardo Boff</strong> ganz im Sinne der Grundsätze der Befreiungstheologie scharfe Angriffe gegen die sich ausbreitende Ideologie des Neoliberalismus: „Die Befreiungstheologie ist in den sechziger Jahren aus dem Schrei der Armen hervorgegangen. Dieser Schrei erklingt bis heute. Und er wurde zum lauten Aufschreien, weil es nicht mehr nur die Dritte Welt betrifft, sondern zwei Drittel der Menschheit. Nicht nur die Armen schreien, sondern auch die Schöpfung, unsere Erde, die ausgeplündert wird. In den 90er-Jahren geht es nicht um die Befreiung, sondern um die soziale Ausschließung als Folge der neuen Produktionsweisen, des Weltmarktes und des Neoliberalismus.“</p>
<p>Und Boff vermerkt mit bitterer Ironie: „Hält diese Entwicklung an, verlieren die Armen ihr Privileg, ausgebeutet zu werden. Sie werden einfach ausgeschlossen, für nichts erklärt, und wie beispielsweise die brasilianischen Straßenkinder von Todesschwadronen wie lästige Hunde erschossen.“ In einem anderen Interview sagte der streitbare Theologe: „Ich glaube, dass Veränderung möglich ist, weil ich keinen Gott annehmen kann, der sich dieser Welt gegenüber indifferent verhält, sondern nur einen, der sich den Armen, den Leidenden zuwendet. Seine Gnade gibt Kraft zum Widerstand, Kraft zur Befreiung.“ Die Theologie müsse „offen sein für solche Herausforderungen, für den Schrei der Armen. Sonst bleibt eine Kluft zwischen der Welt des Glaubens und der konkreten politischen Wirklichkeit.“</p>
<p><strong>Wie steht es aber um das sozial engagierte Christentum in unseren Breiten</strong>, in den zunehmend von einer neuen Armut bedrohten „reichen“ Ländern des Westens? Hier bekamen die gegenüber dem Kapitalismus kritischen Kräfte Zuspruch von unerwarteter Seite. Heiner Geißler, der früher als konservativer Hardliner verschriene ehemalige Generalsekretär der CDU stellte in seinem Buch „Was würde Jesus heute sagen?“ die unkonventionelle Frage: „Dürfen Kapitalisten sich Christen nennen?“ Geisslers Antwort: „Wer den Börsenwert und den Aktienkurs eines Unternehmens verabsolutiert und nur noch die Kapitalinteressen ökonomisch gelten lässt, gehört zu den Menschen, die, wie Jesus sagt, viel Geld besitzen und für die es schwer sein wird, in das Reich Gottes zu kommen.“</p>
<p>Über die „Pharisäer“ in seiner eigenen Partei sagte der ehemalige Jesuitenschüler Geißler: „jeden Sonntag (…) feierlich in die Kirche zu gehen, als politischer Schausteller sozusagen (…), aber gleichzeitig tiefe Einschnitte ins soziale Netz, die Kürzung der Sozialhilfe zu verlangen, den Kündigungsschutz abzuschaffen, Lohndumping als Wettbewerbselement zuzulassen, statt einer Bürgerversicherung das Risiko von Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu privatisieren und auf den Kapitalmarkt zu verfrachten, ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern führt wie in den USA zu einer Spaltung der Gesellschaft und ist mit der Botschaft des Evangeliums nicht zu vereinbaren.“</p>
<p>Heiner Geißler gibt auch eine aufschlussreiche Deutung der berühmten Geschichte vom Zinsgroschen. Im Lukasevangelium wird Jesus von Pharisäern gefragt: „Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Die Frage war politisch brisant, weil die falsche Antwort Jesus als Gegner der römischen Besatzung geoutet hätte. Jesus’ Antwort ist bekannt: Sie wird normalerweise übersetzt mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“. Heiner Geißler weist nun darauf hin, dass im griechischen Urtext des Evangeliums das Wort „apodote“ für den Vorgang des Gebens verwendet wird. „Apodote“ heißt aber eigentlich „zurückgeben“, also: „Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist.“ Geißler deutet diesen Satz als Aufforderung an die Juden, sich von der Währungshoheit der Römer zu lösen und das Geld des Kaisers (inklusive dem damit verbundenen Machtanspruch) zurückzuweisen. Demnach wäre die Bibelstelle nicht, wie oft argumentiert wurde, eine Aufforderung an die Kirche, Geistliches und Weltliches sorgfältig zu trennen und sich mit den Mächtigen zu arrangieren.</p>
<p><strong>Ein beredtes Beispiel für den Geist der Befreiungstheologie</strong> in Deutschland ist ein Aufsatz des evangelischen Theologen Ulrich Duchrow, der in Carl Amerys äußerst lesenswertem Sammelband „Briefe an den Reichtum“ veröffentlicht wurde. Duchrow gestaltet seinen Beitrag als fiktiven Briefwechsel zwischen zwei erfundenen Figuren: dem Argentinischen Bischof Teofilo Lucano und dem deutschen Bischof Justus Zumkehr. Der Argentinier gibt zu Protokoll: „Es geht nicht etwa um Armut als solche. Vielmehr geht es um Reichtum, der arm macht. Es geht um Mechanismen der Bereicherung, die als naturnotwendig erklärt und somit vergötzt werden. Armut ist die Folge. Darum kann es die Kirche nicht vermeiden, in Konflikt mit diesem Reichtum zu geraten. Nur so kann sie mitwirken, die Ursachen der gegenwärtigen Misere anzupacken. Bekanntlich reicht es nicht, die unter die Räuber Gefallenen zu versorgen. Man muss sich um die Räuber kümmern und sogar um die Ursachen dafür, dass und warum es Räuber gibt.“</p>
<p>Teofilo Lucano (bzw. Ulrich Duchrow) präzisiert dann seine ökonomische Analyse. Die Ausbeutungsmechanismen hätten „mit der Einführung des Privateigentums zu tun – nicht im Sinn von Gebrauchseigentum, sondern von Eigentum, mit dessen Hilfe man nach Marktgesetzen Vermögensvermehrung betreiben kann. Der Zusammenhang von verabsolutiertem Verfügungseigentum – Zins – Geld – Verlust des verpfändeten Landes/Schuldsklaverei auf der einen und wachsender Großgrundbesitz mit Bewirtschaftung durch Sklavenarbeit auf der anderen Seite – ist also strukturell ein Mechanismus, der den Segenskreislauf umkehrt und damit zwingend in Gegensatz zu Jahweh gerät.“ Er zitiert dann die Bibel: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (natürlich bei Lukas, 16,13). Die Befreiung der Reichen vom Mammonismus sei psychologisch gesprochen „Suchttherapie.“</p>
<p>Der Text wird in der ökonomischen Theorie äußerst konkret und kritisiert die Kirchen für ihre Praxis, von Zinsen auf Geldanlagen zu profitieren: „Wenn hingegen die Zins- über der Wachstumsrate liegt, raubt der Geldvermögensbesitzer den anderen am Wirtschaftsprozess Beteiligten, also vor allem den Arbeitenden, den gerechten Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten. (…) Das Argument, die Kirchen bräuchten die Zinseinnahmen zu marktüblichen Bedingungen (…), ist gleichbedeutend mit der plausiblen Aussage, Räuber brachten ja auch etwas als Lebensunterhalt.“ Autor Duchrow setzt noch eins drauf: „Neutralität in einem asymmetrischen System bedeutet Parteinahme für die Seite der Macht und des Reichtums. Wenn die Kirche Kirche sein will, muss sie sich an die Seite Gottes stellen. Und Gott holt die Mächtigen vom Thron und hebt die Niedrigen aus dem Staub.“</p>
<p><strong>Ist der Vorwurf der Parteinahme für die Seite der Macht berechtigt? </strong>Wie es scheint, hat sich die ablehnende Haltung des Vatikans gegenüber sozialreformerischen und kapitalismuskritischen Bestrebungen innerhalb der Kirche seit den 80er-Jahren und dem Lehrverbot für Leonardo Boff nicht wesentlich verändert. Wer auf einen altersmilde gewordenen Benedikt XVI. gehofft hatte, sah sich schwer enttäuscht, als der „bayerische Papst“ erst im März 2007 gegen den Befreiungstheologen Jon Sobrino eine scharfe Lehrverurteilung aussprach. Der 68-jährige verbreite in einigen seiner Bücher „erhebliche Abweichungen von Glauben und Kirche“ und könne somit bei den Gläubigen „großen Schaden anrichten“. Er betone zu sehr die Solidarität mit Armen und Unterdrückten und zu wenig den Glauben und die Erlösung durch Jesus Christus. Außerdem unterstreiche Sobrino zu sehr den menschlichen Charakter Jesu und vernachlässige dessen Göttlichkeit. Mit einem Entzug der Lehrerlaubnis ist der Rüffel aus dem Vatikan vorerst nicht verbunden.<br />
Wird Jesus also weiterhin in Gold und Purpur gekleidet? Oder läuft er, wie die peruanischen Campesinos meinen, „im Poncho einher“, in der Tracht des einfachen Volkes? Findet man ihn im Bischofsornat oder eher in der zerrissenen Kutte Franz von Assisis oder in dem selbstgesponnenen Baumwollgewand Mahatma Gandhis? Wird die Theologie der Zukunft die göttliche oder die menschliche Natur Christi in den Vordergrund stellen? Und selbst wenn er göttlich war, entbindet dies die Kirchen von ihrer Pflicht zur Fürsorge für die Armen, die gegebenenfalls auch Frontstellung gegenüber ungerechten Bereicherungsmechanismen bedeutet? Sollte ein ferner transzendenter Gott weiter auf Kosten der Menschen und an ihnen vorbei verehrt werden? Oder bedeutet „Menschwerdung Gottes“ nicht gerade, dass der hohe ethische Grundsatz der Nächstenliebe gleichsam auf die Erde herabgestiegen ist, um hier in unserem praktischen Unfeld konkrete Wirklichkeit zu werden?</p>
<p>Der Konflikt zwischen dem sozialreformerischen Priester Marco Arana und seinem konservativen Bischof Lázaro im peruanischen Cajamarca schwelt indes noch immer, und sein Ausgang ist offen. „Meine Mitarbeiter und ich sind zum Abschuss freigegeben“, sagte Arana und fürchtet angesichts der Brutalität der Minenbetreiber und der mangelnden Solidarität der staatlichen und kirchlichen Machthaber um sein nacktes Leben. Der Würzburger katholische Theologieprofessor Elmar Klinger schrieb Bischof Lázaro denn auch einen gesalzenen Brief, in dem er ihn aufforderte, mehr Mut zu zeigen. „Seien Sie der Bischof der Kirche des Volkes Gottes in Cajamarca! Sie werden dadurch Nachteile erleben, aber sich Schätze im Himmel sammeln.“</p>
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		<title>Engagierte Spiritualität</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 12:48:49 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Politik (Ausland)]]></category>
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		<description><![CDATA[Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7490" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat-150x150.jpg" alt="" title="ThichNhat" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-7490" /></a><p class="wp-caption-text">Thich Nhat Hanh</p></div>Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: Ich wiederhole hier einen Artikel aus dem Jahr 2006, auch um Fragen zu beantworten, die in letzter Zeit von Lesern kamen: ob wir nun unter die esoterischen Wirrköpfe gegangen seien oder noch politische Kämpfer, wie es sich gehört. (Roland Rottenfußer)<br />
<span id="more-7489"></span></p>
<p>Politik und Spiritualität – geht das zusammen? In einer säkularisierten Gesellschaft verbinden viele mit spirituell inspirierter Politik eher Horrorvorstellung. Die jahrtausende alte unheilige Allianz von Thron und Altar kommt ins Blickfeld, Kirchensteuer und das Prinzip „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Man kann dabei auch an den betenden George Bush denken, an den islamischen „Gottesstaat“ der Ayatollahs oder eine „christlich-soziale“ Politik, die mit „christlich“ und „sozial“ ungefähr so viel zu tun hat, wie das Orwellsche „Wahrheitsministerium“ mit der Wahrheit.</p>
<p>Ich selbst habe mich, was spirituelle Politik betrifft, vor einigen Jahren eher als Spötter hervorgetan und in einer Satire das Zerrbild einer esoterischen Partei entworfen. „Sozialhilfe abschaffen, der Reichtum ist in dir“ lautete der Slogan dieser imaginären Partei. Auf den Sozialämtern wurden statt Geld Positiv-Denken-Ratgeber ausgegeben, die den „Weg vom Mangelbewusstsein zum Füllebewusstsein“ aufzeigen sollten. Außerdem war jene Partei von einem antidemokratischen Elitarismus beseelt: „Es kann keine Gleichheit der Rechte geben zwischen uralten Seelen und solchen, die noch im Stadium der Kindheit verharren“. Völlig aus der Luft gegriffen war meine Satire leider nicht. Sie war einer Realität abgelauscht, in der Extrem-Esoteriker sogar so weit gehen, Armut, Hunger und Holocaust als pränatal frei gewähltes (karmisches) Schicksal zu bezeichnen.</p>
