Aktuelle Filmtipps: Von Kriegsverbrechen der türkischen Armee und dem Traum der Kurden

 In FEATURED, Filmtipp, Friedenspolitik, Politik

In Rojava finden fast täglich Demonstrationen gegen den türkischen Angriffskrieg statt. Foto: #rojava

Raus aus den Schlagzeilen der bürgerlichen Medien ist derzeit der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des türkischen Regimes und seiner islamistisch-faschistischen Söldner gegen die selbstverwalteten Gebiete Rojavas in Nordsyrien. Doch „es geht ununterbrochen weiter. Verwundete und Tote durch türkische Luftangriffe“ schrieb Michael Wilk zuletzt vorgestern Nacht in einer Twitter-Nachricht. Der Arzt aus Wiesbaden leistet seit über zwei Wochen medizinische Hilfe vor Ort. Deshalb wollen wir auf einige aktuelle Reportagen und Dokumentarfilme hinweisen, die mit brisanten Recherchen die Massaker und Kriegsverbrechen belegen, das gesellschaftliche Modell in Rojava vorstellen oder die Unterstützung und Mitschuld der deutschen Bundesregierung und deutscher Waffenkonzerne an diesem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg unter die Lupe nehmen. Michael Backmund

Seit Tagen greift die türkische Armee und ihre Söldner zahlreiche christliche Dörfer in Rojava an. Auch dazu schweigt die Bundesregierung. Festzuhalten ist: Die Luftangriffe der türkischen Armee und die Angriffe ihrer Söldner, bei denen täglich Zivilist*innen und Mitglieder der Selbstverteidigungseinheiten getötet werden, sind Kriegsverbrechen – ausgeführt mit deutschen Waffen und Panzern. Täglich wächst damit die Mitschuld der deutschen Bundesregierung und deutscher Waffenkonzerne. Neben der Bombardierung ziviler Infrastruktur wie Krankenhäuser, Krankentransporte, Schulen, Gebetshäuser, Wasserversorgung etc. verüben die islamistischen Milizen seit dem 9. Oktober Massaker an unbewaffneten Gefangenen.

Demonstration gegen den Kriegsverbrecher Erdogan in Nürnberg. Foto: anfdeutsch.com

„Die Hinrichtung von Kriegsgefangenen, ist eindeutig ein Kriegsverbrechen. Es gibt kaum Schlimmere. Und die Verantwortung tragen nicht nur diejenigen, die den Abzug drücken, sondern auch alle die, die es ermöglichen. Das bedeutet, dass die Kriegsverbrechen der Verbündeten von Erdoğan bei diesem Feldzug auch die Kriegsverbrechen von Erdoğan sind“, sagt Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen in einer Reportage des Politikmagazins Kontraste zum Thema Kriegsverbrechen. Zu sehen sind islamistische Söldner, die Folter und Hinrichtung von unbewaffneten Gefangenen selbst filmen und über soziale Netzwerke ihren „heiligen Krieg“ propagieren. Der Verdienst der Journalist*innen von Kontraste liegt darin, die Täter sogar namentlich identifiziert und recherchiert zu haben: Gefilmt wurde eine dieser Kriegsverbrechen von Harith al Rabah. „Während er sich filmt rangiert hinter ihm ein Schützenpanzer vom Typ M113 – anhand der charakteristischen Zusatzpanzerung und der Nebelwerfer lässt sich das Fahrzeug eindeutig der türkischen Armee zuordnen – ein Beleg, dafür, wie eng die Gruppe mit der Türkei verbandelt ist“, beschreibt die Redaktion die Bedeutung der Aufnahmen. Dazu brisante Fotos, die Rabah in Deutschland als angeblicher „Kriegsflüchtling“ zeigen bevor er als Söldner wieder zurück nach Syrien gegangen ist: Im vergangenen Jahr kämpfte er dort schon einmal mit der islamistischen Miliz „Ahrar al Sharkiya“ gegen die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten von Rojava – bei der türkischen Militäroffensive in der syrischen Region Afrin. Schon damals ist diese Miliz durch schwere Menschenrechtsverstöße aufgefallen. Seit Jahren fordern Menschenrechtsaktivisten und vor dem IS geflohenen Geflüchteten in Deutschland, dass die Bundesregierung gegen mögliche Kriegsverbrecher ermittelt. Stattdessen konnten offensichtlich zahlreiche Angehörige des IS oder anderer islamistischer Milizen wieder über die Türkei zurück in den Krieg ziehen.

