„Auf der Suche nach dem, was uns als Menschen ausmacht“

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Konstantin Wecker, Kultur, Politik

Gerald Hüther bei seiner Rede. Foto: Walter M. Rammler. Alle Fotorechte beim Fotografen.

Laudatio für Konstantin Wecker zur Verleihung der Albert Schweitzer-Medaille in der Frankfurter Paulskirche am 3.9.2019. „Verstand und Gefühl“ ist nicht nur der Titel eines Romans von Janes Austen – es ist ein Begriffspaar, das Konstantin Wecker auszeichnet und das unbedingt zusammen gehört. Gelegentlich wird unterstellt, den Wissenschaftler – oder auch den kritischen politischen „Kopf“ – zeichne nur der Intellekt, den Künstler nur die überbordende Emotionalität aus. Tatsächlich aber braucht es beides, damit wir ganz Mensch sein und uns der immer lauter werdenen Zumutungen des Unmenschlichen erwehren können. Umso schöner, dass gerade der Neurobiologe und Sachbuchautor Gerald Hüther die Laudatio anlässlich der Verleihung der Albert Schweitzer-Medaille an Konstantin hielt. „Deshalb ist Konstantin Wecker auch so ein Entwicklungshelfer wie Albert Schweitzer. Einer, der mit wachem Verstand und klaren Worten sagt und besingt, was das Menschliche in uns ausmacht, wie zerbrechlich es ist, wie sehr und von wem es bedroht wird.“  Gerald Hüther

 Es ist ja nicht so ganz selbstverständlich, dass ein Naturwissenschaftler die Laudatio für einen Poeten und Musiker hält. Ich als Biologe und Neurobiologe für den Künstler und überzeugten Pazifisten Konstantin Wecker, der heute (zum 50. Geburtstag des Albert-Schweitzer-Zentrums) mit der Verleihung der Albert-Schweitzer-Medaille geehrt werden soll.

Ich habe diese Aufgabe gern übernommen, nicht nur weil Konstantin Wecker mich darum gebeten hatte, sondern vor allem deshalb, weil ich weiß, dass er ein Künstler ist, der besonders deutlich spürt, wie sehr sich die bisher aufrechterhaltenen alten Trennlinien zwischen Kunst und Wissenschaft – wie auch die zwischen Natur und Kultur, zwischen Körper und Geist – aufzulösen beginnen. Auch hier wächst also wieder zusammen, was zusammengehört. Angesichts der wachsenden Polarisierungen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird das von vielen Menschen übersehen.

Wahrscheinlich lassen sich solche Veränderungen leichter von all jenen erkennen, die nicht mit festgezurrten Überzeugungen umherlaufen, sondern die noch, so wie Konstantin Wecker, als Suchende in der Welt unterwegs sind. Auf der Suche nach dem, was uns als Menschen ausmacht, was uns ein friedliches Zusammenleben ermöglicht, was eine demokratische Gesellschaft braucht, um ihre Freiheit zu bewahren. Sie sind es dann auch, die sich mit aller Kraft dafür einsetzen, Unterdrückern und Verführern Einhalt zu gebieten. Wenn es irgendetwas Entscheidendes über Konstantin Wecker zu sagen gibt, so ist das der Umstand, dass er immer ein Suchender war und ein zutiefst Suchender geblieben ist.

Als Suchende kommen wir Menschen ja alle auf die Welt. Wir müssen erst herausfinden, wie das Leben geht. Und weil wir dabei in eine Lebenswelt hineinwachsen, die bereits von Anderen nach deren Vorstellungen gestaltet worden ist, kommt es dabei zwangsläufig auch immer wieder zu mehr oder weniger starken Verwicklungen – mit diesen anderen Personen, aber vor allem mit uns und in uns selbst.

Um in diese Welt zu passen, um dazu zugehören, angenommen und aufgenommen zu werden, müssen wir lernen, manches in uns zu unterdrücken. Allzu viel Entdeckerfreude, beispielsweise, mit der wir unseren Erziehern auf die Nerven gehen, oder zu starke Gestaltungslust, ein besonders ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis, oder zu viel Mitgefühl. Wem es gelingt, diese „störenden“ Anteile in seinem Gehirn möglichst gut zu hemmen, sie also so gut zu verpacken und einzuwickeln, dass sie kaum noch spürbar sind, der passt dann zwar recht gut in die vorgefundene Welt (und kann dort sogar sehr erfolgreich werden). Aber entfalten kann sich ein solcher Mensch in diesem verwickelten Zustand nicht mehr. Dazu müsste sie oder er sich erst entwickeln.

