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	<title>Hinter den Schlagzeilen &#187; Spiritualität</title>
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	<description>Konstantin Weckers Webmagazin //  Kultur - Gegeninformation - Philosophie</description>
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		<title>Überraschung: Papst geißelt Ungehorsam gegen den Papst</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Apr 2012 12:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Benedikt XVI. hat in einer Predigt am Gründonnerstag die österreichische Pfarrer-Initiative zum Gehorsam ermahnt. Der katholische Theologe Hermann Häring übt scharfe Kritik am Pontifex. (Quelle: Publik Forum) http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/der-papst-hat-absolut-unangemessen-reagiert-online]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/ratzinger.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/ratzinger-150x150.jpg" alt="" title="Kardinal Joseph Ratzinger ist neuer Papst" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-8406" /></a>Benedikt XVI. hat in einer Predigt am Gründonnerstag die österreichische Pfarrer-Initiative zum Gehorsam ermahnt. Der katholische Theologe Hermann Häring übt scharfe Kritik am Pontifex. (Quelle: Publik Forum)<br />
<a href="http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/der-papst-hat-absolut-unangemessen-reagiert-online">http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/der-papst-hat-absolut-unangemessen-reagiert-online</a></p>
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		<title>Die Zukunft des menschlichen Bewusstseins</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 08:30:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_8388" class="wp-caption alignleft" style="width: 270px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/04/SpiralDynamics.gif" alt="" title="SpiralDynamics" width="260" height="248" class="size-full wp-image-8388" /></a><p class="wp-caption-text">Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</p></div>«Die Menschheit wird zu ungeahnter Größe reifen, und ab 2012 wird ein neues Zeitalter beginnen.» Diese optimistische Voraussage stammt von den Seminarleitern Leniel und Jophiel Nebrig, esoterischen 2012-Fans. Es wäre schön, aber ist es auch wahr? Schon immer haben Propheten vom Kommen eines „Neuen Menschen“ geträumt. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, seine eigene Überwindung durch ein „Höheres“ herbeizuphantasieren. Sicher ist, dass sich das kollektive Bewusstsein der Menschheit weiterentwickelt. Gibt es seriöse Methoden, um die Evolution des Geistes in der näheren Zukunft vorherzusehen? Und dürfen wir hoffen, dass dann endlich Frieden und Vernunft einkehren? (Roland Rottenfußer)<span id="more-8387"></span></p>
<p>Als ich 2008 gefragt wurde, welches meine Voraussagen für 2012 seien, antwortete ich: „Guido Westerwelle wird Außenminister sein“. Die Schreckensvision ist heute Realität, meine ernüchternde Antwort zeigt aber nur, dass ich schon damals von übergroßen Erwartungen an das „Schwellenjahr“ genervt war. Die oben zitierte Behauptung, die Menschheit werde zu „ungeahnter Größe reifen“ wird von zwei Personengruppen erhoben. Die einen verlassen sich auf Sonnenstürme, einen Polsprung oder auf die Intervention wohlwollender Aliens. Die anderen meinen, ein Evolutionssprung des Bewusstseins stünde schlicht deshalb bevor, weil dies so sein müsse. Unsere von Kriegen, religiösem Wahn und Umweltzerstörung gebeutelte Welt verlange danach, dass der menschliche Geist kollektiv wachse – oder sie sei dem Untergang geweiht.</p>
<p>Plausibel ist der Optimismus in beiden Fällen nicht. Betrachten wir die Gegenwart, so gibt es ebenso viele Indizien für einen geistigen Schrumpfungsprozess: Die Frechheit der Banken und Spekulanten wird größer, der Widerstand der Politik kleiner, die Verdummung in den Medien schlimmer. Sicher ist aber, dass sich Bewusstsein in längeren Zeitzyklen entwickelt – und zwar in Richtung auf höhere Komplexität. Der Höhlenmensch unterscheidet sich vom Menschen der mittelalterlichen Ständegesellschaft – und dieser von einem Exponenten des Internetzeitalters. Klar scheint auch, dass sich Entwicklungsprozesse beschleunigen können und dass sich Evolution nach längerer Stagnation oft sprunghaft vollzieht. Die Renaissance in Italien oder die „68er-Bewegung“ sind Beispiel hierfür. </p>
<p><strong>„Der Mensch muss überwunden werden“</strong></p>
<p>Es ist nicht wahrscheinlich, dass dieser Prozess ausgerechnet mit dem heutigen Tag endet. Die Phase von 2011 bis 2013 (oder darüber hinaus) könnte sich durchaus als eine solche Schwellenzeit erweisen. Daher dürfen wir Mutmaßungen darüber anstellen, in welche Richtung die Evolution fortschreiten wird. Wie wird der Mensch der Zukunft denken und fühlen? Was wird ihm wichtig sein, und woran wird er glauben? „Ihr von morgen habt gefunden, was uns unerreichbar schien. Schlugen wir der Welt auch Wunden, vielleicht habt ihr uns verziehen“, heißt es in einem Lied von Udo Jürgens.</p>
<p>Schon Friedrich Nietzsche bekannte in „Also sprach Zarathustra“: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“ Dieser „Übermensch“ – kraftmeierisch, rücksichtslos und von keinem ethischen Skrupel angekränkelt – erscheint heute wie eine Vorausdeutung auf den kapitalistischen Homo oeconomicus. Leider sind Gier und nackter Egoismus eher allzumenschlich als übermenschlich. Als Kontrast schuf Nietzsche eine zweite Vision, die vom „letzten Menschen“. Der ist eine klägliche Verkümmerungsform, die nach Glück und Bequemlichkeit strebt, Leiden zu vermeiden sucht, für jedes Wehwehchen eine Pille bereithält und die Gleichheit aller Menschen fordert. Dies dürfte auf die meisten von uns zutreffen und erscheint wenig schockierend. Nicht wenige andere Denker haben den Menschen als „werdenden Gott“ gedeutet. Die Theosophen ebenso wie der Sufi-Mystiker Gurdjieff oder der indische Guru Sri Aurobindo, der voraussah, ein „supramentales Bewusstsein“ werde zu den Menschen herabsteigen.</p>
<p>Wenn wir uns vom künftigen Menschen ein Bild machen wollen, haben wir mehrere Möglichkeiten:</p>
<p><strong>1. Wir bedienen uns purer Fantasie und Intuition.</strong></p>
<p><strong>2. Wir verlängern die heute sichtbaren Entwicklungslinien</strong> einfach linear weiter in die Zukunft. So könnten wir z.B. die zunehmende Durchdringung des Alltags durch Computer aufs Korn nehmen und uns eine dekadente, entkörperte, komplett von Technik abhängige Menschheit vorstellen. Im Disney-Trickfilm „Wall-E“ bewegen sich übergewichtige Menschen nur noch auf schwebenden Sesseln und lassen sich alle Wünsche per Knopfdruck von Maschinen erfüllen. Das Problem ist: Die Zukunft ist nie nur eine „weiter gedachte“ Gegenwart. Vieles im historischen Prozess erscheint überraschend und chaotisch. So könnte es sein, dass auf die „Virtualisierung“ der Welt eine Gegenbewegung folgt, die wieder zurück zu den natürlichen Wurzeln strebt.</p>
<p><strong>3. Wir betrachten höher entwickelte Zivilisationen</strong> <strong>auf fernen Planeten</strong> und nehmen an, dass sich die Menschheit nach ähnlichen Gesetzen entwickeln wird: Z.B. vom Stammesbewusstsein über das Nationalbewusstsein und das globale Bewusstsein hin zum kosmischen Bewusstsein. Oder von der Verhaftung im Materiellen hin zu einer geistigeren Existenzform, oder sogar bis zur Entstehung feinstofflicher Körper durch „Schwingungsanhebung“. Der Nachteil: Solche evolutionäre Theorien stützen sich nur auf gechannelte oder medial „gesehene“ Aussagen. Deren Authentizität können wir mit gutem Grund beweifeln. Auch halten sich Außerirdische (wenn es sie gibt) vielleicht nicht an unsere irdische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><strong>4. Wir identifizieren lebende Menschen, die wir für besonders weit entwickelt halten</strong>, und betrachten sie als Vorläufer des Kommenden. Wir nehmen an, dass die Masse der Menschen den Pionieren folgen und dass deren Bewusstseinsniveau irgendwann Gemeingut sein wird. Galilei war z.B. ein Vorläufer des rational-naturwissenschaflichen Weltverständnisses. Seinerzeit wurde er von der Kirche angefeindet, heute denken die meisten Menschen im Westen wie er. Sie legen Wert auch empirische Beweise und wissen, dass die Erde nicht Zentrum des Universums ist. Diese Vorgehensweise hat den Nachteil, dass die Wahl der „Pionierindividuen“ oft willkürlich erscheint. Man kann sie in der Vergangenheit leicht ausmachen, in der Gegenwart jedoch nur schwer. Oft genug haben Autoren dabei ihr eigenes Bewusstsein zum Maßstab genommen: „Wo ich bin, ist vorn.“</p>
<p>Aus praktischen Gründen werde ich bei meiner weiteren Analyse trotzdem vor allem den vierten Weg beschreiten. Es gibt extrem unterschiedliche Ansichten darüber, wer als Pionier zu verstehen ist und wie das kollektive Bewusstsein des Zukunftsmenschen beschaffen sein wird.</p>
<p><strong>Theorie 1: Eine Menschheit aus „Vulkaniern“.</strong><br />
Die Emotionen werden abflachen, die technische Intelligenz wird dagegen explodieren. Es findet eine zunehmende Entmaterialisierung statt. Von der Schreibmaschine zum Computer, zum Touchscreen, zum sprach- und schließlich gedankengesteuerten Computer. Damit verbunden wäre vielleicht auch „Dekadenz“ – eine entkörperte und verwöhnte Menschheit, wie sie Nietzsche oder auch der Film „Wall-E“ sahen. Pioniere: Hektische Nerds und Tüftler wie Marc Zuckerberg (Facebook-Gründer).</p>
<p><strong>Theorie 2: Zunehmende übersinnliche Kräfte.</strong><br />
Indigo-Kinder entwickeln fantastische Fähigkeiten, etwa eine Zeitung mit den Füßen zu lesen. Stärker wird auch die Fähigkeit, sich seine Realität magisch selbst zu „kreieren“. Diese Theorie wird vor allem von Autoren des „Positiven Denkens“ vertreten. Pioniere sind meist die Positivdenker selbst, die gemäß dem Gesetz der Anziehung wunschgemäße Ereignisse in ihr Leben rufen. Auch große Yogis wie Babaji können als Vorbilder dienen.</p>
<p><strong>Theorie 3: Erleuchtung für alle</strong><br />
Alternativ könnte auch Erleuchtung, bisher nur wenigen spirituellen Meistern vorbehalten, zum Allgemeingut werden. Andrew Cohen, Herausgeber der Zeitschrift „EnlightenNext“, nennt sein Konzept „Evolutionäre Erleuchtung“ und sieht eine umfassende Transformation des Bewusstseins voraus. Die wachsende Zahl der Erleuchteten sollte sich jedoch nicht der Erde entschweben, sondern helfen, aus ihr einen besseren Ort zu machen. Pioniere wären Gurus und Satsanglehrer – wie Cohen selbst.</p>
<p><strong>Theorie 4: Zunehmendes globales Verantwortungsbewusstsein</strong><br />
Mit oder ohne spirituellen Hintergrund werden sich immer Menschen bewusst, dass wir als Erdbewohner zusammengehören und unseren Lebensraum bewahren müssen. Das Mitgefühl, die Identifikation mit „Allem“ und das Verantwortungsgefühl steigen. Das regionale und nationale erweitert sich zum globalen Bewusstsein. Pioniere sind z.B. Menschen aus dem Umkreis des „Alternativen Nobelpreises“: Hans-Peter Dürr, Vandana Shiva oder Ibrahim Abouleish.</p>
<p>Um eine Idee vom „Menschen der Zukunft“ zu bekommen, ist es hilfreich, sich existierenden Stufenmodelle der Bewusstseinsevolution anzuschauen und hier besonders die fortgeschrittenen Stufen zu beachten. Wir finden in diesen Modellen Elemente aus allen vier genannten Theorien.</p>
<p><strong>Hingabe und Einverständnis</strong></p>
<p>Ein interessantes System entwickelt Wilfried Nelles, der als Therapeut mit Bert Hellingers „Familienstellen“ arbeitet, in seinem Buch „Das Leben hat keinen Rückwärtsgang“. Sein Schnelldurchlauf durch die Bewusstseinsevolution lässt den Menschen bei der unbewussten Einheit mit der Natur starten und führt ihn zunächst – über familiäre, religiöse und nationale Stämme – zur größtmöglichen Vereinzelung. Der moderne Mensch löst sich aus Zwängen und Verbindlichkeiten, sagt „ich will“, verlässt sich im Lebensvollzug auf seine eigenen Kräfte und bei ethischen Entscheidungen auf sein Gewissen. Interessant sind für uns nun die höheren Stufen. Diese zielen aus der Vereinzelung wieder zurück in die Einheit. Zunächst stellen sich Sensibilität für die Bedürfnisse anderer ein, ein solidarisches Empfinden, „ökologisches Bewusstsein“. Man kann die vierte Stufe nach Nelles gut mit der Geistesart eines „typischen 68ers“, Grünen oder Angehörigen der „Therapieszene“ beschreiben. Auch neue Formen undogmatischer Spiritualität tauchen auf. </p>
<p>Wenn wir nun zu noch höheren Stufen fortschreiten, erwartet uns eine Überraschung. Nicht der Willensheros, der sein Schicksal selbst kreiert, erwartet uns hier, sondern pure Hingabe. „Was bedeutet es nun, auf Stufe 5 zu Hause zu sein? Es heißt vor allem, dass man sein Wollen gänzlich aufgegeben hat. (…) Der Wille ist jetzt ganz in den Dienst von dem gestellt, was sich in mir und durch mich manifestiert, in die Welt kommen will. Generell tue ich, was ich tue, weil ich mich durch eine größere Kraft dazu aufgerufen und bewegt fühle. Ich diene.“ Stufe 6 ist dann geprägt durch ein ausgeprägtes „Zeugenbewusstsein“. Wir identifizieren uns nicht mehr mit den Dramen des Ego und erlangen innere Freiheit, indem wir dem Geschehen, das sich durch uns vollziehen will, zuschauen und zustimmen. „Das Bewusstsein der sechsten Stufe ist in Einklang gekommen mit dem Bewusstsein schlechthin, wie es sich in den Erscheinungen – und zwar in allen Erscheinungen – der Welt ausdrückt.“ Dieses Bewusstsein ähnelt, analog zum Lebenszyklus des individuellen Menschen, dem Alter. Und es kann nur auf ein Ziel zufließen: den Tod (des Egos), die Erleuchtung. Auf dieser Stufe ist nicht mehr nur „Einklang“, sondern Identität mit dem kosmischen Ganzen gegeben. </p>
