Konstantin Wecker und Hannes Wader

 In Kultur, Roland Rottenfußer

Mitte April wird die große Biografie anlässlich des 70. Geburtstags von Konstantin Wecker im Gütersloher Verlag erscheinen: „Das ganze schrecklich schöne Leben“. Autoren sind Konstantin Wecker, Günter Bauch und Roland Rottenfußer. Der vorliegende Text über Wecker und Wader wurde ursprünglich für die Biografie geschrieben, dann aber wieder entfernt, da Konstantin selbst einen Text über seine Beziehung zu Hannes Wader verfasst hatte. Wir bringen dieses Outtake auf „Hinter den Schlagzeilen“ als Appetithäppchen. Zugleich kann die Betrachtung über ein zentrales Gespann der deutschen Liedermacherszene natürlich auch für sich stehen.

Konstantin Weckers zweites großes Tournee-Projekt in diesen Jahren war „Kein Ende in Sicht“ zusammen mit Hannes Waders. Das Verhältnis der beiden Groß-Liedermacher zueinander war nicht von Anfang an so idyllisch gewesen, wie es sich dann 2010 auf der Bühne zeigte. In dieser über Jahrzehnte andauernden künstlerischen Lovestory war zunächst Wecker der Umwerbende, Wader der sich spröde Entziehende gewesen.

Beide lernten sich in den frühen 70ern in einer Studentenkneipe kennen. Wader damals schon eine bekannte Szenegröße, „hager und still, umringt von seinen studentischen Fans“, Wecker noch ein Nobody, der mit seinen Sadopoetischen Gesängen nur wenige zu verstören vermochte. Wader gab sich „kratzbürstig“, wie sein um fünf Jahre jüngerer Kollege in Rudi Gauls 2010 gedrehtem Dokumentarfilm „WeckerWaderVaterLand“ berichtete. Zu artfremd erschienen viele der Alleinstellungsmerkmale Weckers der damaligen linken Liedermacherszene. Dem Beklagten wurden kurze Haare, ein gebuildeter Body, sowie bourgeoise Instrumente – Klavier und Cello – zur Last gelegt. Am schwersten wog allerdings ein anderer Anklagepunkt: „Einer, der aus Bayern kommt, da konnte man sich gar nicht vorstellen, dass der politisch denken kann“.

Davon zumindest war der musikalische Minimalist aus Bielefeld unbedingt freizusprechen. „Wader war der Idealtyp des linken Liedermachers: groß, dünn, langhaarig – hat alles gestimmt“, berichtete Konstantin. Zudem stand der Eigenbrötler Hannes Wader nach eigener Aussage „wie ein Stock“ auf der Bühne und hätte am liebsten eine Gitarren mit drei Saiten erfunden um jeden Anflug schwülstigen Bombasts zu vermeiden. Wecker dagegen: „Jemand, der die große Geste braucht, die Grandiosität, die Explosion.“ (Wader) Zum Beweis sieht man in Gauls Film Konstantin im Stehen hüpfend und schwitzend sein Klavier traktieren.

Schießlich aber erlag der zögernde Grandseigneur dem beharrlichen Werben seines Fanboys. Wie es dazu kam? „Ich habe Konstantins Lieder kennengelernt – eines schöner als das andere.“ Irgendwann sangen und spielten sich dann eben die Gegensätze an und machten aus der Not ihrer komplementären Wesensnatur eine Tugend. „Gerade aufgrund der Gegensätzlichkeit der Temperamente ist diese gegenseitige Anziehung erfolgt“ sagte Hannes Wader. Und Wecker ergänzt in seinem Buch „Meine rebellischen Freunde“: „Doch unter den verschiedenen Mänteln, die wir tragen, wollen wir beide das Gleiche: uns selbst begegnen in unseren Liedern.“ Rudi Gaul entlockte Wecker in seinem famosen Tourneefilm gar ein überraschendes Bekenntnis über den Ursprung seiner linken Gesinnung: „Dadurch, dass wir Liedermacher waren, wurden wir in das linke Spektrum hineingetrieben. Ich habe mich dagegen gewehrt. Heute stehe ich dazu.“ Wie? Wäre es denkbar gewesen, dass Konstantin Weckers politisch eine andere als die linke Richtung eingeschlagen hätte? Hatte er sich nur in jener Ecke breit gemacht, in die andere ihn gestellt hatten? Kaum denkbar, denn die Lebenslust verlangt nach Freiheit, um sich auszubreiten – und Freiheit ist noch immer eher links als bei den Disziplin- und Hierarchiefetischisten der Rechten zu finden.

