Bücher neu gelesen: Bewaffneter Widerstand jüdischer Partisanen im 2. Weltkrieg

 in Buchtipp, FEATURED, Politik

Ein Porträt des jungen Tuvia Bielski aus dem Jahr 1927. Fotos: Psychosozial-Verlag

Sie haben sich den Razzien der deutschen Wehrmacht entzogen, sind aus den Ghettos und Lagern geflüchtet, haben sich bewaffnet und gegen die Übermacht der deutschen Besatzungstruppen gekämpft. Und viele von ihnen haben überlebt. Doch so zurückgezogen, wie sich die Bielski-Partisanen in den Wäldern und Sümpfen Weißrusslands nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und die Sowjetunion ab Anfang 1942 verstecken mussten, so verborgen blieben auch nach der Befreiung vom deutschen Faschismus für viele Jahrzehnte die Existenz und Bedeutung ihres einzigartigen Widerstandes. Michael Backmund

Die Holocaust-Überlebende, Historikerin und Soziologin Nechama Tec, die 1931 im polnischen Lublin geboren wurde, hat diese einzigartige Geschichte in ihrem Buch „Bewaffneter Kampf – jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg“ 1993 dem Vergessen entrissen. Und damit ein beeindruckendes Dokument gelebter Solidarität und Widerständigkeit geschaffen, das zeigt, dass Menschlichkeit immer und besonders in Zeiten von allgegenwärtiger Verfolgung und Grausamkeit Hoffnung und Zukunft bedeutet: „Das wichtigste Ziel der Gruppe war die Rettung von möglichst vielen Juden“, sagte Nechama Tec in einem Interview, das wir anlässlich der Verfilmung ihres Buches kurz vor dem Kinostart von „Unbeugsam – Defiance“ 2009 mit Daniel Craig in der Hauptrolle geführt haben. Angesichts des Erstarkens faschistischer Bewegungen und Präsidenten weltweit und einer menschenfeindlichen Politik der EU gegenüber Geflüchteten lohnt es sich, das Buch von Nechama Tec wieder neu zu lesen.

Als im Juli 1941 deutsche Truppen nach dem Überfall auf die Sowjetunion auch in den seit 1939 sowjetisch besetzten Teil Polens vorrückten, begannen die sogenannten Einsatzgruppen der SS und der deutschen Polizei in Zusammenarbeit mit der deutschen Wehrmacht sofort mit der Vernichtung der osteuropäischen Juden. Im Dezember 1941 führte die SS und die Wehrmacht im neu gegründeten Ghetto Nowogródek eine „Aktion“ durch, bei der sie 4000 Juden ermordeten. Unter den Opfern befanden sich auch die Bielski-Eltern und die ersten Ehefrauen ihrer Söhne Tuvia und Zus sowie dessen kleine Tochter. Die familiäre Tragödie wurde „zum Wendepunkt im Leben der Brüder“, schreibt Tec: „In ihrer Trauer wuchs ein unbedingter Widerstandswille.“ Den vier Brüdern Tuvia, Zus, Asael und Aron Bielski gelang es, den örtlichen Polizisten zu entkommen und sich zu bewaffnen. Sie flohen in die riesigen Nalibocka-Wälder in Weißrussland und schworen, ihre Eltern zu rächen und möglichst viele Juden vor der Vernichtung zu retten. Neben der Ortskenntnis der gesamten Region und der dort lebenden Menschen, halfen den früheren Bauernkindern vom Land weitere Faktoren zum Überleben: Tuvia zum Beispiel musste 1927 zur polnischen Armee und erhielt dort eine Ausbildung zum Scharfschützen. Außerdem war er ein hoch intelligenter Mensch mit einer ausgeprägten Sprachbegabung: Er konnte polnisch, weißrussisch und russisch ohne eine Spur von Akzent sprechen und hatte zudem bereits als kleiner Junge perfekt Deutsch gelernt, als die deutschen Truppen bereits im ersten Weltkrieg seine Heimat überfallen hatten. Zudem abonnierte er vor dem Krieg trotz harter körperlicher Arbeit zwei Zeitungen, eine polnische und eine jiddische. Dort stießt er Ende der 1930er Jahre auf einen Artikel von Albert Einstein mit dem Titel „Im Schatten des Todes“. Durch die Lektüre erkannte Tuvia die von den Nazis drohenden Gefahr. Und er war davon überzeugt, „dass Hitler seine antijüdische Politik auch in anderen Ländern durchzusetzen versuchen würde“, schreibt Nechama Tec.

