Bücher neu gelesen: Wohlstand ohne Wachstum

 In Buchtipp, FEATURED, Politik

Das Cover der überarbeiteten Ausgabe von „Wohlstand ohne Wachstum“ des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Tim Jackson von 2017. Foto: Oekom Verlag, München

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Tim Jackson hat die Besessenheit seiner Kolleg*innen und der meisten Politiker*innen  vom Prinzip des Wirtschafts-Wachstums gründlich untersucht. Ganzheitlich und global betrachtet ist dieses Prinzip des Geld-Waren-Wachstums ohnehin längst in eine zerstörerische nicht mehr revidierbare Dimension der Vernichtung umgeschlagen. Wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel ohne einen radikalen Bruch mit der kapitalistischen Zwangsideologie eines ständigen Wachstums kann und wird es nicht geben. Weder die Energiewirtschaft noch die industrialisierte Landwirtschaft darf in dieser Form fortgesetzt werden. Die Zukunft muss ohne zerstörerisches Wachstum auskommen: Jackson ist einer der renommiertesten Wachstumskritiker weltweit und hat 2013 mit seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ ein Standardwerk der Wachstumskritik geschrieben und es 2017 nochmals überarbeitet. Es lohnt sich, dieses Buch angesichts der weltweiten Klimaproteste neu zu lesen und die eigenen Argumente zu schärfen. Denn auch Jackson schreckt an zentralen Punkten vor der eigenen Erkenntnis zurück. Michael Backmund

 Im ersten Kapitel Der verlorene Wohlstand  in der deutschen Ausgabe von 2013 schreibt Jackson bereits unmissverständlich: „Unsere Vorstellung eines gesellschaftlichen Fortschritts, der auf ständig zunehmenden materiellen Bedürfnissen beruht, ist grundsätzlich unhaltbar. Unser Versagen bedeutet nicht nur, dass wir unsere Utopien nicht verwirklichen können, es reicht viel tiefer. In dem Maße, in dem wir es uns heute gut gehen lassen, graben wir systematisch dem guten Leben von morgen das Wasser ab. Die Gefahr ist groß, dass wir jede Aussicht auf einen dauerhaften Wohlstand für Alle verspielen.“ Bereits im Vorwort befragt er die gängige Denk- und Argumentationsweisen westlich-kapitalistischer Wirtschaftswissenschaften und sucht nach neuen Definitionen für den Begriff Wohlstand: „Die grundlegende Aussage dieses Buches ist, dass ein gutes Leben auf einem endlichen Planeten nicht einfach bedeutet, immer mehr zu konsumieren. Es kann auch nicht darum gehen, mehr und mehr Schulden anzuhäufen. Wohlstand in jeder sinnvollen Verwendung des Wortes handelt von der Qualität unseres Lebens und unserer Beziehungen, von der Belastbarkeit unserer Gemeinschaften und von unserem Gefühl einer persönlichen und gemeinsamen Bestimmung.“

Zu Beginn seiner Kritik am angeblich glücksbringenden und notwendigen Wachstumsautomatismus stellt Tim Jackson eine einfache und naheliegende Frage: „Wie kann Wohlstand in einer endlichen Welt aussehen, deren Ressourcen begrenzt sind und deren Bevölkerung innerhalb der nächsten Jahrzehnte voraussichtlich auf über neun Milliarden Menschen anwachsen wird?“ Es wird schnell deutlich, was er von den gängigen Antworten auf diese Frage hält: „Die vorherrschende Antwort ist, Wohlstand als ökonomische Größe zu definieren und, um diesen zu wahren, dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu fordern. Höhere Einkommen machen mehr möglich, sorgen für ein pralles Leben und eine verbesserte Lebensqualität für diejenigen, die davon profitieren. So jedenfalls die gängige Meinung. Diese Formel wird (fast buchstäblich) in bare Münze umgesetzt und als Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf gehandelt. Grob gesagt ist das BIP ein Maß für die »Wirtschaftstätigkeit« einer Nation oder Region.“ Gegen diese Behauptung setzt er Fakten: „Das Wachstum hat den Lebensstandard der besonders Bedürftigen keineswegs gehoben, ganz im Gegenteil; es hat einen großen Teil der Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren ihrem Schicksal überlassen. Der Reichtum ist zu den wenigen Glücklichen sozusagen »hinaufgesickert«. Das Problem der unfairen Verteilung ist nur einer der Gründe, warum man die herkömmliche Wohlstandsdefinition hinterfragen sollte.“

Für den Wirtschaftswissenschaftler ist evident, dass wir, wie jedes andere Ökosystem auch, das seine Ressourcenquelle ausschöpft, unweigerlich auf den Zusammenbruch zusteuern: „Der Mythos Wachstum hat versagt. Er hat versagt gegenüber der einen Milliarde Menschen, die immer noch jeden Tag ihr Leben um den Preis einer Tasse Kaffee zu fristen versucht. Er hat gegenüber dem empfindlichen Ökosystem versagt, von dem unser Überleben abhängt. Selbst nach seinen eigenen Regeln ist er bei der Aufgabe, wirtschaftliche Stabilität und gesichertes Auskommen für die Menschen zu gewährleisten, auf spektakuläre Weise geschehen.“

Zwei Prämissen für die Debatte um ein neues, gerechteres und ökologisch notwendiges System stellt Jackson auf: „Soziale Ungerechtigkeit und auf Umweltzerstörung gegründeter Wohlstand für einige Wenige können nicht die Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft sein (…) Wir brauchen aber auch dringend ein neues Bewusstsein dafür, dass Wohlstand uns allen gemeinsam gehört. Wir brauchen ein stärkeres Engagement für Gerechtigkeit in einer endlichen Welt.“

