In dieser Spielbank zahlen nicht die Zocker

 In FEATURED, GRIECHENLAND

90. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Das Fazit von Holdger Platta in seinem neuesten Spendenbericht ist bitter: „Die Kolonisierung Griechenlands dient vor allem den Euro-Staaten und deren Wirtschafts- und Finanzinteressen. Den Menschen in Griechenland geht es schlecht, damit es vor allem den westeuropäischen Banken weiterhin gut geht! Im Kasinokapitalismus, in dieser Spielbank, zahlen nicht die Zocker für ihren Einsatz, dafür dürfen – im Fall des Falles – ganze Völker bluten.“ Dies belegt er anhand einiger drastischer Beispiele. Wie gut kämen Sie z.B. mit einer Rente in Höhe von 195,90 Euro zurecht? Zum Glück hat die Spendensumme dank unserer Leserinnen und Leser wieder anzogen. (Holdge Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

wahrlich, ich habe eine gute Nachricht für Euch: in der letzten Woche gingen 930,- Euro auf unserem Spendenkonto ein, überwiesen von 7 UnterstützerInnen. In der – auf 10 Tage verlängerten – Vorwoche waren das 787,50 Euro gewesen (SpenderInnenzahl 23). Dieses Ergebnis ist überraschend für die Monatsmitte, und selbstverständlich hat dieses Ergebnis auch einen Grund. Erstmalig konnten wir auch auf der Facebook-Seite von Konstantin Wecker auf unsere Hilfsaktion aufmerksam machen, in einem kleineren Artikel mit Link zum (vorvorletzten) Hilfsbericht. Deshalb sage ich zunächst einmal Dank den – so vermute ich – überwiegend neuen Spendern für die Unterstützung unserer Aktion, Dank aber selbstverständlich auch Konstantin Wecker, der uns diese Hilfsmöglichkeit für unsere Hilfsaktion eröffnet hat!

Ansonsten gibt es, unsere Arbeit betreffend, leider auch eine weniger erfreuliche Nachricht, eine Nachricht, die vor allem mich selber betrifft:  mein Rechner, kräftig in die Jahre gekommen, verweigert mir im wachsenden Maße seine Dienste. Schon zum dritten Mal während der letzten beiden Wochen hat er mir die zweifelhafte Freude gemacht, kurz vor der Eingabe des gesamten Berichts in den PC alles zu löschen, was ich in der Stunde davor eingegeben hatte in die betreffende Datei, mit der Folge, dass ich alles noch einmal zu tippen hatte (was neuerliche Totallöschung des Textes nach sich zog, wiederum kurz vor Abschluss der Arbeit). Ich behelfe mich seitdem damit, nach jedem Absatz den eingegebenen Text abzuspeichern in eine Zweitdatei. Nunja, eine Lösung ist in Sicht für dieses Problem. Es bedeutet jedoch, dieses freundliche Arbeitsvernichtungsprogramm, dass ich mich heute etwas kürzer fassen werde.

Zunächst: aus Athen, von der Operation, der sich Katherina unterziehen muss, der Nierentransplantation, habe ich noch nichts Neues gehört. Da warten auch wir vom Helferteam auf neue – hoffentlich gute – Nachricht, und ich werde sie unverzüglich weitergeben an Euch, wenn diese Nachricht eingetroffen ist. Auch ansonsten ist, nach der Rückkehr des Helferteams Evelin und Tassos Chatzatoglou nach Österreich, unmittelbar von der „Unterstützungsfront“, nichts Neues zu berichten. Das gilt auch für unser zweites Helferteam, für Uschi und Karl-Heinz Apel, die in der Peloponnes unterwegs gewesen sind. Neues also auch von diesen beiden Helfergruppen erst, wenn Neues von ihnen berichtet werden kann!

Erlaubt mir stattdessen, ein paar Meldungen aufzugreifen, die mich außerhalb unserer Hilfsaktionen erreicht haben aus Griechenland. Es verwundert Euch sicherlich nicht: gute Nachrichten sind nicht dabei.

