50 Jahre 1968 (7)

 in FEATURED, Politik (Inland)

Rudi Dutschke, Bildquelle: Weltnetz TV

„Achtundsechzig, das ist das lustvolle Zähnefletschen des Gespenstes der Freiheit, der nachhaltige Schrecken für jede Art von Autoritäten und Bürokraten.“ Im Jahr 2018 ist es also 50 Jahre her, dass die 68er ihre Revolte begannen. Zu kaum einem anderen Inhalt, kaum einer anderen Bewegung gibt es so viele verschiedene, auch häufig verdrehte Berichterstattungen bis hin zu Diskriminierungen. Zeit, noch einmal zu versuchen, sich zu erinnern. Ja, wir sind alt geworden. Aber beileibe keine „Alt-68erInnen“. Der Wunsch zur Rebellion und zur Veränderung hat uns nicht verlassen. (Ellen Diederich)

Rudi Dutschke

Wer war Rudi Dutschke? Auf diese Frage wird es unzählige verschiedene Antworten geben. Meine kann nur subjektiv sein.

Ich habe Rudi 1975 bei einer Tagung in der ev. Akademie Bad Boll zusammen mit Erich Fried kennen gelernt. Wir haben uns angefreundet und in den 5 Jahren bis zu seinem Tod eine intensive Freundschafts- und Liebesbeziehung gelebt.

Fühlte ich mich nicht auch geschmeichelt, dass ausgerechnet ich diejenige bin, die er schätzt? Geschätzt vom Symbol der Studentenbewegung. Meine Faszination an ihm, seinem Charisma. Von Anfang an war da dieses Gefühl: Er ist einer von den wenigen Intellektuellen, die nicht abhauen, wenn’s ernst wird. Die Entwertungsangst vom Anfang der Beziehung habe ich abbauen können. Wir schätzen uns ja beide. Er verhält sich anders, als ich das sonst bei linken Männern erlebe. Spielt mit den Kindern. Schält die Kartoffeln. Bemüht sich, klare Aussagen zu machen: Die Unterdrückten und Beleidigten. Er, der Mahner, nicht zu vergessen, dass der universitäre Begriff der Entfremdung nicht gleichgesetzt werden darf mit der Entfremdung, der die ArbeiterInnen im Arbeitsprozess ausgesetzt sind.

Ich gehöre nicht mehr zur Arbeiterklasse, den Unterdrückten, dennoch gehöre ich zu den Beleidigten. Beleidigt sein, das war ein Vorwurf aus der Kindheit. Bist du etwa beleidigt? Und nun soll dieses Wort eine positive Aussagekraft haben, einzugestehen, dass ich von so vielem beleidigt bin. Alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit dem Bedürfnis nach Wissen und Lernen. Die Begrenzungen der Gesellschaft werden schnell klar. Er müsste doch, da er diese Worte gebraucht, verstehen, worin die Beleidigungen der Frauen bestehen. Kann er das, er der Asket, der Nichttrinker, Nichtraucher – „ils sont les ecolotriste“, sagt mein Pariser Freund Francois zu solchen Menschen.

Rudi war völlig uneitel. Er hatte ein ehrliches Interesse an den Menschen, egal, wer sie waren. Ob im Taxi, im Bus, im Zug, Rudi redete mit allen, fragte nach. Menschen, die sonst stundenlang schweigend nebeneinander gesessen hätten, begannen, miteinander zu reden. Er war unendlich fleißig und er war in die Revolution verliebt.

Wird diese Egozentrik immer da sein? Ist es das: Egozentrik? In die Revolution verliebt. Vier Stunden Zwischenstation bei mir, einer Frau, zwischen einer Debatte in Rom und einem Artikel über die Volksrepublik China. Kann und will ich Konkurrentin der Volksrepublik sein? Sich dem Allgemeinen zu entziehen, um „Liebe“ zu machen? Was für eine Liebe ist das? „Menschen, die nicht einzelne Menschen lieben können, sondern nur die Menschheit, vor denen müssen wir uns in Acht nehmen!“ sagt Wolf Biermann bei einer Veranstaltung. Noch ist es so: seine Interessen, die ja die „objektiveren, die Allgemeineren“ sind, scheinen die wichtigeren.

