Bücher neu gelesen: Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay

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Das Cover von „Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay“. Foto: www.assoziation-a.de

„Dieses Buch feiert einen Sieg der menschlichen Sprache,“ schrieb der berühmte Autor Eduardo Galeano über diesen einzigartigen und zugleich universellen Erinnerungsdialog aus den Kerkern der Diktatur in Uruguay in seinem Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe 1990. Sein Text und das gesamte Buch haben mich schon damals tief beeindruckt: „Zwei der »Geiseln«, Mauricio Rosencof und »Ñato« Fernández Huidobro rufen auf diesen Seiten ihre Erfahrungen in jenem Reich der Stille und des Terrors wach. Sie erzählen, wie sie, »wie Efeu an der Mauer« dem Leben verhaftet, ihre Würde als Menschen vor einem System retten konnten, das sie in den Wahnsinn treiben und in leblose Dinge verwandeln wollte“, so Galeano. Anlässlich der Verfilmung des viele Jahre auf Deutsch vergriffenen Buches, hat es der Verlag Assoziation A dankenswerter Weise jetzt mit dem Titel Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay neu verlegt. Kerkerjahre ist ein universelles Manifest des Überlebens, der Menschlichkeit, der Solidarität unter politischen Gefangenen. Ein großartiges literarisches Dokument der Reflexion über das Gefängnis und die Folter, das Mut macht für ein freies Leben in einer anderen Gesellschaft zu streiten. Mit freundlicher Genehmigung von Assoziation A veröffentlicht HdS nach einer kurzen Einführung in Kerkerjahre zwei Kapitel aus dem Buch. Michael Backmund

Gerade erst hatte der legendäre Spielfilm Der unsichtbare Aufstand von Constantin Costa-Gavras die Tupamaros und ihre Entführung eines US-Agenten weltbekannt gemacht, da putschten die Militärs 1973 in Uruguay. Kurze Zeit später war das kleine Land am Rio de la Plata der Staat mit der prozentual höchsten Zahl politischer Gefangener weltweit. Die faschistische Junta wollte Friedhofsruhe erzwingen. Mit aller Macht sollte jeder Widerstand gebrochen und für alle Zeiten verhindert werden. Dafür entführten die Militärs neun führende Mitglieder der Stadtguerilla Tupamaros aus den offiziellen Gefängnissen, versteckten sie in unterirdischen Bunkern in ihren Kasernen und drohten mit ihrer Erschießung für den Fall, dass weitere Aktionen gegen das Regime durchgeführt würden. Als Geiseln der Diktatur wurden die Gefangenen in Dreiergruppen in Verliesen der Kasernen zwölf Jahre lang buchstäblich lebendig begraben. Erst zwölf Jahre später waren die Militärs endgültig gescheitert: Eine wieder erstarkte soziale und politische Bewegung erzwang auf den Straßen Uruguays das Ende der Diktatur und befreite 1985 alle politischen Gefangenen.

Auch Eduardo Galeano kehrte in diesem Jahr aus dem Exil in seine Heimat zurück. Bereits 1971 hatte der Journalist und Schriftsteller die erste Fassung seines großartigen Werkes Die offenen Adern Lateinamerikas veröffentlicht, das sich mit der langen Geschichte der jahrhundertealten Kolonialherrschaft in Lateinamerika und ihren neokolonialen Erscheinungsformen auseinandersetzt. Auch Galeano wurde 1973 verhaftet, musste anschließend nach Argentinien fliehen und, als dort nur drei Jahre später die Militärs sich ebenfalls an die Macht putschten, weiter nach Spanien. Sein Buch Die offenen Adern Lateinamerikas war übrigens in den Zeiten der Diktaturen in Uruguay, Argentinien und Chile offiziell verboten.

