Bücher neu gelesen: Frankenstein in Bagdad

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Das Cover des Romans „Frankenstein in Bagdad“. Foto: Verlag Assoziation A

Dieses Buch ist von brennender Aktualität: Ahmed Saadawis neuer Roman Frankenstein in Bagdad ist eine moderne Adaption und Politisierung des Frankenstein-Stoffes . Und der Roman ist eine intelligente und literarisch brillante Parabel über einen Gesellschaftszustand, in dem eskalierende Gewalt ständig neue Gewalt gebiert und die Grenzen zwischen schuldig und unschuldig verschwimmen. Voll schwarzem Humor, grotesk und satirisch, doch voller Liebe zu den Menschen und frei von Zynismus. Wer das alltägliche Elend der irakischen Gesellschaft seit dem »Krieg gegen den Terror« und die Hintergründe für die aktuelle Protestbewegung im Irak besser verstehen will und wer vor allem hervorragende Literatur schätzt, kann sich einen ersten Eindruck selbst verschaffen: Mit freundlicher Erlaubnis von Assoziation A, die den Roman verdienstvoller Weise in einer hervorragenden Übersetzung von Hartmut Fähndrich auf Deutsch herausgebracht hat, können die Leser*innen von HdS in drei Folgen das 10. Kapitel von Frankenstein in Bagdad lesen. Doch zuvor stellen wir Buch und Autor kurz vor.  Michael Backmund

Selbstmordattentate erschüttern die Stadt. Täglich sterben Menschen und Milizen liefern sich erbitterte Kämpfe um Macht und Einfluss. Der Bürgerkrieg im Irak eskaliert und die Hoffnung droht längst im Blut zu ersticken: Der Roman spielt in Bagdad, im Stadtteil Batawin, zwei Jahre nach der US-amerikanisch geführten Intervention im Rahmen des »Krieges gegen den Terror« und dem Sturz des irakischen Machthabers Saddam Husseins.

»Hadi al-Attag ist Trödler und Geschichtenerzähler. Er sammelt die Leichenteile von Opfern der Bombenanschläge, zu denen Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen gehören, und näht sie zu einem Kadaver zusammen«,  verraten die Herausgeber von Assoziation A in ihrer Ankündigung von Frankenstein in Bagdad schreiben weiter: »Doch als seine Gestalt zum Leben erwacht und verschwindet, schwappt eine Welle schauriger Morde über die Stadt. Berichte über einen abscheulichen Verbrecher machen die Runde und Hadi erkennt, dass er ein Monster erschaffen hat. Eine Kreatur, in der die irakische Bevölkerung auf paradoxe Weise vereint ist und Rache nimmt für die jeweiligen Opfer, aus deren Körperteilen der neue Frankenstein zusammengesetzt ist.

Der irakische Geheimdienst heftet sich an die Fersen des anonymen Mörders, ein Journalist zeichnet ein Gespräch über die Geschehnisse auf, eine Tonbandaufnahme landet in den Händen des Romanautors. Ein Vexierspiel über einen Geschichtenerzähler, der eine Geschichte erzählt, die eine Geschichte erzählt und in der Realität und Fiktion untrennbar verschmelzen.«

Im Roman kann sich nur eine alte Frau der Spirale des Terrors entziehen: Kurz vor ihrem Gang ins Exil entwirft sie die Vision einer Alternative. Mittlerweile hat die alte Frau auf den Straßen Bagdads und im gesamten Irak viele Mitstreiter*innen gewonnen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen: Seit Monaten gehen hunderttausende vorwiegend junge Menschen im Irak auf die Straße. Sie haben genug von der Korruption der Regierung und der herrschenden Eliten, von der Perspektiv- und Arbeitslosigkeit und von der Armut. Sie kämpfen auch gegen die alltägliche Gewalt und die Interessen der Besatzungsmächte USA sowie dem zunehmenden Einfluss des iranischen Regimes.

