Bücher neu gelesen: „Jeder Europäer ist eine Abfallfabrik“

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Der Schriftsteller, Nomade und Schamane Galsan Tschinag. Foto Kai Schütt/Unionsverlag

Deutschland, ein Wintermärchen? „Bei den Nomaden kennen mehr Leute Heinrich Heine als im Durchschnitt in Deutschland“, lächelnd, ruhig, aber bestimmt antwortete Galsan Tschinag auf die obligatorische Publikumsfrage nach dem Bildungsstandard der Mongolen. Tschinag ist ein Tuwiner, Angehöriger eines kleinen Nomadenvolkes im Hohen Altai in der Westmongolei. Und Tschinag ist Dichter und Schamane. Ein Nomade zwischen den Kulturen: Einer, der Epen, Gesänge und Märchen auf Tuwinisch dichtet, Gedichte auf Mongolisch verfasst und Prosa auf Deutsch schreibt. Im November 1995 begegneten wir uns das erste Mal in München anlässlich einer Lesung seiner Erzählungen. Schon damals warnte Tschinag vor der drohenden ökologischen Zerstörung der Welt durch den kapitalistischen Zwang zum permanenten Wachstum. Es lohnt sich in Zeiten anhaltender Proteste gegen den Klimawandel seine kluge Perspektive auf das westliche Leben und dessen Destruktivkräfte neu zu lesen. Michael Backmund

„Ich bin ein Nomade zwischen den Kulturen und lebe in drei Welten“, sagt Galsan Tschinag. „Ich bin ein Nomade geblieben, etwas treibt mich.“ Doch die Wanderung der Nomaden ist nicht vergleichbar mit dem Hin- und Herhetzen der Sesshaften. Er ruht in sich, seine Augen sind wach und scharf, selbst wenn er liest, gleiten sie über die Reihen seiner Zuhörer, er nimmt wahr, kommuniziert. „Wir sind gezwungen, einen guten Kopf zu haben, wir können aufnehmen“, sagt Galsan Tschinag. In Westeuropa muss der Mensch immer nur „anhäufen, vermehren, einspeichern“.

Galsan Tschinag ist der jüngste Sohn nomadisierender Viehzüchter. Mit 19 Jahren verließ er die schneebedeckten Berge, die eiskalten Flüsse, die Täler und Steppen des Altai. 1962 kam er zum Germanistikstudium in die DDR nach Leipzig. Er blieb sechs Jahre und entdeckte seine Begabung für das Deutsche. Die Klarheit seiner Sprache, das Fesselnde seiner Erzählungen entsteht aus der Kraft seiner Bilder. Doch verklärter Folklore, Konsum von Exotik oder der esoterischen Suche nach Volksmythen lässt der Autor keine Chance: Seine Erzählungen taugen nicht als Flucht für gestresste Mitteleuropäer. 1981 schrieb der international renommierte DDR-Schriftsteller Erwin Strittmatter im Nachwort zu „Eine tuwinische Geschichte“, für die Galsan Tschinag 1992 den Adalbert-von-Chamisso-Preis erhielt: „Es scheinen harte Geschichten zu sein, die aber optimistisch und voller Menschenliebe sind.“ In der Mongolei übersetzte Tschinag unter anderem Till Eulenspiegel, Heinrich Mann und Kurt Tucholsky.

Wenn Dshaniwek, der alte Kamelzüchter bei einer Wolfsjagd dem jungen Jagdgefährten sein Leben erzählt, dann ist „eine tuwinische Geschichte“ für Galsan „die Hülle, der Stoff ein allgemein menschlicher, den jeder lesen kann.“ Gefangen zwischen den eigenen Gefühlen und gesellschaftlichen Zwängen werden Fragen nach Liebe, Verrat und Opportunismus, Trennung und Tod aufgeworfen. „In diesem Moment begriff ich, dass Dinge zwischen den Menschen passieren können, die sich nicht wieder gut machen lassen.“ So endet „Jaskan“, die Geschichte eines Hirtenjungen.

Deutschland war für Galsan Tschinag zunächst „das Land der Faschisten.“ Als „David gegen Goliath“ kam er hierher mit „Abneigung und Hass“, nicht mit „Hochachtung“. Er erinnert sich: „Es war ein schwerer Kampf, ein unüberbrückbarer Abstand zwischen der Nomaden- und der europäischen Kultur.“ Noch heute freut es ihn, „wenn einmal die Technik streikt oder ein Zug zwei Minuten zu spät kommt.“ Bei vielen Westdeutschen diagnostizierte er eine „fette, kaltschnäuzige Überheblichkeit. Ihr habt Berge an Reichtum angehäuft, doch eure Köpfe und Herzen sind leer“. Der Mongole will „Brücken zwischen den einfachen Menschen bauen“, er nennt das „Volksdiplomatie“ – Regierungen hält er für „unmoralisch, für sie zählt der Profit“.

Eine tuwinische Geschichte. In einer Ausgabe des A 1 Verlags, München.

