Alexanders Album- und Buchtipp zum 8. Mai: Mikis Theodorakis – Mauthausen Trilogy

 in Buchtipp, CD-Tipp

Das 2010 im Ephelant Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlichte, von Elena Strubakis aus dem Griechischen übersetzte Buch „Mauthausen“, deutsch „Die Freiheit kam im Mai“, in dem der Dichter und Schriftsteller Iakovos Kambanellis (1921-2011) die Zeit als Gefangener Nr. 10.205 im KZ Mauthausen vom Sommer 1943 bis zum Kriegsende und die Monate danach beschreibt, erschien auch in einer Auflage mit beigelegter CD – darauf enthalten die von Mikis Theodorakis vertonte „Mauthausen Cantata“ in mehreren Sprachen. (Alexander Kinsky)

Der 1925 geborene griechische Komponist, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis, dessen allerberühmteste Musik wohl der Sirtaki aus der Filmmusik zu „Alexis Sorbas“ (1964) ist,

war von 1941 bis 1944 im griechischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung. Er wurde mit 18 Jahren erstmals inhaftiert und gefoltert. Weitere Stationen bis nach Kriegsende: Mitkämpfer bei der Befreiung Athens, Partisanenkampf gegen britische Einmischung, 1947 als kommunistischer Regimegegner im Griechischen Bürgerkrieg verhaftet und verbannt, 1948 erneute Verhaftung und Verbannung, ab Dezember 1948 im KZ auf der Insel Makronisos, dort schwer gefoltert und dem Tode nahe. 1949 aus der Haft entlassen, dann aber erneut gefoltert…

Der Originaltext mit den Erinnerungen und die Gedichte sowie die Komposition wurden 1965 fertiggestellt. Die erste Schallplattenaufnahme der vier Lieder umfassenden Kantate im Jahr 1966 bedeutete den Karrierestart der 1947 geborenen griechischen Sängerin Maria Farantouri, die als bedeutendste Gesangsinterpretin einiger wichtiger Werke von Theodorakis gilt.

Als die Cantata 1967 in London aufgeführt wurde, sperrte die damals regierende griechische Militärjunta Theodorakis erneut ein, verbunden mit einem Aufführungsverbot seiner Werke.

Gespiegelt wird in den vier Liedern textlich vor allem Kambanellis´ eigene Erfahrung in Mauthausen, die Liebe eines jungen griechischen Gefangenen und einer aus Litauen stammenden jüdischen Frau.

Eine Aufführung der vier Lieder dauert ca. 16 Minuten. Es sind einprägsam komponierte Strophenlieder, in ihrer Schlichtheit sofort markant ins Ohr gehend und enorm anrührend. Die Musik spiegelt die unsterbliche Seele des Menschen, bei allem furchtbarem Leid, über das hinweg sie Hoffnung und Trost zu vermitteln versteht.

Asma Asmaton, das Hohelied oder das Lied der Lieder, lässt den Liebenden mit Anspielungen auf das biblische Hohelied die Geliebte verzweifelt flehend suchen, er fragt die Mädchen in mehreren Konzentrationslagern, wer sie gesehen haben könnte. Die poetisch verklärte Geliebte – wo wird sie schließlich gesehen, am Ende der Reise, mit dem gelben Stern? Das liebevollst Persönliche schafft hier einen beklemmenden Nahebezug, man fühlt tief erschüttert mit.

Für das bei Buschfunk im August 2010 erschienene Tribut-Doppelalbum „Viva Mikis 85“ hat Konstantin Wecker das Lied der Lieder (in einer Übersetzung von Gisela Steineckert) zusammen mit Jo Barnikel (Klavier und Gitarre) und Jessica Hartlieb (Violine) beigesteuert – und singt es seither vielfach in seinen Konzerten.

Andonis, Anton will im KZ-Steinbruch seinem entkräfteten Freund beim Felsbrockenschleppen helfen, doch das wird von den Nazis im wahrsten Sinn schwer bestraft, mit noch schwererer Schlepparbeit. Andonis packt aber einen noch schwereren Felsbrocken als den, der ihm zugewiesen wurde und schleppt diesen die 180 Stufen hinauf. Mit seinem flotten Marschrhythmus erinnert dieses Lied an die revolutionären Arbeiter-Kampflieder des Ernst Busch. Auf „Viva Mikis 85“ findet sich eine ebenfalls von Gisela Steineckert ins Deutsche übertragene, 1978 erstveröffentlichte Aufnahme dieses Liedes mit Pannach & Kunert.

