Das Erbe der friedlichen Restauration

 In FEATURED, Ludwig Schumann, Politik (Inland)

„Wir müssen noch mal über 1989 reden. Sie wissen, die Tage der friedlichen Revolution. Etliche Leute skandierten „Wir sind das Volk“. Etliche Zeit später, als deutlich wurde, die Bewegung lässt sich nicht mehr aufhalten, als die Bananeros auf die Plätze kamen, schlug die friedliche Revolution in die friedliche Restauration um: „Wir sind ein Volk!“ hieß es dann. Man muss sich den Unterschied schon noch vor Augen halten. Denn das hat auch etwas mit unserer Zeit zu tun. Die friedliche Revolution scheiterte. Sie scheiterte mit denen, die sich als freie Bürger in einem sozialistischen Land verstehen wollten. Die Restaurateure hingegen waren mehrheitsfähig. Sie lenkten den leckgeschlagenen Tanker DDR in den sicheren Hafen der alten Gesellschaft.“ (Ludwig Schumann)

Endlich konnten sie ausschwärmen, die Bananeros, endlich auch in aller Herren Länder reisen. Die Freiheit wurde eine kleine Angestellte im Reisebüro. Und so sollte die neue Welt werden: Der Staat, den man sich erträumte, muss wohl eine Art Reisebüro gewesen sein, möglichst mit sozialer Absicherung wie in der DDR, keinesfalls aber berechtigt, Pflichten zu verteilen. Man wurde Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Man wurde hauptberuflich Souverän. So, Merkel, und nun verteile. Ich bin der Souverän. Ich halte die Hand auf. Und bist Du nicht willig, schrei ich Dich an. Und zwar mit Begriffen aus der untersten Schublade. Ich bin Souverän. Ich muss keine Kinderstube nachweisen. Chemnitz, Wolgast, Heidelberg: Da werden Tomaten zweckentfremdet. Da werden merkwürdige Visionen hochgehalten: Merkel muss weg! Neuerdings: Merkelmussweg. Ja, und wie lautet die Fortsetzung? Was passiert, wenn sie weg sein sollte? Vielleicht sind die Tomaten ja ein heimlicher Verweis auf die Erwartung der Protestierer: In Österreich heißen sie Paradeiser. Vielleicht ist die Vision der Paradeiser-Schmeißer, dass, wenn Merkel weg ist, das Paradies ausbricht und jeder dieser Schmeißer sich dann mit 72 Jungfrauen herumbalgen darf. Oh, Pardon, das hatte ich jetzt mit dem Morgenland verwechselt. Halleluja.

Was ganz anderes. Oder vielleicht doch nicht: In Nürnberg gibt es ein Zentrum Aktiver Bürger. Bürger? Bürger sein, das bedeutete doch: Ich bin ein freier Mensch. Meine Freiheit besteht darin, für andere, vor allem aber auch für das Gemeinwesen, Verantwortung zu übernehmen. In der Französischen Revolution, als der heutige Citoyen geboren wurde, die Menschen- und die Bürgerrechte erklärt wurden (26. August 1789), zu denen die Pressefreiheit gehört, wurde deutlich, dass der freie Mensch Aufgaben hat. Er hat für die soziale Gerechtigkeit zu sorgen, sich für die Armen- und Krankenpflege zu engagieren. Die Freiheit gibt es nicht zum Verreisen, sondern um Verantwortung zu übernehmen. Die Bürgerin, der Bürger ist ein freier, verantwortlicher Mensch, dessen Bestreben gilt, seiner Gesellschaft zu nutzen. Der Stolz des Bürgers liegt in der Verantwortung, die er für seine Gesellschaft übernimmt. Dass aus dem Besitz der Freiheit Pflichten erwachsen, wussten bereits die Griechen. Der Souverän hat Pflichten. Ich hatte bei der Merkel-muss-weg-Fraktion nicht das Gefühl, dass ihnen diese Idee schon mal begegnet war.

