Bücher neu gelesen: Kleine Kinder waren das Todesurteil auch für ihre Mütter

 In Buchtipp, FEATURED, Politik (Ausland)

Cover des Sammelbandes zum Thema „Frauen im Holocaust“.

Laura Hasson aus Rhodos trug ihren kleinen Neffen auf dem Arm. Nach der Ankunft auf dem Bahnhof in Auschwitz flüsterte ihr ein Grieche aus Saloniki zu: „Gib das Kind einer anderen Frau, aber schau genau, ob es eine Alte ist!“ Laura Hasson verstand nicht, was ihr der griechische Mann sagen wollte, und gab stattdessen das Kind seiner Mutter – ihrer zwanzigjährigen Schwägerin. Das Buch „Frauen im Holocaust“ untersucht die spezifischen Bedingungen, Erfahrungen und Schicksale von verfolgten Frauen im Nationalsozialismus. Insbesondere die Berichte und Zeugnisse von überlebenden Frauen macht dieses Buch so bedeutend. Michael Backmund

    

Dann kamen die deutschen Ärzte. „Die jungen Mütter mit den Kindern und die älteren Frauen und überhaupt die kleinen Kinder, die hat man alles auf die andere Seite geschickt“, erinnert sich die KZ-Überlebende Margit Schultz. Die „andere Seite“ bedeutete das Todesurteil: An der Rampe von Auschwitz-Birkenau führte der Weg für jüdische Mütter mit kleinen Kindern direkt in die Gaskammer.

„Nach den Richtlinien der SS brachte jedes jüdische Kind automatisch seiner Mutter den Tod“, schrieb die Ärztin Lucie Adelsberger nach ihrer Befreiung aus Auschwitz. „Dieser Satz bleibt unerträglich“, schrieb Barbara Distel, die frühere Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, im Vorwort ihres Buches „Frauen im Holocaust“ aus dem Jahr 2001: „Dieser Satz bleibt unerträglich und rechtfertigt den Versuch, nach den spezifischen Erfahrungen von Frauen zu fragen, die „aufgrund des rassistischen Wahns der nationalsozialistischen Diktatur zum Tode verurteilt wurden.“

Verzweifelt versuchten Mütter, ihre Töchter als älter durchgehen zu lassen und erwachsene Töchter probierten, ihre Mütter „herauszuputzen“ und dadurch jünger und gesünder aussehen zu lassen.

„Zyklon B machte keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen“, begründet Ruth Bondy, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen, ihre „starken Vorbehalte“, nur über Frauen in Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau zu schreiben. „Derselbe Tod raffte alle dahin.“

Doch ihr Bericht beweist zugleich: Nur drei von 600 Mütter aus dem Familienlager in Auschwitz meldeten sich 1944 zur Selektion für die Zwangsarbeit im Deutschen Reich – wie wollten ihre Kinder nicht alleine in den sicheren Tod gehen lassen.

SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos.

„Mit der ,Endlösung‘ verfolgten die Nazis das Ziel, alle Juden zu vernichten“, schrieb Raul Hilberg 1997 in seiner Untersuchung Täter, Opfer Zuschauer: „Doch der Weg zur Vernichtung war durch Ereignisse markiert, die Männer speziell als Männer, Frauen speziell als Frauen betrafen“, so der renommierte Historiker und Holocaustforscher aus Wien, dessen Familie noch im April 1939 die Flucht über Frankreich und Kuba in die USA gelang und der als US-Soldat an der Befreiung des Konzentrationslager Dachau beteiligt war.

Der Sammelband „Frauen im Holocaust“ bündelt 18 Beiträge zu sechs Themen: Von „Flucht und Exil“ über die Berichte „In Ghettos und Konzentrationslagern“ verstehen die Leser*innen: „Im Untergrund und Versteck“ braucht man gefälschte Papiere, Geld und Menschen, die überhaupt dazu bereit sind, einen illegalisierten Menschen zu verstecken oder Fluchthelfer*innen bzw. „Schleuser“, die einen über die Grenze bringen. So wird deutlich, um wie viel schwieriger es war, mit der Verantwortung für Kinder Verfolgung, Krieg und Holocaust zu überleben.

Auch deshalb leisteten Frauen nicht nur im Kampf bei den Partisanen in den Wäldern und Städten der besetzten Länder als Kundschafter*innen und Kurier*innen „Widerstand“ gegen den deutschen Faschismus, wie unter anderem Nechama Tec über Frauen bei jüdischen Partisanen berichtet (siehe auch https://hinter-den-schlagzeilen.de/buecher-neu-gelesen-bewaffneter-widerstand-juedischer-partisanen-im-2-weltkrieg). Sie retten auch als Fluchthelfer*innen vielen jüdischen  Menschen, insbesondere Kindern das Leben.