<p><strong>Wer spirituell ist, muss politisch sein</strong></p>
<p>Über „rechte Esoterik“ gibt es eine Reihe von Veröffentlichung, z.B. von Roman Schweidlenka oder von der streitbaren Ex-Grünen Jutta Ditfurth („Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-) Faschismus und Biozentrismus“). Diese Aufklärungsarbeit hat, obwohl sie leider in vielen Fällen mit Polemik und eher schikanösen Argumentationsmustern arbeitet, durchaus ihrer Verdienste. Ein waches Bewusstsein gegenüber den Gefahren einer „rechten“, inhumanen oder autoritär-faschistoiden Esoterik ist immer geboten. Dennoch habe ich mich als Redakteur des spirituellen Monatsmagazins „connection“ fünf Jahre lang vehement dafür eingesetzt, dass es zu einer Zusammenarbeit der „feindlichen“ Brüder Spiritualität und Politik kommen möge. „Wer spirituell ist, muss meines Erachtens politisch sein“, schrieb ich 2003. Und umgekehrt: „Allzu lang haben wir die Politik Menschen ohne spirituelles und ethisches Fundament überlassen  – und dementsprechend sieht unsere Welt heute aus.“</p>
<p>Wie komme ich zu solchen Aussagen? Mit großem Interesse habe ich erst unlängst eine Textpassage des Dalai Lama gelesen, in der dieser ähnlich argumentiert: „Es gibt eine philosophische Meinung, die Moralisten davor warnt, sich in Politik einzumischen, weil diese der ethischen und moralischen Grundsätze entbehre. Diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge, denn eine Politik ohne ethische Grundsätze dient nicht dem Wohl und Nutzen des Menschen.“ Und weiter: „Man hört des öfteren von spirituellen Menschen, dass sie die Vermischung von Politik und Religion mit Sorge erfüllt, da sie eine Verzerrung der Ethik durch Politik und dadurch eine Verunreinigung der Religion befürchten. Solche Überlegungen sind nicht nur selbstsüchtig, sondern auch in sich widersprüchlich. Alle Religionen sind ja dazu da, dem Menschen zu dienen und zu helfen, und mit jeder Abgrenzung von Religion gegen Politik gibt man ein machtvolles Instrument preis, das im Sinne des sozialen Wohlergehens der Menschen wirken soll.“<br />
<strong><br />
Hat der Weg ein Herz?</strong></p>
<p>Der Dalai Lama oder auch Mahatma Gandhi können durchaus als ermutigende Beispiele für eine Verbindung politischen Einflusses mit spiritueller Tiefe gelten. Auch das soziale Engagement von Persönlichkeiten wie Franz von Assisi oder der zeitgenössischen „Kuschelmeisterin“ Amma (Mata Amritanandamayi), die für unzählige karitative Hilfsprojekte in aller Welt verantwortlich zeichnet, kann kaum geleugnet werden. Dass es ebenso viele – wenn nicht mehr – Gegenbeispiele für misslungene „polit-spirituelle“ Experimente gibt, will ich nicht bestreiten. Die Frage ist nur welche Schlüsse wir daraus ziehen und welche Tendenz wir künftig fördern wollen: eher die strikte Trennung der beiden Welten oder den Versuch einer Annäherung, eines wachsenden gegenseitigen Verständnisses.</p>
<p>Zunächst müssen wir sauber trennen zwischen Religion (dem institutionalisierten, durch Schriften, Priester und Organisationen vermittelten Gottesbezug) und Spiritualität, einer Form von Geistigkeit, die ihren Sitz im Inneren des einzelnen Menschen selbst hat. Religion begrenzt uns, weil sie versucht, uns in ein – vermeintlich gottgegebenes und somit unantastbares – Ordnungssystem einzubinden. Spiritualität dagegen befreit, weil sie uns mit unserem innersten Selbst in Kontakt bringt, das uns in dem Maße, wie wir es erschließen, von allen weltlichen Bindungen unabhängig macht. Wir müssen ebenso zwischen Esoterik (Geheimwissen, beschränkt auf einen „inneren Kreis“) und Exoterik (nach außen hin praktizierte Religion) unterscheiden. Und schließlich müssen wir uns fragen: Wer praktiziert einen bestimmten spirituellen Weg und wie geschieht dies? Wird ein Schritt in Richtung Befreiung gegangen oder in Richtung „selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Immanuel Kant), fördert Spiritualität einen mitfühlenden und unterstützenden Umgang mit anderen Wesen oder verhärtet sie uns, führt uns zu einem vielleicht lediglich egozentrischen Erleuchtungsstreben? Mit einem Wort des spirituellen Kultautors Carlos Castaneda könnte man all diese Fragen so zusammenfassen: Hat der Weg ein Herz?<br />
<strong><br />
Hitlers vernünftelnde Erben</strong></p>
<p>Diese Frage für die Gesamtheit spiritueller Wege und Bekenntnisse pauschal mit „Ja“ oder auch mit „Nein“ zu beantworten wäre Unsinn. Autorinnen und Autoren wie Jutta Ditfurth haben sich auf Auswüchse „rechter“ Esoterik eingeschossen und damit sicherlich eine beachtenswerte Teilwahrheit, aber eben nur eine Teil-Wahrheit erfasst. Gerade auf Seiten der Linken hängt dieser anti-spirituelle Reflex vielleicht mit einem Phänomen zusammen, das Wolfgang Schmidt-Reinecke das neudeutsche Irrationalitätstrauma nennt. Schmidt-Reinecke argumentiert, die Nazis hätten „für Generationen das spirituelle Klima in Deutschland vergiftet“. „Die innerhalb einer tiefen Seelenschicht vorgenommene Verwechslung der nationalsozialistischen Ideologie mit spirituellen Idealen führte mit dem Untergang dieser Ideologie bei einer Mehrheit der Deutschen zwangsläufig auch zur Verdrängung spiritueller Orientierungen.“ Vereinfacht gesprochen besagt diese Theorie folgendes: Weil sich die Nazis in missbräuchlicher Weise okkulter spiritueller Gedanken und Symbole bedient haben, suchen wir unser Heil seither nur noch in staubtrockener wissenschaftlicher Rationalität. Weil seit 1945 alles Pathetische, Irrationale und Mystische „pfui“ ist, haben wir gleichsam einen Teil unserer Seele amputiert und uns auf eine korrekte, aber im Grunde verarmte Existenzform reduziert: als Hitlers vernünftelnde Erben.</p>
<p>Auch dies ist vermutlich nur eine Teilwahrheit, denn die Furcht vor den der eigenen Seele innewohnenden Untiefen – vor dem eigenen „Schatten“ ebenso wie vor einem möglicherweise das Vorstellungsvermögen übersteigenden „Licht“ – ist sicher älter als das Faschismustrauma. Treffend beschreibt der Journalist Geseko von Lüpke in der Zeitschrift „connection“ das Unbehagen der politisch Aktiven, speziell der „linken“ Szene, gegenüber allem Spirituellen: „Das Misstrauen der Politik gegenüber der Religion ist uralt und hat gute Gründe. Historisch war der religiöse Weg zuerst immer ein Weg des Rückzugs aus der Welt, der Suche nach innen, des individuellen Friedens und der letztlich unpolitischen Zufriedenheit im Alleinen. Deshalb war Religion für Lenin ‚Opium fürs Volk’. Sie machte passiv, züchtete gut zu regierende, anpassungsfähige Streber nach dem Paradies, nicht aber stolze, konsequente, kreative und unbeugsame Aktivisten für den Kampf um soziale Gerechtigkeit. (…) Das Religiöse wurde damit zum Werkzeug der Macht, zum Ausdruck des Unpolitischen selbst. Aufklärung, die Freiheit der Gedanken, politische Bewusstheit, Demokratie und Sozialismus mussten sich mühsam durch einen Brei religiöser Entmündigung und gläubig-schicksalsgläubiger Apathie kämpfen, der wie Klebstoff das eigenständige Denken verhinderte.“</p>
<p>Von Lüpke beschreibt ausführlich die tatsächlich „rechtslastigen“ Phänomene innerhalb der spirituellen Szene wie etwa „fremdenfeindliche ‚Öko’-Konzepte, reaktionäre Heimatverbundenheit, nationalistisch verbrämtes ‚Stammesbewusstsein’, autoritäre, ‚germanische’ Erdrituale und der Ruf nach einer ökologischen Bewusstseinsreform hin zum ‚Reinen, Schönen und Wahren“ Er wendet sich aber auch gegen Vorurteile innerhalb der „linken“ und der Ökoszene, die alle Ansätze von Spiritualität (wie es sie in der Hippie- und der beginnenden Grünen-Bewegung durchaus gab) als „abtrünnig, weltfremd und versponnen“ abkanzeln. Geseko von Lüpke schließt seinen Aufsatz: „Spiritualität kann Politik befruchten, und Politik kann zur spirituellen Praxis werden. Die alten Trennungen sind aufgehoben, die Grabenkämpfe können eingestellt werden. In Zukunft wird es darum gehen, den spirituell Suchenden dabei zu helfen, die inneren Reformen ins Außen zu tragen und die Aktivisten dabei zu unterstützen, die Reform der Welt im Innen zu verankern.“</p>
<p><strong>Mystik – nichts für „Diesseits-Drückeberger“</strong></p>
<p>Ist er da nicht allzu optimistisch? Ich möchte zeigen, dass Spiritualität, wie ich sie verstehe, ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch ist – also „links“, wenn man es etwas vereinfacht ausdrücken will. Eine solche Spiritualität macht Lust und ist mit jeder Art sozialen, ökologischen und politischen Engagements mehr als nur vereinbar, sie legt dieses Engagement sogar nahe. Spiritualität, wie ich sie hier verstehe, kann beinahe synonym mit einem anderen Begriff verwendet werden: Mystik.<br />
Auch mit „Mystik“ wird oft das Bild vom Studierzimmer-Eremiten oder vom meditierenden Weltflüchtling und Diesseits-Drückeberger verbunden. Dieses Bild kommt nicht von ungefähr, und möglicherweise hat die (missverstandene) Geschichte des Buddha ihren Anteil daran. Der junge Buddha verließ den Palast, in dem er aufgewachsen war und sah das Elend der Welt. Er suchte einen Weg zur Befreiung vom Leiden – und war tat er? Er setzte sich unter einen Baum und meditierte. Während Jesus viele Kranke, die ihm begegneten, heilte, wandte sich der Buddha zunächst vom Anblick des Leidens ab und ging nach innen. </p>
<p>Es besteht kein Zweifel, dass Buddha der Menschheit einen großen Schatz an spiritueller Weisheit hinterlassen hat. Das Problem ist jedoch, dass sein Vorbild weitreichende Auswirkungen hatte auf unser Bild davon, was einen spirituellen Menschen ausmacht. Derselbe Buddha war es, der seine Jünger ermutigte, ihre Familien zu verlassen, um sich ganz dem eigenen Erleuchtungsweg zu weihen. Erleuchtungs-Egoismus? Jedenfalls taucht ein sehr nahe liegender Einwand auf: Wenn wir alle eins sind, wie viele Weisheitslehrer behaupten, warum dann nur nach innen gehen? Warum nicht auch für eine Familie sorgen, einen Baum pflanzen, Gemeinschaften gründen und die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen verbessern helfen?</p>
<p>Natürlich ist die Lehre des Buddha geduldig und vieldeutig wie die Jesu. Auch Jesus forderte seine Jünger, z.B. Petrus, auf, ihre Berufe und Familien liegen und stehen zu lassen und ihm zu folgen. Er argumentierte aber auch, man solle sich zuerst mit seinem Nächsten versöhnen, bevor man seinem Gott im Gebet begegne. Es kommt darauf an, was wir in den Schriften lesen und was wir aus ihnen machen wollen. Ein weiser und glaubwürdiger Wanderer zwischen den (spirituellen) Welten ist der Benediktiner-Pater und Zen-Eingeweihte Willigis Jäger, dem nach Meinungsverschiedenheiten mit der katholischen Mutterkirche das Recht entzogen wurde, Sakramente zu spenden und öffentlich zu lehren. Jäger meint, dass dem Zen, so wie es heute gelehrt wird, ein sozialer Akzent fehle. „Wir haben meiner Meinung nach vergessen zu sagen: du hast eine soziale Verantwortung. Du hast nicht nur die Aufgabe, die Menschen in die Erlösung, in eine tiefere Einsicht zu führen, du hast auch die Aufgabe dich auf dem sozialen, dem gesellschaftspolitischen Gebiet zu engagieren. Das ist die Erkenntnis, die wir als Westler auch dem Zen – den östlichen Wegen ganz allgemein – hinzufügen können und sollen.“</p>
<p><strong>Unser größeres Selbst</strong></p>
<p>Willigis Jäger sagt, dass jedes Teil und auch jedes Einzelwesen seinen Sinn durch die Verbindung zum Ganzen erhält: „Erkennen und erfahren, dass wir eins sind –daraus kommt eigentlich alle Ethik. Die Ethik kommt nicht aus ‚du sollt, du musst oder du darfst nicht’. Sie kommt aus dieser Erfahrung der Einheit heraus. Wenn ich die Not des Anderen als meine Not erfahre, dann tue ich gleichsam etwas für mich, wenn ich dem Anderen helfe.“ Mystik, so könnte man schlussfolgern, ist ihrem Wesen nach sozial; religiöse Institutionen sind es nicht unbedingt, weil sie häufig auch mit einer Rhetorik der Ausgrenzung gegenüber den „Nicht-Dazugehörigen“ oder „Nicht-Linientreuen“ arbeiten. Da Mystik der innere, dem unmittelbaren Erleben entspringende Kern aller Religionen ist, soll hier auch kein bestimmtes religiöses Bekenntnis auf Kosten eines anderen hervorgehoben werden. Soziale und nicht-soziale Strömungen können sich vielmehr vor jedem kulturellen und religiösen Hintergrund entfalten.</p>