Einfühlsam und poetisch beschreibt Galeano in seinem brillanten Vorwort zu Kerkerjahre die Haftbedingungen der beiden Autoren:  „Einige Male in all den langen Jahren konnten sie sich im Spiegel betrachten: Sie sahen einen anderen. Dünn wie Fakire, aufgerieben durch die unablässige Folter zogen die »Geiseln« der uruguayischen Militärdiktatur von Kaserne zu Kaserne, verdammt zur Einsamkeit der Kerker, die kaum größer waren als ein Sarg. Nicht einmal mit den Dingen konnten sie reden. Es gab keine Gegenstände in den Zellen, da war nichts. Sie schliefen auf dem eisigen Betonboden, aufgeschreckt durch jedes Geräusch der Gitter oder Stiefelschritte, die eine neue Folterrunde ankündigen konnten. Manchmal gab man ihnen nicht einmal Wasser, und sie tranken ihren eigenen Urin. Manchmal verweigerte man ihnen das Essen, und sie aßen Fliegen, Würmer, Papier, Erde. Manchmal geschah ein Wunder: Ein frischer Luftzug trug den Geruch von Orangen durch ein kleines Loch im zugemauerten Fenster, oder einen kleinen Lichtstrahl, vielleicht fand eine Vogelfeder den Weg durch das kleine Loch. Manchmal ertönte an der Wand eine Nachricht des Gefangenen von nebenan: eine Botschaft, erzählt mit den Fingerknöcheln.“

Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay sollte mensch unbedingt neu oder wieder lesen – am besten zusammen mit dem bereits vor 14 Tagen auf HdS vorgestellten Roman Der Bataraz von Mauricio Rosencof – ein Monolog über Wahnsinn, Würde und Widerstehen. Im Anschluss veröffentlichen wir zwei Kapitel aus Kerkerjahre:

Ihr müsst überleben!

„Maurico Rosencof: Wir klammerten uns an das Leben wie Efeu an die Mauer. Wir hingen so sehr daran, dass wir die kleinsten Zeichen der Natur, die sonst ausgesperrt war, in uns aufsogen: die Haut, die eine kleine Spinne abgestreift hatte, den flüchtigen Besuch einer Biene im Kerker, die entfernte Stimme eines Kindes. Das waren die großen Ereignisse des Tages, und wir haben sie bis ins Kleinste ausgekostet. Genauso, wenn der Essensteller einmal etwas voller als sonst war oder wir einen Nachmittag in Ruhe, ohne Schinderei und Qualen, verbringen konnten. Wenn wir eine Neuigkeit aufgeschnappt hatten oder für kurze Zeit selbstbestimmt pinkeln konnten, wenn wir eine Büchse hatten. Immer wieder gab das unserer Gier nach Leben Nahrung. Es war so, wie mir irgendwann ein Betrunkener am Tresen gesagt hat (und die lügen nicht): »Wenn das Licht erlischt, will keiner sterben.« Selbstmord war für mich in keinem Moment eine Alternative. Irgendwie habe ich gemerkt, dass ich eine Art von Widerstand entwickelte, die weit über die politisch-gesellschaftliche Dimension hinausging. Es war die Schlacht um das Leben selbst.

Fernández Huidobro: Die Art des Angriffs auf uns hatte nichts mehr damit zu tun, dass wir politische Gefangene einer bestimmten Organisation waren. Inzwischen griffen sie in uns die Menschheit an sich an. Was sie taten, ging über die politische oder ideologische Frage hinaus. Selbst die Soldaten spürten das langsam, und so war es auch der Ausspruch eines von ihnen, der mich zuerst über das Thema nachdenken ließ – in diesem Gedankennebel, der unsere Welt war: »Was diese Typen aushalten, würde ich nicht aushalten, ich würde mich umbringen.« Ich habe dann darüber nachgedacht. Warum brachte ich mich nicht um? Warum haben wir so sehr am Leben festgehalten? Wir hatten dem Leben einen Sinn gegeben, als wir uns vornahmen, ein imaginäres Schild in die Zelle zu hängen: »Auch hier wird gekämpft!« Außerdem glaube ich, dass der Gedanke an Selbstmord dann aufkommt, wenn die Verzweiflung zur Hoffnungslosigkeit wird. Wir warteten immer auf die Genossen. Ich hatte dir geraten, bei einem Stromausfall zu versuchen, dich in einen Winkel der Zelle zu setzen, wo du keine Schüsse abbekommen konntest.

