Eine neue Politik braucht Spiritualität

 In FEATURED, Poesie, Spiritualität

Foto: Annik Wecker

„Der Vogel der großen Revolution des Mitgefühls braucht also zwei Flügel, um abheben zu können: einen politisch-weltlichen und einen spirituell-geistigen. Wer politisch arbeiten möchte, muss bereit sein, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, er muss fähig werden, in sich und seine psychischen Verstrickungen einzusteigen, seine wahre Identität zu entdecken, Eitelkeiten zu enttarnen, Lügen aufzudecken. Wir sind so uneins mit uns selbst, dass wir immer noch bereit sind, zu glauben, nur die anderen seien gewalttätig und wir allein (wären) zum Frieden bereit.“ (Auszug aus Konstantin Weckers Buch „Mönch und Krieger“, erschienen in der Gütersloher Verlagsanstalt.)

„Irgendwann kann man sich nicht mehr mit dem Trivialen beruhigen“, schreibt Kierkegaard, und jeder, der die oberflächlichen Beruhigungsangebote unserer Gesellschaft durchschaut hat, wird dem zustimmen. Unzufrieden sein mit dem Leben, mit den Normen der Gesellschaft, mit der Unfähigkeit, Demokratie zu praktizieren, mit der schrecklichen Profilierungssucht und Gier, deretwegen wir die Erde und ihre Bewohner zerstören, ist erstmal nicht ein Zeichen für einen psychischen Defekt, sondern der Beginn der menschlichen Intelligenz. Auch die Schwermut, von der ich schon ausführlich gesprochen habe, weist uns ja immer wieder darauf hin, dass das wirkliche Leben nicht im Äußerlichen angesiedelt ist und dass man das Unvergängliche und Göttliche nur im eigenen Selbst zu finden vermag.

Wer sich ausschließlich auf das verlässt, was einem die jeweilige Gesellschaftsform, das jeweilige politische Staatsgefüge zu sagen hat, wird wohl ziemlich ungläubig der Tatsache gegenüberstehen, dass er in den tiefsten Tiefen seines Wesens ein Selbst hat, das „weit über seine individuellen Bedürfnisse hinausgeht und ihn verbindet mit einer Welt jenseits konventioneller Normen“ (Ken Wilber). Ich glaube, dieses Verdrängen der eigenen Wirklichkeit, der Spiritualität, ist hauptsächlich verantwortlich für die Unzufriedenheit unserer gegenwärtigen Kultur. Wer an der Welt leidet, wird gerne verlacht. Man wirft solchen Menschen vor, ihr Mitgefühl sei Attitüde. Das mag bei einigen zutreffen, andere dagegen klammern sich so stark an das Leiden, dass sie sich anders nicht mehr definieren können. Aber es gibt nun mal auch jene, die, warum auch immer, so entscheiden hinabgestiegen sind in den Urgrund des eigenen Wesens, dass sie die Verbundenheit mit allem, was ist, erspüren können. Nicht intellektuell, sondern so, wie man Hunger und Durst empfindet.

Ab diesem Augenblick ist nichts mehr, wie es mal war. Ken Wilber schreibt dazu die tröstlichen Worte: „Leiden schlägt das Behagen unserer normalen Empfindungen über die Realität in Stücke und zwingt uns, in einem besonderen Sinn lebendig zu werden, sorgfältig zu schauen, tief zu empfinden, mit uns selber und mit der Welt auf eine Weise in Berührung zu kommen, die wir bisher vermieden haben. Man sagt, Leiden sei die erste Gnade (…) denn es ist ein Zeichen für den Beginn schöpferischer Einsicht.“ Ich sage das nicht, weil ich beschlossen habe, ab jetzt nicht mehr zu lachen, keinen Blödsinn mehr zu machen und das Leben nicht mehr zu genießen. Nur: ich kann nicht bewusst fröhlich sein mit der gebührenden Tiefe, wenn ich Elend, Leid und Tod aus meinem Leben ausklammere. Um nicht in ihm stecken zu bleiben, müssen wir das Leiden verstehen, es in Augenschein nehmen, zu seinen Wurzeln stoßen. Dazu bedarf es der sogenannten inneren Arbeit.

