Bücher neu gelesen: Frankenstein in Bagdad – Teil 3

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Das Cover des Romans „Frankenstein in Bagdad“. Foto: Verlag Assoziation A

Wer hervorragende Literatur liebt, das alltägliche Elend der irakischen Gesellschaft seit dem »Krieg gegen den Terror« besser verstehen will und sich für die Hintergründe der aktuellen Protestbewegung im Irak interessiert, sollte unbedingt dieses Buch von brennender Aktualität lesen: Ahmed Saadawis neuer Roman Frankenstein in Bagdad ist eine moderne Adaption und Politisierung des Frankenstein-Stoffes . Heute veröffentlichen wir den 3. Teil des 10 Kapitels. (Teil 1 mit Einführung zum Roman, Autor und Hintergrund: https://hinter-den-schlagzeilen.de/buecher-neu-gelesen-frankenstein-in-bagdad und Teil 2 unter https://hinter-den-schlagzeilen.de/buecher-neu-gelesen-frankenstein-in-bagdad-teil-2). Der Roman ist eine intelligente und literarisch brillante Parabel über einen Gesellschaftszustand, in dem eskalierende Gewalt ständig neue Gewalt gebiert und die Grenzen zwischen schuldig und unschuldig verschwimmen. Voll schwarzem Humor, grotesk und satirisch, doch voller Liebe zu den Menschen und frei von Zynismus. Mit freundlicher Erlaubnis von Assoziation A, die den Roman verdienstvoller Weise in einer hervorragenden Übersetzung von Hartmut Fähndrich auf Deutsch herausgebracht hat, können die Leser*innen von HdS ab heute die dritte Folge des  10. Kapitels von Frankenstein in Bagdad lesen. Michael Backmund

(…) »Ich weiß, dass die Dinge nicht so laufen, wie ich es gern hätte. Deshalb bitte ich hiermit alle, die diese Aufzeichnungen hören, mir zu helfen und meine Mission nicht zu behindern, bis ich sie vollendet habe, um danach so rasch wie möglich diese Welt zu verlassen. Ich weile hier schon zu lange. Ich weiß auch, dass ich auf Erden schon viele Vorgänger hatte, die dann und wann erschienen sind, ihre Missionen in Zeiten schwerer Heimsuchungen erfüllt haben und danach wieder verschwanden. Ich möchte nicht anders sein als sie.

Ich habe Vorsicht walten lassen gegenüber dem Fleisch, dessen ich mich zur Reparatur meines Körpers bedient habe, und ich habe immer darauf geachtet, dass meine Gefolgsleute mir kein illegitimes Fleisch, also solches von Kriminellen, zutrugen. Aber wer kann schon das verbrecherische Potenzial eines Menschen bestimmen? Das fragte sich der Zauberer einmal.

›Jeder von uns hat ein gewisses Maß an krimineller Energie, und jeder besitzt ein gewisses Maß an Unschuld‹, sagte er, eine Wasserpfeife rauchend, die er sich selbst gerichtet hatte. ›Vielleicht ist jemand, der fälschlich und grundlos getötet wird, heute unschuldig, war aber vielleicht vor zehn Jahren ein Verbrecher, als er seine Frau auf die Straße oder seine betagte Mutter in ein Altersheim geworfen hat, oder als er einer Familie mit einem kranken Kind den Strom oder das Wasser abgestellt und so den Tod des Kleinen verursacht hat, und ähnliches mehr.‹

Diese Feststellung des Zauberers wurde vom Sophisten wie üblich negativ aufgenommen. Später am Tag, als ich aufs Dach hinaufging, um mich zu vergewissern, ob sich die Amerikaner wirklich, wie behauptet, aus der Gegend zurückgezogen hatten, bemerkte ich, dass der Sophist mir folgte. Er trat vor mich und begann mit ernstem Gesicht:

›Bitte glaube nicht, was der Zauberer behauptet. Er spricht nur für sich selbst. Er hat vor zehn Jahren einen Menschen getötet, seine Frau und seine Mutter aus dem Haus geworfen und ein Baby getötet. Er selbst ist der Verbrecher, von dem er redet. Hüte dich, ihm zu glauben.‹

Ich versuchte, seinen Blick zu meiden. Ich nahm das Fernrohr, das mir der Feind bei seinem letzten Besuch hinterlassen hatte und betrachtete die fernen Enden der Straße, wo amerikanische Abrams-Panzer zuvor Position bezogen hatten. Sie waren verschwunden. Ebenso die kleinen Häuschen, die Beobachtungsposten auf den hohen Gebäuden und die Kontrollstellen an den Seitenstraßen. Sie hätten sich vollständig zurückgezogen, erzählte man. Das war seltsam.