MR: Bei Alarm wurde eine spezielle »Operation« ausgelöst, die Türen wurden geöffnet, wir mussten uns auf den Boden schmeißen, und in jeder Zelle wurde ein Soldat mit entsichertem Revolver postiert, der auf uns gerichtet war.

FH: Der Befehl für den Fall eines Angriffs auf die Kaserne lautete, uns umzubringen. In Treinta y Tres sollten sie uns nicht nur erschießen, sondern außerdem eine Handgranate in jeden Kerker werfen.

MR: Eine Splittergranate, M66, sie hat die Wache in Panik versetzt.

FH: Der Kommentar der Wache war: »Ich schmeiß die garantiert nicht auf euch, sonst beißen wir selber ins Gras.«

MR: Wir waren immer wachsam gegenüber jeder noch so kleinen ungewöhnlichen Truppenbewegung, vor allem nachts. Immer haben wir auf die Genossen, auf unsere Befreiung gewartet, vor allem, wenn wir in Kasernen waren, wo die Kerker in der Nähe der Torwache lagen. Wir warteten immer auf irgendeine militärische Aktion.

FH: Eine Schießerei oder irgend so etwas. Wir haben immer daran gedacht, davon geträumt, ich habe mich in die Genossen reinversetzt, überlegt, was ich tun würde.

MR: Wir hatten unsere Pläne für den Fall, dass sie dich zum Richter oder mich ins Krankenhaus verlegen sollten. Wir wussten, dass die Genossen in jedem der beiden Fälle etwas unternehmen könnten, um uns da rauszuholen, wenn sie Bescheid wussten.

FH: Und wir dachten, dass wir deshalb in mehr oder weniger akzeptablem Gesundheitszustand sein müssten, um uns dann nicht vor den Genossen zu blamieren, wenn wir rennen oder springen oder uns sonst irgendwie körperlich verausgaben müssten. Eben weil wir diese Hoffnung hatten, sind wir nicht verzweifelt: Wir haben auf das Volk, auf die Organisation vertraut.

MR: Viele hervorragende Genossen haben sich umgebracht oder es versucht, um nicht weiter gefoltert zu werden. In dem Fall ist alles ganz anders. Nepo z.B., der von Gavazzo verhört und in die Mangel genommen wurde, hatte die Vermutung, dass sie ihn in Paso de los Toros wieder foltern würden, und schaffte es, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Das sind vollkommen andere Umstände. Ich habe lange darüber nachgedacht und glaube inzwischen, dass das nicht ausschließlich eine Frage deiner politischen Überzeugung ist, auch wenn das natürlich eine Rolle spielt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass jeder, egal ob in unserer Situation oder in der Folter, egal ob Christ, Buddhist oder Marxist, in sich die Kräfte freisetzen würde, die er braucht, um sich mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und mit Würde am Leben festzuhalten. Diese Kräfte hat jeder. Denn eins der Motive, das uns Kraft gab, war, Widerstand zu leisten, aber in Würde Widerstand zu leisten.

FH: Jahre später merkten wir, wie weit das Wirkung gezeitigt hatte. Eines Tages kam ein Soldat, offensichtlich einer, der mit uns sympathisierte – auf jeden Fall einer von den wenigen, die wir getroffen haben, bei denen Kopf und Herz am rechten Fleck saßen –, zu jedem einzelnen Kerker; er war allein, und alles, was er sagte, war: »Ihr müsst überleben!« Er hat es uns leise zugeflüstert, wie einen Trost, wie eine Forderung.