Drapetis, der Flüchtling nimmt uns mit auf seinen Fluchtversuch, er wird aber von der SS gefasst, ein weiteres tragisches Schicksal mit tödlichem Ausgang. Gleichwohl gibt sich die Musik volksliedhaft, vordergründig heiter. Gerhard Schönes deutsche Liveaufnahme dieses Liedes (in eigener Übersetzung) ist auch auf „Viva Mikis 85“ zu hören.

Otan Teleiosei o Polemos, Wenn der Krieg vorüber ist, ersehnt die ewige Liebe angesichts der KZ-Wirklichkeit als Vision aus dem Schrecken heraus, „…vergiss mich nicht, Mädchen mit eiskalten Händen“. Wieder ist die Melodie griechisch-folkloristisch-volksliedhaft, aber eine Spur trotziger als das vorige Lied.

Einige Aufnahmen runden die Cantata mit einer aus dem vierten Lied direkt übergehenden Asma Asmaton Reprise ab.

Die Original-CD mit der zur „Trilogy“ zusammengefassten dreisprachigen Aufnahme erschien erstmals (bevor sie zur Buchbeilage wurde) im Jahr 2000 bei Pläne und enthält 17 Tracks. Zu Beginn ist Asma Asmaton auf Hebräisch mit Orchester und Chor zu hören, danach die ganze Cantata jeweils auf Griechisch, Englisch und Hebräisch und zum Schluss gibt es noch Gedenkworte des Holocaust-Überlebenden Publizisten Simon Wiesenthal zur vom Komponisten geleiteten Uraufführung dieser mehrsprachigen Fassung aus dem Jahr 1988 am KZ-Gelände Mauthausens.

Die griechische Aufnahme ist eine Liveaufnahme vom 8. Mai 1995 aus der damaligen Gedenkfeier in Mauthausen, gesungen von Maria Farantouri, mit Chor und Orchester, dirigiert vom Komponisten. Farantouris Interpretation geht schon unheimlich nahe.

Die weiteren Zyklen sind technisch ausgefeiltere Studioaufnahmen.

Produziert von Alexandros Karozas, singt Nadja Weinberg die Lieder auf Englisch in jazzigerem Idiom.

Auf Hebräisch singt die Sopranistin Elinoar Moav Veniadis die Lieder, instrumental hauptsächlich mit Keyboardklängen getragen.

Man hört die vier Lieder also in drei völlig verschiedenen Interpretationen und Arrangements.

Mögen sie weiter zu Herzen gehen.

 

 

 

 

 

 

 

Die Verlagshomepage zum Buch: http://www.ephelant-verlag.at/

Die Homepage der Übersetzerin Elena Strubakis: http://elena-strubakis.com/index.php

Hervorragende Schul-Arbeitsblätter zur Mauthausen Cantata: http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/e_bibliothek/videos/ihr-maedchen-von-mauthausen.-eine-musikalische-annaeherung/didaktisierung_ihr-maedchen-von-mauthausen-pdf

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    Peter Boettel
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    Die Mauthausen-Trilogy sollte gerade zum jetzigen Zeitpunkt,

    – 75 Jahre nach dem offiziellen Kriegsende,

    – angesichts verstärkter Rechtstendenzen in Deutschland und anderen Ländern,

    – angesichts unsinniger Manöver wie eines „Defender“-2020,

    – angesichts unnötiger Käufe von Kampfflugzeugen, Drohnen und anderer    menschenverachtender Waffen,

    – angesichts bedrohlicher Atomwaffen-Lagerungen,

    – angesichts kriegswütiger Sprüche von Pseudochristen und anderer,

    – angesichts einer Corona-Pandemie mit vielerlei widersprüchlichen Statistiken, widersprüchlichen Einschränkungen wie Grenzschließungen

    wiederholt und immer wieder denen vorgesungen und vorgespielt werden, die immer noch nichts aus der unglückseligen Vergangenheit gelernt haben.

    Leider war ja unser Vorschlag, Mikis Theodorakis den Friedensnobelpreis zu verleihen, nicht erfolgreich; stattdessen wurde dieser an einen mörderische Drohnen einsetzenden Obama sowie an eine EU, mit faschistischen Regimen in Polen und Ungarn, mit einer unsolidarischen Haltung gegenüber benachteiligten Ländern bei der Corona-Krise, einer austeritätswütigen Troika unter Führung deutscher Politiker, einer Flintenuschi als undemokratisch eingesetzter Kommissionspräsidentin verliehen.