Ich wandte mich an den Sophist. ›Lass dich dadurch nicht beunruhigen. Vergiss den Zauberer. Nehme ich nicht deinen Rat an? Habe ich etwa nicht auf deine Bitte hin bei meiner letzten Aktion den Revolver mitgenommen?‹
›Doch.‹
›Also sei still und vergiss dieses Thema.‹

Ahmed Saadawi: Der Autor des international hochgelobten Romans „Frankenstein in Bagdad“ lebt und arbeitet in Bagdad. Foto: Safa Alwan/ Assoziation A

Ich beobachtete wieder die Straße, aber in Gedanken war ich woanders. Aus irgendeinem Grund argwöhnte ich, bei meiner letzten Instandsetzung seien vielleicht doch Teile von Verbrechern verwendet worden, Stücke aus dem Körper eines Terroristen. Ich hatte einfach schlechte Laune, fühlte mich unwohl und war angespannt. Ich beobachtete weiterhin die Straßen, die Gassen und die Hausdächer, bis alles vor meinem Blick verschwamm. Ein heller, milchiger Film legte sich über meine Netzhaut und trübte die Sicht. Ich ließ das Fernglas sinken, rieb mir die Augen und bat den Sophisten mich nach unten zu führen.

Nach einer Stunde schärfte sich mein Blick wieder. Trotzdem befürchtete ich, meine Augen könnten schadhaft geworden sein und müssten ersetzt werden. Aber nun traute ich den Ersatzteilen, die meine Gefolgsleute herbeischafften, nicht mehr. Unten lagen jede Menge Leichen herum und jeden Abend kamen mehr hinzu. Es waren Verbrecher, die sich gegenseitig umgebracht hatten.

Als sich die Gelegenheit ergab, mit dem Zauberer unter vier Augen zu reden, vertraute er mir an, dass inzwischen die Hälfte meines Körpers aus Fleisch von Verbrechern bestünde.

›Wie ist das möglich?‹, fragte ich, während er sich eine neue Wasserpfeife richtete und kräftig daran zog, um die Glut zu beleben.
›War denn der Körper dieses Heiligen wirklich so heilig?‹, fragte er spöttisch.
›Was soll das heißen?‹
›Da er Waffen trug, war er ein Verbrecher.‹

Er begann ruhig und entspannt zu rauchen. Ich bemerkte, dass der Sophist an der Tür stand und unsere Unterhaltung belauschte. Ich war dabei, mich für eine weitere nächtliche Aktion vorzubereiten und wollte unter keinen Umständen eine Wiederholung der fruchtlosen Debatte zwischen den beiden. Deshalb stand ich auf und bat den Sophisten, mir bei der Vorbereitung zu helfen. Ziel der Aktion sollte ein Milizführer sein, der in einem ärmlichen Viertel im Osten der Hauptstadt wohnte. Der Sophist besorgte einige Kleidungsstücke, die den Uniformen dieser Miliz glichen. Dann ließ er mich wie einen Schauspieler, der sich für seinen Auftritt bereit macht, vor einer Frisiertoilette auf einem Stuhl Platz nehmen und begann, mir eine für den Anlass angemessene Maske aufzulegen. Aber er hatte nicht vergessen, was der Zauberer mir gesagt hatte, und während er mit seinen Händen über mein Gesicht fuhr, formulierte er seinen Widerspruch.

›Er hat dich überzeugt, dass du nun zur Hälfte Verbrecher bist, weil die Hälfte deiner Bestandteile von Verbrechern stammt. Morgen wird er behaupten, es seien drei Viertel, und schließlich wirst du erwachen und feststellen müssen, dass du in toto ein Verbrecher geworden bist. Aber du bist eben kein normaler Verbrecher. Du wirst ein Superverbrecher sein, weil du aus Verbrechern bestehst, aus einem ganzen Packen von Verbrechern. Nicht wahr!?‹

Er redete und redete, bis ich den Raum verließ und ihn, ohne etwas zu erwidern, im eigenen Saft schmoren ließ. Bedauerlicherweise waren wir nun Feinde geworden.

