Alles das und mehr

 in DER BESONDERE HINWEIS

Konstantin Weckers DVD „Poesie und Widerstand live“ dokumentiert die Jubiläumskonzerte zu seinem 70. Geburtstag im Mai/Juni 2017. Voller subversiver Klugheit, Wärme und musikhandwerklicher Brillanz zeigt die Aufnahme das ganze Potenzial zeitgenössischer Liedermacherkunst. Wer vertieft in „Weckers Welt“ einsteigen will, für den schaut ein umfassendes „Making of“ hinter den Kulissen. Interviews mit Konstantin und Weggefährten runden das Gesamtkunstwerk ab, in dem „genug Wecker“ eben nicht genug ist. (Roland Rottenfußer)

In diesem Forum müssen wir Konstantin Wecker nicht eigens vorstellen. Interessant ist vor allem, was diese DVD-Veröffentlichung – über „normale“ Live-Aufnahmen hinaus – so besonders macht und wodurch die jüngste Entwicklung in seinem Denken und Schaffen gekennzeichnet ist.

Zunächst fällt da seine außergewöhnlich kraftvolle und zugleich seelenvolle Stimme auf, die – was für einen 70-jährigen auffällig ist – nicht nachzulassen, sondern eher noch an Intensität zuzulegen scheint. Man muss sich nur das Spätwerk einiger Kollegen anhören, um zu verstehen, was für ein Glücksfall dies ist. In „Caruso“ – einem Klassiker von Lucio Dalla –, gibt sich der Künstler hemmungslos dem Belcanto hin und kehrt damit zu seinen Wurzeln zurück. Sein Vater Alexander Wecker hat bekanntlich nicht nur Widerstand gegen seine Einberufung zum Nazi-Militär geleistet, er war auch Opernsänger und sang mit dem Buben Konstantin (als Traviata oder Mimi) große Teile der Opernliteratur im Duett.

Eine noch größere Wärme (und wir wissen, dass Wärme ohnehin zu den Qualitäten des Künstlers gehört) kennzeichnet die neueren Aufnahmen Weckers, wie auch die vorangegangene CD-Veröffentlichung „Poesie und Widerstand“ (ein partielles „Best of“ mit Neuaufnahmen von Lieblingsliedern des Künstlers) zeigte. Unter anderem wird dies bewirkt durch die Rückkehr des Cellos in den Weckerschen Klangkörper – wunderbar verkörpert durch Fany Kammerlander, die damit den frei gewordenen Platz der legendären Hildi Hadlich bestens ausfüllt. Werke aus der cellolosen mittleren Schaffensperiode Konstantins werden quasi rückübersetzt in eine Klangsprache, wie wir sie aus seinen Anfängen kennen – natürlich nie in Form einer bloßen Kopie, sondern einer kreativen Weiterentwicklung. Ein gutes Beispiel für diese Tendenz ist das Lied über die Schwermut „Alles das und mehr“ (ursprünglich 2001 erschienen), das mit einem wunderbaren neuen Zwischenspiel aufgewertet wurde.

Auffällig bei den Geburtstagskonzerten vom 31. Mai sowie 1. und 2. Juni 2017 war auch der große italienische bzw. mediterrane Block, repräsentiert u.a. durch die Lieder „Questa nuova realtà (wie immer „badet“ Wecker bei diesem Lied umherwandernd in seinem Publikum), „Stirb ma ned weg“, „Buonanotte Fiorellino“ und (spanisch/deutsch): „Gracias a la vida“. Pippo Pollina, mittlerweile selbst zu einem großen Liedermacher gereift, erklärte sich kurzerhand selbst zum Urheber von Weckers anschwellender „italianità“: „Seit Konstantin mit mir auf der Bühne stand, singt er dauernd in Italienisch“. Natürlich begleitete ihn der alte Mitstreiter bei einigen Liedern, und mit dem Südtiroler Dominik Plangger versammelte sich zeitweise eine dreifache (zärtliche) Stimmgewalt auf der Bühne. Hier gilt wirklich der Weckersche Halbsatz: „… ist’s egal, ob man gescheit ist“. Was zählt, sind ein aufnahmefähiges Herz und das Vermögen, schöne Musik hingebungsvoll zu genießen.

