Alexanders CD-Tipp der Woche: Faltenradio – Respekt

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Respekt vor allen Menschen, Respekt vor der Kunst – vier phänomenal gute Musiker, drei Klarinettisten und ein Akkordeonist, geben ihrer dritten CD den Titel Respekt und leben diesen mit jeder Faser ihres Könnens. (Alexander Kinsky)

In der Studiobühne Alte Feuerwache in Berlin kann man sich wie vielerorts im Umfeld von Konzerten mit Flyern und Veranstaltungsbroschüren bedienen – und im April 2019 auch ein „Register“ mitnehmen, die Auswertung 2018 des Registers Friedrichshain-Kreuzberg, „die unabhängige Erfassung extrem rechter, antisemitischer, rassistischer, LGBTIO-Feindlicher und ähnlich diskriminierender Vorfälle im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg“. Mit diesem Register soll die Öffentlichkeit sensibilisiert werden, Alltagsrassismus zu erkennen und dagegen vorzugehen. Die darin enthaltenen Statistiken und Tabellen verdeutlichen unter anderem erschreckend, wie sich Pöbeleien, Beleidigungen und Bedrohungen in den letzten drei Jahren allein in dieser Kleinzelle eines Bezirks einer Großstadt vermehrt haben, wie sich der Rassismus immer tiefer in die Gesellschaft einfrisst.

Dass jeder Mensch gleich geboren wird, egal ob arm oder reich, dass jedes Leben ein Wunder ist, dass es eine der größten Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen ist sozial zu denken und zu handeln, global wie im unmittelbaren Umfeld, negiert der Rassismus völlig. Respekt gilt ihm einzig im militärischen Bereich. Mitmenschlichen Respekt kennt er nicht, denn selbst wo er ihn behauptet, ist er abgrenzend und brutal einseitig, indem er alles aufs Gutböseschema vereinfacht.

Wo bleibt der Respekt? Wo kann man ihn finden? Im offenen, unvoreingenommenen Aufeinanderzu und dort wo es schwierig erscheint zumindest im Willen, den anderen zu verstehen, Ursachen für vielfach irrationales Handeln zu suchen und davon ausgehend mitzuhelfen, Lösungen zu finden.

Und man findet den Respekt in aller großen Kunst, die nicht unmenschlich agitatorisch konzipiert ist, man findet sie etwa in all der unglaublich vielfältigen Musik der Musikgeschichte.

Also zum Beispiel bei Faltenradio und deren CD Respekt.

Faltenradio, das sind vier phänomenal gute österreichische Musikanten im allerbesten Sinn des Wortes. Alexander Maurer, geboren 1985 in Salzburg, Dozent an der Hochschule für Musik und Theater München, spielt auf der CD „Respekt“ Diatonisches Akkordeon und Gitarre. Alexander Neubauer, geboren 1976 in der Steiermark, Klarinettist und Bassklarinettist der Wiener Symphoniker, spielt Klarinette und singt. Stefan Prommegger, geboren 1982 in Salzburg, unterrichtet am Musikum Salzburg, spielt Bassklarinette, Klarinette und Mundharmonika und singt auch. Und Matthias Schorn, geboren 1982 in Salzburg, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker (und 2018 auch schon mit Konstantin Wecker auf Kurztournee), spielt Klarinette und Percussion und singt ebenfalls.

Musikwissenschaftlich denkende Schablonenfans mögen die Nasen rümpfen ob vielfacher Stilmixversuche, offener Grenzen also auch und gerade hier, aber es gilt dann halt doch nur – ist die Musik gut, ist es völlig egal aus welcher Ecke sie kommt und wo sie sich hinbewegt, sie ist und bleibt gut.

„Respekt“, im März 2017 als dritte Faltenradio CD nach „Faltenradio“ (2011) und „Zoo live“ (2014) erschienen, belebt Klassiker, Zünftiges und neu zu Entdeckendes mit höchstem Respekt und mitreißendem Musikantentum in herzrührender bis virtuoser Meisterschaft, solistisch wie im Zusammenspiel.

Da kommt Leonard Bernsteins schmissige Candide-Ouvertüre plötzlich herrlich luftig wie ein Vogelkonzert daher, da brillieren sie mitreißend virtuos und spritzig mit Carl Philipp Emanuel Bachs Presto, dem 3. Satz aus dem Quartett in G-Dur Wq. 95 H. 539, da überraschen sie südamerikanisch polyphon temperamentvoll (und mit einem kurzen nachdenklichen Innehalten im Mittelteil) bei Astor Piazzollas Fuga y misterio und da beweisen sie, dass auch Kompositionen der E-Musik aber sowas von zünftig sein können, mit Dmitri Schostakowitschs  5. Satz, der Allegro-Polka aus den Fünf Stücken für 2 Violinen und Klavier op. 97, alles wie auch das Folgende grandios arrangiert für Klarinetten und Akkordeon. Und mit Franz Schuberts Ständchen (Leise flehen meine Lieder), von Klarinettenseelen gesungen. breitet sich große sentimentale Melancholie aus. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich an Vladimir Horowitz´ Klavieraufnahme der Liszt-Fassung aus den 80ern, die eine ähnliche Innigkeit verströmt.