Kurz zuvor hatten höchst bedeutsame Veränderungen außerhalb des Gebäudes begonnen. Offenbar sollte ein Teil der Voraussagen des Zauberers wahr werden. Die Zahl der Gefolgsleute der drei Verrückten hatte stark zugenommen, sodass die Wohnungen im Haus sie nicht mehr zu fassen vermochten. Außerdem verlangte eine so große Schar von Menschen weitere logistische Dienste: Essen, Trinken, Schlafen. Wie sie für all das sorgten, ist mir nicht klar.

Nach einigen lautstarken Streitereien zwischen den drei Verrückten und ihren Gefolgsleuten entschlossen sie sich, auf umliegende Häuser auszuweichen. Sie ließen einige Wachen im Erdgeschoss des Gebäudes zurück, in dem ich wohnte, und verteilten sich auf die Häuser in der Nachbarschaft. Am Abend erschreckte mich eine Anzahl bewaffneter junger Männer, die sich auf der Straße vor mir nieder warfen. Sie alle waren überzeugt, ich sei das Antlitz Gottes auf Erden, wie es ihnen der älteste Verrückte eingetrichtert hatte, der jetzt einen orangefarbenen Turban trug, seinen Bart wachsen ließ und Prophet einer im Wesen und Aussehen neuen Religion geworden war. Bei dem älteren Verrückten und seinen Gefolgsleuten spielte sich Ähnliches ab, nur waren sie bleicher und weniger lärmig. Die beiden Gruppen beschuldigten sich gegenseitig, Schwindler und Fälscher zu sein. Die Zahl der ›irakischen Bürger‹, die sich dem jungen Verrückten angeschlossen hatten, überstieg längst die 150, und sie erwogen schon, sich an den kommenden Wahlen zu beteiligen.

Ich brachte den Milizführer und fünfzehn weitere Männer um, die ihn schützen wollten. Auf Anraten des Sophisten benutzte ich den Revolver zu Erledigung der Aufgabe. Der ›mysteriöse Tod‹, den ich zu Beginn praktizierte, war nicht mehr sinnvoll. Ich ließ den kräftigen Körper des Milizführers auf dem Hof seines Hauses liegen. Seine Mutter, seine Frau und seine Schwestern umstanden ihn, alle schwarz gewandet, und schlugen sich vor Schmerz und Entsetzen auf die Brust und ins Gesicht.

Für die Rückkehr nach Dora benutzte ich eines seiner Autos. Als ich mich meiner Unterkunft näherte, hörte ich Geschosslärm. Nachdem die Amerikaner und die irakische Armee abgezogen waren, machten sich wohl die Milizen gegenseitig das Terrain streitig. Ich ließ das Auto irgendwo stehen und schlich mich durch Mauerbreschen, der Route folgend, die der Zauberer empfohlen hatte.

Währenddessen war der Nebelschleier auf meinen Augen zurückgekehrt. Ich sah praktisch nichts mehr. An eine Wand gelehnt, blieb ich einige Minuten stehen und rieb mir die Augen. Mein rechtes Auge schien zu Teig geworden. Ich zog vorsichtig daran, und es folgte dem Druck meiner Hand. Es fiel wie ein dunkler Klumpen heraus und ich warf es weg, zögerte dann aber, dasselbe auch mit dem linken zu tun und danach völlig blind zu sein. Ich setzte mich und hörte auf das Gewehrfeuer. Es schien aus allen Richtungen zu kommen, und ich fürchtete schon, ungewollt zwischen die Fronten zu geraten. Nach einigen schwierigen Minuten kehrte die Sehkraft in mein linkes Auge zurück. Ich schaute durch ein großes Loch, das eine Granate in die Mauer gerissen hatte. Die Straße war gespenstisch leer. Plötzlich kam in einiger Entfernung etwas Schwarzes auf mich zu, das allmählich Konturen annahm: ein Mann. Als Licht auf sein Gesicht fiel, sah ich ihn deutlicher: Er war um die sechzig, fett mit einer Wampe; er trug ein kurzärmeliges Hemd und eine Leinenhose und hielt in jeder Hand eine schwarze Tüte. Später sollte ich erfahren, dass in einer davon Brot war, in der anderen Früchte. Sein Auftauchen hier war merkwürdig. Hatte er sich verlaufen? Wo kam er her? Wo wollte er hin?