Wann und wie werden wir erreichen, dass die Erfahrungen vom „Rot, das brennt!“ identisch sein werden? Sind Jahre der Einsamkeit voneinander Voraussetzung? Wird die Entfernung auch Entfremdung heißen?

Der Primat des Politischen war unbefragt. Bei einem Gespräch über Liebesbeziehungen versucht er, in seiner abstrakte Sprache Erklärungen zu geben, als er sagte: „Die kleinen oder großen Qualen dieser Sache spielen allerdings eine sekundäre Rolle in meiner Daseinsgeschichte.“

Zwei Jahre weiter, nach einer Liebesnacht fragte er: „Ist das jetzt eine Frage der Gattung, oder sind wir verrückt geworden?“ Veränderungen sind also möglich.

Rudi war, geprägt durch sein protestantisches Elternhaus, die DDR und Leistungssport, kein Genussmensch.

Wir stritten über die Sache der Frauen, über die patriarchalen Verhaltensweisen der linken Männer. Zum Beginn unserer Freundschaft konnte ich ihm nach einem Treffen in Portugal von den Inhalten erzählen, nicht aber davon, wie wohltuend die warme Sonne im November war, wie wohltuend es war, im Unterschied zu Italien, als Frau alleine abends in Lissabon sehr gut durch die Straßen gehen zu können. Wann wird er anfangen, die Fragen der Frauen wirklich zur Kenntnis zu nehmen, sich damit auseinanderzusetzen? Ich lese seine Bücher: Wann wird er anfangen, „unsere“ Bücher zu lesen? Wird sein Gesicht auch irgendwann mal leuchten, wenn es nicht um „die“ Sache geht, sondern um die Alltäglichkeit in der Beziehung zu einer Frau?

Wir stritten über Poesie, Musik und Lieder. Vor und nach dem Putsch in Chile hatten uns die chilenischen Poeten wie Pablo Neruda, Sänger wie Viktor Jara, Inti Illimani und andere von Chile erzählt. „Wie kannst du denken, Chile zu begreifen, wenn du die Lieder nicht kennst?“ fragte ich ihn. „Der Hans Werner Henze (Komponist, ein guter Freund von Rudi) hat gerade ein Büchlein geschrieben über das Verhältnis von Musik und Politik. Das werde ich jetzt lesen“, sagte er. „Und dann denkst du, du hast es verstanden?“ fragte ich. 2 Jahre später kam er mich strahlend in Frankfurt besuchen. „Weißt du, wohin wir heute Abend gehen? Theodorakis ist in Frankfurt!“ Wir gingen, durften ihn kennen lernen und allmählich konnte er Musik genießen, besonders solche wie die von Theodorakis.

Ein Freund, Roland Rottenfusser, er betreut die ausgezeichnete Homepage von Konstantin Wecker, www.hinter den schlagzeilen.de, hat einen bemerkenswerten Essay über Rudi Dutschke geschrieben:

 

„Ein unangepasstes Leben und ein angekündigter Tod“

Für die Teilnehmer einer Anti-APO-Demonstration im Jahr 1968 war er der „Staatsfeind Nr. 1“ Der Spiegel verstieg sich zu der Überschrift „Dutschke, Goebbels & Co“. Heinrich Böll dagegen nannte ihn den „mehrfach Deutschgekreuzigten.“ Hätte es Rudi Dutschke gefallen, sein Gesicht auf dem „Stern-Titel“ zu sehen?

