in DER BESONDERE HINWEIS

Konstantin Wecker wird heute, am 1. Juni, 70. Was für ein Leben!  Allein seit seinem 60. Geburtstag, an den ich mich noch recht gut erinnere, hat er eine Fülle von großartigen Kunstwerken „zur Welt gebracht“, etwa die CDs „Wut und Zärtlichkeit“ und „Ohne Warum“, Bücher wie „Dann denkt mit dem Herzen“, hat unermüdlich gegen Nazis und Neoliberale agitiert, gegen Unrecht, Verrohung und den Mitgefühlsabbau in Politik und Gesellschaft und vor allem immer wieder für das von ihm so geliebte Leben…  Seine Kraft und Ausstrahlung scheint bis heute ungebrochen. Natürlich wünschen wir auch von Seiten der HdS-Redaktion alles erdenklich Gute, rauschende Festtage und verdiente Würdigungen, die jetzt auf Dich einprasseln dürften.  Dir und auch uns wünschen wir viele weitere fruchtbare, lebenspralle Jahre. Im Folgenden ein kleines Porträt, das ich vor Jahren als Nachwort zu „Mönch und Krieger“ über Konstantin geschrieben habe. (Roland Rottenfußer)

„Sei ein Heiliger, ein Sünder. Gib dir alles, werde ganz!“ Was Konstantin Wecker in seinem jüngsten erfolgreichen Programm „Wut und Zärtlichkeit“ singt, ist programmatisch. Warum sich mit dem Korrekten, dem Angenehmen und Guten begnügen, wenn einen die Seele dazu drängt, in einem viel umfassenderen Sinn Mensch zu sein. Dieses Spannungsfeld, das den Liedermacher, Komponisten und Autor zu einer der aufregendsten Erscheinungen der deutschen Kulturszene macht, kann man als Zerrissenheit interpretieren. Oder als Weisheit, die wie in allen fortgeschrittenen spirituellen Schulen, stets paradox ist.

Konstantin Wecker ist ein Mystiker aus Naturbegabung, der jedes Konzert als Kommunion zwischen Sänger und Hörern feiert und Inspiration scheinbar mühelos aus dem grenzenlosen „Feld“ des großen Geheimnisses abruft. Und er ist ein leidenschaftlicher Freidenker, der wieder und wieder den zerstörerischen Zugriff der Kirchen auf unsere Seelen anprangert. Wecker ist ein Pazifist von zärtlicher Vehemenz, der vielleicht innigste Sänger der Liebe im deutschsprachigen Raum. Und er ist ein zorniger Ankläger, der nicht müde wird, der empörenden Banken- und Spekulanten-Diktatur in dieser politischen Eiszeit die Leviten zu lesen. All diese (scheinbaren) Gegensätze fließen in Konstantin Weckers neues Buch ein. „Mönch und Krieger“ ist eine Streitschrift in der Tradition Stéphane Hessels, durchdrungen vom poetischen Geist eines geborenen Künstlers.

Konstantin Wecker hat im Laufe seines Lebens so viele Schattenseiten eingestanden, dass seine Sonnenseiten paradoxerweise in den Schatten traten. Zu wenig beachtet wurde sein beharrliches Ringen um eine gerechtere, zärtlichere Welt, die Lichtdurchbrüche des Wunderbaren,  scheinbar Paranormalen in seiner Biografie, seine lebenslange Suche nach dem Göttlichen in uns. All das trat in den Hintergrund, als Wecker vorübergehend wegen Drogenexzessen zu einer Figur des Boulevards wurde. Es verblasste auch, weil sich der Künstler selbst in vielen Varianten selbst des Scheiterns bezichtigt hat – sich freimütig und furchtlos öffentlicher Aburteilung aussetzend.

