Bücher neu gelesen: Wir wollen alles!

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2004 neu aufgelegt: Der Roman „Wir wollen ALLES“ von 1972.   Foto: Verlag Assoziation A

„Der Arbeiter der tausend Berufe (…), immer bereit, den Arbeitsplatz zu wechseln; Arbeitslosigkeit, tausend Handlangerdienste, ewiges Sich-Abmühen und schließlich Emigration – das sind die Stationen, die er durchläuft – genau wie alle anderen Auswanderer.“ So beschreibt der Münchner Trikont-Verlag den Protagonisten des Romans Wir wollen ALLES von Nanni Balestrini auf dem Rück-Cover seiner deutschen Erstausgabe. Das war 1972. Es gibt viele Gründe, dieses großartige Buch neu zu lesen – einer davon ist die Aktualität und die Dynamik der Not und Unterdrückung, die Millionen Menschen bis heute immer wieder zwingt, von unterschiedlichen Orten der Welt auswandern zu müssen. Und es ist literarisch und politisch einfach beeindruckend, wie Balestrini vom kollektiven Subjekt einer ganzen Generation italienischer Massenarbeiter aus dem Süden zu erzählen vermag mit zunehmendem Tempo in einer rasant verdichteten Geschichte über die militanten Fabrikkämpfe bei Fiat 1969 in Turin. Es war der Anfang eines langen Weges von Bewegungen und Auseinandersetzungen, die ihn über viele Jahrzehnte zum Romancier der (italienischen) Revolten machte. Michael Backmund

Nanni Balestrini oder „Genosse Komma“, wie ihn seine Freunde nannten, war im besten Sinne des Wortes ein undogmatischer Linker und zugleich ein moderner Lyriker, innovativer Schriftsteller, bildender Künstler, Verlagslektor und unermüdlicher Zeitschriftengründer und Organisator von Literaturfestivals. Voller Hoffnung und Empathie. Balestrini war dabei stets solidarisch, parteiisch, kompromisslos: Die gleichlautende Forderung in den besetzten Fabriken und auf den Barrikaden wir wollen alles (vogliamo tutto) verbreitete sich auch dank seines einzigartigen Romans weltweit und ist bis heute aktuell. Vermutlich werden viele junge Aktivist*innen, die jene selbstbewusste Selbstermächtigung aus den italienischen Fabrikkämpfen des letzten Jahrhunderts, die zum Credo einer neuen, einer „anderen, autonomen Arbeiter*innenbewegung“ jenseits von Sozialdemokratie, Stalinismus und Gewerkschaftsapparaten werden sollte, bis heute verwenden, seinen Roman vielleicht noch nicht einmal selbst gelesen haben. Vor drei Monaten ist Nanni Ballestrini am 20. Mai 2019 im Alter von 83 Jahren in Rom verstorben. Gerade angesichts der reaktionären Angriffe lohnt es sich heute, den Romancier der großen Revolten in Italien wieder neu zu lesen.

„Held“ seines ersten Romans sind die Massen aus dem verarmten Süden, aus Sizilien, Neapel, Calabrien oder Apulien: Das Proletariat des Südens, durch dessen Arbeit die norditalienische und deutsche Industrieexpansion der 1960er und 1970er Jahre erst möglich wurde. „,Wir wollen Alles‘ ist nicht das Werk eines neutralen literarischen Beobachters, sondern das eines linkradikalen intellektuellen Militanten“, schrieb Dirk Hauer 2004 anlässlich der Neuauflage des legendären Romans. Im Vorwort hat es Balestrini damals selbst so formuliert: „Eine neue Epoche erwartet die Menschheit, befreit von der Notwendigkeit und Mühsal der Arbeit, befreit von der Sklaverei des Geldes. Dies ist die Bedeutung der alten Parole, die auch heute und morgen ihren Sinn und ihre Gültigkeit nicht eingebüßt hat: Wir wollen Alles!

Der italienische Schriftsteller und Künstler Nanni Balestrini. Foto: Verlag Assoziation A

Nanni Balestrini war bis zuletzt ungeheuer produktiv und neugierig. Er blieb seiner politischen, ästhetischen und künstlerischen Suche immer tief verbunden. Er war weder korrumpierbar noch musste er sich von irgendetwas distanzieren, wie so viele andere Intellektuelle, denen es irgendwann doch an den Tisch der Mächtigen zieht. Dafür war Balestrini und sein Werk einfach zu gültig, zu antagonistisch, zu kreativ und vielleicht die tiefe Erkenntnis, dass nur jenseits und auf den Trümmern der kapitalistischen Moderne eine menschliche Gesellschaft sich aufbauen lassen wird, zu nachhaltig: In einer Widmung in meiner alten Ausgabe von 1972 schrieb Balestrini am 9 März 2010 anlässlich einer Lesung aktueller Texte im Münchner Gasteig: „Wir wollen immer alles!“ Darunter wollte er es und sollten wir es auch in Zukunft nicht tun.