Von Nürnberg wollte ich reden. Ein Zentrum Aktiver Bürger. Was machen die? Wogegen sind sie? Sie definieren sich anders. Sie definieren sich darüber, wofür sie sind. Das Zentrum betreibt eigene Freiwilligenprojekte. Es unterstützt Menschen, die nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit suchen. Da werden Familien im Alltag unterstützt, indem Familienpatenschaften übernommen werden. Da gibt es Wohnraumberatung für Senioren oder Hilfen dafür, dass Senioren auch bei Pflegebedürftigkeit in ihren Wohnungen bleiben können. Da braucht es Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit laufen Gesprächsforen zu Themen, wie beispielsweise Menschen mit Migrationsgeschichte in dieses bürgerliche Engagement integriert werden können. In den Datenbanken des ZAB (Zentrum Aktiver Bürger) gibt es derzeit 300 Möglichkeiten, sich im Großraum Nürnberg zu engagieren. Bürger engagieren sich für ihre Gesellschaft. Mit den Möglichkeiten, dem Wissen, der Fertigkeiten, die sie haben. Sie übernehmen Verantwortung.

Um nicht missverstanden zu werden: Vor dieser Wahl habe ich eine Menge Fragen, die auch nach der Wahl bleiben werden:

Wie sehen die Vorstellungen der Parteien für eine Gesellschaft aus, die für eine Industrie 4.0 umgebaut wird? Strömt das durch Maschinen verdiente Geld weiter den Konzernspitzen oder Aktionären entgegen oder wird endlich den arbeitenden Maschinen ein Lohn zugedacht, der gesellschaftlich verteilt wird? Der SPD-Kandidat aus Würselen hat seinen Marx gelesen und meint, dass die Würde aus der Arbeit komme, deshalb hätte er nichts zum bedingungslosen Grundeinkommen zu sagen. Ja, aber wie denn ein Gesellschaftsbild unter den Bedingungen der Industrie 4.0 aussehen mag – da würde ich jetzt gar keine fertigen Antworten erwarten – nein, er, von der restlichen SPD und von der CDU ganz zu schweigen, haben das, wie es scheint, nicht einmal auf dem Schirm. Kleine Reparaturen an Schröders Arbeiterverrat ist das Ziel. Toiletten für Schulen. Sind wichtig, ohne Frage. Wer in dreißig Jahren Schulen in solchem Maße verrotten lässt – und wenn ich mich recht erinnere, geschah das unter der Leitung einer dieser beiden Parteien und nicht von böswilligen Marsianern – hat mehr als eine Bringeschuld. Aber längst wäre doch eine Bildungsreform dran, die aus dem Nürnberger-Trichter-Unterricht wieder eine Lebensschule macht. Davon ist ja gleich gar keine Rede. Da ist nichts an Vision. Sie müssen alle beim Arzt gewesen sein, wie das seinerzeit der unselige Lieblingsolderstatesman aller Deutschen geäußert hat, wir reden von Herrn Schmidt.

Will sagen: Zum Streit gibt es eine Menge Stoff. Aber doch bitte einen Streit um der Sache willen statt der deutschen Verkommenheit die Straße zu öffnen.

Niemandem kann man zur Last legen, wenn er in dieser Gesellschaft nicht mithalten kann. Da kann es tausend Gründe geben. Für Verkommenheit im Benehmen, in der Sprache, im Auftritt aber kann man nicht die Gesellschaft verantwortlich machen. Für Verkommenheit ist man selber zuständig. Dass eine Gesellschaft nicht zurückschlägt, wenn da jemand gar Galgen mit Belegungshinweisen spazieren trägt, dafür fehlt mir freilich wieder jedes Verständnis. Dass es um diese Leute herum mitlaufende Menschen gibt, die das tolerieren, demjenigen nichts entgegen setzen, ist auch ein Ausdruck dieser Verkommenheit.

