Wann darf man von »Faschismus« sprechen?

 In Holdger Platta, Politik (Inland)
"Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder." Oder?

„Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder.“ Oder?

Faschismus? Das war früher mal. Und außer dem zum Glück verstorbenen Herrn Hitler gab und gibt es eigentlich kaum irgendwo Faschisten. Was er getan hat, war auch so furchtbar, dass gerade diese Furchtbarkeit die beste Garantie dafür zu sein scheint, dass dergleichen nie wieder passieren kann. Wenn also Faschismus ein so singuläres historisches Phänomen war, dann kann man verstehen, dass bestimmte Leute schwer beleidigt sind, wenn man ihre Äußerungen zum faschistischen „Vorfeld“ erklärt: zu etwas, was – weiter gedacht – Terrorstaat und Menschenvernichtung den Weg bereiten könnte. Wie sieht es z.B. aus mit dem Massenverelendungsprogramm Hartz IV, das direkt oder indirekt in Deutschland schon ein ganze Reihe von Todesopfern gefordert hat? Holdger Platta spricht sich gegen eine zu eingeschränkte Verwendung des Faschismusbegriffs aus und fordert: „Wehret den Anfängen!“

Ich möchte die Frage stellen, ob man auch heutige Prozesse oder Geschehnisse unter bestimmten Voraussetzungen bzw. bei Gegebenheit bestimmter Fakten als „faschistisch“ bezeichnen darf. Es ist gleichzeitig die Frage danach, wieso wir so empfindlich und oft mit schärfster Abwehr reagieren, wenn einer diese Behauptung aufstellt: jawohl, es gäbe wieder faschistische Geschehnisse und Prozesse in der Bundesrepublik.

Ich vermute, die meisten von uns reagieren deswegen derart heftig mit einem Gefühl der Abwehr, wenn Gegenwärtiges als „faschistisch“ ausgegeben wird, weil uns allen angesichts solcher Behauptungen aufs klarste die ungeheure Schrecklichkeit dessen, was Faschismus tatsächlich war, vor Augen tritt. Um es nur auf zwei Begriffe zu bringen: Faschismus, das war der terroristische Überwachungsstaat und die systematische, fabrikmäßig betriebene, Ermordung von Juden und anderen (zumeist zusammengefasst unter dem Begriff „Auschwitz“).

Insofern steckt in dieser spontanen – fast möchte man sagen: reflexartigen – Reaktion auf die Behauptung, womöglich seien auch heutige Geschehnisse oder Prozesse bereits als „faschistisch“ zu bezeichnen, ein zutiefst humanes Moment bzw. ein zutiefst humanes Motiv! Es tritt in dieser heftigen Reaktion zutage, dass der Betreffende sehr genau weiß, was Faschismus tatsächlich ist: die schlimmste Menschenverrohung, die sich denken lässt, ein Menschheitsverbrechen schlechthin, im Kern und im Wesentlichen kaum etwas anderes als furchtbarste Menschenverfolgung und Genozid. Dieses Wissen zeigt, dass der betreffende Mensch gerade nicht, was die Vergangenheit Deutschlands angeht, Opfer von Verleugnungs- und Verdrängungstendenzen im eigenen Inneren ist; und dieses Wissen, diese spontane reflexartige Zurückweisung des Faschismus-Vorwurfs, zählt daher auch zum Humansten in uns: es schützt die Vergangenheit vor ihrer Verharmlosung durch Abwehr unangemessener Skandalisierung von Geschehnissen und Prozessen in unserer Gegenwart. Auch als sachlich falsch oder verkehrt erscheint uns diese Abwehr deshalb nicht. Faschismus, das ist doch unüberbietbares Unmaß des Verbrechens, im Namen des Staates zudem, Faschismus, das ist Bruch mit jeglicher Menschlichkeit, Faschismus, das ist mit nichts anderem vergleichbar, deswegen auch die dem Faschismus – völlig zu Recht! – zugeschriebene „Singularität“.

Und diese Feststellung trifft auch zu angesichts des Umstandes, dass man diese „Singularitäts“-These missverstehen könnte. In dem Sinne nämlich, die „Einmaligkeit“ von Auschwitz sei auch verbunden mit Nichtwiederholbarkeit dieses Ereignisses. Die Tatsache, dass es Auschwitz einmal gegeben hätte – als „einmalig“ zu nennende Tatsache gegeben hätte -, dies würde mithin bedeuten, dass damit die Geschichte vor jedwedem neuen Auschwitz gefeit wäre. Selbstverständlich ein Missverständnis, denn derart magischen Selbstschutz der Geschichte vor seiner Wiederholung gibt es nicht. Gleichwohl bleibt die Frage:

Wie kann man auch nur annähernd irgendetwas in der Bundesrepublik als „faschistisch“ oder „Faschismus“ bezeichnen? Nun, weil ich meine, dass an dieser Stelle eine Frage an diese Frage zu stellen ist, eine wichtige Frage sogar. Und diese Frage lautet: ist „Faschismus“ (und „faschistisch“) tatsächlich nur das: Auschwitz nämlich und Terrorstaat? Was auch die Frage heraufbeschwört: Ist diese zutiefst humane Reflexreaktion auch eine durch und durch reflektierte Reaktion?