<p>Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat beispielsweise eine moderne Spielart des engagierten Buddhismus entwickelt, die mit Weltabgewandtheit nichts zu tun hat. Seine Argumente lehnen sich eng an die Schriften des Religionsgründers und dessen Lehre vom „Nicht-Selbst“ an. Was der Mensch sein „Selbst“ nennt, ist nach Buddha durchdrungen von Elementen des „Nicht-Selbst“ – etwa Wasser, Luft, pflanzliche und mineralische Strukturen sowie Bewusstseinsströmungen, die nicht seiner (eigentlich nur illusionären) Persönlichkeit angehören. Thich Nhat Hanh nennt diese Erkenntnis „die Lehre des gegenseitigen Sich-Durchdringens, des Zusammenseins (interbeing). Man kann nicht einfach nur sein, man muss mit sein, von allem durchdrungen“. Von Thich Nhat Hanh stammt auch der schöne Satz: „Wir müssen beginnen, die Erde in uns weinen zu hören.“ Er entwirft ein ganz anderes Bild von einem religiösen Menschen: „Wenn die Erde dein Körper wäre, könntest du viele Bereiche wahrnehmen, an denen sie leidet. Viele Menschen sind sich des Leidens der Welt bewusst, und ihre Herzen sind voller Mitgefühl. Sie wissen, was getan werden muss. Sie setzen sich auch politischer, sozialer und ökologischer Ebene ein, um die Zustände zu verändern.“</p>
<p><strong>Soziale Mystik</strong></p>
<p>Den Begriff der „sozialen Mystik“ benutzt ganz explizit auch die US-Amerikanerin Joanna Macy, bekannt als die große alte Dame der Tiefenökologie. Joanna Macy spricht vom Modell eines „Ökologischen Selbst“, wodurch das herkömmliche Bild vom „hautverkapselten Ego“ aus den Angeln gehoben werde. Dadurch werde auch der Begriff des „Eigennutzes“ um eine entscheidende Dimension erweitert. Man kann nicht einen Baum fällen, ein Tier quälen oder einen Moorsee verseuchen, ohne dadurch zugleich seinem erweiterten Selbst zu schaden, seinen eigenen erweiterten „Körper“ zu verletzen. Die Empfindung, dass die Erde unser Körper ist, entspricht der hinduistischen Erkenntnis „Tat tvam asi“ (Wörtlich: „das bist Du“, Leitsatz der Upanishaden, heiliger Schriften der Hindus). Was immer du vor dir siehst, meint dieser Satz, ist nicht von dir getrennt, du bist es selbst.</p>
<p>Was spirituell inspirierte Politik bedeuten könnte, ist – in allgemeinen Worten gesagt – ziemlich einfach. Sie würde in allen ideologischen und konkreten Fragen die geistig-spirituelle Innenseite der Dinge berücksichtigen, sozusagen ihre Seele. Tiefenökologie z.B. unterscheidet sich vom herkömmlichen Umweltschutz dadurch, dass sie in der Natur einen göttlichen Geist erkennt. Die Natur besitzt somit eine Würde jenseits ihres Nutzwertes und ist mehr als nur eine hübsche Kulisse für menschliches Handeln. Vor allem ist sie nichts, was vom Menschen grundsätzlich verschieden wäre. Was schützt denn der Umweltschützer? Sich selbst, denn er ist die Natur, und beide – die Natur wie der Mensch – sind Teile des göttlichen Ganzen.<br />
<strong><br />
Tiefenökologie, Tiefenpolitik?</strong></p>
<p>Natürlich könnte man an dieser Stelle auch das Wort „göttlich“ weglassen. Es genügt die Erkenntnis, dass alle Phänomene, alle Lebewesen im Universum untereinander zu einem allumspannenden Netz verwoben sind. Wozu braucht es da Gott? Das ist eine weit reichende Frage, mit deren Beantwortung man Bücher füllen könnte. Gewiss kommt man ohne den Begriff eines persönlichen Gottes aus – eine solche Begriffswahl ist Glaubenssache –, kaum aber ohne ein Prinzip wie „Geist“ oder „Bewusstsein“. Wer den Geist leugnet, gleicht jenem außerirdischen Wissenschaftler, der eine CD mit Werkzeugen zerhackt und dann beklagt, er habe nirgendwo Musik gefunden. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber nennt philosophische Richtungen, die ein Netz bzw. System des Lebens postulieren, ohne eine entsprechende geistige Tiefendimension hinzuzufügen, „Flachland“. Und „flach“ ist gewiss nicht nur die politische Landschaft in Wilbers Heimat, den USA.</p>
<p>Tiefenökologie ist Ökologie aus einem mystischen Weltbild und mystischen Erleben heraus. In ähnlicher Weise kann es auch Tiefenpolitik – z.B. Tiefenaußenpolitik und Tiefensozialpolitik – geben. Von einem mystischen Standpunkt aus gesehen, kann ich nicht Krieg gegen ein anderes Land führen, weil der Andere, den ich angreife und töte, nicht von mir getrennt ist. Tat tvam asi, das bin ich selbst. Analog dazu werde ich keinen meiner Mitmenschen ausbeuten wollen, denn als Ausbeuter bin ich mit dem Ausgebeuteten energetisch verbunden. Man sieht also, dass ernst gemeinte Spiritualität oder Mystik enorme politische Konsequenzen hätte. Der Teufel steckt mit Sicherheit auch hier im Detail, aber ich habe nicht den Eindruck, dass mit mystisch inspirierter Politik bereits in so großem Stil experimentiert wurde, dass man schon jetzt von ihrem Scheitern sprechen könnte.</p>
<p><strong>Wozu überhaupt Spiritualität?</strong></p>
<p>Spiritualität ist nicht „automatisch“ links, auch nicht notwendigerweise solidarisch, befreiend, bewusstseinserweiternd. Man hat mit dem „mystischen“ Argument, der Einzelne finde seine Bestimmung hauptsächlich im Kontext eines größeren Ganzen, auch schon militärische Formalausbildung und Marschkolonnen gerechtfertigt. Es macht aber keinen Sinn, das „Kind“ der Spiritualität mit dem „Bade“ gewisser rechts-esoterischer Extrempositionen auszuschütten. Wozu überhaupt Spiritualität? lautet die Kernfrage. Genügt nicht ein allgemeines Gespür für Humanität und für das, was „anständig“ wäre im Kontext des politischen Handelns? Für viele Menschen sicher. Ich kann hier nur erklären, warum ich Spiritualität für mich selbst nicht missen möchte.</p>
<p>Spiritualität zeigt uns, dass wir nicht bloß ein Stück Treibholz auf dem See sind, sondern der See selbst – bis hinunter in seine unergründeten Tiefen. Spiritualität zeigt uns (uns zwar durch direktes Erleben, nicht nur durch theoretische Belehrung), dass wir mit einem potenziell unendlich großen Bewusstseinsraum verbunden sind, der zur Erschließung ansteht. Spiritualität überschreitet und durchbricht Grenzen: solche der politischen und gesellschaftlichen Systeme wie auch solche des Denkens und Erlebens. Es ist die Sehnsucht des Wassertropfens nach dem Meer. Es ist die Sehnsucht des in die Körperlichkeit und in die Begrenzungen des gesellschaftlichen Massenbewusstseins Verbannten nach dem „Mehr“. Dieselbe Sehnsucht kann uns in Meditations-Retreats führen, in denen es hoch diszipliniert zugeht – oder zur ausschweifenden Entgrenzung, zu Sex, Drugs und Rock n’Roll.</p>
<p><strong>Jenseits der Sachzwänge</strong></p>
<p>Spiritualität löst uns aus unseren Verpflichtungen zur Konformität heraus und führt uns in den innersten Raum intimer Zwiesprache mit dem „Selbst“. Wer dort angekommen ist und sein Verbundenheit mit Allem erfahren hat, wird der Welt vielleicht gar nicht mehr entfliehen wollen, sondern den Wunsch verspüren, sich liebend, leidend, mitfühlend und helfend in sie hinein zu verströmen. Ein solcher Mensch wäre wahrscheinlich ein sehr guter „Politiker“, denn er wäre nicht mehr so leicht manipulierbar, blendbar, erpressbar. Er hätte ja das Eigentliche gefunden, an dem gemessen jedes Surrogat blass erscheint, mag es nun um Macht oder Mandate gehen, um Privatjet, Pressepräsenz oder Politbarometer – oder um das zufriedene Zunicken von Börsianern und Konzernchefs, die ihm bescheinigen, wie brav er wieder mal Wachstum, Profit und Ordnung hoch gehalten hat. Wer dem „Herrn“ lieber dient als dem „Mammon“ und Gott mehr gehorcht als den Menschen, wer diesen „Herrn“ überdies als einen inneren Gott begreift, der als leise, aber vernehmliche Stimme in unserem Herzen zu uns spricht, der könnte sich als ein höchst unbequemer, anarchischer, jenseits vordergründiger Sachzwänge freier Zeitgenosse erweisen. Die alte Ordnung müsste sich in Acht nehmen vor solchen „Polit-Spirituellen“, sie hätten mit den domestizierten Kirchenschäflein, die Paulus zufolge „der Obrigkeit untertan“ sein müssen, nicht mehr viel gemein.</p>
<p>Lohnt sich da für politisch Aktive, die mit der Spiritualität bisher nichts am Hut hatten, nicht ein zweiter Blick? Man „muss“ als Linker natürlich nicht spirituell sein, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn eine anti-spirituelle Haltung nicht mehr automatisch als zur mentalen Grundausstattung der „modern“ und „sozial“ Denkenden gehörig betrachtet würde. Ich halte mich da an Joanna Macy. Nach ihrer Meinung ist es von enormer Bedeutung, „die herkömmlichen Paradigmen loszulassen, wonach die Welt entweder ein Schlachtfeld mit den Siegen einzelner ist oder eine Falle, der wir mit der ersehnten Erleuchtung entfliehen sollten.“</p>
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		<title>«Ich liebe einen Muslim»</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 07:44:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine evangelische Vikarin einen Mann heiratet, der kein Christ ist? In Württemberg wird sie entlassen. Carmen Häcker ist das passiert. In Berlin kann sie ihre Ausbildung jetzt überraschend fortsetzen. (Quelle: Publik Forum) http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/ich-liebe-einen-muslim-online]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was passiert, wenn eine evangelische Vikarin einen Mann heiratet, der kein Christ ist? In Württemberg wird sie entlassen. Carmen Häcker ist das passiert. In Berlin kann sie ihre Ausbildung jetzt überraschend fortsetzen. (Quelle: Publik Forum)<br />
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		<title>Babaji und der Mythos Unsterblichkeit</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 07:27:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[„Babaji wurde von Gott auserwählt, um für die Dauer dieses speziellen Weltenzyklus in seinem Körper zu verbleiben. Zeitalter werden kommen und gehen – doch der unsterbliche Meister (…) wird gegenwärtig sein auf dieser irdischen Bühne“. Babaji, der „Yogi-Christus“ vom Himalaya, wurde durch Paramahansa Yogananda und seine „Autobiografie eines Yogi“ weltbekannt. Doch ist er nur eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Babaji.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/Babaji.jpg" alt="" title="Babaji" width="234" height="300" class="alignleft size-full wp-image-7393" /></a>„Babaji wurde von Gott auserwählt, um für die Dauer dieses speziellen Weltenzyklus in seinem Körper zu verbleiben. Zeitalter werden kommen und gehen – doch der unsterbliche Meister (…) wird gegenwärtig sein auf dieser irdischen Bühne“. Babaji, der „Yogi-Christus“ vom Himalaya, wurde durch Paramahansa Yogananda und seine „Autobiografie eines Yogi“ weltbekannt. Doch ist er nur eine literarische Kunstfigur, oder solle wir den zahllosen Zeugen glauben, die ihm begegnet sein wollen? Die Spurensuche führt zu exotischen Plätzen und skurrilen Menschen – aber auch ins eigene Herz. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7391"></span></p>
<p>„Babaji, hast du ein Lied für mich, um der Welt von ihrem Schutzengel zu erzählen?“ Meine erste Begegnung mit Babaji verdanke ich keinem esoterischen Buch, sondern dem Popsänger Roger Hodgson, der das Lied 1977 für „Supertramp“ schrieb. Ich hatte im Alter von 15 keine Ahnung, wovon das Lied handelte, aber es lief bei mir rauf und runter. Es dauerte 25 Jahre, bis ich in der Lage war, meinen Lieblingssong aus den 70ern zu verstehen. Auf dem Hausaltar meiner neuen Freundin sah ich das Bild eines jungen, androgyn wirkenden Mannes mit langem dunklen Haarem, weich gezeichnet, mit entspannten Gesichtszügen. „Das ist Babaji“, erklärte die Freundin, ein spiritueller Meister, den sie sehr verehrte. Wenn ich näheres wissen wollte, sollte ich die „Autobiografie eines Yogi“ von Yogananda lesen. </p>
