Bücher neu gelesen: Gelöbnix! Zur Funktion von Militärritualen

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Aufruf zum Protest gegen Kriegspropaganda in München: https://www.facebook.com/events/2192408210859520/

Auch Konstantin Wecker ruft zum Protest gegen die aktuellen Propagandaveranstaltungen der Bundeswehr: „Bereits bei ihrer Antrittsrede hatte die neue Kriegsministerin Kramp-Karrenbauer mehr öffentliche Gelöbnisse in Deutschland gefordert. Die Gelöbnisse sollen dazu dienen, in der Bevölkerung Verständnis für die Kriegseinsätze der Bundeswehr zu erzeugen. Ich möchte aber genau das Gegenteil erreichen. Alles, was den Militarismus wieder in den Vordergrund rückt und salonfähig macht, ist mir suspekt, denn , wie Kurt Tucholsky so treffend formuliert hat: ,Jubel über militärische Schauspiele ist eine Reklame für den nächsten Krieg.‘ Die Rekruten geloben ,das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen‘. Das ist schon lange nichts anderes, als reine Propaganda. Die aktuellen Kriege werden alle aus wirtschaftlichen Interessen und um die militärische Sicherung von Ressourcen geführt. In dieser Zeit müssen wir alle unsere Stimme erheben, gegen den Wahn, Kriege zu führen, Menschen zu töten und ganze Regionen zu verwüsten“, kritisiert Konstantin Wecker (siehe auch: https://hinter-den-schlagzeilen.de/aufruf-zum-protest-mir-ist-alles-militaerische-suspekt.) In diesen Zeiten, in denen die Regierung zu völkerrechtswidrigen Angriffskriegen ihres Nato-Partners Türkei schweigt und zeitgleich Propaganda für neue Kriegseinsätze und eine massive Erhöhung des eigenen Kriegsbudgets betreibt,braucht es eine neue Antikriegsbewegung. Denn die globalen ökologischen Zerstörungen des Kapitalismus werden zu noch mehr Kriegen führen. Deshalb beschäftigt sich HdS heute ausführlich mit der Geschichte, Bedeutung und Funktion von Militärritualen und bedankt sich bei der Informationsstelle Militarisierung (IMI) Tübingen für die redaktionelle Unterstützung: Wir veröffentlichen zunächst einen aktuellen Beitrag von Markus Euskirchen aus der Oktoberausgabe des IMI-Magazin AUSDRUCK  mit dem Titel Bundesweite Gelöbnisse im November: Warum Armeen Rituale inszenieren und im Anschluss eine Buchbesprechung von Andrea Anton über Euskirchens Buch Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments.

Die neue Bundesverteidigungsministerin kündigte anlässlich ihres Amtsantrittes im Juli 2019 für November dieses Jahres bundesweit Zapfenstreiche an. In Berlin „wünscht“ sie sich für den „Geburtstag“ der Bundeswehr einen Zapfenstreich vor dem Reichstag. „Wir werden die Sichtbarkeit der Bundeswehr in unserer Gesellschaft erhöhen.“ Koste es, was es wolle, schwingt dabei unausgesprochen mit. Es geht ausdrücklich um Sichtbarmachung, Visualisierung. Was soll sichtbar gemacht werden? Die Bundeswehr, der mit Kriegswaffen ausgestattete und von Nazi-Netzwerken durchzogene Staatsapparat, in dem sich die staatliche Macht in ihrer tödlichsten Konsequenz materialisiert. Der Zapfenstreich soll uns bundesweit und unübersehbar in der Öffentlichkeit präsentiert werden: ein Machtvisualisierungsritual, eine öffentliche Drohung.

Zapfenstreich?

Der Zapfenstreich stammt ab vom Signalspiel der Flöter und Trommler in den Truppenlagern des europäischen dreißig-jährigen Krieges im 17. Jahrhundert, mit dem am Abend der Bierausschank beendet wurde (der „Zapfen“ am Fass wurde symbolisch „gestrichen“). Heute besteht er aus einer festgelegten Folge von Musikstücken: stramme Marschmusik zum Ein- und Ausmarsch, getragenes, feierliches Liedgut („Ich bete an die Macht der Liebe“), die unvermeidliche Nationalhymne. Das kollektive Zwangsabsingen derselben. Die Inszenierung in der Abenddämmerung besteht aus Fackelmarsch, Antreten des Wachbataillons, „Präsentiert das Gewehr“ und „Helm ab zum Gebet“.

