Bücher neu gelesen: Der Mythos von Freiheit und Abenteuer

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Das Cover der Neuausgabe des Romans „Die Abendröte im Westen“ von Cormac McCarthy. Foto: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Der Junge hat keinen Namen: „Seht das Kind. Der Junge ist blass und mager, trägt ein dünnes, zerschlissenes Leinenhemd.“ Den Protagonisten von Cormac McCarthys Roman Die Abendröte im Westen erwartet weder Mitleid noch Erlösung, sondern ein höllischer Teufelsritt. Es ist die Zeit der amerikanischen Expansion nach Westen, die Zeit der „Indianerkriege“, wie es bis heute häufig völlig verwirrend und verharmlosend heißt. McCarthys Buch ist ein Weltuntergangsepos, ein Blutrausch, und es rechnet schonungslos mit dem Mythos von Freiheit und Abenteuer ab. Ein sprachlich und inhaltlich großartiger Roman von 1996. Und ein politisch hoch aktuelles literarisches Werk über Völkermord und Vernichtung, das es verdient, wieder neu gelesen zu werden. Michael Backmund

Die Mutter des Jungen stirbt bereits bei seiner Geburt: „Der Vater sagt nie ihren Namen, das Kind kennt ihn nicht. Der Junge hat eine Schwester, die er nie wiedersehen wird. Er betrachtet den Vater, blass und ungewaschen. Er kann weder lesen noch schreiben; ein Hang zu sinnloser Gewalt brütet bereits in ihm. Alle Geschichte ist auf diesem Gesicht gegenwärtig, das Kind der Vater des Mannes.“

Der Junge wird hineingeworfen in eine grausame Welt: „Mit vierzehn läuft er auf und davon.“ 1850 kommt er nach Texas. Allein zieht er durch barbarische Landstriche. „Gemeinheit findest du noch beim Geringsten; als Gott den Menschen erschaffen hat, hat der Teufel direkt neben ihm gestanden,“ erklärt ihm ein Eremit. Und McCarthy wird zum Chronisten dieser teuflischen Schöpfungsgeschichte. Kurze, karge Dialoge, jedes Wort der schweigsamen Einsilbigkeit entrissen. MC Carthys Roman beeindruckt mit seiner Sprachkraft, seinen grandiosen Landschaftsbeschreibungen, seinem Bildreichtum und seinen bildgewaltigen Szenen.

McCarthys Sprache verströmt jene feindliche Kälte, die den Jungen wie ein gehetztes Tier durchs Leben jagt. Nach Schlägereien ist er „glitschig von Blut“, so lernt er sich zu behaupten. Er schließt sich Kopfgeldjägern an, einer Bande marodierender Ex-Soldaten – 1849 hatte Mexiko gerade den Krieg um Texas und Kalifornien verloren.

Wie „Fabeltiere“ ziehen sie mordend durchs Land und rotten Indianer aus: Sie erschlagen Kinder und Frauen, erdolchen alte Männer, massakrieren ganze Dörfer. Sie skalpieren im Auftrag des Gouverneurs von Chihuahua. Abgerechnet wird pro Skalp: 100 Dollar.

Anführer ist „der Richter“: Ein Riese, kindhaft und ohne ein einziges Haar auf dem Körper, intelligent und brutal. Alles, was ihm in die Finger kommt wird notiert. Fundstücke werden beschrieben und in seinem Buch registriert: „Was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis.“ Sein Forscherdrang ist tödlich: „Krieg stiftet letztendlich die Einheit des Lebens.“ Der Richter als Forscher und Wissenschaftler ist zugleich Ideologe und Vollstrecker. Er ist es, der Macht und Vernichtung legitimiert: Die Moral denunziert er als „eine Erfindung des Menschen“, die dazu dient, „die Starken zugunsten der Schwachen herab zu würdigen.“

Die Abendröte im Westen ist ein Abgesang auf all die heldenhaften Siedler- und Pionierlegenden. Der Roman handelt nicht vom Glanz der Kolonialisten, sondern von Mord und Totschlag. Erzählt in Bildern von solch nackter Brutalität, dass starke Nerven für die Lektüre von Nöten sind. „Das Buch trifft den Leser wie ein Schlag ins Gesicht“ schrieb die New York Times.

Schonungslos rechnet Corman McCarthy mit dem Mythos von Freiheit und Abenteuer ab. Der so oft romantisierte und verklärte „wilde Westen“ und mit ihm die neue Welt entlarvt sich als Resultat von Völkermord und Vernichtung: „Ganze Generationen von Indianern waren von der Ostküste über den Kontinent gejagt worden.“

Zum „Mann“ geworden reitet der Junge durch die Prärie. Sie ist übersät von den Knochen ausgerotteter Büffel. Er trifft Knochensammler. Der so genannte Fortschritt der Zivilisation bedeutet gnadenlose Barbarei.

 

Der Autor Cormac McCarthy. Foto: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Den Roman Die Abendröte im Westen von Cormac McCarthy kann man direkt beim Verlag bestellen:
Taschenbuch, 448 Seite, für 12,99 €, E-Book für 10,99 €
Neuausgabe von März 2016, veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg. Deutsche Erstausgabe 1996.

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/cormac-mccarthy-die-abendroete-im-westen.html

 

Comments
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    ert_ertrus
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    Zum „Mann“ geworden reitet der Junge durch die Prärie. Sie ist übersät von den Knochen ausgerotteter Büffel. Er trifft Knochensammler.

    Büffelknochen sind ein wunderbares Material für Schachfigurendrechsler. Ein solches Schachfigurenset kostete 1955 zwischen 160-200 DM. Was nach heutiger Kaufkraft dem 8-10fachen €-Betrag entspräche (lediglich eine Nebenanwendung) …

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