MR: Überleben u.a. deshalb, damit wir das tun können, was wir gerade tun. Ich habe oft daran gedacht: »Ich muss das aushalten, muss das ertragen, damit ich nachher Zeugnis ablegen kann.« Einer der Gründe, eine der Sprossen, auf die wir uns gestützt haben, um vom Grund des Schachts nach oben zu steigen, war, unseren Genossen, unserer Familie und allen anderen Menschen erzählen zu wollen, was wir erlebt haben. Dass es nicht nur für uns selber wichtig war, Zeugnis abzulegen, sondern auch im Namen all der anderen, die Ähnliches durchgemacht haben, oder für die, denen es wie uns ergangen ist und die nicht überlebt haben. Wenn ich zusammenfassen sollte, was wir hier tun, ich würde sagen, es ist ein Gesang auf das Leben.

FH: Es ist ein Zeugnis des Lebens. Da ist kein Groll, kein Wunsch nach Rache, kein Verlangen danach, die Übergriffe der Vorgesetzten, Offiziere und Soldaten zu werten, es ist vor allem anderen ein Gesang auf das Leben, ein Bekenntnis zum Leben. (…)

Mauricio Rosencof und Eleuterio Fernández Huidobro (l.) bei der Buchpremiere 1990 in Hamburg. Foto: www.assoziation-a.de

Wenn die Wirklichkeit in den Träumen liegt

MR: Die einzige Realität war die der Träume. Die andere, die alltägliche war ein Alptraum. Um überleben zu können, haben wir die Begriffe Realität und Phantasie umgekehrt. Wenn ich mir vorstellte, wie ich mit meiner Tochter auf einem Kinderspielplatz war, schleuderte mich plötzlich ein Geräusch – ein Schlag gegen die Tür, das Trampeln von Stiefeln – in eine Realität, die nicht meine war. »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« – auch von Träumen. Was uns aufrechthielt, war unter anderem diese Fähigkeit, die allen Menschen eigen ist – denn jeder hätte sich in einer solchen Situation genauso verhalten –, sich auf die Träume zu stürzen, auf die Hoffnungen und Illusionen, auf das, was man erlebt hat, und das, was man nicht erlebt hat. Wie in dem Fall, von dem du gerade erzählt hast.

FH: Die Flucht aus der Wirklichkeit war absolut unbewusst, unfreiwillig – leider. Sie kam, wann sie wollte. Das muss der Zufluchtsort der Verrückten sein. Ich nehme an, dass sie aus irgendeinem Grund in Extremsituationen geraten sind …

MR: Wir haben telepathische Kräfte entwickelt. Ich glaube, es ist nicht abwegig, das so zu bezeichnen.

FH: Natürlich nicht! Wir müssen davon reden, wenn wir jetzt vom Durchdrehen erzählen oder zumindest von psychischen Abweichungen.

MR: Bei einem Besuch erzählten sie mir, dass meine Eltern auf die Straße gesetzt worden seien und in ein Altersheim hätten ziehen müssen. Ich kam in den Kerker zurück, du hast darauf gewartet, dass ich dich rufe und dir vielleicht etwas Neues mitteile, aber ich habe nur geantwortet: »Ich weine.«

FH: Melo, 1978.

MR: Von dem Moment an war mein Vater ständig bei mir. Tagsüber habe ich mich mit ihm unterhalten, ihn getröstet und ihm Mut gemacht, nachts träumte ich von ihm. In einem Traum sagt der Alte ein Wort zu mir, ein einziges, ich weiß nicht, wie es heißt, ich nehme an, dass es in keiner Sprache existiert, aber die Übersetzung war für mich eindeutig: »Was machst du denn hier? Setz dich, iss.« Ich bin aufgewacht und hab’s dir, genau so, rüber geklopft. Beim nächsten Besuch, drei Wochen später, kam mein Vater mit Doña Carmen. Weil sie mich nicht zusammen besuchen durften, habe ich zuerst sie gesehen. Ein bisschen besorgt – nicht allzu sehr, sie wollte mir ja keine Angst machen – meinte sie, dass Papa vielleicht Halluzinationen habe, und erzählte mir, was sich im Speisesaal des Altersheims abgespielt hatte: Mein Vater sah mich hereinkommen, hörte auf zu essen, stand auf, wurde blass und sagte zu mir (so hat es Carmen erzählt): »Was machst du denn hier? Setz dich, iss.«