<p>„Oh, what is it that makes me believe in you?“, sang Hodgson mit Inbrunst. In der Tat muss man diese Frage stellen: Warum glaubten und glauben Millionen von Menschen in aller Welt an Babaji? Als Antwort muss man zunächst auf Yogananda verweisen, dessen Buch 1947 erschienen war und bis heute zu den unsterblichen spirituellen Klassikern gehört. Damals sprach noch niemand von einer „Esoterik-Welle“. Millionen von Menschen haben seither von den rätselhaften Fähigkeiten der indischen Yogis erfahren, von strengen Meistern und hingebungsvollen Schülern, vom Konzept der „Erleuchtung“ – und vor allem von Babaji. </p>
<p><strong>Avatar – Aufbruch zum Himalaja</strong></p>
<p>Ich las und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein unsterblicher Yogi sollte dieser Babaji sein. Er lebt seit vielen Jahrhunderten im Himalaja im Körper eines 16-jährigen und verströmt gleich einer Sendestation unablässig seinen immateriellen Segen in die Welt. Sein Titel ist der eines „Mahavatars“ (großen Avatars). Assoziationen an einen bekannten Film sind nicht ganz falsch. Ein Avatar ist ein göttliches Wesen, das, obwohl dem Kreislauf der Inkarnationen entronnen, freiwillig in einen Menschenkörper eintaucht, um der Erde bei ihrer spirituellen Entwicklung beizustehen. Babaji vermag Gedanken in die Köpfe auserwählter Menschen zu pflanzen und so die Weltgeschichte zu beeinflussen. Er kann mit Gedankengeschwindigkeit reisen und sich materialisieren oder entmaterialisieren wie es ihm gefällt. „Dann sahen wir ein plötzliches Aufleuchten und erlebten die augenblickliche Entstofflichung seines Körpers, dessen Elementarteilchen sich in einem nebelhaften Licht auflösten.“</p>
<p>Laut Yogananda steht der Mahavatar auf einer Stufe mit Christus, mit dem er in „ständiger Verbindung“ steht. Im Gegensatz zu diesem ist sein Wirken aber nicht auf eine kurze historische Epoche beschränkt. Babaji arbeitet über einen längeren Zeitraum, jedoch verborgen, im Hintergrund. „Solche Meister entziehen sich stets den neugierigen Blicken der Menge und haben die Macht, sich jederzeit unsichtbar zu machen.“  (Yogananda) Babajis Sangha (spirituelle Gemeinschaft) im Himalaya, ist durch einen magischen Bann vor den Blicken neugieriger Wanderer abgeschirmt. Babaji kann nur von demjenigen gesehen werden, den er selbst dazu auserwählt hat. </p>
<p><strong>Lahiri Mahasayas Vision</strong></p>
<p>So geschah es dem Postbeamten und Familienvater Lahiri Mahasaya. Babaji weihte ihn unter wahrhaft fantastischen Umständen in die Technik des Kriya-Yoga ein – mit dem Auftrag, diese überall in der Welt zu verbreiten. So materialisierte Babaji für die Einweihungszeremonie einen prachtvollen Palast im Himalaja, der am nächsten Morgen wieder verschwunden war. Der Kriya-Yoga, soll Babaji zu Lahiri Mahasaya gesagt haben, „ist eine Wiederbelebung derselben Wissenschaft, die Krishna vor mehreren Jahrtausenden Arjuna vermittelte und die später auch Patanjali und Christus sowie Johannes, Paulus und anderen Jüngern bekannt wurde.“ Im Kern handelt es sich um eine Atemtechnik (Pranayama), nicht schwer zu erlernen, aber auch nicht so leicht, dass man selbst darauf kommen kann. Yogananda nennt den Kriya-Yoga „Ein Werkzeug, durch das die menschliche Evolution beschleunigt werden kann.“ Es stellt quasi die Überholspur zur Erleuchtung dar. </p>
<p>Auch dem wichtigsten Schüler Lahiris erschien der rätselhafte Babaji: Sri Yukteswar. Ihm prophezeite der Unsterbliche, dass er bald einem jungen Mann begegnen würde, der dazu ausersehen sei, den Kriya-Yoga im Westen zu verbreiten. Es war Paramahansa Yogananda selbst, der in den 20er-Jahren nach Los Angeles zog und die bis heute bestehende Organisation „Self-Realization Fellowship“ gründete. Mit unzähligen Vorträgen und Kursen sowie seinem Bestseller „Autobiografie eines Yogi“ brachte er dem Westen aber nicht nur den Kriya-Yoga; er trug entscheidend zur Popularität des Yoga und der Spiritualität überhaupt bei. Im Zuge des Yogananda-Booms wurde Babaji zu einer Art Pop-Ikone der Hippie-Ära. Sein Konterfei zierte u.a. das berühmte Cover des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“.<br />
<strong><br />
Märchenfigur oder reale Person?</strong></p>
<p>Babaji als eine Art Märchenfigur zur verehren, mag ja noch angehen. Nicht wenige Menschen betrachten ihn aber als real. Zahlreiche Zeugen, auch abseits der Meisterlinie von Lahiri-Mahasaya, behaupten, mit dem Mahavatar kommuniziert, ihn gesehen oder seine Präsenz gespürt zu haben. So die beiden indischen Yogameister S.A.A. Ramaiah und V.T. Neelakantan, die Theosophin Annie Besant und Leonard Orr, Begründer der Atemtherapie „Rebirthing“. Schon im15. Jahrhundert soll Babaji den berühmen Dichter und Mystiker Kabir in den Kriya-Yoga eingeweiht haben. Kann es soviel Rauch geben ohne eine Feuer, das ihn verursacht hat? Anders gefragt: Existiert Babaji? Eine touristische Expedition in den Himalaja scheint da wenig aussichtsreich. Der US-amerikanische Yogananda-Schüler Roy Eugene Davis, den ich vor Jahren selbst kennen lernen durfte, sagte dazu: „Yogananda, Yukteswar und Lahiri forderten alle ihre Schüler auf, nicht im Himalaya nach Babaji zu suchen, sondern ihn durch tiefe Meditation und Kontemplation in ihrem Inneren zu finden.“</p>
<p>Yogananda ist (bis auf eine persönliche Begegnung mit Babaji, die er erzählt) keine Primärquelle. Er gibt überwiegend die Berichte Dritter wider. Tatsache ist, dass die „Autobiografie“ eine Art Babaji-Evangelium voll eindrucksvoller Worte und Szenen enthält. Auch von Jesus wissen wir schließlich nicht, ob er alles „wirklich genau so“ gesagt hat. Auf dem spirituellen Fest Kumbha-Mela begegnet Lahiri Mahasaya einem Sadhu (Asketen) mit einer Bettelschale, den er verächtlich der Heuchelei bezichtigt. Wenige Momente später sieht er Babaji vor dem Sadhu knien und ihm lächelnd die Füße waschen. Lahiri: „Da wusste ich, was er mir zu verstehen geben wollte: ich sollte niemanden kritisieren, sondern Gott im Tempel eines jeden Körpers sehen, ganz gleich, ob es sich um höher- oder tieferstehende Menschen handelt.“</p>
<p><strong>Gibt es Unsterblichkeit?</strong></p>
<p>Die Gretchenfrage im Umgang mit Babaji lautet sicher: „Wie hältst du’s mit der Unsterblichkeit?“ Können wir den teilweise fantastischen Berichten glauben? Carter Phipps schreibt in der Zeitschrift „Was ist Erleuchtung?“: „Manch einer sagte, Babajis Erleuchtung überträfe selbst die des Buddha, sie wäre eine vollkommene Transformation des Bewusstseins, deren machtvolle Kraft radikale Veränderungen bis in die Zellen des physischen Körpers hinein bewirken würde.“ Ist die Wirklichkeit vielleicht nicht so fest gefügt, wie wir glauben? Ist sie vielmehr gummiartig verformbar durch den Geist, wenn dieser mittels geheimer Techniken trainiert wurde? Einem Schüler Babajis legt Yoganda folgende poetische Erklärung in den Mund: „Der ganze Kosmos ist ein vom Schöpfer projizierter Gedanke. Und so ist auch der im Raum schwebende, schwere Erdkörper nichts als ein Traum Gottes, der alle Dinge aus Seinem Geist erschaffen hat, ähnlich wie der Mensch im Traum alle Lebewesen der Schöpfung nachbildet und lebendig werden lassen kann.“</p>
<p>Weiteren Aufschluss über Babaji und die von ihm angewandten „Techniken“ erhalten wir aus dem Buch „Babaji., Kriya Yoga und die 18 Siddhas“ von Marshall Govindan. Der Autor gibt an, Babaji selbst einmal im Himalaya begegnet zu sein, jedoch nicht in grobstofflicher Form. „Er erschien auf der Vitalebene (…), es war eher wie eine Parallelrealität.“ Govindan liefert auch, was uns Yogananda hartnäckig verweigerte: eine Biografie des Erdenlebens Babajis, beginnend mit seiner Kindheit. Demnach wurde Babaji 203 in einem kleinen Dorf in Tamil Nadu, Indien, geboren. Das Kind wurde von seinen Eltern Nagaraj (König der Schlangen) genannt, was auf seine spätere Beherrschung der Kundalini-Energie hinweist. Nagaraj wuchs in einer Brahmanen-Familie im Schutz eines großen Shiva-Tempels auf. Mit fünf Jahren wurde der Knabe von einem Menschhändler entführt. Dieses Verbrechen erwies sich als Segen, denn er gelangte an einen reichen Mann, der ihn bald freigab und schloss sich einer Gruppe wandernder Saddhus an. </p>
<p><strong>Liebeserklärung an das Leben</strong></p>
<p>Der spätere Babaji (wörtlich „verehrter Vater“) wurde ein Gelehrter der heiligen Schriften. Bald schon verstand er aber, dass die Wahrheit nicht in den Worten lag. Er wurde Schüler eines großen Siddha namens Agastyar. Die Siddhas der südindischen (tamilischen) Tradition verstanden, „dass ihre Fähigkeit, das Göttliche zu erleben und zu manifestieren, nicht auf die spirituelle Ebene der Existenz begrenzt war.“ Es könne vielmehr „in die niedrigeren Ebenen der Existenz herabsteigen“, einschließlich des physischen Körpers. Vereinfacht gesagt, hatte Agastyar Übungstechniken entwickelt, die es erlaubten, den Körper ganz mit Göttlichkeit zu durchdringen. In Badrinath, einem Heiligtum nahe der indisch-tibetischen Grenze, trat Nagaraj nach 18 Monaten strenger yogischer Disziplin in den „Soruba Samadhi“ ein. Das bedeutet: die Gottheit steigt in den Körper herab und transformiert ihn zu reinem Licht. Er ist nun unzerstörbar, unsterblich.</p>
<p>Laut Marshall Govindan hat die die südindische Siddha-Tradition ihren Ursprung im versunkenen Kontinent Kumari Kandam (oder Lemuria), dessen höchste Erhebung heute Sri Lanka ist. Dort entwickelte sich eine eigenständige spirituelle Tradition, die sich von der nordindischen Advaita-Lehre fundamental unterscheidet. „Denn für sie ist die Welt eine Illusion und deshalb von geringem Wert – sie ist eine einzige riesige Ablenkung. Die Siddhas hingegen erkannten, dass die Welt göttlich ist und dass sich alles in einem Prozess der Evolution befindet.“ Der Mythos Babajis kann demnach auch als eine Liebeserklärung an das Leben und den Körper verstanden werden. Einem Körper, der nicht verachtet, nicht gezüchtigt, sondern nur veredelt werden will: zu einem Werkzeug ewiger Freude, zum Auffanggefäß Gottes. Einer Kultur, die Unsterblichkeit nur noch bei den Vampiren der Popkultur kennt, tut dies als Denkanstoß gewiss gut.</p>
<p><strong>Der „echte“ Babaji – 1970 gefunden</strong></p>
<p>So schön der Mythos ist, etwas unbefriedigend bleibt es doch, dass man es immer nur mit einem Phantom. Es ist gibt keine Fotos oder Videoaufnahmen des Mahavatars. Oder doch? Gibt man „Babaji“ bei „google Bilder“ ein, so erhält man überwiegend Fotos von einem jungen Mann, der, abgesehen von aufgemalten Querstrichen auf der Stirn, ziemlich normal aussieht. Es handelt sich um den so genannten Haidakhan Babaji, der angeblich 1970 in einer Höhle im indischen Haidakhan „erschien“. Vielen Anhängern galt der Jüngling als Wiedergeburt eines Asketen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie in beiden Inkarnationen den „wahren Babaji“. In den späten 70ern und frühen 80ern strömten Tausende zu seinen Auftritten. Man sagte ihm eine energetische Ausstrahlung und magischer Kräfte nach, z.B. das Gedankenlesen.<br />
<strong><br />
„Babajis“ überall</strong></p>
<p>Für Kenner von Yoganandas Babaji mag dies irritierend wirken, denn der sieht nicht nur auf den klassischen Porträtzeichnungen ganz anders auch, er musste sich auch nicht reinkarnieren, da er gar nicht erst starb. Von seinen Anhängern abgesehen, wurde der Haidakhan Babaji auch von niemandem als der „echte“ anerkannt, schon gar nicht von Yoganandas Self-Realization Fellowship. Das Misstrauen schien gerechtfertigt, da Haidakhan Baba 1984 starb – immerhin ein peinlicher Vorgang für einen Unsterblichen. Wer mit den Wunderkräften der Siddhas vertraut ist, mag hierin aber kein ernstes Glaubenshindernis sehen. Könnte Babaji nicht in mehreren „Ausstrahlungen“ oder Verkörperungen zugleich gegenwärtig sein? </p>