Bürger. Was für ein stolzes Wort. Wie schäme ich mich, wenn die Bitterfelder, die Wolgaster, die Dresdner gedanklich, sprachlich, in ihrem gesamten Ausdruck dieser Verkommenheit ein Gesicht verleihen. Kein Gedanke scheint da hinter der Stirn zu wohnen außer dem kranken Gedanken, die erkämpfte Freiheit so schnell als möglich zu opfern. Dabei geht das gar nicht mehr. Die haben sie schon 1989 geopfert, als sie aus der friedliche Revolution die friedliche Restauration formten, als die Bananeros die großartige Idee der friedlichen Revolution auf Supermarktgröße zurechtbogen. Damals, und im Reisebüro, opferten sie ihre Freiheit. Und wer keine Freiheit mehr hat, muss auch keine Verantwortung mehr übernehmen. Sie kommen in ein unfreies Land, Frau Bundeskanzlerin. Da ist Ungemach vorprogrammiert. Und mit Argumenten kommt man hier nicht weiter. Es ist traurig, ich weiß.

Kommentare
  • Bettina
    Antworten
    Lieber Herr Schumann,

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    Mir gefallen Ihre Worte. Sie sprechen ein Thema an, das ich für sehr wichtig halte: die Verantwortung. Als Bürger unserer Gesellschaft können wir täglich viel kritisieren. Doch was passiert, wenn ich ausschließlich Kritik äußere, aber selbst nichts zur Veränderung beitrage? „Tomaten zweckentfremdet“. Bei jeder Kritik, die ich äußere, ist es doch sinnvoll, Alternativen im Kopf haben, die ich in meinem kleinen, bescheidenen Umfeld selbst umsetzen kann. Darin sehe ich einen Beitrag zur Verantwortung.

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    Wenn ich mich für den Erhalt der Umwelt ausspreche, sollte ich meinen Teil zum Erhalt der Umwelt beitragen, so, wie es mir möglich ist:  das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel oder des Fahrrads, anstatt des Autos, den Kauf von regionalen Produkten und Gütern ohne lange Transportwege, anstatt exotischer Waren, die zuvor über die Weltmeere geschippert sind, den Erhalten und Reparieren eigener Gegenstände, anstatt unentwegter Neukauf von Waren- der Schuster ist nach wie vor ein solides Handwerk.

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    Wenn ich mich für mehr Mitmenschlichkeit und für die Bewahrung des Friedens ausspreche, dann sollte ich es in meinem kleinen Umfeld vorleben, auch wenn es nicht immer gelingen mag. Ich kann mich doch nur mit Überzeugung für Frieden einsetzen, wenn ich diesen im Herzen trage. Was wäre es für eine unglaubwürdige Proklamation des Friedens, wenn ich gleichzeitig mit meinem Nachbarn im erbitterten Streit läge?

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    So könnte ich viele Beispiele aufführen. Politik ist kein Supermarkt, bei dem ich mich beliebig bedienen kann, Politik und Demokratie will gelebt sein, von jedem von uns, sonst funktioniert sie nicht.

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    Gestern abend stolperte ich durch Zufall über ein sehr gelungenes, aktuelles Lied von Bodo Wartke: „Das Land in dem ich leben will“. Mich sprach das Lied auf Anhieb an, da sprach mir jemand aus der Seele. Erstaunt haben mich allerdings die vielen YouTube Kommentare dazu. Wie eine Selbstverständlichkeit haben viele KommentatorInnen eine Latte an politischen Forderungen aus dem Lied gestrickt und sind in untereinander in hitziges Politisieren verfallen. Ich betrachte das Lied für mich anders: da spricht jemand meine Wunschvorstellungen aus und nun liegt es an mir, welchen Mosaikstein ich dazu beitragen kann, die eine oder andere Wunschvorstellung in  meinem kleinen Umfeld umzusetzen. Das betrachte ich als die Freiheit, die ich mir nehmen kann.

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    Herzlichen Gruß,

    Bettina

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    Bodo Wartke – Das Land, in dem ich leben will
    https://youtu.be/WiCV4KKW6Nw

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