Ich beobachtete ihn weiter. Er bog in eine Seitengasse und ging direkt auf das Haus zu, in dem ich wohnte. Die Schießerei dort schien heftiger zu sein. Hatten die Milizen die Kaserne umzingelt, die die drei Verrückten eingerichtet hatten?

Ich folgte dem Mann, immer drauf bedacht, genügend Abstand zu wahren, um ihn nicht auf mich aufmerksam zu machen. Dabei rief ich mir ins Gedächtnis zurück, was der Zauberer behauptet hatte: dass jeder Mensch auch ein Verbrecher ist, sowie den Einspruch des Sophisten dagegen. Gleichzeitig vergaß ich keinen Augenblick, dass ich dabei war, mein Augenlicht zu verlieren, vielleicht noch bevor ich unser Gebäude erreichte.

Der fette Mann hielt alle zwei bis drei Schritte inne und schaute sich ängstlich um. Er sah aus, als könnte er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ich wäre gern zu ihm getreten und hätte ihn gefragt, welcher Dämon ihn hierher geführt habe. Doch alle erdenklichen Befürchtungen brachten mich völlig durcheinander. Ein weiteres Mal blieb er stehen und lauschte beunruhigt dem Pfeifen der Geschosse, die die oberen Stockwerke der Gebäude in der Nähe trafen. Nur zwanzig Meter entfernt blieb ich auch stehen. Hätte er sich ganz umgedreht, hätte er mich sehen müssen. Mein linkes Auge begann erneut, sich mit einem Dunstschleier zu überziehen, und ich hatte das Gefühl, das sei das Ende. Es werde mir wie Teig über das Gesicht laufen. Ich hob meinen Revolver und zielte auf den alten Mann, der, kein Zweifel, völlig unschuldig war. Nicht wie die Leute, die die drei Verrückten heranschleppten, um meinen Körper zu reparieren.

Ich schoss ein einziges Mal, während um mich herum alles verschwamm. Danach hörte ich nichts mehr. Die Schießerei zwischen den rivalisierenden Gruppen hatte aufgehört. Kein Schritt war zu hören, kein Stöhnen, kein Atmen. Völlig erblindet ging ich vorsichtig ein paar Schritte, bis ich mit dem Schuh an etwas stieß. Ich beugte mich vor und berührte den noch warmen Körper des alten Mannes. Die Kugel war ihm direkt in den Schädel gedrungen. Er hatte erwartet, seine Tod käme von den Gebäuden über sich oder vom Ende der Straße vor sich. Doch der Tod traf ihn von hinten.

Ich zog ein kleines Messer heraus und erledigte rasch meine Arbeit. Was würde der Zauberer jetzt sagen? Neue Augen von einem unschuldigen Opfer! Diesmal würde sich der Anteil der Verbrechermaterie an mir nicht erhöhen. Das hier war unschuldiges Fleisch. Aber was sollte ich ihm sagen? An wem sollte ich mich für dieses Opfer rächen?

Der Sophist würde feststellen, dass ich nun den Plan des Zauberers erfüllt hätte: Ich war selbst zum Verbrecher geworden. ›Mit Unterstützung der Dschinnen, die er Einfluss auf dein Denken nehmen ließ, hat der Zauberer dich dazu gedrängt‹, wird er behaupten, während der Zauberer in aller Ruhe erwidern wird, das sei das Resultat der Neigungen des verbrecherischen Fleisches, mit dem mein Körper repariert worden sei. Um diesen Tendenzen zu entkommen, müsste ich mich von all diesem anrüchigen Fleisch trennen. Die beiden würden sich streiten, wie es die Gedanken jetzt in meinem Kopf taten, und zu einem Ergebnis käme man nicht.