Ich möchte diese Frage mit einer Gegenfrage konfrontieren, mit einer Frage, die zu beantworten wahrlich nicht belanglos ist. Wird, wenn wir dieses – Auschwitz und Terrorstaat – zum alleinigen Maßstab nehmen, nicht unweigerlich zu einer Barriere aufgebaut, die alles blockiert, was Fragen nach der vergleichsweise „harmlosen“ Vor- und Verursachungsgeschichte des Faschismus stellt? Und geht aus dieser Reduktion von Faschismus auf Auschwitz und Terrorstaat nicht sogar ein totales Benennungsverbot hervor gegenüber der Vor- und Verursachungsgeschichte des Faschismus? Schlicht deswegen, weil da alles noch erheblich harmloser war? Aber konkret:

Darf demzufolge – gemessen an der furchtbaren Monströsität von Auschwitz – die Kleinigkeit eines einzigen Buches, Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ nämlich, deswegen nicht mehr als faschistisch bezeichnet werden? Ist es faschistisch eben deswegen nicht, weil es im Vergleich zu Auschwitz halt nur Geschreibsel war, eine Banalität, eine Kleinigkeit, die völlig zu vernachlässigen ist? Oder, um ein zweites Bespiel zu erwähnen: ist der Slogan, mit dem die NSDAP ihren „Durchbruchswahlkampf“ im Spätsommer 1930 bestritt, der Slogan „Schlagt sie zusammen!“, deswegen nicht faschistisch, weil es doch nur Propaganda wäre und läppische Kraftmeierei, lediglich Geschrei und Druckerschwärze – gemessen am tatsächlich existierenden terroristischen Gestapostaat später? Zugespitzt: gewalttätige, faschistische Slogans, die gäbe es demzufolge gar nicht? Faschismus, das wäre nur reale Gewalt, und zwar systematisch ausgeübte, terroristische Gewalt von Seiten eines Staates? Faschismus als Denken und Psychologie, Faschismus als Propaganda und Verwaltungshandeln vor der Schwelle zu Auschwitz, diesen Faschismus gäbe es nicht?

Ich stelle damit Fragen nach Anfangsphänomenen des Faschismus, und – was bedeutend wichtiger ist – ich stelle damit Fragen nach den Ursachen von Faschismus, nach frühen Erscheinungsformen von Faschismus und Anfangskausalitäten, die gleichsam naturgemäß – der Logik wie der Sache nach – zumeist ungleich kleiner und unbedeutender erscheinen müssen als das, was schließlich als Resultat aus diesen Anfängen erwächst. Im Vergleich und als Erscheinungsformen von Faschismus mögen diese frühen Phänomene von Faschismus allesamt „Bagatellen“ sein, in ihrer kausal-konditionalen Funktion für den Geschichtsverlauf, für Aufstieg und Sieg des Faschismus sind sie es nicht, ganz im Gegenteil. Es handelt sich um genau jene Anfänge, die gemeint sind, wenn im Zusammenhang von Faschismus – gerade bei der Auseinandersetzung darüber im Nachkriegsdeutschland – derart oft von der Maxime des „Principiis obsta!“ die Rede war. Genau dieses sind die Anfänge, im Denken und im Fühlen, im Schreiben und in der Propaganda, die später dann – mit anderen Ursachen zusammen – zu den Folterkellern der Gestapo führten und zum deutschen KZ-System. Kurz:

Der graduell selbstverständlich immense Unterschied zwischen „Mein Kampf“, einem bloßen Buch, und Auschwitz, diesem gigantischen Menschenmassenvernichtungssystems, mag schier unüberbrückbar groß erscheinen: gleichwohl ist das eine Vorbote und Mitursache des anderen, und in der – faschistischen! – Qualität sind beide einander gleich! Anders: fast immer sind die Ursachen von Massenverbrechen kleiner als die Massenverbrechen selbst. Als Ursache, da genügt hin und wieder schon ein bloß mündlich ausgesprochener Befehl (wie ein Teil der Historiker annimmt, was die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ betrifft!). Kurz: es gehört zur Logik fast eines jeden Geschehens, dass der Anfang zumeist sehr viel kleiner erscheint als dessen Ergebnis, unscheinbarer als das womöglich furchtbarste Geschehen, das dieser Anfang dann heraufbeschwört. Gleichwohl gehört beides, der „kleine“ Anfang wie das alles Menschenmaß sprengende Ende, qualitativ derselben Kategorie und Geschichte an. Woraus, für mich jedenfalls, unabweisbar folgt:

Wir können und dürfen nicht erst dann von „Faschismus“ sprechen und gegen ihn anzuschreiben versuchen, wenn dieser bereits wieder das gesamte Staats- und Gesellschaftswesen usurpiert hat und wenn es bereits wieder ein Auschwitz gibt – erst dann also, wenn es wieder einmal zu spät ist. Würden wir unser Verständnis von Faschismus auf dessen entsetzlichste Realisierungsformen reduzieren – auf Terrorstaat und Auschwitz – und Faschismus damit nur vom Ende her verstehen, dann etablierten wir damit gleichzeitig eine Art von Verbot, alles, was Vorgeschichte dazu ist, als faschistisch bezeichnen zu dürfen. Ein derartig reduziertes Faschismusverständnis etablierte in unserem Wahrnehmen und Denken, in unserem Sprechen und Schreiben die Maxime eines prinzipiellen Zu-Spät! Dieses wäre die eine furchtbare Folge daraus. Und die andere (wie es Adorno in „Was ist Aufarbeitung der Vergangenheit?“ formuliert hat): „Das Unmaß des Verübten schlüge dem Verbrechen zum Vorteil aus.“ Heißt: nur, was in seiner Entsetzlichkeit Auschwitz gleichkommt, dürfte deshalb noch als Faschismus oder faschistisch bezeichnet werden. Alles, was dahinter zurückbliebe oder davor steckenbliebe, bliebe von dieser Bezeichnung verschont. Dieses antifaschistische Faschismusverständnis schlüge um zur Schutzfunktion für jeden Faschismus, der noch nicht das Entsetzlichste zu realisieren begonnen hat.