Als „typischer ’68er“ ist er tief ins kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Dabei war er in vielerlei Hinsicht untypisch. Rudi Dutschke, der sich im Hippie- und Kommunardenmilieu ebenso wenig zuhause fühlte wie in den verkopften Kaderorganisationen der marxistischen und maoistischen Sekten. Rudi, der im Westen ebenso aneckte wie im Osten, der in beiden Reichen ein Ausgestoßener war, weil er in seinem Einsatz für die Erniedrigten und Beleidigten unbestechlich war, durch keine Ideologie zu vernebeln. Rudi, der die DDR nicht idealisierte, weil er sie – um Osten aufgewachsen und kurz vor Schließung der Mauer in den Westen emigriert – viel zu gut kannte. Rudi, der ganz „uncool“ schon früh Verantwortung für seine Familie übernahm und sich auf „Freie Liebe“-Experimente erst einließ, als ihn seine Frau Gretchen ausdrücklich dazu aufforderte. Rudi, der, obwohl er das Private nie gänzlich der Politik opferte, obwohl er nicht wie Che Guevara den Hass als Voraussetzung für die Revolution propagierte, dieser Revolution doch bis zum Tod treuer war als alle Biermanns, Fischers und Cohn-Bendits zusammen.

Er gehört zu den wenigen Führungspersönlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte, deren Botschaft nicht „folge mir!“, sondern „folge dir“ zu lauten schien.

Rudi Dutschkes Einschätzung des etablierten Politikbetriebs war nüchtern und in der Analyse zeitlos: „Die Regierenden an der Spitze (…) sind bürokratische (austauschbare) Charaktermasken, die ich ablehne und gegen die ich kämpfe, die ich aber nicht hassen kann.“ Revolution war für Dutschke nichts Starres, vielmehr ein Lernprozess, der den Revoltierenden ebenso verwandelt wie das, wogegen revoltiert werden soll. So konnte er sich stets wandeln und sich dabei doch treu bleiben. Rudi Dutschke nahm eine sozialistische Partei links von der SPD ebenso visionär vorweg, wie er die Bedeutung der in den späten 70ern aufkommenden ökologischen Bewegung früh erkannte. „Alle wissen, dass der Weiterbestand der Gattung in Frage steht. Es geht nicht nur um ein Klasseninteresse.“ Er war weit mehr Versöhner und Integrator, als es sein provokantes Auftreten und sein Image als ewiger „Krawallmacher“ vermuten lassen.“

(Roland Rottenfusser)

 

In dieser Rolle wurde er zum Zielobjekt der Springer Presse, die die Menschen regelrecht aufhetzte gegen die linken StudentInnen und ihren Protagonisten Rudi Dutschke. Am Gründonnerstag 1968 wurde er von drei Kugeln getroffen, die der Neonazi Josef Bachmann auf ihn abschoss. Rudi war schwer verletzt. In den nächsten Tagen machte sich Wut im ganzen Land breit. Die Springer Druckereien wurden blockiert, Auslieferungsautos angezündet.

Ein jahrelanger Prozess für Rudi, wieder sprechen und denken zu lernen, schloss sich an. Er emigrierte nach Italien, Großbritannien und Dänemark mit seiner Familie. Er starb am 24. Dezember 1979 an den Folgen der Schüsse.

 

„Rudi Dutschkes Perspektive war immer die „von unten“, so sehr er sich auch kurzfristig in seine Rolle als „Prominenter“ und „Rädelsführer“ hineinfand. Von den vier wichtigsten alternativen Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts – der sozialistischen, der ökologischen, der Frauen-, und der antiautoritären – erscheint die letztere, die antiautoritäre, in der politischen Diskussion heute wie ausradiert. Seit Rudi Dutschkes Tod gibt es zudem keinen profilierten Vertreter dieser Richtung mehr in Deutschland. Wenn es möglich wäre, die politische Landschaft der Gegenwart durch ein einziges Wort zu charakterisieren, wäre dieses Wort für mich „Freiheitsvergessenheit“.

Roland Rottenfusser

 

Für Rudi Dutschke von Erich Fried

„Jeder ist ersetzbar.