<p><strong>Planet der Erleuchteten</strong></p>
<p>Die Annahme, dass der Erleuchtete Zielpunkt der menschlichen Evolution sei, ähnelt auch dem Modell der „erleuchteten Evolution“ Andrew Cohens. Übrigens wurde das Modell „Von der Einheit zur Vereinzelung, von der Vereinzelung zurück zur Einheit“ in ähnlicher Weise schon von dem großen Jesuiten und Theologen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) entworfen. Pioniere des Zukunftsmenschen nach Wilfried Nelles sind zunächst Künstler, die sich dem Schaffensprozess vollkommen hingeben, sich zum „Kanal“ für das Werk machen, das durch sie kommen will. Dann auch große Dienende und Liebende, Mystiker und Erleuchtete. Die Vorstellung, dass ihnen die Zukunft gehört, wirkt zunächst anziehender als die Vision eines Planeten der Nerds und „Vulkanier“.</p>
<p>Wilfried Nelles Modell hat aber den Nachteil, dass es endgültig in sich abgeschlossen wirkt. Außer dem Erreichen höherer Grade von Hingabe und Einverständnis scheint es für die Menschheit kaum Zukunftsperspektiven zu geben. Es bleibt kaum Raum für das ganz Neue, Unerwartete. Differenzierter und in der Zukunft „ergebnisoffen“ ist das Modell „Spiral Dynamics“, das 1996 von Don Beck begründet und von Ken Wilber weiter entwickelt wurde. Es umfasst 9 Stufen der Bewusstseinsevolution, die – eher willkürlich – mit Farben bezeichnet werden: blau, orange, grün usw. Jede Stufe erscheint als Reaktion auf die Schattenseiten der vorhergehenden. Auf jeder Stufe gibt es gesunde Ausprägungen wie auch Pathologien (Verfallsformen). Spiral Dynamics wurde 2011 von Werner Küstenmacher, Marion Küstenmacher und Tilmann Haberer noch einmal in populärer und ansprechender Form zusammengefasst: „Gott 9.0“. Ich stütze mich im Weiteren vor allem auf dieses Buch.</p>
<p><strong>Spiral Dynamics: Farbenlehre des Bewusstseins</strong></p>
<p>Wieder interessieren mich hier die höheren Stufen mehr, da wir uns ein Bild vom „Menschen der Zukunft“ machen wollen. Die archaischen Stufen finden sich heute auf der Erde kaum noch: Das tierische Bewusstsein, basierend auf dem puren Überlebensinstinkt („beige“). Die primitive Stammeskultur mit einem magischen Weltverständnis („purpur“). Die Barbarenhorden der Völkerwanderungszeit, die aufbrachen, um neuen Lebensraum zu erobern, unterstützt von Kriegsgöttern („rot“).</p>
<p>Bei den heute lebenden Menschen dominieren die nächsten drei Stufen, die anderswo auch als „Traditionalisten“, „Modernisten“ und „Kulturkreative“ bezeichnet wurden. „Blau“ sind z.B. erzkonservative US-Amerikaner oder muslimische Fundamentalisten. Sie pochen auf Recht und Ordnung, schaffen sich Nationen mit starken Zentralregierungen und halten eine Glaubensvorstellung für wahr, weil sie in der Bibel (oder im Koran) verankert ist. „Orange“ ist jene Geistesart, die im Zeitalter Galileis ihren Anfang nahm: Aufklärung, Vernunft, Technik und Fortschritt, aber auch Individualismus und die Macht des Gewissens gehören zu dieser Stufe. Als Schattenseiten zeigten sich bald die Ausplünderung der Natur, Egoismus, Werteverfall und gar technokratischer Neoliberalismus. Darauf reagierend entstanden die Emanzipationsbewegungen der Arbeiter, Frauen und Drittweltländer sowie die Umweltbewegung („grün“). Sensibilität, Innerlichkeit und Solidarität gewannen als Werte an Gewicht – der „typische 68“ oder Hippie, der bei Wilfried Nelles auf Stufe 3 zuhause ist.<br />
<strong><br />
Zukunftsmenschen: Vernetzte Überflieger</strong></p>
<p>Stellen wir uns also Menschen vor, die vielleicht zu Anti-Atomdemos gehen, im Bioladen einkaufen und einen Yoga-Kurs besuchen. Sind über dieses Bewusstseinsniveau hinaus überhaupt noch Steigerungen denkbar? Beck und Wilber meinten: „ja“ und entwarfen zunächst eine siebte, die „gelbe“ Stufe. Eine „gelbe“ Person kennzeichnet zunächst ein Grundgefühl von Einsamkeit. Ihr geht es auf die Nerven, in Schamanengruppen im Kreis zu tanzen oder auf Demos im Chor „Hoch die internationale Solidarität!“ zu brüllen. Der „Gelbe“ braucht viel Zeit für sich allein und er denkt über allerlei nach: z.B. darüber, ob die Feindbilder der „Grünen“ für ihn überhaupt noch gelten. „Blaue“ Spießer oder „orange“ Technokraten, selbst „purpurne“ Buschleute – alle sind für ihn o.k., auf ihre Weise. </p>
<p>„Gelb“ sieht und würdigt alle Stufen, die davor existierten und entzieht sich somit den Aufgeregtheiten von Klassenkampf oder Frauenbewegung. „Gelb“ denkt „integral“ (im Sinne von integrierend), „systemisch“ und „synthetisch“. Dazu gehört, „Widersprüche auszuhalten, Paradoxes denken zu können und einander widersprechende Prinzipien gleichzeitig treu zu sein.“ Solche Menschen sind individualistischer als „grüne“, sie überwinden Distanzen jedoch, indem sie sich vernetzen – unverbindlich und in Freiheit. Ken Wilber setzte mit „Gelb“ zunächst seiner eigenen Wesensart als philosophischer „Überflieger“ ein Denkmal. Darüber hinaus kann man an die Internet-Generation denken, die sich vernetzt, auf vielen Kanälen kommuniziert, offen ist, jedoch auch „festlegungsscheu“.  Ist diese Geisteshaltung wirklich ein Fortschritt gegenüber „Grün“? Man kann in einigen Punkten Zweifel anmelden. „Gelbe“ sträuben sich gegen Gleichmacherei und würden darauf bestehen, dass der korangläubige türkische Patriarch von nebenan „unter“ ihnen steht, weil er einer früheren, archaischen Evolutionsstufe angehört. Damit ist eine Gefahr von „Gelb“ angesprochen: Überheblichkeit und hierarchisches Denken.</p>
<p><strong>Unfassbare Bewusstseinshöhen</strong></p>
<p>Auf der nächsten Stufe, „Türkis“, werden die Ausführungen von „Gott 9.0“ arg spekulativ, denn kaum ein heute lebende Mensch vermag solche Geisteshöhen zu erklimmen: Alle Menschen der Welt sind demnach „Zellen in diesem einen großen göttlichen Organismus, und nicht nur die Menschen: Auch Tiere, Pflanzen und sogar die unbelebte Natur gehörten dazu.“ Intuition und Instinkt werden wichtiger, paranormale Fähigkeiten verstärken sich, was an die Theorie der „Indigokinder“ erinnert. Auch Gipfelerlebnisse, „Flow“ und spirituelle Erfahrungen, in denen „das personale Ich verschwindet“ treten gehäuft auf. Damit ähnelt „Türkis“ den oberen Entwicklungsstufen bei Wilfried Nelles, die auf Hingabe und Auflösung der getrennten Identität abzielen. Durch Vernetzung und Geistesverschmelzungen werden Einzelne zu „Zellen“ im Körper einer übergeordneten kollektiven Intelligenz. Sich darüber hinaus Entwicklung vorzustellen, fällt schwer. Darum ist die vorerst letzte Stufe im System, „Koralle“, auch rein fiktiv und nicht genau umrissen. </p>
<p>Insgesamt erscheint mir „Spiral Dynamics“ als beachtenswertes und plausibles Modell der Bewusstseinsevolution. Die große Erzählung schwächelt jedoch in der Endphase. Die Stufen sind nicht mehr klar genug konturiert und erscheinen wie ein zusammenhangloses Konglomerat von Eigenschaften, die den Begründern des Weltbilds fortschrittlich schienen. Man könnte „Gelb“ und „Türkis“ auch als eine Stufe interpretieren. Oder als Varianten der Stufen „Orange“ (technikbegeisterte, einzelgängerische Internetgeneration) und „Grün“ (solidarischer Weltbeglückungsanspruch mit mystischem Touch). Gerade „Gelb“ scheint auch stark durch Ken Wilbers persönliche Aversion gegen die US-amerikanischen „Babyboomers“ (68er) und ihre Werte geprägt zu sein. Der Philosoph ist nämlich nicht unbedingt ein Linker. Insgesamt ist das Modell einer möglichen künftigen Bewusstseinsentwicklung nur als (interessanter) Versuch und als vorläufig zu werten. Mit jedem Jahr, das vergeht, tauchen neue Aspekte auf. Einige rücken in den Vordergrund, andere verlieren wieder an Bedeutung. </p>
<p><strong>Nicht am Gras ziehen, damit es wächst!</strong></p>
<p>Wie auch die Quantenphysik zeigt, ist die Zukunft im Prinzip ergebnisoffen und kein bloße Verlängerung der Vergangenheit. Somit sind Vorhersagen so gut wie unmöglich. Das „Unwahrscheinliche“ kann jederzeit geschehen. Das Neue ist weniger durch Vergangenes prädestiniert, sondern tritt aus der Zukunft her kommend aktiv in die Existenz. Daher schreibt Wilfried Nelles mit Recht: „Die meisten von uns empfinden die heutige Zeit als Ende einer langen Entwicklung, nach der nichts Neues, qualitativ anderes mehr kommen kann, anstatt als Stufe in einem Prozess, der weit über uns hinausreicht.“ </p>
<p>Auch das bewusste Heranzüchten erwünschter Eigenschaften des Zukunftsmenschen, wie es Peter Sloderdijk 1999 in „Regeln für den Menschenpark“ vorgeschlagen hat, sollten wir lieber bleiben lassen. Die Evolution entzieht sich hartnäckig allen „Umerziehungsversuchen“ durch den begrenzten menschlichen Verstand. Über die Richtung der Veränderungen können wir Spekulationen anstellen, beschleunigen können wir sie kaum. Das Gras wächst nicht schneller, wenn wir an ihm ziehen. Nelles vergleicht die Evolution mit einem Fluss, dessen Bestimmung es ist, im Ozean zu münden. „Aber so sehr es ihn dorthin ziehen mag (…), so unsinnig wäre es, daran zu arbeiten, möglichst schnell und sofort dorthin zu gelangen. Es würde bedeuten, sein Flusssein zu verleugnen und all die großartigen Landschaften zu verpassen, die er auf dem Weg zum Meer zu durchfließen – und durch sein Fließen mitzugestalten – hat.“ </p>
<p><strong>Buchtipps:</strong><br />
Küstenmacher/Haberer/Küstenmacher: Gott 9.0 – wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, Euro 22,99</p>
<p>Wilfried Nelles: Das Leben hat keinen Rückwärtsgang. Die Evolution des Bewusstseins, spirituelles Wachstum und das Familienstellen. Innenwelt Verlag, 295 Seiten, Euro 16,80</p>
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		<item>
		<title>Göttliches Gehirntraining</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 10:16:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Meditation, Gebet, Körperübungen, Mantras – spirituelle Praktiken sollen die Menschen dem Göttlichen näher bringen und die Erleuchtungs-wahrscheinlichkeit erhöhen. Aber sind sie auch gesund? Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und M.R. Waldman haben in ihrem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ nachgewiesen, dass religiöse Übungen Stress und Depressionen bekämpfen sowie die Alterung des Gehirns aufhalten. Und sie sagen auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/GehirnAufbau.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/GehirnAufbau-300x199.jpg" alt="" title="GehirnAufbau" width="300" height="199" class="alignleft size-medium wp-image-8280" /></a>Meditation, Gebet, Körperübungen, Mantras – spirituelle Praktiken sollen die Menschen dem Göttlichen näher bringen und die Erleuchtungs-wahrscheinlichkeit erhöhen. Aber sind sie auch gesund? Die Neurowissenschaftler Andrew Newberg und M.R. Waldman haben in ihrem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ nachgewiesen, dass religiöse Übungen Stress und Depressionen bekämpfen sowie die Alterung des Gehirns aufhalten. Und sie sagen auch genau, welche Techniken am besten helfen. (Roland Rottenfußer)<span id="more-8279"></span></p>
<p>In der leeren, dunklen Kirche saßen ein paar alte Frauen. „Muatterl“, sagt man in Bayern. Auf einer Kirchenbank steckten sie die Köpfe zusammen und murmelten vor sich hin. Ich konnte nur einzelne Worte verstehen: „Gnade … Frauen … Sünder … amen“. Und dasselbe immer wieder: „Gnade … Frauen … Sünder … amen“. Ganz klar: Sie beteten den Rosenkranz, das Ave Maria. Ich war damals um die 20 und nur aus Interesse an Kunst in dem Gotteshaus. Evangelisch erzogen, durchlief ich zudem eine Phase des strengen „Jugendatheismus“. Das Treiben der Muatterl betrachtete ich daher mit einer Mischung aus Spott und Überlegenheitsgefühl. Schnell waren Vorwürfe zur Hand: Der Rosenkranz war langweilig, spießig und formalistisch. Die Betenden dachten über die Worte, die sie sprachen, offenbar gar nicht nach. Sie leierten sie nur herunter. Zu „denen“, so beschloss ich stolz, wollte ich nie gehören.<br />
<strong><br />
Spiritueller Theoretiker sucht Praxiserfahrung</strong><br />
25 Jahre später verstand ich mich nicht mehr als Atheisten und suchte nach einer zeitgemäßen, individuellen Form der Spiritualität. Ich fand mich in einem Zen-Retreat wieder, in einem von Licht durchfluteten Seminarraum mit 40 anderen Individualisten. Aufgereiht wie Vögel auf einer Stange saßen wir auf unseren Sitzkissen und meditierten: schweigend, gegenstandslos. Ich war schlecht gelaunt, weil mich das Seminar gezwungen hatte, früh aufzustehen. Schon nach wenigen Minuten tat mir der Rücken weh. Mir war langweilig, und der Rat der Leiterin, meine Gedanken weder zu verscheuchen noch zu vertiefen, half wenig. Ich wollte hier weg. Vor mir lagen jedoch noch 19 Sitzungen à 25 Minuten. In den Teepausen versicherten mir ein paar leisetreterische Teilnehmer, dass unser Retreat erstaunlich wenig streng war. Andere Meister waren viel strenger und verboten den Schülern gar das Husten. </p>
<p>Unterdessen verdiente ich meine Semmeln längst als spiritueller Journalist. Ich verfügte über perfekte theoretische Kenntnisse zahlreicher spiritueller Praktiken. Viele hatte ich sogar ausprobiert: Hatha Yoga, Kriya Yoga, Qi Gong, Rebirthing, Osho-Meditation … Ich hätte sie so beschreiben können, dass Leser ergriffen innehielten und den brennenden Wunsch nach einem entsprechenden Seminar verspürten. Eine wirklich dauerhafte spirituelle Praxis konnte ich mir aber nie angewöhnen, ich gab sie stets nach einiger Zeit wieder auf. Die beiden „Techniken“, die ich oben beschrieb, Rosenkranz-Beten und Zen-Meditation, waren jedenfalls für mich nicht das Richtige. Wer hatte Recht: Menschen, die zu einem persönlichen Gott beteten oder solche, die auf die „Leere“ meditierten? Diejenigen, die heilige Sätze aus alten Büchern nachsprachen, oder die beharrlich Schweigenden, die im Hier und Jetzt „einfach anwesend“ waren?</p>