Immer mehr Verfolgte flohen ab Anfang 1942 zu den Partisanen in die riesigen Wald- und Sumpfgebiete. Tuvia und seine Brüder wurden dadurch rasch zu Verantwortlichen auch für eine ständig wachsende jüdischen Flüchtlingsgemeinschaft von hunderten unbewaffneten Zivilist*innen, darunter zahlreiche Kinder und alte Menschen, die sich in ständiger Gefahr vor Entdeckung und Vernichtung durch die deutschen Besatzungstruppen verstecken mussten. Das machte den Aufbau einer umfangreichen Logistik zur Versorgung aller Geflüchteten mit Nahrung, Wasser, Kleidung und Medikamenten notwendig. Dies führte zunehmend zu taktischen und strategischen Differenzen zwischen den Brüdern Bielski: Zunächst tötete Tuvia zwei Polizisten, die für die Ermordung seiner Eltern verantwortlich waren und rief zu Attentaten gegen die deutschen Besatzer auf. Nach erheblichen Verlusten und einer zunehmenden Gefährdung der Waldgemeinschaft entschied sich Tuvia jedoch für eine konsequente Strategie, in der das Überleben so vieler Juden wie möglich oberste Priorität hatte. Kurz vor seinem Tod sprach er über seine Motive, wie Tec berichtet: „Für mich war das ganz einfach: Die Deutschen holten meinen Vater, meine Mutter und zwei Brüder ab. Sie brachten sie zuerst ins Ghetto, und dann brachten sie sie um. Der Feind machte keinen Unterschied. Sie griffen sich wahllos Menschen und töteten sie. Würde ich sie nicht nur nachahmen, wenn ich einfach ein paar Deutsche  – irgendwelche Deutsche – umbrachte? Es würde sich nicht auszahlen, und für mich hatte das auch keinen Sinn. Ich wollte retten, nicht töten.“

„In der Doppelrolle von Rebellen und Rettern wuchs diese Gruppe zu einer Waldgemeinde von mehr als 1200 Mitgliedern an, die sich zur bedeutendsten Organisation zur Rettung von Juden durch Juden entwickelte“, schreibt Tec im Vorwort der ersten deutschen Ausgabe ihres Buches 1996. Zehn Jahre zuvor hatten Vertreter der Vereinigung der Partisanen, Untergrundkämpfer und Ghettoaufständischen die renommierte Autorin und Forscherin gebeten, die Geschichte der Bielski-Partisanen zu recherchieren, die Überlebenden zu befragen, die Fakten zu prüfen und eine historische Dokumentation über die bedeutendste Organisation zur Rettung von Juden durch Juden zu schreiben.

Im Mai 1987 besuchte Nechama Tec den legendären Partisanen Tuvia Bielski kurz vor seinem Tod in seiner Wohnung in New York: „Die Deutschen töteten alle Juden – die gute, die bösen, die dummen, die intelligenten, einfach alle“, habe der Ex-Kommandant der Bielski-Partisanen ihr gesagt und gefragt: „Sollte man dasselbe mit ihnen machen?“ Nein, habe Tuvia Bielski selbst geantwortet und erklärt: „Es war mir wichtiger, einen Juden zu retten als 20 Deutsche zu töten.“ Seine Strategie, das Überleben für möglichst viele Verfolgte zu organisieren, die die Selbstverteidigung der Waldgemeinschaft und die Zusammenarbeit mit sowjetischen Partisaneneinheiten einschloss, war sehr erfolgreich: Seine Gruppe wurde bis zur Ankunft der Roten Armee 1944 die größte Partisanen-Einheit zur Rettung  von Juden durch Juden im Zweiten Weltkrieg. Dadurch überlebten rund 1400 Menschen. Darunter auch viele Alte und Kinder.

Für diesen Erfolg spielten insbesondere auch gezielte Bestrafungsaktionen gegen  polnische oder weißrussische Verräter eine entscheidende Rolle. Denn Nazi-Kollaborateure waren für das Leben versteckter Juden eine große Gefahr: Gegen Bezahlung und um langfristig den Besitz der Verfolgten zu stehlen, denunzierten sie massenhaft jüdische Menschen und versuchten dafür sogar die Verstecke der jüdischen Partisanen ausfindig zu machen. „Tuvia war überzeugt, dass man den Bauern zeigen musste, dass jüdische Partisanen sich zur Wehr setzen konnten“, schreibt Tec. So liquidierten die Bielski-Brüder zahlreiche Kollaborateure und bekannten sich zu den Strafaktionen, indem sie Zettel an den Haustüren der getöteten Denunzianten anbrachten: „Diese Familie wurde ausgelöscht, weil sie mit den Deutschen zusammenarbeitete und Juden verfolgte – die Bielski-Partisanen.“ Diese Racheakte verfehlten laut Tec ihre Wirkung nicht: „Die Einheimischen waren von dem Mut und der Entschlossenheit beeindruckt, mit denen die Partisanen gegen Nazi-Kollaborateure einschritten. Aus Furcht vor Repressalien sahen viele von der weiteren Verfolgung von Juden ab. Weniger Denunzianten und sichere Wege eröffneten neue und bessere Fluchtmöglichkeiten.“ Und damit das Überleben von zahlreichen weiteren Juden, die letztlich ihr Leben somit auch dem Widerstand der Bielski-Partisanen zu verdanken haben, wenn auch nicht direkt in ihrer Waldgemeinschaft: Viele Jüngere schlossen sich den sowjetischen Partisaneneinheiten an, andere entschieden sich, in kleineren Gruppen autonom Unterschlupf in den Wäldern zu suchen.