So brachte die deutsche Jüdin Marianne Cohn, 1922 in Mannheim geboren, zum Beispiel Kindergruppen illegal von Frankreich über die Schweizer Grenze – monatelang sehr erfolgreich. Bis zu ihrer Festnahme am 31. Mai 1944, als sie von deutschen Zöllnern im Grenzgebiet verhaftet wurde. „Ja, ich habe mehr als 200 Kinder gerettet, und wenn ich wieder in Freiheit käme, würde ich damit fortfahren. Nichts könnte mich davon abhalten“, soll die 22-Jährige dem deutschen Beamten Mainzold im Gestapo-Verhör gesagt haben. Bis zu ihrer Hinrichtung am 8. September 1944, kurz vor der Befreiung, wurde Cohn schwer gefoltert. Das beweisen Fotos, die Widerstandskämpfer der Résistance bei einem gefangenen deutschen Soldaten beschlagnahmen konnten. Die Fotos zeigen die besondere patriarchale und sexistische Gewalt der deutschen Täter: Noch nach der Ermordung präsentieren vier deutsche Soldaten sich mit dem gefolterten Körper als Jagdbeute und misshandeln die Leiche.

Aber auch die Rolle von deutschen Frauen als „Täterinnen“ wird in dem Sammelband beleuchtet: „Hinsichtlich der SS ist zu sagen, dass die Männer sich ebenso wie die Frauen benahmen, und dass Frauen ebenso wild waren wie die Männer“, so ein Bericht von Claude Vaillant-Couturier, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Rund zehn Prozent des KZ-Personals bestand aus Frauen (3517 waren es laut SS-Statistik am 15. Februar 1945).

„Wie lästige Eindringlinge wiesen sie uns ab“, erzählt Halina Birenbaum vom Tag der Befreiung. Sie hatte an der Tür eines Hauses in einer deutschen Kleinstadt nahe des Lagers Neustadt-Glewe geklopft, um nach etwas zu essen und saubere Kleidung zu fragen. „Auch „nach dem Überleben“ der antisemitischen und rassistischen deutschen Vernichtungspolitik fanden die Opfer selten Gehör. Jeds Dokument des Überlebens ist dabei zugleich ein Dokument des millionenfachen Mordes.

Für Laura Hasson aus Rhodos und drei Freundinnen endete die Deportation in die Vernichtungslager, die sie am 24. Juli 1944 von der griechischen Insel Rhodos durch halb Europa zunächst nach Auschwitz gebracht hatte, in einem KZ-Außenlager von Dachau in der Nähe der oberbayerischen Marktgemeinde Kaufering, wo sie erneut Zwangsarbeit leisten mussten. Nur wenige Frauen überlebten. Nach der Auflösung des Hungerlagers kam Hasson am 28. April 1945 mit den wenigen überlebenden Frauen aus Kaufering ins KZ Dachau. Sie waren die ersten deportierten Frauen, die einen Fuß in dieses Männerlager setzten. Am nächsten Tag, dem 29. April, wurde das Lager um 17 Uhr von US-Truppen befreit.

Von den rund 2000 griechischen Jud*innen von den Inseln Rhodos und Kos, die am 3. August 1944 mit dem letzten Deportationszug aus Griechenland von Athen aus In Richtung Auschwitz transportiert wurden, überlebten nur die wenigsten: Nach 13 Tagen in Viehwaggons wurden nach der Ankunft am 16. August 1944 von deutschen SS-Ärzten rund 600 Menschen als Zwangsarbeiter*innen ausgesondert, darunter Laura Hasson. Alle anderen wurden unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Nur 151 Menschen der von Rhodos aus deportierten Jüd*innen überlebten den Holocaust.

Frauen im Holocaust
Bleicher Verlag, 2001
428 S.
derzeit leider nur antiquarisch zu erhalten 

 

Kommentare
  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Es sollte zum Pflichtprogramm     – im Rahmen des Geschichtsunterricht- gehören,   die Stätten des unermesslichen Leids zu besuchen!

    Wer einmal ein KZ gesehen hat – ich habe verschiedene besucht – die Konfrontation mit Gegenständen aus  menschlicher Haut, authentischem Filmmaterial usw., der wird die Bilder niemals vergessen!

    Es ist eine Schande für immer und ewig!

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