Und hier gerät man schnell in den Verdacht, ins Esoterische abzudriften. Nicht ganz zu Unrecht, denn einer der größten Fehler der meisten Esoteriker und Anhänger der „new spirituality“ ist es, den Erkenntnissen der Wissenschaft, des objektiv Beweisbaren, aus dem Weg gehen zu wollen. Zwar ist ohne Frage die herrschende Meinung immer noch bestimmt von einem streng wissenschaftlichen Weltbild, und echte mystische und kontemplative Erfahrungen werden fälschlicherweise als Rückschritt in einen infantilen Narzissmus gedeutet, aber ebenso einseitig ist der Versuch, alle wie auch immer gearteten inneren geistigen Erlebnisse als Schritte zur Erleuchtung auszugeben. So wie unsere rein szientistisch und materiell bestimmten Meinungsmacher keine subjektive Wahrheit gelten lassen wollen, vertrauen jene ausschließlich dem eigenen Erleben und dem Irrationalen und sprechen objektiven Wahrheiten jeden Geltungsanspruch ab. Aber man entwickelt sich nicht weiter, wenn man die Vernunft ausschaltet, sondern nur, wenn man sie transzendiert, sie also miteinbezieht und über sie hinausschreitet.

Wie käme ich dazu, auf die Errungenschaften der Aufklärung, des Menschenrechts-Liberalismus, der Naturwissenschaften, der westlichen Psychologie zu verzichten, um in ein mythisches Denken zurückzufallen? Aber es gibt keine Alleinherrschaft des Wissens – und ebenso wenig möchte ich verzichten auf die aus der Stille und dem Nichtdenken geborene Weisheit eines Meister Eckhart, einer Theresa von Avila, eines Krishnamurti oder Ramana Maharshi. Es ist an der Zeit, die Wahrheiten zu integrieren. Es ist an der Zeit, die Kriege zu beenden – die in unseren Herzen, in unseren Köpfen und die auf den Schlachtfeldern. All diese Kriege sind in Wirklichkeit ein einziger großer Krieg in uns selbst, entstanden aus der Angst, seine Vorstellung von sich und der Welt zur Verwandlung freizugeben.

Der Mensch schreitet in seiner normalen Entwicklung vom Ich zum Wir, von egozentrischen Gefühlen fort zu soziozentrischen, ethnozentrischen. Hier dürfen wir aber nicht stehen bleiben, denn nun kommt das „weltzentrische Stadium, in dem man sich nicht mehr ausschließlich mit der eigenen Nation, Rasse oder Religion identifiziert, sondern wo einem schmerzlich auffällt, dass man mit der ganzen Welt verbunden ist.“ (Wilber) Die Globalisierung, so schrecklich sie sich in ihrer rein materiellen Erscheinungsform auf die Armen und Ärmsten der Erde auswirkt, ist ein untrügliches Zeichen für diesen Paradigmenwechsel. Aber wenn wir weiterhin alles nur aus der Perspektive der Wirtschaft und der Politik betrachten und nicht endlich auch aus einer spirituellen, steuern wir unweigerlich dem Abgrund entgegen.

Leider gibt einem die heutige weltpolitische Situation kaum Anlass zur Hoffnung auf einen geistigen Wandel. Das Denken in mythischen Kategorien des Kampfes zwischen gut und böse, wird fast unwidersprochen hingenommen. Als dieser Versuch gegen den Kommunismus unter Ronald Reagen gestartet wurde, gab es noch weltweit Proteste. Heute sind wir indoktriniert genug, um die wenigen, die noch protestieren, als unbelehrbare Pazifisten zu beschimpfen, als ewig Gestrige zu verspotten oder mit Berufsverbot zu belegen. Nun haben wir wieder einen Krieg, in dem die Gegner ausschließlich als „Kämpfer“ bezeichnet werden, und die eigenen Kämpfer als „Soldaten“. In dem jeder Staatsterror „Kampf gegen den Terrorismus“ genannt wird. „In diesem Durcheinander wird Gewalt immer wieder geboren werden“, schreibt Eugen Drewermann in seinem wegweisenden Buch: „Krieg ist Krankheit, keine Lösung“. „Es hilft nichts, dass wir gewöhnt sind, die staatlich organisierte Gewalt von vorneherein für legal zu halten und damit auch schon mit dem Schatten des Legitimen zu versehen, während wir die noch nicht staatlich gebundene Gewalt prinzipiell als das Zügellose und Anarchische begreifen. Auf diese Weise äußern wir nicht Rechtsempfinden, sondern nur den Respekt vor faktischen Organisationsformen; dieses Recht steht aber von vornherein auf Seiten der Herrschenden. Macht und Recht sind indessen zweierlei.“