Und damit zurück in unsere Gegenwart:

• Wer aus Opfern, welche die Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik nahezu ausnahmslos sind – fast niemand von ihnen wurde oder bleibt freiwillig arbeitslos! -, Schuldige macht – und eine weitestverbreitete Propaganda tut dies seit Jahren -;

• wer darüberhinaus diese vermeintlich Schuldigen mit unsagbarem Leid überzieht, wer diesen Millionen Menschen also ein Leben weit unterhalb des Existenzminimums zumutet, sie demütigt, ausgrenzt und mit Feindseligkeiten der verschiedensten Art überzieht:

der etabliert in einem wichtigen Teilbereich der Gesellschaft – im Teilbereich ausgerechnet der Sozialpolitik – bereits heute einen neuen Faschismus und bereitet erneut einen Faschismus in der Bundesrepublik vor. Münteferings Aussage „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ war ein KZ-Spruch, auch wenn es die dazugehörigen KZs noch nicht gibt. Der Planungsvorschlag der Chemnitzer „Wissenschaftler“ Thießen/Fischer, den Regelsatz auf 139,- Euro pro Person und Monat zu kürzen, war faschistisch, weil in der Wirkung ein Todesurteil, auch wenn dieser Faschismus – zum Glück – nicht in die Tat umgesetzt worden ist. Anderes zu behaupten, lügt an der Wahrheit vorbei. Und wer das verbal wattieren wollte – also kommunikationsstrategisch die Begriffe „Faschismus“ oder „faschistisch“ vermiede -, wer das als Faschismus in Abrede stellen wollte, stellte sich auf die Seite der Verdrängung. Ich meine: ein bestimmtes Erkennen der Gegenwart ist ohne Wiedererkennen der Vergangenheit nicht wirkliches Erkennen der Gegenwart.

Wir dürfen nicht – so meine Ansicht – aus zutiefst humaner Bagatellisierungsangst gegenüber den Ereignissen im Dritten Reich einem zutiefst inhumanem Bagatellisierungszwang gegenüber heutigen Geschehnissen zum Opfer fallen. Wir würden damit unseren Antifaschismus in der Geschichte begraben. Anders: das wäre Ritualisierung des Gedenkens im Sinne einer völligen Entleerung dieses Gedenkens, was die Relevanz dieses Gedenkens für die Gegenwart betrifft. Erinnerung dieser Art an Geschichte wäre also zugleich Entsorgung von dieser Geschichte! Und wieder einmal hätten wir aus der Geschichte nichts gelernt.

So paradox es auch klingen mag: wenn sich diese undurchschaute Mischung aus Bagatellisierungsangst und Bagatellisierungszwang durchsetzte in unserem Fühlen und Denken, dann hielte die Ungeheuerlichkeit des Faschismus von gestern noch jeden Antifaschisten heute davon ab, sich erneut gegen Faschismus zu engagieren. Die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz als „Eintrittsvoraussetzung“ zu betrachten dafür, dass etwas zum Geltungsbereich des Begriffes „Faschismus“ zählt, würde bedeuten, dass wir die gesamte Vorgeschichte von Auschwitz rauswerfen müssten aus diesem Geltungsbereich. Die Maximalisierung unseres Faschismus-Begriffs führte zu einer Minimalisierung seiner Warnfunktion. Und ausgerechnet alles, was kausal und konditional allerwichtigste Voraussetzungen für Entstehung, Aufstieg und Sieg des Faschismus gewesen ist (und wieder werden könnte), fiele diesem – im Wortsinn! – fatalen Reduktionismus zum Opfer.

Die Fixierung des Faschismusbegriffs auf Auschwitz würde alles aussperren aus unserem Denken und Analysieren, was gestern zu Auschwitz geführt hat und morgen eventuell wieder zu Auschwitz führen könnte. Auch wenn es aberwitzig klingen mag: Wer Auschwitz verhindern will, muss selbst das Scheinbar-noch-ganz-Harmlose auf seine kausal-konditionale Qualitäten hin untersuchen, die in einem neuen Auschwitz enden könnten. Die Überprüfung und Einschätzung von „Bagatellen“ gehören also ganz ausdrücklich mit zu diesem Forschungs- und Verhinderungsprogramm. Und wir werden auszuhalten haben, dass damit Auschwitz auch zurückgeholt wird aus dem Dämonisierungsabstand und uns als niemals ganz auszuschließende Möglichkeit der Geschichte wieder ganz naherückt. Es gibt keinen legitimen Sicherheitsabstand zu „Auschwitz“. Folglich dürfen wir auch den Begriff „Faschismus“ nicht scheuen, da wir ansonsten in der Gefahr stehen, den Blick auf die Wirklichkeit zu scheuen. Pauschalabwehr besitzt keinen Rechtfertigungsgrund. Und geben wir bitte nicht als Stilkritik aus, was in Wahrheit nur Realitätsflucht wäre! Dabei hat natürlich als Selbstverständlichkeit zu gelten, dass der Begriff „Faschismus“ niemals als bloße Totschlags- und Etikettierungsvokabel missbraucht werden darf, sondern stets nur als Resultat sorgfältig-differenzierender Analyse Geltung für sich beanspruchen kann.

„Das Böse“, sagte der ehemalige Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, einmal, „braucht das Schweigen der Mehrheit.“ Auch das verbale Wegbeschönigen von heutigen Faschismusvorzeichen käme einem bösartigen Verschweigen gleich.