Zur Vorgeschichte gehörten unbedingt auch die Wecker/Wader-Konzerte 2001. Im Jahr darauf kam es anlässlich des 60. Geburtstags Hannes Waders zum Dreiertreffen Mey/Wecker/ Wader. Diese blieb allerdings – bisher – ein einmaliges Event, dokumentiert auf einer eindrucksvollen Doppel-CD, die quasi eine Leistungsshow neuerer deutschsprachiger Liedermacherkunst darstellte. Nach verhaltenen Gitarrenklängen der beiden älteren Kollegen fuhr Wecker als Dritter mit „Im Namen des Wahnsinns“ wuchtig drein: mit scharfen Dissonanzen und elektronischen Klangkaskaden aus Jo Barnikes Keyboards.

Bei den Proben wirkte Wecker meist energischer, besser aufgelegt als Wader. Er „verführte“ mit übersprudelnder Herzlichkeit und Flirtblick, an manchen Stellen erschien er dominant. Der Münchner war gegenüber dem Bielefelder im Vorteil, weil daran gewöhnt, einer größeren Band vorzustehen. Wader dagegen stand zuvor meist allein auf der Bühne. Alle Verantwortung lastete dann auf ihm, aber er hatte auch jederzeit alles im Griff. Der Film zeigt das berührende Porträt eines im Grunde scheuen Mannes, der nach 40 Jahren Bühnentätigkeit noch immer fürchtet, seine Sache nicht gut genug zu machen. Keiner seiner Zuschauer auf der Bühne oder im Kinosaal wäre wohl auf diese Idee gekommen. So gelang es Hannes im Film, mit sympathischer Unbeholfenheit und trockenem Humor viele Lacher einzuheimsen. Einmal, verzweifelt von all dem Neuen, das auf ihn einstürzte, meinte Hannes Wader, er wolle nie mehr mit jemandem gemeinsam auftreten, nicht einmal mit Bob Dylan oder Paul McCartney. Es scheint, als hätte dieser Mann seine Zweifel durch eine gütige Art der Selbstironie erlöst, während sein jüngerer Kollege von solchen Zweifeln von vornherein weniger angefochten wurde.

Die 2009er-Tournee „Kein Ende in Sicht“ war – natürlich! – Weckers Idee gewesen: Das Urgestein-Duo zelebrierte mit Frische und Spielfreude seinen eigenen Mythos, die Zeit des großen liedermacherischen Erwachens und des Weltverbesserungsoptimismus in den 70ern, dem beide ihre Karriere verdankten. Grob kann man ja in der Geschichte der Liedermacherkunst drei Phasen unterteilen: In der ersten (etwa bis Anfang der 80er) waren linke Liedermacher „in“ und über die Grenzen des Milieus hinaus populär. In der zweiten hat man sie ignoriert, als lebende Fossile bespöttelt – oder sie waren aus den falschen Gründen prominent. Nun konnte ein drittes Stadium beginnen, in dem man sie als Klassiker würdigte – analog zu George Brassens und Jacques Brel in Frankreich. Der Blick der jüngeren Generation – hier repräsentiert durch Filmemacher Rudi Gaul – war weniger getrübt durch politische Parteilichkeit und schmerzlich erlebte Zeitgeschichte.

Wecker und Wader schlugen mit ihren munteren Konzert also eine Brücke über biografische Abgründe. Beide Künstler waren – auf je unterschiedliche Weise – vom kompletten Zusammenbruch ihrer Identitäten bedroht gewesen. Für Wecker kam der Einbruch mit dem Drogenabsturz und der Verhaftung in den 90ern. Für das DKP-Mitglied-Wader erfolgte ein eher innerlicher Absturz mit dem Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus und seiner über Jahrzehnte kultivierten politischen Überzeugung. In beiden Fällen, so gaben die Liedermacher gegenüber Rudi Gaul zu Protokoll, entsprang die Gefährdung der Einsamkeit zweier Künstler, die der Ruhm zu plötzlich und zu heftig erwischt hatte. Sie fühlten sich allein, umgeben von Menschenhorden. Wader gab zu Protokoll, die Gemeinschaft in der DKP habe ihn aus dieser „Splendid Isolation“ vorübergehend erlösen können; Wecker fügte an, für ihn hätten die Drogen vielleicht die gleich Wirkung gehabt – eine irritierende Aussage. Wer könnte ausschließen, dass Sucht für Konstantin Wecker – neben anderen Gründen – auch eine Form der Bewältigung politischer Trauer und Frustration war?

