Bücher neu gelesen: „Der Bataraz“ – ein Monolog über Wahnsinn, Würde und Widerstehen

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Mauricio Rosencof. Foto: www.assoziation-a.de

„Wir mussten davon ausgehen, dass wir nicht mehr rauskommen würden, dass uns nur blieb, in Würde zu widerstehen.“ 1972 wurde der Schriftsteller und Dramatiker Mauricio Rosencof als Mitbegründer der linken Befreiungsbewegung und Stadtguerilla MLN-Tupamaros in Uruguay verhaftet. Insgesamt 13 Jahre Folter und Gefängnis hat er bis zu seiner Freilassung 1985 überlebt, die meisten davon als „Geisel der Militärdiktatur“ in absoluter Isolationshaft, versteckt in den schlimmsten Kerkerverließen in den Kasernen der Armee. Sein Roman „Der Bata­raz“ (Der Hahn) – 1995 auf Deutsch erschienen im Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg – erzählt von der „Zeit, in der nichts passiert“ und vom Überleben „in der Phantasie, in der Vorstellungswelt und den Träumen.“ In einer Welt, in der im Namen der Menschenrechte gefoltert wird, und in der die westliche Zivilisation den Krieg, das Massaker und den Ausnahmezustand längst zum Normalzustand erklärt hat, kann dieses literarische Meisterwerk helfen, die herrschende Realität in keiner Situation, mag sie noch so hoffnungslos erscheinen, zu akzeptieren.  „Jahrelang NICHTS, wie sollen wir davon erzählen?“ Der Roman „Bataraz“ ist die literarische Antwort darauf. Um Mensch zu bleiben, was nur im Widerstehen möglich ist. Michael Backmund

Die Außenwelt auf ein Minimum reduziert: Elfeinhalb Jahre allein, zum Schweigen verurteilt, ohne Spiegel, nur einmal am Tag mit Handschellen und Kapuze die Notdurft verrichten, Tag und Nacht im Schein der Glühbirne, mit dem eigenen Urin den Durst bekämpfend. Zu einer Nummer ohne Namen degradiert. Persönlicher Besitz: eine verdreckte Kapuze und eine alte Dose. Selbst mit dem Tagesanbruch ist nicht jenes „Naturereignis gemeint, das jedes Lebewesen bei Sonnenaufgang beobachten kann“. Für Rosencof war der Tagesanbruch elfeinhalb Jahre nur „der erste schrille Trompetenstoß.“ Denn dort, wo er war, gab es weder erwachen noch aufwachen: „Ich wache nicht auf, weil ich auch nicht schlafe. Hier schläft man nicht: Hier stirbt man. Und wenn man nicht ,stirbt‘, ist man nicht tot, man befindet sich auf Transit. Auch wenn Sterben wahrscheinlich dies ist: Totgehen.“

Elfeinhalb Jahre in einem „Hühnerstall“: Drei kurze Schritte in der Diagonalen, eine halbe Drehung und drei kurze Schritte zurück. Doch Rosencof begibt sich auf seine eigenen „Wanderungen“, es sind wilde, assoziative Reisen, ein packender Monolog, eine Apokalypse durch Raum und Zeit, durch Wirklichkeit und Phantasie. Seine Sprache ist direkt, klingt nie pathetisch und will kein Mitleid erwecken, sie ist schonungslos: Sie packt die Lesenden, nimmt sie gefangen in diesen Hühnerstall und lässt sie zum stummen Gegenüber werden, gleichsam dem „Bataraz“, dem Hahn „Tito“, der – Fiktion oder Realität? – mit Rosencof eine Zelle teilt; mal Freund, mal Feind, mal Vertrauter und Genosse, mal Spion und Verräter. So werden Leser zu Gesprächspartner*innen über die Universalgeschichte des Klos – „fundamentale Dinge, die die Heilige Schrift nicht erörtert“ – oder die Folter: „Selbst die, die wir Bestien nennen, foltern nicht ihren Nächsten. Sie sperren Ihresgleichen nicht ein, sie verpassen ihnen keine Prügel, weder Blecheimer noch 220 Volt, haben keine Ahnung von Folterbänken noch von Aufhängen. Die einzige Art, die darauf spezialisiert ist, ihren Nächsten zu zerstören, ist die menschliche, Tito, zum Glück sind wir Geflügel, so Gott will.“