  • Vom griechischen Rentnernetzwerk war in der letzten Woche zu hören, dass mittlerweile 1,2 Millionen „Pensionisten“ mit einer Hauptrente von unter 500,- Euro auskommen müssen. Das entspräche einer Betroffenenzahl von ca. 9,6 Millionen Menschen bei uns!
  • Verschärft wird die Situation der betroffenen Griechinnen und Griechen dadurch, dass aufgrund neuer Gesetze die Rentenbeträge weiter abgesenkt werden sollen, vor allem Zusatz- und Witwenrenten sollen erneut beschnitten werden. Im Detail:
  • Für Niedrigverdiener sind zukünftig Renten in der Höhe von 195,90 Euro pro Monat vorgesehen. Bei zwanzigjähriger Beitragszahlung soll die nationale Mindestrente bei 384,-Euro liegen, bei einer Beitragszeit von 15 Jahren bei 345,- Euro. Elend im Alter ist also für unzählige Menschen in Griechenland vorprogrammiert angesichts der Arbeitslosenquote seit bald einem Jahrzehnt!
  • Des weiteren ist neuesten Meldungen zu entnehmen, dass sich während der Krisenjahre seit 2010 die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten und Arbeitslosen in Griechenland fast verdreifacht hat (so der griechische Gewerkschaftsbund GSEE).
  • Zwar ist die Arbeitslosenquote seit dem Scheitelpunkt der Krise von 27 auf 21,2 Prozent zurückgegangen. Und Alexis Tsipras, der griechische Ministerpräsident, verwies kürzlich, bei einer Rede in Thessaloniki, stolz auf 263.000 neue Arbeitsplätze (seit Beginn des Jahres 2017). Aber unerwähnt blieb bei dieser Gelegenheit, dass vor allem die Anzahl von befristeten Arbeitsmöglichkeiten und von Teilzeitjobs zugenommen hat. Gerade im Tourismusbereich – ich berichtete vor einigen Wochen darüber -, in einer „eigentlich“ boomenden Branche mithin, nehmen dabei die Probleme zu, und die Anzahl der prekären Jobs übersteigt inzwischen die Anzahl regulärer Vollzeitarbeitsplätze. Generell:
  • 267.000 Arbeiter, so die griechische Gewerkschaft GSEE, verfügen nur noch über Teilzeitjobs (zu Beginn der Krise galt das für 99.000 Werktätige). Das entspräche in Deutschland einer Gesamtzahl von über 2 Millionen Teilzeitbeschäftigten.
  • Und die Anzahl der Langzeitarbeitslosen ist laut GSEE inzwischen von 37.000 Betroffenen auf 109.000 angestiegen, was rund 900.000 Langzeitarbeitslosen in der Bundesrepublik entspräche.

Zu Beginn dieses Monats, am 6. Oktober, hatte gegen die weiteren Gesetzesverschärfungen zuungunsten der „Pensionisten“ das Vereinigte Rentnernetzwerk im Athener Zentrum protestiert, unterstützt auch von anderen Verbänden sowie von Gewerkschaftsorganisationen. Aber die Tsipras-Regierung hält an ihrem Gehorsamskurs gegenüber den Austeritätsvorgaben der Euro-Staaten fest, ein Umstand, der Mikis Theodorakis zu einer neuerlichen Stellungnahme veranlasst hat, nämlich, seinem Land die Willfährigkeit eines „Kolonialstaates“ vorzuwerfen (in der Sonntagszeitung „To Vima“). Doch es bedarf nicht einmal der Worte des tapferen Widerständlers und großen Komponisten Mikis Theodorakis, um zu einer solchen Schlussfolgerung zu gelangen. Selbst die Akteure der anderen Seite, Spitzenrepräsentanten der Troika-Politik gegenüber Griechenland, bestätigen diesen Befund!