Es gelang mir, die beiden neuen Augen einzusetzen, und ich schaute mich um. Als ich den Körper des unschuldigen alten Mannes am Boden liegen sah, kam mir eine Idee, an der ich mich festklammerte. Es war die Wahrheit, nach der ich suchte: Dieser Mann war das Opferlamm, das der Herr mir zugeführt hatte. Es war ›der Unschuldige, der heute Nacht sterben wird‹. Das war es also! Einige Minuten, höchstens eine halbe Stunde später wäre er sowieso tot gewesen, unvermeidlich getroffen von den Kugeln der kämpfenden Gruppen, wäre er hier umgekommen. Sein Körper wäre vielleicht sogar als Leiche eines der toten Verbrecher angesehen worden, und die drei Verrückten und ihre Gefolgsleute hätten ihn gar nicht gefunden.

Ich hatte seinen Tod also lediglich beschleunigt. Er war todgeweiht, und alle die Unschuldigen, die denselben trostlosen Weg gingen wie er, würden auch sterben.

Meine neuen Augen mussten festgenäht werden. Das würden meine Anhänger tun, sobald ich im Haus war. Aber bis ich dort ankam, durfte ich nicht nach unten schauen. Also nahm ich die Brille, die ich in der Hemdtasche des Alten fand und setzte sie auf – eine Art Barriere, um die Augen am Heraushüpfen zu hindern.

Ich betrat die Gasse, die zu dem Wall führte, den die Gefolgsleute der drei Verrückten um die von ihnen als Kasernen benutzten Gebäude aus Sandsäcken aufgeschichtet hatten. In meinem Kopf drängten sich widerstreitende Vorstellungen, aber ich hielt an meiner Idee der Beschleunigung des Todes fest. Ich war kein Mörder, ich hatte nur die Todesfrucht vom Baum genommen, bevor sie von selbst herabfiel.

Der Gefechtslärm hatte sich vollständig gelegt, doch erwies sich meine Vermutung als falsch. Es waren nicht die Milizen, die sich nach Abzug der Amerikaner und der irakischen Armee ein Gefecht geliefert hatten. Es waren die Gefolgsleute der drei Verrückten, die sich bekämpften. Das war nun wirklich das Letzte, das ich erwartet hatte. Gleichzeitig war es aber die Erfüllung der Vorhersage des Zauberers: Zwist werde entstehen mit dem Erscheinen des ersten Fremden unter meinen sechs Gefolgsleuten.

Um das Bild zu vervollständigen: Ich hatte keine Gelegenheit mehr, mit dem Zauberer über die Erfüllung seiner Vorhersage zu sprechen. Ich sollte sie nie mehr haben. Er lag auf einem Steinhaufen, vor dem Gebäude, das meine Herberge war. Mitten in der Stirn hatte er ein Loch, das von einer Kugel herrührte.

Ich ging in meine Wohnung im dritten Stock. Niemand war da. Das Chaos aus herumliegenden Möbeln ließ vermuten, dass ein Kampf stattgefunden hatte. Als ich vom Balkon hinabschaute, sah ich den toten Zauberer direkt darunter, und da lag es nahe zu vermuten, dass er erst getötet und dann hinuntergeworfen worden war. Und meine Intuition sagte mir, dass der Sophist seine Hand im Spiel hatte. Aber wo war er jetzt?

Am folgenden Morgen ging ich den Ort in Augenschein zu nehmen. Eigentlich gab es nichts anderes zu sehen als Leichen. Sie lagen überall herum: auf der Straße, auf dem Gehweg, manche sitzend an die Wand gelehnt, andere über Balkongeländer hängend oder ineinander verschlungen an Wohnungs- oder Zimmertüren. Schließlich traf ich wenigstens den jungen Verrückten, der offenbar vollkommen den Verstand verloren hatte. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung im dritten Stock und fragte ihn aus. Wer dem Riesengemetzel entkommen war, so erfuhr ich, hatte sich – vielleicht endgültig – aus dem Staub gemacht. Der älter und der älteste Verrückte seien tot, ermordet. Den Zauberer hätte der Sophist getötet und dann das Weite gesucht.