Ahmed Saadawi: Der Autor des international hochgelobten Romans „Frankenstein in Bagdad“ lebt und arbeitet in Bagdad. Foto: Safa Alwan/ Assoziation A

Ahmed Saadawi wurde 1973 in Bagdad geboren. Dort lebt und arbeitet er als Schriftsteller, Drehbuchautor und Dokumentarfilmer bis heute. Saadawi arbeitet auch einige Jahre als BBC-Korrespondent und hat bislang drei Romane veröffentlicht. Für Frankenstein in Bagdad wurde Saadawi als erster irakischer Autor mit dem renommierten International Prize for Arabic Fiction ausgezeichnet. Außerdem erhielt er Grand Prix de l’Imaginaire, Frankreich und den Shortlist Man Booker International Prize.

Die New York Times sieht in Ahmed Saadawi »Bagdads neuen Literaturstar« und schreibt: »Mutig und einfallsreich, tiefgründig, kraftvoll und außerordentlich imaginativ. Frankenstein in Bagdad fängt mit tiefschwarzem Humor die surreale Wirklichkeit des gegenwärtigen Iraks ein.« Der Roman Frankenstein in Bagdad wurde bereits  in zahlreiche Sprachen übersetzt und ist im Herbst 2019 bei Assoziation A erstmals auf Deutsch erschienen.

Ahmed Saadawi steht übrigens inzwischen auch auf einer Schwarzen Liste mit Namen von Aktivist*innen, die die seit Oktober neu entstandene Oppositionsbewegung im Irak unterstützen. Nach Angaben der vom irakischen Parlament gewählten Menschenrechtskommission sind seit Beginn der regierungskritischen Proteste vor über vier Monaten fast 550 Menschen im Irak getötet worden, darunter 533 Demonstrant*innen und  Aktivist*innen sowie 17 Sicherheitskräfte. 276 Demonstrant*innen wurden allein in der Hauptstadt Bagdad getötet, 32 weitere in Najaf.

In 22 Fällen handelt es sich der Menschenrechtskommission zufolge um Mord, die Demonstrant*innen sprechen von mehr als dreißig Personen, die gezielten Attentaten zum Opfer gefallen sind. Mehr als 2.700 Menschen sind festgenommen worden, 328 von ihnen noch immer inhaftiert. Zudem seien mindestens 72 Iraker spurlos verschwunden, ihr Schicksal ist unbekannt. Der massive Protest der Oppositionsbewegung gegen die gezielten Tötungen von Aktivist*innen hat einen ersten Erfolg zu verzeichnen: Angesichts wachsender Proteste gegen Milizionäre der „Blauen Hüte”, denen gezielte Tötungen von Demonstrant*innen vorgeworfen werden, hat der schiitische Kleriker Muqtada al-Sadr die Miliz aufgelöst.

»Ob Amerikaner oder Iraner – beide behandeln den Irak als wäre er ihr Protektorat«, sagte Ahmed Saadawi  kürzlich im britischen Guardian zur aktuellen Situation im Irak und zur Perspektive der demokratischen Opposition:
https://amp.theguardian.com/commentisfree/2020/jan/06/showdown-voices-iraqis-protesters-sunni-shia?fbclid=IwAR0O88_7u7KYXPNxXaDEkj9CgH0gYY06hBk6sq3Ll7ZbsP1Dz-5nyE1kj2I

Wir möchten Assoziation A herzlich danken für die freundliche Erlaubnis, das zehnte Kapitel des Romans Frankenstein in Bagdad in drei Teilen bei Hinter den Schlagzeilen unseren Leser*innen vorstellen zu dürfen:

„Zehntes Kapitel

Der Soundso

1.

»Hallo … Hallo … Test, Test, Test.«
»Es klappt! Es nimmt auf!«
»Ich weiß. Hallo … Hallo … Test, Test.«
»Pass auf die Batterien auf.«
»Sei still, bitte. Hallo … Hallo, ja.«

»Ich habe nicht viel Zeit. Vielleicht ist es mit mir bald zu Ende und ich schmelze dahin, während ich bei Nacht durch die Straßen und Gassen laufe, auch wenn meine Mission noch nicht erfüllt sein sollte. Ich bin ein wenig wie dieses Diktiergerät hier, das jener unbekannte Journalist meinem armen Vater, dem Trödler, gegeben hat. Die Zeit, die mir zu Verfügung steht, ist wie der Strom in der Batterie darin: nicht viel und ganz sicher nicht genügend.

