In Bewegung bleiben

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Martin Löwenberg am 8. Mai 2010 in Fürstenried beim Verlassen der Bühne
– nach seinem Aufruf zur Blockade eines Naziaufmarsches Foto: Petra Gerschner

Martin Löwenberg ist tot. Einige Wochen vor seinem 93. Geburtstag ist unser Freund am Ostermontag für immer eingeschlafen. Lieber Martin, wir danken dir von Herzen für deine Freundschaft, deine Herzenswärme, deine Widerständigkeit, dein Handeln, deine Solidarität, deinen Humor, deinen Mut, dein Vertrauen, deine Offenheit und die Bereitschaft, uns alle an deinen Erfahrungen und deiner Geschichte teilhaben zu lassen sowie für die vielen Stunden, Tage und Nächte, die wir in den letzten Jahrzehnten gemeinsam mit dir auf der Straße, bei Veranstaltungen und auf Festen verbringen durften. In unseren Herzen wirst du uns weiter begleiten auf dem Weg zu einer gerechten Welt. (Petra Gerschner und Michael Backmund)

In Bewegung bleiben

Michael Backmund erinnert an Martin Löwenberg

Mit Mannschaftswagen rast die Essener Polizei in den riesigen Demonstrationszug. Berittene Polizisten zerteilen die Menge und machen Jagd auf Menschen. Hunde werden auf junge Leute gehetzt und Uniformierte schlagen mit Gummiknüppeln oder lederumflochtenen Stahlruten wahllos Demonstranten-Köpfe blutig. Die Menschen weichen vor der bewaffneten Staatsmacht nur langsam zurück. Steine fliegen. Dann kommt der Befehl: „Revolver in die Hand, feuern!“ Mehrere junge Demonstranten brechen schwer verletzt zusammen. Philipp Müller wird mit einer Kugel niedergestreckt, sie durchschlägt sein Herz und einen Lungenflügel. Er stürzt mit dem Kopf auf das Pflaster. Doch er lebt – noch.

„Philipp wurde von Polizisten an seinen Beinen und Armen gepackt und wie ein Paket auf ein Polizeiauto geworfen“, erinnerte sich Martin Löwenberg an jenen „Blutsonntag“ in Essen. Den Transport ins Krankenhaus hat der 21-jährige Münchner Eisenbahn-Gewerkschafter und Kommunist nicht überlebt. Philipp Müller war der erste erschossene Demonstrant in der jungen Bundesrepublik. Er hinterließ einen fünf Monate alten Sohn und seine 21-jährige Ehefrau.

Rund 30 000 Menschen hatten an der „Friedenskarawane der Jugend“ am 11. Mai 1952 in Essen teilgenommen – darunter vor allem Mitglieder der Falken, FDJ, Naturfreunde, Pfadfinder und von christlichen Jugendorganisationen, junge SozialdemokratInnen, KommunistInnen und GewerkschafterInnen. Auch Martin Löwenberg war mit vielen anderen AntimilitaristInnen von München nach Essen gereist. Einen Tag vor seinem 27. Geburtstag und sieben Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges.

„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ hatte Löwenberg mit tausenden anderen Überlebenden nach seiner Befreiung aus dem KZ geschworen. In Essen demonstrierte er gemeinsam mit Philipp Müller gegen die geplante Remilitarisierung, gegen die Vorbereitungen zur Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die angestrebte Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die Nato als Bollwerk und Frontstaat gegen den Kommunismus. Der „Kalte Krieg“ hatte damals schon längst begonnen. Und Bundeskanzler Adenauer und seine Regierung wollten mit einer starken deutschen Armee dabei sein.