<p>Leonard Orr, der berühmteste westliche Schüler des Haidakhan Babaji, hält seinen Meister, des frühen Todes ungeachtet, für niemanden geringeren als Gott selbst. „Babaji ist der ewige Vater in menschlicher Form, der in östlichen Traditionen als Shiva-Yogi bekannt ist, als die ewige Jugend. Man muss verstehen, dass Babaji so viele Körper haben kann, wie er will.“ Orr behauptet, Babaji tauche schon in der Bibel als „Engel des Herrn“ auf, im Koran als „Khidir“ und im Hindu-Glauben als Krishna. Auch für den Widerspruch zwischen dem (sterblichen) Haidkhan Babaji und dem (unsterblichen) Yogananda-Babaji hat Orr eine Erklärung parat: Letzterer sei nicht Babaji selbst, sondern dessen Sohn (im Sinne einer Teilinkarnation). Wem das zu weit geht, der möge sich daran erinnern, dass Christen überall auf der Welt an die Identität des Menschen Jesus mit Gottvater glauben. Trotzdem ist die Quellenlage im Fall Babaji zugegebenermaßen verworren. Der Babaji-Forscher Carter Phipps stieß allein auf zwei lebende Personen, die angaben, Babaji zu sein – nicht zu reden von denen, die ihn „gespürt“ haben wollen.</p>
<p><strong>Eine Ahnung von Babajis Segen</strong></p>
<p>Ich lege „Best of Supertramp“ in den CD-Spieler und höre das Lied noch mal. „Mein ganzes Leben lang fühlte ich, dass du zuhörst“, beginnt es. Ist es mehr als ein hohles Versprechen, wenn Lahiri Mahasaya sagt: „Jeder, den Namen Babajis ehrfürchtig ausspricht, zieht augenblicklich seinen Segen auf sich herab“? Ich habe vor Jahren eine Kriya-Einweihung bei Roy Eugene Davis absolviert und die Technik erlernt. Mit der Erleuchtung hapert es noch ein bisschen. Das liegt aber wohl an meiner mangelnden Konsequenz beim Üben. Bestätigen kann ich, dass sich beim Atmen ein strömendes Gefühl an der Wirbelsäule einstellt, eine starke Energieansammlung im „Dritten Auge“, eine Art kribbelndes Lustempfinden bis in die Fingerspitzen, Gedankenstille und – ich kann es nicht anders ausdrücken – das Gefühl, von einer Art Segen berührt zu werden. </p>
<p>Auch wenn das für Skeptiker keine akzeptable Erklärung sein dürfte, ende ich mit einem Wort, das laut Yogananda von Babaji selbst stammt: „Es ist leicht, an etwas zu glauben, was man sieht; jede seelische Suche ist dann überflüssig. Nur diejenigen, die ihren natürlichen Skeptizismus und ihre materialistische Einstellung überwinden, verdienen es, die übernatürliche Wirklichkeit zu schauen.“</p>
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		<title>Dankbare Rebellen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 08:07:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Warum Dankbarkeit gut ist, sie uns aber nicht am Aufstand hindern sollte. Ja sagen und alles gut finden, weil man unfähig ist zur Kritik, das ist es noch nicht. Echte Dankbarkeit basiert auf einem tiefen Ja zum Leben, wie es ist. Aus dieser Tiefe heraus kann sie, wo nötig, den veränderbaren Umständen auch ein klares [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/DankbarkeitMaria.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-7206" title="DankbarkeitMaria" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/12/DankbarkeitMaria-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Warum Dankbarkeit gut ist, sie uns aber nicht am Aufstand hindern sollte. </strong>Ja sagen und alles gut finden, weil man unfähig ist zur Kritik, das ist es noch nicht. Echte Dankbarkeit basiert auf einem tiefen Ja zum Leben, wie es ist. Aus dieser Tiefe heraus kann sie, wo nötig, den veränderbaren Umständen auch ein klares Nein entgegen schleudern. (Erstveröffentlichung dieses Artikels in connection &#8211; das Magazin fürs Wesentliche <a href="http://www.connection.de/" target="_blank">www.connection.de</a>)<span id="more-7203"></span></p>
<p>Danke zu sagen, wenn man etwas bekommt, ist etwas, das Kinder überall in der Welt lernen müssen. Jedenfalls in den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Familien ist das so, vielleicht bleibt diese Ausbildung den Inuit- oder den Yanumami-Kindern ja erspart. Wehe, wenn dann ein Besuch kommt, der den Kindern etwas schenkt, und sie sagen nicht artig danke, vielleicht weil sie dazu zu schüchtern sind oder diese Woche nicht schon zum dritten Mal Bonbons bekommen wollen. Die ob solcher »Unerzogenheit« peinlich berührten Eltern schimpfen dann mit ihren Kindern, damit das nicht wieder vorkommt. Soweit die frühe Erziehung zur Dankbarkeit.<br />
Später, wenn das so erzogene Kind sich auf den Weg der Sinnfindung und Menschwerdung begibt, den spirituellen Weg, entdeckt es, dass Dankbarkeit dort als eine der höchsten Tugenden geschätzt wird. Gottes Schöpfung so hinzunehmen, wie sie ist, gilt als wahre Gottesliebe. Die Existenz so anzunehmen, wie sie ist, zeigt wahre Freiheit von Gier (Habenwollen) und Ablehnung (Weghabenwollen). Nur das Ego will, dass die Welt anders ist als so, wie sie ist. Das wahre, tiefe, hohe oder höchste Selbst hingegen ist beglückt über die Zustände und dankbar. So jedenfalls lautet das Märchen von der Heiligen Dankbarkeit.</p>
<p><strong>Dankbarkeit ist nützlich, &#8230;</strong><br />
Wahr an diesem Märchen ist, dass Dankbarkeit als Lebenshaltung dem, der sie praktiziert, zunächst mal bessere Chancen auf Lebensglück bietet als Undankbarkeit. Und das ist nicht nur deshalb so, weil Dankbarkeit gesellschaftlich hoch angesehen ist, sondern auch, weil es sich gut anfühlt, mit dem Vorhandenen nicht nur einverstanden zu sein, sondern es zu wertschätzen oder – die dritte, höchste Stufe – sich davon beschenkt zu fühlen. Es gibt ja so vieles, womit wir beschenkt werden! Zum Beispiel mit unserem beweglichen, empfindsamen Körper, der Atemluft und dem Sonnenschein. Die Aufmerksamkeit darauf zu richten, macht glücklicher als sie auf das zu richten, wofür man bezahlen muss. Es macht glücklicher und ist gut für die Gesundheit. Hier geben sich die gute Erziehung und eine in vernünftiger Weise eigennützige Anwendung der Dankbarkeitspraxis freundlich die Hand.</p>
<p><strong>… kann aber auch tief gehen</strong><br />
Dankbarkeit kann aber viel mehr sein als das. In ihr verbirgt sich eine Lebenshaltung, die das Menschenleben, auch das eigene, nicht als kosmischen Fehler empfindet, als etwas, zu dem wir verflucht oder per Karma verdammt sind, sondern als Glück. Wobei in diesem Glück eine Pendelbewegung zum Unglück hin (und wieder zurück) impliziert sein darf. Das Glück darf also sozusagen ein Metaglück sein, ein Einverstandensein damit, dass unsere Laune und unser Wohlbefinden schwanken, und dass auch dieses Schwanken und Schwingen mit zum Glück gehört. Ein solches tiefes Empfinden von Dankbarkeit dem Leben gegenüber kennen wir zwar alle aus den glücklichen Momenten unserer Kindheit, als Erwachsene aber ist es meist eher das Ergebnis eines längeren, oft auch schmerzlichen Werdens und Reifens. Ein Reifen, das vermeidbares von unvermeidbarem Leiden unterscheidet und keineswegs passiv in der Betrachtung von Gottes Werk versunken ist, sondern das unerwünschte Zustände tatkräftig verändert. Wobei solches Engagement umso wertvoller ist, manchmal auch umso wirksamer, je tiefer es in einer grundsätzlichen Dankbarkeit dem Leben gegenüber verwurzelt ist.</p>
<p><strong>Mitspielen dürfen</strong><br />
Auch ich bin ein von unserer Wirtschaftsform und unserem Geldsystem geprägter Mensch und empfinde doch das, was nicht bezahlbar ist, als wertvoller als das Käufliche. Mich mit meinem Körper lustvoll bewegen zu können, gute Luft zu atmen und an einem Nachtmittag im Januar die Wärme der Wintersonne auf meiner Haut zu spüren, dafür muss ich nicht bezahlen, das bekomme ich geschenkt. Auch körperliche und seelische Berührungen bekomme ich, mal abgesehen von einer eventuell gefühlten Pflicht zu Gegenleistung, geschenkt.<br />
Es gibt aber noch viel mehr als diese wertvollen kleinen Geschenke am Wegesrand, nämlich eine Lebenshaltung, die aus einer Perspektive entsteht, die das Ganze als wertvoll ansieht. Mich erwischt diese Sichtweise zum Beispiel in Situationen, in denen ich Menschen zuschauen darf, ohne allzu sehr mit dem Gelingen meines eigenen Projektes (zum Beispiel einem Einkauf fürs Mittagessen) beschäftigt zu sein. Da empfinde ich die Menschen als Spieler auf einer Bühne, auf der sie nicht das Stück eines anderen, sondern sich selbst aufführen, so als wären sie bezahlte Spieler in einer grandiosen, weltumspannenden Show, die »Das wirkliche Leben« heißt (oder auch sowas wie »Das Spiel der Spiele«, sonst geht ja keiner hin). Und ich darf dabei sein, mitten drin, ohne mir dafür Theaterkarten kaufen zu müssen!</p>
<p><strong>Hauptfigur sein</strong><br />
Diese Show ist sogar interaktiv, so wie diese modernen Computerspiele, ich denen ich als Avatar vorkomme und als solcher gewinnen kann. In »Das wirkliche Leben« aber darf ich wirklich mitspielen, mit meinem ganzen, echten Körper, nicht nur als Avatar! Mal nur als Statist, Claqueur, Kunde, Lieferant oder Stimmvieh, so wie das in den politischen und wirtschaftlichen Spielen der Fall ist, mal auch in einer der Hauptrollen – im Privaten ist die Chance für eine Hauptrolle etwas größer.<br />
Und ich kann das Ganze sogar so betrachten: Eigentlich bin ich immer die Hauptfigur! In meinem Leben bin ich der Held, egal ob ich gewinne oder verliere, und auch dann, wenn ich für das größere Spiel nur eine Statistenrolle abbekommen habe. Alles ist Teil der Show. Alles, was ich erlebe, sind Stationen auf meiner Heldenreise und gehören mit zum Film. Und für diese Show brauche ich keinen Eintritt zu bezahlen, sie wird mir geschenkt.<br />
Aber … bin ich auch im richtigen Film? Wenn das Spiel nicht so ausgeht, wie ich will und mich meine Mitspieler befremden, komme ich mir vor wie im falschen Film. Diese Zweifel gehören aber mit zur Rolle der Hauptfigur. Sie sind also richtig, und sie wollen richtig gut aufgeführt werden. Dankbarkeit dem Leben gegenüber ist das Gefühl im richtigen Film zu sein. Auch wenn in diesem, meinem Leben so manches schief geht: Es ist mein Leben, mein Film, und ich bin darin die Hauptfigur.</p>
<p><strong>Das echte Leben – kostenlos</strong><br />
Ich schaue so gerne den Wolken am Himmel zu, wie sie vorüberziehen. Manchmal löst sich auch eine einfach auf – weg ist sie, und woanders tritt aus dem Nichts heraus eine neue auf. Ich höre so gerne den Vögeln zu und dem Wind, wie er durch die Bäume streicht. Ohne Eintritt zu bezahlen, darf ich all dem zuhören. Und ich sehe die Jahreszeiten vorüberziehen; keine verlangt dafür einen Obolus, obwohl sie ihre Sache doch jeweils richtig groß aufziehen: den Winter mit Schnee, den Frühling mit Blumen und im Herbst die bunten Blätter. Was für ein Aufwand!<br />
Ich darf mir das alles ansehen und sogar mit dabei sein, auf der Bühne. Ich darf atmen, obwohl ich dafür nichts bezahlt habe, keinen einzigen Kubikmeter Luft habe ich bezahlt. Ich darf einen Fuß vor den anderen setzen, kostenlos. Schon zwei Cent Besteuerung für einen Schritt, und der Euro wäre gerettet. Zum Glück ist noch keiner der Finanzoberen drauf gekommen, wie leicht die Euro-Krise damit gelöst wäre. Ich darf Menschen lächeln sehen, die dafür nichts verlangen, ich habe sie nicht einmal fragen müssen, ob ich ihnen unentgeltlich zusehen darf.<br />
Ich sitze vor einem Spielplatz mit Kindern, könnte ihnen endlos zusehen, wie sie lachen und weinen. Keine Fernsehshow kommt da mit, und ich brauche doch keine GEZ- und für den Sound keine GEMA-Gebühren zu bezahlen. Ich darf meine Hände ins Wasser eines städtischen Brunnens tauchen oder in einen Bach. In so vielen Bächen, Flüssen und Seen darf ich sogar baden, ohne dafür zu bezahlen. Ich darf den Regen auffangen und davon trinken und meine Pflanzen wässern. Ich darf zuhören, wenn du von dir erzählst, was doch so viel faszinierender und echter ist als die Lesung aus dem Roman, die heute Abend hier in der Buchhandlung ums Eck stattfindet und auch noch Geld kostet.</p>