Ist dieser armselige Trödler wirklich mein Vater? Nein, er ist nur ein Durchgang, eine Passage für den Willen unseres ›Vaters, der da ist im Himmel‹, wie es meine Mutter Elischwa gern ausdrückt. Wirklich eine elende Frau. Eigentlich sind alle elend, und ich bin die Lösung, die Antwort auf den Ruf der Elenden. Ich bin, wenn man so will, eine Art Retter, der Erwartete, der Ersehnte, der Erhoffte. Das unsichtbare Räderwerk, gerostet, weil zu selten gerbraucht, hat sich endlich in Bewegung gesetzt. Das Räderwerk eines Gesetzes, das nicht immer wachsam ist. Die Gebete der Opfer und ihrer Angehörigen haben sich zu einem ungeheuren Schrei vereinigt und dieses Räderwerk angestoßen. In seinen dunklen Tiefen begann es zu arbeiten und hat mich hervorgebracht. Ich bin die Antwort auf ihren Ruf nach dem Ende des Unrechts, nach Rache für all die Verbrechen.

Mit Gottes und des Himmels Hilfe werde ich Rache nehmen an allen Verbrechern. Ich werde endlich Gerechtigkeit auf Erden walten lassen. Man wird nicht länger unter Schmerzen und Leiden auf eine Gerechtigkeit warten müssen, die einmal kommen wird – im Himmel oder nach dem Tod.

Werde ich meine Mission erfüllen? Ich weiß es nicht, aber ich will versuchen, ein Beispiel zu setzen: Rache für die Unschuldigen nehmen, die keinen anderen Beistand haben als ihre bebenden Seelen, die beten, vom Tode verschont zu bleiben.

Ob mich jemand hört oder kennt, ist mir tief im Innern gleichgültig. Ich bin nicht gekommen, um bekannt oder gar berühmt zu werden. Aber um sicher zu gehen, dass meine Mission nicht missverstanden und noch mühseliger wird, sehe ich mich zu dieser Erklärung gezwungen. Man hat mich zu einem Verbrecher und einem Monster gemacht und mich gleichgesetzt mit denjenigen, an denen ich Rache nehmen will. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Tatsächlich wäre es eine moralische Pflicht, mir zu helfen, mir zur Seite zu stehen, um Gerechtigkeit auf diese Welt zu bringen, die von Machtgier, Begehrlichkeit und unersättlicher Mordlust heimgesucht wird.

Ich erwarte von niemandem, dass er ebenfalls eine Waffe in die Hand nimmt oder sich an meiner statt an den Verbrechern rächt. Aber bitte versperrt mir nicht den Weg und erstarrt nicht in Entsetzen, wenn ihr mich seht. Ich sage das zu allen guten, friedfertigen Menschen. Und ich bitte euch: Betet für mich und wünscht mir von ganzem Herzen den Sieg und die Erfüllung meiner Mission, bevor es zu spät ist und mir alles aus den Händen gleitet und ….«

»Oh, die Batterie ist leer.«
»Warum unterbrichst du mich? Was ist los?«
»Die Batterie ist am Ende, mein Herr und Meister.«
»Na gut, no problem! Geh und komm erst wieder, wenn du eine Tüte voller Batterien besorgt hast.«

2.

»Zurzeit wohne ich in den Resten eines großen Gebäudes, unweit des Assyrerviertels, in Dora, im Süden von Bagdad. Eine prekäre, unsichere Gegend, die zum Schlachtfeld dreier Seiten geworden ist. Die irakische Nationalgarde steht mit der amerikanischen Armee auf der einen und die sunnitischen und schiitischen Milizen auf der zweiten und dritten Seite. Ich könnte das Gebäude, in dem ich wohne, als Niemandsland beschreiben: Zusammen mit den Gebäuden im Umkreis von einem Kilometer unterstand es nie der vollständigen Kontrolle einer der drei Seiten; zudem ist es eine völlig unbewohnte Kriegszone, genau der richtige Ort für mich.

