All Power to the People

 In FEATURED, Kultur, Medien, Politik (Ausland)

Marsha P. Johnson demonstriert vor dem Bellevue Krankenhaus, um gegen die Behandlungsweise von Obdachlosen und Schwulen zu protestieren, aufgenommen zwischen 1968 und 1975. © Photo by Diana Davies, Manuscripts and Archives Divisions, The New York Public Library

Die außerparlamentarischen sozialen Bewegungen haben in den USA eine lange Tradition. In der aktuellen Ausstellung „All Power to the People“ der Aspekte Galerie der Münchner Volkshochschule im Gasteig thematisieren internationale Künstlerinnen und Künstler widerständige Prozesse seit den 1950er Jahren bis heute (bis 4. November, täglich von 10 bis 22 Uhr).  Zu sehen sind beeindruckende Arbeiten: So wirft der US-Künstler Allan Sekula zum Beispiel einen Blick auf die Proteste gegen das Treffen der Welthandelsorganisation WTO 1999 in der Hafenstadt Seattle, die den Zyklus der globalen Protestbewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung eingeläutet haben. Am Ende war der neoliberale Mythos vom angeblichen „Ende der Geschichte“ entlarvt. Oder die junge Künstlerin Katrin Winkler: Sie lässt in den Erzählungen von ehemaligen Mitgliedern der Black Panther die Bedeutung ihrer Geschichte für die aktuellen sozialen Bewegungen sichtbar werden. So holt die Schau vielfältige historische Erfahrungen bild- und wirkmächtig in die Gegenwart und demonstriert ihre globale Bedeutung und Ausstrahlung: Vom Civil Rights Movement bis zur Bewegung Black Lives Matter von den Anti-Vietnam-Kriegsprotesten bis zur Occupy-Bewegung. Durch die Aktualisierung der Erinnerung werden Inhalte und Bedeutung dieser Auseinandersetzungen zu heutigen Realitäten in Bezug gesetzt und nach Impulsen für den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs gefragt (Lesen Sie einen digitalen Rundgang durch die Ausstellung von Michael Backmund).

„Eine aktuelle Wirklichkeit besteht aus Vergangenheit, Zukunft und dem Konjunktiv der Möglichkeit, die neben ihr einhergeht und große Gravitation hat – wie ein Echo begleitet die Möglichkeit die sogenannte Wirklichkeit“, diesen Gedanken des Filmemachers und Autors Alexander Kluge stellte Petra Gerschner an den Anfang ihres Rundgangs durch die Ausstellung, auf dem Sie die Kuratorin auch online bei HdS begleiten können:

Die 42-järige Rosa Parks war am 1. Dezember 1955 der rassistischen Segregation überdrüssig, als sie sich in einem öffentlichen Bus weigerte, aufzustehen. Ein weißer Fahrgast verlangte die Räumung der reservierten Sitzreihe, in der sie sich befand. Rosa Parks, die Schneiderin von Beruf war, betont in ihrer Autobiografie, sie sei nicht einfach nur nach ihrem Arbeitstag müde gewesen, wie oft erzählt werde, sondern habe es sattgehabt, ständig nachgeben zu müssen. Ihr Widersetzen blieb nicht folgenlos: sie wurde festgenommen, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Als Antwort darauf entwickelten sich große Manifestationen des zivilen Ungehorsams wie der von Martin Luther King organisierte „Montgomery Bus Boykott“. Rosa Parks wurde Aktivistin und zu einer Ikone der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

In der Ausstellung „All Power to the People“ beschäftigen sich die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler mit Menschen, die gesellschaftliche Ungleichheit, Ausgrenzung und Repression nicht als gegebenen Zustand hinnehmen, sondern nach Möglichkeiten des Einschreitens, des Protests oder der Rebellion zur Veränderung dieser Verhältnisse suchen.

„Es ist der menschliche Körper, der sich in den Straßen der Stadt gegen die Abstraktion des globalen Kapitals behauptet,“ schreibt Allan Sekula im Text zu seiner Arbeit „Waiting for Teargas“. Seine Vorgehensweise bei seinem Fotoprojekt im Rahmen der Proteste gegen die Welthandelskonferenz 1999 in Seattle bezeichnete Sekula als „Anti-Fotojournalismus“: „kein Blitzlicht, kein Zoom-Teleobjektiv, keine Gasmaske, kein Autofokus, kein Presseausweis und kein Druck, unter allen Umständen das eine entscheidende Bild dramatischer Gewalt einzufangen.“ Mit dieser Arbeit hat Allan Sekula ein bedeutendes Werk zu Beginn einer neuen Bewegung geschaffen, die nach Alternativen zur neoliberalen Gesellschaft sucht und die gängige Medienbildproduktion kritisch hinterfragt.