<p><strong>Besinnung in einer gehetzten Welt</strong><br />
Wie finden wir überhaupt zu einer regelmäßigen Übungspraxis, die uns in spiritueller, seelischer wie körperlicher Hinsicht „heil“ macht, uns im Alltag trägt, tröstet und entspannt? Es ist nicht unwichtig, welche Antwort wir auf diese Frage finden. Und dies aus drei Gründen.<br />
1. In unserer materialistischen Gesellschaft besteht vielfach ein spirituelles Vakuum. Es bleibt zu wenig Zeit zur „Besinnung“ – und oft fehlt auch die Einsicht, dass diese notwendig und segensreich sein kann.<br />
2. Dort, wo sich Menschen als spirituell Suchende verstehen, herrscht ein Überangebot, das verwirrt. In einer multioptionalen Seminar-, Retreat- und Workshop-Welt riskieren wir, alles ein bisschen und nichts richtig zu machen. Schnupper-Religiosität – übrigens auch mein persönliches Problem.<br />
3. Wir haben es mit einem kollektiven Gesundheitsproblem zu tun. Depressionen, Ängste und Burnouts boomen, und ca. 30 Prozent der Menschen in den Industriestaaten leiden mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung. Diese Zahl markiert aber nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter verbirgt sich ein weites Feld diffusen Unwohlseins, nervöser Unruhe und innerer Leere.</p>
<p>Für diejenigen, die sich über Heilung nur freuen, wenn die Wissenschaft ihnen deren Seriosität bestätigt, gibt es jetzt eine gute Nachricht. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass spirituelle Übungen unser Gehirn positiv verändern. Und sie sagen auch genau, welche Übungen helfen. Dokumentiert ist dies alles in dem hervorragenden Buch von Andrew Newberg und Mark Robert Waldman: „Der Fingerabdruck Gottes.“ Die Autoren untersuchten „ganz normale“ Leute wie den Industriemechaniker Gus und beauftragten sie mit irritierenden spirituellen Übungen. So mussten die Probanden jeden Tag bestimmte Mantras sprechen, die den Betreffenden gar nichts sagten und nicht einmal mit ihren Glaubensvorstellungen übereinstimmten. Die Ergebnisse wurden mittels Gehirnscans überprüft und waren überzeugend. Gus zeigte sich von der positiven Wirkung begeistert, seine Gedächtnisleistung verbesserte sich drastisch.</p>
<p><strong>Gebete sind gut für’s Gehirn</strong><br />
Dabei ging es den Wissenschaftlern nicht darum, die Richtigkeit bestimmter religiöser Überzeugungen zu beweisen. Ihre Frage war nicht: „Ist es wahr?“, sondern „Hilft es?“ Die Frage nach der Existenz Gottes wurde weder explizit bejaht, noch verneint: „Aus neurologischer Sicht ist Gott eine sich stets ändernde und weiterentwickelnde Auffassung und Erfahrung, die sich im menschlichen Gehirn abspielt.“ Wichtiger ist Newberg und Waldman die Frage, ob wir durch die Übungen bessere und glücklichere Menschen werden. Die Antwort ist ein klares „Ja“: Religiöse und spirituelle Besinnung „dienen nämlich der Stärkung eines einzigartigen Neuralkreislaufes, der gezielt das soziale Bewusstsein und Einfühlungsvermögen fördert und destruktive Gefühle und Emotionen eindämmt.“</p>
<p>Ursache dieser Effekte ist die so genannte neuronale Plastizität, die Veränderbarkeit der Neuronen im Gehirn. „Wer über etwas so Komplexes und Mysteriöses wie Gott nachdenkt, verursacht unglaubliche Schübe an neuronaler Aktivität, die in verschiedenen Hirnregionen ausgelöst werden.“ Vereinfacht: Schon das Nachdenken über Religion führt dazu, dass unser Gehirn wächst. Die Aktivierung des präfrontalen und des anteriorischen cingulären Kortex im Großhirn „verbessert nicht nur das Gedächtnis und die Kognition. Sie wirkt gleichzeitig den Auswirkungen der Depression entgegen, die so oft Symptome altersbedingter Erkrankungen sind“ (z.B. Alzheimer). Dies kann den Autoren zufolge durch Yoga und kontemplative Meditation, aber auch durch Gebete bewirkt werden. Sie stärken unser Gefühl der Verbundenheit mit anderen, schützen vor gesundheitlichen Schäden durch Stress, machen den Geist gelassen, friedlich und wachsam.</p>
<p><strong>Erfahrungen als Sufi-Schüler</strong><br />
Aber welche Übungen genau? Zur selben Zeit, als ich „Der Fingerabdruck Gottes las“,  war ich auch bei meiner Suche nach einer für mich passenden spirituellen Praxis weitergekommen. Ich hatte mehrere Sufi-Kurse besucht: bei einem ausgezeichneten Meister deutsch-ägyptischer Herkunft. Die islamische Mystik lehrt die Technik des „Dhikr“, rituelle Rezitationen heiliger Sätze, verbunden mit gezielter Atmung und Bewegung. Wichtige Sätze aus dem Koran wie „La illaha ill’Allah“ (Es gibt keinen Gott außer Gott) oder „Bismillah ar-Rahman ar-Rahim“ (im Namen Gottes, des Gnädigen, des Allerbarmers) werden über fünf Minuten gesungen. Üblich ist die Kombination von Wort und Geste. Man spricht etwa „Astarchfarullah“ (Gott, verzeih mir) und streckt dabei seine rechte Hand aus, legt sie anschließend aufs Herz. Ein langsam ausgeatmetes „Hu“ (Er) sendet in den ganzen Körper entspannende Schwingungen. Ein schnell gesprochenes „Hu“ bewirkt einen Hyperventilationseffekt und lädt den Körper mit Energie auf.</p>
<p>Während einer 40-Tages-Einweihung praktizierte ich diese Übungen eine Dreiviertelstunde täglich. Die Wirkung war enorm. Ich platzierte mich vor meinem Hausaltar, entzündete eine Kerze, nahm den (buddhistischen!) Rosenkranz in die Hände und legte los. Schon stellte sich tiefe Entspannung ein, eine Art aktive Stille, die mehr war als die Abwesenheit von Lärm. Ich fühlte eine angenehme Benommenheit, ein Strömen und „Summen“ im ganzen Körper, verbunden mit dem Gefühl, in etwas Gütiges eingehüllt zu sein wie in einen Segen. Dieser Effekt wirkte sich auch in meinem Alltag aus: Ich war gelassener und heiterer. Wann immer ich im Alltag auch nur an das Dhikr denke, kann ich den entspannenden Segen in mir aktivieren.</p>
<p>Da ich mich nicht in erster Linie als Muslim, sondern als freien spirituell Suchenden empfinde, wollte ich wissen, ob sich dieselbe Wirkung auch mit Mantren anderer Religionen erzielen ließ. Ich begann mit dem aramäischen Vaterunser (das ich auswendig kann) und mit Sätzen aus dem christlichen Ritus, etwa „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Das Ergebnis meines Experiments: christliche Sätze wirken ebenso gut wie islamische. Aufgrund früherer Erfahrungen weiß ich, dass auch Hindu-Mantras eine tief entspannende, „segnende“ Kraft entfalten können. Man muss also nicht zu einer bestimmten Religion „übertreten“, um von der Kraft des Dhikr zu profitieren.</p>
<p><strong>Stille ist das Ziel, nicht der Weg</strong><br />
Unbewusst enthielt meine spirituelle Praxis schon viele Komponenten, die auch von Gehirnforschern als hilfreich erachtet werden: Newberg und Waldman beschreiben die wesentlichen Aspekte so: „Das Bewahren des entspannten Bewusstseins, das Regulieren des Atems und das Ausführen einer einfachen oder auch einer komplizierten Körperbewegung mit einem beliebigen Körperteil. Gleichzeitig wiederholen Sie singend, im Sprechgesang oder auch lautlos einen für Sie bedeutsamen Klang oder eine für Sie sinntragende Wortverbindung.“ Damit ist die Zauberformel für eine spirituelle Praxis benannt, die gleichermaßen spirituell, psychisch und körperlich wohltuend wirkt. Schon in den 70er-Jahren hatte Herbert Benson (Harvard-Universität) nachgewiesen, dass es Stress reduziert, wenn man „langsam atmet und Wörter oder Wortverbindungen wiederholt, die einem das Gefühl von Behaglichkeit verleihen“.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum ich (wie viele andere) mit dem reinen Sitzen in Stille Schwierigkeiten hatte. Es wirkt weniger ganzheitlich, weil Körper und Stimme unbeteiligt bleiben, während der Geist nichts hat, woran er sich festhalten kann und sich deshalb langweilt oder abschweift. Den Wert des Sitzens in Stille (etwa im Zen) will ich nicht bestreiten, ein solch „strenges“ Setting macht es für Ungeübte nur sehr schwer. Die absolute Stille sollte das Ziel sein; gezielte Körperbewegungen, Sprache und Gesang können aber der Weg sein, um sie zu erreichen. Setze ich mich unvorbereitet auf einen Stuhl, so fällt mir die Meditation schwer. Ganz anders nach einen Dhikr: Die Stille breitet sich dann wohlig in mir aus, und ich kann noch lange so sitzen und ihr nachspüren.</p>
<p>Aufgrund eigener Erfahrung und der Erkenntnisse der Gehirnforscher kann ich für regelmäßige spirituelle Übungen jetzt ein paar Empfehlungen geben:</p>
<p><strong>Was wichtig ist:</strong><br />
* Die Länge der Übungen. Sie beträgt idealerweise ca. 20-40 Minuten oder länger. Es ist erwiesen, „dass das Gehirn umso mehr Veränderungen durchmacht, je länger man betet oder meditiert.<br />
* Regelmäßigkeit. Möglichst täglich zu einer bestimmten Tageszeit über einen längeren Zeitraum, für den man sich verpflichtet. Dann die Ergebnisse auswerten.<br />
* Mindestens die Komponenten Entspannung, ruhige Atmung, Bewegung und Sprache oder Gesang (Mantra).<br />
* Eine persönliche Beziehung zum „Mantra“. Ich habe einmal mit einem nicht spirituellen, jedoch mir sympathischen Wort experimentiert: „Eichhörnchen“, das ich 100mal wiederholte. Interessanterweise wirkte es ausgezeichnet. Trotzdem meine ich: Unpassende Mantras schwächen die Motivation und vermitteln kein Gefühl der Geborgenheit.</p>
<p><strong>Was gern überschützt wird:</strong><br />
* Die Meditationshaltung. Unserem Gehirn und unserer Gesundheit ist es egal, ob wir unsere Beine im Lotussitz verknoten oder einfach auf einem Stuhl sitzen.<br />
* Die spirituelle „Ideologie“. Newberg und Waldman zeigten in eine Studie, dass der erzielte Nutzen der Mantras „Om Mani Padme Hum“ (Buddhismus), „Rama Rama“ (Hinduismus), „Herr, erbarme dich unser“ (Christentum) und „Schalom“ jeweils gleich war. Messungen an betenden Nonnen ergaben die gleichen neurologischen Veränderungen wie solche an meditierenden Buddhisten. Die Empfehlungen in diesem Artikel gelten unabhängig vom Wahrheitsgehalt der betreffenden Weltanschauungen. So könnte es sein, dass eine bestimmte indische Gottheit gar nicht existiert, dass aber ihr Mantra einen tiefen Entspannungszustand erzeugt. Ein Atheist könnte mit „La illaha ill’Allah“ starke Energieerfahrungen machen. Das Problem ist nur: Er wird wahrscheinlich nicht so lange durchhalten.</p>
<p><strong>Eine typische Übung, geeignet für fast alle</strong><br />
* Wähle ein Mantra, einen „heiligen Satz“, zu dem du eine Beziehung hast. Am besten mehrere, damit ein Zeitrahmen von ca. 30 Minuten ausgefüllt werden kann.<br />
* Wähle einen Ort in deiner Wohnung, an dem du täglich ungestört üben kannst. Ein Hausaltar mit für dich wichtigen Symbolbildern ist ideal. Gib dem Ritual einen Rahmen: Am besten zu Beginn eine Kerze entzünden, sie am Ende löschen. Ein Rosenkranz (egal welcher Herkunft) hilft, um die Wortwiederholungen zu zählen.<br />
* Komme zunächst an, setz dich auf einen Stuhl oder ein Kissen und entspanne deinen Körper vollständig. Atme mehrmals langsam und tief durch, bis du zur Ruhe gekommen bist.<br />
* Singe nun dein Mantra (monoton oder auch mit einer Melodie) und lass den Klang deinen ganzen Körper durchdringen. Verbinde das Mantra mit deinem Atemrhythmus, so dass eine Regelmäßigkeit entsteht. Kurze Phrasen können 108 x, längere auch nur 33 x oder 11 x wiederholt werden. (Ich habe hier einige „heilige Zahlen“ vorgeschlagen, die du aber abändern kannst.)<br />
* Nach einer Übungseinheit halte eine Weile inne, atme und spüre den Wirkungen nach. Dann gehe zum nächsten Wort, zum nächsten Satz oder Gebet über.<br />
* Füge ein persönliches Gebet an, wenn du möchtest, und sitze am Ende noch eine Weile ruhig da, um in die Stille einzutauchen, die entstanden ist.</p>
<p><strong>Erleuchtung nicht ausgeschlossen</strong><br />
Für bestimmte Meditationen, etwa buddhistische oder Transzendentale Meditation, existiert ein spezieller Glaubenshintergrund. Sie sind für die Gläubigen mehr als nur Methoden schnöder Gesundheitsprophylaxe. Auch versucht man in traditionellen Schulen die Erwartungen der Schüler meist zu dämpfen.  Sie werden auf längere Durststrecken vorbereitet und ermahnt, dass die Hoffnung auf ekstatische Meditationserfahrungen in der Zukunft das Sein im gegenwärtigen Augenblick beeinträchtigt. Dieses Konzept ist schlüssig, kann Anfänger auf dem Weg jedoch abschrecken. Der von mir vorgeschlagene Weg beruht auf einem klaren Handlungsplan, der jedoch individuell und frei gewählt ist. Er ermutigt Praktizierende zum Weitermachen, indem sich sofort und zuverlässig beglückende Energie-Erfahrungen einstellen.</p>
<p>Ziel aller Übungswege ist letztlich die Stille, die gegenstandslose, wortlose Meditation. Dies wissen auch die Sufis, die dem stillen Dhikr eine größere Tiefe zusprechen als dem lauten. Der heilige Bruder Konrad von Altötting soll gesagt haben: „Ich bete nicht, ich halte mein Herz einfach in die Liebe Gottes hinein.“ Das islamische und das von mir so genannte „christliche Dhikr“ können ein solches Gefühl erzeugen. Es ist aber auch möglich, vor einem anderen Glaubenshintergrund auf den Begriff „Gott“ zu verzichten und sich einer namenlosen „erfüllten Leere“ hinzugeben. Um solche Zustände zu erreichen, ist es jedoch zu empfehlen, sich zuerst an strukturierte Übungen zu gewöhnen, in den etwas „gemacht“ wird (singen, sprechen, atmen, bewegen). Die „Erleuchtung“ – keine Angst! – ist auch auf einem solch pragmatischen Übungsweg möglich. Newberg und Waldman schreiben: „Die Grenzen zwischen Gott und Mensch können durch eine Verringerung der Aktivitäten im Partiallappen über Meditation oder intensive Gebete aufgelöst werden. Man fühlt sich eins mit dem Objekt der Einkehr und seinem spirituellen Glauben.“</p>