Es gibt sichere Passagen und Durchgänge – weite Breschen in den Wänden der zerstörten und verlassenen Häuser – durch die ich zur Erfüllung meiner nächtlichen Aufgaben hinaus- und hineinschlüpfe, immer gewärtig, eine Gruppe Bewaffneter von einer der drei erwähnten Seiten gegenüberzustehen. Wir alle bedienen uns eines komplizierten Wegenetzes, das schon bei Tage labyrinthisch ist und bei Nacht noch unübersichtlicher wird. Wir versuchen, einander aus dem Weg zu gehen, obwohl wir einander suchen.

Mir steht eine Anzahl von Helfern zur Seite, die mit mir zusammen wohnen. Sie haben sich während der vergangenen drei Monate um mich geschart. Der wichtigste unter ihnen ist ein alter Mann, den ich den ›Zauberer‹ nenne.

Er hat zwar er in der Abu-Nuwas-Gegend gewohnt, auf der anderen Flussseite, genau gegenüber von Batawin und behauptet, zum Team der Magier im Dienste des ehemaligen Präsidenten gehört zu haben. Er habe an magischen Maßnahmen mitgewirkt, um die Amerikaner aus Bagdad fernzuhalten, was diese jedoch nicht daran hinderte, die Stadt zu besetzen, da sie nicht nur über neuestes Kriegsgerät verfügten, sondern auch über eine gewaltige Armee aus Dschinnen, die imstande waren, das Dschinnenheer im Dienste dieses Magiers und seiner Mitarbeiter auszuschalten.

Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, ging er durch eine Phase tiefer Depression. Nicht nur, weil das alte Regime gestürzt worden war, sondern weil er selbst die größte Prüfung seines Lebens nicht bestanden hatte. Seine Zauberkraft war nutzlos geworden.

Nur einer der Dschinnen, die das schreckliche Massaker während der Schlacht am Flughafen überlebt hatten, hielt noch zu ihm und besuchte ihn manchmal, um ihn in seiner Einsamkeit zu trösten. Der Dschinn versicherte ihm, er habe noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Er erzählte ihm von mir und schilderte mein Auftreten.

Der Zauberer erzählte mir, man habe ihn aus seiner Wohnung geworfen, und zwar mit der Begründung, er sei in Verbrechen verwickelt, die unter dem ehemaligen Regime begangen worden waren. Außerdem folge ihm jemand auf Schritt und Tritt. Auch die Dschinnen in seinem Dienst seien nicht mehr imstande, ihm zu helfen. Jetzt verlässt er kaum mehr unseren Unterschlupf. Seine Aufgabe ist es, nach sicheren Wegen Ausschau zu halten, auf denen ich mich in und aus Dora bewegen, andere Stadtviertel aufsuchen und sicher zurückkehren kann. Er widmet sich dieser Pflicht mit aufrichtiger Hingabe, weil er fest daran glaubt, dass ich für ihn Rache an allen nehmen werde, die ihm Unrecht getan haben.

Der zweitwichtigste meiner Gefolgsleute ist der ›Sophist‹, wie er sich selber nennt. Er ist genial in der Begründung und Verbreitung neuer Ideen, die er erhellt und ihnen Leuchtkraft verleiht. Er schafft das übrigens ebenso gekonnt mit guten wie mit schlechten Ideen. Er ist ein Mann, gefährlich wie Dynamit. Ich suche oft seine Hilfe, um meine Mission richtig zu verstehen, und ich wende mich oft an ihn, wenn mich Zweifel bei irgendeiner Aktion überkommen. Er schafft es, bei allen das Vertrauen in die Mission zu fördern und den Glauben daran zu stärken. Und zwar, weil er selbst an überhaupt nichts glaubt. Als ich ihn eines Abends sternhagelvoll irgendwo auf dem Gehsteig der Saadun-Straße sitzen sah, versicherte er mir, er sei, obwohl er nichts vom Glauben hielt, bereit, an mich zu glauben, und zwar einzig aus dem Grund, dass alle anderen sich als unfähig erwiesen, an mich, ja nicht einmal an meine Existenz, zu glauben.