„Darf man Menschen mit Waffen der Moderne ausstatten, deren Mentalität sich im Paläolithikum aufhält?“ fragt Drewermann an anderer Stelle, und ich frage mich, wie wir diesen geistigen Rückschritt wieder umkehren können. Wie können wir uns wehren? Einerseits ist es notwendig, mit klarem Verstand die wirklichen politischen und vor allem ökonomischen Hintergründe und Zusammenhänge nüchtern zu durchschauen, jenseits aller Propaganda. Darüber hinaus bin ich der festen Überzeugung, dass eine wirklich neue, friedliche Politik ohne eine neue Spiritualität nicht möglich ist. Eine Spiritualität allerdings, die alle Grenzen der Religionen aufhebt, weil sie das Göttliche nicht auf Altären sucht, sondern im Menschen selbst. Wir müssen wieder zu sprechen bereit sein über die Untrennbarkeit des Menschen von der Welt, über die Verbindung unserer biologischen Existenz mit dem Universum, über unsere geistige Verbundenheit mit allem, was lebt. Wir müssen wieder zu sprechen beginnen von der Liebe und der Schönheit des Daseins, die nur in der Stille erfahren werden kann. Und ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die dazu bereit sind. Viel mehr, als es uns die Medien glauben machen wollen.

Als geübtem Wanderer zwischen den Welten wird mir gerade in jüngster Zeit immer wieder deutlich vor Augen geführt, wie scheinbar unüberwindbar der Graben zwischen dem „politischen“ und dem „spirituellen“ Lager ist. Auch in persönlichen Kontakten erlebe ich immer wieder, dass gerade die sogenannte linke Szene, die ich ja nicht ohne Grund noch am ehesten als meine politische Heimat betrachte, vollkommen „zu“ ist gegenüber allem Spirituellen. Viele, die meine politischen Lieder wie „Willy“ oder „Sage nein!“ mögen, meditieren nicht, sprechen nicht von Gott und empfinden meine in Interviews in letzter Zeit verstärkt auftretenden Bekenntnisse zur Spiritualität geradezu als Verrat an angeblich von mir selbst propagierten Idealen. Unter esoterischen Überfliegern andererseits ist jedes politische Engagement verpönt; es gilt als „unbewusst“, Veränderungen irgendwo anders als in der sorgsam kultivierten Innenwelt anzustreben. Einzig in der Friedensbewegung finden sich Verbindungen zwischen beiden Welten, ansonsten ist die Debatte von Häme einerseits und borniertem Desinteresse andererseits geprägt.

Vor allem bestimmten orthodox-verhärteten Marxisten scheint jeder Zugang zur geistigen, inneren Welt verschlossen, auch wenn sich, wie ich es oft persönlich erlebt habe, ihre Sehnsucht dagegen auflehnt, dass einzig das Sein das Bewusstsein bestimmen soll. Ihnen war auch die Psychoanalyse stets ein Dorn im Auge, umso mehr die Entdeckung der eigenen Seele als sinnstiftendes Element der Menschwerdung. Seit Ernst Bloch die Jungsche Psychologie als reaktionär, also antirevolutionär, weil irrational denunzierte, begann eine bis heute anhaltende Verweigerungshaltung gegenüber dem Kampf um die persönliche Identität, gegenüber dem nicht verzweckbaren Weg nach Innen – eine Verweigerungshaltung, die sich bis heute in den Köpfen der gesellschaftlich und politisch Engagierten als Brandmauer gegen jeden Ansatz von Spiritualität festgesetzt hat.