Der Essener Polizeidirektor Hermann Knoche sprach von Notwehr – wenige Jahre zuvor war er noch Abwehrchef der Gestapo in einem Solinger Großbetrieb gewesen. Der Kampf gegen Linke und Kommunisten hatte damals eine bruchlose Kontinuität in vielen Amtsstuben Westdeutschlands. Als an jenem 11. Mai vier Polizisten in schwarzen Uniformen und kniehohen Stiefeln vor der Kruppschen Krankenanstalt Philipp Müller „ablieferten“, hörten Zeugen einen Polizisten sagen: „Das Schwein ist schon tot.“ Müller lag zu diesem Zeitpunkt auf keiner Krankentrage, sondern die Beamten hielten ihn jeweils an einem Bein und einem Arm fest, den Kopf ließen sie einfach nach unten hängen. Die zynische Polizei-Propaganda, Demonstranten hätten zuerst mit Pistolen auf Beamte geschossen, wurde von der Nachrichtenagentur dpa und den meisten bürgerlichen Zeitungen ungeprüft übernommen; zwei Tage später musste der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, im Landtag jedoch einräumen, dass „ausschließlich die Polizei von der Schusswaffe Gebrauch gemacht“ habe.

„Die Rückreise mussten wir ohne ihn antreten“, erzählte Martin Löwenberg. Und der schwerste Weg stand ihm noch bevor – sie führte nach Neuaubing: „Laut klopfte mein Herz“, erinnerte sich Löwenberg, „als ich vor dem roten Backsteinhaus stand, einer typischen Eisenbahnersiedlung der damaligen Zeit. Was sollte ich antworten, wenn ich gefragt werde von einer Mutter, ob ihr Sohn denn nicht hätte gerettet werden können?“ Er fand die richtigen Worte, wie noch so oft in seinem Leben. Die Anzeige der Mutter wegen Mordes wurde genauso niedergeschlagen wie die Anzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen jene Täter, die den schwerverletzten Philipp Müller ohne medizinische Versorgung vom Tatort abtransportiert hatten. Nach Aussagen eines Arztes hätte Müller bei einer schnelleren, professionellen Einlieferung in die Klinik und einer Notoperation vielleicht gerettet werden können. „Auch für mich haben die Ereignisse in Essen meine künftigen politischen Anschauungen und Handlungen wesentlich mitgeprägt“, schrieb Martin Löwenberg über den frühen Tod seines Freundes „Phips“ in einem Zeitungsartikel anlässlich des 40. Todestages 1992.

„Bei meiner Befreiung aus dem KZ hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mein ganzes Leben gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus, gegen Militarismus und Krieg kämpfen muss“, sagte Martin Löwenberg rückblickend. Dass der Faschismus bis heute nicht besiegt werden konnte, beschäftigte ihn in seinen letzten Lebensjahren zunehmend. Doch Resignation war nicht sein Weg.  Am 12. Mai 2010 feierte der Widerstandskämpfer und ehemalige KZ-Häftling seinen 85. Geburtstag. Wer ihn kannte, wird sich nicht wundern, dass er an seinem „größten Geburtstagsgeschenk“, wie er bei seiner Feier an diesem Abend im Münchner Gewerkschafshaus bekannte, selbst aktiv „mitgewirkt“ hatte. Als vier Tage zuvor am 8. Mai die meisten prominenten Redner bereits den Ort der Auseinandersetzung in Fürstenried verlassen hatten, erklomm Martin Löwenberg mit Stock und Mütze die Bühne und sagte: Die richtigen Worte allein reichten nicht aus, es komme in bestimmten Situationen auch auf das Handeln an – und rief die Menschen dazu auf, sich der Blockade auf der Straße anzuschließen und den Naziaufmarsch zu verhindern. Danach eilte er von der Bühne und man konnte ihn kurze Zeit später strahlend in der ersten Reihe der Blockade, die die Nazis an diesem Tag erfolgreich stoppte, wiederfinden. Nicht ohne dabei viele FreundInnen und Bekannte aufmunternd zu begrüßen – darunter junge Autonome genauso wie GewerkschafterInnen oder unbekannte DemonstrantInnen, die sich bei ihm für seine klaren Worte bedankten.