Mauricio Rosencof wurde 1933 in der Kleinstadt Florida in Uruguay als Sohn armer jüdischer Emigranten aus Polen geboren. Seine Eltern sprachen ihr ganzes Leben Jiddisch miteinander. Fast alle Angehörigen der Familie Rosencof, die nicht nach Lateinamerika auswanderten, sondern in Europa geblieben waren, ermordeten die Nazis im Warschauer Ghetto und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, nur eine Schwester seines Vaters überlebte den Holocaust. Mauricio politisierte sich früh und organisierte sich in der kommunistischen Jugend. Sein Vater Isaak war Mitglied der Schneidergewerkschaft, sympathisierte mit der kommunistischen Partei und hatte die linke Zeitschrift Unzer Fraint abonniert, die in jiddischer Sprache erschien. Mit Unterstützung seines Vaters wurde Mauricio Rosencof schon bald Redakteur der kommunistischen Parteizeitschrift El Popular. In dieser Zeit schrieb er auch seine ersten Theaterstücke und wurde rasch einer der bekanntesten Dramatiker Uruguays.

Die Tupamaros

Die Fahne der Tupamaros.

Seine Freundschaft zu Raul Sendic brachte Rosencof in Kontakt mit der Bewegung der Zuckerrohrarbeiter und mit des Movimiento de Liberación Nacional-Tupamaros, jener legendären Guerilla, die über ein Jahrzehnt ab 1963 bis 1973 weltweit große Ausstrahlung und Bedeutung hatte und zwar nicht nur in diesem kleinen lateinamerikanischen Land, sondern weltweit: Zahlreiche linksradikale Befreiungsbewegungen sowohl in den reichen westlichen Metropolen als auch in den ausgebeuteten Hinterhöfen der USA und in den unterdrückten Kolonien Europas, die um ihre Unabhängigkeit kämpften, lernten von den Erfahrungen und von der Praxis des Aufstands in Uruguay. Der Name Tupamaros ist abgeleitet von dem legendären peruanischen Rebellenführer Túpac Amaru (1738-1781), der in Lateinamerika gegen die Kolonialmacht Spanien kämpfte, auch das uruguayische Volksheer, das noch bis 1811 gegen die spanischen Besatzer Widerstand leistete, nannte sich Tupamaros. In Westeuropa orientierten sich verschiedene militante Gruppen und Stadtguerillabewegungen am Konzept und den Erfahrungen der Tupamaros, darunter ab 1969 die Tupamaros West Berlin sowie die Tupamaros München, ebenso die italienischen Roten Brigaden und die Rote Armee Fraktion (RAF) und die Bewegung 2. Juni in Deutschland.

Der unsichtbare Aufstand

Auch als politisch Verantwortlicher der Tupamaros bewies Maurico Rosencof sein kulturelles Wissen und Gespür für öffentlichkeitswirksame Aktionen und Interventionen: Bei einem klandestinen Treffen mit dem griechisch-französischen Regisseur Constantin Costa-Gavras lieferte er die nötigen Informationen, auf denen das Drehbuch des Films Der unsichtbare Aufstand über den Kampf gegen ein autoritäres Regime beruhte. Nach seiner Premiere 1972 erregte der Film weltweit Aufsehen und machte die Tupamaros legendär. Zusammen mit seinem Film Z über die griechische Militärdiktatur von 1969 gilt Gavras Film Der unsichtbare Aufstand bis heute als genreprägender Klassiker des engagierten politischen Kinos.

Im Jahr des weltweiten Kinoerfolgs wurde Mauricio Rosencof 1972 verhaftet und die Tupamaros militärisch nahezu zerschlagen. Wenig später putschten die faschistischen Militärs mit Billigung der USA und in Uruguay begann eine 13 Jahre andauernde bleierne und blutige Zeit der Diktatur. Rosencof und acht weitere Gefangene wurden 1973 von der Militärdiktatur zu „Geiseln des Staates“ erklärt und sie verschwanden für elfeinhalb Jahre in unterirdischen, nur zwei Quadratmeter großen Zellen in Kasernen des Militärs.

Das Buch Hundeleben von Mauricio Rosencof mit dem Untertitel Literarische Einmischungen eines Tupamaros.