<p><strong>Rosenkranz rehabilitiert</strong><br />
Haben also die „Muatterl“, die ich als Jüngling in einer bayerischen Kirche beobachtete, doch Recht gehabt? Steckt in ihrem einfachen Rosenkranz-Gebet mehr Weisheit als uns „spirituell Unabhängigen“ bewusst ist? Auf dem neuesten Stand der Wissenschaft befanden sich die Frauen allemal. In einer ihrer jüngsten Studien stellten Newberg und Waldman nämlich fest, „dass das rituelle Rosenkranzbeten sowohl Spannung wie auch Stress und Angst abbaut.“ Wenn während einer meiner Übungen ein junger Mensch am Fenster lauschen würde, dächte er vielleicht verächtlich: „Was ist das für ein brabbelnder Spießer?“ Er hätte Recht und auch wieder nicht. Der Weg verändert den, der ihn geht.</p>
<p>Buchtipp:<br />
Andrew Newberg, Mark Robert Waldman: Der Fingerabdruck Gotte, Kailash Verlag, 450 Seiten, Euro 19,95</p>
<p>Erstveröffentlichung dieses Artikels in dem empfehlenswerten österreichischen Magazin &#8220;Wege&#8221; <a href="http://www.wege.at">www.wege.at</a></p>
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		<title>Sind wir Schöpfer oder Marionetten?</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Mar 2012 09:52:25 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Neurowissenschaftler stellt die Existenz eines Freien Willens in Frage. Bilden wir uns nur ein, dass wir frei sind? Welchen Sinn machen Strafen, wenn niemand verantwortlich ist? Und erübrigt sich das Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung, wenn alles vorherbestimmt ist? Die Folgen einer «Abschaffung» des Freien Willens wären weit reichend. Die Forschungsergebnisse dazu sind jedoch vieldeutig. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/Marionette.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-8116" title="Marionette" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/03/Marionette-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Neurowissenschaftler stellt die Existenz eines Freien Willens in Frage. Bilden wir uns nur ein, dass wir frei sind? Welchen Sinn machen Strafen, wenn niemand verantwortlich ist? Und erübrigt sich das Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung, wenn alles vorherbestimmt ist? Die Folgen einer «Abschaffung» des Freien Willens wären weit reichend. Die Forschungsergebnisse dazu sind jedoch vieldeutig. Was tun? Im Zweifel für die Freiheit! (Roland Rottenfußer)<span id="more-8114"></span></p>
<p>«Who’s to blame?» sagen die Engländer, wenn sie nach einem Schuldigen suchen. Übersetzt heisst das etwa: «Wer kann beschimpft werden?» Das Bedürfnis, jemanden zu beschuldigen, sitzt tief. Das ganze Justizsystem mit unzähligen Arbeitsplätzen ist auf der Vorstellung aufgebaut, dass es für einen Schaden einen Verantwortlichen geben müsse. Schuld setzt voraus, dass sich jemand böswillig oder fahrlässig zu einer Tat entschieden hat. Was aber, wenn der freie Wille gar nicht existieren würde?</p>
<p>Gehirnforscher haben begründete Zweifel an unserer gängigen Alltagspsychologie. Schon Anfang der 80er wagte der US-amerikanische Neuropsychologe Benjamin Libet ein Aufsehen erregendes Experiment. Durch Messung elektrischer Hirnaktivitäten von Versuchspersonen, die willentliche Körperbewegungen ausführten, fand er heraus: Das so genannte Bereitschaftspotenzial, ein Hirnsignal, das die Vorbereitung motorischer Aktivität anzeigt, ging der bewussten Willensentscheidung um etwa eine Fünftelsekunde voraus. Das Gehirn hatte die Handlung eingeleitet, bevor sich die Person zu ihr «entschloss». Libet folgerte: «Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun!»</p>
<p>Zu ähnlichen Ergebnissen kam Daniel Wegner (Boston) 1999 bei einem Experiment, das unter dem Slogan «I Spy» in die Forschungsgeschichte einging. Dabei hatten zwei Versuchspersonen gemeinsam die Kontrolle über einen Cursor, der über den Bildschirm eines Computers wanderte und an bestimmten Stellen stoppte. Versuchspersonen bildeten sich nun oft im Nachhinein ein, die «Entscheidung» über einen bestimmten Stopp des Cursors getroffen zu haben. In Wirklichkeit hatte die andere Person entschieden, die vom Versuchsleiter über Kopfhörer instruiert wurde. Jüngere Untersuchungen (Dr. Chun Siong Soon 2008) deuten ebenfalls darauf hin, dass sich vorbereitende Gehirnaktivitäten zeigen, bevor einem Menschen eine Entscheidung bewusst wird.</p>
<p>Wenn mehrere Erklärungen für ein Geschehen möglich sind, betrachten wir uns gern selbst als die Ursache. So könnte man die beschriebenen Experimente deuten. Beruht die These vom Freien Willen also auf Wunschdenken, damit wir uns mächtiger fühlen können als wir es tatsächlich sind? Normalerweise wird eher der umgekehrte Vorwurf erhoben. Menschen drücken sich angeblich nur allzu gern vor der Verantwortung. Erhard F. Freitag, Starautor des so genannten Positiven Denkens, schreibt: «So manchem wäre es angenehm zu hören, es gäbe keinen freien Willen. Die liebste Rolle des Menschen scheint die des Opfers zu sein.»</p>
<p>Neben der Esoterik, die gern die These vertritt, wir seien gottähnliche Schöpfer unserer Realität, legt vor allem die Politik grössten Wert auf einen Freien Willen. Die Annahme, dass wir frei sind, gehört zum geistigen Überbau des Neoliberalismus. Die Ideologie der Eigenverantwortung dient Politikern als Vorwand, um den Abbau der Sozialsysteme voranzutreiben. Der für sein ökonomisches Schicksal selbst verantwortliche Einzelmensch wird in letzter Konsequenz sogar für seinen eigenen Untergang verantwortlich gemacht. Positives Denken und Neoliberalismus blasen insofern ins selbe Horn: Wer arm ist, hat Reichtum nur nicht intensiv genug visualisiert.</p>
<p>Ein zweiter Grund dafür, warum es einen Freien Willen geben «muss», ist das Strafrecht. Hier gibt es seit einigen Jahren Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die es nahe legen, die Frage der Schuld neu zu definieren. Gian Franco Stevanin z.B. brachte fünf Frauen um und zerstückelte ihre Leichen. Bei Untersuchungen seines Gehirns zeigte eine MRT-Aufnahme einen riesigen Flecken in Neocortex – Gewebeverlust. Eine drastische Veränderung des Sozialverhaltens ist unter solchen Umständen keine Überraschung. Aber es sind nicht immer solch auffällige Schäden im Spiel. Jana Buffkin und Vickie Luttrell von der Universität Springfield analysierten 17 Bild gebende Studien zu gewalttätigem Verhalten. Das einhellige Ergebnis: Psychopathen und Straftäter weisen Veränderungen in bestimmten Hirnregionen auf. Besonders häufig sind Schädigungen des Gefühlszentrums. Die Probenanden schauen sich z.B. grausame Filmszenen an, ohne dass sich im Gehirn Veränderungen zeigen.</p>
<p>Die Psychiaterin Dorothy Lewis untersuchte zum Tod Verurteilte auf Gehirnschäden. Ihre Schlussfolgerung: Das sitzen keine harten Jungs, sondern Kranke. Lewis fragt: «In welchem Ausmass muss unser Rechtssystem seine Kriterien für Schuldfähigkeit und mildernde Umstände modifizieren und Regeln annehmen, die mit den Befunden der Neurowissenschaft des 21. Jahrhunderts in Einklang stehen?» Diesbezüglich tut sich auf Seiten der Justiz wenig. Der Freie Wille ist dort Teil der Berufsphilosophie. Der Strafrechtler Prof. Reinhard Merkel widerspricht den Ergebnissen der Neurowissenschaft nicht. Er merkt jedoch an: «Es geht nicht nur darum, was der Gesetzesbrecher verdient, sondern auch um die Belange der Geschädigten. (…) Wenn eine Norm verletzt wurde, so muss der Staat etwas unternehmen, um ihre lädierte Geltung zu ‚reparieren’. Dieser symbolische Akt ist die Strafe.»</p>
<p>Viele würden ihm zustimmen, aber ein schlechter Nachgeschmack bleibt. Merkel selbst definiert mildernde Umstände so, dass der Beklagte in seinem «Anders-handeln-Können» eingeschränkt sei. Ist der Freie Wille aber nachweislich durch körperliche Ursachen beeinträchtigt, so erscheint es willkürlich, den Betroffenen dennoch «symbolisch» zu bestrafen. Mit der gleichen Begründung könnte man Tiere, Kinder oder schwer Geisteskranke für ihre Taten belangen.</p>
<p>Die These vom Freien Willen wirft zweierlei Fragen auf: 1. Ist sie wahr? 2. Macht sie aus uns bessere Menschen, als dies bei einer fatalistischen Weltsicht der Fall wäre? Es scheint bequem, sich seiner Verantwortung mit Hinweis auf «Vorherbestimmung» oder Gehirnschäden zu entziehen. Aber ist eine Weltanschauung schon deshalb falsch, weil sie bequem ist? Fatalisten leugnen ja nicht nur die Schuld, sondern auch das Verdienst. Wer sich von Gott oder einem Schicksal gelenkt fühlt, schreibt seine Leistungen nicht sich selbst zu. Augustinus lobte in einem seiner Gebete «Gott, von dem auf uns alles Gute herfliesst».</p>
<p>Bei den meisten Menschen regt sich Widerstand, wenn der Freie Wille angezweifelt wird. Dies scheint unserer Vorstellung von Würde und Selbstbestimmung zu widersprechen. Behauptet jemand, es gäbe keinen Freien Willen, so ist das, als wolle man die Existenz der Liebe bezweifeln. Beides ist naturwissenschaftlich schwer beweisbar. Beides fühlen wir nichtsdestotrotz. Sollten wir diese kollektive Intuition der Menschen nicht ernst nehmen? Jedenfalls können wir in einer Hinsicht beruhigt sein: Wissenschaftler sind sich über die Frage der Willensfreiheit keineswegs einig.</p>
<p>Die berühmten Experimente Benjamin Libets wurden von oberflächlichen Presseartikeln allzu begierig aufgegriffen und einseitig interpretiert. Libet selbst verstand sich als gemässigter Verfechter des Freien Willens. Er billigte diesem eine Vetofunktion zu. Der Mensch könne seinen Zeigefinger rechtzeitig stoppen, sei der Hirnaktivität also nicht hilflos ausgeliefert. Dies ist entscheidend, wenn es z.B. darum geht, ob jemand eine Waffe auf einen Menschen abfeuert. Zudem muss man voreilige Deutungen der Libet-Experimente anzweifeln. Wenn Hirnaktivitäten dem bewussten Willensimpuls vorangehen, so heisst dies nicht, dass ein Puppenspieler-Gott seine Finger im Spiel hatte. Eher ist ein «Unterbewusstsein» im Spiel, aus dem menschliche Handlungen hervorquellen. Aber dieses kann umgekehrt auch von unserem Wachbewusstsein beeinflusst werden.</p>
<p>Ein weiterer Einwand: Bei den Experimenten von Libet und seinen Nachfolgern wurden nur unbedeutende Entscheidungen getroffen, deren Ausgang den Probanden gleichgültig sein konnte. Sie hatten z.B. die Wahl, einen linken oder rechten Knopf zu drücken. Können wir daraus Rückschlüsse darauf ziehen, wie Menschen wichtige Lebensentscheidungen treffen – speziell wenn sie Zeit haben, das Für und Wider zu erwägen? Ein klarer Beweis, dass wir nicht frei entscheiden können, steht also noch aus.</p>
<p>Wie verhalten wir uns in einer solchen Pattsituation? Sicher ist die Menschheitsfrage «Freiheit oder Schicksal» nicht mit einem einfachen Entweder-Oder zu lösen. Ich glaube, dass wir einem Feld verschiedenster Einflüsse ausgesetzt sind: Eltern, Milieu, Vererbung, vielleicht auch den Sternen. Diese Einflüsse können für unser künftiges Verhalten aber nur Wahrscheinlichkeiten erzeugen. Wer das Konzentrationslager erdulden muss, wird wahrscheinlich daran zerbrechen. Es wäre zynisch, den Opfern mit Blick auf ihre Eigenverantwortung unser Mitgefühl zu verweigern. Andererseits gab es Ausnahmemenschen wie Victor Frankl, die es schafften, im KZ ihre Integrität zu bewahren und zu überleben. Sie zeigen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie die Umstände sind, sondern auch darauf, wie man sich zu ihnen stellt.</p>
<p>Ich verstehe unser Schicksal wie die Bahn eines Balls in einer Regenrinne. Die Schwerkraft zieht uns immer zur Mitte, zum wahrscheinlichsten und «normalen» Verhalten. Je weiter wir uns von der Mittellinie entfernen, desto mehr Kraft müssen wir aufwenden, um der Schwerkraft zu entkommen. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, können wir jedoch aus dem scheinbar Vorbestimmten ausbrechen. Von solchen grenzüberschreitenden Taten handeln alle Geschichten über Heldinnen und Helden.</p>
<p>Die Frage nach dem Freien Willen ähnelt der Frage nach der Existenz Gottes. Wir können es nicht wissen, also stellen wir eine Hypothese auf und handeln dementsprechend. Später prüfen wir, ob uns diese Entscheidung zu einem aktiven und glücklichen Menschen gemacht hat. Es mag sein, dass uns hundert «Gegenbeweise» täglich an unsere vermeintliche Machtlosigkeit erinnern. Dennoch spricht viel dafür, sich so zu verhalten, als wären wir frei. Das macht es uns leichter, die Chancen zu erkennen, die wir haben. Es entreisst uns der Lähmung, der Unterwürfigkeit und der passiven Hinnahme des Gegebenen.</p>
<p>Die Freiheit kann nicht nur als geistiger Überbau des Neoliberalismus missbraucht werden. Sie ist auch der Leitwert aller Rebellen. Die Geschichte zeigt, dass sich diejenigen, die sich einem Schicksal unterwarfen, nur allzu leicht der Obrigkeit unterordneten. Anpassung schien der gerade Weg der Kugel in der Regenrinne zu sein. Diejenigen, die etwas veränderten, waren immer die, die daran glaubten, dass ihre Entscheidung einen Unterschied machte. Und unsere Welt braucht so dringend Menschen, die sich die Freiheit nehmen, zu handeln. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wie gross oder klein unser Anteil der Freiheit ist – wir sollten ihn nutzen.</p>