Den beiden Verlegern Theo Bruns und Rainer Wendling vom Verlag Assoziation A ist es zu verdanken, dass viele Bücher von Nanni Balestrini auch in Zukunft auf Deutsch zu lesen sind. Übrigens hervorragend übersetzt und lektoriert. In ihrem Nachruf vom 21. Mai stellen die beiden Nanni Balestrini (1935-2019) als Romancier der Revolte vor: „Gestern erreichte uns die traurige Nachricht, dass unser Freund und italienischer Autor Nanni Balestrini am 20. Mai 2019 in Rom im Alter von 83 Jahren gestorben ist. 1935 in Mailand geboren, veröffentlichte Balestrini bereits mit 19 Jahren sein erstes Gedicht. Seit den 1960er-Jahren war er eine der bedeutendsten Figuren der italienischen Kultur- und Literaturszene, er war Mitglied der „Gruppe 63“ und zählte zusammen mit Umberto Eco, Edoardo Sanguineti u.a. zur literarischen Neo-Avantgarde Italiens. Er war aktiv gleichermaßen als undogmatischer Linker wie als moderner Lyriker, als Schriftsteller und bildender Künstler wie auch als Verlagslektor und -berater, unermüdlicher Zeitschriftengründer und Organisator von Literaturfestivals und Ausstellungen. Er experimentierte mit den avanciertesten literarischen und bildnerischen Techniken und Formen, arbeitete mit Text- und Wortcollagen.

Politisch war Balestrini in der unabhängigen Linken beheimatet. Er war mit Toni Negri Gründungsmitglied von „Potere Operaio“ und später in der „Autonomia“ aktiv. Der große Schlag der italienischen Polizeibehörden gegen die radikale Linke im April 1979, der die bleiernen Jahre einläutete, traf auch ihn. Aus dem unerwünschten Provokateur des Literaturbetriebs war ein gesuchter Staatsfeind geworden. Balestrini konnte gewarnt werden und floh über die Alpen nach Frankreich. Die Jahre des Exils in Paris dauerten bis 1984.

Balestrinis literarisches Werk reflektiert wie kaum ein anderes die jüngere Sozialgeschichte Italiens und stellt zugleich den Versuch dar, ästhetische und politische Avantgarde miteinander zu verbinden. „Die Methoden seiner Prosa sind so experimentell wie die sozialen Massenbewegungen und die individuellen Lebenswege, von denen sie handelt“, formulierte es treffend Peter O. Chotjewitz.

Im deutschen Sprachraum ist Balestrini vorwiegend durch seine belletristischen Werke bekannt geworden. Sein erster Roman „Wir wollen alles“ ist eine Hommage an die Kämpfe des italienischen Massenarbeiters und wurde mitten in einem Zyklus von Arbeiterkämpfen geschrieben, in denen der FIAT-Konzern in Turin im Jahr 1969 zum Zentrum des Aufstands gegen das Fabriksystem wurde. Mit seiner Geschichte eines rebellischen Arbeiters aus dem Süden wurde Balestrini mit einem Schlag zum „Romancier des Operaismus“. Der Titel des Buches wurde zur Parole einer „anderen Arbeiterbewegung“ – weit über Italien hinaus.

Protagonist seines vielleicht bekanntesten Romans „Die Unsichtbaren“ ist ein Basismilitanter der Generation von 1977, der „Autonomia“, die das Land in ein riesiges Laboratorium neuer Lebensentwürfe verwandelte. Es war eine Zeit nicht enden wollender Massendemonstrationen, der Hausbesetzungen, linken Kulturzentren und freien Radios. Mit beispielloser Kreativität und Radikalität forderte eine Bewegung von Jugendlichen die herrschende Kultur und das Bürgertum heraus und artikulierte ihre Ablehnung in Fabriken, Schulen und Stadtvierteln lustvoll und zugleich militant.

Die Romantrilogie „Die große Revolte“. Cover: Verlag Assoziation A

Der Roman „Der Verleger“ schließlich, den wir 1992 in deutscher Sprache veröffentlichten und der kürzlich kongenial von Michael Farin als Hörspiel bearbeitet wurde, beschreibt im Rückblick die Zuspitzung der Kämpfe zwischen Partisanentradition und entstehender Fabrikguerilla in einer atemberaubend verdichteten Prosa. Im März 1972 kam der legendäre Verleger Giangiacomo Feltrinelli bei einem Bombenanschlag auf einen Strommast ums Leben. Sein Tod markierte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der italienischen Nachkriegslinken. In dem Roman setzt sich mosaikartig ein Bild zusammen, in dem die Schlüsselbedeutung dieses historischen Moments Konturen gewinnt.

Alle drei Romane veröffentlichten wir 2008 in einem Band als die Trilogie Die große Revolte, die Balestrinis Hauptwerk darstellt.

