Bücher neu gelesen: „Im Grauen waren wir nicht allein“

 in Buchtipp, FEATURED, Politik (Ausland)

„Freiheit will ich noch erleben“: Das Cover des „Krakauer Tagebuch“ von Halina Nelken, das 1996 im Bleicher Verlag, erschienen ist.

„Freiheit will ich noch erleben“ heißt das Krakauer Tagebuch von Halina Nelken. Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfällt, ist sie 15 Jahre alt. Vor ihr lagen „2077 Tage und Nächte, die man irgendwie durchstehen musste“ bis zur Befreiung vom deutschen Faschismus. Im täglichen Ringen um das Leben wurde die Tochter polnischer Juden zur Chronistin der systematischen Ausgrenzung, Deportation und Vernichtung. Ihr Tagebuch ist ein „unverfälschtes, menschliches Dokument“, wie Gideon Hausner, Ankläger im Eichmann-Prozess, in seinem Vorwort zur deutschen Veröffentlichung des Krakauer Tagebuchs geschrieben hat. In Zeiten, in denen wieder eine „Menschenmenge ohne Menschenrechte“, wie Halina Nelken in einem Gedicht über eine Selektion im Ghetto schrieb, mit kaltem Blick in den Tod geschickt wird, ist das Krakauer Tagebuch ein wichtiges Dokument. Umso dringlicher wäre es, dass dieses Zeitdokument, das derzeit nur antiquarisch zu erhalten ist, neu verlegt bzw. in digitalisierter Form verfügbar gemacht wird. Michael Backmund

8. Dezember 1939: „Die Deutschen haben eine furchtbare Anordnung erlassen. Ab heute müssen alle Juden eine weiße Binde mit einem blauen Davidstern am rechten Arm tragen.“ Ihrem Tagebuch vertraute Halina Nelken, geboren am 20. September 1923 in Krakau, alles an: Sehnsüchte und Verbitterung über die systematische Entrechtung, den Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben, die Demütigung durch stumpfsinnige Zwangsarbeit, die Verweigerung von Bildung und Musik.

„Der Hunger, der Geldmangel, der Frost, die unergiebige Arbeit, feindliche Menschen ringsum“ notiert sie am 5. Februar 1941.  „Was ist das? Wie hübsch!“, rufen die kleinen Kinder, die in den elenden Höfen spielen. Woher sollen sie wissen, wie Kornblumen aussehen, die Halina Nelken nach einem Arbeitseinsatz ins Ghetto bringt? So werden die Aufzeichnungen aus dem Krakauer Ghetto zu einem Dokument, das seinen Leser*innen keine Ruhe lässt. Es ist die literarische Form des Tagebuchs, der persönliche unmittelbare Blick, die permanente Präsenz der Autorin, die keine Distanz zu den Mechanismen der Verfolgung zulassen. Umso mehr, als viele tausende Tagebücher von „Schriftstellern, Untergrundkämpfern und gesellschaftlichen Aktivisten“, wie Hausner mit tiefem Bedauern weiter schreibt, größtenteils bei Deportationen, Razzien, Ghetto-Aufständen oder Bränden abhanden gekommen und  „unwiederbringlich verloren sind.“

Nelken erzählt von einem Ort, wo „Todesstrafe droht für das Überbringen von Briefen und Lebensmitteln“. Und immer wieder Razzien: „Als hätten die Deutschen einen Grund gebraucht, um uns zu ermorden.“

„Von zu Hause ins Ghetto war ein Lastwagen mit Möbeln gefahren von der Traugutta 13 zur Janowa Wola hatte ein Fuhrwerk gereicht; von Plaszow ein Koffer; jetzt blieb uns nur ein Brotbeutel, darin ein Kamm, eine Zahnbürste, ein Satz Leibwäsche, Brot, ein Kochgeschirr, ein Messerchen und ein Löffel.“ Gedanken auf dem Weg nach Auschwitz am 21. Oktober 1944. „Zitternd blätterte ich die Karten durch – da war er: Edmund Emanuel Nelken. Dort, wo „über die Massen von Auschwitz Buch geführt wurde“, erfuhr die Tochter vom Tod ihres Vaters.

„Am Busen, unter dem Arm oder im Schuh“ hat Halina Nelkens „kleines Notizbuch“ versteckt die Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und die Außenlager in Malchow und Leipzig überdauert. Darin ihre Träume und Klagen, als Gedichte in winziger Schrift notiert: In den Konzentrationslagern sei es nicht möglich gewesen, „ein Tagebuch zu führen“. Geschenkt hatte ihr das kleine, in rotes Leder gebundene Notizbuch Erwin Olszówka, der ebenfalls überlebte und mit anderen das Lagermuseum gründete, um den Ort des Leidens und der Vernichtung der europäischen Juden für die Nachwelt zu bewahren.