<p>(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Schweizer«Zeitpunkt»: <a href="http://www.zeitpunkt.ch">www.zeitpunkt.ch</a></p>
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		<title>Sind Frauen die besseren Menschen?</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 09:42:36 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[In der neuen Ausgabe des Philosophie Magazins wird der Frage nachgegangen, ob die Frauen moralischer als die Männer sind und sich die Moral feminisiert hat. (Quelle: Telepolis) http://www.heise.de/tp/blogs/6/151565]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der neuen Ausgabe des Philosophie Magazins wird der Frage nachgegangen, ob die Frauen moralischer als die Männer sind und sich die Moral feminisiert hat. (Quelle: Telepolis)<br />
<a href="http://www.heise.de/tp/blogs/6/151565">http://www.heise.de/tp/blogs/6/151565</a></p>
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		<title>Dichter kritisiert Mohammed – Todesstrafe gefordert</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Feb 2012 09:50:22 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Der saudi-arabische Blogger Hamza Kashgari schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter drei kritische Beiträge über den Propheten Mohammed. Was dann folgte, zeigt die Menschenverachtung in dem islamischen Königreich. (Quelle: Spiegel online) http://nachrichten.t-online.de/saudi-arabien-drei-twitter-nachrichten-schon-droht-die-todesstrafe/id_53919024/index]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der saudi-arabische Blogger Hamza Kashgari schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter drei kritische Beiträge über den Propheten Mohammed. Was dann folgte, zeigt die Menschenverachtung in dem islamischen Königreich. (Quelle: Spiegel online)<br />
<a href="http://nachrichten.t-online.de/saudi-arabien-drei-twitter-nachrichten-schon-droht-die-todesstrafe/id_53919024/index">http://nachrichten.t-online.de/saudi-arabien-drei-twitter-nachrichten-schon-droht-die-todesstrafe/id_53919024/index</a></p>
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		<title>Erlaubt Gott auch das Schwulsein?</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 08:50:47 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Immer mehr Staaten erkennen homosexuelle Partnerschaften an. Viele Religionsvertreter halten das für falsch und sehen gar die Religionsfreiheit bedroht. Ein Grundkonflikt, der auch an anderen Beispielen deutlich wird. (Quelle: Publik Forum) http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/das-recht-die-moral-und-die-religion-online/1]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/EltonJohnEhemann.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/02/EltonJohnEhemann-150x150.jpg" alt="" title="EltonJohnEhemann" width="150" height="150" class="alignleft size-thumbnail wp-image-7818" /></a>Immer mehr Staaten erkennen homosexuelle Partnerschaften an. Viele Religionsvertreter halten das für falsch und sehen gar die Religionsfreiheit bedroht. Ein Grundkonflikt, der auch an anderen Beispielen deutlich wird. (Quelle: Publik Forum)<br />
<a href="http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/das-recht-die-moral-und-die-religion-online/1">http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/das-recht-die-moral-und-die-religion-online/1</a></p>
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		<title>Visionen – in Bewegung kommen</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 08:25:38 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Vision, das hat zunächst etwas mit dem Sehsinn zu tun, mit den Augen und den damit verbundenen Hirnarealen, in denen visuelle Reize verarbeitet werden. Dazu drängt sich ein Bild auf: Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken in die Weite. Von oben betrachtet ergibt sich eine neue Orientierung. Wir verlieren uns nicht im Geflecht des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/mountain-top-view.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/mountain-top-view-300x193.jpg" alt="" title="mountain-top-view" width="300" height="193" class="alignleft size-medium wp-image-7699" /></a>Vision, das hat zunächst etwas mit dem Sehsinn zu tun, mit den Augen und den damit verbundenen Hirnarealen, in denen visuelle Reize verarbeitet werden. Dazu drängt sich ein Bild auf: Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken in die Weite. Von oben betrachtet ergibt sich eine neue Orientierung. Wir verlieren uns nicht im Geflecht des täglichen Geschiebes und Getriebes dort unten, sondern überschauen die Welt, erkennen Zusammenhänge und Ziele: Dort liegt es, dort will ich hin. Wenn wir später wieder unten sind, wenn wir uns im Alltag mit Tunnelblick durchwuseln, wird es gut tun, sich an die Fernsicht von einst zu erinnern. (Quelle: Spuren, Schweiz)<br />
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		<title>«Der Schrei der Armen»</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 09:37:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7648" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-7648" title="leonardo_boff590" src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/leonardo_boff590-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Leonardo Boff</p></div>
<p>Im Christentum haben Kapitalismuskritik und sozialistisch anmutende Konzepte eine lange Tradition, die bis auf die Evangelien selbst zurückgeht. Die Kirchen haben sich in der Geschichte oft auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen. Dennoch ist der Funke der Solidarität mit den sozial Schwachen nie ganz erloschen und flammte in der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ des 20. Jahrhunderts wieder auf. (Roland Rottenfußer)<span id="more-7647"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Christus geht im Poncho einher“, lautet einer der Wahlsprüche der Basiskirchen im Norden Perus. Die Campesinos, Kleinbauern indianische Herkunft, betreiben in der unwirtlichen Gebirgslandschaft seit Generationen Ackerbau. Ein hartes Brot. Da kann sich jede Störung des gewohnten Ablaufs existenzbedrohend auswirken. Seit einigen Jahren haben die Campesinos im peruanischen Cajamarca nun Probleme mit der nahe gelegenen Yanacocha Mine, der größten Goldmine Südamerika. Der metallhaltige Dampf aus den Bergwerken legt sich als rostbraune Schmiere auf die Felder. Dann sterben die Kühe.</p>
<p>Die Campesinos haben begonnen, sich zu wehren. Unterstützt wurden sie dabei bis vor kurzem von einer Kirche, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil für die Rechte der Armen stark machte. Der legendäre Bischof José Dammert Bellido hatte in Cajamarca bis zu seiner Berentung im Jahr 1992 eine selbstbewusste indianische Kirche aufgebaut. Er hatte 3000 Campesinos zu Gemeindehelfern ausgebildet, die zum Teil priesterliche Funktionen wie Bibellesungen und Taufen wahrnahmen. Der mutige Priester Marco Arana setzte das Werk des Bischofs fort und gründete die Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung „Grufides“. Mit zahlreichen gewaltfreien Aktionen unterstützte er die Bauern in ihrem Kampf gegen die Minenbetreiber.</p>
<p>Doch Marco Arana muss sich seit kurzem mit Morddrohungen auseinandersetzen. Schon sechs Campesinos sind, vermutlich von Sicherheitskräften der Minen, ermordet worden. Die Gewalttätigkeiten haben zugenommen, als Ortsbischof Lázaro dem ihm unterstellten Priester Arano in den Rücken fiel. Der Bischof hatte bei seinem Amtsantritt 2004 angekündigt, den „Saustall“ auszumisten. Insider berichten, dass er sich jedes Jahr von den Goldminen-Betreibern ein Auto habe schenken lassen. Bischof Lázaro verfasste einen Hirtenbrief, in dem er mehrere engagierte Priester aufforderte, ihre „Agitation“ sofort einzustellen und sich auf ihre „eigentlichen priesterlichen Aufgaben zu beschränken.“</p>
<p><strong>Was sind die „eigentlichen priesterlichen Aufgaben“?</strong> Zweifellos prallen in Peru zwei Auffassungen von Kirche aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Traditionen der Bibeldeutungen, die einander seit den Ursprüngen des Christentums gegenseitig bekämpfen. Der Verbindung von Thron und Altar, wie sie sich seit dem römischen Kaiser Konstantin anbahnte, kirchlichem Prunkt und weltlicher Machtentfaltung der Päpste stand eine Strömung des sozial engagierten Christentums gegenüber, die sich auf das Armutsgebot bestimmter Stellen des Evangeliums berief.<br />
Als unwissentlicher Begründer und Bezugspunkt jeder Art von „linker Theologie“ gilt der Evangelist Lukas. In seinem Evangelium, geschrieben ca. zwischen 80 und 90 n. Chr., sind – verglichen mit Matthäus, Markus und Johannes – auffällig viele Textstellen überliefert, in denen die soziale Differenz zwischen Arm und Reich Thema ist. Die berühmte Weihnachtsgeschichte mit ihrer Stall- und Krippen-Romantik ist ausschließlich im Lukas-Evangelium überliefert. Sie verlegt die Geburt des Herrn (was historisch nicht verbürgt ist und vielfach bezweifelt wird) in ein „Unterschichten-Milieu“, inmitten der Tiere des Feldes und der einfachen Leute (Hirten). Der Gottessohn auf Stroh gebettet – hier findet der Mythos vom Abstieg Gottes in die „Niedrigkeit“ des Menschlichen einen sinnfälligen und überaus populären Ausdruck.</p>
<p>Schon vor Jesu Geburt allerdings wird bei Lukas Sozialrevolutionäres verkündet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“, heißt es da über Gott Vater. „Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.“ (Lukas 1, 51) Die linke Revoluzzerin, die dies verkündet, ist keine Geringere als Maria, die Mutter Jesu. In der reichen Tradition der Marienverehrung gerade im Katholizismus spielt dieser aggressive Aspekt Marias gegenüber ihren sanften Eigenschaften (Gnade und Milde) nur eine geringe Rolle. Es handelt sich bei Marias „Lobsang“ um eine typische Rollentauschfantasie, die im Weiteren die Rhetorik des Lukas-Evangeliums prägen wird. Die Armen sollen im „Reich Gottes“ in die Position der Reichen versetzt werden, und umgekehrt.</p>
<p>In der Lukas-Version der Bergpredigt heißt es: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier hungert; denn ihr sollt satt werden. (…) Weh euch Reichen! denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr hier satt seid! denn euch wird hungern.“ (Lukas, 6, 20-24). Weiter hinter im Evangelium die Warnung vor Habgier: „Sehet zu und hütet euch vor Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lukas 12, 15). Im Gleichnis „Reicher Mann und armer Lazarus“ findet sich der Reiche nach seinem Ableben in einem qualvollen Totenreich wieder und muss mit ansehen, wie es sich der ebenfalls gestorbene Arme in „Abrahams Schoß“ gut gehen lässt. (Lukas, 16, 19). Natürlich ist da auch die Geschichte von dem Reichen zu erwähnen, dem Jesus rät, alles, was er hat den Armen zu geben. „Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“ (Lukas, 18, 25).</p>
<p><strong>Eine solche Häufung sozial engagierter Textstellen</strong> hat Lukas den Ruf eines „Evangelisten der Armen“ und „sozialistisch denkenden Schriftstellers“ eingebracht. Tatsächlich geht es Jesus im Lukas-Evangelium aber nicht um eine Idealisierung unfreiwilliger Armut, sondern um das Ideal des freiwilligen Besitzverzichts als Voraussetzung für Jüngernachfrage – die Hingabe des „Ego“, um es mit Begriffen einer neueren Spiritualität zu sagen. Der De-facto-Kommunismus und die Besitzlosigkeit der Jüngergemeinschaft Jesu wurden zum Vorbild für besitzlose Mönchsgemeinschaften und Armutsbewegungen im späteren Christentum. Reiche indes werden dazu ermahnt, die Anhaftung an materiellen Gewinn als Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu verstehen. Sie sollen Schulden erlassen, zu Unrecht angeeignetes Gut zurückgeben und generell einen großen Teil ihres Besitzes den Armen spenden. Diese Anweisungen sind zunächst „spirituelle Therapie“ für die Reichen, aber auch der Entwurf einer fundamentalen Sozialordnung, die – im Gegensatz zur modernen Wirtschaftsordnung – geeignet ist, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.</p>
<p>Besonders deutlich werden diese beiden Aspekte in der Geschichte vom Zöllner Zachäus, dem Jesus auftrug, die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben und Menschen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückzugeben. (Lukas 19, 8). Zachäus ist der Prototyp des Ausbeuters, des Feindbilds aller Sozialisten. Steuerpächter im damaligen Judäa waren Eintreiber für den römischen Staat, schlugen aber auf die von Rom geforderte Summe oft noch ein Vielfaches drauf, um sich so an der Bevölkerung des eigenen Landes schamlos zu bereichern. Zachäus ist ein schönes Beispiel für die Umkehr eines Sünders und für Vergebung. Es wäre aber sicher ein Missverständnis, wenn sich die Kirchen mit Hinweis auf Zachäus mit ausbeuterischen Strukturen verbünden würden und dabei die Tatsache, dass es sich dabei um Sünde handelt sowie die Notwendigkeit der Umkehr unter den Tisch fallen ließen. Man kann durchaus sagen, dass „linke“ Interpretationen des Evangeliums eine Grundlage haben. Jesus spricht den Reichen das moralische Recht ab, ihren Besitz nur deshalb zu behalten, weil sie formaljuristisch Anspruch darauf erheben können.</p>