Etwas anders verhält es sich bei unserer spätbürgerlichen, spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft. Geübt darin, Waren herzustellen um sie darauf wieder zu vernichten, bekämpft sie dieses verständliche Verlangen nach religio natürlich nicht, sondern vermarktet sofort jedes Aufkeimen spirituellen Begehrens, um es dadurch gleich darauf der Beliebigkeit anheim fallen zu lassen, ins Gewöhnliche zu zerren, als käuflich zu korrumpieren. Gleichzeitig misstraut sie natürlich jedem, der sich dieser Vermarktbarkeit verweigert und sich dem Gebrüll der marktschreierischen Welt durch Innenschau in der Stille entzieht. Diese im wahren Sinn des Wortes authentischen Menschen, Individualisten, die sich der Normierung und dem Massengeschmack verweigern, werden gerne der Lächerlichkeit preisgegeben und als Sonderlinge an den Pranger gestellt.

So sehr mir auch das irdische Dasein und die Befreiung der Sinnlichkeit von moralischen Zwängen und religiösen Fundamentalismen (auch) am Herzen liegt, so sehr ich die Notwendigkeit, sich gerade jetzt in politisch verhängnisvolle Mechanismen einzumischen propagiere – so sehr plädiere ich dafür, das eigene Selbst nicht zu verleugnen. Ich möchte dazu ermutigen, Selbstbestimmung der Fremdbestimmung entgegenzusetzen und sich dem zu öffnen, was jenseits des diskursiven Verstandes in uns wohnt, dem Mysterium durch stille Einkehr zu begegnen. Unsere Aufgabe ist es, Spiritualität – frei von esoterischen Vermarktungsmechanismen und Elfenbeinturmelei – zuzulassen, sie wiederzuentdecken und ins Diesseits zu befördern.

Seit die Idee aufkam, dass Irrationalismus zum Faschismus geführt hat, ist Spiritualität natürlich nicht ganz ohne Grund in bestimmten Kreisen verpönt. Ich selber bin ja in erster Linie Künstler, und Kunst ist ihrem Wesen nach irrational Schon von daher verbietet sich für mich eine strenge Abwehrhaltung. Ich halte mich in diesem Zusammenhang wiederum gern an Ken Wilber, der zwischen „prärationalen“ und „transrationalen“ Strömungen unterscheidet. „Prärational“ meint eine archaische Emotionalität, die einer Epoche entstammt, bevor die Vernunft in der menschlichen Evolution Einzug hielt. Affekte von Herdentrieb, Zerstörungslust und Fremdenhass, wie sie in der Ära des Dritten Reiches durchgebrochen sind, sind prärational. „Transrational“ meint dagegen eine Bewusstseinsstufe, die (die) unsere Vernunft mit einbezieht, gleichzeitig aber die Grenzen einer nur rationalen Vorgehensweise (aber) erkannt hat und (sie) diese Grenzen überschreitet. Wirkliche Kunst ist für mich immer transrational. Mit den aufgepeitschten destruktiven Emotionen in der Nazi-Zeit – zum Beispiel mit dem Hass gegen die Juden – hat das nichts zu tun.

Wegen des Irrationalitätstraumas hat man im Nachkriegsdeutschland versucht, die Kunst nur noch rational zu gestalten. Das musste natürlich schief gehen und führte oft zu bemühten, uninspirierten und staubtrockenen Kunstschöpfungen. Zumindest aber dominierte der Realismus, der eine Reihe guter Bücher hervorgebracht hat, jedoch nicht in der Lage war, Verzauberung einzufangen und auf etwas zu verweisen, das größer ist als der isolierte menschliche Verstand. Kunst ist für mich ihrem Wesen nach mystisch und drängt nach Vereinigung: der Vereinigung der einzelnen Töne in einer übergreifenden Harmonie, der Vereinigung von Künstler und Publikum im gemeinsamen Konzerterlebnis, der Vereinigung des Komponisten mit einer nicht definierbaren „Quelle“, aus der alle Inspiration herkommt. Die Ratio dagegen trennt und spaltet, was eigentlich zusammengehört, in Begriffe und Einzelteile auf. Hier bin „Ich“, dort bist „Du“; hier ist das Instrument, dort der Ton, den das Instrument erzeugt, und als drittes gibt es das Ohr des Zuhörers, das den Ton wahrnimmt. In Wirklichkeit gibt es nur das eine Klingen, und in manchen Momenten auf der Bühne kann ich spüren, dass Künstler und Publikum zu einem gemeinsamen Körper, zu einer gemeinsamen Seele verschmelzen. Es mag kitschig klingen, aber ich bezeichne es manchmal als einen regelrechten „Liebesakt“ mit dem Publikum, als einen Energieaustausch, der mich nährt und mir Kraft gibt. Wenn ich eine Zeit lang keine Konzerte mehr gebe, fehlt mir diese beglückende Erfahrung.