Halina Nelken, 1940. Foto: Bleicher Verlag

Bereits ein Jahr vor dem Einmarsch der deutschen Truppen und der Errichtung des Krakauer Ghettos hatte Halina Nelken damit begonnen, Tagebuch zu schreiben und es auch im Ghetto Krakau fortgeführt. Von der Fülle ihrer Aufzeichnungen hat jedoch nur ein Teil die Verfolgung und den Krieg überdauert: „Erhalten blieben nur einige Seiten aus der Vorkriegszeit, ein dickes Heft bis zum März 1942 und vier unvollendete Kladden, die meine polnische Freundin Hanna Letowska an sich genommen und zusammen mit einigen Büchern und Fotografien vor der Vernichtung bewahrt hatte“, berichtet Nelken in ihren Erinnerungen, die sie erst Jahrzehnte später in Cambridge (Massachusetts) verfasst hatte und die sie als intellektuelle Reflexionen einer mittlerweile erfahrenen Wissenschaftlerin mit ihren Tagebuch-Aufzeichnungen aus der Jugendzeit  kombiniert hat. Nach der Befreiung studierte Halina Nelken übrigens zunächst in ihrer Heimatstadt Krakau Kunstgeschichte und Philosophie, arbeitete dort bis 1959, um dann über Wien in die USA auszuwandern.

Auf die erste Seite ihres „kleinen Notizbuch“ hat Halina Nelken ein Motto und Zeugnis des „stolzen Erbes der polnischen romantischen Dichtung“ geschrieben:
„Und wenn die Gewalt der menschlichen Bosheit dich quält,
dann erhebe den Geist so hoch,
wohin die Bosheit nicht mehr reicht.“

Bereits in ihrem Tagebuch über das Krakauer Ghetto hatte sie von den „Selektionen“, „Transporten“ und Misshandlungen berichtet und davon, dass sie die Solidarität und den Überlebenswillen der verfolgten Menschen nicht brechen konnten. Am 29. Dezember 1941 notiert Halina Nelken in ihr Tagebuch:
„(…) Die Deutschen fahren mit Autos durchs Ghetto und rufen durchs Megaphon aus, dass sämtliche Pelze, warme Stiefel, Überschuhe, Handschuhe und Mützen, selbst Kindersachen, unverzüglich abzuliefern sind, und zwar bis vier Uhr am Nachmittag. Juden ist der Besitz eines Stückchen Pelz nicht gestattet – bei Todesstrafe. (…)“ Und die 16-jährige Halina berichtet unaufgeregt weiter: „Obwohl es eigentlich eine Tragödie ist, mitten im Winter die einzigen warmen Sachen abzugeben, herrschte auf der Straße eine Stimmung makabrer Fröhlichkeit. Grezes Krakauer sang mir ein ad hoc verfasstes Lied zu der Melodie von „Hulaj bracie fajno“ (ein populäres Tanzlied) vor:

„Ich hatte einen schönen Pelz
Kammgarn, darunter Iltis
Komisch, dass ich morgen schon
Blank gehen muss!
Heute gingen scharenweise
Juden Pelze abzuliefern,
Auch ich gab die meinen ab –
Und damit meine Flöhe
Brachten hin der Juden Töchter
Nutria und Persianer, alle gaben
Silberfüchse, schöne Nerze
Nur dass der Soldat nicht friert!
Doch es wird die Stunde kommen,
Da ich diesem Hurensohn
Sein Fell abziehe, und dann
Werde ich zwei Pelze haben!“

Halina Nelken

Vom ersten bis achten Juni 1942 beobachtet und dokumentiert Halina Nelken akribisch und detailreich eine Welle von Selektionen und Deportationen in die Vernichtungslager, sie benutzt dafür den zynischen Begriff der deutschen Wehrmacht: „Die Bilanz der Aussiedlung betrug, wie es heißt, 12.000 Gebliebene, 6000 Ausgesiedelte, 130 Getötete. In dem verödeten Ghetto, das man in ein Arbeiterviertel verwandelt hat, ist es stiller geworden.“ Im Herbst 1942 nach einer weiteren Selektion schreibt Nelken, nachdem die Deutschen das Ghetto verlassen hatten: „Die achtlos hingeworfenen Leichen vereinigten sich bin einer Letzten Umarmung. Das aus diesem Leichenberg geflossene Blut bildete dunkle Flecken auf dem Pflaster.
In dieser albtraumhaften Nacht beschrieb ich die Aussiedlung im Oktober in einem Gedicht:

Aussiedlung im Oktober
Bei ihrem Anblick krümmte ich mich
Wie ein geprügelter, ein gehetzter Hund
Und drängte mich in die Menge,
Um den Verstand gebracht, entsetzt

Von ihrem Brüllen, von ihren Blicken
Voller Hochmut und Verachtung
Und von der bestialischen, grausamen Kraft
Des Blicks, der so kalt, so hart ist.

Das Leben Tausender hängt davon ab,
Ob ein Finger nach rechts deutet;
Darauf hefteten sich die Blicke der Jungen
Darauf hefteten sich zitternd die Blicke der Alten.

Und über die Menge der Frauen, der Kinder
Der Alten, der Kranken und Jungen
Regierte
Die geballte Faust
Mit der Reitpeitsche
Schlägt sie zu?