 

Martin Löwenberg: Ein Leben gegen Faschismus, Unterdrückung, Krieg und Rassismus    

Martin Löwenberg wurde am 12. Mai 1925 in Breslau geboren, zwei Jahre nach seinem älteren Bruder Fred. Dass der Feind in Deutschland links steht, wird Martin bereits als kleiner Bub am eigenen Körper erfahren. Denn seine Eltern Julian und Käthe Löwenberg waren beide aktive Sozialdemokraten und Gewerkschafter. 1932 erlebten Martin und sein Bruder Fred einen Überfall von SA und HJ-Gruppen auf das Kinder- und Jugendheim der „Sozialistischen Jugend – Die Falken“ in Breslau, wo sie beide aktive Mitglieder waren, Martin als kleiner Junge bei den so genannnten „Nestfalken“. Bereits 1941 wurde fast die gesamte Verwandtschaft seines jüdischen Vaters, der schon 1929 gestorben war, deportiert – keiner überlebte den NS-Terror.

Käthe Löwenberg mit ihren Söhnen Martin (l.) und Fred, 1931 Foto: Privat, aus der weiter unten genannten Filmdokumentation

„Meine Linke war nicht schlecht“, erinnert sich Martin an seine Jugend. Und das ist keine Übertreibung: Er war ein guter Boxer und trainierte im Postsportverein Breslau. Als „Rechtsausleger“ mit einer extrem schnellen und harten linken Schlaghand war er für alle Normalausleger ein ungewohnter und unbequemer Gegner und schickte sie häufig mit einem K-O-Schlag auf die Bretter. Aufgrund seiner Weigerung, in die HJ einzutreten, durfte Martin jedoch nicht an offiziellen Kämpfen teilnehmen. Gemeinsam mit Freunden wehrte er sich dafür bereits als Jugendlicher umso tatkräftiger gegen die Schikanen der HJ – mehrmals verprügelte er und seine Freunde Mitglieder des HJ-Streifen-Dienstes. Doch eines Tages kam sein älterer Bruder zu ihm und sagte: „Das kann doch nicht alles sein, dass du mit deinen Fäusten arbeitest – du musst doch den Menschen auch helfen.“

Martin zögerte nicht und folgte seinem Bruder in den organisierten Widerstand: Ab 1942 unterstützte er als „Verteiler“ aktiv osteuropäische Zwangsarbeiter in Breslau mit Lebensmittelkarten und Nachrichten über den Frontverlauf. Nach seiner Festnahme am 4. Mai 1944, Folter und Gestapo-Verhören, in denen er jede Aussage verweigert hatte, wurde er in das KZ Flossenbürg deportiert, von dort aus nach wenigen Tagen in das KZ-Außenlager Thil in Longwy-Villerupt, wo er selbst beim Ausbau von stillgelegten Erzstollen zu unterirdischen Produktionshallen für die Rüstungsindustrie Zwangsarbeit bei der Münchner Baufirma Polensky & Zöllner leisten musste. Im Herbst 1944 wurde er ins KZ-Außenlager Leitmeritz deportiert, wo Osram Zwangsarbeiter für die Luftwaffe und die Auto-Union für den Bau von Panzermotoren ausbeuteten.

Nach seiner Befreiung aus dem KZ gehörte Martin Löwenberg zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Er trat sofort in die SPD ein, war Gewerkschafter der ersten Stunde und engagierte sich aktiv gegen die Remilitarisierung. Aus politischen Gründen wurde er jedoch wie tausende andere frühere KZ-Häftlinge schon bald erneut verfolgt, verhaftet und eingesperrt – zunächst wegen seines sozialistischen und antifaschistischen Engagements in der „Sozialdemokratischen Aktion“ (SDA), die vom Staatsschutz im Kalten Krieg als „Tarnorganisation“ der 1956 verbotenen KPD eingestuft worden war. Zweimal stand er damals vor Gericht, zweimal wurde er zu jeweils zehn Monaten Haft verurteilt. Seinen Einsatz für eine bessere Welt konnte das nicht stoppen. Aber auch in den eigenen Reihen verlor er nie seine Kritikfähigkeit: Nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, jenes Traums von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, trat er aus der illegalen KPD aus und bezeichnet sich seitdem als „Kommunist ohne Parteibuch“.