Der Junge war bleich und sprach langsam, als könnte er jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren. Aber als ich ihn mit den Augen des unschuldigen alten Mannes ansah, erschien er mir wie ein vollendeter Verbrecher. Er hatte die Todesparty überlebt, weil er der mörderischste und verbrecherischste war.«

»Die Batterie ist fast leer, Herr und Gebieter.«
»Ja, ich weiß.«
»Es ist die letzte, die wir hatten. Alle Batterien aus der Tasche sind jetzt aufgebraucht.«
»Ich weiß. Ich brauche jetzt auch keine mehr. Meine Aufzeichnungen sind abgeschlossen.«
»Abgeschlossen? Und was werdet Ihr jetzt tun?«
»Nur eines. Das!«
»Nein, Herr! Tut es nicht, Meister! Ich bin Euer Diener und Knecht. Warum wollt Ihr das tun? Tut es nicht. Ich bin Euer Diener. Euer Diiiiiie … ner.«
»Hallo, hallo …. Hallo, hallo …. Ja.«

»Oh Gott, mir läuft die Zeit davon. Es hat schon lange genug gedauert. Wegen euch hab ich so viel Zeit vergeudet. Verflixt nochmal!« (…)

Ende des 10. Kapitel des Romans Frankenstein in Bagdad
Wer mehr über Bagdad lesen will, kann das Buch auch direkt beim Verlag bestellen: 

Infos & Rezensionen zum Buch

Frankenstein in Bagdad
von Ahmed Saadawi
aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Roman
Verlag Assoziation A
Hardcover, 2019
296 Seiten, 22,00 €

bestellbar direkt beim Verlag unter
http://www.assoziation-a.de/buch/Frankenstein_in_Bagdad

Die Proteste gegen Korruption, Armut und Repression im Irak dauern seit Monaten an. Foto: anfdeutsch.com

Frankenstein in Bagdad von Ahmed Saadawi wurde mittlerweile  auf Platz 4 der Krimibestenliste im Februar gewählt. Tobias Gohlis, Sprecher der Krimibestenlist, ist von der Qualität und Vielschichtigkeit des preisgekrönten Buches überzeugt:  „Die abgedroschene Floskel, Frankenstein in Bagdad sei ‚mehr als ein Krimi‘, trifft diesmal zu: Die Geschichte vom Monster ‚Soundso‘, das vom Trödler und bekannten (Lügen-) Erzähler Hadi aus den versprengten Köperteilen von namenlosen Anschlagsopfern zusammengebastelt und von den Seelen der Vergeltung Fordernden belebt wurde, ist eine Parabel auf die soziale, politische, religiöse und menschliche Situation des Irak nach dem Krieg von 2003, ein Essay über die Entstehung und die Vergeblichkeit von Rachegelüsten und Vergeltungswünschen, eine Karikatur der politischen und medialen Hanswursterei und auch ein Kriminalroman. Vor allem aber ist es eine große Satire, vergleichbar den ‚Satanischen Versen‘ eines Salman Rushdie und ein Appell zu Versöhnung über den Massengräbern und den Ideologien.“

Und Thekla Dannenberg, Mitglied der Jury der Krimibestenliste im Perlentaucher, lobt auch den Verlag für Übersetzung und Herausgabe: „Die Assoziation A ist eine verlässliche Adresse für antikapitalistische Literatur aller Gattungen. Mit Ahmed Saadawis ‚Frankenstein in Bagdad‘ legt sie einen fantastischen Roman vor, einen Schauerroman, der mit Witz und Fantasie erzählt, wie der Irak seine unmenschliche Gestalt bekam. Ein großer Wurf.“ Ihre Buchbesprechung kann man hier lesen:
https://www.perlentaucher.de/mord-und-ratschlag/buchkritiken-zu-dem-voodoo-thriller-der-engel-des-patriarchen-von-kettly-mars-und-dem-schauerroman-frankenstein-in-bagdad-von-ahmed-saadawis.html

Und Gunter Blank, Mitglied der Jury der Krimibestenliste im Rolling Stone, schreibt: „Frankenstein in Bagdad (ist) mehr als eine mit allen Wassern der Postmoderne gewaschene Allegorie auf die Selbstzerstörung eines „Failed State“, denn am Ende ist Saadawi weniger Zyniker als Humanist, auch wenn er sein Prinzip Hoffnung in bitterböser Ironie in die Gestalt einer alten und verwirrten assyrischen Christin einpflanzt, die im Soundso ihren im ersten Golfkrieg verschollenen und nun nach zwanzig Jahren heimkehrenden Sohn erkennt.“

Weitere Buchrezensionen:
www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste
und
www.faz.net/krimibestenliste

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