Das Ritual des Zapfenstreichs ist den Sinngehalten militaristischer und christlicher Traditionen verhaftet. Es lassen sich zwar unterschiedliche –  manchmal sich auch direkt widersprechende – politische Inhalte oder Ideologien über den Rahmen des Rituals transportieren (Zapfenstreich als zentrales militärrituelles Ereignis der Bundeswehr und einst auch der NVA, der Nationalen Volksarmee der DDR), im Zentrum steht aber immer –unabhängig von der politischen Botschaft – die emotionale Öffnung der Einzelnen für den militärischen Gehalt im engeren Sinne, die Verkündung der absoluten Wahrheit des „gerechten Krieges“. Das Ritual untermauert durch seine religiösen Anspielungen Argumentationen des „gerechten Krieges“ 1 mit einem Glaubensfundament: Kein Zweifel darf den Gerechtigkeitsanspruch der politischen Botschaft in Frage stellen. Die Herstellung dieser Zweifelsfreiheit benötigt den Rückgriff auf Mechanismen der Religiosität. Für den Zapfenstreich wird immer die Bedeutung seiner musikalischen Teile hervorgehoben und auf eine besondere Perfektion der musikalischen Darbietung Wert gelegt. Die Musik (Serenade) dient aber nur scheinbar dem Lob Gottes.

„Tatsächliche Aufgabe hingegen ist die Erbauung der Feiernden, die Schaffung festlicher, feierlicher Stimmungen und damit das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, die den „wahren“ Glauben vertritt.“2

Der in einem derartigen Ritual gestiftete Glaube (an den „gerechten Krieg“) beinhaltet dann mindestens die Lizenz, wenn nicht sogar den Auftrag zum Töten der erklärten Feinde, seien es die imperialistischen Klassenfeinde, die geopolitischen Rivalen („böser Russe“, vielleicht demnächst wieder: „gelbe Gefahr“) oder die Gegner im Kampf gegen den Terror, Piraterie etc.. Das Militärritual insgesamt visualisiert diesen Auftrag und die Bereitschaft zu seiner Befolgung. Wenn im Gelöbnis die Rekruten aufs Töten und Sterben auf Befehl vorbereitet werden, dann zielen die Feierlichkeit und die religiös aufgeladene Liturgie des Zapfenstreichs auf die Verankerung dieser Militärlogik in der gesamten Gesellschaft.3 Insofern ist es nur konsequent, wenn eine neue Verteidigungsministerin, die ihr Amt mit einem Anspruch auf das Gesamtgesellschaftliche angeht, auch symbol-politisch auf Angriff setzt und zur Zapfenstreichoffensive bläst.

Traditionslinie preußisch-deutscher Militarismus

Kämpferischer Protest gegen militaristische Propagandaveranstaltungen. Foto: https://www.imi-online.de/

Der Zapfenstreich ist das zentrale Ritual der preußisch-deutschen Militärgeschichte. 1726 in seinen Ursprüngen erstmals schriftlich dokumentiert, wurde er 1813 vom Preußenkönig in seiner bis heute gültigen Grundstruktur festgelegt. In diese bald 300 Jahre alten Militärtradition stellt sich die BRD und ihre Armee also mit dem Zapfenstreich: Zivilbevölkerung terrorisierende Landsknechthorden, Preußischer Kadavergehorsam, bismarcksche Großmachtpolitik, wilhelminischer Kolonialwahn, blinder Hurra-Patriotismus des Ersten Weltkrieges, die paramilitärische Verfolgung republikanischer und revolutionärer Bewegungen nach 1919, der militärische Gehorsam, der den faschistischen Vernichtungsfeldzug erst ermöglichte, die Wiederaufrüstung in den Kalten Krieg hinein, die Vorbereitung des Atomkriegs, die Remilitarisierung deutscher Außenpolitik nach 1990 und schließlich die Militarisierung der Europäischen Union unter deutscher Führung – spätestens mit dem Brexit. Diese Traditionslinie bedeutete in der Vergangenheit Millionen Kriegstote und führte zu den Angriffskriegen, die die Bundeswehr in ihrer jüngsten Vergangenheit und gegenwärtig vorbereitet und führt. Auch heute werden wieder Kriegsverbrecher mit Beförderung belohnt: Die Bombardierung unbewaffneter Zivilisten in Kundus/Afghanistan jährt sich 2019 zum zehnten Mal. Der Oberst, der den Luftangriff anforderte und gegen die Bedenken der US-Piloten durchsetzte, wurde in der Folge zum General befördert.