<p><strong>Es ist unmöglich, hier einen Gesamtüberblick über die sozial engagierten Strömungen der Kirchengeschichte zu geben</strong>, die sich an das Lukas-Evangelium anschließen. Berühmt ist etwa die „Rede an die Reichen“ (370 n. Chr.) von Basilius, Erzbischof von Caesarea: „Genauso sind die Reichen: Sie betrachten die Güter, die allen gehören, als ihr privates Eigentum, weil sie sich diese als erste angeeignet haben. Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst; den Nackten der Mantel, den du in der Truhe versteckst; den Armen das Geld, das du vergräbst“. Bei dem „vergrabenen“ Geld kann man heute durchaus an auf Bankkonten gehortetes, dem Umlauf entzogenes Geld verstehen. Basilius’ Zeitgenosse, der griechische Bischof Grogor von Nyssa, sprach sogar explizit die Problematik des Zinses an: „Was ist für ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen (…), oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitzt nimmt, was einem nicht gehört?“<br />
Ein großer Erneuerer des Armutsgebots, wie es vor allem aus dem Evangelium des Lukas herausgelesen werden kann, war Franz von Assisi (1181-1226). In seiner Geburtstadt ist noch heute eine graue, zerrissene, mehrfach geflickte Kutte zu besichtigen, extremer Ausdruck seiner uneitlen, allem Weltlichen abgewandten Geisteshaltung. Franz von Assisi war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Als ihn seine ebenfalls aus der „Oberschicht“ stammenden Freunde einmal allein und nachdenklich in einer Gasse vorfanden, fragten sie, ob er daran dächte, „ein Weib zu nehmen“. Franz soll geantwortet haben: „Ich gedenke mir eine Braut zu nehmen, diese ist aber viel edler, reicher und schöner, als Ihr zu denken und Euch vorzustellen vermöget.“ Diese Braut war die Armut.</p>
<p>Franz verkaufte alles, was ihm im väterlichen Haus gehörte, für den Wiederaufbau einer verwahrlosten Kapelle bei Assisi. Als sein Vater ihn dafür öffentlich zur Rede stellte und drohte, ihn zu enterben, entkleidete sich Franz vollständig und gelobte, von nun an nur noch Gott anzugehören. Franz – und in seiner Nachfolge die Orden der Franziskaner und der Klarissinnen – haben seither unzählige soziale Projekte auf den Weg gebracht und sind ihrem Gelübde persönlicher Bedürfnislosigkeit immer treu geblieben. Dabei ist die starke Ausstrahlung des Franz von Assisi sicher u.a. seiner überlieferten Herzensfröhlichkeit zu verdanken – schlagender Beweis dafür, dass eine konsequent immaterielle Lebenseinstellung sehr wohl ein erfülltes Leben zu begründen vermag.</p>
<p><strong>Die armen Franziskaner waren so auch eine beständige lebende Provokation</strong> für eine zunehmend prunksüchtige Kirche, die die soziale Botschaft des Evangeliums eher „wegzuinterpretieren“ suchte. Eine literarische Spur dieses Zwiespalts finden wir in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. In diesem berühmten Mittelalter-Roman wird eine Debatte zwischen Vertretern des Franziskanerordens und einer Gesandtschaft des Papstes Johannes XXII. beschrieben, die sich um die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit der Armut der Kirche dreht. Doch kehren wir zurück in die Moderne.</p>
<p>Einen wesentlichen Schub erhielt die politisch engagierte Kirche nach der kubanischen Revolution von 1959 mit der Entstehung der so genannten „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika. Es war zunächst eine Bewegung der Armen selbst, landloser Bauern und Slumbewohner, die aus der Bibel eine Botschaft der Befreiung von Not und Unterdrückung herauslasen. Sie interpretierten die biblischen Geschichten, etwa den Auszug der Juden aus Ägypten, als etwas, das unmittelbare Konsequenzen für ihren Alltag hatte. Die Kirchenhierarchie verhielt sich gegenüber den Bestrebungen der Basis von Anfang an zwiespältig. Ein Teil des katholischen Klerus stellte sich traditionell eng an die Seite der Mächtigen und Besitzenden.</p>
<p>Auch in anderen Ländern der Erde wurde die Verbindung aus Christentum und Politik als schlagkräftiges Instrument gesellschaftlicher Veränderung entdeckt. Der Rückgriff auf die spirituelle Kraft biblischer Aussagen diente dazu, den berechtigten Ansprüchen der Armen und Unterdrückten Nachdruck zu verleihen, ihren Mut anzuspornen, aber auch Gewalt zu verhindern. So gab sich der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King „überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, geistlich gesehen schon vom Tod gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet. (…) Eine Religion, die beim Individuum endet, ist am Ende.“ Wenn man Martin Luther King erwähnt, muss man in der Geschichte noch weiter zurückgehen und Kings großes Vorbild Gandhi würdigen, einen Mann, der – ohne christlich erzogen zu sein – politische Durchsetzungsfähigkeit mit großer spiritueller Überzeugungskraft verband. Über das Verhältnis von Politik und Religion sagte Gandhi in seiner Autobiografie, es gäbe für ihn „keine Politik, die nicht zugleich Religion wäre. Politik dient der Religion. Politik ohne Religion ist eine Menschenfalle, denn sie tötet die Seele.“</p>
<p>Seit den 70er-Jahren stellten sich Theologen wie Gustavo Gutiérrez (von dem der Begriff „Teologia de la liberación“ stammt), Ernesto Cardenal und Leonardo Boff demonstrativ hinter die christlichen Basisbewegungen in Lateinamerika. Sie schufen mit Schriften wie „Schrei der Armen“ (Leonardo Boff) ein theoretisches Fundament, empfanden sich aber nicht als Begründer der Bewegung, sondern als deren Sprachrohr. Die Befreiungstheologen verstanden die Erlösungsbotschaft der Bibel nicht ausschließlich in einem transzendenten Sinne, sondern fanden in ihr eine weltlich-ökonomische, ja sozialrevolutionäre Botschaft. So kamen sie nicht umhin, auch die Kirchenhierarchie zu kritisieren der sie vorwarfen, durch Verdummung der Armen den Ausbeutungsinteressen der Besitzenden zu dienen. In Deutschland gipfelten die Aktivitäten der Sympathisanten der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung in der Aussage des Theologen Helmut Gollwitzer: „Christen müssen Sozialisten sein“. Gollwitzer war auch ein Freund und Förderer von Rudi Dutschke, dem Anführer der 68er-Studentenbewegung in Berlin.</p>
<p><strong>Jon Sobrino, einer der populärsten Befreiungstheologe</strong>n, der seinen Lebensmittelpunkt seit 1957 in El Salvador hat, drückte die Auffassung der Befreiungstheologie besonders prägnant aus: „An Gott glauben bedeutet, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren.“ Sobrino war auch Berater des 1980 von einer Todesschwadron ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Hinter dem Mord standen vermutlich Militärberater aus den USA. Romero hatte in seiner letzten Predigt vor seiner Ermordung gesagt: „Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der wider das Gesetz Gottes gerichtet ist. (&#8230;) Ich bitte euch, ich flehe euch an, ich befehle euch im Namen Gottes – hört auf mit der Unterdrückung!“</p>
<p>Der Brasilianer Leonardo Boff wurde 1985 vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zu einem Jahr des Schweigens verurteilt und später aller kirchlichen Funktionen enthoben. Ratzinger warf Boff u.a. vor, dass Jesus Christus nach dessen Ansicht keine bestimmte Kirchengestalt befohlen habe, so dass andere als das katholische Kirchenmodell aus dem Evangelium heraus denkbar würden. Ferner dass Offenbarung und Dogma bei Boff nur eine untergeordnete Rolle spielten und dass er den historischen Machtmissbrauch der Kircheninstitution unnötig polemisch und respektlos beschrieben habe. In seiner Rechtfertigung gegenüber der Glaubenskongregation sagte Boff: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“</p>
<p><strong>In den 90er-Jahren startete Leonardo Boff</strong> ganz im Sinne der Grundsätze der Befreiungstheologie scharfe Angriffe gegen die sich ausbreitende Ideologie des Neoliberalismus: „Die Befreiungstheologie ist in den sechziger Jahren aus dem Schrei der Armen hervorgegangen. Dieser Schrei erklingt bis heute. Und er wurde zum lauten Aufschreien, weil es nicht mehr nur die Dritte Welt betrifft, sondern zwei Drittel der Menschheit. Nicht nur die Armen schreien, sondern auch die Schöpfung, unsere Erde, die ausgeplündert wird. In den 90er-Jahren geht es nicht um die Befreiung, sondern um die soziale Ausschließung als Folge der neuen Produktionsweisen, des Weltmarktes und des Neoliberalismus.“</p>
<p>Und Boff vermerkt mit bitterer Ironie: „Hält diese Entwicklung an, verlieren die Armen ihr Privileg, ausgebeutet zu werden. Sie werden einfach ausgeschlossen, für nichts erklärt, und wie beispielsweise die brasilianischen Straßenkinder von Todesschwadronen wie lästige Hunde erschossen.“ In einem anderen Interview sagte der streitbare Theologe: „Ich glaube, dass Veränderung möglich ist, weil ich keinen Gott annehmen kann, der sich dieser Welt gegenüber indifferent verhält, sondern nur einen, der sich den Armen, den Leidenden zuwendet. Seine Gnade gibt Kraft zum Widerstand, Kraft zur Befreiung.“ Die Theologie müsse „offen sein für solche Herausforderungen, für den Schrei der Armen. Sonst bleibt eine Kluft zwischen der Welt des Glaubens und der konkreten politischen Wirklichkeit.“</p>
<p><strong>Wie steht es aber um das sozial engagierte Christentum in unseren Breiten</strong>, in den zunehmend von einer neuen Armut bedrohten „reichen“ Ländern des Westens? Hier bekamen die gegenüber dem Kapitalismus kritischen Kräfte Zuspruch von unerwarteter Seite. Heiner Geißler, der früher als konservativer Hardliner verschriene ehemalige Generalsekretär der CDU stellte in seinem Buch „Was würde Jesus heute sagen?“ die unkonventionelle Frage: „Dürfen Kapitalisten sich Christen nennen?“ Geisslers Antwort: „Wer den Börsenwert und den Aktienkurs eines Unternehmens verabsolutiert und nur noch die Kapitalinteressen ökonomisch gelten lässt, gehört zu den Menschen, die, wie Jesus sagt, viel Geld besitzen und für die es schwer sein wird, in das Reich Gottes zu kommen.“</p>
<p>Über die „Pharisäer“ in seiner eigenen Partei sagte der ehemalige Jesuitenschüler Geißler: „jeden Sonntag (…) feierlich in die Kirche zu gehen, als politischer Schausteller sozusagen (…), aber gleichzeitig tiefe Einschnitte ins soziale Netz, die Kürzung der Sozialhilfe zu verlangen, den Kündigungsschutz abzuschaffen, Lohndumping als Wettbewerbselement zuzulassen, statt einer Bürgerversicherung das Risiko von Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu privatisieren und auf den Kapitalmarkt zu verfrachten, ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern führt wie in den USA zu einer Spaltung der Gesellschaft und ist mit der Botschaft des Evangeliums nicht zu vereinbaren.“</p>
<p>Heiner Geißler gibt auch eine aufschlussreiche Deutung der berühmten Geschichte vom Zinsgroschen. Im Lukasevangelium wird Jesus von Pharisäern gefragt: „Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Die Frage war politisch brisant, weil die falsche Antwort Jesus als Gegner der römischen Besatzung geoutet hätte. Jesus’ Antwort ist bekannt: Sie wird normalerweise übersetzt mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“. Heiner Geißler weist nun darauf hin, dass im griechischen Urtext des Evangeliums das Wort „apodote“ für den Vorgang des Gebens verwendet wird. „Apodote“ heißt aber eigentlich „zurückgeben“, also: „Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist.“ Geißler deutet diesen Satz als Aufforderung an die Juden, sich von der Währungshoheit der Römer zu lösen und das Geld des Kaisers (inklusive dem damit verbundenen Machtanspruch) zurückzuweisen. Demnach wäre die Bibelstelle nicht, wie oft argumentiert wurde, eine Aufforderung an die Kirche, Geistliches und Weltliches sorgfältig zu trennen und sich mit den Mächtigen zu arrangieren.</p>
<p><strong>Ein beredtes Beispiel für den Geist der Befreiungstheologie</strong> in Deutschland ist ein Aufsatz des evangelischen Theologen Ulrich Duchrow, der in Carl Amerys äußerst lesenswertem Sammelband „Briefe an den Reichtum“ veröffentlicht wurde. Duchrow gestaltet seinen Beitrag als fiktiven Briefwechsel zwischen zwei erfundenen Figuren: dem Argentinischen Bischof Teofilo Lucano und dem deutschen Bischof Justus Zumkehr. Der Argentinier gibt zu Protokoll: „Es geht nicht etwa um Armut als solche. Vielmehr geht es um Reichtum, der arm macht. Es geht um Mechanismen der Bereicherung, die als naturnotwendig erklärt und somit vergötzt werden. Armut ist die Folge. Darum kann es die Kirche nicht vermeiden, in Konflikt mit diesem Reichtum zu geraten. Nur so kann sie mitwirken, die Ursachen der gegenwärtigen Misere anzupacken. Bekanntlich reicht es nicht, die unter die Räuber Gefallenen zu versorgen. Man muss sich um die Räuber kümmern und sogar um die Ursachen dafür, dass und warum es Räuber gibt.“</p>
<p>Teofilo Lucano (bzw. Ulrich Duchrow) präzisiert dann seine ökonomische Analyse. Die Ausbeutungsmechanismen hätten „mit der Einführung des Privateigentums zu tun – nicht im Sinn von Gebrauchseigentum, sondern von Eigentum, mit dessen Hilfe man nach Marktgesetzen Vermögensvermehrung betreiben kann. Der Zusammenhang von verabsolutiertem Verfügungseigentum – Zins – Geld – Verlust des verpfändeten Landes/Schuldsklaverei auf der einen und wachsender Großgrundbesitz mit Bewirtschaftung durch Sklavenarbeit auf der anderen Seite – ist also strukturell ein Mechanismus, der den Segenskreislauf umkehrt und damit zwingend in Gegensatz zu Jahweh gerät.“ Er zitiert dann die Bibel: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (natürlich bei Lukas, 16,13). Die Befreiung der Reichen vom Mammonismus sei psychologisch gesprochen „Suchttherapie.“</p>