Es sind unvergessliche Bühnenmomente, selbst für „routinierte“ Besucher von Wecker-Konzerten. Ebenso herausragend sind natürlich „Empört Euch“ und die nachfolgenden Lieder „Novalis“ und „Weltenbrand“ mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter Mark Mast. Sie verleihen den Liedern eine zusätzliche Wucht und Dichte, die normalerweise bei Live-Konzerten schwer auf die Bühne zu bringen ist. Hier – für den „magischen“ Moment seines 70. Geburtstag – ist das Unbeschreibliche getan. Natürlich verweist „Empört Euch“, dieser Rundumschlag gegen kapitaschistische Verdummungspolitik, auch auf einen anderen Wecker, jenen der nicht nur Romantik „kann“, sondern auch bissige Kritik, hart am aus dem Rhythmus geratenen Puls einer in die Unmenschlichkeit abgleitenden Zeit. „Der Krieg“, die beeindruckende Erweiterung und Bearbeitung des mehr als 100 Jahre alten expressionistischen Gedichts von Georg Heym, legt davon ebenso Zeugnis ab wie „Die Weiße Rose“, „Was keiner wagt“ oder das schon von Joan Baez gecoverte „naive“ Anti-Kriegslied „Wenn unsere Brüder kommen.“

Die Dokumentation eines Wecker-Konzerts braucht natürlich drei DVDs und über sechs Stunden Lauflänge, der Umfang einer durchschnittlichen Netflix-Serie. Der Hörer bzw Zuschauer bekommt „alles das“, was er von einer Wecker-Aufnahme erwarten darf – „und mehr“. Die Bildqualität ist bestechend, und die Künstler – nicht jeder bekommt bei Konzerten einen Platz in der ersten Reihe – rücken im Wohnzimmerkino ganz nah an uns heran. Schön auch, dass die großartigen Musiker Jo Barnikel, Fany Kammerlander, Wolfgang Gleixner, Jens Fischer-Rodrian, Severin Trogbacher und Marcus Wall hier endlich in der verdienten Weise zu Geltung kommen. Sie dürften auf der Bonus-CD auch berichten, wie die Zusammenarbeit mit Konstantin so ist und wie sie ihn kennengelernt haben. Bei Jo Barnikel spielte interessanterweise Udo Jürgens eine kleine Rolle bei der Anbahnung dieser sehr treuen musikalischen „Ehe“.

Menschen aus Weckers Umfeld geben hinter der Bühne des Veranstaltungsorts, des Münchner „Circus Krone“, Auskunft darüber, was Wecker für ihr Leben bedeutet hat. Neben Pollina, Plangger und dem auch visuell auffälligen Münchner Blues-Häuptling Willy Michl durfte sich auch Oberbürgermeister Dieter Reiter – Angehöriger einer derzeit etwas ins Trudeln geratenen Partei – enthusiastisch über Wecker äußern. Die Bonus-CD enthält außerdem „Outtakes“ wie den Auftritt der Well-Brüder, politischer Bayern-Blödler, früher auch bekannt als die Biermösl Blosn, die ein launiges Grußwort Gerhard Polts verlesen. Ein „Making of“ zeigt den Arbeitszyklus rund um ein Wecker-Konzert, die von Präzision, künstlerischem Ernst und kollegialem Umgangston getragene Probenarbeit, die vielen „unsichtbaren“ Hände, die – wie etwas Beleuchtung, Bühnenaufbau und Ton – täglich zum Gelingen einer Show beitragen.

Schließlich sieht man den Künstler vor der legendären, in vielen Interviews erprobten Bücherwand seines Münchner Hauses sowie im Garten bei zwanglosen, jedoch hoch konzentrierten Plaudereien mit dem Interviewer. Bernhard Wohlfahrter, der für Wecker schon das schöne Lyrik-Video „Zigeuner ohne Sippe“ gedreht hatte, stellt sensible Fragen und filmte auch die Konzertimpressionen zum Ende der Bonus-DVD. Neben autobiografischen Fragmenten und Auskünften zu Themen wie „Was bedeutet mir Musik?“ steht dabei auch eine interessante Frage im Mittelpunkt: Was hat Poesie eigentlich mit Widerstand zu tun? Ist schöngeistige Verinnerlichung und Elfenbeintürmelei nicht das glatte Gegenteil dessen, was nötig wäre, um die verkrusteten Strukturen einer menschenfeindlichen Politik aufzubrechen?

Weckers Antwort ist überraschend – und die ganze DVD ist im Grunde selbst die Antwort darauf: Poesie ist Widerstand, weil die Mächte, denen es zu widerstehen gilt, die Austreibung von Poesie aus der Sprache und die Entzauberung der Wirklichkeit zu ihren wichtigsten Machtmitteln erkoren haben. Wie immer – und das ist bei Konstantin Wecker durchgehende Praxis – hinterlässt uns diese Konzertaufnahme nicht ungetröstet und ohne Hoffnung. Vielmehr dürfen wir wieder an jenem reicheren, freisinnigeren und glutvolleren Leben schnuppern, das es gegen ernüchternde und einzwängende Kräfte zu verteidigen gilt.

Aber dennoch nicht verzagen, überstehn.
Leben heißt Brücken schlagen über Ströme, die vergehn.

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