Einlullende Militärrituale

Die Parolen für solche Geburtstags-Zapfenstreiche ähneln sich. 2005 hieß es: „50 Jahre Bundeswehr – 50 Jahre Parlamentsarmee“. Klingt gut, vor allem, wenn man schon wieder vergessen hat (oder nie hat zur Kenntnis nehmen wollen), dass der Bundestag sich am 3. Dezember 2004 durch den Beschluss des „Parlamentsbeteiligungsgesetzes“4 die eigenen Einfluss-möglichkeiten weitgehend beschnitten hat.5 Das Gesetz trat am 24. März 2005 in Kraft und regelte die Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten des Bundestages gegenüber der Exekutive (Regierung, Minister) neu.

Zentral ist das sog. Vereinfachte Zustimmungsverfahren aus § 4: Ist ein Einsatz von geringer Intensität und Tragweite, sind nur wenige Soldaten beteiligt und handelt es sich nicht um einen Krieg, dann setzt die Regierung das Parlament einfach nur von ihrem Vorhaben in Kenntnis und dieses gilt als genehmigt, wenn nicht binnen einer Woche eine Fraktion oder fünf Prozent der Abgeordneten eine Plenarberatung fordern. Dieses Verfahren wird auch bei der Verlängerung bereits einmal gebilligter Auslandseinsätze angewandt. Ottfried Nassauer hebt auf die erleichterte Kriegsvorbereitung durch das neue Gesetz ab –
dadurch,
„dass künftig nur der „konkrete militärische Einsatz“ der Parlamentszustimmung bedarf, nicht aber Auslandseinsätze, die nur der Vorbereitung oder Planung solcher Einsätze dienen. (…) Zu jenen Auslandsverwendungen deutscher Soldaten, die keiner Zustimmung des Bundestages bedürfen, soll deren Einsatz in ständigen multinationalen Stäben der NATO, der EU oder anderer Organisationen kollektiver Sicherheit gehören. In der Begründung des Gesetzentwurfs heißt es, zustimmungspflichtig sollen lediglich Verwendungen in extra für einen Einsatz zusammengestellten Stäben sein. Auch dies soll Regierung und Verwaltung unliebsame, öffentliche Debatten ersparen. Sowohl die NATO als auch die EU werden künftig im Wesentlichen ihre im Aufbau befindlichen ständigen mobilen Hauptquartiere einsetzen.“6

Zweite dramatische Neuerung des Gesetzes war die „Gefahr im Verzug“-Regelung aus § 5: Wenn die Exekutive „Gefahr im Verzug“ erkennt, dann darf sie direkt losschlagen und muss das Parlament nur noch im Nachhinein abstimmen lassen. Dabei geht es um Einsätze, die „keinen Aufschub dulden oder Einsätze zur Rettung von Menschen aus Gefahrenlagen, bei denen eine öffentliche Befassung des Bundestages das Leben der betroffenen Menschen gefährden könnte“. Die Formulierungen sind so unbestimmt, dass sich z.B. Einsätze von Spezialkommandos wie des KSK darunter fassen lassen.

Es handelt sich also im Ganzen um ein Parlamentsentmündigungsgesetz, das ganz schön hilfreich ist bei der neo-imperialen Transformation und Militarisierung der BRD-Außenpolitik (2005 ging es um den Einfluss auf die Rohstoffgebiete im Südsudan). Bei der Kriegsvorbereitung in den Stäben und durch Militärberater in den sog. Krisengebieten muss das Parlament nicht mehr (in)formiert werden, mit öffentlichen Debatten muss man sich kaum noch aufhalten.