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  • eulenfeder
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    Lieber Holdger –

    zunächst mal – bin ich wieder einmal begeistert von Deiner so unvergleichlichen herangehensweise an akute probleme unserer zeit – behutsam schrittweise und dabei alles aufdeckend und sorgfältigst begründend, beweisführend auch – da verblasst ein Sherlock Holmes – zeigst Du uns wahrhaftig den gegenwärtig real existierenden faschismus, in diesem falle.
    und das völlig zurecht. es ist tatsächliche gewalt an leib und seele, vorsätzliche vernichtung ‚bürgerlicher‘ existenzen, rechtlosigkeit, hoffnungslosigkeit, völlige verarmung, ausgrenzung und verfolgung, vernichtung nicht nur individueller – auch allgemein-menschlicher bedürfnisse, entmenschlichung und entwürdigung schlechthin, eine kasernierung in ein armenhaus ohne hoffnung jemals wieder herauszukommen… und das alles vorsätzlich ins kleinste detail perfide durchdacht und verbrochen an den bürgern von politikern.
    wenn das kein faschismus ist – was dann !? und völlig recht hast Du auch mit Deiner eindringlichen warnung davor – dies geschichtsvergleichend etwa zu verharmlosen,- ‚wehret den anfängen‘ geht nicht mehr,weil die vernichtungsmaschine schon so lange läuft, aber wenn nicht nun endlich, wann dann müssen wir dieses verbrechen beim namen nennen, somit auch deutlich anklagen: es ist faschismus ! – in brutaler form, auch weil die verfassungsrichter seelig schlafen, die drei affen machen. ( das füge als meine anklage gerne hinzu )
    ich bin sehr froh – Lieber Holdger – dass Du mit diesem hervorragenden aufdeckenden und warnenden beitrag uns die realität vor augen führst. die unerschrockene deutlichkeit gefällt mir sehr.

  • Lutz Hausstein
    Antworten
    Ich stimme dem Tenor des Artikels absolut zu und möchte ihn noch mit ein paar eigenen Anmerkungen versehen.

    Faschismus und faschistisch sind Begrifflichkeiten, die auch heute immer noch, wie Holdger trefflich dargelegt hat, teils heftig umstritten sind. Deshalb habe ich mich persönlich, bei bestimmten Erscheinungsformen, für den Begriff „faschistoid“ entschieden. Denn es nicht dieselbe Art von Gewalt, der heutzutage viele Menschen ausgesetzt ist. Es ist selten staatlich ausgeübte und nichtsanktionierte, körperliche Gewalt, bis hin zur gewaltsamen Tötung, die manche Menschen heute tötet. Es ist vielmehr strukturelle Gewalt, durch die Menschen indirekt getötet oder in den Tod getrieben werden. Wer z.B. Menschen durch den Entzug des für seine Existenz Notwendigem entweder in illegale Handlungen oder in den Freitod treibt, tötet pro forma nicht mit eigener Hand.

    Deshalb mache ich für mich diese zarte, sprachliche Unterscheidung. Obwohl es am Ende für den Betroffenen nichts ändert. Es ist für den Toten dasselbe, ob ihn die Häscher des Königs mit ihren Flinten erschießen oder ihn „nur“ mit verbundenen Händen und zusammengebundenen Füßen im Wald, der voller wilder Bären und Wölfe ist, aussetzen. In beiden Fällen ist er am Ende tot und die Häscher tragen die (primäre) Schuld. Auch wenn sie sich im ersten Fall die Hände noch selbst „schmutzig gemacht“ haben und im zweiten Fall nicht.

    Den realen Eintritt von Auschwitz sozusagen als Voraussetzung für die Verwendung des Faschismus-Begriffes zu betrachten, ist ein eminent wichtiger Punkt. Denn damit müsste jeder verstehen, dass, folgte man dieser Logik, erst dann das „Unvorstellbare“, das Schrecklichste, was Menschen widerfahren kann, als solches auch benannt werden dürfte, wenn es schon zu spät ist. Wenn es schon irreversibel passiert ist. Erst dann dürfte es als das bezeichnet werden, was auch vorher schon absehbar war.

    Das ist dasselbe, nur auf einer qualitativ deutlich anderen Stufe, was Sigmar Gabriel mit TTIP veranstaltet hatte. Man könne ja TTIP noch gar nicht kritisieren, da darüber ja noch kaum etwas bekannt sei. Man könne es erst kritisieren, wenn es in Kraft getreten und damit bekannt sei. Dann wäre es aber eben genau schon zu spät, denn von der Konstruktion her ist TTIP auch irreversibel. Das aber nur als Exkurs und Gleichnis zum oben Geschriebenen.

  • Uwe Kulick
    Antworten
    Ich hole jetzt mal aus zu einer IMHO nötigen Begriffskritik zu „Faschismus“.

    In der Schule lernte ich, dass Nazismus als eigene Deutsche besonders perfide Form des Faschismus anzusehen ist. Faschismus ist die Form in Reih und Glied marschierenden diktatorischen Nationalismus, die Benito Mussolini 1923 in Italien erstmals zu größerer politischer Macht und ihrem Namen „Faschismus“ verhalf.

    Alle Gräuel des speziell deutschen Nazismus als generelles Merkmal des Faschismus zu verallgemeinern ist IMHO aus historisch kritischer Sicht abzulehnen. Faschismus gründet sicherlich immer auf nationalistische Ideologie, die auf Gewalt zu Durchsetzung von politischen Zielen setzt. Aber ganz böse Bösonderheiten z.B. des Nazismus verbieten geradezu, historisch z.B. Nazi-Deutschland quasi als lediglich „faschistisch“ zu verharmlosen. Und das ist absolut ohne Ironie gemeint. Die besonders hohe Opferzahl speziell nazistischer Menschenverachtung 1938-1945 ist schon eine eigene Hausnummer, die nur aus der speziellen Ideologie dieses deutschen Nationalsozialismus, nicht aus der Ideologie Mussolinis erklärbar ist.