Ähnliche Situationen sind mit meiner Tochter passiert. Einmal habe ich mir einen Spaziergang mit Alejandra vorgestellt: Ich will ihr das Grab von ihrem Onkel, meinem Bruder Leonel, zeigen, dessen Namen ich in der Organisation als Decknamen geführt habe. Wir gehen also die Friedhofswege zwischen Zypressen und Grabsteinen entlang, bis wir bei dem Grab ankommen. Bei einem der nächsten Besuche erzählte mir Alejandra von einem sehr seltsamen Traum, der aber kein richtiger Traum, sondern ein Zustand zwischen Traum und Wachsein gewesen war; sie sah uns beide bei einem Spaziergang über einen Friedhof. Nachdem sie mir das in wenigen Worten, ganz ernst und ein bisschen verschreckt, erzählt hat, fragte sie mich: »Auf welchem Friedhof liegt der Onkel?«

Das kann Zufall sein, aber wie schon Einstein gesagt hat: »Im Raum ist zu viel Harmonie, als dass er das Werk eines Zufalls sein könnte.«

FH: Als sie mir 1981 mitteilten, dass meine Frau – sie war in Punta de Rieles inhaftiert und ich hatte sie seit 1971 nicht mehr gesehen – einen Tumor im Rückgrat habe, überkam mich in all der Angst einer der Zustände, die ich als Selbsthypnose bezeichne. Ich habe in meiner Phantasie mit Graciela bei Cabo Polonio gezeltet. Ich war nie dort gewesen, aber ich habe es mir in allen Einzelheiten ausgemalt, habe mit mir ausgehandelt, wo ich die Dünen, die Felsen, die Miesmuscheln platzieren soll. Nachdem ich die Anordnung des Parks fertig hatte – ich brauchte Wochen dazu, die Landzunge Kiesel für Kiesel aufzubauen –, war ich noch eine Woche damit beschäftigt, zu entscheiden, wo ich das Zelt aufbauen sollte, woher ich das Feuerholz nehmen sollte, was ich jeden Tag kochen würde und wo entlang ich mit Graciela spazieren gehen wollte. Ich bin mir sicher, dass das Kap, das ich gebaut habe, viel besser als das richtige ist, denn Abfälle gab’s da nicht. Gut, als ich damit fertig war, hatten wir Besuch. Zu der Zeit hatten wir Klopfkontakt. Und du hast mir erzählt, dass Alejandra genau in diesen Tagen in Cabo Polonio war.

Als wir festgestellt hatten, dass diese telepathischen Phänomene auftauchen, nahmen wir uns vor, dass der, der glaubte, den Gedanken des anderen zu erraten, »anrufen« und es erzählen sollte.

MR: Genau …

FH: … und dass wir objektiv sein und uns nicht selbst belügen wollten. Von zehn Malen, die wir uns aus dem Grund angerufen haben, lagen wir im Schnitt acht Mal richtig.

MR: Wir kamen darauf, weil es bei unseren morgendlichen Gesprächen passierte, dass der erste Gedanke, den du mir schicktest, derselbe war, den ich dir rüber klopfen wollte.

FH: Ich fing an, dir etwas zu erzählen, und du hast mich unterbrochen und mir erzählt, was ich dir hatte sagen wollen. Es wäre normal, wenn du meinen Gedanken errätst, solange wir von etwas reden, das uns beiden bevorsteht, oder über etwas, wo der nächste Gedanke sich logisch anschließt. Aber es war überhaupt nicht normal, dass ich z.B. anfing: »Ich habe heute Nacht überlegt, dass ich, wenn ich hier rauskomme, zelten gehe und zwar in …« – und lange, bevor ich den Satz zu Ende habe, unterbrichst du mich: »Ja, ich weiß schon, am Arroyo Cufré.« Entweder glaubt man’s oder nicht …

MR: Einmal, 1982 – Alejandra war schon ein kleines Fräulein von 17 oder 18 Jahren und Gabrielita so um die 10 Jahre alt – waren wir in Paso de los Toros, die Besuche waren sonntags …