<p><strong>Der reality effect</strong><br />
Auch das darf ich: »Menschen gucken« gehen. In der Fußgängerzone, im Café, beim Einkaufen, in der Bahn und U-Bahn. Sie führen ein Stück auf: ihre Geschichte. Ich darf mir das ansehen, in Echtzeit, vor Ort, aus der ersten Reihe, ohne dass mich einer vorher nach dem Presseausweis gefragt hätte, mit dem man sich doch so gut in Veranstaltungen reinschleichen kann ohne dafür zu bezahlen. Die Veranstaltungen hier, auf der Bühne des echten Lebens, sind zudem deutlich besser als Reality TV. Sie fühlen sich wirklich echt an. Der reality effect ist hier einfach besser als im Fernsehen. Obwohl ich auch hier manchmal kaum glauben kann, dass das echt ist.<br />
Darf ich wirklich in meinem Leben die Hauptrolle spielen, ohne dafür je ein Casting bestanden zu haben? Es ist unglaublich und doch: Was für ein Geschenk! Selbst auf die Gefahr hin, vielleicht eines letzten Tages und Atemzugs daraus zu erwachen und zu merken, dass dies noch nicht das wirkliche, echte Leben war, sondern nur ein vorläufiges. War es vielleicht nur eine Art Generalprobe, der die richtige Aufführung noch folgen wird? Doch mit dieser Unsicherheit kann ich leben. Ich bin schon so oft aus der Rolle gefallen, wenn ich mich im falschen Film gefühlt hatte und bin dabei immer auf eine Ebene tiefer geplumpst; es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht auch das nächste Mal gelänge.</p>
<p><strong>Die Schönheit der Natur</strong><br />
Mein Vater war Naturforscher. Er liebte die Pflanzen und Tiere, ein bisschen auch die Menschen, vor allem aber die Pflanzen und Tiere. Zudem hatte er das Glück, Biologie studieren zu dürfen. Trotz Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg konnte er sein Studium abschließen, dann durfte er Forscher sein, sein Leben lang – und wurde dafür auch noch bezahlt. Das Schönste aber war für ihn zuschauen zu dürfen, was die Natur zu bieten hat, und das war endlos viel! Noch heute sagen die Biologen, dass sie nicht einmal ein Viertel aller auf der Erde lebenden Arten von Pflanzen und Tieren registriert, geschweige denn in ihren Eigenheiten aufgezeichnet und verstanden hätten. Während doch schon so viele dieser Arten wieder aussterben.<br />
Oft wird gesagt, dass Naturforscher, vor allem Biologen, nur selten religiös seien, weil sie einfach zu viel wissen über die Natur und die Abstammung des Menschen. Das stimmt aber nur, wenn man mit Religiosität sowas wie Bibelgläubigkeit meint. Das Staunen über die Natur, die Ehrfurcht vor der Größe und Schönheit unseres Biotops und seiner inneren Zusammenhänge (Ökologie) ist bei ihnen viel größer als etwa bei einem typischen Kirchgänger.<br />
Auch bei mir ist dieses Staunen groß. Mindestens einmal bin ich schon davongelaufen, weil ich Angst hatte die Besinnung zu verlieren vor so viel Schönheit.</p>
<p><strong>Wachsen oder schrumpfen</strong><br />
Die für unseren Alltag typische Wahrnehmung ist allerdings eine andere. Unser Blick hat sich verengt auf das, wofür wir Geld einnehmen und ausgeben. Wir sehen vor allem das, womit wir Geld verdienen können und wofür wir von anderen Menschen, die ebenfalls Geld verdienen müssen, bezahlt werden. Was sich unseren Augen, Ohren und Händen dazwischen darbietet, das nehmen wir immer weniger wahr. Eine immanente Eigenschaft unseres gefräßigen Wirtschaftssystems ist eben, immer mehr zu wollen: Wachstum, Wachstum, Wachstum! Unter 3% jährlichem BIP-Wachstum kommt unsere Wirtschaft schwer ins Trudeln; die Zinsen, Mieten, Gehälter und Renten sind dann nicht mehr zu bezahlen. Dieses Wachstum haben wir uns jedoch von der Zukunft geborgt; andere nach uns werden dafür bezahlen müssen.<br />
Da unsere Wirtschaft, um nicht zusammenzubrechen, immer weiter wachsen muss, werden immer mehr Bereiche unseres Lebens finanziell bewertet. Vermutlich wird bald auch die Haushaltsarbeit und das Aufziehen der Kinder finanziell bewertet, bei der Altenpflege ist das ja schon der Fall. So kann das BIP weiter wachsen und uns die Illusion von Fortschritt geben. Auch der Raubbau an der Natur bringt Wachstum – immerhin die Zahlen steigen dabei ja an, die uns die Volkswirtschaftler vorlegen, auch wenn die Lebensqualität währenddessen sinkt. Der Raubbau an der Natur und an unseren Ressourcen, den inneren wie den äußeren, geht so lange weiter, bis das System implodiert. Dann kann wieder aufgebaut werden. Früher erfüllten Kriege die Aufgabe, die Zerstörungen zu besorgen, die dann wieder neues Wachstum ermöglichen.<br />
Weniger Wachstum wäre mehr Lebensqualität. Dafür müssen wir zunächst geistig aus dem Rattenrennen des »immer mehr« aussteigen. Wir müssen uns vorstellen können, dass es auch mit weniger geht. Dankbarkeit für das, was wir haben ohne dafür bezahlen zu müssen, kann dafür den Boden bereiten. Dann können wir zu einer schrumpfenden Wirtschaft übergehen, die uns wieder durchatmen und entspannen lässt. Für die Menschen, Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten wäre das eine dringend notwendige Erholung.</p>
<p><strong>Wir sind Naturwesen</strong><br />
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, sagte Karl Valentin. Auch die Natur ist schön, und sie macht nicht so viel Arbeit – wenn man sie nur lässt. Wenn wir uns nicht davonstehlen – in die Städte und Büros, zu den Maschinen, in die Geldwirtschaft – dann sind wir mitten drin in der Natur. Aber auch als der Natur Entflohene sind wir immer noch Naturwesen. Wir brauchen das Wasser und die Wärme, wir brauchen Pflanzen und Tiere um uns, Menschen und Berührungen. Bürostühle und Computerbildschirme genügen nicht, um einen Menschen glücklich zu machen. Atmen, Essen, Spielen, Lieben und Geliebt-Werden. Im und am Wasser sein. Schlafen können, wenn wir müde sind. Das ist es, was wir brauchen, und das alles sollte besser nichts kosten.<br />
Fürs Essen zu bezahlen ist vielleicht nicht zu vermeiden, Ernährungsautarkie gibt es fast nicht mehr. Aber wenigstens für das Trinkwasser und die Atemluft, das Lieben und Geliebt-Werden, das Sich-ausruhen-Dürfen sollten wir nicht bezahlen müssen. Wenn ein Auto fährt, kostet es Benzin, wenn es steht Parkplatzgebühr. Wenn ich in einer Stadt bin und müde werde, kann ich mich nirgendwo mehr hinsetzen oder -legen, sondern muss mir ein Getränk oder etwas zu essen bestellen als Sitzplatzgebühr und muss dann bald wieder gehen, der Platz kostet ja Miete, und auch ihn zu pflegen kostet was.<br />
Viele Menschen bezeichnen ihr Gehalt als Schmerzensgeld für das, was sie dort erleiden müssen. Dennoch ist der größte Wunsch vieler von ihnen, nicht gekündigt zu werden, und wer keinen Arbeitsplatz hat, wünscht sich einen. Um dann, wenn es nicht mehr geht, ein Altersruhegeld zu bekommen. Im Rahmen unseres Wirtschaftssystems ist das verständlich; wer dieses Schicksal vermeidet und kein Startkapital für die Selbständigkeit hat, ist fast schon ein Außenseiter. Aber was ist mit dem Drumrum? Wenn wir zu sehr auf das Ökonomische fixiert sind, nehmen wir nicht mehr wahr, was es außerhalb des von Geld Bewertetem noch gibt, und werden dann trotz Arbeitsplatz und Rente unglücklich.</p>
<p><strong>Nie wieder!</strong><br />
Trotz großer Schwierigkeiten wegen der Alterspyramide und der Weltwirtschaftskrise ist Deutschland immer noch ein Sozialstaat. Man geht bei uns relativ glimpflich mit denen um, die irgendwie anders sind als der Mainstream. Trotzdem können wir nicht vergessen, was war. Was unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben, steckt noch tief in uns. Wie können wir mit Dankbarkeit in einer Welt leben, die Hitler und den Holocaust zugelassen hat? Dürfen wir dankbar sein, dass es gerade uns nicht erwischt hat? Das wäre schäbig und unbefriedigend.<br />
Zwei Mal habe ich Holocaust-Überlebende persönlich getroffen (und interviewt und zu mir eingeladen), und mit meiner Zeitschrift versuche ich auch, der dunklen Seite der menschlichen Natur nicht auszuweichen, damit sie uns nicht plötzlich überrumpelt und beherrscht. Nach den Jahren 1939-45 hat sich ein Großteil der Deutschen gesagt: »Nie wieder!«. Eine Art innerer Schwur wurde da geleistet, meist nur leise, fast heimlich, innerlich, wie ein persönliches Gelübde. Dieses »Nie wieder!« ist auch für mich ein Gefühl, das mich stark bestimmt, in meinem spirituellen Dasein ebenso wie in meinem politischen Handeln. Wir Menschen dürfen sowas nicht zulassen. Wir müssen eine Welt schaffen, in der so etwas Furchtbares nie wieder passieren kann. Darf ich dankbar sein für das, was Helmut Kohl die »Gnade der späten Geburt« genannt hat? Oder dafür, dass ich nicht in Somalia zur Welt gekommen bin oder in den USA in einem der Jahrgänge, die für den Vietnamkrieg rekrutiert wurden?</p>
<p><strong>Dankbarkeit und Scham</strong><br />
Manchmal, beim Essen eines Stückes Brot oder eines Apfels, stelle ich mir vor, wie ein KZ-Insasse das genossen hätte. Diese Gedanken kommen immer wieder, es ist fast schon eine Art Besessenheit. Ist das krank? Ich denke, es ist einfach die kollektive Erinnerung, die auch in mir ist, so wie in meiner ganzen Generation. Auch die Hexenvernichtung steckt ja noch in uns, und die ist viel älter. Ja, wir dürfen dankbar sein, genug zu essen zu haben und in einer politischen Ordnung zu leben, die gerade mal keine Hexen und Ketzer vernichtet. Aber das Eis ist dünn, über das wir da spazieren. Einige Holocaust-Überlebende sagen, dass sie sich schämen überlebt zu haben. Sie hatten Glück im Unglück, ohne so recht zu wissen, womit sie das verdient hätten. Hatte ich Glück, in Deutschland geboren zu sein, in diesem reichen und heute so toleranten Land? Dafür kann man Dankbarkeit empfinden, aber diese Dankbarkeit liegt, was mich betrifft, ganz nahe an der Scham, das nicht verdient zu haben.</p>
<p><strong>Hiob im 21. Jahrhundert</strong><br />
Eine der Geschichten aus der Bibel, die mich schon als Kind sehr stark berührt haben, ist die von Hiob. Wie er mit dem Schmerz und Leid umgeht, das ihn traf, wie er das alles hinnimmt ohne »Gott zu verfluchen« – heute würden wir sagen: ohne auf die Dankbarkeit zu verzichten gegenüber dem, was es trotz allem auch für ihn im Leben an Gutem gibt. Mit den alten Geschichten können wir heute nur noch bedingt was anfangen. Die Metaphern und Begriffe sind nicht mehr dieselben wie damals, aber der Grundkonflikt zwischen »das Leben gutheißen« und »gegen unwürdige Zustände rebellieren« ist noch derselbe. Ein heutiger Hiob würde vielleicht gegen Verlust von Besitz durch Naturkatastrophen eine Versicherung abschließen, in der Hoffnung, sich dann nicht mit deren Vertretern herumschlagen zu müssen, die behaupten, die Katastrophe habe er selbst verursacht. Vielleicht würde er außerdem an Ärzte ohne Grenzen spenden, weil es Menschen gibt, die in Ländern ohne Krankenversicherung von einer solchen Hautkrankheit befallen werden können, wie Gott sie, gemäß der alten Geschichte, ihm schickte, um ihn zu testen. Er würde jedenfalls nicht treudoof darauf warten, dass Gott kraft seiner Allmacht schlimme Zustände in gute verwandelt, sondern selbst anpacken, damit die Welt eine bessere wird. Der heutige Hiob wäre vielleicht ein dankbarer Rebell: ein Mensch, der freudig Ja sagt zum Leben und darin mit aller Kraft das zum Positiven ändert, was er ändern kann. Er würde hinnehmen, was er nicht ändern kann, und ändern, was sich ändern lässt – und er wäre imstande, das eine vom anderen zu unterscheiden.</p>
<p><strong>Empört euch!</strong><br />