    JA, die Nationalisten unserer deutschen Vorfahrengeneration waren etwas grausamer als andere diktatorisch regierte Nationen, die „lediglich“ politische Gegner oder wen sie dafür hielten zigtausendfach „verschwinden“ ließen, d.h. ermordeten. Eine Vernichtungs-Industrie für Millionen ausgelöschter kostbarer menschlicher Existenzen, das ist ein bedeutender Unterschied, der dem NSDAP/SA/SS/Gestapo-Regime schon eine Sonderstellung in der Geschichte des 20. Jhdts. einräumt, und bei dem zweistelligen Prozentsatz der damaligen deutschen Bevölkerung als das Alles verstärkende Mitläufer, Unterstützer, bewusste Täter und schweigende Mitwisser noch heute und für weitere Zukunft uns Nachfahren dieser Generation von Deutschen und einiger Schergen aus anderen Ländern ein hohes Maß an Demut abverlangt, um jeder Wiederholung von so etwas und unserem mittel-/west-europäischen Umfeld und vor allem bei uns selbst auf alle Fälle zu verhindern.

    Als demokratisch erzogene Menschen in Westeuropa haben wir eine aufgeklärte Sicht des Menschen, wobei jeder gleich an Rechten und Anspruch auf Würde ist. Auch wenn z.B. Engagement gegen besonders extremistische antidemokratische Parteien wie FAP oder NPD genuin antinazistisch ist und daher wichtig und ehrenhaft für die Selbstbehauptung der demokratischen Mehrheit vor dem Hintergrund der speziellen deutschen Vergangenheit und der daraus erwachsenen Verantwortung, ist also Antifaschismus in Deutschland wichtig und gerechtfertigt, weil auch politische Gruppen, die keinen Nazismus, aber einen Faschismus anstreben, ein Gewaltregime anstreben, dem viele Menschen zum Opfer fallen würden als Freiwild faschistischer Ideologie. Jeder einzelne zur Erreichung politischer Ziele begangene Mord ist zu verhindern, egal ob „lediglich“ ein faschistisches Regime mit einigen 1000 Verschwundenen, oder ein Genozid- oder Nazi-Regime mit zig- bis 1000facher Opferzahl drohen täte. Alle Menschen sind eben wiegesagt gleich an Rechten, und Faschisten, die vielleicht keine Nazisten wären, kann also nur entschieden eine Absage erteilt, und hoffentlich auch Nährboden entzogen, auf jeden Fall die moralische Grundlage all ihres gewaltsamen „politischen“ Handelns.

    Antifaschismus in einer demokratischen Gesellschaft ist gut, in diktatorischen Systemen könnte er aber auch teilweise mißbraucht werden, etwa für „antifaschistische Schutzwälle“, d.h. Mauern, Stacheldraht und Minenfelder, die letztlich nur Todesfallen für Regimegegner sein sollen.

    Wenn wir über Franco, Somoza, Pinochet durchaus als faschistische Regime der Vergangenheit urteilen, ist das im Großen und Ganzen richtig. Aber es gab eine Reihe grausamerer mit einer völkischen Ideologie verbundenen Systeme wie eben das von Hitler und Himmler und dem hinter beiden großteils stehenden Volk. Einen vergleichbaren organisierten Völkermord brachte die MRND-Partei von Ruanda zustande. Aber selbst wenn dadurch ein Verlust der historischen Einzigartigkeit der Nazigräuel auch nur erwägbar wird, sind sie sogar ein Extremfall einer nach biblischer Aussage 7 Generationen noch haften bleibenden Schuld größter Schwere. Aber abgesehen von solchen historischen Stigmata, die an praktischer Bedeutung eben nur langsam verlieren, ist eine gedeihliche zivilgesellschaftliche Entwicklung diejenige, die dem Recht des Menschen auf Leben in Recht und Würde den Weg ebnet. Doch da immer noch Menschen von andersrum gepolten Ideen erfasst werden bleibt Antifaschismus akute Notwendigkeit.

  • Jacomo
    Antworten
    „Als demokratisch erzogene Menschen in Westeuropa haben wir eine aufgeklärte Sicht des Menschen, wobei jeder gleich an Rechten und Anspruch auf Würde ist.“ …
    Das steht auf einem zunehmend vergilbenden, geduldigen Papier.
    Meine Wahrnehmungen der letzten 30-40 Jahre + ist Rechtsruck, oder wie auch immer man negativ-politikwirtschaftlichreligioesgesellschaftlichglobalmenschliche Entwicklungen bezeichnen mag. Der Zenit/Bottom steht, wie zumeist, noch bevor. Realitaet klingt allzuoft wie ein traurig, pessimistisches Lied.
  • Holdger Platta
    Antworten
    Lieber Uwe,

    zur Klarstellung:ich habe den Begriff “Faschismus” als strukturanalytischen Begriff verwendet,und zwar so, wie er unter anderem bei der langjährigen Diskussion im “Argument” der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erarbeitet worden ist und in der Bundesrepublik Deutschland vor allem vom Marburger Politologen Reinhard Kühnl in zahlreichen Büchern detailliert erläutert wurde.