Wer als Linker im politisch unverbesserlichen Bayern nicht manchmal zu Betäubungsmitteln greift, muss wohl starke Nerven haben. Und, um einen von Konstantin vertonten Satz von Werner Schneyder zu zitieren: „Nur Höllen formen einen so“.

Anzeige von 9 kommentaren
  • Bettina Beckröge
    Antworten
    „Einer, der aus Bayern kommt, da konnte man sich gar nicht vorstellen, dass der politisch denken kann“.
    .
    Schmunzel….Und doch, es ist offensichtlich möglich! Ich staune :). Man muss scheinbar nicht aus dem benachbarten Königreich Kölle, lediglich durch den imaginären Weißwurstäquator vom „Königreich“ Bayern getrennt, kommen (die paar Landstriche dazwischen vergessen wir mal eben), um politisch denken zu können.
    Bin schon gespannt auf die Biografie. Und noch ein Buch…Mein Regal platzt aus allen Nähten!!!
  • Martha
    Antworten
    „Königreich Kölle“ ? Da bring ich die Enden jetzt nicht zusammen.
  • Bettina Beckröge
    Antworten
    Na ja, zu Rosenmontag kommt sogar die Mnisterpräsidentin nach Kölle, um die fünfte Jahreszeit mit uns zu feiern. Rosenmontag ist Kölle ein Königreich. In diesen Tagen hört man vom benachbarten „Königreich“ jenseits des Weißwurstäquators mit all seinen niedlichen Schlösschen, wie Neuschwanstein, mit all seinen barock-schnörkeligen Kirchentürmchen herzlich wenig. Was der Fußball nicht schafft, schafft Köln, zu Karneval.
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    🙂
    .
    http://www.ksta.de/koeln/karneval-in-koeln/rosenmontag-in-koeln-promis-im-zoch-schwaermen-vom–schoensten-tag-im-leben–25931798
  • Martha
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    Und was hat das mit Wader / Wecker zu tun ?
  • Piranha
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    An Fasching ist es in manchen Regionen wichtig, dass man „Nickese“ zu sagen hat.
    Also Martha:
    Nickese
    Und damit sind Wader & Wecker außen vor 😉
  • Bettina Beckröge
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    Einer von beiden stammt definitiv aus Bayern,auf den war wohl der oben zitierte Bayern- Schmunzelspruch gemünzt. Den Rest,liebe Martha, überlasse ich deiner freien Fantasie. Es darf auch mal geschmunzelt werden, ganz unabhängig vom Buchinhalt, den wir beide ja noch gar nicht kennen.
  • Bettina Beckröge
    Antworten
    Ganz unabhängig von dem Buch,- danke auch für die „Appetithäppchen“, sie haben geschmeckt-, ist es doch erstaunlich zu sehen, wie gut sich Wecker und Wader gehalten haben, trotz der Berg- und Talfahrten, von denen oben geschrieben wird, und trotz all der Anstrengungen, die Konzerttourneen mit allem drum und dran über Jahre sicherlich mit sich bringen. Das Foto spricht für sich.
  • Christine Bouquet
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    Schoene Einfuehrung, das macht Lust aufs Lesen dieses ungewoehnlichen Lebens….
    Im 6. Para bei Jo Barnikel fehlt ein ‚l‘ !!!!!!!!!! 🙂
  • Bettina Beckröge
    Antworten
    Na ja, liebe Christine, ein fehlendes „I“ wird dem Gesamtkunstwerk eines Buches wohl keinen nennenswerten Abbruch tun :).
    Ansonsten pflichte ich dir vollkommen bei, die Einführung macht Lust aufs Lesen. Das Gefühl ist gerade wie kurz vor Weihnachten. Da liegt etwas spannendes, umhüllt von undurchdringlichem Geschenkpapier bereit, nur es darf eben noch nicht ausgepackt werden. Zum Glück haben wir aus den Ungeduldszeiten unserer Kindheit gelernt und können geduldig warten… Bislang ist Weihnachten jedesmal eingetroffen, wenn ich mich recht entsinne.
    .
    🙂

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