Mordet hin
Die Menschenmenge ohne Menschenrechte
Die jetzt so wehrlos
So ratlos,
Nichts anderes als wartet.

Sie sauste nieder, die schwere germanische Faust,
Auf die gebeugten, zitternden Rücken.
Es vermischten sich Blut und Tränen,
Schreien und Klagen und das Weinen von Frauen.

Den Kranken, den Alten – eine Kugel in den Rücken,
Die vordringt bis ans Herz.
Die Masse auf den Wagen zum Transport
Wohin? Wo?
Wohin? In den Tod!

Gehirn in der Gosse. Auf den Straßen
Berge von Leichen, Händen, Füßen
Zerschmetternde Köpfchen von Kindern –
Wo bist du Gott!?!“
(Krakau, Ghetto, 1942) 

44 Jahre später wird Halina Nelken in einer ihrer Reflexionen, die sie diesem Gedicht im Buch anschließen lässt, am 3. Juli 1986 schreiben: „Doch sie lügen weiter und bezeichnen die ihrer eigenen Initiative entsprungenen und durch eine perfide Tortur noch perfektionierten Verbrechen heute noch als >Soldatenpflicht<.“ Bis zur breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Wehrmacht in Deutschland sollte es noch weitere 11 Jahre dauern.

Im Oktober 1996 kam Halina Nelken zu einer Lesereise nach Deutschland, um die deutsche Ausgabe ihres Buches „Freiheit will ich noch erleben“ vorzustellen. Sie, der es „vergönnt war“, wie sie betonte, „mit dem Leben davonzukommen“, forderte unmissverständlich: Dass der „Strom der instinktiven Solidarität der Verfolgten und der Opfer“ nicht vergessen werden darf. Denn sie, die nach dem Krakauer Ghetto insgesamt acht Konzentrationslager überlebt hatte, darunter das Lager Plaszow, den  Handlungsort von Steven Spielbergs »Schindlers Liste«, Auschwitz und Ravensbrück, glaubte leidenschaftlich an die Solidarität als Voraussetzung für das Überleben: „Es ist ein kardinaler Irrtum, in Auschwitz, Dachau, Ravensbrück, Plaszow oder Mauthausen Lager zu sehen, in denen – so grausam sie auch waren – jeder auf sich allein gestellt war. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte niemand überlebt – und es hätte sich wohl auch nicht gelohnt zu überleben, wenn alle Menschen grausam und böse gewesen wären.“

Halina Nelken hat überlebt. Dank der Solidarität und des Widerstandes von Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz. „Etwas bewahrte unseren Transport vor der Vernichtung“ schreibt sie nüchtern: „Ein Aufstand der Häftlinge vom Sonderkommando Anfang Oktober. Sie warfen den Leiter des Krematoriums bei lebendigem Leibe in den Ofen, jagten das Gebäude in die Luft und trennten den Stacheldrahtzaun durch, um sich davon zu machen. Die Todesmaschine geriet ins Stocken und konnte die Leute nur noch mit vermindertem Tempo ins Gas schicken.“ Kurz vor der Evakuierung des Lagers durch die SS, bestärkte eine Mitgefangene den Überlebenswillen, indem sie Tuwims Gedicht „Die Deutschen in Paris“ rezitierte – vermutlich eine Hommage auf die erfolgreichen und gefürchteten Anschläge jüdischer Partisanen auf die deutschen Besatzungstruppen mitten in Paris:

„Die Gemeinheit hat also gesiegt …
Möge meine explodierende Invektive
Mit einem Schrotfeuer von Schmähungen
Und einem Hagel von Verwünschungen zerplatzen
Und als schimpfliche, aber gerechte Brandfackel
– Bums! – den Hochmut der anmaßenden Fresse treffen!“

„Wir müssen die Wahrheit weitergeben, die so oft in den nichtssagenden Theorien von ,Experten‘ entstellt wird“, fordert Halina Nelken in ihrem Nachwort vom 4. September 1986: „Statistiken und soziopsychologische Untersuchungen richten das Erbe zugrunde, das uns der Genozid des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat.“ Für Halina Nelken besteht es „im unerschütterlichen Glauben an den Menschen – in der schlichten Tatsache, dass die Redlichkeit des Charakters, die Güte des Herzens und die menschliche Würde des einzelnen trotz allem unbeugsam und unzerstörbar sind, auch in einem Ozean von Niedertracht und Verbrechen.“ Der Glauben an die Menschen hat Halina Nelken bis zu ihrem Tod am 15. März 2009 in Brookline (Massachusetts) aufrecht und solidarisch durchs Leben gehen lassen. Ihr Krakauer Tagebuch ist dafür ein wichtiges Zeugnis und ein lesenswerter Beweis.

 Infos zum Buch:
Freiheit will ich noch erleben
Krakauer Tagebuch
Bleicher Verlag, 336 S., 1996

Weitere Infos zu Halina Nelken auf der Gedenkseite:
http://www.eilatgordinlevitan.com/krakow/krkw_pages/krkw_stories_nelken.html

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search