Es besteht also kein Anlass, sich für diese Emotionale zu schämen. Auch sind rationale und spirituell unbeleckte Leute nicht notwendigerweise die besseren Menschen. Ich kenne sehr viele, die politisch engagiert sind und sich zugleich offen zu Religion, Mystik oder Spiritualität bekennen. Sie sind vielleicht nicht trotz ihrer spirituellen Neigungen politisch engagiert, sondern gerade deshalb. Wir können ja bei den Aktivisten, auch bei Linken, immer wieder erkennen, wie sie sich ruhelos und verbissen an ihren Feindbildern aufreiben und dabei denen, die sie zu bekämpfen meinen, charakterlich immer ähnlicher werden. Wenn politisch engagierte Menschen sich immer wieder einmal Ruhe gönnen, nach innen gehen und sich mit dem so genannten Bösen in sich selbst beschäftigen würden, könnten sie dadurch eine Befreiung von ihren Feindbildern erleben. Wichtig ist, immer wieder dieses mystische Einheitsgefühl zu spüren. Wir hängen alle so unauflöslich miteinander zusammen, dass es vollkommen sinnlos ist, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Die institutionalisierten Religionen sind dabei nicht immer hilfreich, da sie ja ihrem Wesen nach eine Gemeinschaft begründen, die zwischen den Dazugehörigen und denen „da draußen“, zwischen Rechtgläubigen und Ungläubigen unterscheiden. Daher bin ich bekanntlich nur sehr bedingt ein Freund der Religionen, aber ich halte viel von der Suche nach jener anderen Wirklichkeit, die in unserem Inneren verborgen ist. Sie unterscheidet sich gewaltig von der anderen, trügerische Wirklichkeit, der wir Menschen oft aufsitzen und die uns von interessierten Kreisen auch immer wieder suggeriert wird. Letztlich suggerieren wir sie uns aber auch selbst. Wir bauen uns eine Scheinwelt, die scheinbar einzig zu dem Zweck erschaffen wurde, uns von der Wahrheit in unserem Inneren abzulenken und zu isolieren.

Diese Wahrheit offenbart sich uns am reinsten in der Stille. Deshalb gehört die Lautstärke auch zu den gefährlichsten Waffen im Arsenal dieses „Lebens in der Lüge“ (Václav Havel), zu eigentliche allen Lügen, die man uns aufdrängen will und mit dem denen wir uns zufrieden geben sollen. Wir werden verfolgt von Tönen. Wir gehen irgendwohin – in ein Kaufhaus, in einen Fahrstuhl oder in ein Restaurant – und werden gezwungen Musik, zu hören. Man muss sich nur einmal in einer Stadt auf eine Bank setzen, die Augen schließen und bewusst dem Lärm zuhören, der uns dort umgibt. Normalerweise nehmen wir das Getöse gar nicht mehr wahr, weil es eben unablässig da ist. Wenn du dagegen einmal versuchst, dich an einem solchen Ort meditativ zu konzentrieren, erschrickst du über den Lärm. Jedesmal, wenn ich in die Toskana fahre, wo ich ja seit dreissig Jahren ein Haus in der Einöde habe, brauche ich zwei Tage, um mich allein an diese ungeheure Stille zu gewöhnen. Lautstärke fordert dich dazu auf, dich abzulenken, dich nicht wirklich dir selbst, der Welt, dem Leben zuzuwenden – denn das geht nur in der Stille.