    Dieser Faschismusbegriff schließt nationale Besonderheiten nicht aus – unter anderem auch jene nicht, die Du völlg zutreffend als Besonderheiten etwa des deutschen Faschismus im Unterschied zum italienischen Faschismus benannt hast (der italienische Faschismus vertrat in seinen Anfängen zum Beispiel kaum den Antisemitismus als zentrales ‘Ideologem’). Völlig richtig ist deswegen auch aus meiner Sicht, daß der deutsche Faschismus besonders brutale Züge besaß.

    Lieber Lutz,

    natürlich spricht manches dafür, mit den Begriffen “Faschismus” und “faschistisch” sorgfältig und nicht inflationär umzugehen. Wenn ich zum Beispiel feststellen muß, daß dem Chefredakteur dieser Website unlängst eine “zutiefst faschistische Denkweise” attestiert worden ist, lediglich deshalb, weil er “weibliche” und “männliche” Eigenschaften voneinander unterschied und – vermutlich – auch deshalb, weil er sehr konsequent auf dieser Website auch Menschen Äußerungsfreiheit zugesteht, die sich selber als “spirituell” verstehen (die betreffenden
    “Faschismus-Kritiker” kommen einfach nicht von ihrer Verwechslung dieser Grundhaltung – die hier vielfach und auf differenzierteste Weise erläutert worden ist – mit einer, in der Tat, rechtsextremistischen Esoterik los), dann stellt das auch in meinen Augen nur noch jenen Totschlagsmißbrauch der Begriffe “Faschismus” und faschistisch” dar, jenes oberflächliche Etikettieren, gegen das ich mich selber in meinem Artikel oben ausgesprochen habe. Vielleicht nicht deutlich genug.

    Aber mit dem – irgendwie ja vorsichtiger klingenden – Begriff “faschistoid” ist es meiner Ansicht nach auch nicht getan.

    Natürlich nimmt für diesen Begriff dieses Mehr an Zurückhaltung ein. Aber zumeist stellt dieser Begriff nur eine Verlegenheitslösung dar, und so ist er, meiner Erinnerung nach, auch entstanden. Als wir 68er auf die Straße gingen, kam dieser Begriff auf, und wir benutzten ihnen stets dann, wenn etwas ‘irgendwie’ dem Faschismus zu ähneln schien, ohne ihm ganz gleich zu sein, zumeist auch dann, wenn wir mit der Analyse einer Sache noch nicht ganz am Ende waren. Also: “faschistoid” wurde demzufolge alles genannt, was dem “Faschismus” ähnelte, ohne ihm doch wirklich gleich zu sein.

    Ich nun habe oben darzulegen versucht, daß wir bei der Genauigkeit unserer Begriffe zu bleiben haben, auch wenn es ‘nur’ um Anfangsphänmene und Vorbereitungsphänomene geht, um Phänomene, die bei genauerer Analyse Verursacherqualität erkennen lassen für einen womöglich sich viel später erst auch ganz real etablierenden Faschismus. Demzufolge, jedenfalls meiner Begrifflichkeit nach, ist ein Buch wie “Mein Kampf” als “faschistisch” zu bezeichnen, nicht aber als “faschistoid”. Demzufolge ist aber auch ein Satz wie der zitierte Satz von Müntefering “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” ein faschistischer Satz, nicht nur ein “faschistoider”. Denn unverstellt formuliert, bedeutet dieser Satz ja: “Wer nicht arbeitet, soll krepieren.” Und in meinem Buch “Kaltes Land”, das ich gemeinsam mit Rudolph Bauer herausgab, habe ich ja detailliert aufgezeigt, wie klar dieser Satz die Quintessenz der beiden KZ-Sprüche darstellt: “Arbeit macht frei” und “Jedem das Seine”.

    Dasselbe gilt für das Hartz-IV-Programm, wie es von Thießen/Fischer vorgelegt worden ist. 139 Euro, mehr nicht für die Zwangsarbeitslosen pro Monat und Person, das hätte allmählicher Tod durch Verhungern für Millionen von Menschen bedeutet, ein Menschenmassenvernichtungsprogramm der ganz besonderen Art. Gleiches gilt/galt für den Vorschlag eines anderen Wissenschaftlers, des – man faßt es nicht: Professors für Sozialpädagogik – Gunnar Heinsohn,der 2010 eine Maximallänge von 5 Jahren Sozialhilfe als politisches Programm ins Gespräch zu bringen versuchte. Heißt konkret: ab 1. Januar dieses Jahres hätte man, seinem Vorschlag zufolge, alle nach wie vor arbeitslosen Menschen ohne jede weitere Hilfe dem Hungertod überlassen sollen. Nicht nur vor dem Hintergrund, daß “Tod durch Verhungern” eine Ermordungspraxis der Nazis gewesen ist, in Bergen-Belsen zum Beispiel, nicht ‘nur’ “Tod durch Arbeit” oder “Tod durch Vergasen”, wie in Auschwitz, ist das als faschistisch zu bezeichnen und keinesfalls nur als faschismusähnlich, also “faschistoid”.

    An dieser Stelle aber vielleicht eine wichtige Ergänzung: ich benenne damit – aus meiner Sicht – die furchtbare ‘Qualität’ von Slogans und Polit-Programmen, ich bezeichne damit aber nicht die Menschen selber als “faschistisch” (oder auch ‘nur’ als “faschistoid”). Das Grauenhafte ist doch gerade (ähnliches gälte für viele NSDAP-Wähler der Weimarer Endzeit), daß eigentlich ganz anders beschaffene Menschen faschistische Thesen vertreten oder – wie auch jetzt wieder – Faschisten hinterherlaufen, Menschen also, die selber überhaupt nicht faschistisch sind.