Und das ist nicht ganz einfach. Deshalb ist es gut, wenn es andere, nicht ganz so sehr Verwickelte gibt, die dabei behilflich sind. Entwicklungshelfer also. Und so einer war Albert Schweitzer. Als Theologe, als Musiker, als Philosoph, als Arzt.

Von sich selbst sagte er:

„Instinktiv habe ich mich immer dagegen gewehrt, das zu werden, was man gewöhnlich unter einem „reifen Menschen“ versteht.

Und an uns gerichtet: „Allen tut uns Selbstbesinnung gut, die uns aus dem Dahinleben erwachen lässt. In den alten Verhältnissen müssen wir neue Menschen werden, um neue Zustände schaffen zu können.

Albert Schweitzer können wir nicht mehr fragen, woher er die Kraft erlangt hatte, mit deren Hilfe es ihm gelang, sich auf seiner Suche nach einem gelingenden Leben nicht allzu sehr zu verwickeln. Konstantin Wecker singt davon in vielen seiner Lieder. Es war wohl vor allem sein Vater, von dem er sich bedingungslos geliebt fühlte. Von dem er lernen durfte, was Offenheit, Aufrichtigkeit und Mitgefühl bedeuten und dass es Hingabe und Leidenschaft braucht, um etwas Einzigartiges hervorzubringen.

Dieses große Geschenk seines Vaters hat ihn nicht davor beschützt, sich auch immer wieder zu verwickeln, aber es hat ihm geholfen, sich daraus auch immer wieder befreien.

Wie beschreibt er es in Poesie & Widerstand?:

 

„Hoch gestiegen, tief gefallen
zwischen Geistesblitz und Lallen
bin ich auf dem Weg zum Lieben
meinem Inneren treu geblieben.“

 

Und den Hasspredigern und Wutbürgern, die ihn zu diffamieren versuchen, ruft er zu:

 

„Ja, ich bin weltfremd, denn eure Welt ist mir fremd. Und ich bin froh darüber.

Ihr behauptet, wer zu viel Mitgefühl hat, habe keinen Verstand. Ich verzichte nur allzu gern auf einen vom Menschsein getrennten Verstand. Verstand ohne Mitgefühl führt zu Wahnsinn, und das kann man ganz gut an derzeitigem Zustand unserer Erde beobachten.“

 

Deshalb ist Konstantin Wecker auch so ein Entwicklungshelfer wie Albert Schweitzer. Einer, der mit wachem Verstand und klaren Worten sagt und besingt, was das Menschliche in uns ausmacht, wie zerbrechlich es ist, wie sehr und von wem es bedroht wird.

Was dieses Bemühen aber so wertvoll und wirksam macht, das ist die Poesie und das sind die Melodien, mit denen er die Herzen der Menschen berührt.

Verstand und Gefühl sind für ihn gleichermaßen bedeutsam, sie dürfen nicht voneinander getrennt werden. Deshalb gehören für ihn Kunst und Wissenschaft, ebenso wie Poesie und Widerstand untrennbar zusammen.

Das Überschreiten der tradierten Trennlinien mag auch heutzutage noch unbequem sein, aber mit der Verleihung der Albert-Schweitzer-Medaille an Konstantin Wecker wird es leichter, für uns alle und vor allem für ihn.

Ich bin froh, lieber Konstantin, dass Du ein Suchender geblieben ist. Dadurch ist es Dir gelungen, Deine wunderbaren Begabungen so zu entfalten, dass Du die Herzen und den Verstand so vieler Menschen erreicht und geöffnet hast. Und dafür möchte ich mich bei Dir an dieser Stelle im Namen von uns allen hier in der Paulskirche wie auch der Vielen, denen Du bei Ihrer Entwicklung ein wenig geholfen hast, sehr herzlich bedanken.