In der Edition ID-Archiv erschien 1995 Balestrinis Roman „I Furiosi“, der den Ultras des AC Milan ein literarisches Denkmal setzt und von diesen im Stadion mit einem gigantischen Pyrofeuerwerk gefeiert wurde. Auch dieses Werk wurde im Staatstheater Stuttgart auf die Bühne gebracht. Der Wiener Bahoe Verlag veröffentlichte das für die documenta 13 in Kassel geschriebene Buch „Carbonia. Als wir alle Kommunisten waren“, das der Resistenza und den Arbeiterkämpfen auf Sardinien gewidmet ist. Zusammen mit Primo Moroni verfasste Balestrini schließlich die monumentale Chronik der radikalen italienischen Linken in den 1960er- und 1970er-Jahren „Die goldene Horde“.

Nanni Balestrini war als Schriftsteller wie als Mensch von einzigartiger Statur. Nie hat er einen Kompromiss gemacht, weder politisch noch literarisch, noch stilistisch. Er bewegte sich mit der gleichen Grandezza in einem autonomen Centro sociale wie in einer renommierten Galerie oder auf der Biennale in Venedig. Jede Anbiederung war ihm fremd, aber er gab die von ihm porträtierten Menschen in einem so treffenden, genauen Stil kühler Leidenschaft wieder, dass diese ihn dafür geradezu liebten.

Der Roman Sandokan. Cover: Verlag Assoziation A

Gerne erinnern wir uns an die wenigen, aber kostbaren Begegnungen mit ihm, sei es bei einem Polenta-Essen in der Wohnung seines Übersetzers Andi Löhrer, bei einem Besuch in Rom oder zuletzt anlässlich der Ausstellung seiner Collagen im Jahr 2016 in der Berliner WeGallery. Bei diesem letzten Zusammentreffen hatten wir auch das Glück, in Anwesenheit Nannis den von Thomas Atzert, Andreas Löhrer, Reinhard Sauer und Jürgen Schneider anlässlich seines 80. Geburtstags veröffentlichten Sammelband Landschaften des Wortes im Roten Salon der Volksbühne vorstellen zu können. Im letzten Jahr veröffentlichten wir schließlich eine Neuauflage des Romans Sandokan, der sich mit der neapolitanischen Camorra auseinandersetzt und zu dem Roberto Saviano ein Vorwort beigesteuert hat.

Nanni Balestrinis Werk bleibt für immer das literarische Vermächtnis der Revolte in Italien. Wir vermissen seine unverwechselbare Stimme sehr, in unserem Herzen wird er stets einen Platz haben und er wird auch in Zukunft ein Echo bei all jenen finden, die die aufständische Hoffnung auf eine solidarische Welt nicht aufgegeben haben.“

Über seinen Roman Der Verleger schrieb Nanni Balestrini in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Der ‚Verleger‘, um den es geht ist offensichtlich Feltrinelli, ein berühmter linksradikaler italienischer Verleger, der sich Anfang der 70er dazu entscheidet, den bewaffneten Kampf aufzunehmen und dabei auch umkommt. Aber Der Verleger ist kein Buch über ihn. Die Geschichte erzählt vielmehr von vier Personen, damals aktiv in der Linken, die versuchen, seinen Tod zu rekonstruieren, um einen Film darüber zu machen. Es ist ein Buch, das den Wendepunkt beschreibt, den Feltrinellis Tod darstellte. Mit ihm starb die alte Linke, die alten Gewerkschaften, der alte bewaffnete Kampf. Er war – weil er den Jungen sehr offen gegenüber war – so etwas wie die Drehscheibe zwischen der alten und der neuen Linken. Die Form des Dialogs zwischen den vier Personen über den Film, der sich allerdings im Verlauf des Dialogs als unrealisierbar herausstellt, ermöglicht das unabhängige Urteil des Lesers. Die verschiedenen Aspekte spielen eine Rolle. Und das machte die Form mit verschiedenen Ebenen und wie gesprochenen Dialog für mich naheliegend.“

»Der Verleger« wurde in der Bearbeitung von Michael Farin übrigens auch als Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-balestrini-der-verleger-100.html

„Die Goldene Horde“ über Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien: Die Geschichte der 68er-Bewegung und der autonomen Linken Italiens. Ein unerreichter Klassiker“ Cover: Verlag Assoziation A

Ein lesenswertes und berührendes Porträt von Nanni Ballestrini und seiner politischen wie künstlerischen Geschichte und Bedeutung hat Dirk Hauer in der Zeitung analyse & kritik geschrieben

https://www.akweb.de/ak_s/ak481/06.htm

Zahlreiche Bücher von Nanni Balestrini sind direkt beim Verlag bei Assoziation A bestellbar unter:
https://www.assoziation-a.de/buch/Die_grosse_Revolte

Landschaften des Wortes. Cover : Verlag Assoziation A

 

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