Die Kontraste-Reportage „Kriegsverbrechen in Syrien“ ist deshalb ein wichtiger Anfang, die Kriegsverbrechen der türkischen Armee zu dokumentieren, damit die Täter und ihre Befehlsgeber zur Verantwortung gezogen werden können. So hat bereits die frühere Chefanklägerin des internationalen Gerichtshofs betont, dass u.a. der türkische Präsident sich wegen Kriegsverbrechen vor dem Gerichtshof angeklagt werden müsste.

Die Recherchen von Kontraste bestätigen aber auch, dass sich die Türkei erneut als Drehscheibe für islamistische Söldner betätigt: Sie schleust Dschihadisten nach Nordsyrien, um sie gegen das selbstverwaltete Rojava kämpfen zu lassen. Und der Film zeigt: „Dabei kommt es bereits jetzt zu Erschießungen von Gefangenen und Zivilisten. Beteiligt sind zum Teil Syrer, die zuvor als Flüchtlinge in Deutschland lebten.“
https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-24-10-2019/kriegsverbrechen-in-syrien.html

Der deutsche Internationalist Andok Cotkar (Konstantin G.) in Rojava. Er wurde bei einem türkischen Luftangriff 1m 16.10.2019 ermordet. Foto: anfdeutsch.com

Auch der deutsche Internationalist Andok Cotkar (Konstantin) wurde am 16. Oktober 2019 bei einem türkischen Luftangriff auf die nordsyrische Stadt Serêkaniyê getötet. Es handelt sich eindeutig um ein Kriegsverbrechen und damit um Mord. Der Fall könnte völkerrechtlich also noch brisant werden. Der 24.-jährige Kieler Konstantin G. war am Antikriegstag vor drei Jahren, dem 1. September 2016, von Deutschland nach Rojava gereist, um sich den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten  YPG anzuschließen. Sein Motiv: Nach den Massakern des IS in Sengal wollte er weitere Kriegsverbrechen und Massaker mit helfen zu verhindern. Bei der Befreiung von Raqqa und anderen Städten und Gebieten vom IS hat er als Sanitäter zahlreichen Mitgliedern der YPG das Leben gerettet. Reporter*innen des NDR-Magazins Panorama3 haben jetzt die Eltern von Konstantin G. besucht und nach dem Tod, aber auch den  Motiven und Erfahrungen ihres Sohnes in Rojava zu befragen. Es ist eine sehr berührende und informative Dokumentation mit dem Titel Warum ein Norddeutscher in Syrien gegen den IS kämpfte.
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Warum-ein-Norddeutscher-in-Syrien-gegen-den-IS-kaempfte,kurden270.html

Mit einem ausführlichen Nachruf erinnern seine internationalistischen Freund*innen an Konstantin G:   https://anfdeutsch.com/hintergrund/nachruf-auf-konstantin-andok-held-unserer-zeit-15053

Auch die Arte-Dokumentation Freiwillig in der Hölle von Rakka beleuchtet die Tatsache, dass 2017 2017 auch zahlreiche internationale Kämpfer Seite an Seite mit den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten YPG und YPJ sowie den arabisch-kurdischen SDF im syrischen Rakka gegen den Islamischen Staat gekämpft haben. Bis heute ist dabei wenig bekannt, dass gegen den IS auch Freiwillige aus aller Welt gekämpft haben und weiter kämpfen, viele ohne militärische Erfahrungen. „Die Dokumentation fragt nach ihren Motivationen und trifft sie in ihren Heimatländern und direkt im Kampfgeschehen um Rakka“, so die Filmemacher.
https://www.arte.tv/de/videos/083960-000-A/freiwillig-in-der-hoelle-von-rakka/

Die islamistisch-faschistischen Söldner können offensichtlich unter dem Schutz deutscher Panzer des Nato-Partners Türkei ihre Kriegsverbrechen begehen. Foto: #rojava