Ja, zünftige und heimelige, ehrliche, handgemachte Volksmusik gibt es auch zu hören, An Schiasl zum 30er von Anton Gmachl jr., die Volksweise Gmiatlich muass´s sei, das Aha-Erlebnis des reizvollen Mitzählversuchens (wer´s mag) beim Steirer von Martin Rainer und Krivci mojega klobuka von Vilko Ovsenik und Slavko Avsenik.

Vom universellen Kontrabassisten und Jazzkomponisten Georg Breinschmid (2018 auch bei Konstantin Wecker dabei) stammt die Komposition Mondor, die sich originell durchdacht durch allerlei „Das kenn´ ich doch“-Musikzitate swingt. Zu entdecken ist auch die Jazzmusikerin und –komponistin Viola Falb, deren Floating Thoughts bei Faltenradio einen unwiderstehlichen, schwebenden Jazzflow haben.

Bei zwei Titeln wird auch gesungen, und diese Titel unterstreichen den Titel „Respekt“ der CD (Hamau-Records 009), die im Jänner 2017 im Tonstudio Bergsiedlung 113 in Altenmarkt an der Triesing aufgenommen wurde.

Konstantin Wecker schlüpfte 1982 auf der Platte „Das macht mir Mut“ in die Rolle eines Fremdenfeindlichen, textlich derb-bayrisch-volkstümelnd „D´Zigeiner san kumma“ rassistisch ablehnend. Das musikalische Klezmer-Gewand kontrastierte gleichzeitig allfällige reine Textassoziationen ins herzlich und völlig solidarisch bis kämpferisch Mitfühlende mit den „Beschuldigten“ des Liedes. Freilich ist es in immer aufgehetzteren Zeiten leider notwendig zu betonen man dürfe bei diesem Kunstwerk nicht den Text allein betrachten. Musikalisch ist „D´Zigeiner san kumma“ eine Prachtvorlage für Faltenradio, das bisher ausgefeilteste, klezmerisch-eindringlichste Arrangement des Liedes. Es muss aber eben das gesprochene Wort vorangestellt werden: „Die Kunst der Überhöhung liegt in ihrer Nähe zur erschütternden Wahrheit.“ Matthias Schorn singt das Lied denn auch erschütternd natürlich. Der „ganz normale Mensch“ ist jetzt unreflektiert rassistisch, es ist furchtbar dass es so weit gekommen ist. Die Klezmermusikanten spielen all ihre Liebe dagegen an. Was kann dem Schlusssatz des Liedes, der, dem Vortragenden die schlimmste aller möglichen Schlussfolgerungen in den Mund legend um diese allen sensibel Bleibenden als unbedingtes „Nie mehr!“ zu bestärken, wie nebenbei aber eiskalt einen neuen Holocaust anheizt, was kann dem folgen?

Faltenradio hat eine unglaublich eindringliche, phantastische Antwort. Es gilt, die Welt zu harmonisieren, das Zündeln und bereits Entflammtes einzudämmen, den Respekt zu bewahren und aufeinander zuzugehen. Es gilt, dass es so viel Wunderbares, Schönes, Gutes auf der Welt gibt, nach wie vor, wenn man offen dafür ist. Es gilt ein „Danke!“, hier ein Mut machender Dankgesang des Akkordeons von Andreas Maurer, nahezu eine Friedenshymne.

Mit dem letzten Titel der CD wechseln alle ihre Stammrollen. Die drei Klarinettisten singen im Terzett bzw. solo, Prommegger spielt ein Mundharmonikasolo und Maurer begleitet mit der Gitarre. Es gibt eine neue Coverversion des bereits einige Male gecoverten „If I Needed You“ von Townes Van Zandt (1972), dessen bisher bekannteste Aufnahme die mit Emmylou Harris und Don Williams aus dem Jahr 1981 ist – ein mehr als deutliches, herzliches Statement, dem Zigeiner-Feind und allen Menschen überhaupt zur Flüchtlingsthematik als neu belebter Folk-Klassiker in Herz und Seele gesungen.

Mir Respekt.

 Die Faltenradio Homepage: https://www.faltenradio.at/

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Bitte eine Raubkopie. Ach so, darf man nicht, gehört sich nicht, und überhaupt – why not? Piracy for Future! Echt, das wär’s doch: Come together, schwänzt Kapitalismus everyday.

    Sorry, möchte keinen braven Staatsbürger wachrütteln, aber: Musik ist Menschenrecht, Musiker sind keine Halsabschneider, und ohne Musik gibt’s eh keinen Frieden. ++glucks++

    Ein Klampfer ohne Lobby 🙂

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