Aus der digitalen Bildershow: „Waiting for Tear Gas“ aus dem Jahr 2000. Foto: Allan Sekula

Die feministische Philosophin Judith Butler hielt im Oktober 2011 auf einer Kundgebung in New York eine Rede zur Unterstützung der Occupy Wall Street Bewegung in der sie sagte: „Es ist wichtig, dass wir als Körper – als die körperlichen Wesen, die wir sind – zusammen in der Öffentlichkeit auftreten, dass wir uns in der Öffentlichkeit versammeln. Wir kommen zusammen auf den Straßen und Plätzen als eine Allianz der Körper.“ Hunderte DemonstrantInnen errichteten 2011 mit ausdrücklicher Bezugnahme auf die Besetzung des Tarhir-Platzes in Ägypten ein Zeltdorf im Zucotti Park in Lower Manhattan. Occupy Wall Street wuchs schnell zu einer globalen Bewegung gegen soziale Ungerechtigkeit. In Frankfurt am Main wurde ein Camp auf der Wiese vor der damaligen Europäischen Zentralbank errichtet und auch in München gab es zahlreiche Protestaktionen.

Katrin Winklers Bildserie mit dem Titel to protect and to serve beschäftigt sich mit der Occupy-Bewegung in Los Angeles und Oakland. To protect and to serve (auf Deutsch: zu schützen und zu dienen) ist der offizielle Werbeslogan des Los Angeles Police Department und zugleich Kommentar der Künstlerin zum militärischen Auftreten und der Brutalität der Polizei gegenüber der Occupy-Bewegung in den USA.

Aus der Serie: „to protect and to serve“, Los Angeles, 2012. Foto: Katrin Winkler

Das Plakat zur Ausstellung zeigt ein Motiv von Katrin Winkler aus dieser Serie. Die Betrachter*innen dieses Bildes blicken aus der Perspektive der Demonstrierenden auf einen mit Gasgranaten und Gewehr bewaffneten Polizisten. Im Vordergrund fällt der Blick auf die bloßen Hände von zwei Menschen, die sich an ausgestreckten Armen aneinander fassen und sich mit ihren Körpern entschlossen gegen die martialisch auftretende Staatsmacht stellen.

Katrin Winkler´s künstlerische Arbeit ist geprägt von intensiven historischen Recherchen meist in Verbindung mit Film und Fotografie. In der 3 Kanal Videoinstallation we don´t just want a piece of the pie, we want the whole fucking bakery! (Wir wollen nicht nur ein Stück vom Kuchen ab haben, wir wollen die ganze verdammte Bäckerei!) von 2013, werfen ehemalige Mitglieder der Black Panther Party mit Reflexion auf das politische Gegenwartsgeschehen einen fragmentarischen Blick auf ihre Geschichte: Emory Douglas, Gail Shaw, Billy X Jennings und Ericka Huggins.

Aus der Serie: „Silicon Valley“, 2018. Foto: Markus Dorfmüller

Die Frage nach der gesellschaftlichen Funktionsweise von Erinnerung und Geschichtsschreibung zieht sich als ein weiterer roter Faden durch die Ausstellung: Markus Dorfmüller thematisiert mit einem Diptichon aus seinem aktuellen Foto-Projekt Silicon Valley von 2018 die Auseinandersetzung mit historischer Erinnerung an Persönlichkeiten, die durch ihr widerständiges Handeln zu Ikonen der Bürgerrechtsbewegung geworden sind.

Während der Siegerehrung bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 streckten die beiden Sprinter Tommie Smith und John Carlos die geballte Faust – das Symbol der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Black Power. Sie wurden beide noch am gleichen Tag vom Olympischen Komitee der USA entlassen. Auf dem Memorial bleibt der zweite Platz des Siegerpodestes leer. Dabei hatte sich der australische Silbermedaillen-Gewinner Peter Norman, der meistens vergessen wird – mit der Aktion bei der Preisverleihung solidarisch gezeigt und trug den Anstecker einer schwarzen Menschenrechtsorganisation aus den USA.

Aus der Serie:: „Prince Street Projects“, Newark, 2000. Foto: Harald Rumpf

Wer hat schon mal von den Newark Riots gehört? Im heißen Sommer 1967 entstanden vor dem Hintergrund der Armut und der  diskriminierenden Lebensbedingungen der vorwiegend schwarzen Bevölkerung Newarks, Aufstände, die sich zu tagelangen Auseinandersetzungen entwickelten bis die Regierung die Nationalgarde schickte und die Riots militärisch niederwarf – es gab 26 Tote und hunderte Verletzte.
Den Münchner Fotografen und Filmemacher Harald Rumpf führte sein Interesse an den Lebensumständen der Menschen und der Beziehung zu ihrer Umgebung während eines langen Arbeitsaufenthalts in New York in diese Gegend von Newark. Seine Foto-Video-Arbeit „Prince Street Projekts“ aus dem Jahr 2000 dokumentiert, das nach den Riots entstandene, triste Sozialbaugebiet mit den dazwischenliegenden urbanen Brachen und die Erinnerungen der BewohnerInnen. Mittlerweile musste auch diese Siedlung weichen.

