Aufstehen? Ich bin raus.

 in FEATURED, Politik (Inland), Prinz Chaos II.

#Ausgestiegen: Florian Ernst Kirner alias Prinz Chaos II. hat sich enthusiastisch in Sahra Wagenknechts Sammlungsbewegung „Aufstehen“ eingebracht. Nun wirft er enttäuscht hin. Nicht nur traten Ermüdungserscheinungen auf, die auch die Frontfrau veranlassten, ihr Engagement an allen Fronten zurückzufahren; die Vorwürfe des Prinzen gehen tiefer. Von „politischem Betrug“ ist die Rede und von einer „abstoßenden Erfahrung“.  Florian Ernst Kirner

Der Entschluss, mein Engagement bei Aufstehen zu beenden, ist bereits vor zwei Wochen gefallen und meinem näheren Umfeld bekannt. Jetzt also öffentlich: ich bin raus!

Aufstehen war eine ärgerliche und in weiten Teilen abstoßende politische Erfahrung. Seit ich vor gut zwei Jahrzehnten aus einer von mir selbst mitgegründeten trotzkistischen Organisation rausgeschmissen wurde, habe ich etwas so niederschmetternd Schlimmes nicht mehr erlebt.

Das lag nun ganz sicher nicht an den Aktivisten vor Ort. Beginnend mit meiner Anwesenheit in NRW zur Organisation der Aufstehen-Beteiligung an der großen Hambi-Demo habe ich exzellente Leute getroffen. Sie haben den Geist einer echten Sammlungsbewegung verkörpert. Sie waren alt und jung, Bewegungsveteranen und Greenhorns, sie waren offen für Neue und Neues, wollten ausprobieren und nach vorne gehen.

Sie waren bereit zu kämpfen! Und zwar nicht nach innen, sondern gegen den Feind! Gegen die Ausbeuter, die Kriegstreiber und Kriegsgewinnler, gegen die Macht der Banken und Konzerne.

Diese wunderbaren Menschen waren der Grund, warum ich überhaupt so lange durchgehalten habe, obwohl die Umstände längst unerträglich waren.

Aber diese wunderbaren Menschen wurden immer weniger. Die zu Beginn reißende Flut der Freiwilligen wurde konsequent eingedämmt und kanalisiert, bis kaum ein Rinnsal davon blieb.

Eine alles erstickende Bürokratie war aus der LINKEN in die Bewegung importiert worden. Sie hatte sich bereits vor der Gründung der Sammlungsbewegung die wesentlichen Machtpositionen gesichert.

Das Projekt Aufstehen, dessen Führung dann noch dazu auf ganzer Linie versagt hat, war effektiv auf den Sand des politischen Betrugs gebaut.

Ja, das sind harte Worte. Aber erinnern wir uns: Aufstehen sollte faszinierende digitale Möglichkeiten demokratischer Massenbeteiligung bieten! Aufstehen sollte kein Debattierklub werden, sondern eine echte Bewegung. Aufstehen sollte ganz anders sein als die Parteien mit ihrer verknöcherten Unkultur der Bedenkenträgerei und des lähmenden Bürokratismus.

Von Antje Vollmer war mir der Eindruck vermittelt worden, Sahra und Oskar hätten das begriffen und seien extrem offen für neue Ideen und Ansätze. Es sei ihnen wirklich ernst mit dem Sammeln. Sie hätten verstanden, dass es etwas radikal Neues brauche.

Diese Vision faszinierte mich. Also stieg ich ein. Als bei einem Treffen der Initiatoren am Gründungstag des 4. September 2018 gefragt wurde, wer in einem bundesweiten Arbeitsausschuss mitarbeiten wolle, meldete ich mich.

Nun: wie sich leider herausstellen sollte, war diese ganze Idee einer „Bewegung“ entweder nicht ernst gemeint oder sie wurde nicht verstanden. Eher ging es darum, sich Hilfstruppen für den parteiinternen Fraktionskampf zu organisieren.