Martin Löwenberg am 14. Oktober 2002 auf dem Goetheplatz – nach der erfolgreichen Blockade eines Naziaufmarsches Foto: Petra Gerschner

In München und Bayern war Martin Löwenberg über 70 Jahre in vielen politischen Bündnissen aktiv gegen alte und neue Nazis, Antisemitismus, Rassismus und Militarismus. Von 1983 bis 1992 war er aktiv bei den Grünen, deren Weg nach rechts in die „neoliberale Mitte der Gesellschaft“ er nicht weiter mittragen wollte. Aktiv war er weiterhin im Freidenker-Verband, dem Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der AntifaschistInnen, dem Arbeitskreis gegen rechts bei ver.di und den Senioren bei ver.di.

Über viele Jahrzehnte machte er sich stark dafür, Aufmärsche von Alt- und Neonazis zu stoppen und zu verhindern. Für seine gelebte Zivilcourage hat ihn ein Münchner Gericht zuletzt im Jahr 2003 wegen „Aufruf zu Straftaten“ rechtskräftig verurteilt – die Anklageschrift wurde von Stadtrat Siegfried Benker als „Zeitdokument“ neben anderen Zeitzeugnissen in der „Zeitkapsel“ hinterlegt, mit der der Grundstein der Neuen Synagoge am Jakobsplatz im November 2003 gefüllt wurde.

Am 12. Dezember 2004 zeichnete ihn die Internationale Liga für Menschenrechte gemeinsam mit seinen FreundInnen, der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano aus Hamburg und dem Widerstandskämpfer Peter Gingold aus Frankfurt für ihr unermüdliches Engagement mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille aus. Zur Preisverleihung begleitete ihn seine Frau Josephine nach Berlin und Martin sagte in seiner Dankesrede: „Neben Fred, war und ist es insbesondere meine liebe Frau und Kampfgefährtin, die in über 51 gemeinsamen Ehejahren, meinem Leben Inhalt und Richtung gegeben hat und noch gibt. Wie oft sage ich immer: Sie hat mich gelenkt, auch dann, wenn ich mit dem Kopf durch die Wand ging; sie hat mich aber auch gebremst, wenn ich – was nicht selten der Fall war – ohne Kopf durch die Wand wollte. Groß ist meine Freude, dass es sich meine Frau trotz schlechten Gesundheitszustandes nicht nehmen ließ, heute und hier an dieser Feierstunde teilzunehmen. Nehme ich doch die Carl-von-Ossietzky-Medaille in Empfang, zugleich stellvertretend für sie und andere politische Wegbegleiter.“