Der Drittwichtigste ist ›der Feind‹, der so heißt, weil er als Offizier in der Terrorbekämpfungsbrigade arbeitet. Er liefert mir ein plastisches Beispiel dafür, wie der Feind aussieht, wie er tickt, wie er sich verhält. Außerdem gelangt er durch seine heikle Stellung an viele wichtige und für meine schwierigen Exkursionen nützliche Informationen, die er mir zukommen lässt. Unter meine Fittiche hat er sich wegen seiner strengen Moralvorstellungen gestellt. Nach zwei Jahren im staatlichen Sicherheitsapparat ist er zur Überzeugung gelangt, dass die Gerechtigkeit, nach der er strebt, zerstückelt und zertreten und auf Erden niemals verwirklicht werden wird.

Jetzt ist er bei mir und leistet mir unschätzbare Dienste, die seiner Meinung nach der einzige Weg zu der Gerechtigkeit sind, nach der ihn dürstet.

Es gibt noch drei weitere, weniger wichtige Personen: der junge, der ältere und der älteste Verrückte. Der junge ist derjenige, der mich zu Beginn meiner Aufnahme immer wieder unterbrochen hat und den ich dann fortgeschickt habe, um in einem mehrere Kilometer entfernten Laden Batterien zu kaufen, was ihn über etliche gefährliche Kreuzungen führt. Dieser junge Mann ist fest davon überzeugt, dass ich ein beispielhafter Bürger bin, wie ihn der irakische Staat seit den Tagen von König Faissal I bis zur amerikanischen Besatzung nicht mehr hervorzubringen vermocht hatte.

Zusammengesetzt aus Teilen von Menschen, die zu unterschiedlichen Ethnien, Rassen, Stämmen, Geschlechtern und sozialen Gruppen gehörten, repräsentiere ich dieses unmögliche Gemisch, das niemals Wirklichkeit geworden ist. Ich sei der erste wirkliche irakische Bürger, glaubt er.

Der ältere Verrückte sieht in mir ein Instrument der Massenvernichtung, das dem Erscheinen des Erlösers vorangeht, den alle Religionen auf Erden kennen. Ich sei es, der diejenigen Menschen vernichtet, die vom rechten Pfad abgekommen und auf Irrwege geraten sind. Durch seine Mithilfe werde also die Ankunft des Erlösers beschleunigt.

Der älteste Verrückte hält mich für den Erlöser und glaubt, er werde in nächster Zeit eines Teils meiner unsterblichen Qualitäten teilhaftig, sein Name werde neben meinem in jedwedem Schriftstück festgehalten, das von dieser schwierigen Zeit spricht, die entscheidend sei für die Geschichte der Erde und dieses Landes.

Als ich den Sophisten bat, mir zu helfen, das zu begreifen, erklärte er, dieser älteste Verrückte sei, weil wirklich komplett verrückt, ein schlohweißes Blatt, bereit, die höchste und alle Grenzen der Vernunft sprengende Weisheit aufzunehmen, und ohne sich dessen bewusst zu sein, sage er nichts als die pure Wahrheit.

3.

Ein, zwei Stunden nach Sonnenuntergang gehe ich hinaus. Unter dem allgegenwärtigen Kugelhagel wandere ich allein durch endlose Straßen, wo nicht einmal mehr Katzen und Hunde streunen. Es gibt nichts als den Widerhall meiner Schritte während der kurzen Pausen der Gewehrsalven, die mit vorrückender Nacht immer heftiger werden. Ich bin mit allem ausgerüstet, was ich eventuell benötigen könnte: erstklassige Identitätskarten und Dokumente, mit denen mich der Feind versorgt hat; einem exakten Wegeplan durch die Wohnviertel, Straßen und Gassen, den mir der Zauberer angelegt hat und der mir hilft, Begegnungen mit Personen zu vermeiden, auf die ich ebenso wenig erpicht bin wie sie auf mich.