Der Kampf geht weiter“

Das stimmt.

Aber das stimmt auch nicht:

Nicht jeder ist ersetzbar

Und der Kampf hat immer nur das Gesicht und das Herz

Des Menschen der kämpft

Und ich habe den Kampf gemocht

Der dein Gesicht hatte

Und dein Herz-

Und jetzt wird kein anderer mehr

Dein Gesicht haben

Und man wird dein Gesicht in Zukunft

Nur noch auf Bildern sehen wie das Che Guevaras

Und Rosa Luxemburgs

Und das ist nicht dasselbe

Und dein Herz wird man nirgends mehr sehen. …

 

Was ich von dir gelernt habe

Bleibt jetzt vielleicht zuwenig

Aber ich hätte von dir schon genug gelernt

Wenn ich nichts von dir gelernt hätte außer das eine:

Dass Freiheit Güte und Liebe sein muss und daß Güte und Liebe

Freiheit sein müssen – und wirkliche Güte und Liebe

Nicht nur ein Begriff von Güte und Liebe

Denn sonst bleibt auch die Freiheit nur ein Begriff –

Und dass der Kampf um Freiheit und Güte und Liebe

Nicht ohne Freiheit und Güte und Liebe geführt werden kann

Und deine Güte und Liebe und Freiheit

Und deine Einsicht

Sind so gewesen, dass du vielen ein Freund bleiben konntest

Die einander nicht Freunde geblieben waren –

Vielen die jetzt um dich trauern aber die glauben

Dass sie miteinander gar nicht mehr sprechen können

Nur noch beschimpfen beschuldigen und bekämpfen. …

Und dieser Irrtum kann sich jetzt leichter in ihnen verhärten

Weil deine gute heisere Stimme nicht mehr

Zu ihnen spricht und nicht heftig oder behutsam

Oder behutsam und heftig wie früher Einwände macht

 

Und dass dieser Irrtum sich leichter verhärten kann ohne dich

Ist schon ein erster kleiner Teil des Beweises

Dass du so leicht nicht ersetzbar bist in den Winkeln

Und Ecken unserer Köpfe und Herzen und unserer Leben

Und dass es nicht genug ist

Zu sagen: ‚Der Kampf geht weiter.‘

 

Und doch muss er weiter gehen und es ist nicht genug

Von deiner Güte und Liebe und Freiheit und Einsicht zu reden

Wenn ich vergesse, dass deine Einsicht und Güte

Dich immer auch wieder zur Empörung geführt hat

Und dass deine Liebe bis zuletzt immer wieder

Auch die Liebe zur Revolution geblieben ist

Und die Sehnsucht nach ihr in Zeiten in denen Tyrannen

Und Reichsverweser und Verräter und Bürokraten

Ihren Namen so schlecht gemacht haben dass fast keiner sie kennen will

 

Diese Sehnsucht hat in dir gelebt und hat dich lebendig erhalten …

Es ist nicht möglich von deinem Leben und Tod zu sprechen

Und zu schweigen von der Revolution die – ungleich uns Menschen-

Nicht tot ist für immer wenn man sie einmal totsagt

Und von der etwas von dir leben wird wenn sie einmal

Wieder auflebt – von dir aber auch von anderen

Die hier nicht trauern können um dich weil sie vor dir

Sterben mussten (oder vielleicht nicht müssen hätten)

 

Der Kampf der dein Gesicht und dein Herz hatte ist auch ein Kampf

Um die Liebe zu vielen ohne Abgrenzungen und Grenzen

Sonst wäre er für Dich und das Denken an dich zu klein.

Der Kampf geht weiter.

 

(Erich Fried – Für Rudi Dutschke, in R.D. Mein langer Marsch, S.264 f.)

 

(Nächste Woche lesen Sie von Ellen Diederich im Rahmen Ihrer Serie über 1968: „Sexuelle und sonstige Selbstbestimmung“)

 

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