    Den Begriff “faschistoid”, im Sinne von “faschismusähnlich”, würde ich eher Formulierungen zuschreiben,die zwar der Entmenschlichung des Denkens und Empfindens Vorschub leisten, dieses aber tun, ohne schon selber diesen Schritt zur Entmenschlichung ganz zu vollziehen. Beispiel: Sloterdijks Benennung der Zwangsarbeitslosen als “Unproduktive” und als “Massentransfernehmer”. Dieser Blick auf den Menschen lediglich noch auf dessen ökonomische Funktion (hier: auf dessen angebliche “Wertlosigkeit”) oder lediglich auf die Tatsache, daß er, der hilfsbedürftige Mensch, angeblich nur noch ein “Kostenfaktor”, eine massenhafte Belastung, sei, diese ökonomistisch-fiskalisierende Reduktion des hilfsbedürftigen Menschen auf die Tatsache, daß er materieller Hilfe bedarf, um überleben zu können, das ist zwar kein sehr menschlicher Blick mehr auf den Menschen, das spricht ihm aber noch nicht alle Menschenqualität ab, wie es etwa Clement mit seiner Bezeichnung der Zwangsarbeitslosen als “Parasiten”, also als Ungeziefer, getan hat. Bei diesem Wort “Parasiten”, das ja Hitler bereits in seinem “Mein Kampf” zigfach benutzte, um gegen die Juden aufzuhetzen, wird jede Menschenähnlichkeit des Menschen wegformuliert, beim “Unproduktiven”, beim “Massentransfernehmer” ist diese Menschenähnlichkeit des Menschen noch da. Clements “Parasiten-Kampagne” – Du weißt: “Kampagne” war Clements eigenes Wort! – war faschistische Volksverhetzung, also Faschismus mitten in der Bundesrepublik, Sloterdijks Geschwätz hingegen war, hier mag das Wort passen, schlimmstenfalls “faschistoid”. Und auch hier sei noch einmal betont: ich schreibe das und meine das ohne Ansehung der Person. Ich spreche zur Sache, ich gehe nicht auf Clement und Sloterdijk persönlich los.

    Ich hoffe, ich habe Dir ein bißchen verdeutlichen können, wie ich das mit dem Begriffsvorschlag “faschistoid” sehe.

    Holdger

  • minimax
    Antworten
    Um Faschismus zu verhindern wäre es gut zu wissen was Faschismus ist. Im Internet kann man viel über die Formen finden aber wenig über die Substanz. Meine Erklärung wäre kurz zusammengefasst folgende: Faschismus ist eine radikale Form des Nationalismus. Das Ich löst sich im Wir auf. Klasseninteressen werden durch nationale Interessen verschleiert.
    Für die Ursachen von Faschismus gibt verschiedenste Erklärungen. Laut Wilhelm Reich liegt die Ursache in der unterdrückten Sexualität und laut Erich Fromm in der bürgerlichen Psyche. Interessanter ist allerdings wer die Nutznießer des Faschismus sind. Der Faschismus entstammt aus einer antikapitalistischen nationalen Bewegung. Mit dem beginn der Weltwirtschaftskrise hatten die faschistische und kommunistische Bewegung in Europa starken Zulauf. Alles lief auf die Frage hinaus Kommunismus oder Faschismus. Das Kleinbürgertum hoffte durch den Faschismus seinem Untergang durch die kapitalistische Konkurrenz entgehen zu können. Das Bürgertum in Europa entschied sich für den Faschismus um überleben zu können. Auch ein Teil der Arbeiter hatte sich für den Faschismus entschieden.
    Die beste Möglichkeit Faschismus zu verhindern ist m.E. den Lohnarbeitern bewusst zu machen das der Faschismus nicht in der Lage ist ihre Interessen zu vertreten bzw. im Gegensatz zu ihren Interessen steht. Slogans wie „wehret den Anfängen“ sind dabei nicht wirklich geeignet. Auch das Argument der Einzigartigkeit von Auschwitz ist nicht geeignet, Völkermord ist keine Erfindung der Faschisten.
  • Holdger Platta
    Antworten
    Lieber Minimax,

    bei vielen Deiner Äußerungen stimme ich Dir zu. Klasseninteressen werden im Faschismus verschleiert,das Kleinbürgertum hoffte, durch Faschismus dem kapitalistischen Konkurrenzdruck zu entgehen, Faschismus vertritt niemals wirklich die Interessen der Arbeitschaft.

    Aber manches muß aus meiner Sicht auch ergänzt, zum Teil sogar korrigiert werden: die Erscheinungsform „Nationalismus“ als zentrales Moment faschistischer Ideologie wird zunehmend abgelöst von einem Euro- oder Abendlandfaschismus (und der überkommene Antisemitismus macht zum Teil dem Anti-Islamismus Platz). Das Kleinbürgertum wollte durch Faschismus nicht nur der kapitalistischen Konkurrenz entkommen, sondern auch die Arbeitschaft ausschalten. Und:

    Dieses wieder und wieder zu analysieren – auch bei hie und da veränderten/ausgetauschten – Erscheinungs- und ÄUßerungsformen in der Gegenwart, das macht sehr wohl auch ein „Wehret den Anfängen“ erforderlich. Natürlich bringt- wie Du zutreffend schreibst – der Slogan „Wehret den Anfängen“ gar nichts. Ein Slogan ist bestefalls Anstoß. Aber Analyse und daraus resultierende Praxis, die auch auf die Anfänge zielt, ist unverzichtbar. Ohne beides geht es nicht.

    Wenn ich das nicht klarmachen konnte, habe ich wohl einen miserablen Beitrag geschrieben.