Das ist das klare Ergebnis meiner Erfahrungen in der engeren Führung, auch wenn ich nie im Arbeitsstab oder im Vorstand war, die die täglichen Geschäfte zu leiten beauftragt waren.

Als es noch so aussah, dass Sahra bei der Fraktionsklausur der LINKEN im Januar als Fraktionsvorsitzende abgewählt werden könnte, hat Sevim Dagdelen der Fraktion mehr oder weniger offen damit gedroht, aus Aufstehen eine eigenständige Partei zu machen. In der Führung von Aufstehen haben die Vertreter der Linkspartei zu diesem Zeitpunkt ebenfalls diskret oder offen Druck in diese Richtung gemacht.

Als die Abwahl dann allerdings ausblieb, hat uns Oskar dann im Arbeitsausschuss lang und breit erklärt, warum Aufstehen doch keine Partei werden, sondern eine Bewegung bleiben müsse.

Kurz und gut: es ging nie um eine Bewegung als Bewegung, sondern immer nur darum, was hilft „uns“ in der LINKEN, was nicht.

Das wurde natürlich nach außen völlig anders dargestellt. Sonst hätte man auch sicher keine 160.000 Emails bekommen, denn von diesen Menschen war die deutliche Mehrheit parteilos und ihre Hoffnungen richteten sich auf eine neue Politik und echte Bewegung von unten – sicher nicht darauf, Statist und Schwungmasse für den ewigen Flügelkrieg in der Linkspartei zu sein.

Faktisch stellt dies, ich bleibe dabei, für mich den Tatbestand des politischen Betrugs dar.

Wie wenig wert der Bewegung als Bewegung beigemessen wurde, zeigte sich, als Aufstehen parteiintern nicht mehr praktisch war, aber sich als schwer zu regierender, bewegungsgemäß ziemlich rentitenter Haufen herausstellte.

Ab jetzt wurde Aufstehen gezielt abgewürgt.

In einer putschartigen Aktion wurden vielen freiwilligen Aktivisten Zugangsrechte entzogen, Kommunikationstools dichtgemacht und die Kontrolle über die entscheidenden Machtmittel (vor allem über die 160.000 Emails) bei einer kleinen Zahl von Leuten zentralisiert, die in der Regel nahe an die Büros von Sevim Dagdelen und Sahra Wagenknecht angebunden oder dort beschäftigt waren oder sind.

Verleumdungen gegen unliebsame Akteure wurden gezielt und flächendeckend in Umlauf gebracht.

Eine besonders widerliche betraf Marco Bülow, Ole Rauch (Mitarbeiter von Fabio de Masi) und mich. Ich habe Emails von Sahra, in der sie sich über die hier ausgebreiteten Lügen empört und sich erschrocken zeigt über diese Verleumdungen. Auf eine öffentliche Klarstellung warte ich bis heute.

Stattdessen läuft die permanente Lügenkampagne, in der etwa behauptet wird, ausgerechnet Marco Bülow und ich hätten versucht, aus Aufstehen eine Partei zu machen, weiter.

Eine Partei? Ich? My ass! Ich scheiss auf Parteien. Ich bin und bleibe Bewegungsaktivist!

Aufstehen wurde also weiter abgewürgt. Die Versendung von Massenmails wurde gezielt sabotiert, die Facebook-Gruppen wurden in einer Nacht- und Nebelaktion gelöscht. Jede Maßnahme, die eine selbständige, horizontale Vernetzung der Basis ermöglicht hätte (etwa ein zentrales Forum), wurde gezielt verzögert, verweigert, blockiert.

Was Sahra angeht, ist mir unklar, inwieweit sie all diese Machenschaften in ihrem direkten Umfeld klar hat, ob sie das unterstützt, einfach laufen lässt, nicht wahrhaben will oder ausblendet. Mir kam sie weitgehend überfordert vor. Persönlich ist sie extrem nett, aber in diesem ganzen politischen Irrsinn wirkte sie völlig verloren.

Es gibt auch, etwa Fabio de Masi, gute Leute in diesem Lager. Aber im Kern ist auch dieser Teil der LINKEN zerfressen von Intrige und Lüge. Deshalb schrieb ich in meinem Gedicht (siehe Anhang), dass Sahra nicht nur von Feinden, sondern auch von (vermeintlichen) Freunden umstellt ist.

