Alexanders CD-Tipp der Woche: Konstantin Wecker – Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

„Widerstehen wir mit all dem, was uns als menschlichen Wesen gegeben ist an Mitgefühl und Verstand, Poesie und Zärtlichkeit!“ Konstantin Weckers im November 2018 auf seinem Label Sturm & Klang veröffentlichte CD „Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute“ blättert in 16 starken, musikalisch wie inhaltlich eindringlichen teilweise erschreckend aktuellen älteren und kraftvollen neuen Liedern genauso den Neoliberalismus auf wie sie Mut zu machen versucht: „Die mit dem Herzen denken sind immer noch in der Überzahl!“ (Alexander Kinsky)

Schlagworte 2018 am Grab Willys: Vogelschiss, Kapitalismus, Leistungsträger, Rücksichtslosigkeit, Neoliberalismus, Ausbeutung der Erde, die europäische Kolonisation, Identität bei Volk, Nation und Vaterland, Herzlosigkeit, Verharmlosung der Nazi-Diktatur, und was man dem allem entgegenhalten kann ja muss, Mitgefühl, Mut nicht verlieren und machen, die spirituelle Revolution…

Einige ältere Lieder und auch ein weiteres ganz neues hat Konstantin Wecker so wie den „Willy 2018“ unplugged am Flügel im Studio frisch eingespielt, die im „Willy 2018“ aufgezeigten Entwicklungen verdeutlichend und vertiefend: „Das Leben will lebendig sein“ (Konstantins neuestes Lied), „Vaterland“ (erstmals 1979 veröffentlicht, der damalige letztlich gewaltbereite Neonazi und sein fassungsloser aufgeklärter Vater), „Sturmbannführer Meier“ (Altnazis 1989, damals Konstantin wütend und trotzig, jetzt ins leider vielfach wieder Gesellschaftsfähige stechend, unheimlich!) sowie „Stilles Glück, trautes Heim“ (ebenfalls 1989, der biedere Alltagsfaschismus, viele Jahre als um die Wendezeit gut beobachtete Erscheinung eher belacht in Konzerten, jetzt auch extrem unheimlich und erschreckend „normal“ allerorten).

2017 haben Konstantin Wecker, Asp Spreng, Cetin Oraner, Conchita Wurst, Pippo Pollina und Konstantins Band mit einem Bonustitel auf der Doppel CD „Poesie und Widerstand“ ihr von Konstantin erstmals Ende 1992 vorgestelltes kämpferisches „Sage Nein“ zusätzlich zu einer nur von Konstantin gesungenen Aufnahme neu intensiviert. Die 2017 der regulären Fassung vorangestellte auch von Konstantin gesprochene Einleitung „Warum ich kein Patriot bin“ leitet nun, im zweiten Track der CD, auch die Bonusversion ein.

Von „Poesie und Widerstand“ wurden für die neue CD „Die Weiße Rose“ (auf den historischen Widerstand verweisend, „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!“) und „Den Parolen keine Chance“ reaktiviert, aus „Vaterland live“ Konstantins Auseinandersetzung mit dem Vaterlandsbegriff „Vaterland?“, nun mit dem angefügten Fragezeichen vom älteren Vaterland Lied neu unterschieden. „Und hätte nicht ein Mutterland – ich weiß das gibt es nicht – für alle die ihm anvertraut ein lieberes Gesicht?“

Der Original-„Willy“ ist auf der CD in einer Neuaufnahme Konstantins aus dem Jahr 2009 enthalten.

Für das kämpferische, kraftvolle Protestlied „Empört euch“, zu dem ja Roland Rottenfußer die zweite Strophe mit Geßlerhut, Wärmestuben und dem naiven Narr getextet hat, griff man hier auf die Originalaufnahme von 2011 für die CD „Wut und Zärtlichkeit“ zurück, allerdings mit einigen nun von Shekib Mosadeq auf Farsi neu gesungenen Passagen.