Daher befasst sich sein neues Buch, „Mönch und Krieger“, vorwiegend auch mit Themen, in denen die „höheren“ menschlichen Fähigkeiten anklingen: Aus welchen Quellen kommt Inspiration? Wo wird der Künstler vom Unendlichen berührt? Gab es im Leben Konstantin Weckers spirituelle Gipfelerfahrungen? Was sind seine höchsten Ideale und innersten Beweggründe? Welche Vorstellungen hat er von der Zukunft der Menschheit? Was ist Zeit? Gibt es Gott, und wenn ja: wie kann man sich ihn oder sie vorstellen? Natürlich zeichnet der Autor auch im vorliegenden Werk kein idealisiertes Bild von sich. Speziell dort, wo der „Krieger“ Wecker seine latente Aggressivität eingesteht, werden wieder einige „dunkle Seiten“ seiner Persönlichkeit beleuchtet. Diese stehen jedoch in einem dynamischen und kreativen Spannungsverhältnis zu den „hellen“. Sein Schaffen als Lyriker ist nicht umsonst voll von Dichotomien, komplementären Begriffspaaren:

„Zwischen Rausch und Askese, halb Heiligenschein

Halb Auswurf der Hölle, ich schwebe

Und pendle mich meistens nicht mehr ein –

und doch: ich lebe. Ich lebe!“.

Aus diesem so kühnen wie anstrengenden Lebenskonzept erwächst jedoch kein Chaos, sondern eine Form dynamischer, die Vielfalt umfassender Ordnung. Selbst nüchterne Betrachter müssen einräumen, dass Konstantin Wecker auf eines der umfangreichsten und tiefgründigsten Gesamtwerke nicht nur der deutschen Liedermacherszene zurückblickt – ergänzt durch ein nicht überschaubares Schaffen als Dichter, Essayist, Sachbuchautor, Musical-, Bühnen- und Filmkomponist sowie als Schauspieler. Dergleichen ist nur möglich mit viel Disziplin und der Fähigkeit, in den wirklich wesentlichen Dingen Beharrlichkeit, ja Treue an den Tag zu legen. Seit nunmehr 40 Jahren ist Konstantin Wecker auf der Bühne ein Ereignis, für seine Anhänger Kult, für die zynischen Akteure und Mitläufer der neoliberalen Globalisierung ein Ärgernis. Aus diesem Buch mehr über die biografischen und philosophischen Hintergründe seiner Werke zu erfahren, kann nicht nur für eifrige Besucher von Wecker-Konzerte zur spannenden Erfahrung werden.

Auf eines muss allerdings schon vorab warnend hingewiesen werden: Man würde Konstantin Wecker missverstehen, verlangte man von ihm monolithische Einheitlichkeit des Sprechens und Handelns. „Menschen müssen sich verwandeln, um sich selber treu zu sein“, gab er auf seiner jüngsten CD „Wut und Zärtlichkeit“ zu Protokoll. Und so ist er: beharrlich in der permanenten Verwandlungsbereitschaft. Es gibt immer mindestens zwei „Konstantin Weckers“. Dem einen kann man fest umrissene Eigenschaften zuweisen. Er ist politisch eher links, glühender Antifaschist, freiheitsliebend, lustbetont, liebt klassische Musik … Der „andere Wecker“ dagegen bricht jegliche Festlegung immer wieder auf, zugunsten einer nicht dingfest machbaren Offenheit für innere und äußere Einflussströmungen. Konstantin Wecker beansprucht das Menschenrecht, ein mehrpoliger, ja widersprüchlicher  Mensch bleiben zu dürfen. Er fordert Befreiung vom Zwang, stets die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen – auch jene übrigens, die er selbst mit seinen Werken geweckt hat. Das irritiert viele, lässt aber eines mit Sicherheit nie aufkommen: Langeweile.

