«Neue Kultur darf keine bestehende verdrängen»

 In DER BESONDERE HINWEIS

Eines der lebendigsten Subkulturprojekte Münchens, das Open-Air-Kino im Viehhof, muss dem Neubau des Volkstheaters weichen. Wieder soll etwas „Kleines“, aber Bewährtes, das für viele Menschen Teil ihrer kulturellen Heimat gewesen ist, gigantomanischer Mainstreamkultur weichen. Ein Gespräch mit Hartmut Senkel. (Christine Wicht)

Im Hintergrund leuchten die roten Positionslichter der Türme des Heizkraftwerks Süd im angrenzenden Stadtteil Sendling. Der imposante Kamin des Kraftwerks ist mit seinen 176 Metern, neben dem Olympiaturm, das zweithöchste Bauwerk der Stadt. Rostige Transportcontainer stapeln sich am Rande des Viehhofgeländes, daneben ragt ein Kran in den tiefblauen Sternenhimmel. Marode Mauern, graffitibeseelt, umrahmen den ehemaligen Viehhof, der seit 10 Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Eine Szenerie, die an einen Aki Kaurismäki-Film erinnert. Das Surreale täuscht, es sind keine Kulissen, die den Viehhof umgeben, alles ist gewachsen und das macht diesen Ort so reizvoll. Ein wahres Kleinod inmitten einer herausgeputzten, gentrifizierten, hippen und unbezahlbaren Stadt. Zur Sommerzeit tauchen bunte Lichterketten und Lampions das Areal in eine stimmungsvolle Atmosphäre, eiserne Kunstwerke stehen verstreut auf dem Gelände, Kerzen in Papiertüten flackern auf den Biertischen, an denen sich Fremde und Freunde begegnen, angeregt unterhalten, lachen und fern der Hektik der Großstadt warme Sommerabende unter freiem Himmel genießen. Was wie improvisiert aussieht, ist aus einer Liebe zum Detail entstanden. Wie der kleine Strand mit Liegestühlen, eingerahmt von orangefarbenen Containern des Amts für Abfallwirtschaft und grün beleuchtete Palmen, die zusammen mit der kleinen Cocktailbar und Sommermusik, Urlaubsgefühle wecken. Es kommt Wehmut auf im Biergarten „Zur Freiheit“, benannt nach der Münchner Fernsehserie aus den 1980ern, die im Schlachthofmilieu spielt. Das Open-Air-Viehhofkino und der Biergarten waren immer als Zwischennutzung geplant. Leider ist es nun Geschichte und die Bürger verlieren eine Subkultur, die einzigartig war in München, der Stadt, die nicht über zahlreiche Brachflächen verfügt, wie beispielsweise Berlin. Nach einem Stadtratsbeschluss vom 26. Juli 2017, soll das neue Volkstheater auf dem Gelände entstehen, geplanter Baubeginn, Frühjahr 2018. Ein Gespräch mit Hartmut Senkel, der dem Viehhofgelände so viel Leben eingehaucht hat mit seinen Ideen, seiner Liebe zum Detail und über die Hoffnung auf ein Ausweichgelände in der Stadt.

Herr Senkel, nun soll das neue Volkstheater auf dem Viehhofgelände gebaut werden. Sie müssen dieses Areal aufgeben. Warum wird denn das Volkstheater nicht auf dem Gelände der alten Großmarkthalle gebaut?

Die alte Großmarkthalle ist denkmalgeschützt und kein geeigneter Ort für das Volkstheater. Darüber gibt es einen Stadtratsbeschluss, der damit begründet wurde, dass es um ein vielfaches teurer geworden wäre, wenn die denkmalgeschützte Halle ausgebaut worden wäre. Es gibt aber noch einen Antrag von der CSU im Stadtrat an die Verwaltung, zu prüfen, ob das Kulturfestival auf dem Gelände der alten Großmarkthalle stattfinden kann.

Sie haben eine Petition zum Erhalt des Viehhofgeländes eingereicht. Was hat die Petition gebracht?