Und wenn Militäreinsatz, Kampf, Krieg (vielleicht sogar) erst mal richtig losgehen, dann liegt das Kind bereits im Brunnen bzw. lässt sich die Karte der nationalen Verantwortung umso verpflichtender spielen. Mittlerweile kommt es vor, dass sogar Kampftruppen ganz ohne Wissen und Zustimmung des Parlaments unterwegs sind, wie im Mai 2019 bekannt wurde: Deutsche Spezialeinheiten waren in Niger und Kamerun im Einsatz – ohne Zustimmung des Bundestages. Selbst die niedrige Schwelle des Gesetzes von 2005 wird also noch unter-laufen und damit politisch sturmreif geschossen: Warum noch ein Gesetz, wenn es eh nicht mehr eingehalten wird… Bis es wieder soweit ist, dass die deutsche Generalität tun kann, was sie für richtig hält, statt sich von Demokraten gängeln zu lassen, lässt man es sich bei Militärkonzert und Fackelschein wohlig sein ums Herz.

Europas neue Militärrituale

Oft und gerne werden Gelöbnisse und Zapfenstreiche zu Ehren eines Gastes aus der EU-Nachbarschaft oder aus einem gemeinsamen geschichtspolitischen Anlass ausgeführt. Auch bei entsprechenden Militärritualen im benachbarten EU-Ausland können wir eine europäische Komponente beobachten: So vermitteln etwa paradenförmige Truppenaufmärsche wie z.B. anlässlich des französischen Nationalfeiertags auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris einerseits die nationale und staatliche militärpolitische Position: Wir sind bewaffnet, unsere Waffenträger gehorchen auf unsere Befehle und marschieren in Reih und Glied und wir haben Verbündete, die mit uns gemein-sam marschieren. Andererseits wird die Demonstration eines solchen Gewaltpotentials als richtig und unvermeidlich empfunden; der damit verbundene Verweis auf die Gewaltförmigkeit des dahinter stehenden Projekts wird nicht hinterfragt, er ist erst mal undurchschaubar: Beim Nationalfeiertag in Paris marschieren auch deutsche Soldaten mit der deutsch-französischen Brigade, dem Eurocorps; bereits 1994 paradierten deutsche Kampfpanzer erstmals wieder auf den Champs-Élysées.

Europäische Eingebundenheit soll die Zügelung nationaler Militärmächte symbolisieren und ein auch militärisch vereinigtes und nach außen handlungsfähiges und -williges Europa darstellen. Die gemeinsamen europäischen Militärrituale verweisen somit zwar auf einen inner-europäischen Burgfrieden, zugleich aber auch auf die vieltausendfach tödliche Sicherheit der „Festung Europa“ in ihrem Inneren und an ihren Grenzen und auf den eigenständig globale Interessenpolitik betreibenden Euro-Imperialismus, der strukturelle Gewaltverhältnisse im Weltmaßstab reproduziert und wenn nötig auch mit direkter Gewalt operiert. Ganz im Sinne von Johan Galtungs Konzept von „Kultureller Gewalt“ wird mittels der symbolisch aufgeladenen Militärrituale die Realität so undurchsichtig gemacht, „dass wir eine gewalttätige Handlung oder Tatsache überhaupt nicht wahrnehmen oder sie zumindest nicht als solche erken-nen.“7

In den Militärritualen verweist die moderne Souveränität – ob national oder im Übergang zur europäischen – mitnichten ausschließlich auf sich selbst. Sie verweist ebenso auf die autoritär-herrschaftlichen Momente, die das Fundament jeder staatlichen Ordnung bilden – auch der Ordnung der formalen Demokratie. Moderne Staaten begegnen einander, indem sie sich ihre protokollarisch domestizierten Gewaltapparate vorführen. Daher haben die sich selbst als zivil-demokratisch verstehenden Nationalstaaten auf der Ebene des diplomatisch-protokollarischen Kontakts auch gar kein Kompatibilitätsproblem mit autoritären, diktatorischen, faschistischen Staatsgebilden. In den inszenierten Machtvisualisierungen wiederum werden bestimmte Verfahren und Institutionen durch ihre umfassende ästhetische Aufbereitung überhöht.