Auch meine Kleidung ist vollständig der Gegend oder dem Wohnviertel angepasst, das ich aufsuchen will. Die Kleidungsstücke besorgen die drei Verrückten. Für das Makeup, mit dem die Narben und die Stiche in meinem Gesicht verborgen werden, ist meist der ›Sophist‹ verantwortlich, der mir nach getaner Arbeit einen Spiegel reicht, damit ich das Resultat seiner Bemühungen begutachten kann, bevor ich mich unbegleitet auf den Weg mache.

Ich nähere mich dem Abschluss meiner Mission. Es gibt einen Mann, der zu al-Qaida gehört und in einem Haus in Abu Ghraib am Rande der Hauptstadt wohnt. Außerdem einen venezolanischen Offizier, der als Söldner in einer Sicherheitsfirma in Bagdad arbeitet. Wenn ich an diesen beiden einmal die Rache vollstreckt habe werde, wird alles vorbei sein. Doch noch haben die Dinge nicht den Verlauf genommen, den ich mir vorgestellt habe.

Eines Nachts kehrte ich nach Hause zurück, den Körper von Kugeln durchlöchert. Es hatte einen hitzigen Kampf und eine gefährliche Verfolgungsjagd gegeben, und ich hätte die Gurgel dieses Kriminellen fast nicht zu fassen gekriegt, der viele bewaffnete Gruppen mit Dynamit und anderen Explosivstoffen versorgte, unabhängig von ihren religiösen oder politischen Ausrichtungen. Er war ein Todeshändler par excellence und wohnte mit einigen Mitgliedern seiner Gang in einem Haus unweit des Shorja-Marktes mitten in Bagdad.

Die drei Verrückten bargen eine Unzahl Kugeln aus meinem Körper. Auch der Zauberer und der Sophist beteiligten sich am Versuch, die zerrissenen Teile wieder zusammenzunähen. Nur ein Stück an der Schulter ließ sich nicht mehr flicken. Es war völlig schlaff, wie das Fleisch eines bereits Tage alten Leichnams.

Als ich am nächsten Tag aufstand, lagen zahlreiche Teile meines Körpers auf dem Boden, und ein starker Verwesungsgeruch hing in der Luft. Keiner meiner Gefolgsleute war zu sehen. Sie waren alle aufs Dach des Gebäudes gestiegen, um dem Gestank zu entfliehen.

Ich wickelte mich in einen großen Umhang und machte mich auf die Suche nach ihnen. An verschiedenen Stellen meines lädierten Körpers sickerten Flüssigkeiten in das Tuch. Oben auf dem Dach blieb ich ein paar Schritte entfernt von ihnen stehen und fragte:
›Was ist passiert? Ist das das Ende?‹
Der Zauberer schaute mich besorgt an. Die anderen blickten rauchend durch die Schlitze in der Balustrade auf das Geschehen auf der Straße.

›Sobald du jemanden tötest, ist diese Rechnung beglichen‹, erklärte der Zauberer. ›Das heißt, wer  Rache wünschte, dessen Wunsch ist erfüllt, und der Teil deines Körpers, der von ihm stammt, kann verschwinden. Offenbar gibt es aber ein Zeitlimit. Wenn du die Rache für alle Opfer vor dessen Ende vollziehst, wird dein Körper zusammenhalten und sich erst nach Abschluss der Aufgabe auflösen. Wenn du aber zu langsam arbeitest, bleibt dir für deine letzte Aufgabe nur das Stück vom Körper des letzten, der nach Rache verlangt.‹

›Das ist doch Quatsch‹, protestierte der Sophist. Er warf seine Zigarette auf den Boden und fuhr dann fort: ›Er stirbt nicht und er löst sich niemals auf. Das ist alles Gelaber. Du willst uns mit deinen Lügenmärchen nur Angst einjagen. Der Erlöser stirbt nicht.‹

Er wandte sich an den ältesten Verrückten, der sich für das Thema mehr interessierte als die anderen, besprach sich mit ihm und reckte dann die Faust in die Luft. ›Richtig, der Erlöser stirbt nicht!‹, rief er.