Die Petition, die ich eingebracht habe, war auf den Erhalt der Gewerbetreibenden, Veranstaltungen wie unser Kulturfestival und den möglichen Neubau des Volkstheaters aufgebaut. Ich war nie gegen den Bau des Volkstheaters an diesem Ort jedoch für Koexistenz mit allen Beteiligten. Ich habe Pläne gemacht, auch in Kleinstvarianten, die allen Beteiligten, Verwaltung und Politik vorgelegt worden sind. Die Koexistenz von Theater, Wohn- Gewerbe- und Kulturraum ist für die Balance in unserer so wunderbaren Stadt und ein gutes Miteinander äußerst wichtig. Ich wünsche mir, dass eine Veranstaltung wie das Viehhof Open Air Kino Festival und das gesamte Viehhofgelände mit seinen Gewerbetreibenden neben dem möglichen Bau des Münchner Volkstheaters erhalten bleibt. Durch den Einsatz und die Schaffenskraft der im Viehhof ansässigen Gewerbe- und Kulturtreibenden, hat das Gelände eine Aufwertung erfahren. Neue Kultur darf keine bestehende verdrängen, sondern sollte im Einklang mit ansässigen, gewachsenen und beliebten Betrieben fortbestehen. Wir würden uns freuen, wenn die Verantwortlichen der Stadt München und das Volkstheater uns in Ihre Planung mit aufnähmen, in die Entscheidungsprozesse mit einbinden und unser Vorhaben unterstützten. Wir, die Gewerbetreibenden und Kulturschaffenden, wünschen uns mehr Raum und Platz für Kleingewerbe und Subkultur im gesamten Viehhofgelände und in ganz München. Also, Volkstheater und ein Kreativ-Quartier, das lebt und auch tagsüber lebendig ist, in Koexistenz mit dem alt eingesessenen Gewerbe.
Um es auf den Punkt zu bringen, es wird der Standpunkt vertreten, dass von Anfang an klar war, dass es eine Zwischennutzung war. Ich habe mehr bekommen als ich erwartet habe, aus 3 Jahren sind 7 Jahre geworden. Es ist eine der letzten große Brachflächen in München, auf der eine Subkultur erlebbar gemacht werden kann. Es ist ein echtes Miteinander der Münchner Bürger. Der öffentliche Raum gehört den Bürgern, die sich hier begegnen und die sich austauschen können. Erst die Bürger wecken den Raum zum Leben. Wenn solche Räume verloren gehen, verarmt die Stadt und wird fad und blass.

Hat die Stadt Ihnen eine Ausweichfläche in Aussicht gestellt?

Ich bin im Gespräch mit der Stadt wegen einer Ausgleichsfläche, doch ich glaube, dass die Fläche mich finden muss. Ich arbeite mit der Stadt seit 17 Jahren auf Augenhöhe und ich sage danke dafür, dass 7 Jahre lang für 70 Tage im Jahr bis 1 Uhr nachts, diese Veranstaltung stattfinden durfte. Es treffen sich Menschen über alle Schichten hinweg, für viele Menschen ist der Viehhof im Sommer zum ausgelagerten Wohnzimmer geworden, wo sie sich treffen und austauschen. In unserer globalisierten Welt sind dies Identifikationspunkte. Würde man dies nicht wie einen Schatz hüten, dann ginge einer der wichtigsten Identifikationspunkte des Viertels, ein Stück Heimat für die Bewohner verloren. Solche Orte gilt es zu bewahren, um die ganze Bandbreite der Kultur zu fördern. Mit großen Projekten läuft man Gefahr vieles in den Schatten zu stellen, was eigentlich blüht. In einer hektischen, lauten Stadt, hilft unser Festival zum Entschleunigen. Der Biergarten heißt „Zur Freiheit“, damit ist eigentlich auch alles gesagt. Mit wenig Mitteln fühlen sich hier so viele Menschen frei. Im Viehhof trifft sich der Querschnitt der gesamten Münchner Gesellschaft. Man kommt sich dort vor, als wäre man in einer anderen Welt. Man fühlt, ist glücklich dort und macht eine Pause von der Realität des Alltags.

Als was würden Sie Ihre Rolle hier bezeichnen?

Wenn ich mir eine Definition geben darf, dann Veranstaltungskünstler. Als Maschinenbauer habe ich ein detailverliebtes Auge, egal ob der Raum groß oder klein ist, wenn man über den Platz geht und er den Besucher einsaugt, dann ist die richtige Form gefunden.

Sie haben auch an Familien mit Kindern gedacht. Für Kinder ist das Gelände ein wahres Eldorado.

Meine Tochter ist mit dem Viehhofgelände groß geworden. Natürlich erfüllt es mich mit Wehmut, dass es nun vorbei sein soll. Für Kinder ist es ein großer Abenteuerspielplatz. Wir haben eine Hüpfburg, einen Spielplatz, einen Wassergraben, einen Garten für Kinder, ein Planschbecken. Ich habe die Brauereien um 300 – 700 leere Bierträger gebeten. Für die Kinder ist es wie ein riesiges Legospiel auf großer Fläche. Sie bauen Fußballfelder, Türme, Labyrinthe. Es ist ein ganz einfaches Mittel, um ihre Kreativität auszuleben. Kinder haben unendlich viele Ideen was man alles aus Bierträgern bauen kann.
Ich danke jeden Abend bei meiner Ansage vor jedem Film vor der Leinwand für die 7 Jahre, die ich den Viehhof mit meinen Ideen zum Leben erwecken konnte. Und ich erwähne jeden Abend den Verleger Franz Schiermeier, der ein Buch über Stadtratsbeschlüsse geschrieben hat, die nie umgesetzt wurden, es heißt „München nicht wie geplant“. Somit habe ich noch Hoffnung, dass auch diese Fläche nicht an Gebäude verloren geht, denn das wäre wirklich ein großer Verlust für die Bevölkerung. Das Viehhofkino-Open-Air-Kulturfestival und der Biergarten sind aus diesem Viertel gewachsen. Man kann hier noch erspüren wie München in den 70er Jahren einmal war. Und der letzte Misthaufen Münchens ist auch hier, ganz in der Nähe an der Lkw-Waschstraße im Viehhof. Ich glaube immer noch, dass Fantasie und Wille Berge versetzen und Lösungen bringen.

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