Immer wieder wird denen, die sich gegen unwürdige Zustände auflehnen, vorgeworfen, sie könnten nicht akzeptieren, was der Fall ist – diese in so vielen spirituellen Lehrreden wie ein Mantra wiederholte Formel: »Sei dankbar und akzeptiere, was ist«. Oder sie werden als »Weltverbesserer« verspottet. Dabei ist es doch ganz einfach: Es braucht nur die Intelligenz »das eine vom anderen zu unterscheiden«. Nur? Vielleicht ist das ja gerade das Schwierige. Wenn Sisyphos den Stein hinauf rollt, ist das noch keine wirkliche Weltverbesserung, der Stein rollt ja dann wieder herunter. Sisyphos macht das, um sich selbst zu trösten gegenüber der Sinnlosigkeit des weltlichen Tuns. Vielleicht auch nur, um sich körperlich und geistig fit zu halten: Den Stein hinaufzurollen, spart ihm immerhin die Gebühr für das Fitnessstudio.<br />
Es gibt aber Bereiche, in denen es Sinn macht, sich zum empören, so wie der 93-jährige Stéphane Hessel das in seiner Streitschrift vom Herbst 2010 getan hat. Sich gegen Waffenhändler und Kriegstreiber zu empören, macht Sinn. Ebenso gegen Rohstoffspekulanten, die nun auf Nahrungsmittel setzen, weil das ihnen zur Zeit die größte Chance auf Wertsteigerung bietet; dass sie damit in den Armutsgebieten Hungersnöte auslösen, nehmen sie in Kauf. Gegen Urwaldvernichter und den ernährungsindustriellen Komplex. Gegen die Weltfinanzordnung. Gegen das zwischen den Nationen noch immer ungebrochene Recht des Stärkeren, in schwächere Länder einfach einzumarschieren oder sie zu bombardieren. Gegen die Beschönigung oder Vertuschung von Gewalt. Gegen eine bigotte, menschenfeindliche Moral, mit der von Prinzipienreitern Kleinsünder bestraft, die Großen aber in Schutz genommen und verteidigt werden, weil sie systemrelevant (»too big to fail«) sind.</p>
<p><strong>Rebellion</strong><br />
Dankbare Menschen dürfen nicht nur rebellieren, sie müssen es! Dankbar sollten wir nicht nur gegenüber dem Sonnenlicht sein, dem Wasser, das wir trinken und der Luft, die wir atmen dürfen, und nicht nur gegenüber der Schönheit der Natur, die wir – noch – betrachten dürfen, ohne dafür bezahlen zu müssen, sondern auch gegenüber unserer Fähigkeit, das zu verändern, was wir Menschen verändern können. Im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereich können wir aus der Welt eine bessere Welt machen, wenn wir als Wähler nicht nur Stimmvieh sind und als Teilnehmer an der Wirtschaft nicht nur leicht verführbare Kunden. Wir dürfen auch dankbar sein gegenüber unserer Fähigkeit, Heuchelei von Wahrhaftigkeit zu unterscheiden und wirkliche Güte vom nur gut Gemeinten. Wir dürfen dankbar sein, dass wir als Menschen mit der Fähigkeit zum Mitgefühl begabt sind und als solche uns gegen soziale Härte empören können, gegen die Abschottung der Reichen auf von Milizen umstellte Inseln des Wohlstands, gegen die Zocker auf den Kapitalmärkten, die ganze Regierungen zu Fall bringen können, wenn ihnen das als lukrativ erscheint.<br />
Dankbare Menschen müssen nicht brav sein. Wir verändern, was wir verändern können, dankbar, dass wir dazu imstande sind. Es ist, was ist, und das ist gut so? Ja, aber auch der Wille zur Veränderung gehört zu dem, was ist und was gut ist, wie es ist. Die Eso-Religion mit ihren Grundsätzen »Es ist, was ist«, »Nimm es an«, »Lerne loszulassen« und »Die Welt, die du erlebst, hast du dir selbst erschaffen« ist mir zu schäfisch kapitalismusfreundlich. Tiefe Spiritualität ist anders. Deshalb hoffe ich, dass unter den Esos und Spiris nun endlich genug Rebellen heranwachsen, die imstande sind, ihre Dankbarkeit dem Leben gegenüber mit ihrer Bereitschaft zur Empörung gegen das Untragbare zu verbinden.</p>
<p><strong>Wolf Schneider</strong>, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: <a href="schneider@connection.de" target="_blank">schneider@connection.de</a>, Blog: <a href="schneider@connection.de" target="_blank">schneider@connection.de</a>.</p>
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		<title>Verzweifelt gesucht: die Realität</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 10:08:33 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere Wirklichkeit ist nichts Gegebenes, sie ist im besten Fall ein Rätsel. Und, glaubt man grossen Philosophen, ein fast unlösbares. Wenn wir nach ihr suchen, finden wir, wie in einem Spiegel, immer wieder uns selbst. Ein Streifzug durch die Welten der Spiritualität, Wissenschaft, Filme und Computerspiele zeigt: Wir interpretieren, verzerren, ja erschaffen andauernd, was wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/11/Zwiebel1.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/11/Zwiebel1.jpg" alt="" title="Zwiebel" width="140" height="140" class="alignleft size-full wp-image-7078" /></a>Unsere Wirklichkeit ist nichts Gegebenes, sie ist im besten Fall ein Rätsel. Und, glaubt man grossen Philosophen, ein fast unlösbares. Wenn wir nach ihr suchen, finden wir, wie in einem Spiegel, immer wieder uns selbst. Ein Streifzug durch die Welten der Spiritualität, Wissenschaft, Filme und Computerspiele zeigt: Wir interpretieren, verzerren, ja erschaffen andauernd, was wir wahrzunehmen glauben. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7076"></span></p>
<p>Wirklich wahr: In Orleans, im Frühling 1969, war die Bevölkerung im Aufruhr. Es zirkulierte ein Gerücht, das niemanden unberührt lassen konnte: Einige Damenmodegeschäfte der französischen Stadt waren in den Mädchenhandel verwickelt. Kundinnen wurden in den Ankleideräumen überwältigt und betäubt. Durch unterirdische Gänge wurden sie ans Ufer der Loire gebracht und von dort nach Übersee verschifft. 28 Frauen galten als vermisst. Ihr grausiges Schicksal: erzwungene Prostitution. Am 31. Mai rottete sich eine entrüstete Menschenmenge vor den Geschäften zusammen. Die Ladenkette hatte wegen der dort verkauften Miniröcke ohnehin ein anrüchiges Image. «Erschwerendۚ» kam hinzu, dass die Besitzer Juden waren – auch im Frankreich der Nachkriegszeit scheinbar ein Problem. Pogromstimmung lag in der Luft. Die Polizei konnte mit Mühe eine Eskalation verhindern. Sie wunderte sich über die Macht dieses Gerüchts, denn sie kannte die Fakten: Keine einzige Frau wurde in Orleans vermisst – geschweige denn 28. </p>
<p>Dem Gerücht lag, wie sich herausstellte, nicht einmal ein Hauch von Wahrheit zugrunde. Niemand weiss, woher die Lüge ursprünglich kam, aber sicher ist: Sie entfaltete mehr Macht als manche Wahrheit. Die Erfindung wurde zu einer alternativen Wirklichkeit. Dieses Fallbeispiel stammt aus Paul Watzlawicks Buch «Wie wirklich ist die Wirklichkeit?». Der Kommunikationswissenschaftler entlarvt darin die Realität als menschliches Konstrukt. Er will zeigen, «dass der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; dass es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheit sind.» </p>
<p><strong>Aber welche Wirklichkeit ist gemeint?</strong> Während die Geschichte mit dem Mädchenhandel offensichtlich gelogen war, sind einige Tatsachen doch unumstösslich. Die Existenz der betreffenden Boutiquen, der Stadt Orleans oder der Loire kann z.B. niemand bezweifeln. Hier hilft Watzlawicks Unterscheidung zwischen Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung. Wirklichkeitsaspekte, die sich auf die physische Realität oder auf überprüfbare Fakten beziehen, nennt er «Wirklichkeiten erster Ordnung». Die Bedeutung oder den Wert, die Menschen einem Gegenstand beimessen, nennt er dagegen «Wirklichkeit zweiter Ordnung». Ein Beispiel: Man kann die Entfernung vom Mond zur Erde objektiv messen (erste Ordnung); was der Mond einem romantischen Liebespaar bedeutet, bleibt dagegen subjektiv (zweite Ordnung).Watzlawicks Buch ist wertvoll, argumentiert aber nur innerhalb bestimmter Grenzen. Es untersucht menschliches Verhalten, Beziehungen und Kommunikation. Die scheinbar objektive Dingwelt wird nicht in Frage gestellt. Aber wie wirklich sind Wirklichkeiten erster Ordnung? Wie wirklich ist z.B. der Tisch, auf dem ich dies schreibe?</p>
<p>Hinter dem herkömmlichen Begriff der Wirklichkeit steht die Idee, es gäbe so etwas wie ein «Ding an sich». Der Philosoph Immanuel Kant prägte diesen sperrigen Begriff. Setze ich z.B. eine dunkle Sonnenbrille auf, erscheint der Himmel düster; setze ich die Brille ab, sehe ich: an sich ist er blau und strahlend. Unser Bewusstsein verzerrt die Realität durch allerlei Fehler der Wahrnehmung. Ja Kant behauptet sogar, dass wir ausserstande sind, das «Ding an sich» zu erkennen. Es liegt also nicht nur daran, dass einige zu dumm sind, die Wahrheit zu begreifen; unser Geist ist so beschaffen, dass wir das grundsätzlich nicht können.</p>
<p><strong>Betrachten wir z.B. die schöne lachsfarbene Rose</strong> vor mit auf dem Tisch und fragen: Was an ihr ist Erscheinung, und was ist «Rose an sich»? Nicht zum Wesen der Rose gehören:</p>
<p>- ihr Name, der beruht auf kultureller Übereinkunft. Auf Chinesisch heisst die Rose «méiguī».<br />
- mein Gefühl der Rose gegenüber: Ich finde sie schön, das muss nicht für jeden gelten.<br />
- die Absicht, die ich mit ihrem Kauf verband (ich kaufte einen Strauss für meine Frau, eine Blume landete dann auf meinem Schreibtisch).<br />
- die Symbolik der Rose (z.B. Dornen = Liebesschmerz), die kann kulturell verschieden sein.<br />
- Erinnerungen, die jemand mit ihr verknüpft. Wer als Kind gestochen wurde, mag sie vielleicht nicht.<br />
- Kulturelle Assoziationen (das Märchen «Dornröschen», die Kitschserie «Rote Rosen»).<br />
- ihre Farbe: Diese wird von Blinden gar nicht, von Farbenblinden anders wahrgenommen.<br />
- ihre Grösse: Ein Elefant beurteilt sie anders als eine Ameise.</p>
<p>Zieht man diese (und andere) Faktoren ab, die nicht ihr Wesen ausmachen, was bleibt von der Rose übrig? Am objektivsten scheint noch ihre Form zu sein. Aber auch die kann verschieden wahrgenommen werden. Für den Blinden ist die Rose nichts als Duft; für die Fliege im Zimmer ein riesiger Baum; der Boxer streift mit seinem dicken Handschuh über sie, ohne die zarte, kühle Beschaffenheit der Blütenblätter zu spüren. Die Rose an sich? Es mag sie geben, aber sie gleicht einen Kern, den man nach und nach freilegen muss wie das innerste Figürchen einer russischen Puppe. In dem philosophischen Hollywoodfilm «The Matrix» sagt Morpheus: «Wie definiert man Wirklichkeit? Wenn du darunter verstehst, was du fühlst, was du riechen, schmecken und sehen kannst, dann ist Wirklichkeit nichts weiter als elektrische Signale, interpretiert von deinem Verstand.» Reduziert auf «elektrische Signale», bleibt von der Rose noch weniger übrig als wir anfangs dachten.</p>
<p><strong>Ein berühmtes Modell unserer Wirklichkeitswahrnehmung ist Platons «Höhlengleichnis»</strong>: Menschen sind von Kindheit an so an Stühle gefesselt, dass sie weder Kopf noch Körper drehen können und immer an die gegenüberliegende Höhlenwand starren müssen. Hinter ihrem Rücken brennt ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Menschen werden verschiedene Gegenstände vorbei getragen, die als Schatten auf die Wand vor ihnen fallen. Die Gefangenen kennen keine andere Welt als diese Schatten und halten sie daher für die einzige Wirklichkeit. Würde sich einer der Menschen befreien und die dreidimensionale, farbige Realität sehen, so würde er sie vielleicht für unwirklich halten und verstört auf seinen Platz zurückkehren. Nur starke Charaktere könnten die Wahrheit aushalten. Sie würden erkennen, dass ihr bisheriges Leben Täuschung war und versuchen, ihre Leidensgenossen aufzurütteln. Wie bestimmte erleuchtete Propheten in der Geschichte, würden sie von der dumpfen Masse verspottet werden.</p>
<p>Für Platon ist das Höhlengleichnis ein Bild unserer realen Situation als Menschen. Was wir wahrnehmen können, ist ein Schattenspiel, das von einer transzendenten, «wirklicheren Wirklichkeit» erzeugt wird. Auch Platon geht also davon aus, dass hinter der Scheinwelt eine «wirkliche» Welt steht, ein «Ding an sich». Sie wird sorgfältig vor uns verborgen, aber mit etwas gutem Willen können wir sie vielleicht schon jetzt sehen. Manche glauben auch, wir werden sie erst im Jenseits sehen, im «Reich Gottes». Paulus schrieb im Brief an die Korinther: «Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.» </p>