Mit dieser Liebeserklärung an Josefine hat Martin zugleich sehr viel von ihrem gemeinsamen Weg ausgedrückt: Es ging den beiden immer um die Menschen, um das gemeinsame Handeln und das tiefe Wissen darum, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die die große Chance haben, das Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinsam zu gestalten – gleichberechtigt, solidarisch und kritisch. Mit Respekt vor dem anderen. Es war der 14. April 1951, als sich Josefine und Martin das erste Mal begegnet sind: In einem Zugabteil auf der Fahrt nach Hamburg hat es sofort gefunkt. Auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 65. Geburtstags von Ernst Thälmann, der als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschland am 18. August 1944 nach 11 Jahren Isolationshaft im KZ Buchenwald auf persönlichen Befehl Hitlers hin ermordet wurde. Die Rückfahrt endete mit einer verbindlichen Verabredung, sich gemeinsam bei der Veranstaltung des Journalisten Ernst Schuhmacher vom DDR-Rundfunk auf dem Nockherberg zu treffen.
Josefine erschien an jenem Abend ungeheuer elegant gekleidet und mit Stöckelschuhen. Die Veranstaltung konnte  jedoch überhaupt nicht  stattfinden – wie so viele damals im „Kalten Krieg“, einige Jahre vor dem Verbot der KPD: Und nachdem der Protest vor dem Lokal von der Polizei aufgelöst war, bei dem die Münchner Polizei Schumacher krankenhausreif prügelte, gingen die beiden Verliebten anschließend noch stundenlang bis tief in die Nacht  spazieren  – zumindest Josefine hatte dafür nicht das passende Schuhwerk an. Denn es ging immer wieder die Hochstraße von einem Ende zum anderen hin und her. Zum Einkehren in eine Wirtschaft fehlte Martin einfach das Geld. Wenige Wochen später schenkte Josefine Martin am 12. Mai 1951 zu seinem 26. Geburtstag ein Reise-Necessaire mit Rasierzeug – daraus wurden 60 gemeinsame Jahre. Verbunden hat Josefine, die am 7. August 2011 gestorben ist, und Martin der Kampf gegen die Remilitarisierung und die neue Kriegspolitik der Adenauerregierung und für eine gerechtere Welt.

Auf unzähligen Demonstrationen, Kundgebungen, Mahnwachen, Veranstaltungen und Blockaden hat Löwenberg sehr viele Menschen Mut gemacht: „Alle müssen selbst entscheiden, ob sie sich den menschenverachtenden Ras­sisten in den Weg stellen“, hallte seine Stimme von Bühnen und Lautsprecherwägen. Der Mann mit den fun­kelnden Augen unter der di­cken Brille und dem weißen Schnauzbart setzte dann stets ruhig, aber bestimmt nach: „Vielleicht hilft es bei der Entscheidungs­findung, wenn ich als Verfolg­ter und Inhaftierter des Nazire­gimes sage, ein solcher Schritt verlangt nur ein bisschen Zivil­courage und ich bitte darum, diese heute zu besitzen.“ Martin Löwenberg ist bis ins hohe Alter ein Aktivist geblieben: Ob er sich nun mit dem Münchner Bündnis gegen Rassismus an Protesten gegen Abschiebungen im Flughafengebäude beteiligte oder sich als „alter Sozialrevolutionär“ auch noch am Münchner Pflegestammtisch für die Interessen alter Menschen in den Heimen stark gemacht hat. Die Menschlichkeit und Solidarität war ihm stets wichtiger als die Legalität. Seine Maxime, von der er sich sein Leben lang leiten ließ, lautete: „Es kann durchaus etwas legitim sein, was nicht legal ist!“ Er stellte das Humanitätsprinzip immer über das Legalitätsprinzip.

Es war langes, starkes und reiches Leben für Gerechtigkeit und gegen Faschismus, Unterdrückung und Krieg. „Wir alle brauchen doch solche, wia du oana bist!“, heißt es in Konstantin Weckers Song „Willy“. Schön, dass es einen wie Martin Löwenberg gegeben hat – er wird uns in unseren Herzen weiter begleiten.

Michael Backmund

 

Der Dokumentarfilm
es kann legitim sein, was nicht legal ist
martin löwenberg – ein leben gegen faschismus, unterdrückung und krieg

Dokumentarfilm von Petra Gerschner und Michael Backmund, 94 min, © München 2011
Musik: Konstantin Wecker, Schnitt: Katrin Gebhardt-Seele, http://www.loewenberg-film.de/
Festivalteilnahme: 27. Internationales Dokumentarfilmfestival München, Mai 2012 

Trailer zum Film:

Fast zwei Jahrzehnte begleiteten die FilmemacherInnen den Widerstandskämpfer und ehemaligen KZ-Häftling Martin Löwenberg mit der Kamera: bei seinem politischen Engagement zur Unterstützung von Flüchtlingen sowie zur Entschädigung von ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, aber auch bei seinem entschiedenen Eintreten gegen Neonazismus, Antisemitismus und Krieg. Diese subjektive Protestgeschichte wird verknüpft mit aktuellen Interviews und historischem Bildmaterial aus Wroclaw (ehem. Breslau), Dachau, Flossenbürg, Essen und München zu einer filmischen Zeitreise über ein Jahrhundert. Martin Löwenberg entwickelt dabei eine ganz besondere Form der Reflektion von Geschichte, die die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für die Gegenwart präsent werden lässt.

„Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“: Martin Löwenberg am 14. Oktober 2002 vor dem DGB-Haus – kurz vor der erfolgreichen Blockade eines Naziaufmarsches Foto: Petra Gerschner

Kampf dem Atomtod

Martin Löwenberg und der lange Widerstand gegen die militärische und die zivile Nutzung der Atomkraft: Von den Protesten gegen die nukleare Bewaffnung der Bundeswehr über die Ostermärsche bis zu den Zaunkämpfen in Wackersdorf

Von Michael Backmund

Es gab Zeiten, da beschimpfte man ihn als naiven und weltfremden Spinner. Nicht nur an Infotischen, sondern auch auf linken Veranstaltungen und Bündnissitzungen musste Martin Löwenberg sich viele Klugheiten anhören: „,Der Strom kommt nicht aus der Steckdose‘, lautete in den 1970er und 80er Jahren das Lieblingsargument von sozialdemokratischen Wachstumsapologeten, die sich dabei auch noch ganz intelligent vorkamen“, sagt Löwenberg. Aber auch parteitreue Marxisten-Leninisten schmetterten damals im Brustton der Überzeugung schlagende Argumente gegen Abweichler wie Martin Löwenberg, wenn er hinter seinem Infotisch stand: „Atomkraftwerke in Arbeiterhand sind sicher“, verkündete die Avantgarde der Arbeiterklasse sogar in ihren Broschüren und Flugschriften. „Als Kommunist ohne Parteibuch habe ich nicht mehr an diese Propaganda geglaubt“, erinnerte sich 2010 der damals 85-Jährige Widerstandskämpfer und frühere KZ-Häftling. Für Löwenberg waren die zivile und die militärische Nutzung der Atomkraft schon immer zwei untrennbare Seiten einer menschenverachtenden Technologie.

Erst der atomare Super-Gau von Tschernobyl 1986 beendete die unkritische Fortschritts- und Technikgläubigkeit, der auch viele Linke bis dahin vertraut hatten. Martin Löwenberg kannte die Höhen und Tiefen der Bewegungen, die Mühen der Ebene, die vielen Rückschläge, aber auch die großen Erfolge. Als der junge Antifaschist 1945 kurz vor seinem 20. Geburtstag aus dem KZ-Außenlager Leitmeritz in Nordböhmen befreit wurde, hieß der Titel der ersten Veranstaltung, auf der er kurze Zeit später sprach: „Mit den Waffen des Geistes gegen den Geist der Waffen“. Damals prägten tausende AntifaschistInnen und frühere KZ-Häftlinge – ob SozialistInnen, KommunistInnen, bürgerliche HumanistInnen oder christliche PazifistInnen – mit dem politischen Vermächtnis, das sie kurz zuvor bei ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern geschworen hatten, den Geist der Bewegung gegen die geplante Remilitarisierung: „Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg!“

Sie kämpften gegen „diesen verfluchten deutschen Militarismus, der so viel Leid und Tod für Millionen Menschen gebracht hatte“, sagte Löwenberg energisch: „Bundeskanzler Adenauer wollte nach eigenen Worten bei der Neuordnung Europas bis zum Ural auf der richtigen Seite mit einer starken deutschen Armee dabei sein. Wir wehrten uns gegen diese Vorbereitungen zur Wiederbewaffnung Deutschlands und gegen die Eingliederung der Bundesrepublik in ein westliches Militärbündnis als Bollwerk und Frontstaat gegen den Kommunismus.“