Shekib singt mit Konstantin zusammen (Farsi und Italienisch) auch den unerwarteten und erschreckend unpolitisch konnotierten Sommerhit 2018, das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“, die beiden jedoch genauso wie all die Jahre Hannes Wader, Pippo Pollina oder Diether Dehm (um nur ein paar zu nennen) als Widerstandslied. Entsprechend einfühlsam ist dieses hier von Jo Barnikel arrangiert, so wie das auch wieder anders erschreckend aktuell gebliebene „Ich habe Angst“ von Konstantin aus dem Jahr 1993, damals Petra Kelly und Gerd Bastian gewidmet. „Der Mob fühlt sich schon im Parnaß…“ – das deutschsprachige Europa 2018, Gewaltbereitschaft als mit Befriedigung hingenommene höchste Kunst.

Eine friedliche, zärtliche, poetische Revolution kann, soll, muss weiter ganz tief in den Herzen verankert bleiben, die Idee einer liebevoll anarchistischen Welt („Anna R. Chie“, aus der „Gut´n Morgen Herr Fischer“ CD von 2008) und das Zusammenhalten, wenn wir uns gegenseitig Mut machen („Das macht mir Mut“, eine Liveaufnahme von den Songs an einem Sommerabend vor Kloster Banz 2016, man achte auf die kleinen Textänderungen gegenüber älteren Aufnahmen!), mögen auch mit dieser CD bestärkt werden. Kleiner Insider: Ausgerechnet diese kraftvolle Liveversion mit Band (Gitarrensolo Severin Trogbacher!) für die CD zu nehmen war eine Idee von Jo Barnikel.

Sehr nachdenklich stimmend die Schlussnummer der CD, ein scheinbar harmloses volksliedhaftes Chorlied, auch aus der CD „Gut´n Morgen Herr Fischer“ entnommen, aber mit neuer, von Konstantin gesprochener Einleitung: Josef Huber hat es um 1937 als Widerstandslied im KZ Dachau geschrieben, mit den „Blümlein“ waren die Häftlinge gemeint…

In Konstantins Notiz vom 7.11.2018, veröffentlicht im Wecker-Netzwerk, heißt es:

„Die unmenschliche Barbarei der neuen und alten Nazis auf der Straße wie in Chemnitz, aber auch der deutschen Regierung und der EU im Umgang mit Flüchtlingen macht mich extrem wütend: Es ist eine Bankrotterklärung für unsere Gesellschaft, wenn allein in den letzten Monaten tausende Kinder, Frauen und Männer auf der Flucht vor Hunger, Krieg, Folter und Umweltzerstörung im Mittelmeer ertrinken oder in den Wüsten Afrikas verdursten mussten. Anstatt Leben zu retten, kriminalisieren die Regierenden die Seenotretter.

Doch die letzten Wochen und Monate haben mir auch wieder Mut gemacht, weil so viele Menschen auf die Straße gehen für die Solidarität mit Geflüchteten und gegen Faschismus.“

Die CD wird unter anderem im neuen Shop im Wecker-Netzwerk um 10 € angeboten. Davon wird 1 € an „Hinter den Schlagzeilen“ gespendet. Außerdem werden 10 % von jeder verkauften CD der antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) gespendet.

Der Talking Blues am Grab seines Freundes Willy, seit Ende der 70er immer wieder von Konstantin Wecker besucht und mittels Aufnahmen und in Konzerten das Publikum daran teilnehmen lassend, geht weiter, muss neue entsetzliche Entwicklungen konstatieren, Fassungslosigkeit loswerden, und doch – das Wissen um aufrechte Antifaschisten wie diesen Willy und um all die denen Konstantin da aus der Seele, aus dem Herzen spricht und singt, „das macht mir Mut“, das macht uns weiter Mut und lässt uns die Hoffnung nicht verlieren, „…gestern habns an Willy daschlagn, aber heit halt ma endlich zamm“.

Weitere Informationen zur CD: https://www.wecker.de/de/die-alben/item/358-Sage-Nein-Antifaschistische-Lieder-1978-bis-heute.html

Bestellmöglichkeit im Shop: https://sturm-und-klang.de/product/sage-nein-antifaschistische-lieder-1978-bis-heute

Quelle zur Entstehung „Blümlein stehn am Waldessaum“: http://www.dachau.de/fileadmin/website/Kultur_und_Tourismus/Kunst_und_Musik/Dateien/Programmheft_01_h_FINAL.pdf

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