„Die Akzeptanz, die im demokratischen Machtgebrauch auf der Ebene der Entscheidungsfindung qua Visibilität hergestellt worden ist, muss im autoritär-herrschaftlichen Machtgebrauch auf der Ebene der Ordnungsstiftung durch die Visualisierung der Repressionsmittel hergestellt werden.“8

Eine Militärparade auf dem Roten Platz oder der Avenue des Champs-Élysées ist nicht etwas jeweils ganz anderes. Ganz im Gegenteil: Sie bilden das Gemeinsame der vermeintlichen Gegensätze ab auf der Ebene der Visualisierung instrumenteller Staatsmacht. Denn nur diejenige staatliche Herrschaft, die die symbolisch-expressive Dimension ihrer Macht unter Kontrolle, d.h. Visibilität in Visualisierung überführt hat, ist auf Dauer stabil.9

Widerstand ist möglich

Tätliche Ritualkritik kann auf der Ebene der Auseinander-setzung um die Machtvisualisierung mit militärischen Mitteln selbst ansetzen: Kommunikationsguerilla – verstanden als das Sammelsurium der Techniken zur Entbergung von Macht und zur Bloßstellung von Herrschaft10 – greift die auf die Wirkung ihrer Feierlichkeit hin angelegten Veranstaltungen direkt an. Gezielte und kontrollierte Provokationen zwingen die vermeintlich souveräne Staatsmacht, ihre „Visibilitätsreserve“ (Münkler) aufzubrauchen:

„Der Machthaber, der alle Macht zu zeigen gezwungen worden ist, ist nur noch Gewaltanwender. Seine Visibilitätsreserve ist aufgebraucht; er ist bloßgestellt, und Bloßstellung ist in diesem Fall gleichbedeutend mit Machtverlust.“11

Zum Schutz des „feierlichen“ Rituals muss der Staat den gänzlich unfeierlichen Teil seines Repressionsapparats aufbieten. Prävention und Verfolgung provokativer Militärritualkritik bringt die Gesamtheit staatlicher Repressionsgewalt mit all ihren ineinandergreifenden Formen zum Vorschein.

Störung und Provokation entkleidet den Truppenkörper in den Militärritualen seiner martialischen Ästhetik: Die Staatsmacht ist gezwungen, bei diesem Anlass, der der eigenen feierlichen Machtvisualisierung dienen soll, sich weit über das geplante symbolische Maß hinaus als Unterdrückungsmechanismus zu zeigen: In der Notwendigkeit, „Sicherheit und Ordnung“ rund um das Militärritual um jeden Preis und mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten, zeigt der Staat seine gesamten Repressionsmaterialien (gepanzerte Riot-Cops, Wasserwerfer, Räumpanzer) und Repressionsmethoden (Absperrung und Überwachung öffentlichen Raums, Einschränkung diverser Bürgerrechte von Ritualkritikern, Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung rein symbolischer Interventionen), wenn er sie nicht sogar gefällig einsetzt gegen den dissidenten, friedenspolitisch aktiven Teil der eigenen Bevölkerung. Mit dem Versuch, der demokratischen Herrschaft ihr militärrituell konstruiertes Kleid vom Körper zu reißen, ist diese keinesfalls völlig bloßzustellen. Aber immerhin zeigt sie ihr hässliches, repressives Korsett.

Der Beitrag von Markus Euskirchen ist in der aktuellen Ausgabe des AUSDRUCK-Magazins der Informationsstelle Militarisierung e.V. in Tübingen erschienen.
https://www.imi-online.de/
https://www.imi-online.de/download/Ausdruck-98-2019-Web.pdf
http://www.imi-online.de/publikationen/ausdruck/ausdruck-inhaltsverzeichnisse/#Oktober2019

Für den AUSDRUCK schreiben neben IMI-Autoren Aktive aus der Friedensbewegung und aus dem Umfeld der wissenschaftlichen Forschung. Der AUSDRUCK präsentiert damit nicht nur die aktuellen Analysen von IMI selbst, sondern will auch ganz bewusst andere relevante Beiträge aufgreifen und einem breiten Kreis zugänglich machen. Der AUSDRUCK erscheint alle zwei Monate in einem Umfang von 28-40 Seiten (A4).