Gegen Bundeswehr, Atomwaffen und Nato

Längst hatte der kalte Krieg begonnen: 1956 marschierten die ersten Soldaten in die Kasernen der Bundeswehr. Im gleichen Jahr wurde die KPD verboten. Bundeskanzler Konrad Adenauer bezeichnete taktische Atomwaffen als Weiterentwicklung der Artillerie und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wollte eigene deutsche Atombomben bauen. „Der Kampf gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr und der Nato“, so Löwenberg, „war für uns die Fortsetzung der Bewegung gegen die Remilitarisierung.“

Die Gewerkschaftsbasis der Bewegung „Kampf dem Atomtod‘ hatte damals auf Betriebsversammlungen aktive Kampfmaßnahmen beschlossen, berichtete Löwenberg begeistert. Auch er forderte einen Generalstreik. Doch die Spitzen von SPD und DGB zogen die Notbremse: „Sie setzten wieder einmal lieber auf das Parlament und spalteten damit unsere Bewegung“, kritisierte der Antifaschist. Mit ihrem Bad Godesberger Programm beendete die SPD dann abrupt ihre Unterstützung der Bewegung „Kampf dem Atomtod“. Der Chefstratege Herbert Wehner plante über den Weg einer Großen Koalition den Griff zur Regierungsmacht.  „Dafür mussten die größten Stolpersteine in der Partei beseitigt werden: Die Ablehnung der Wiederbewaffnung und vor allem die kategorische Ablehnung von Atomwaffen“, analysierte Löwenberg.

Doch die Bewegung agierte bereits zunehmend international und außerparlamentarisch:

Hunderttausende protestierten gegen eine drohende atomare Ost-West-Konfrontation. Allein in München versammelten sich am 18. April 1958 nach einem Autokorso mit zweihundert Privat-Pkw mit „Kampf-dem-Atom-Tod-Transparenten“ durch die Münchner Innenstadt rund 10 000 Menschen zu einer Kundgebung des Komitees gegen Atomrüstung. Weil der Circus-Krone-Bau nur 4000 Sitzplätze bot, hörten trotz kühler Witterung rund 6000 Demonstranten die mit Lautsprecher ins Freie übertragenen Reden: Grußbotschaften des italienischen Regisseurs Rossellini, des Schweizer Schriftstellers Max Frisch und des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre.

Wenige Tage zuvor hatte an Ostern die britische Campaign for Nuclear Disarmament einen Marsch gegen die nukleare Aufrüstung von London zum Atomforschungszentrum Aldermaston mit zehntausend Menschen organisiert. Löwenberg und seine Genossen verfolgten die Aktion mit Spannung. Präsident der Kampagne war der Nobelpreisträger Bertrand Russell.  Hieraus entwickelte sich in den nächsten Jahren die Tradition der „Ostermärsche“ und München war eine der ersten Städte in der Bundesrepublik, in der ein Ostermarsch gegen Aufrüstung und Atomwaffen organisiert wurde: 1960 zogen 30  bis 40 Teilnehmer durch die Innenstadt. Das Vorbereitungskomitee bestand nur aus drei Organisationen: Dem Kreisverband München des Deutschen Freidenker-Verbandes, dessen Vorstand Martin Löwenberg damals angehörte, dem Arbeiter-Sing- und Spielkreis und der Naturfreundejugend.

„Warum marschieren denn Sie, die das Marschieren verabscheuen? Warum wohl setzt sich Bertrand Russell, der Mathematiker, Nobelpreisträger und Philosoph, achtundachtzig Jahre alt, im Schneidersitz demonstrativ vors englische Verteidigungsministerium?“, fragte der Schriftsteller Erich Kästner auf dem Münchner Ostermarsch 1961: „Weil ihm und Ihnen und uns allen keine hübschere Art der ,Freizeitgestaltung‘ einfiele? Wir bedienen uns der Demonstration als eines demokratischen Mittels, die Regierungen und Parlamente an ihre Pflicht zu erinnern. Was werfen wir den Wichtigtuern (…) demonstrativ vor? (…) Mangel an Phantasie und Mangel an gesundem Menschenverstand.“ Die Zahl der Ostermärsche und ihrer Teilnehmer steigerten sich von Jahr zu Jahr: „Sie waren die wichtigste Antikriegsbewegung der 1960er Jahre und ein wichtiger Vorläufer der außerparlamentarischen Opposition“, sagte Löwenberg im Rückblick.