    Von den derzeitigen europäischen Politikern hat der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn den Preis am ehesten verdient, weil er im Gegensatz zu anderen Flüchtlingskinder aufgenommen und zu deren Aufnahme aufgerufen hat, weil er für Grenzöffnungen plädiert, da ein Virus nicht beispielsweise vor Our, Sauer und Mosel halt macht.

     

     

     

     

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    Bettina
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    Ich danke Alexander für die guten Buch- und CD Hinweise und für die interessanten Erläuterungen zur Mauthausen Trilogy.

    Wie Peter Boettel, so bedaure ich es auch, dass Mikis Theodorakis bislang kein Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Meiner Meinung nach hätte er  es mehr als verdient. Es gibt ein sehr gutes Buch, das sein bewegtes Leben und seine außergewöhnliche Persönlichkeit mit Worten, Bildern dokumentiert: „Mikis Theodorakis, ein Leben in Bildern“ von Asteris Kutulas. Dieses Buch zeigt nicht nur seine einmaligen Qualitäten als Musiker und Komponisten, sondern auch seine besondere Persönlichkeit als engagierter Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit, der auch in seinen schwersten Stunden des Leidens (Zeit der Verbannung, Folterung und Krankheit) seine innere Kraft und Hoffnung nicht verlor. Ich kann dieses Buch nur empfehlen!

    Anbei einige ergänzende Zitate zur „Ballade von Mauthausen.“

    Die  „Ballade von Mauthausen“ ist ein lebendiges Zeugnis. Sie  erinnert an die furchtbare Vernichtung von Tausenden von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit der einmaligen musikalischen Gesamtkomposition legt sie ein Zeugnis ab für die Erlebnisse des Häftlings Kambanellis im KZ Mauthausen. Sie steht als Zeichen gegen jegliches Wiederaufleben von faschistischem Gedankengut und ist als Botschaft der Versöhnung zu betrachten. Asma Asmaton, das Lied der Lieder, wirkt über die Ballade hinaus. Sie zeigt, dass sich Hass nur durch Liebe überwinden lässt.
    Aus den folgenden Worten von Mikis Theodorakis lässt sich entnehmen, dass er in der musikalischen Umsetzung der „Ballade von Mauthausen“ einen höheren Auftrag sah: nämlich ein Werk zu schaffen gegen das Vergessen.

    „Ein guter Freund von mir, der Dichter Iacovos Kambanellis, war während des Zweiten Weltkriegs Gefangener in Mauthausen. Er schrieb Anfang der sechziger Jahre seine diesbezüglichen Erinnerungen unter dem Titel ‚Mauthausen‘. 1965 verfasste er zu diesem Thema auch vier Gedichte, die er mir gab, damit ich sie vertone. Ich habe das sehr gern gemacht, weil mir erstens die Poesie in diesen Texten gefallen hat und weil ich zweitens während der Besatzungszeit selbst in italienischen und deutschen Gefängnissen eingesperrt war; vor allem aber, weil ich sah, dass wir die Möglichkeit haben würden, mit Hilfe dieser Kompositionen den Jugendlichen die Geschichte in Erinnerung zu rufen, jene Geschichte, die niemals vergessen werden darf. Die Mauthausen-Lieder richten sich natürlich in erster Linie an all jene, die unter Faschismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben. Wir alle müssen uns aber immer wieder die Verbrechen der Nazis vor Augen halten, weil dies das einzige Mittel dagegen ist, dass sich solche Dinge wiederholen könnten. Wir sehen täglich, dass der faschistische Geist noch längst nicht erloschen ist. Er zeigt oft nicht sein wahres Gesicht, aber faschistische Kulturen und Mentalitäten gibt es überall auf der Welt. Für uns, die diese Schreckenszeit durchleben mussten, ist es die wichtigste Aufgabe, unsere Kinder vor dieser Gefahr zu schützen.“(Mikis Theodorakis)

    Die Worte von Mikis Theodorakis entsprechen den Worten von Simon Wiesenthal in seiner bekannten Rede:

    „Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir  müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können…. Es genügt nicht, dass alles schon in Büchern festgehalten wurde, denn ein Buch kann man im Gegensatz zu einem Menschen nicht befragen. Ein Zeuge muss ein ‚lebendiger‘ Zeuge sein…“ (Simon Wiesenthal)

    Die erste „Begegnung“ Iacovos Kambanellis mit der musikalischen Umsetzung von „Asma Asmaton“ hat der griechische Dichter selber mit den folgenden Worten geschildert:

    „1980: Ich beschließe, ein erstes Mal nach Mauthausen zurückzukehren. Es ist Mai, und die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers, Frauen und Männer aus ganz Europa, wollen sich dort wiedersehen. Wir treffen uns genau 35 Jahre nach unserer Befreiung. Am 5. Mai versammeln wir uns im Dorf Mauthausen, um gemeinsam zum Lager zu gehen. Wir, die 30.000 Überlebenden, schweigen, während wir zum KZ hinaufsteigen, und unser Schweigen ist Ausdruck unserer Erinnerung, unserer Liebe und unseres Respektes für die 240.000, die dort zu ihrem Golgatha hinauf geschritten waren. Als wir uns dem Lager nähern, höre ich aus seinem Inneren, vom Appellplatz her, eine Musik tönen: Sie wird durch die Morgenluft den ganzen Weg hinauf zu den neu bewaldeten Hügeln getragen. Sie scheint mir irgendwie vertraut, so als ob ich sie schon früher irgendwo einmal gehört habe. Ich irre mich nicht. Als wir näherkommen, wird mit bewusst, dass ich die Stimme von Maria Farantouri höre, die singt: ‚Ihr Mädchen aus Auschwitz, ihr Mädchen aus Mauthausen, habt ihr meine Liebste nicht gesehen?‘
    Später gehe ich ins Sekretariat, ohne mich zu erkennen zu geben, und frage, welches der Gesang gewesen ist, den wir am Morgen gehört hatten. Man sagt mir, dass das seit Jahren schon das musikalische Leitmotiv des Lagers ist. Ich weiß, wie viel Mühe sich Theodorakis gegeben hat, um den Mauthausen- Zyklus musikalisch umzusetzen und in Konzerten vorzustellen. Diese Lieder waren inzwischen in vielen Ländern bekannt geworden. Dennoch, meine „Begegnung“ mit diesem Lied, an gerade diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, nun …seitdem träumte ich von einem Konzert im Lager Mauthausen. Dieser Traum wurde zweimal Wirklichkeit – einmal 1988 und einmal 1995. Es kamen Menschen von überall her: Zehntausende, Pilger, Pazifisten, wunderbare Menschen …
    Zurück ins Jahr 1965! Wie wunderbar und kreativ ahnungslos wir doch waren.“ (Iacovos Kambanellis)

    Άσμα Ασμάτων – Μαρία Φαραντούρη (English Subtitles)

    https://youtu.be/eNgVdj4M4KM

     

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    Bettina
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    Ich bitte um Entschuldigung für den Schreibfehler in meinem Kommentar,
    4. Absatz. Nicht „tausende“, sondern 6 Millionen Juden wurden von den Nationalsozialisten umgebracht.

    Diese Schreckenszahl übersteigt mein Vorstellungsvermögen…

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      Piranha
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      Ich kann mit einer weiteren Schreckenszahl aufwarten:

      Im Gegensatz zum Coronavirus ist der Hunger zwar nicht ansteckend, aber zu 100 Prozent heilbar. Trotzdem rafft er jährlich um die 9 Millionen Menschen dahin. Das sind ungefähr 24.657 Menschen jeden Tag.

      Ganzer Artikel – Quelle: https://www.rubikon.news/artikel/das-corona-dossier

      Zitat aus dem letzten Abschnitt.

      Und weil ich es so eindrücklich fand, hier von dem Satiriker Thomas Gsella:

      „Quarantänehäuser sprießen,
      Ärzte, Betten überall, Forscher forschen,
      Gelder fließen —
      Politik mit Überschall.
      Also hat sie klargestellt:
      Wenn sie will, dann kann die Welt.

      Also will sie nicht beenden
      Das Krepieren in den Kriegen,
      Das Verrecken vor den Stränden
      Und dass Kinder schreiend liegen
      In den Zelten, zitternd, nass.
      Also will sie. Alles das.“

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        Die A N N A loge
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        Der Artikel „Das Corona-Dossier“ ist richtig gut! Viele Zusammenhänge ahnt man ja, doch diese Zusammenstellung  verdeutlicht die Gefahr der  weltweiten systematischen Indoktrienation der Bevölkerung unter dem Deckmantel „Corona“. Im Leben hätte ich Anfang dieses Jahres nicht daran geglaubt, dass die Bewahrung unserer Freiheit-und und demokratischen Grundrechte nur 1/2 Jahr später in Gefahr sein würden,  ausgehebelt zu werden.

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