Die beiden stritten weiter, die anderen beobachteten, was sich unten abspielte. Offenbar näherten sich zwei Gruppen einander und drohten handgemein zu werden, und das am helllichten Tag. Auf dem Dach zu bleiben und durch die Schlitze der Balustrade zu schauen, war riskant. Man konnte von einem Querschläger getötet werden. Aber die Neugier drängte sie, sich das Schauspiel anzusehen.“

Der zweite Teil des 10. Kapitels des Romans Frankenstein in Bagdad erscheint am nächsten Freitag, 21. Februar 2020, der dritte Teil am Freitag, 28. Februar 2020. Wer nicht mehr solange warten will, kann es auch direkt beim Verlag bestellen: 

Infos & Rezensionen zum Buch

Frankenstein in Bagdad
von Ahmed Saadawi
aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Roman
Verlag Assoziation A
Hardcover, 2019
296 Seiten, 22,00 €

bestellbar direkt beim Verlag
http://www.assoziation-a.de/buch/Frankenstein_in_Bagdad

Die Proteste gegen Korruption, Armut und Repression im Irak dauern seit Monaten an. Foto: anfdeutsch.com

„Frankenstein in Bagdad“ von Ahmed Saadawi wurde mittlerweile  auf Platz 4 der Krimibestenliste im Februar gewählt. Tobias Gohlis, Sprecher der Krimibestenlist, ist von der Qualität und Vielschichtigkeit des preisgekrönten Buches überzeugt:  „Die abgedroschene Floskel, Frankenstein in Bagdad sei ‚mehr als ein Krimi‘, trifft diesmal zu: Die Geschichte vom Monster ‚Soundso‘, das vom Trödler und bekannten (Lügen-) Erzähler Hadi aus den versprengten Köperteilen von namenlosen Anschlagsopfern zusammengebastelt und von den Seelen der Vergeltung Fordernden belebt wurde, ist eine Parabel auf die soziale, politische, religiöse und menschliche Situation des Irak nach dem Krieg von 2003, ein Essay über die Entstehung und die Vergeblichkeit von Rachegelüsten und Vergeltungswünschen, eine Karikatur der politischen und medialen Hanswursterei und auch ein Kriminalroman. Vor allem aber ist es eine große Satire, vergleichbar den ‚Satanischen Versen‘ eines Salman Rushdie und ein Appell zu Versöhnung über den Massengräbern und den Ideologien.“

Und Thekla Dannenberg, Mitglied der Jury der Krimibestenliste im Perlentaucher, lobt auch den Verlag für Übersetzung und Herausgabe: „Die Assoziation A ist eine verlässliche Adresse für antikapitalistische Literatur aller Gattungen. Mit Ahmed Saadawis ‚Frankenstein in Bagdad‘ legt sie einen fantastischen Roman vor, einen Schauerroman, der mit Witz und Fantasie erzählt, wie der Irak seine unmenschliche Gestalt bekam. Ein großer Wurf.“ Ihre Buchbesprechung kann man hier lesen:
https://www.perlentaucher.de/mord-und-ratschlag/buchkritiken-zu-dem-voodoo-thriller-der-engel-des-patriarchen-von-kettly-mars-und-dem-schauerroman-frankenstein-in-bagdad-von-ahmed-saadawis.html

Und Gunter Blank, Mitglied der Jury der Krimibestenliste im Rolling Stone, schreibt: „Frankenstein in Bagdad (ist) mehr als eine mit allen Wassern der Postmoderne gewaschene Allegorie auf die Selbstzerstörung eines „Failed State“, denn am Ende ist Saadawi weniger Zyniker als Humanist, auch wenn er sein Prinzip Hoffnung in bitterböser Ironie in die Gestalt einer alten und verwirrten assyrischen Christin einpflanzt, die im Soundso ihren im ersten Golfkrieg verschollenen und nun nach zwanzig Jahren heimkehrenden Sohn erkennt.“

Weitere Buchrezensionen:
www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste
und
www.faz.net/krimibestenliste

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