1971 reiste Christiane Hinrichs alleine nach New York und Washington, um eine Freundin zu besuchen. Sie war ausgebildete Fotografin und hatte an der Münchner Fotoschule in der gleichen Klasse wie Dieter Hinrichs studiert. Nach ihrem Abschluss gingen sie für zwei Jahre ins heutige Namibia und starteten von dort aus im Dezember 1960 eine Afrikadurchquerung mit dem VW-Käfer. Christiane Hinrichs fotografierte aber nur selten, meisten stille Objekte oder Landschaften und konzentrierte ihre Beobachtung auf das Schreiben. Als politisch interessierte und engagierte Frau nahm sie an der Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg 1971 in Washington teil. Fasziniert von den Menschen, die ihren Protest gegen den Kriegseinsatz der USA zu Hunderttausenden auf die Straße trugen, fotografierte sie ihre einzige journalistische Reportage.
Für die ausgestellte Bildfolge March on Washington against the Vietnam War, 1971, hat sie auf nur einen Schwarz-Weiß-Film belichtet. Nah und sensibel hat Christiane Hinrichs mit wenigen Bildern das Porträt einer Bewegung eingefangen, die als größte Protestbewegung der US-amerikanischen Geschichte gilt.

Aus der Serie: „March on Washington against the Vietnam War“, 1971. Foto: Christiane Hinrichs

Zu dieser Zeit begann auch die junge, 1938 in Maine geborene Diana Davies, die mit 16 die High-School verließ, in New York in Cafés jobbte und sich für Musik und Theater interessierte, als Autodidaktin fotografisch zu arbeiten. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Dokumentaristinnen der LGBT-Bewegung – Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender Bewegung. Als Diana Davies in den 1960er Jahren begann LGBT-AktivistInnen zu fotografieren, wurden nicht heteronormative Beziehungen außerhalb von New York und San Franzisco noch versteckt und heimlich geführt. Bei Protestaktionen fotografiert zu werden kam also einem öffentlichen „Coming Out“ gleich. Umso beeindruckender ist die fotografische Begegnung zwischen Diana Davies und den Porträtierten – die Würde, der Mut und die Haltung der AktivistInnen und das respektvolle, sensible Auge der Fotografin.

Im Juli 2013 ist mit der Benutzung des Hashtags „Black Lifes Matter“ – Schwarze Leben zählen – von den USA ausgehend eine internationale Bewegung entstanden, die sich gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze und racial Profiling richtet. Ihre direkten Aktionen haben seit den Demonstrationen in Ferguson weltweite Bekanntheit erlangt und durch ihren social media Aktivismus sind die Fotografien von ihren Protesten global im Netz zu finden und einige mit ausführlichen Bildlegenden in der Ausstellung zu sehen.

Aus der Arbeit: „We don´t just want a piece of the pie, we want the whole fucking bakery!“. © Katrin Winkler, Videostill, 3-Kanal-Videoinstallation, 2013, Southern California Library for Social Studies & Research, »The Black Panther« Zeitungsarchiv mit Illustrationen von Emory Douglas.

In Videoarbeit von Katrin Winkler sagt das ehemalige Black Panther Mitglied Ericka Huggins rückblickend: „Wir haben uns lautstark gegen Alles ausgesprochen, nicht nur um rassistische und ethnische Diskriminierung zu stoppen und das schlimmste davon: den Rassismus; sondern auch um wirklich Klassismus und Homophobie und Frauenfeindlichkeit auseinanderzunehmen …“ Und Billy X Jennings, der Historiker der Black Panther, erklärt: „Wenn ich in meinem Leben noch etwas bewirken will: Mein Vermächtnis wird die Webseite sein.“ So kann die Erinnerung an die Geschichte und Erfahrung vergangener Protestbewegungen zum Ausgangspunkt neuer sozialer Prozesse werden. Oder wie es Billy X Jennings sagt: „Es gibt keinen Fortschritt ohne Widerstand.“


Ausstellungsort:
Aspekte Galerie der MVHS München im Gasteig,
Rosenheimer Straße 5
Ausstellungsdauer: bis 4. November 2018
Öffnungszeiten: täglich von 10.00 bis 22.00 Uhr, Eintritt frei

Weitere Infos: www.mvhs.de/aspekte-galerie

 

 

 

 

 

 

 

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