 

Frankfurt, 03. September 2019                                 Gerald Hüther

 

Anzeige von 12 kommentaren
  • Avatar
    maria
    Antworten

    Lieber Konstantin

    Herzliche Gratulation zur Verleihung der Albert-Schweitzer-Medaille!

     

    Geld, Gier und Macht beherrschen die Welt!

    Du weckst auf, unverblümt und klar

    auch wenn’s manchen nicht gefällt.

     

    Es ist das Mitgefühl, das vielen Menschen fehlt,

    deshalb wird die ganze Erde so grausam gequält.

     

    Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

    ist ehrliches Hinterfragen nicht vergebens.

     

    Weiter so! Es braucht Menschen wie dich –

    authentisch, einfühlsam und sehr herzlich!

     

    Alles Liebe und eine gute Zeit

    Herbstliche Grüsse aus der Schweiz

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      Marianne Futterschneider
      Antworten
      Und ich habe noch Karten für Konstantin Wecker im Kuppelsaal in Hannover ergattert. Große Freude. 
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    Piranha
    Antworten
    Lieber Konstantin Wecker,

    anläßlich des 50-jährigen Bestehens der Albert-Schweitzer-Gesellschaft in Frankfurt wurde dieser Preis neu gestiftet und Sie sind der erste Preisträger.

    Welche Symbolkraft, neben der Ehrung für einen zutiefst humanistischen Menschen davon zusätzlich ausgeht!

    Herzlichen Glückwunsch.

    P.

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    Carola
    Antworten
    Vielen Dank für alle Friedensarbeit, die Hinter den Schlagzeilen und auf der Bühne und in der Öffentlichkeit geleistet wird. Sie ist so bitter notwendig und gleichwohl ermutigend für mich immer wieder NEIN zu sagen. DANKE

     

    PS. Habe einen DA für HdS eingerichtet, mehr geht leider im Moment nicht. 🙁

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    Wittmann Josef
    Antworten
    Hoch gestiegen, tief gefallen
    zwischen Geistesblitz und Lallen
    bin ich auf dem Weg zum Lieben
    meinem Inneren treu geblieben.“

     

    Lieber Konstantin,

    dafür meinen Dank. Bleibe weiter selber dir treu.

     

    Liebe Grüße

    Josef Wittmann

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    Katrin Bauer
    Antworten
    Herzlichen Glückwunsch lieber Konstantin Wecker,

    Den Preis hat der Mensch benommen,der ihn verdient hat.

    Danke für deine Unermüdlichkeit und Vorbildwirkug(leidet für zu wenige Menschen)!!!!

    Danke für deine Lieder und Gedichte und für die tollen Konzerte…..bis zum nächsten Konzert!

    Alles Gute

    Katrin Bauer

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    Bärbel Günther
    Antworten

    Poesie und Widerstand, Musik, Gedachtes, Geschriebenes und Gedichtetes – wichtig für mich durch alle Zeiten.

    Danke dafür und dass du nicht müde wirst, nein zu sagen.

    Ganz herzliche Grüße,

    Bärbel Günther

     

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    Bernd Schilling
    Antworten
    Lieber Konstantin Wecker,

    Du begleitest mich (fast) mein ganzes bisheriges Leben lang, genauer gesagt bin ich auf Dich und Deine Musik seit „Willi“ aufmersam geworden.

    Du singst und schreibst und redest mir aus dem Herzen. Danke Dir, dass Du immer und immer wieder die Notstände, Ungerechtigkeiten, hasserfüllte Gedanken beim Namen nennst und nicht müde dabei wirst. Weiter so!

    Die Ehrung hast Du Dir mehr als verdient.

    Ganz liebe Grüsse

    Bernd Schilling

     

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    Bettina
    Antworten
    Eine wundervolle Laudatio, Herr Hüther.
    Wer kann eigentlich bessere Reden halten als Sie? Mir fällt keiner ein.

    Lieber Herr Hüther,

    Es gibt ein geflügeltes Wort, das ich, ich in meinem Freundes- und Familienkreis geprägt habe:
    .