Ich habe Konstantin Wecker zunächst über viele Jahre als passionierter „Fan“ seiner Lieder begleitet, bevor ich ihm aus Anlass eines Interviews 2002 persönlich begegnen durfte. Von Anfang an konnten wir einen hohen Grad der Übereinstimmung in spirituellen wie in politischen Fragen feststellen – gerade auch, was die Verbindung dieser beiden, meist ja streng voneinander getrennten Themenbereiche. Dieser Eindruck bestätigte und festigte sich in nunmehr fast 10 Jahren gemeinsamer Arbeit am Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“, das Konstantin Wecker herausgibt und dessen Redakteur ich bin. Daher musste ich auch nicht lange überlegen, als er mich fragte, ob ich für sein nächstes Buchprojekt eine umfassende Herausgeber- und Lektorenfunktion übernehmen wolle. Das bedeutete, mehrtägige Interviews mit dem Künstler in der Toskana zu führen und thematisch auszuwerten, geeignete ältere Text aus anderen Quellen auszuwählen, sie zu redigieren und das Material in eine Ordnung zu bringen. So sehr der Umgang mit Weckers Vita, seiner Lebensphilosophie für mich vertrautes Terrain war, einige Aussagen in „Mönch und Krieger“ haben auch mich noch überrascht.

Die Spiritualität der Zukunft ist für Konstantin Wecker die Mystik. Er nennt sie im vorliegenden Buch die „Anarchieform der Religion“: frei, undogmatisch, stets die direkte Berührung mit dem Göttlichen suchend. Ein spiritueller Mensch wurde aus Konstantin vor allem, weil er von Jugend an ein großes „Dahinter“ gespürt hat, einen Raum des Unendlichen, aus dem das Wunderbare in unsere vordergründige Realität einströmt. Weckers freiheitliche Spiritualität lässt sich bestens auf die Formel des Augustinus bringen: „Liebe Gott und tue, was du willst“. Seine gegenüber kirchlichen Erstarrungsformen skeptische Religiosität ist politisch, wie sein politisches Engagement spirituell ist. Der Vogel der Mensch und Gesellschaft umfassenden Revolution kann nicht abheben, solange seine beiden „Flügel“ untereinander verfeindet sind, sich in marxistischem Rechtgläubigkeitsgestus einerseits und therapeutischem Selbstoptimierungswahn andererseits verfangen haben. Die politische Aktion bedarf der sorgfältigen Selbstprüfung, der Anbindung an Werte wie Güte und Mitgefühl. Andererseits sollten die nach Erleuchtung Strebenden endlich damit beginnen, sich tätig in die Realität einzubringen.

Der Untertitel dieses Buchs, „Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt“ ist aus Konstantin Weckers Lied „Kein Ende in Sicht“ entnommen und zielt auf die unüberhörbare utopische Ausrichtung seines Denkens und Fühlens ab. „Den Süchtigen versucht das Unbekannte“, heißt es in einem seiner Gedichte. Vor allem aber ist es die Kunst, die das Unbekannte, Unendliche und Wunderbare, das Noch-nicht-Seiende ins Bekannte, Endliche, Banale und Gegenwärtige transportiert. Die Formulierung „Auf der Suche“ deutet nicht auf festgefrorenen Wahrheitsbesitz, sondern auf einen fließenden Prozess hin und lädt dazu ein, das ganze Leben Weckers noch einmal unter diesem Aspekt aufzurollen. In einer Fülle von Erinnerungen und Anekdoten interpretiert der Autor selbst seine Biografie als eine permanente Suche nach dem „Noch-Nicht“ (Ernst Bloch).

Wir lesen in diesem inspirierenden Buch, wie die „Nuova Realtà“, die neue Wirklichkeit, in Konstantin Weckers Geist einbrach – meist in Form von Melodien und Poesie. Wir erfahren von Träumen, Ahnungen und Hoffnungen, von sterbenden Göttern und heiligen Egos, aber auch von einem göttlichen Prinzip als schöpferischer Hintergrundströmung allen Seins. Wir erhaschen eine Ahnung von Rausch und Ekstase als den unvollkommenen Abbildern eines „Unendlichen“, das sich innerhalb einer endlichen Welt manifestiert. Nicht zuletzt ist „Mönch und Krieger“ ein Plädoyer für die Kraft der Utopie in einer Zeit, in der uninspirierte „Realpolitik“ jeden Aufbruch und Ausbruch aus dem Gewohnten zu ersticken versucht. Wo das Mögliche unsere Welt an den Rand des Abgrunds geführt hat, kann nur das vermeintlich Unmögliche die Hoffnung auf einen Neuanfang entzünden.

 

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