Anmerkungen
1 Vgl. zum Konzept des „gerechten Krieges“ einen der prominenteren Fürsprecher: Walzer, Michael (1982): Gibt es den gerechten Krieg?, Stuttgart: Klett-Cotta, und kritisch: Steinweg, Reiner (Hg.) (1980): Der gerechte Krieg: Christentum, Islam, Marxis-mus. Friedensanalysen Bd. 12, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
2 Brenner, Helmut (1992): Musik als Waffe? Theorie und Praxis der politischen Musikverwendung, dargestellt am Beispiel der Steiermark 1938-1945, Graz: Weishaupt: S. 313
3 Vgl. Euskirchen, Markus (2005): Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments, Köln: Papyrossa; Steuten, Ulrich (1999): Der große Zapfenstreich: Eine soziologische Analyse eines umstrittenen Rituals. Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, 1999, 2.
4 Den Gesetzestext und affirmative Abhandlungen dazu bietet, http://www.deutsches-wehrrecht.de/WR-Parlamentsbeteiligungs-gesetz.html.
5 Eine kritische verfassungsrechtliche Bewertung von Martin Kutscha, VDJ (http://www.vdj.de/Bundesseiten/2003-11-29_buwe-entsenden.html).
6 Eine ausführliche Darstellung des Gesetzes mit kritischer Kommentierung kommt von Ottfried Nassauer, BITS (http://www.bits.de/public/ndrinfo/sunds120604.htm).
7 Galtung, J. (1998): Frieden mit friedlichen Mitteln: Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur, Opladen: Leske+Budrich (343)
8 Münkler, H. (1995): Die Visibilität der Macht und die Strate-gien der Machtvisualisierung; in: Göhler, G. (Hg.): Macht der Öffentlichkeit – Öffentlichkeit der Macht, Baden-Baden: Nomos, 213-230 (215)
9 Vgl. Münkler 1995: 226.
10 Vgl. autonome a.f.r.i.k.a gruppe, Blissett, L., Brünzels, S. (1998): Handbuch der Kommunikationsguerilla, Hamburg: Libertäre Assoziation
11 Münkler 1995: 227.

 

Cover des Buches „Militärrituale – Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments“ von Markus Euskirchen

Militärrituale
Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments

Wer sich intensiver mit der Funktion von Militärritualen und von Gelöbnissen und Zapfenstreichen der deutschen Bundeswehr auseinandersetzen will, sollte das Buch Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments von Markus Euskirchen(2005) lesen. Im Anschluss veröffentlicht HdS eine Buchbesprechung von Andrea Anton, die ebenfalls im Magazin der Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen erschienen ist:

Markus Euskirchen, freier Journalist, online-Redakteur und Filmemacher beschäftigte sich schon lange mit dem Militär in der Gesellschaft und promovierte zum selben Thema an der FU Berlin. Sein nun erschienenes Buch „Militärrituale“ sollte zu einem Standardwerk der Militärkritik werden. In ihm geht Markus Euskirchen grundlegend der Frage nach, welche Funktionen Militärrituale unter spezifischen, historischen Bedingungen haben, weil offensichtliche Konjunkturen in Erscheinungsintensität und
-form feststellbar sind. Dabei bezieht er sich hauptsächlich auf deutsche Militärtechniken gerade wegen der besonderen Entwicklung der deutschen Armee und ihrer Geschichte. Durch umfangreiche Recherchen ist es Markus Euskirchen gelungen, grundlegende Kritik üben zu können und dabei auch auf Details einzugehen. Deren Notwendigkeit ergibt sich für ihn aus der aktuellen Remilitarisierung der Gesellschaft. Mit der vollständigen staatlichen Souveränität in den 90er Jahren entstand auch in Deutschland wieder die Bereitschaft, mit militärischen Mitteln die nationalen Interessen durchzusetzen. Unter dem Stichwort „internationale Veranwortung“ werden Entscheidungszwänge produziert, die die Militarisierung der Gesellschaft vorantreiben, wie Markus Euskirchen treffend beschreibt.