Ich hoffe, sie befreit sich aus dieser Lage. Für mich persönlich war Aufstehen eine schockierende und in weiten Teilen widerliche Erfahrung. Und damit meine ich, es sei noch einmal betont, ganz sicher nicht die vielen wunderbarer, ehrlichen und in der Regel übrigens parteilosen Aktivisten, die ich in vielen Orten an der Basis kennengelernt habe und an dieser Stelle herzlich grüße.

Wir werden uns wiedersehen, auf der Straße, im Wald.

Für mich aber geht diese Reise hiermit zu Ende. Ich habe einen Einblick in das erhalten, was man vermutlich „Spitzenpolitik“ nennt. Vielen Dank. Never again.

Allerdings war Aufstehen eine goldene Chance! Die Dynamik des Anfangs war unglaublich! Die Bereitschaft, aktiv zu werden, hatte Zehntausende erfasst! Zwischen der für unsere Gegner sehr überraschenden Intervention in die Hambi-Kampagne und der Dummheit, sich gegen #Unteilbar<https://www.facebook.com/hashtag/unteilbar?source=feed_text&epa=HASHTAG> zu stellen, gab es eine kurze Phase, in der Aufstehen das Potential hatte, zu einer echten Massenorganisation zu werden. Wir hätten, davon bin ich überzeugt, von diesem Punkt aus auch auf eine halbe Million Leute durchbrechen können.

Aber dazu hätte man eine wirkliche Bewegung wollen müssen – und man hätte in der Führung Techniken des Siegens benötigt, die man in Parlamenten und auf Parteitagen offensichtlich nicht lernt.

Was bleibt, ist das Wissen um diese Möglichkeit. Aufstehen hat es vergeigt, aber auch bewiesen, dass Deutschland reif ist für massenhafte Bewegungen.

Daran arbeite ich weiter, wie ich es immer getan habe.

Mein Engagement bei Aufstehen endet hier. Ich möchte nicht meine Zeit vergeuden für einen erweiterten Team-Sahra-Newsletter.

Ich möchte kämpfen und siegen: mit den Vielen, für die Vielen!

Florian Kirner

Weitersroda, 15. März 2019

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Contemplatio Pro Sahra

Umstellt von Freunden und dem Feind
– „Die zieh’n mich hin, der treibt mich her!“ –
Hieltst Du Dich wacker, leidend, stolz,
bis Du gemerkt: es geht nicht mehr.

Viel Hoffnungen und Widerstreit
Frontal auf Dich gerichtet
Hast Du den Schleier um Dein Herz
gepanzert statt gelichtet.

So wurdest schartig Du und hart.
Geschlagen und empfangen
hast manche bittre Wunde Du
in diesem Kampf, dem langen.

Wir waren kurz verbündet nur
und wurden Kontrabanden.
Auch ich habe, soviel steht fest,
Dich wirklich nicht verstanden.

Es ist auch schwer, Du schöne Sphinx
Du ratlos Rätselhafte.
So spaltet, wie seit je und links
was sich zu sammeln dachte.

Dein Umfeld war, ich bleib dabei,
voll grauenhafter Leute
Wie böse Kinder zankten sie
und lauerten auf Beute,
die abfiel nur von Deiner Macht
Deinem Charisma und der Pracht
Deines geschulten Geistes.

Wird nun Dein jäher Sturz zum Sprung
aus dieser Schlangengrube?
An der Du mitgeschaufelt hast
Auf Deinen Fluchten ohne Rast.
Bei Deinem Um-Sich-Schlagen?

Ich wünsch es Dir.
Ins Offene!
Komm heim,
ins Ungewisse.
Dass nur nicht irgendwer Dir bald
die nächste Fahne hisse.

Dein festgefrorner Kahn sei frei!
Mach Platz, Du kalte Scholle
Als Heimat war die ohnehin
schon längst nich mehr so dolle…

(Prinz Chaos)

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