Daher ist es sowohl für einen spirituellen als auch für einen politischen Menschen immer wieder enorm wichtig, in die Stille zu gehen. Das ist viel mehr als nur eine Marotte politisch untätiger Esoteriker. Albert Schweitzer spricht von „tätiger Hingabe an die Welt“. Woher soll aber diese Hingabe kommen, wenn uns eine Käseglocke aus sinnlosen Geräuschen und hohlen Phrasen vom unmittelbaren Erleben dieser Welt abschirmen. Das ist ja auch die eigentliche Bedeutung des Wortes „Sünde“. Das Wort bedeutet nichts anderes als abgesondert sein von der Wirklichkeit, wie ich sie vorhin beschrieben habe. Vom Urgrund des Seins, der in unserer Kultur als „Gott“ bezeichnet wird, den man aber auch ganz anders benennen kann.

Wer sich vom Lärm (und damit meine ich auch den Geräuschsmog fremder und eigener unproduktiver Gedanken) vereinnahmen lässt, wird nie einen dieser Momente der Einheit erleben, die man als Essenz von Mystik bezeichnen kann. Wir alle haben solche Momente sicherlich schon einmal erlebt: in der Kindheit oder in der Liebe zum Beispiel. Solche Erlebnisse tragen uns weit hinaus über Raum und Zeit. In diesen seltenen Augenblicken spüren wir den Urgrund unserer Sehnsucht, einen Moment der Ewigkeit zu erfahren. Diese Ewigkeit hat natürlich – und das ist der Grund für unsere Angst vor ihr – nichts mehr mit unserem „Ich“ zu tun. Das ist dann verschwunden, bedeutungslos geworden. Die Frage ist also nicht, ob solche Momente existieren, sondern, ob wir sie zulassen können. Im unserer Alltagsgeschäftigkeit laufen wir Gefahr, uns um Ewigkeiten zu betrügen.

Ohne Zweifel haben wir aber alle diese Sehnsucht in uns – zumindest unbewusst. Und das ist es vielleicht, was man als Suche nach dem Glück bezeichnen könnte. Leider versucht die Gesellschaft uns in eine völlig gegensätzliche Richtung zu ziehen. Sie will uns klarmachen, dass unser Glück nur von dem abhängt, was wir haben und was wir konsumieren können. Der postmoderne Mensch definiert sich ausschließlich durch das, was er besitzt. Wenn ihm dies genommen wird, hat er gar nichts mehr. Daher gehört es zu den wichtigsten Herausforderungen, die unsere Zeit an uns stellt, der Ökonomisierung aller Lebensbereiche etwas entgegen zu setzen.

Dies funktioniert sicher nicht – wie immer wieder gefordert wird – durch die Vermenschlichung des Kapitalismus. Der lässt sich nämlich nicht vermenschlichen, da er die Interessen des Kapitals nach maßloser Selbstvermehrung grundsätzlich höher bewertet als die das Recht der Mensch auf Glück und Selbstentwicklung. Der einzelne Mensch ist Mittel zum Zweck, damit Firmen aus selbst inszenierten „Standortwettbewerben“ siegreich hervorgehen können. Ein „menschlicher Kapitalismus“ ist wegen der antihumanistischen Grundausrichtung dieses Systems immer nur sehr bedingt deshalb bestenfalls nur zeitweise und bestenfalls nur als zeitweilige Abmilderung seiner Brutalität möglich – so wie es in den amerikanischen Südstaaten auch mildere Formen der Sklaverei gab.

Kapitalismus muss überwunden werden, in seinen äußerlichen Organisationsformen, aber auch in unserem Geist, den er – wie fast alles auf der Welt – erfolgreich kolonialisiert hat. Nichts fördert geistige Unabhängigkeit besser, befreit gründlicher von Gier, Konsumsucht und Duckmäusertum als richtig verstandene Spiritualität. Es kann keine wirklich humane und tiefgreifende Revolution geben, deren Herz und Seele nicht Spiritualität ist. Der Kern spirituellen Welterlebens ist das Wissen und die Verbundenheit. Ein Einzelner, der um die wechselseitige Abhängigkeit aller Wesen und Naturphänomen weiß, wird sich außerstande sehen, mutwillig gegen das Wohl des anderen zu handeln. Deshalb gibt es auch noch eine andere Form von Dummheit als diejenige, die sich in einem niedrigen IQ äußert. (Es mag ja selbst Börsenspekulanten mit einem hohen Intelligenzquotienten geben.) Ich meine den fundamentalen Mangel an sozialer und spiritueller Intelligenz, ich meine die Weigerung, zu verstehen, dass wir alle zusammengehören.