<p>Der Text wird in der ökonomischen Theorie äußerst konkret und kritisiert die Kirchen für ihre Praxis, von Zinsen auf Geldanlagen zu profitieren: „Wenn hingegen die Zins- über der Wachstumsrate liegt, raubt der Geldvermögensbesitzer den anderen am Wirtschaftsprozess Beteiligten, also vor allem den Arbeitenden, den gerechten Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten. (…) Das Argument, die Kirchen bräuchten die Zinseinnahmen zu marktüblichen Bedingungen (…), ist gleichbedeutend mit der plausiblen Aussage, Räuber brachten ja auch etwas als Lebensunterhalt.“ Autor Duchrow setzt noch eins drauf: „Neutralität in einem asymmetrischen System bedeutet Parteinahme für die Seite der Macht und des Reichtums. Wenn die Kirche Kirche sein will, muss sie sich an die Seite Gottes stellen. Und Gott holt die Mächtigen vom Thron und hebt die Niedrigen aus dem Staub.“</p>
<p><strong>Ist der Vorwurf der Parteinahme für die Seite der Macht berechtigt? </strong>Wie es scheint, hat sich die ablehnende Haltung des Vatikans gegenüber sozialreformerischen und kapitalismuskritischen Bestrebungen innerhalb der Kirche seit den 80er-Jahren und dem Lehrverbot für Leonardo Boff nicht wesentlich verändert. Wer auf einen altersmilde gewordenen Benedikt XVI. gehofft hatte, sah sich schwer enttäuscht, als der „bayerische Papst“ erst im März 2007 gegen den Befreiungstheologen Jon Sobrino eine scharfe Lehrverurteilung aussprach. Der 68-jährige verbreite in einigen seiner Bücher „erhebliche Abweichungen von Glauben und Kirche“ und könne somit bei den Gläubigen „großen Schaden anrichten“. Er betone zu sehr die Solidarität mit Armen und Unterdrückten und zu wenig den Glauben und die Erlösung durch Jesus Christus. Außerdem unterstreiche Sobrino zu sehr den menschlichen Charakter Jesu und vernachlässige dessen Göttlichkeit. Mit einem Entzug der Lehrerlaubnis ist der Rüffel aus dem Vatikan vorerst nicht verbunden.<br />
Wird Jesus also weiterhin in Gold und Purpur gekleidet? Oder läuft er, wie die peruanischen Campesinos meinen, „im Poncho einher“, in der Tracht des einfachen Volkes? Findet man ihn im Bischofsornat oder eher in der zerrissenen Kutte Franz von Assisis oder in dem selbstgesponnenen Baumwollgewand Mahatma Gandhis? Wird die Theologie der Zukunft die göttliche oder die menschliche Natur Christi in den Vordergrund stellen? Und selbst wenn er göttlich war, entbindet dies die Kirchen von ihrer Pflicht zur Fürsorge für die Armen, die gegebenenfalls auch Frontstellung gegenüber ungerechten Bereicherungsmechanismen bedeutet? Sollte ein ferner transzendenter Gott weiter auf Kosten der Menschen und an ihnen vorbei verehrt werden? Oder bedeutet „Menschwerdung Gottes“ nicht gerade, dass der hohe ethische Grundsatz der Nächstenliebe gleichsam auf die Erde herabgestiegen ist, um hier in unserem praktischen Unfeld konkrete Wirklichkeit zu werden?</p>
<p>Der Konflikt zwischen dem sozialreformerischen Priester Marco Arana und seinem konservativen Bischof Lázaro im peruanischen Cajamarca schwelt indes noch immer, und sein Ausgang ist offen. „Meine Mitarbeiter und ich sind zum Abschuss freigegeben“, sagte Arana und fürchtet angesichts der Brutalität der Minenbetreiber und der mangelnden Solidarität der staatlichen und kirchlichen Machthaber um sein nacktes Leben. Der Würzburger katholische Theologieprofessor Elmar Klinger schrieb Bischof Lázaro denn auch einen gesalzenen Brief, in dem er ihn aufforderte, mehr Mut zu zeigen. „Seien Sie der Bischof der Kirche des Volkes Gottes in Cajamarca! Sie werden dadurch Nachteile erleben, aber sich Schätze im Himmel sammeln.“</p>
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		<title>Engagierte Spiritualität</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 12:48:49 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Politik (Ausland)]]></category>
		<category><![CDATA[Politik (Inland)]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Rottenfußer]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_7490" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat.jpg"><img src="http://hinter-den-schlagzeilen.de/wp-content/uploads/2012/01/ThichNhat-150x150.jpg" alt="" title="ThichNhat" width="150" height="150" class="size-thumbnail wp-image-7490" /></a><p class="wp-caption-text">Thich Nhat Hanh</p></div>Die alten Grabenkämpfe zwischen der politischen „Linken“ und den Vertretern einer spirituellen „Innerlichkeit“ müssen beendet werden. Sie nützen nur denjenigen, die an einer – im doppelten Wortsinn – unbewussten Bevölkerung interessiert sind. Eine undogmatische, mystische Spiritualität ist ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch. Man könnte mit ihr in jeder Hinsicht Staat machen. Anmerkung: Ich wiederhole hier einen Artikel aus dem Jahr 2006, auch um Fragen zu beantworten, die in letzter Zeit von Lesern kamen: ob wir nun unter die esoterischen Wirrköpfe gegangen seien oder noch politische Kämpfer, wie es sich gehört. (Roland Rottenfußer)<br />
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<p>Politik und Spiritualität – geht das zusammen? In einer säkularisierten Gesellschaft verbinden viele mit spirituell inspirierter Politik eher Horrorvorstellung. Die jahrtausende alte unheilige Allianz von Thron und Altar kommt ins Blickfeld, Kirchensteuer und das Prinzip „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Man kann dabei auch an den betenden George Bush denken, an den islamischen „Gottesstaat“ der Ayatollahs oder eine „christlich-soziale“ Politik, die mit „christlich“ und „sozial“ ungefähr so viel zu tun hat, wie das Orwellsche „Wahrheitsministerium“ mit der Wahrheit.</p>
<p>Ich selbst habe mich, was spirituelle Politik betrifft, vor einigen Jahren eher als Spötter hervorgetan und in einer Satire das Zerrbild einer esoterischen Partei entworfen. „Sozialhilfe abschaffen, der Reichtum ist in dir“ lautete der Slogan dieser imaginären Partei. Auf den Sozialämtern wurden statt Geld Positiv-Denken-Ratgeber ausgegeben, die den „Weg vom Mangelbewusstsein zum Füllebewusstsein“ aufzeigen sollten. Außerdem war jene Partei von einem antidemokratischen Elitarismus beseelt: „Es kann keine Gleichheit der Rechte geben zwischen uralten Seelen und solchen, die noch im Stadium der Kindheit verharren“. Völlig aus der Luft gegriffen war meine Satire leider nicht. Sie war einer Realität abgelauscht, in der Extrem-Esoteriker sogar so weit gehen, Armut, Hunger und Holocaust als pränatal frei gewähltes (karmisches) Schicksal zu bezeichnen.</p>
<p><strong>Wer spirituell ist, muss politisch sein</strong></p>
<p>Über „rechte Esoterik“ gibt es eine Reihe von Veröffentlichung, z.B. von Roman Schweidlenka oder von der streitbaren Ex-Grünen Jutta Ditfurth („Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-) Faschismus und Biozentrismus“). Diese Aufklärungsarbeit hat, obwohl sie leider in vielen Fällen mit Polemik und eher schikanösen Argumentationsmustern arbeitet, durchaus ihrer Verdienste. Ein waches Bewusstsein gegenüber den Gefahren einer „rechten“, inhumanen oder autoritär-faschistoiden Esoterik ist immer geboten. Dennoch habe ich mich als Redakteur des spirituellen Monatsmagazins „connection“ fünf Jahre lang vehement dafür eingesetzt, dass es zu einer Zusammenarbeit der „feindlichen“ Brüder Spiritualität und Politik kommen möge. „Wer spirituell ist, muss meines Erachtens politisch sein“, schrieb ich 2003. Und umgekehrt: „Allzu lang haben wir die Politik Menschen ohne spirituelles und ethisches Fundament überlassen  – und dementsprechend sieht unsere Welt heute aus.“</p>
<p>Wie komme ich zu solchen Aussagen? Mit großem Interesse habe ich erst unlängst eine Textpassage des Dalai Lama gelesen, in der dieser ähnlich argumentiert: „Es gibt eine philosophische Meinung, die Moralisten davor warnt, sich in Politik einzumischen, weil diese der ethischen und moralischen Grundsätze entbehre. Diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge, denn eine Politik ohne ethische Grundsätze dient nicht dem Wohl und Nutzen des Menschen.“ Und weiter: „Man hört des öfteren von spirituellen Menschen, dass sie die Vermischung von Politik und Religion mit Sorge erfüllt, da sie eine Verzerrung der Ethik durch Politik und dadurch eine Verunreinigung der Religion befürchten. Solche Überlegungen sind nicht nur selbstsüchtig, sondern auch in sich widersprüchlich. Alle Religionen sind ja dazu da, dem Menschen zu dienen und zu helfen, und mit jeder Abgrenzung von Religion gegen Politik gibt man ein machtvolles Instrument preis, das im Sinne des sozialen Wohlergehens der Menschen wirken soll.“<br />
<strong><br />
Hat der Weg ein Herz?</strong></p>
<p>Der Dalai Lama oder auch Mahatma Gandhi können durchaus als ermutigende Beispiele für eine Verbindung politischen Einflusses mit spiritueller Tiefe gelten. Auch das soziale Engagement von Persönlichkeiten wie Franz von Assisi oder der zeitgenössischen „Kuschelmeisterin“ Amma (Mata Amritanandamayi), die für unzählige karitative Hilfsprojekte in aller Welt verantwortlich zeichnet, kann kaum geleugnet werden. Dass es ebenso viele – wenn nicht mehr – Gegenbeispiele für misslungene „polit-spirituelle“ Experimente gibt, will ich nicht bestreiten. Die Frage ist nur welche Schlüsse wir daraus ziehen und welche Tendenz wir künftig fördern wollen: eher die strikte Trennung der beiden Welten oder den Versuch einer Annäherung, eines wachsenden gegenseitigen Verständnisses.</p>
<p>Zunächst müssen wir sauber trennen zwischen Religion (dem institutionalisierten, durch Schriften, Priester und Organisationen vermittelten Gottesbezug) und Spiritualität, einer Form von Geistigkeit, die ihren Sitz im Inneren des einzelnen Menschen selbst hat. Religion begrenzt uns, weil sie versucht, uns in ein – vermeintlich gottgegebenes und somit unantastbares – Ordnungssystem einzubinden. Spiritualität dagegen befreit, weil sie uns mit unserem innersten Selbst in Kontakt bringt, das uns in dem Maße, wie wir es erschließen, von allen weltlichen Bindungen unabhängig macht. Wir müssen ebenso zwischen Esoterik (Geheimwissen, beschränkt auf einen „inneren Kreis“) und Exoterik (nach außen hin praktizierte Religion) unterscheiden. Und schließlich müssen wir uns fragen: Wer praktiziert einen bestimmten spirituellen Weg und wie geschieht dies? Wird ein Schritt in Richtung Befreiung gegangen oder in Richtung „selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Immanuel Kant), fördert Spiritualität einen mitfühlenden und unterstützenden Umgang mit anderen Wesen oder verhärtet sie uns, führt uns zu einem vielleicht lediglich egozentrischen Erleuchtungsstreben? Mit einem Wort des spirituellen Kultautors Carlos Castaneda könnte man all diese Fragen so zusammenfassen: Hat der Weg ein Herz?<br />
<strong><br />
Hitlers vernünftelnde Erben</strong></p>
<p>Diese Frage für die Gesamtheit spiritueller Wege und Bekenntnisse pauschal mit „Ja“ oder auch mit „Nein“ zu beantworten wäre Unsinn. Autorinnen und Autoren wie Jutta Ditfurth haben sich auf Auswüchse „rechter“ Esoterik eingeschossen und damit sicherlich eine beachtenswerte Teilwahrheit, aber eben nur eine Teil-Wahrheit erfasst. Gerade auf Seiten der Linken hängt dieser anti-spirituelle Reflex vielleicht mit einem Phänomen zusammen, das Wolfgang Schmidt-Reinecke das neudeutsche Irrationalitätstrauma nennt. Schmidt-Reinecke argumentiert, die Nazis hätten „für Generationen das spirituelle Klima in Deutschland vergiftet“. „Die innerhalb einer tiefen Seelenschicht vorgenommene Verwechslung der nationalsozialistischen Ideologie mit spirituellen Idealen führte mit dem Untergang dieser Ideologie bei einer Mehrheit der Deutschen zwangsläufig auch zur Verdrängung spiritueller Orientierungen.“ Vereinfacht gesprochen besagt diese Theorie folgendes: Weil sich die Nazis in missbräuchlicher Weise okkulter spiritueller Gedanken und Symbole bedient haben, suchen wir unser Heil seither nur noch in staubtrockener wissenschaftlicher Rationalität. Weil seit 1945 alles Pathetische, Irrationale und Mystische „pfui“ ist, haben wir gleichsam einen Teil unserer Seele amputiert und uns auf eine korrekte, aber im Grunde verarmte Existenzform reduziert: als Hitlers vernünftelnde Erben.</p>
<p>Auch dies ist vermutlich nur eine Teilwahrheit, denn die Furcht vor den der eigenen Seele innewohnenden Untiefen – vor dem eigenen „Schatten“ ebenso wie vor einem möglicherweise das Vorstellungsvermögen übersteigenden „Licht“ – ist sicher älter als das Faschismustrauma. Treffend beschreibt der Journalist Geseko von Lüpke in der Zeitschrift „connection“ das Unbehagen der politisch Aktiven, speziell der „linken“ Szene, gegenüber allem Spirituellen: „Das Misstrauen der Politik gegenüber der Religion ist uralt und hat gute Gründe. Historisch war der religiöse Weg zuerst immer ein Weg des Rückzugs aus der Welt, der Suche nach innen, des individuellen Friedens und der letztlich unpolitischen Zufriedenheit im Alleinen. Deshalb war Religion für Lenin ‚Opium fürs Volk’. Sie machte passiv, züchtete gut zu regierende, anpassungsfähige Streber nach dem Paradies, nicht aber stolze, konsequente, kreative und unbeugsame Aktivisten für den Kampf um soziale Gerechtigkeit. (…) Das Religiöse wurde damit zum Werkzeug der Macht, zum Ausdruck des Unpolitischen selbst. Aufklärung, die Freiheit der Gedanken, politische Bewusstheit, Demokratie und Sozialismus mussten sich mühsam durch einen Brei religiöser Entmündigung und gläubig-schicksalsgläubiger Apathie kämpfen, der wie Klebstoff das eigenständige Denken verhinderte.“</p>