Am 6. Mai 1980 kam es in Bremen zu einer Großdemonstration gegen eine Rekrutenvereidigung, an der ca. 15.000 Menschen teilnahmen. Die anschließende „Schlacht ums Weserstadion“ gilt bis heute als die wohl größte Auseinandersetzung um ein öffentliches Auftreten der Bundeswehr.Quelle: Youtube

Gleich in den ersten Absätzen wird sowohl die Wirkung der Rituale nach außen wie auch nach innen angesprochen, sowie die Verankerung von Militär in der Gesellschaft. Begonnen mit der Beschreibung von Ritualtheorien und Militärritualen, setzt ein geschichtlicher Rückblick ein. Die Bezeichnung öffentlicher Miltärauftritte als Staats- oder Militärzeremoniell verweist auf die Tradition der Ceremoniell-Wissenschaft, die Markus Euskirchen als verschleiernd beschreibt, wodurch dem Ritual also immer schon etwas metaphysisch-irrationales anhaftet. Das Ritual vermag einen inneren Zusammenhang (die Nation) herzustellen, mittels emotional ergreifender, quasi-religiöser Veranstaltungen. Die Wirkung nach außen ist stark an die Funktion des Militärs geknüpft, die Herrschaftssicherung. Wo es staatliche Herrschaft gibt, gibt es Militärrituale, welche die Macht dieser Herrschaft demonstrieren und zelebrieren. Im zweiten Kapitel, Militär, Staat und Nation, wird das Militär in einen Zusammenhang zum herrschen-den Kapitalismus gestellt, der historische Entstehungszusammenhang erläutert und der funktional-systematische Komplex rekonstruiert.

Die verschiedenen Gewaltebenen von Macht durch Militär sind Gegenstand des nächsten Kapitels, dort wird der Begriff der kulturellen Gewalt eingeführt, auf den sich Markus Euskirchen im Verlauf noch oft bezieht. Durch Überregulierung des kasernierten Alltags, Überlastung und Drill wird nicht nur eine Disziplin erzeugt, welche die Soldaten selbst in Todesnähe „funktionsbereit“ hält, sondern auch eine Komplizenschaft hergestellt, welche die Truppe zu immer größeren Leistungen animiert. Diesen Disziplinierungstechniken müssen sich auch die Frauen in der Bundeswehr unterwerfen. Die strukturelle Gewalt innerhalb des Militärs reproduziert durch die Ausübungstechniken Geschlechterkonstruktionen und leistet ihnen Vorschub, denn die Kollektivprozesse sind auf Männlichkeit ausgerichtet und können keine Gleichheit erzeugen, stellt Markus Euskirchen ausführlich und plausibel dar.

Im vierten Kapitel werden am Beispiel der Bundeswehr verschiedene Typen von Ritualen und ihre Funktionen beschrieben. Vom Wachbataillon zu Initiationsritualen, von Imponierritualen über Ehren- und Trauerrituale, Erinnerungs- und Gedenkritualen und dem großen Zapfenstreich sind ausführliche Informationen angegeben. Dabei beleuchtet Markus Euskirchen kritisch die Rolle der Kirche innerhalb der Bundeswehr auf Grundlage eines Interviews mit dem Militärseelsorger Bittner. Die rituelle Überhöhung bringt zum Aus-druck, dass es sich sehr wohl lohnt, für die (militärische) Gemeinschaft zu sterben, weil nur in ihr der Einzelne über seinen Tod aufgehoben bleibt. Der Rekrut meint, sein Interesse wäre im Allgemeinwohl gut aufgehoben. Im Wehrdienst wird der individuelle Körper zum Truppenkörper, die Grundausbildung wird mit dem Gelöbnis abgeschlossen, bei dem sich Techniken und Praxen der soldatischen Unterwerfung verdichten und der Zugriff auf den zivilen Körper durchgeführt wird. Euskirchen gelingt es, Militär und dessen direkte Gewalt in den Kontext des Kapitalismus, eines Systems struktureller Gewalt (Verwertungszwang), zu stellen. Ohne die Thematisierung von Kapitalismus und dem Verwertungszwang drohe die Kritik zu einer Modernisierung von Herrschaft angewendet zu werden. Nur die radikale Kritik thematisiert das erstrebenswerte Allgemeinwohl als das Inter-esse der Nation, die Untertanen für die kapitalistische Ökonomie verwertbar und (im Kriegsfall für das Militär) verfügbar zu machen.