Ich traue mir nicht zu, im Alleingang ein Modell zu entwickeln, das den Kapitalismus überwindet und die Welt zu retten in der Lage wäre. Das kann nur durch die geistige Kraft und die tätige Fürsorge vieler mitfühlender Menschen gemeinsam geschehen. Die spirituelle Lehrerin Ma Jaya Sati Bhagavati sagte in einem Interview: „Fang ganz klein an. Schau wie es sich anfühlt, für etwas Sorge zu tragen. Und lass es Nahrung finden. Lass es wachsen. Ja, es überwältigt einen. Aber in mir ist eine solche Leidenschaft für das, was man tun kann! Und wenn wir untergehen, dann gehen wir unter – aber nicht, ohne es zu versuchen.“ Auch ein noch so ausgefeiltes spirituelles Weltbild bleibt steril, wenn es nicht in die menschlichen Tat mündet. Die große indische Denkerin Vimala Thakar schreibt: „In dieser Epoche ein spirituell Suchender ohne soziales Gewissen zu sein, ist ein Luxus, den wir uns schwerlich leisten können. Und es ist die ärgste Torheit, ein sozialer Aktivist ohne exaktes Verständnis der inneren Funktionsmechanismen des menschlichen Verstandes zu sein.“

Der Vogel der großen Revolution des Mitgefühls braucht also zwei Flügel, um abheben zu können: einen politisch-weltlichen und einen spirituell-geistigen. Wer politisch arbeiten möchte, muss bereit sein, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, er muss fähig werden, in sich und seine psychischen Verstrickungen einzusteigen, seine wahre Identität zu entdecken, Eitelkeiten zu enttarnen, Lügen aufzudecken. Wir sind so uneins mit uns selbst, dass wir immer noch bereit sind, zu glauben, nur die anderen seien gewalttätig und wir allein (wären) zum Frieden bereit. Wie wäre es, wenn sich jeder von uns für einen kleinen Teil – nur ein paar Quadratmeter – jener anderen, betrogenen und ausgeplünderten Welt tätig verantwortlich fühlte, die wir überheblich die „Dritte“ genannt haben. Dies wäre ganz im Sinne von Albert Schweitzers Ethikbegriff der „tätigen Hingabe im engsten Bereich“.

Die beste Definition von Freiheit ist, die Angst zu verlieren. Janis Joplin sang ja: „freedom is just another word for nothing left to lose“, und etwas Ähnliches meinte ich in meinem „Willy“ mit dem Satz: „Freiheit, des hoaßt koa Angst hab’n vor nix und neamands“. Es gibt ein Foto von Sophie und Hans Scholl auf dem Gefängnishof, kurz vor ihrem Tod. Sie rauchen zusammen eine Zigarrette. Das Foto ist unglaublich schön, weil die Gesichter der beiden so gelöst sind. Sie lachen sich an, und man würde nie annehmen, dass sie kurz vor ihrer Hinrichtung stehen. Warum ist auf den Gesichtern von Sophie und Hans Scholl so wenig Angst? Vielleicht weil sie so überzeugt von dem waren, was sie getan haben. Und weil – vor allem bei Sophie – der christliche Glaubenshintergrund eine große Rolle gespielt hat. Man sieht auch an diesem Beispiel: Der mystische Weg nach innen hat nichts mit päpstlicher Sexualmoral zu tun oder mit jenen „Göttern“, von denen ich wünschte, sie mögen „zugrunde gehen“. Der wirklich spirituelle Mensch ist „der Welt gestorben“ und findet gerade dadurch die Kraft, die Welt zu gestalten.

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