Albtraum und Wirklichkeit

 in Kultur, Politik (Ausland), Politik (Inland)

Überwachung im dystopischen Film „Brazil“

Künstler sind teilweise sensibler als „normale“ Menschen. Sie nehmen feine Strömungen des Zeitgeists wahr und können somit auch mögliche „Zukünfte“ vorausahnen – im Guten wie im Schlechten. Die Alpträume großer Schriftsteller sind oft die Realitäten von morgen. Wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören, können wir vielleicht das Schlimmste abwenden, bevor es geschieht. Und schließlich ist „jeder ein Künstler“, kann auch seine eigene Intuition schulen und lernen, auf sie zu hören. (Moreau)

»Mir war aber bereits klar geworden«, schreibt Michel Houllebecq in seinem 2015 auf Deutsch erschienenen Roman Unterwerfung, »dass sich der seit Jahren verbreiternde, inzwischen bodenlose Graben zwischen dem Volk und jenen, die in seinem Namen sprachen – also Politiker und Journalisten –, notwendigerweise zu etwas Chaotischem, Gewalttätigem und Unvorhersehbarem führen musste. Frankreich bewegte sich, wie die anderen Länder Westeuropas auch, auf einen Bürgerkrieg zu, das lag auf der Hand.«

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr schreibt in Gerede. Elf Ansprachen, aufgelegt 2014: »Möglicherweise rauschen Zeiten auf uns zu, in denen die Empörung über empörende Verhältnisse weder von korrupten, von Lobbyisten unterwanderten Parlamenten zu besänftigen sein wird noch mit dem leeren Stroh von Wahlversprechen; Zeiten, in denen aus Banken, Ämtern und Polizeistationen Flammen schlagen und geplünderte Straßenzüge in schwarzem Rauch versinken.«

Hat es eine Bedeutung, und wenn ja, welche, wenn in den Werken der Dichter vermehrt solche Schreckensvisionen auftauchen?

Konstantin Wecker sagt manchmal, seine Texte seien oft klüger als er selbst. Es fällt mir leicht, das zu verstehen, aber schwer, es einem Ahnungslosen zu erklären. Ich zögere, solche Art Hellsichtigkeit nur künstlerischen Menschen zuzubilligen. Ich meine, dass die Fähigkeit, sich mit den vielschichtigen Zeitströmungen zu verbinden und aus dem kollektiven Unbewussten zu schöpfen, jedem sinnlich und geistig offenen und mitfühlenden Menschen im Prinzip möglich ist. Doch mag es Menschen geben, die begabter sind als andere, diese tieferen Quellen anzuzapfen; und sind diese Menschen obendrein begabt, das Empfundene zur Sprache zu bringen, versetzt uns das in die Lage, dem Echo dieser Erfahrungen zu lauschen.

Poeten sind Archäologen des Universell-Menschlichen. Ihre Werke, nicht nur der Literatur, spiegeln die ganze Bandbreite des Seins, von der Liebe bis zum Tod, vom höchsten Glück bis zum tiefsten Schrecken. Doch ist, was Poeten spiegeln, nicht unveränderlich. Es kommt darauf an, sich verwandeln zu lassen. Ließen wir uns nur vom Gespiegelten berühren, nähmen wir ihre Wahrnehmungen ernst, und zwar nicht bloß das Schöne und Glück verheißende, sondern gerade auch das, was uns erschreckt, so könnten wir heute noch, ja jetzt sofort anfangen, uns auf eine Weise zu verhalten, die das Drohende vielleicht doch noch abwendet.

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