FH: … ungefähr alle drei Wochen …

MR: Von neun bis zehn Uhr vormittags deine Familie, von zehn bis elf meine und von elf bis zwölf die von Pepe. Sie haben nicht dich um neun rausgeholt, sondern mich, das kam ziemlich oft vor. Wenn deine Familie nicht gekommen war, haben sie alles nach vorne verschoben. Ich ging durch den Aufgang nach oben, mit Handschellen und Kapuze …

FH: Das war kein Aufgang! Das war eine Hühnerleiter, du nennst die Fensterchen riesig und machst aus der Treppe einen Aufgang …

MR: Ich bringe Wirklichkeit und Phantasie immer noch durcheinander.

FH: Es war die einzige Treppe, die wir hatten und für uns war sie wie die Freitreppe vor dem Regierungspalast – eine schaurige, schäbige, finstere Stiege, die in den Keller führte, aus blankem Beton.

MR: Da sind die Ratten rumspaziert. Ich komme also da an, sie setzen mich auf eine Bank neben dem Klo – den Besuch haben sie mitten in diesem Gestank abgehalten …

FH: … ein Kasernenscheißhaus eben, das sagt alles …

MR: Ich setz mich also auf die andere Seite der Doppelgitter, sechs mit Gewehren bewaffnete Wachen sind da, eine Soldatin, ein Soldat mit Hund, der Oberleutnant mit Pistole am Gürtel … Auf einmal geht die Tür auf –ich habe damit gerechnet, meine Familie zu sehen, geglaubt, Alejandra würde kommen –, und ein Mädchen mit einem Sonnenhut kommt herein – es war Sommer – wie ein verschreckter kleiner Spatz inmitten dieser Atmosphäre. Ich schaue sie an, und für den Bruchteil einer Sekunde, obwohl es in Gedanken viel länger dauerte, hatte ich Schwierigkeiten, sie einzuordnen. Ich dachte: »Das ist Alejandra; das kann nicht Alejandra sein. Wie alt ist Alejandra überhaupt? In welcher Zeit lebe ich denn?« Gleich darauf habe ich dann gemerkt, dass ihnen ein Irrtum unterlaufen war, und ich fand wieder in die reale Zeit zurück. Also sagte ich zu ihr: »Du bist Gabrielita, stimmt’s? Hübsch siehst du aus; ich bin hergekommen, weil sich dein Vater erst noch fertig macht, sie werden ihn gleich bringen.«

FH: Du hast mir heute erzählt, was für Schwierigkeiten du hattest, dich wieder im Kerker zurechtzufinden, wenn du aus einem dieser Träume zurückkamst. Du hast dich zum Beispiel gefragt: »Was mache ich hier?« Ich musste mir auch jedes Mal beim Aufwachen sagen: »Wo bin ich? Was mache ich denn hier?«

MR: Ich musste die Gegenstände anfassen, um sie wiederzuerkennen …

FH: Ich erschrak angesichts der Wirklichkeit und habe dann 1979 Rechnungen angestellt: »Seit 1973 bin ich Geisel, jetzt bin ich also genauso lange Geisel, wie ich in der Grundschule war.« Als ich dann schon zehn Jahre hinter mir hatte, habe ich anders gerechnet: »Jetzt habe ich so viele Jahre als Geisel auf dem Buckel wie Grundschule und Gymnasium zusammen, so lange wie alles, was man als kleiner Junge erlebt, von der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wenn einem die ersten Barthaare sprießen und man die erste Freundin hat.«