    Herzlich
    Holdger

  • minimax
    Antworten
    Hallo Holder,

    der Inhalt des Slogan “Wehret den Anfängen” ist natürlich vernünftig, allerdings muß man auch betrachten wie dieses Motto von einem Teil der Antifaschisten genutzt wird.
    Es ist oft zu erleben das Faschismus nicht kritisiert wird sondern Dämonisiert wird. Wer den Faschismus kritisieren will kommt nicht um eine Kritik der bürgerlichen Herrschaft herum. Eine solche Kritik wird von bürgerlichen Demokraten absichtlich vermieden und ist ihrerseits nicht erwünscht. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das NPD-Verbot. Noch ein weiteres Beispiel dafür ist der Slogan: Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen. Mit Verbrechen will natürlich niemand was zu tun haben. In erster Linie ist der Faschismus eine „falsche“ Idee. Ein Faschist ist ein Mensch der von der Richtigkeit der faschistischen Idee überzeugt ist. Wie kann denn den Anfängen einer Idee Einhalt geboten werden? Durch Gedankenverbot (siehe Verbot von „Mein Kampf)? Anhand des Parteiprogramms der NPD lässt sich sehr gut aufzeigen wie schädlich der Faschismus für die Arbeiterschaft werden kann bzw. ist. Leider kann man auf einer Antifa Demo meist nur wenige Menschen finden die das Parteiprogramm der NPD kennen da viele nicht bereit dazu sind sich sachlich und argumentativ mit dem Faschismus auseinanderzusetzen.
    Auf Radio Lora gab es mal einen kritischen Sendebeitrag wie das Thema Entstehung des Faschismus in den Schulen behandelt wird: http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=21676

    PS: ich finde den Artikel nicht miserable 🙂
    Solch undogmatische Beiträge zu dem Thema sind leider nicht die gesellschaftliche Normalität.

  • Holdger Platta
    Antworten
    Lieber Minimax,

    ahja, jetzt habe ich Dich besser verstanden. Und ich bin ganz Deiner Meinung,daß man um eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht herumkommt, wenn man den Faschismus kritisieren will. Vermutlich kennst Du ja das entsprechende Zitat von Max Horkheimer aus dem Jahre 1937: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

    Was nun die „Anfänge von Faschismus“ betrifft – Dein zweites Thema sozusagen in Deinem Kommentar -, würde ich gerne ergänzen wollen: jawohl, Faschismus beginnt sicherlich irgendwie immer mit entsprechenden „Ideen“ in einem Kopf (oder, leider, in sehr vielen Köpfen). Und ich würde hinzufügen: auch mit einer entsprechenden, jeweils individuellen Psychologie, die schon vorher in diesen Köpfen existiert (= ein emotionales Bedürfnis nach Faschismus ist da, bevor es seine „Ideen“ und Programme gibt). Doch die Anfänge zeigen sich sehr rasch auch anders, zum Beispiel darin -und das war ein Unterscheidungsmerkmal etwa der NSDAP von Anfang an zu allen anderen Parteien -, da0 diese „Bewegung“ von Beginn auch auf brutale Gewaltanwendung gegen Einzelne setzte. Bereits Anfang der 20er Jahre schlugen kleine SA-Trupps (= meist 4 Mann) vermeintliche Juden in München auf offener Straße zusammen – und die Passanten gingen vorbei, ohne einzugreifen. Auch das ist „Anfang“…

    Sehr zustimmen möchte ich Dir bei Deiner Feststellung, daß manche Leute gerne den Faschismus auf Dämonisierungsabstand halten (dann hat man selber eben gar nichts darmit zu tun: Faschismus ist dann das ganz Andere, das völlig Fremde). Aber auch hier scheint mir eine Ergänzung dringend erforderlich (ganz kurz sprach ich’s ja bereits in meinem Artikel an): manche Linke – tja, sind es überhaupt welche? – gehen allzu rasch und inflationär mit dieser Vokabel um. Für sie ist dieser Begriff, wie ich schrieb, nichts anderes als eine Etikettierungs- und Totschlagsvokabel. So hat sich Roland Rottefußer vor kurzem anhören müssen, er lege eine „faschistische Denkweise“ an den Tag, lediglich deshalb, weil er in seinem ganz ausgezeichneten und überaus differenzierten Artikel zum Thema „weiblich – männlich“ gewagt hatte, mit diesen beiden Begriffen zu operieren und dabei auch auf die Unterscheidung von „Yin“ und „Yang“ zurückzugreifen. Rolands Aussagen zielten dabei – für jeden, der noch einigermaßen bei Verstand ist, unübersehbar, nicht überlesbar – auf eine Menschenkomplettierung (gerade auch der Männer) in Richtung Empathie, Friedlichkeit, Sensibilität undsoweiter. Das nun also sollte, diesem Kritiker zufolge, Beleg für eine „faschistische Denkweise“ sein, die an die Nazis vor 80 Jahren erinnere (keine Ahnung, was der betreffende Kritiker da bei den Nazis ausgerechnet im Jahre 1935 entdeckt hat!). Es ist – natürlich – das genau Gegenteil einer „faschistischen Denkweise“. Und eigentlich sollte sich der betreffende Kritiker mal fragen, ob er selber nicht Gefahr läuft,auf „faschistische“ Weise im anderen, im – scheinbaren oder tatsächlichen Meinungskontrahenten – nur noch das absolut Böse zu sehen.

    Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich mich hoffentlich auch mal in der Gestalt eines argumentativ besser durchgestalteten Artikels mit diesem Thema beaschäftigen.

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