<p><strong>Im Film «The Matrix» erscheint die Frage nach der Wirklichkeit im modernen Gewand.</strong> Im Blockbuster der Brüder Wachowski (1999) begegnet Neo, der Held der Geschichte, einem Guru namens Morpheus. Dieser klärt ihn darüber auf, dass die Welt, die er bisher gekannt hatte, nicht real ist. «Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er sieht, hinnimmt, weil er damit rechnet, dass er wieder aufwacht», sagt Morpheus. «Ironischerweise ist das nahe an der Wahrheit.» Die Szene, in der Neo «eingeweiht» wird, wirkt wie die Beschreibung einer spirituellen Suche. Sie mündet konsequenterweise in ein Erwachen. Der unscheinbare «Bürohengst» Neo hat seinen Lehrer jahrelang gesucht, getrieben von einem diffusen Unbehagen an der Wirklichkeit. Irgendetwas an der Welt, die ihn umgab, erschien ihm nicht echt, und er hatte Recht. «Es ist eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um dich von der Wahrheit abzulenken», klärt Morpheus auf. «Welche Wahrheit?» «Dass du ein Sklave bist.»</p>
<p>In den «Matrix-Filmen» ist die Welt, die wir Realität nennen, eine computergenerierte Traumwelt. Sie wurde von seelenlosen Robotern geschaffen, um die Menschen unter ihrer Kontrolle zu halten. Die «wirkliche Wirklichkeit» sieht, wie eine drastische Filmsequenz zeigt, ganz anders aus: In einer vom Atomkrieg zerstörten Welt dienen menschliche Körper den Maschinen als Energielieferanten. Sie verdämmern ihr ganzes Leben in Wannen mit einer Nährflüssigkeit. Die «Matrix» als Ablenkungsprogramm wird in ihre Gehirne eingespeist und hindert die Gefangenen, sich ihrer wahren Situation bewusst zu werden. Die Welt, wie wir sie kennen, lautet die provokante These, ist die Matrix, ist Schein. Der Film hat natürlich eine starke politische Botschaft: Auch unsere Machthaber gaukeln der Masse eine Scheinwelt vor, um sie ausbeutbar zu machen.</p>
<p><strong>Darüber hinaus erinnert die Botschaft des Films auch an das Konzept der «Maya».</strong> So nannten die hinduistischen Weisen unsere flirrende Scheinwelt der tausend Formen. Sie betonten, dass es Aufgabe des spirituellen Suchers sei, die Scheinhaftigkeit dieser Welt zu durchschauen und durch Meditation zur Wahrheit durchzudringen. Hermann Hesse hat die Maya-Philsophie unvergesslich in seinem Roman «Das Glasperlenspiel» beschrieben. Der Jüngling Dasa begegnet einem im Wald lebenden Yogi. Er berichtet ihm von seinem bisherigen Leben, das von Liebeslust, Kämpfen und Leiden bestimmt war. Der Weise lächelt daraufhin nur, schüttelt den Kopf und sagt: «Maya, Maya!» Hesse schreibt weiter: «Alles war in dieses alten Yogin Augen Maya, war etwas wie eine Kinderei, ein Schauspiel, ein Theater, eine Einbildung, ein Nichts in bunter Haut, eine Seifenblase, war etwas, worüber man mit einem gewissen Entzücken lachen und was man zugleich verachten, keinesfalls aber ernst nehmen konnte.»</p>
<p>Auch die These, die Wirklichkeit sei ein Traum, ist oft geäußert worden. Der Träumende ist der festen Überzeugung, dass sein Traum real ist. Der Erwachte weiss jedoch: Alles, was im Traum erscheint – Orte, Gegenstände, Personen – existiert nur im Bewusstsein des Träumers, wurde also von ihm erschaffen. Warum aber sollte das, was wir im Wachbewusstsein sehen, realer sein als die Welt unserer Träume? «Hattest du schon einmal einen Traum, Neo, der dir vollkommen real schien?», fragt Morpheus in «The Matrix». «Was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachst? Woher würdest du wissen, was Traum ist und was Realität?» Eine irritierende Frage. Was, wenn das ganze Leben eine Traum wäre, und der Tod (oder die Erleuchtung) unser Erwachen? </p>
<p><strong>Die moderne Wissenschaft geht noch einen Schritt weiter.</strong> Die Quantenphysik hat die Idee eines «Ding an sich», einer objektiven Realität hinter unseren Wahrnehmungen, inzwischen verworfen. Experimente haben gezeigt, dass Elektronen keine «kleinen Kugeln», sondern wolkige Gebilde sind, für deren Aufenthaltsort man nur Wahrscheinlichkeiten angeben kann. Erst im Moment des Beobachtens und Messens durch ein wahrnehmendes Bewusstsein «entscheidet» sich das Elektron für eine bestimmte Position. Die Aufregende Schlussfolgerung: «Das Universum scheint ohne einen Betrachter nicht zu existieren» (Dr. Alan Wolf). Der Physiker und Philosoph Amit Goswami glaubt sogar, «dass alles (einschliesslich der Materie) im Bewusstsein existiert und vom Bewusstsein her manipuliert wird.»</p>
<p>Wie kann man sich das vorstellen? Ist es etwa so, dass der Tisch, auf dem mein Computer steht, nicht mehr existiert, sobald ich meine Augen schliesse? Die Wahrheit liegt wohl zwischen den Extremen: Der Tisch befindet sich, wenn ihn niemand wahrnimmt, in einem Schwebezustand zwischen Existenz und Nicht-Existenz, genannt «Potenzialität». Der Physiker Hans-Peter Dürr erklärt dies so: «Das Wesentliche der Potenzialität ist, dass sie nicht (dingliche) Realität ist. Sie enthält nur eine Kann-Möglichkeit einer Realisierung.» Im Schöpfungsvorgang treffen wir also eine Auswahl aus einem unendlichen Feld von Möglichkeiten. Trotzdem ist es nicht willkürlich, was erscheint, wenn wir die Augen öffnen. Die Realität besitzt eine relative Verlässlichkeit, und ziemlich sicher werde ich diesen Tisch morgen in derselben Weise «erschaffen» wie heute. Dies ist, so Dürr, die Natur unserer gesamten Wirklichkeit: Potenzialität, die auf Grund von Wahrscheinlichkeit zur Realität gerinnt.</p>
<p><strong>Zur Veranschaulichung hier ein Beispiel aus der Welt der Computerspiele:</strong> Beim Fantasy-Spiel «World of Warcraft» wandert der Spieler durch eine virtuelle Landschaft, Azeroth genannt. Er sieht aber niemals das gesamte Land gleichzeitig, sondern nur einen Ausschnitt. Mit dem Weiterwandern der Spielfigur baut sich der Hintergrund mit Bergen, Wolken und Gebäuden schrittweise auf. Wo sind in der Zwischenzeit die anderen Bestandteile von Azeroth? Sie befinden sich im Zustand der Potenzialität und können, je nach Wahl des Spielers, nach und nach in die Existenz treten. Wendet sich der Spieler ab, «versinken» vorher sichtbare Landschaften wieder in die Potenzialität. Aber: Die Macht des Spielers/Schöpfers ist begrenzt. Er kann nur erschaffen, was programmiert wurde. In «World of Warcraft» kann man z.B. Zwerge und Untote ins Leben rufen, nicht jedoch Feen. In der «richtigen» Realität sind die Möglichkeiten weniger beschränkt, weil das «Spiel» ungleich grösser angelegt ist. Mit diesem Beispiel kommen wir dem Geheimnis der Wirklichkeit auf die Spur: Wahrnehmen heisst Erschaffen, und Erschaffen heisst Auswählen aufgrund vorgeprägter Wahrscheinlichkeiten. Manchmal, wenn auch selten, kann das Unwahrscheinliche gesehen bzw. erschaffen werden. Das nennen wir dann «Wunder».</p>
<p><strong>Überspitzt könnte man sagen: Es gibt eine Wirklichkeit, nicht aber eine Realität.</strong> Hinter «Realität» steckt der lateinische Wortstamm «res» (= Ding). Ein Ding aber gibt es eigentlich gar nicht. Vielmehr besitzt das Universum die Struktur von Feldern, Beziehungsmustern, Möglichkeiten. Wirklich ist die Einheit all dessen, was existiert; unwirklich ist unsere Wahrnehmungsweise, die das Eine in getrennte «Gegenstände» zerlegt. Viel treffender ist dagegen der Begriff «Wirklichkeit». Etwas «wirkt» (erscheint) schön, gross oder wahr. Dies setzt eine aktive Mitarbeit des wahrnehmenden Bewusstseins voraus. Ausserdem hat das Verb «wirken» einen dynamischen Charakter. Etwas «wirkt» auf etwas anderes ein, nimmt darauf Einfluss, erschafft es. Wirklichkeit gibt es nicht als Ansammlung von Dingen, sondern als Muster von Beziehungen in Bewegung. </p>
<p>Vielleicht meint der Buddha etwas ähnliches, wenn er sagt: «Leer ist die Welt». Wo versteckt sich also, nach allem, was wir gehört haben, die «Rose an sich»? Sie gleicht eher dem, was von der Zwiebel bleibt, wenn man alle Schalen nach und nach entfernt. «Aber da bleibt ja gar nichts!» Eben.</p>
<p>(Dieser Artikel erschien erstmals im Schweizer Magazin «Der Zeitpunkt», www.zeitpunkt.ch)</p>
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		<title>Das Schuld-System</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Nov 2011 09:57:56 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Kapitalismus ist eine auf Schuld-anerkennung basierte Ökonomie. Die Schulden und das Geld sind die zentrale Nabe, der Schlüssel, um die sich die Ökonomie und daraus folgend, die ganze Kultur, dreht. Da die Schuld »ex nihilo« aus dem Nichts, das heißt durch Schuldanerkennung der Allgemeinheit, entsteht, handelt es sich nicht, wie viele glauben, um einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/11/Schuldenuhr.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-6807" title="Schuldenuhr" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/11/Schuldenuhr.jpg" alt="" width="312" height="265" /></a>Der Kapitalismus ist eine auf Schuld-anerkennung basierte Ökonomie. Die Schulden und das Geld sind die zentrale Nabe, der Schlüssel, um die sich die Ökonomie und daraus folgend, die ganze Kultur, dreht. Da die Schuld »ex nihilo« aus dem Nichts, das heißt durch Schuldanerkennung der Allgemeinheit, entsteht, handelt es sich nicht, wie viele glauben, um einen rationalen Akt, sondern um einen rituellen. Die moderne Geldschöpfung hat damit einen okkult-religiösen Charakter. (Quelle: connection)</p>
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		<title>Die Deepak-Erleuchtung</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 07:13:10 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Deepak Chopra ist bei uns ein seltener Gast. Doch wenn der amerikanische Arzt und Bestsellerautor mal hier ist, gibt er alles. (Quelle: Spuren) http://www.spuren.ch/comments/1118_0_2_0_C/]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_6468" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/09/DeepakChopra.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/09/DeepakChopra-150x150.jpg" alt="" title="DeepakChopra" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-6468" /></a><p class="wp-caption-text">Deepak Chopra</p></div>Deepak Chopra ist bei uns ein seltener Gast. Doch wenn der amerikanische Arzt und Bestsellerautor mal hier ist, gibt er alles. (Quelle: Spuren)<br />
<a href="http://www.spuren.ch/comments/1118_0_2_0_C/">http://www.spuren.ch/comments/1118_0_2_0_C/</a></p>
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		<title>Ratzinger und sein Kreuzzug</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Oct 2011 07:57:55 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[»Menschen dabei behilflich zu sein, nicht von Ängsten zerstört zu werden, ist das größte Geschenk überhaupt. Verständnis und Liebe sind Werte, die alle Dogmen transzendieren.« Das hat Thich Nhat Hanh gesagt, einer der versöhnlichsten und friedfertigsten buddhistischen Lehrer und interreligiösen Vermittler weltweit. In seinem soeben erschienen Buch »Ratzinger und sein Kreuzzug« schreibt Matthew Fox, er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/09/PapstBenedikt.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2011/09/PapstBenedikt-200x300.jpg" alt="" title="PapstBenedikt" width="200" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-6409" /></a>»Menschen dabei behilflich zu sein, nicht von Ängsten zerstört zu werden, ist das größte Geschenk überhaupt. Verständnis und Liebe sind Werte, die alle Dogmen transzendieren.« Das hat Thich Nhat Hanh gesagt, einer der versöhnlichsten und friedfertigsten buddhistischen Lehrer und interreligiösen Vermittler weltweit. In seinem soeben erschienen Buch »Ratzinger und sein Kreuzzug« schreibt Matthew Fox, er erinnere sich an ein Zusammentreffen mit Thich Nhat Hanh, der nach eigener Aussage von Papst Benedikt XVI. als »Antichrist« bezeichnet wurde, womit im christlichen Sprachgebrauch ein böser, jesus-feindlicher Mensch gemeint ist, der Irrlehren verbreitet. (Quelle: connection)</p>
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