Im abschließenden Kapitel „Zur Kritik an Militärritualen“ kritisiert Markus Euskirchen die Delegation von Gewalt-funktionen an Institutionen staatlicher Gewaltmonopole seitens der Bürger und bietet verschiedene Alternativen als zivil-gesellschaftliche Aktionen an: das Ein-bringen von Gesetzesvorschlägen, die Geld für zivile Friedensdienste schaffen sollen, die totale bzw. einfache Kriegsdienstverweigerung als Militärkritik. Er schlägt vor, öffentlichkeitswirksame Aktionen rund um juristische Prozesse durchzuführen, die oft KriegsgegnerInnen angehängt werden. Ein Bruch mit den gemeinschaftstiftenden Traditionen, ob sakral oder metaphysisch, sei notwendig, weil es im Falle der Soldaten und ihres Führers um die fundamentalen Probleme von Töten und Getötet werden – also Leben und Tod – geht.

Die Befehlsverweigerung, organisierte Verteidigung und Solidarität gegen die verwertungsorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftskonzepte mit Streiks, Blockaden, Sabotage und anderen Mitteln des „gewaltfreien Kampfes“ sind für Markus Euskirchen Mittel, Kritik am Militarismus zu üben. Mit Beispielen zeigt er die Erfolge der Praxis auf. Die gezielten und kontrollierten Provokationen von Machtvisualisierungen wie dem Gelöbnix finden von ihm schon in den vorherigen Kapiteln Beachtung und werden hier nochmals als schon erprobtes Konzept vorgestellt. „Mit dem Versuch, der demokratische Herrschaft ihr militärrituel konstruiertes Gewand vom Körper zu reißen, ist diese keinesfalls völlig bloßzustellen. Aber immerhin zeigt sie ihr hässliches, repressives Korsett.“ Mit diesem treffenden Satz endet auch das im Frühjahr 2005 erschienene sehr lesenswerte Buch.

http://www.imi-online.de/download/Ausdruck_Juni2005.pdf

Weiterführende Literatur zu Militärritualen und Zapfenstreich:
Euskirchen, Markus (2005): Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments, Köln: Papyrossa.
https://www.euse.de/wp/militarrituale/
Steuten, Ulrich (1999): Der große Zapfenstreich: Eine soziologische Analyse eines umstrittenen Rituals. Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung, 1999, 2

 

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Da frage ich mich schon, was Nachwuchssoldaten denken und fühlen, wenn sie feierlich! vorverheitzt werden, möglicherweise kriegen die sich nicht mehr ein vor Stolz und finden den lächerlichen Zirkus total supi, geil oder sonstwas. Tusch.
    Mama, Papa gucken zu und platzen ebenfalls vor gerührtem Stolz, graue Ausgehuniform, Pickel im Gesicht, der Junge gibt was her, Händeklatsch mit Marschmusik. Auf Fahnenstange wetzen Raben ihre Schnäbel, Verwesungsgeruch liegt im der Luft. Tusch.

    Irgendwann vergießt man Tränen, versenkt tapfere Reste in ein Heldengrab, huldigt einer Fotografie an der Wand, der Junge gab was her, und, und… Tusch.

    Feldpost: Mama, hol mich ab, ich bin im Krieg!

  • Avatar
    ert_ertrus
    Antworten

    Da frage ich mich schon, was Nachwuchssoldaten denken und fühlen, wenn sie feierlich! vorverheitzt werden, möglicherweise kriegen die sich nicht mehr ein vor Stolz und finden den lächerlichen Zirkus total supi, geil oder sonstwas. Tusch.

    Nee, man fühlt sich beschissen (doppeldeutig!) – als lebender Zinnsoldat aufgereiht.

    Hatte das Missvergnügen, 1977, beim ersten öffentlichen Rekrutengelöbnis der BW seit ihrer Gründung, in Hamburg. Die Formalausbildung wurde der Waffenausbildung für dieses Event deutlich vorgezogen – um prima Männchen zu machen, wurden wir gelinde gesagt miserabel an der Waffe ausgebildet (eher auf Gewehrpräsentation gedrillt als auf Waffengebrauch …) Na ja, es kam ja Gott sei dank nicht zum V-Fall – den hätten wir bei unserem Ausbildungsstand keine Viertelstunde überlebt 😉

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