Im Buch erinnert sich Moshe Bairach, dem im Mai 1943 mit anderen Verfolgten der Ausbruch aus dem Ghetto Lida und die Flucht in die Nalibocka-Wälder gelungen war, an seine Ankunft im Lager der jüdischen Partisanen und an seine erste Begegnung mit dem Kommandanten Tuvia Bielski: „Ich sehe, dass er etwas zu sagen versucht, jedoch kein Wort herausbringt. Tränen stehen ihm in den Augen. Schließlich verkündet er auf Russisch: ,Genossen, dies ist der schönste Tag meines Lebens, weil ich erleben durfte, dass eine solch große Gruppe dem Ghetto entkommen ist! (…) Ich kann euch nichts versprechen. Möglicherweise werden wir getötet, während wir zu überleben versuchen. Aber wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, noch mehr Leben zu retten. Dies allein ist unser Ziel, wir treffen keine Auswahl, wir schließen weder Alte, noch Kinder, noch Frauen aus. Das Leben hier ist schwierig, überall lauern gefahren, doch wenn wir zugrunde gehen, wenn wir getötet werden, so sterben wir als menschliche Wesen.’“

Ein seltenes Gruppenfoto von Bielski-Partisanen: Aufgenommen bei der Bewachung eines Partisanen-Flughafens, 1943-1944. Foto: Psychosozial-Verlag

Nechama Tec ist selbst Überlebende der Shoa. Während der deutschen Besatzungszeit in Polen lebte sie drei Jahre lang versteckt bei einer katholischen Familie. Ihren Eltern und Geschwistern gelang die Flucht in die Wälder zu den Bielski-Partisanen, was sie vor Deportation und Tod bewahrt hat. In der Nachkriegszeit heiratete Nechama Tec den Kinderpsychiater Leon Tec, mit dem sie 1952 in die USA emigrierte. Dort studierte sie  an der Columbia University und erhielt 1974 eine Professur für Sozialogie an der University of Connecticut in Stamford. Sie forschte intensiv über die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis und veröffentlichte zahlreiche Bücher über Retter und Gerettete im Zweiten Weltkrieg.

Für ihr Buch „Bewaffneter Kampf“ hat Tec viele ehemalige Mitglieder der Bielski-Partisanen besucht und interviewt: „Es geht mir um die Korrektheit der Geschichtsschreibung“, sagte Tec 2009 energisch. Die bis heute öffentlich so häufig vertretene These, die jüdischen Verfolgten seien passive Opfer gewesen, ärgert die Holocaust-Überlebende: „Es ist überraschend, wie viel Widerstand von Juden geleistet wurde, wenn man die Umstände betrachtet: Ein Leben in Angst vor Verhaftung durch deutsche Soldaten, SS oder kollaborierende weißrussische Polizisten, ohne Rechte, Wohnung und Lebensmittel, bedroht von Verrat in einer überwiegend antisemitischen Gesellschaft.“

Die Bielski-Partisanen haben diesen Akt von Widerstand des Überlebens durch die Organisation einer Parallelgesellschaft in den Wäldern mit der Errichtung von Werkstätten, Küchen, einer Synagoge und eines Krankenhauses über drei Jahre geleistet. Allein schon deshalb ist Nechama Tec auch die Verbreitung der Botschaften ihres Buches durch den Film von Regisseur Edward Zwick sehr wichtig: „Es ist selten, dass man als Autorin eines dokumentarischen Buches erlebt, dass daraus ein großer Spielfilm gemacht wird.“ Für ihr Buch hat Tec aber auch den renommierten „Anne-Frank-Anerkennungspreis“ erhalten.

Drei Monate verbrachte das Filmteam in den Wäldern Litauens, keine 100 Kilometer von den Originalschauplätzen entfernt, da die staatlichen Behörden in Weißrussland keine Drehgenehmigung erteilt hatten. Auch Nechama Tec war eine Woche lang vor Ort: „Es hat mich beeindruckt, zu beobachten, wie sich die Schauspieler in die historischen Charaktere hineinversetzt haben.“ Mit dem Ergebnis ist sie mehr als zufrieden: „Ich mag diesen Film mit all den brillanten Schauspielern sehr. Für eine Autorin ist jedes Buch auch dein Baby.“ Die politische Bedeutung von Buch und Film machte Regisseur Zwick bereits zur Premiere deutlich: „Die Bielski-Partisanen haben mehr Leben gerettet als Oscar Schindler.“ Und zugleich auch noch einen wichtigen Beitrag zur militärischen Bekämpfung der deutschen Besatzungstruppen geleistet.

Bewaffneter Widerstand – Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg von Nechama Tec
22 €, Psychosozial-Verlag
324 Seiten, 2. Aufl. 2009
Bestellung unter

https://www.psychosozial-verlag.de/2052

Der Film zum Buch  mit Daniel Craig: Infos, Trailer und Filmkritiken zum Spielfilm Unbeugsam – für meine Brüder, die niemals aufgaben:

https://www.heftfilme.de/dvd/unbeugsam-fuer-meine-brueder-die-niemals-aufgaben/

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