Schon Wolfgang Schäuble hatte am 8. Juni 2015 seinem griechischen Amtskollegen Yanis Varoufakis gegenüber erklärt, in Berlin war das, im Finanzministerium dort, und selbst ein Zeuge war dabei, James Galbraith, der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler sowie Freund und Berater von Varoufakis: nein, er, Wolfgang Schäuble, würde das (was dann, nach der berüchtigten Epressernacht in Brüssel vom 12. auf den 13. Juli des Jahres 2015, als sogenanntes „Rettungsprogramm“ der griechischen Regierung aufgenötigt wurde) nicht unterzeichnen: „Als ein Patriot, nein. Es ist schlecht für Dein Volk“. Und bereits einige Monate vor diesem Termin bekam Yanis Varoufakis von Christine Lagarde bei seinem Antrittsbesuch beim IWF in Washington zu hören: „Du hast Recht, Yanis. Diese Zielvorgaben […) können nicht funktionieren. Aber du mußt verstehen, dass wir zuviel in dieses Programm investiert haben. Wir können nicht davon abrücken“. –

„Zuviel investiert“? – Nun, Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, ließ Varoufakis gegenüber auch in dieser Hinsicht aufs deutlichste erkennen, was mit diesen „Investitionen“ gemeint war sowie mit dem sogenannten „Hilfspaket“ für die Griechen bereits im Jahre 2010: Rettung der französischen und deutschen Banken, die vor 2009 leichtfertig Riesenmengen an griechischen Staatspapieren eingekauft hatten. In den Worten des Wirtschaftspublizisten Niels Kadritzke gesagt (am 12. Oktober 2017):

„Athen musste befähigt werden, diese Anleihen zu bedienen, sonst wäre in Paris und Frankfurt eine Bankenpanik ausgebrochen.“

Und Niels Kadritzke weiter:

„Dieser Zusammenhang war 2010 nicht nur Lagarde [damals noch französische Finanzministerin. HP] bewusst, sondern auch ihrem Präsidenten Sarkozy und natürlich Schäuble und Merkel in Berlin.“

Wir können also schlussfolgern: die Kolonisierung Griechenlands dient vor allem den Euro-Staaten und deren Wirtschafts- und Finanzinteressen. Den Menschen in Griechenland geht es schlecht, damit es vor allem den westeuropäischen Banken weiterhin gut geht! Im Kasinokapitalismus, in dieser Spielbank, zahlen nicht die Zocker für ihren Einsatz, dafür dürfen – im Fall des Falles – ganze Völker bluten. Und bei diesem üblen Spiel machten und machen die Sarkozys mit und die Lagardes, die Schäubles und die Merkels – und, seit einiger Zeit, leider auch Tsipras und seine Kabinettskollegen. Was da oben im Großen und Ganzen passiert, macht im Kleinen ganz unten alles kaputt!

Damit, wie immer, zu meinen obligaten Schlusshinweisen:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:

 

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

 

Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

 

Pter Latuska

Theodor Heuss Str. 14

37075 Göttingen

Email:

latuskalatuska

@web.de

 

Mit herzlichen Grüßen

Euer Holdger Platta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare
  • Daniel Kreutz
    Antworten
    Nur zwei Winzigkeiten zum 90. Bericht Holdger Plattas, dessen Tenor ich völlig zustimme:

    „267.000 Arbeiter, so die griechische Gewerkschaft GSEE, verfügen nur noch über Teilzeitjobs (zu Beginn der Krise galt das für 99.000 Werktätige). Das entspräche in Deutschland einer Gesamtzahl von über 2 Millionen Teilzeitbeschäftigten.“ 

    2016 gab es in Deutschland allein 8,7 Mio. sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigte.

    „Und die Anzahl der Langzeitarbeitslosen ist laut GSEE inzwischen von 37.000 Betroffenen auf 109.000 angestiegen, was rund 900.000 Langzeitarbeitslosen in der Bundesrepublik entspräche.“ 

    Im Jahresschnitt 2016 gab es in Deutschland 993.073 Langzeitarbeitslose (Höchststand 2006: 1.864.491).

     

     

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