<p>Von Lüpke beschreibt ausführlich die tatsächlich „rechtslastigen“ Phänomene innerhalb der spirituellen Szene wie etwa „fremdenfeindliche ‚Öko’-Konzepte, reaktionäre Heimatverbundenheit, nationalistisch verbrämtes ‚Stammesbewusstsein’, autoritäre, ‚germanische’ Erdrituale und der Ruf nach einer ökologischen Bewusstseinsreform hin zum ‚Reinen, Schönen und Wahren“ Er wendet sich aber auch gegen Vorurteile innerhalb der „linken“ und der Ökoszene, die alle Ansätze von Spiritualität (wie es sie in der Hippie- und der beginnenden Grünen-Bewegung durchaus gab) als „abtrünnig, weltfremd und versponnen“ abkanzeln. Geseko von Lüpke schließt seinen Aufsatz: „Spiritualität kann Politik befruchten, und Politik kann zur spirituellen Praxis werden. Die alten Trennungen sind aufgehoben, die Grabenkämpfe können eingestellt werden. In Zukunft wird es darum gehen, den spirituell Suchenden dabei zu helfen, die inneren Reformen ins Außen zu tragen und die Aktivisten dabei zu unterstützen, die Reform der Welt im Innen zu verankern.“</p>
<p><strong>Mystik – nichts für „Diesseits-Drückeberger“</strong></p>
<p>Ist er da nicht allzu optimistisch? Ich möchte zeigen, dass Spiritualität, wie ich sie verstehe, ihrem Wesen nach befreiend, bewusstseinserweiternd, solidarisch und ökologisch ist – also „links“, wenn man es etwas vereinfacht ausdrücken will. Eine solche Spiritualität macht Lust und ist mit jeder Art sozialen, ökologischen und politischen Engagements mehr als nur vereinbar, sie legt dieses Engagement sogar nahe. Spiritualität, wie ich sie hier verstehe, kann beinahe synonym mit einem anderen Begriff verwendet werden: Mystik.<br />
Auch mit „Mystik“ wird oft das Bild vom Studierzimmer-Eremiten oder vom meditierenden Weltflüchtling und Diesseits-Drückeberger verbunden. Dieses Bild kommt nicht von ungefähr, und möglicherweise hat die (missverstandene) Geschichte des Buddha ihren Anteil daran. Der junge Buddha verließ den Palast, in dem er aufgewachsen war und sah das Elend der Welt. Er suchte einen Weg zur Befreiung vom Leiden – und war tat er? Er setzte sich unter einen Baum und meditierte. Während Jesus viele Kranke, die ihm begegneten, heilte, wandte sich der Buddha zunächst vom Anblick des Leidens ab und ging nach innen. </p>
<p>Es besteht kein Zweifel, dass Buddha der Menschheit einen großen Schatz an spiritueller Weisheit hinterlassen hat. Das Problem ist jedoch, dass sein Vorbild weitreichende Auswirkungen hatte auf unser Bild davon, was einen spirituellen Menschen ausmacht. Derselbe Buddha war es, der seine Jünger ermutigte, ihre Familien zu verlassen, um sich ganz dem eigenen Erleuchtungsweg zu weihen. Erleuchtungs-Egoismus? Jedenfalls taucht ein sehr nahe liegender Einwand auf: Wenn wir alle eins sind, wie viele Weisheitslehrer behaupten, warum dann nur nach innen gehen? Warum nicht auch für eine Familie sorgen, einen Baum pflanzen, Gemeinschaften gründen und die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen verbessern helfen?</p>
<p>Natürlich ist die Lehre des Buddha geduldig und vieldeutig wie die Jesu. Auch Jesus forderte seine Jünger, z.B. Petrus, auf, ihre Berufe und Familien liegen und stehen zu lassen und ihm zu folgen. Er argumentierte aber auch, man solle sich zuerst mit seinem Nächsten versöhnen, bevor man seinem Gott im Gebet begegne. Es kommt darauf an, was wir in den Schriften lesen und was wir aus ihnen machen wollen. Ein weiser und glaubwürdiger Wanderer zwischen den (spirituellen) Welten ist der Benediktiner-Pater und Zen-Eingeweihte Willigis Jäger, dem nach Meinungsverschiedenheiten mit der katholischen Mutterkirche das Recht entzogen wurde, Sakramente zu spenden und öffentlich zu lehren. Jäger meint, dass dem Zen, so wie es heute gelehrt wird, ein sozialer Akzent fehle. „Wir haben meiner Meinung nach vergessen zu sagen: du hast eine soziale Verantwortung. Du hast nicht nur die Aufgabe, die Menschen in die Erlösung, in eine tiefere Einsicht zu führen, du hast auch die Aufgabe dich auf dem sozialen, dem gesellschaftspolitischen Gebiet zu engagieren. Das ist die Erkenntnis, die wir als Westler auch dem Zen – den östlichen Wegen ganz allgemein – hinzufügen können und sollen.“</p>
<p><strong>Unser größeres Selbst</strong></p>
<p>Willigis Jäger sagt, dass jedes Teil und auch jedes Einzelwesen seinen Sinn durch die Verbindung zum Ganzen erhält: „Erkennen und erfahren, dass wir eins sind –daraus kommt eigentlich alle Ethik. Die Ethik kommt nicht aus ‚du sollt, du musst oder du darfst nicht’. Sie kommt aus dieser Erfahrung der Einheit heraus. Wenn ich die Not des Anderen als meine Not erfahre, dann tue ich gleichsam etwas für mich, wenn ich dem Anderen helfe.“ Mystik, so könnte man schlussfolgern, ist ihrem Wesen nach sozial; religiöse Institutionen sind es nicht unbedingt, weil sie häufig auch mit einer Rhetorik der Ausgrenzung gegenüber den „Nicht-Dazugehörigen“ oder „Nicht-Linientreuen“ arbeiten. Da Mystik der innere, dem unmittelbaren Erleben entspringende Kern aller Religionen ist, soll hier auch kein bestimmtes religiöses Bekenntnis auf Kosten eines anderen hervorgehoben werden. Soziale und nicht-soziale Strömungen können sich vielmehr vor jedem kulturellen und religiösen Hintergrund entfalten.</p>
<p>Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat beispielsweise eine moderne Spielart des engagierten Buddhismus entwickelt, die mit Weltabgewandtheit nichts zu tun hat. Seine Argumente lehnen sich eng an die Schriften des Religionsgründers und dessen Lehre vom „Nicht-Selbst“ an. Was der Mensch sein „Selbst“ nennt, ist nach Buddha durchdrungen von Elementen des „Nicht-Selbst“ – etwa Wasser, Luft, pflanzliche und mineralische Strukturen sowie Bewusstseinsströmungen, die nicht seiner (eigentlich nur illusionären) Persönlichkeit angehören. Thich Nhat Hanh nennt diese Erkenntnis „die Lehre des gegenseitigen Sich-Durchdringens, des Zusammenseins (interbeing). Man kann nicht einfach nur sein, man muss mit sein, von allem durchdrungen“. Von Thich Nhat Hanh stammt auch der schöne Satz: „Wir müssen beginnen, die Erde in uns weinen zu hören.“ Er entwirft ein ganz anderes Bild von einem religiösen Menschen: „Wenn die Erde dein Körper wäre, könntest du viele Bereiche wahrnehmen, an denen sie leidet. Viele Menschen sind sich des Leidens der Welt bewusst, und ihre Herzen sind voller Mitgefühl. Sie wissen, was getan werden muss. Sie setzen sich auch politischer, sozialer und ökologischer Ebene ein, um die Zustände zu verändern.“</p>
<p><strong>Soziale Mystik</strong></p>
<p>Den Begriff der „sozialen Mystik“ benutzt ganz explizit auch die US-Amerikanerin Joanna Macy, bekannt als die große alte Dame der Tiefenökologie. Joanna Macy spricht vom Modell eines „Ökologischen Selbst“, wodurch das herkömmliche Bild vom „hautverkapselten Ego“ aus den Angeln gehoben werde. Dadurch werde auch der Begriff des „Eigennutzes“ um eine entscheidende Dimension erweitert. Man kann nicht einen Baum fällen, ein Tier quälen oder einen Moorsee verseuchen, ohne dadurch zugleich seinem erweiterten Selbst zu schaden, seinen eigenen erweiterten „Körper“ zu verletzen. Die Empfindung, dass die Erde unser Körper ist, entspricht der hinduistischen Erkenntnis „Tat tvam asi“ (Wörtlich: „das bist Du“, Leitsatz der Upanishaden, heiliger Schriften der Hindus). Was immer du vor dir siehst, meint dieser Satz, ist nicht von dir getrennt, du bist es selbst.</p>
<p>Was spirituell inspirierte Politik bedeuten könnte, ist – in allgemeinen Worten gesagt – ziemlich einfach. Sie würde in allen ideologischen und konkreten Fragen die geistig-spirituelle Innenseite der Dinge berücksichtigen, sozusagen ihre Seele. Tiefenökologie z.B. unterscheidet sich vom herkömmlichen Umweltschutz dadurch, dass sie in der Natur einen göttlichen Geist erkennt. Die Natur besitzt somit eine Würde jenseits ihres Nutzwertes und ist mehr als nur eine hübsche Kulisse für menschliches Handeln. Vor allem ist sie nichts, was vom Menschen grundsätzlich verschieden wäre. Was schützt denn der Umweltschützer? Sich selbst, denn er ist die Natur, und beide – die Natur wie der Mensch – sind Teile des göttlichen Ganzen.<br />
<strong><br />
Tiefenökologie, Tiefenpolitik?</strong></p>
<p>Natürlich könnte man an dieser Stelle auch das Wort „göttlich“ weglassen. Es genügt die Erkenntnis, dass alle Phänomene, alle Lebewesen im Universum untereinander zu einem allumspannenden Netz verwoben sind. Wozu braucht es da Gott? Das ist eine weit reichende Frage, mit deren Beantwortung man Bücher füllen könnte. Gewiss kommt man ohne den Begriff eines persönlichen Gottes aus – eine solche Begriffswahl ist Glaubenssache –, kaum aber ohne ein Prinzip wie „Geist“ oder „Bewusstsein“. Wer den Geist leugnet, gleicht jenem außerirdischen Wissenschaftler, der eine CD mit Werkzeugen zerhackt und dann beklagt, er habe nirgendwo Musik gefunden. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber nennt philosophische Richtungen, die ein Netz bzw. System des Lebens postulieren, ohne eine entsprechende geistige Tiefendimension hinzuzufügen, „Flachland“. Und „flach“ ist gewiss nicht nur die politische Landschaft in Wilbers Heimat, den USA.</p>
<p>Tiefenökologie ist Ökologie aus einem mystischen Weltbild und mystischen Erleben heraus. In ähnlicher Weise kann es auch Tiefenpolitik – z.B. Tiefenaußenpolitik und Tiefensozialpolitik – geben. Von einem mystischen Standpunkt aus gesehen, kann ich nicht Krieg gegen ein anderes Land führen, weil der Andere, den ich angreife und töte, nicht von mir getrennt ist. Tat tvam asi, das bin ich selbst. Analog dazu werde ich keinen meiner Mitmenschen ausbeuten wollen, denn als Ausbeuter bin ich mit dem Ausgebeuteten energetisch verbunden. Man sieht also, dass ernst gemeinte Spiritualität oder Mystik enorme politische Konsequenzen hätte. Der Teufel steckt mit Sicherheit auch hier im Detail, aber ich habe nicht den Eindruck, dass mit mystisch inspirierter Politik bereits in so großem Stil experimentiert wurde, dass man schon jetzt von ihrem Scheitern sprechen könnte.</p>
<p><strong>Wozu überhaupt Spiritualität?</strong></p>
<p>Spiritualität ist nicht „automatisch“ links, auch nicht notwendigerweise solidarisch, befreiend, bewusstseinserweiternd. Man hat mit dem „mystischen“ Argument, der Einzelne finde seine Bestimmung hauptsächlich im Kontext eines größeren Ganzen, auch schon militärische Formalausbildung und Marschkolonnen gerechtfertigt. Es macht aber keinen Sinn, das „Kind“ der Spiritualität mit dem „Bade“ gewisser rechts-esoterischer Extrempositionen auszuschütten. Wozu überhaupt Spiritualität? lautet die Kernfrage. Genügt nicht ein allgemeines Gespür für Humanität und für das, was „anständig“ wäre im Kontext des politischen Handelns? Für viele Menschen sicher. Ich kann hier nur erklären, warum ich Spiritualität für mich selbst nicht missen möchte.</p>
<p>Spiritualität zeigt uns, dass wir nicht bloß ein Stück Treibholz auf dem See sind, sondern der See selbst – bis hinunter in seine unergründeten Tiefen. Spiritualität zeigt uns (uns zwar durch direktes Erleben, nicht nur durch theoretische Belehrung), dass wir mit einem potenziell unendlich großen Bewusstseinsraum verbunden sind, der zur Erschließung ansteht. Spiritualität überschreitet und durchbricht Grenzen: solche der politischen und gesellschaftlichen Systeme wie auch solche des Denkens und Erlebens. Es ist die Sehnsucht des Wassertropfens nach dem Meer. Es ist die Sehnsucht des in die Körperlichkeit und in die Begrenzungen des gesellschaftlichen Massenbewusstseins Verbannten nach dem „Mehr“. Dieselbe Sehnsucht kann uns in Meditations-Retreats führen, in denen es hoch diszipliniert zugeht – oder zur ausschweifenden Entgrenzung, zu Sex, Drugs und Rock n’Roll.</p>
<p><strong>Jenseits der Sachzwänge</strong></p>
<p>Spiritualität löst uns aus unseren Verpflichtungen zur Konformität heraus und führt uns in den innersten Raum intimer Zwiesprache mit dem „Selbst“. Wer dort angekommen ist und sein Verbundenheit mit Allem erfahren hat, wird der Welt vielleicht gar nicht mehr entfliehen wollen, sondern den Wunsch verspüren, sich liebend, leidend, mitfühlend und helfend in sie hinein zu verströmen. Ein solcher Mensch wäre wahrscheinlich ein sehr guter „Politiker“, denn er wäre nicht mehr so leicht manipulierbar, blendbar, erpressbar. Er hätte ja das Eigentliche gefunden, an dem gemessen jedes Surrogat blass erscheint, mag es nun um Macht oder Mandate gehen, um Privatjet, Pressepräsenz oder Politbarometer – oder um das zufriedene Zunicken von Börsianern und Konzernchefs, die ihm bescheinigen, wie brav er wieder mal Wachstum, Profit und Ordnung hoch gehalten hat. Wer dem „Herrn“ lieber dient als dem „Mammon“ und Gott mehr gehorcht als den Menschen, wer diesen „Herrn“ überdies als einen inneren Gott begreift, der als leise, aber vernehmliche Stimme in unserem Herzen zu uns spricht, der könnte sich als ein höchst unbequemer, anarchischer, jenseits vordergründiger Sachzwänge freier Zeitgenosse erweisen. Die alte Ordnung müsste sich in Acht nehmen vor solchen „Polit-Spirituellen“, sie hätten mit den domestizierten Kirchenschäflein, die Paulus zufolge „der Obrigkeit untertan“ sein müssen, nicht mehr viel gemein.</p>
<p>Lohnt sich da für politisch Aktive, die mit der Spiritualität bisher nichts am Hut hatten, nicht ein zweiter Blick? Man „muss“ als Linker natürlich nicht spirituell sein, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn eine anti-spirituelle Haltung nicht mehr automatisch als zur mentalen Grundausstattung der „modern“ und „sozial“ Denkenden gehörig betrachtet würde. Ich halte mich da an Joanna Macy. Nach ihrer Meinung ist es von enormer Bedeutung, „die herkömmlichen Paradigmen loszulassen, wonach die Welt entweder ein Schlachtfeld mit den Siegen einzelner ist oder eine Falle, der wir mit der ersehnten Erleuchtung entfliehen sollten.“</p>
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