    „Wie gut, dass es den Hüther gibt!“

    .
    Es gibt einen guten Grund für diesen geflügelten Satz, den ich nicht in epischer Breite, nur kurz hier auszuführen möchte. Ich bin froh, dass ich einst über Sie „gestolpert“ bin, gestolpert nicht im üblichen Sinne, mehr über Ihre hervorragenden, durchaus aufwühlenden Reden. Vor ca. 1 1/2 Jahren entdeckte ich Sie auf YouTube, und ich verordnete mir jeden Tag ein Kapitelchen Ihrer Reden. Schon Ihre ersten Beiträge, die ich vernahm, klangen wohl wahr, doch wie wahr kann ein „Wahr“ erst werden, wenn es ungemütlich Stück für Stück an einen herantritt, dich ins Gewissen beißt und kneift? Diese Erfahrungen habe ich mit Ihren Reden gemacht. Lange wog ich mich in dem Cocon der wattierten Sicherheit, bis ich plötzlich diese Stimme vernahm: ‚Der Hüther spricht von dir!‘

    .

    Sie waren es, Herr Hüther, Ihre excellenten Reden, die mich dazu bewegten, nach vielen Monaten der Lethargie endlich meinen Hintern zu bewegen, und mich für einen neuen Job zu bewerben. Es hat geklappt, Herr Hüther! Seit über einem Jahr stehe ich wieder glücklich in Lohn und Brot. Ich danke Ihnen, dass Sie mir ins Gewissen geredet haben. Ohne Ihre Reden müsste ich heute unter einer von Kölns Brücken schlafen, und die sind wahrlich nicht gemütlich.
    In ewiger Dankbarkeit.
    .

    Herzlichen Gruß,
    Bettina

    • Avatar
      Volker
      Antworten
      Deine Kommentare erinnern mich oft an Schmalzbrot, dick bestrichen. Was hat Hüthers Laudatio für Wecker mit Bettina zu tun, und was würde Sigmund dazu sagen?

      Sorry, mußte das mal loswerden.

      Vegetarische Jubel-Grüße – Volker

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    Greta-Fan
    Antworten
    Menschlichkeit muss sich der Mensch leisten können. Wie könnte ich Euch hier das GG näher bringen? Daran wird es scheitern, nicht mal Gleichberechtigung bringt Ihr zustande, nicht hier, nirgend`s auf der Welt, Ihr Weltbürger mit Ticket nach überallhin. Bleibt in Euren Kreisen, und erzählt über längst Vergangenes, haltet die Werte hoch, so hoch das niemand aus EUCH ran kommt.

    Die Agenda hat 10 % aussortiert, mittlerweile sind es mindestens 20 % die aussortiert sind, verwertet werden und ich befürchte es wird noch mehr treffen! Sonst bemerkt kein WÄHLER was Politik sich so leistet an Straftaten im Rechtsfreien Raum Sozialwesen, zielführend. Unfassbar, und klopft Euch weiter gegenseitig auf die Schulter, incl. Preise.

    So klug, soviel studiert, ein enormes Wissen erworben, und keinen Schimmer wie  zerstörerisch die deutsche Agenda wirkt? Das glaube ich Euch nicht! Immer noch nicht!

    • Avatar
      Holdger Platta
      Antworten
      Lieber „Greta-Fan“,

      leider, ich glaube, Du tust Gerald Hüther Unrecht, wenn Du ihm unterstellst, er habe keine Ahnung, was mit Hartz-IV den betroffenen Menschen an materieller und psychischer Entwürdigung angetan wird. Dieses aus einer einzigen – relativ kurzen! – Lobrede schließen zu wollen, ist doch von arger Willkür geprägt.

      Und daß wir von HdS das Thema Hartz-IV irgnorierten? – Sorry, da darf ich Dich unter anderem auf meine zahlreichen Beiträge hier zu diesem Verelendungsgesetzeswerk verweisen. Einer steht derzeit immer noch hier auf der Portalseite von HdS.

      Was hast Du davon, den Falschen Falsches vorzuwerfen? Bringt’s das wirklich, aus lauter Entlastungsbedürfnis, was eigene Demütigungen und Aggressionen betrifft, ausgerechnet MitstreiterInnen anzugreifen, die wie Du gegen die Zerstörung unseres Sozialstaates sind und unablässig auch dagegen anzugehen versuchen??? Siehe unsere Beiträge und Aktionen gegen das Mannheimer Jobcenter!

      Herzlich

      Holdger

       

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