Galsan Tschinag, heißt eigentlich Irgit Schynykbaj-oglu Dshurukuwaa: Er kommt am 16. Dezember 1943 im Altai-Gebirge in der Westmongolei zur Welt. Geboren in einer Jurte. Seine erste Lehrerin ist eine weise Schamanin, geprägt wird der junge Galsan von den Gesängen und Epen seines Volkes, den Tuwa-Nomaden, und von der Natur der Bergsteppe. Die Möglichkeit in Moskau zu studieren reizt ihn nicht, es zieht den 19-Jährigen 1962 nach Leipzig in die mit seinem Heimatland befreundete DDR: Dort lernt er Deutsch und studiert Germanistik Sein zweiter großer Lehrmeister wird der Schriftsteller Erwin Strittmatter, der ihm die Kunst des Schreibens, der Dichtung und der Gesänge lehrt. Als studierter Germanist, Übersetzer und Schriftsteller kehrt Galsan Tschinag 1968 in die Mongolei zurück. Bis 1976 lehrt er Deutsch an der Universität der Hauptstadt Ulaanbaatar Deutsch. Wegen »politischer Unzuverlässigkeit« erhält Berufsverbot und arbeitet in den folgenden Jahren als Übersetzer und Journalist. 1981 erscheint in Ost-Berlin sein erstes Buch in deutscher Sprache: Eine tuwinische Geschichte und andere Erzählungen. Die Titelgeschichte wird zehn Jahre später in der Mongolei verfilmt. Seitdem hat Galsan Tschinag ein großes Werk mit Erzählungen, Romanen und Lyrikbänden, vor allem in deutscher Sprache. Insgesamt wurden seine Bücher in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Seine Prominenz nutzt Galsan Tschinag auch für seine politischen und ökologischen Ziele. 1995 erfüllt er sich einen großen Traum: Gemeinsam mit vielen anderen Tuwa-Nomaden, die in den 1960er Jahren zum Teil zwangsumgesiedelt wurden, kehrt er über 2000 Kilometer weit in seine angestammte Heimat im Hohen Altai zurück. Bis heute kämpfen er, sein Sohn und weitere Mitstreiter darum, das Überleben des Nomadentums seines Volkes zu sichern. Es lohnt sich gerade heute in Zeiten der Klimakrise seine Bücher erneut zu lesen, denn sie sind nicht zu missbrauchen für grün-alternative Kapitalismus-Modernisierer. Sie fordern zu einem radikalen Umdenken auf.

Die ganze Weltgeschichte bzw. die herrschende Geschichtsschreibung über die Welt ist für Galsan Tschinag „unter dem Regiestock von Europäern diktiert und bewusst verfälscht.“ Sie hat das Nomadentum immer als „regressiv schlecht gemacht“. Dabei sieht er in jedem Europäer „eine kleine Abfallfabrik“. Galsan Tschinag hofft: „Wenn die Menschheit klug ist, wird sie den Altai, dieses letzte Stück gesunder Natur nicht nach deutschem Modell kaputt industrialisieren.“ Den „gierigen Kapitalismus, der mit Appetit über unser Land hereinfällt, würden wir nicht überleben“. Doch bei den Nomaden sind die Dichter Sänger. Und noch ist das letzte Lied nicht gesungen.

Zahlreiche Werke von Galsan Tschinag sind im Unionsverlag erschienen und bestellbar:
http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=188

zum Beispiel:
Mein Altai
Erzählungen von Galsan Tschinag, u.a. Eine tuwinische Geschichte
Taschenbuch, 192 Seiten, € 12.95, erscheint 16.9.2019
als E-Book für € 9.99 bereits ab 11.9.2019
192 Seiten (Geschätzter Umfang)
Unsere E-Books gibt es in 3 optimierten Ausgaben für Ihr Lesegerät:
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Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Bettina
    Antworten
    Vielen Dank für die wunderbare Rezension zum Wirken und Leben eines Menschen, von dem ich heute zum ersten Mal höre. Es klingt sehr gut, die Themen, über die er schreibt, und die Quellen seines Lebens, aus denen heraus er schreibt.

    Gewiss keine Lektüre für gestresste Manager, aber sicherlich eine gute Lektüre, für all jene, die dem Konsum und dem Mitlaufen im Hamsterrad der digitalen, schnelllebigen Wegwerfgesellschaft keine Bedeutung beimessen.

    Ein Nomade ist im Grunde genommen der Meister der selbstbestimmten Freiheit. Er kennt den Lauf der Sonne und der Sterne und weiß, wie er im Einklang mit der Natur leben kann.

     

    Ist diese Freiheit im Einklang nicht das größte Privileg, das wir erlangen können?

     

  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Die zentrale Aussage: „In diesem Moment begriff ich, dass Dinge zwischen den Menschen passieren können, die sich nicht wieder gut machen lassen.“

    Ich füge noch hinzu: „Jeder Mensch darf auch entscheiden, ob er verzeihen möchte oder nicht; niemand kann persönliche Verletzungen nachempfinden!“

    Tod, Verlust, Schmerz – eine Konfrontation mit der existenziellen  Frage: „Warum  lebe ich?“

    Ich habe noch keine Antwort gefunden!

    Vielleicht nur meine Hoffnung, dass es nach dem Tod eine Versöhnung mit dem Leben geben wird!

     

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