In der deutschen Neuauflage seines Buches von 2017 hat Jackson seine Kritik an der vorherrschenden Wachstums-Ideologie noch differenziert: „Das erste Kapitel habe ich umgeschrieben, weil ich das Gefühl hatte, zur Frage der Grenzen seien tiefer gehende Argumente erforderlich. Zu oft hatte ich mit Menschen diskutiert, die der Meinung waren, ich hätte mich über die Bedeutung von Grenzen zu leicht hinweggesetzt, oder mit solchen, die das Konzept der Grenzen grundsätzlich ablehnten. Ich wollte mich klarer dazu äußern, wo wir Grenzen ernst nehmen sollten und wo unsere Möglichkeiten liegen, sie zu
umgehen.“

Deutliche Worte findet Jackson auch für die Kritik- und Diskursunfähigkeit der politischen Klasse: „In dem Augenblick, in dem es nicht mehr erlaubt ist, die grundlegenden Voraussetzungen eines Wirtschaftssystems zu hinterfragen, das ganz offensichtlich nicht funktioniert, ist der Moment erreicht, wo die politische Freiheit endet und die kulturelle Unterdrückung beginnt. Es ist auch der Moment, in dem die Chancen für Veränderung signifikant, vielleicht sogar endgültig, beschnitten werden.“ Dieses Zitat reflektiert auch seine eigene Erfahrung mit der Macht: Jackson war bis 2009 Mitglied einer Kommission aus Wissenschaftler**innen, die die britische Regierung in Fragen einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik beraten sollte. Als die Kommission ihren Bericht unter dem Titel „Wohlstand ohne Wachstum?“ kurz vor dem G-20-Gipfel 2009 veröffentlichte, der wenige Monate nach der Lehman-Brothers-Pleite in London stattfand, war die Reaktion der Regierung eisig.

Auch nach dem Bankencrash und der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise verweigerte sich die herrschende Politik weltweit einem radikalen Umdenken. Genau diese „Zuversicht, mit der die Führer der Welt glaubten, es sei möglich, das Wachstum wieder anzukurbeln; die Überzeugung, Business-as-usual warte gleich hinter der nächsten Ecke“, hält Jackson für gefährlich: „Dass man aber die Architekten des Chaos belohnte, während man den Ärmsten und Schutzlosesten die sozialen Investitionen entzog, hat die Probleme nur verschärft“, konstatiert der Autor. Die Folgen sind dramatisch: „Wo wir uns neuen Wohlstand erhofften, fanden wir steigende Unsicherheit, immer höhere Verschuldung und wachsende Ungleichheit.“

Auch die Antwort der deutschen Bundesregierung auf den Klimawandel und die globale Klimna-Bewegung verspricht nichts Gutes: Hauptmotiv der Politik bleibt der Glauben an die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Wachstums und deshalb zielen letztlich die meisten Maßnahmen auf die Modernisierung und Innovationsfähigkeit der deutschen Industrie und ihrer Exportfähigkeit. Weder für die industrielle Landwirtschaft noch das Mobilitätskonzept der deutschen Automobilindustrie sind radikale Strukturverändererungen hin zu einem 100-Prozent regionalen, deindustrialisierten Ökolandbau mit ganz neuen Austausch- und Arbeitsverhältnissen zwischen „Stadt und Land“  bzw. einem Umbau der gesamten Autoindustrie auf kollektive Mobilitätssystemen diskutiert geschweige denn beschlossen worden.

Jackson liefert viele Anregungen, Fakten und einen wichtigen Beitrag zur Kritik der Wachstumsideologie. Und doch bleibt bei Jacksons Kritik am System des wirtschaftlichen Wachstums eine analytische Leerstelle – ob sie mehr taktischer oder doch strukturell-inhaltlicher Qualität ist, bleibt eine offene Frage. Doch letztlich vermeidet Jackson in wesentlichen Grundsatzfragen eindeutige Positionen. Aber auf jeden Fall suggeriert sein Begriff vom Postwachstumskapitalismus, dass es einen Kapitalismus ohne Wachstum geben könnte. Das darf bezweifelt werden. Schon vor 150 Jahren sagte Karl Marx: „Wachstum ist das Grundprinzip des kapitalistischen Wirtschaftssystem, aber dieses Wachstum wird irgendwann das System zerstören.“ Wenn es uns nicht gelingt die zerstörerische Allianz von Profit, Privateigentum und Wachstum zu beenden, wird das Klima nicht zu retten sein.  Drunter geht es nicht mehr. Angesichts des dramatischen Klimawandels sowie der sozialen und ökologischen Verwüstungen weltweit ist es sicherlich eine der wichtigsten Aufgaben linker emanzipativer Bewegungen, die soziale und die ökologische Frage gemeinsam zu denken und als Maßstab globale Gerechtigkeit für alle zu machen.

Wohlstand ohne Wachstum – das Update
Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft
Tim Jackson
368 Seiten, oekom verlag München, 2017
Preis: 19.95 €
Erhältlich als e-Book

Infos unter
https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/wohlstand-ohne-wachstum-das-update.html

und eine weitere Buchbesprechung:

https://www.boell.de/de/2017/07/24/wohlstand-ohne-wachstum-wirtschaftswissenschaften-im-dienste-eines-guten-lebens-fuer-alle

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