Auf der Suche nach dem Wunderbaren

 in Poesie
Marc Chagall: Das Paradies

Marc Chagall: Das Paradies

„Da ist ein Himmel, und der will schon lange eingenommen sein“, sang Konstantin Wecker in den 70ern in seinem Lied „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“. Die Vernunft, so wichtig sie in der politischen Analyse und im Widerstand auch sein mag, macht nicht den ganzen Menschen aus. Und Chanson ist nicht immer nur gesungene Kapitalismusschelte. Fantasie, Intuition, Rausch, die Sehnsucht nach dem Paradies – es gibt viele Namen für das „Wunderbare“. Wichtig an diesem Text ist aber, dass Wecker hier nicht auf ein „Jenseits“ oder einen durch Urlaubsreisen anzusteuernden Ort verweist, sondern auf das Innerste des Menschen, auf die Art unserer Wahrnehmung. Denn vieles, was wir zur sehen glauben, ist eher „Falschnehmung“, Reduktion auf Oberflächenphänomene. Wir können uns auf die Vertonung und auf die neue CD freuen.

Liebe Freunde,

jetzt geht’s noch ein paar Tage ins Studio und dann wieder auf Tour. Wir alle scharren mit den Hufen, um endlich unsere „40 Jahre Wahnsinn“ weiter zu führen.

In den letzten Wochen haben wir 14 Lieder mit alten Bekannten und einigen neuen MusikerInnen im Studio eingespielt, und es ist immer wieder ein kleines Wunder, den Weg von den ersten musikalischen Entwürfen im letzten August bis heute mitzuerleben. All die Einflüsse von so unterschiedlichen und so großartigen Künstlern lassen mich meine Lieder immer wieder neu entdecken, und es ist schön zu sehen, welche Freude es erfahrenen Musikern immer noch macht, miteinander zu musizieren.

Vorgestern habe ich im Studio ein Lied aufgenommen, dessen Text ich erst gar nicht vertonen wollte. Leider kann ich euch die Musik noch nicht posten, da wird noch dran gearbeitet, aber das Gedicht will ich euch schon mal ans Herz legen.

Als ich als sehr junger Student in München ein paar Semester lang in die Philosophie hinein geschnuppert hatte, fiel mir – damals nicht ganz überzeugt vom rein akademischen Angebot – ein Buch in die Hände, verstaubt, in der hintersten Ecke der Universitäts-Buchhandlung, von Peter D. Ouspensky: „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“. Die Themen dieses Buches waren Ende der 60er Jahre nicht besonders en vogue, es ging um Spiritualität und um die Lehren des nicht unumstrittenen Georg Iwanowitsch Gurdjieff.

Aber der Titel ließ mich nicht mehr los und sollte auch richtungsweisend bleiben für mein weiteres Leben. Nun, über 40 Jahre später, die vier Jahrzehnte überdenkend, hat er mich wieder eingeholt und neu erschlossen:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren
war ich meistens aller Wunder bar
und ich musste schmerzhaft oft erfahren
dass nur selten etwas Wunder war.

Meistens schon am nächsten schweren Morgen
schweren Kopfes, schwer verwirrt
wusste ich, beschwert von Sorgen:
Hab mich wieder mal in dunkler Nacht verirrt.

Später dann, nach viel durchlebten Toden,
hab ich mich dem Wunder ganz versagt.
Bin erklärbaren Modellen und auch Moden
ohne Tiefe hinterhergejagt.

Aber tief im Innern war etwas verborgen
was sich nicht betäuben und verstecken ließ,
eine Hoffnung auf ein unerhörtes Morgen
auf ein unerschlossnes Paradies,

so als würd‘ etwas im Innen thronen
was sich aussen niemals offenbart
nicht in Diademen, nicht in Königskronen
eine Schönheit völlig andrer Art.

Auf der Suche nach dem Wunderbaren
ließ ich mich oft auf Verblendung ein,
manchmal aber durfte ich erfahren
diesem Wunderbaren eins zu sein.

Und es ist kein Traum und auch kein Ort
und schon gar kein Taschenspielertrick,
es ist Klang und Ton, gelebtes Wort,
es ist einzig Deine Sicht. Dein Blick!

Ja – es ist der unbekannte Morgen
und das unerschlossne Paradies,
nicht zu kaufen und nicht mal zu borgen,
dieser Schlüssel zu dem dunkelsten Verließ,

das dein Herz und deine ungesungnen Lieder
fest gefangen hält durch Wahn und Zwang.
Wenn du ihn gefunden hast – nie wieder
wirst du fremd dir sein. Dann bist du dein Gesang.

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