In seinem Buch Hundeleben schreibt Rosencof in seinen Literarischen Einmischungen eines Tupamaros zur Frage, wie man Folter ertragen kann: „Ein schwarzer Freund gab mir den Schlüssel: ,Wenn ich es fast nicht mehr ertrug, dachte ich an meinen Bruder Lumumba*. Andere fühlten in ähnlichen Situationen die Gegenwart ihres Vaters oder von ,Che‘. Ein protestantischer Pfarrer sprach von Gott. Und ich schließlich dachte an meine Tochter und meine Familie, die im Warschauer Ghetto umgekommen ist, oder an die Partisanen in den polnischen Wäldern, die Größtenteils in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz verschwanden. Es ist so, dass jeder Mensch jemanden hat, der seine Handlungen und sein Verhalten beurteilt. (…) So allein ein Mensch auch sein mag, er ist nicht allein.
Und unter den schwierigsten Umständen rettet er seine menschliche Würde, deren Schlüssel weit vor jedweder Ideologie im Gefühl der Solidarität liegt, der Integrität und Standhaftigkeit, die uns daran hindert, die Last des Kreuzes, welches uns auferlegt wurde, auf den Schultern unseres Bruders abzuwälzen. Dieses Gesetz ist der gemeinsame Nenner für den Christen, den Marxisten, den Atheisten und auch den Buddhisten, es ist das Herzstück der Menschenwürde. (…) Letztlich ist es ein immerwährender Prozess. Während man Widerstand leistet, und sei es auch nur mit dem kleinsten Flötenton, wird man nicht vernichtet werden.
Dieser Punkt gewinnt in der Isolierung des Kerkers eine neue Dimension. Man akzeptiert die Vernichtung, wenn man seine Überzeugung verrät.“

Von Briefen, die nie ankamen

„Briefe, die nie ankamen“, heißt ein weiterer Roman von Rosencof, den er mit fast 70 Jahren geschrieben hat. Es sind fiktive Briefe, eine liebevolle Erinnerung an seine ermordeten Verwandten, verknüpft mit Zeitgeschichte und seinen eigenen Kindheitserinnerungen. Bei seiner ersten Europareise 1964 hat Mauricio Rosencof Auschwitz und das Denkmal des Warschauer Ghettoaufstands besucht. In einem seiner fiktiven „Briefe“ des Romans schreibt er: „Da habe ich zwei Steine aufgenommen, Vater, zwei Felsbröckchen, und für dich, für mich, für Mama, für alle, Vater, habe ich sie auf einer der Stufen … niedergelegt und gedacht, jeder Schritt, jeder Stein, jeder Widerstand, Vater, war und ist für immer.“ Und: „Jeder von uns ist jeder und alle anderen.“

Die Folterknechte der Diktatur wollten die Tupamaros vernichten, sie in den „Wahnsinn treiben“, wie es ein verantwortlicher Militär offen erklärte. Rosencof bekam zudem den Antisemitismus der Faschisten zu spüren: Die Folterknechte sagten, dass sie eigentlich Seife aus ihm hätten machen sollen. Bei einer Lesung seines Romans „Der Bataraz“ in München sagte Rosencof Ende der 1990er Jahre: „Ohne Würde gibt es keinen Grund zum Überleben.“ 1985 hatte endlich eine breite Bewegung auf den Straßen Uruguays die Militärs zum Rücktritt gezwungen und die Freilassung der politischen Gefangenen erkämpft.

Das Logo der Tupamaros.

Grundlage für seine großartigen literarischen Werke über die Erfahrungen von Widerstand, Folter und Diktatur war für Mauricio Rosencof sein erstes Erinnerungsprojekt nach der Freilassung aus dem Kerker: In vielen Stunden des gemeinsamen Gesprächs, aufgenommen von einem Tonbandgerät, legten Rosencof und sein Freund und Zellennachbar Eleuterio Fernández Huidobro Zeugnis ab über ihre Zeit in den Folterkellern der Diktatur: Das Buch, das 1990 erstmals beim Verlag  Assoziation A auf Deutsch erschienen war, ist dankenswerter Weise  seit diesen Tagen in der Neuauflage Kerkerjahre – als Geiseln der uruguayischen Militärdiktatur wieder erhältlich. Warum es politisch denkende Menschen unbedingt lesen sollten, werden wir nächsten Freitag in der HDS-Kolumne Bücher neu gelesen berichten.

* Patrice Émery Lumumba, Wortführer der antikolonialen Unabhängigkeitsbewegung des Kongo und erster Premierminister des unabhängigen Kongo, wurde am 17. Januar 1961 unter belgischem Kommando ermordet.   

Von Mauricio Rosencof sind im Verlag Assoziation A erschienen und erhältlich:

Fotos: www.assoziation-a.de

Der Bataraz
aus dem Spanischen von Barbara Frey, 1995
160 Seiten, Hardcover, 12,50 €

Hundeleben
Literarische Einmischungen eines Tupamaros
Essays, Interviews, Gedichte
1990, 96 Seiten, Paperback, 6,00 €

Bestellungen unter: https://www.assoziation-a.de/

In der Edition Köln ist erschienen:

Die Briefe, die nicht ankamen
aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Edition Köln 2004, 13,90 €

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