MR: Als ich die Geschichte mit dem Traum von meinem Vater erzählte und dem geheimnisvollen Wort, das er mir gesagt hatte, musste ich an ein Gespräch mit Henry Engler denken. Er erzählte mir von seinen Anfällen von Wahnsinn, die ziemlich extrem waren. Bezeichnend dafür war, dass, wie er erzählte, sich in seinem Gehirn ein seelenloses Wesen entwickelt hatte, das »Alicia« hieß und, eben weil es keine Seele hatte, sehr grausam und kalt war. Sie war es, die ihm vorschrieb, was er tun sollte. Wenn sie sagte: »Iss!«, konnte er essen, wenn sie sagte: »Iss nichts«, hat er nichts gegessen. Irgendwann einmal sagte sie ein Wort zu ihm, das er nicht verstand, und er glaubte, Alicia würde phantasieren. Ewige Zeiten später kam er an ein Wörterbuch und hat entdeckt, dass das Wort existiert und dass er es irgendwann gelernt hat. Es war in irgendeiner Nervenzelle in seinem Gehirn gespeichert, zu der Alicia Zugang hatte, aber er nicht.

Diese Anfälle von Wahnsinn, die wir alle mehr oder weniger stark erlitten, waren nicht Folge innerer Traumata, sondern Konsequenz der Haftbedingungen, denen wir ausgesetzt waren. Als diese Bedingungen nicht mehr da waren, haben wir, soweit das möglich ist, die Normalität zurückerlangt.“

Bestellung des Buches beim Verlag:

Mauricio Rosencof / Eleuterio Fernández Huidobro
Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay
Aus dem Spanischen von Lydia Hantke
ISBN 978-3-86241-466-6, 384 S., broschiert, 19,80 Euro
Neuausgabe (Erstausgabe 1990 unter dem Titel »Wie Efeu an der Mauer«)
https://www.assoziation-a.de/buch/Kerkerjahre

Victoria Eglau hat einen der beiden Autoren, den 86-jährigen Mauricio Rosencof, anlässlich der Neuausgabe des Buches besucht und für den Deutschlandfunk interviewt:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/mauricio-rosencof-kerkerjahre-gedichte-per-klopfzeichen.1270.de.html?dram:article_id=455665

 

Das Filmplakat von „Companeros“, dem Film zum Buch. Foto: www.trigon-film.org

Das Buch „Kerkerjahre“ diente als Grundlage für den Film »Compañeros. La noche de 12 años« von Alvaro Brechner mit Antonio de la Torre in der Hauptrolle als Pepe Mujica.. Weitere Infos und Termine unter:
https://www.trigon-film.org/de/movies/Noche_de_12_anos

Der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und von der Jury des Filmfestivals in Fribourg als »Hommage an alle politischen Gefangenen und an jene, die Widerstand leisten gegen die Barbarei der Menschen« gewürdigt:

https://www.trigon-film.org/de/articles/Drei_Preise_für_COMPAÑEROS
 

 

Zu den beiden Autoren:

Mauricio Rosencof
Geboren am 30. Juni 1933 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen in Florida/Uruguay. Schrifsteller und Dramaturg. Führendes Mitglied der Stadtguerilla MLN-Tupamaros. 1972 verhafet, nach dem Militärputsch ein Jahr später zusammen mit acht weiteren Gefangenen von den Militärs entführt und in Kasernen des Landes als Geisel des Staates in Isolationshaft gefangen gehalten. Freilassung 1985 nach dem Ende der Diktatur.
Unter der Regierung des Linksbündnisses Frente Amplio Kulturdirektor von Montevideo. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane »Der Bataraz« und »Die Briefe, die nicht ankamen«. Außerdem erschienen von ihm in deutscher Übersetzung »Hundeleben«, »Das Lied im Kieselstein« und »Als der Kerker zur Teaterwerkstatt« wurde.

Eleuterion Fernández Huidobro
Genannt »el Ñato«, geboren am 14. März 1942 als Sohn spanischer Einwanderer in Montevideo, gestorben am 5. August 2016. Gründungsmitglied und theoretischer Kopf der Stadtguerilla MLN-Tupamaros. Mehrfach verhafet, Flucht aus dem Gefängnis. Nach dem Militärputsch 1973 als Geisel des Staates in Isolationshaf. Freilassung 1985. Reorganisation der Tupamaros als politische Partei. Historiograf der Bewegung, zahlreiche Bücher. Senator für das Linksbündnis Frente Amplio und Verteidigungsminister des Landes von 2011 bis zu seinem Tod.

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