„Krieg in Syrien: Verrat an den Kurden?“ heißt eine informative und sehenswerte Sendung von studioM des Politmagazins Monitor: Untersucht wird die völkerrechtswidrige Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien. Dabei gehen wird folgenden Fragen nachgegangen: Was wird aus den Kurden? Wer sind die Gewinner der türkischen Invasion? Schickt Deutschland am Ende Soldaten nach Nordsyrien? Und droht der Konflikt zwischen Kurden und Türken auch in Deutschland ausgetragen zu werden?
https://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-studiom—krieg-in-syrien-verrat-an-den-kurden-100.html

„Aktuelle Aufnahmen aus Nordsyrien zeigen die Folgen der skrupellosen Waffenlieferungen der Bundesregierung an die Türkei. Dschihadistische Mordbrenner der Terrorgruppe Jaish al-Islam rücken gemeinsam mit Leopard-2-Panzern der türkischen Armee ein. Unter dem Schutz deutscher Waffen begehen die Überreste von IS und al-Qaida und andere dschihadistische Terroristen schwerste Kriegsverbrechen“, kommentiert die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Ulla Jelpke, die Aufnahmen von dschihadistischen Milizen, die unter dem Schutz von Leopard 2-Panzern vorrücken.

Wer wissen will, wie die deutsche Bundesregierung ein wirkliches Waffenembargo gegen seinen strategisch Nato-Partner Türkei auf EU-Ebene verhindert hat, dem sei der Monitor-Beitrag Monitor-Ausgabe „Krieg in Nordsyrien: Kein Waffenembargo gegen die Türkei“ empfohlen:
https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/syrien-184.html

„Das Modell Rojava bedroht die Machthaber dieser Welt. Es bedroht die Eliten der Staaten, weil es in all der Zerstörung, der Massaker und inmitten der endlosen Leiden in dieser Region, für viele Menschen eine Insel der Hoffnung bedeutet auf ein besseres Leben: Ein Leben in gegenseitigem Respekt jenseits von Staat, Nation, Patriarchat und Kapitalismus. Das macht den Profiteuren des Status Quo Angst“, hatte ich in meinem Aufruf Rojava wird weiterleben – überall! am 25. Oktober geschrieben. Wer wissen will, warum das Modell Rojava weltweit für viele Menschen eine Hoffnung auf eine gesellschaftliche Alternative zur zerstörerischen Gewalt der kapitalistischen Moderne geworden ist, sollte den neuen und sehr beeindruckenden Dokumentarfilm Der Traum der Kurden: Rojava (2019, 44 min) von Michael Enger anschauen.

Dazu heißt es in der arte-Ankündigung: „Vor einem Jahr konnte ein Reporterteam durch Rojava reisen und sich ein eigenes Bild von der Situation machen: Der Film stellt unterschiedliche Aspekte des gesellschaftlichen Aufbruchs aus Sicht der Kurden vor. Wie weit sind sie gekommen mit ihrem Experiment einer direkten kommunalen Demokratie und der Gleichstellung der Geschlechter? Die Reise durch Rojava ist auch eine Wiederbegegnung mit Menschen und Orten, die die Reporter wenige Jahre zuvor während des Krieges besucht hatten. In der Stadt Kobanê, wo die Kurden 2014 monatelang den Angriffen der IS-Terrormiliz standhielten, erinnert wenig daran, dass sie einmal vollkommen in Trümmern lag.“ Und weiter: „Ende März 2019 konnten die Kurden mit Unterstützung durch US-amerikanische Luftschläge die letzte Bastion des so genannten „Islamischen Staates“ befreien. Für die Zeit nach dem Krieg haben alle am Konflikt in Syrien beteiligten Parteien eigene Pläne. Was aber wollen die Kurden in Rojava (wie sie ihr Gebiet in Nordsyrien nennen)?
2013 hatten sie die Kontrolle über ihr Gebiet übernommen und eine Selbstverwaltung aufgebaut. Verschiedene Volksgruppen und Religionen wollen hier zusammenleben, das Land in Eigenregie verwalten und die Gleichstellung von Mann und Frau durchsetzen. Aber ihr gesellschaftliches Experiment war von Anfang an bedroht. Vor allem die Türkei will ein unabhängiges Kurdengebiet verhindern und drohte immer wieder mit militärischen Schritten. Der Abzug der Amerikaner aus Nordsyrien und der Einmarsch der türkischen Armee hat nun eine neue Runde im Syrienkrieg eingeläutet.“
https://www.arte.tv/de/videos/093089-000-A/der-traum-der-kurden-rojava/

 

 

 

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