„Für die Vergesellschaftung der Energiekonzerne“

„Im Zuge der Friedens- und Anti-Nato-Bewegung der 1980er Jahre haben wir die Tradition der Ostermärsche wiederbelebt“, erzählt Löwenberg:  Am Ostermarsch in Wackersdorf nahmen Ende März 1986 rund 100 000 DemonstrantInnen unter dem Motto gegen „Atomwaffen und Weltraumrüstung“ teil. Unter ihnen Löwenberg. Sie demonstrierten gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA), weil sie darin auch die Gefahr einer deutschen Atombewaffnung sahen. Zu einer Zeit, in der nicht nur der damalige Münchner Polizeivizepräsident Roland Koller (CSU) öffentlich eigene Atomwaffen für die Bundesrepublik forderte, wie es Strauß bereits in den 1950er Jahren getan hatte.

„Es war eine aufregende Zeit“, sagt Löwenberg. Und an Pfingsten 1986 – kurz nach Tschernobyl – wurden der Bauzaun von Wackersdorf teilweise zerstört und die Polizei angegriffen: „Tausende kämpften damals gegen den Zynismus der Atomlobby und die Polizeibrutalität. Viele ältere Oberpfälzer Frauen haben jüngeren AntiatomaktivistInnen Tüten mit ausgegrabenen Steinen oder sandgefüllten Flaschen zum Werfen an den Zaun gebracht.“

Für Löwenberg war diese breite, massenmilitante Bewegung ein großer Erfolg: „Seit der Verhinderung der geplanten WAA wurde in Deutschland kein neues AKW mehr gebaut.“  Nach dem Super-Gau von Fukishima 2010 lagen für ihn die aktuellen Ziele auf der Hand: „Die sofortige Abschaltung aller Akws ohne jeden Deal mit der Atomlobby, die Abschaffung aller Atomwaffen und die Vergesellschaftung der Energiekonzerne.“ Die Aufstände von Tunis und Kairo hätten, so Löwenberg, doch gezeigt: Der Mut und Widerstand von Hunderttausenden können sogar Diktaturen stürzen. „Warum eigentlich nicht die arrogante Macht von Atom- und Rüstungskonzernen und ihrer Politiker?“

Martin Löwenberg auf dem Lautsprecherwagen: Auf der Demo gegen die Nato-Sicherheitskonferenz im Februar 2011 Foto: Petra Gerschner

 

Ergänzung aus der HdS Redaktion (Alexander Kinsky):

Im Gedenken an Martin Löwenberg hier auch noch jenes Lied von Konstantin Wecker in einer Liveaufnahme aus München von 1983, das auch im Abspann des Films zu hören ist:

Kommentare
  • Gerhard Hallermayer
    Antworten
    Hallo,

    auch ich hatte das Glück Martin Löwenberg persönlich und privat kennen zu lernen.

    Bei einer Veranstaltung des Bezirksausschusses am 8. Mai 2011 in Neuhausen sprach Martin Löwenberg über seine Befreiung nach 1945 und schloss in der Rede mit einem Appell an die Jugend.

    Ich hatte das Glück, die Veranstaltung zu filmen. Es war mein Anfang mit einfacher Kamera ohne Stativ, aber ich glaube, es ist trotzdem ein gutes Zeitdokument geworden. Ich schicke euch 2 Links unten von den Videos.

    https://youtu.be/X0h0LujjEfw

    https://youtu.be/vdbLxk5GJRA

    Gerhard Hallermayer (gh-film)

    Streiflacher Str. 8

    82110 Germering

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