Bücher neu gelesen: Zum Tod von Immanuel Wallerstein

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Immanuel Wallerstein (1930 -2019). Foto: anfdeutsch.com

Er sprach lieber von Analyse statt von Theorie. Und seine Solidarität war so grenzenlos wie sein Interesse, Aspekte der Soziologie, Geschichts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften kritisch und interdisziplinär miteinander zu verbinden. Am 31. August ist Immanuel Wallerstein im Alter von 88 Jahren verstorben. Als Soziologe, Sozialhistoriker und Begründer der Weltsystem-Analyse (1987) gehörte Wallerstein zu den wichtigsten politischen Intellektuellen der letzten Jahrzehnte und hat die weltweiten Bewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung ebenso wie viele jüngere kritische Denker*innen nachhaltig beeinflusst. Gerade für die aktuellen Diskurse und Strategien gegen Rassismus und für globale Gerechtigkeit lohnt es sich, seine Bücher neu bzw. wieder zu lesen. Michael Backmund

Intensiv setzte sich Immanuel Wallerstein mit den postkolonialen Strukturen auf dem afrikanischen Kontinent auseinander und richtete bereits zu Zeiten des kalten Krieges der 1950er Jahre den Blick auf die ausbeuterischen und hierarchischen Beziehungen zwischen dem sog. reichen Norden und dem armen Süden. Zunehmend setzte sich Wallerstein als Historiker und Analytiker aber auch mit der globalen kapitalistischen Wirtschaft auf der makroskopischen Ebene auseinander. Sein wichtigstes Werk, The Modern World-System, veröffentlichte er in vier Bänden 1974, 1980, 1989 und 2011. Neben Marx und der Dependenztheorie entwickelt Wallerstein insbesondere auch Erkenntnisse der französischen Annales-Schule um Fernand Paul Braudel kritisch weiter und solidarisierte sich offen mit „anti-systemischen Bewegungen“. In seiner Weltsystemanalyse erkannte er bereits früh zu Zeiten des Kalten Krieges die Tendenz einer Expansion des kapitalistischen Systems zu einem globalen Wirtschaftssystem und entwickelte so das intellektuelle Grundgerüst einer der einflussreichen Strömungen des marxistischen Denkens, deren Vertreter*innen den antikapitalistischen und globalisierungs-kritischen Bewegungen auch politisch bis heute in Solidarität verbunden sind.

Wallerstein selbst verstand seine Weltsystemanalyse als „Protest gegen die Art, in der sozialwissenschaftliche Forschung für uns alle in ihren Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts strukturiert ist.“ Immanuel Wallerstein wurde 1930 in New York geboren, studierte Soziologie, lehrte zunächst als Dozent an der Columbia University und nach einer kurzen Phase in Kanada von 1976 bis 1999 als Professor an der New Yorker Binghamton University. Über die Emeritierung hinaus leitete er dort bis 2005 das von ihm gegründete Fernand Braudel Center für das Studium von Volkswirtschaften, historischen Systemen und Zivilisationen.

Cover von „Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten“. Foto: Argument Verlag

Gemeinsam mit Étienne Balibar veröffentlichte Wallerstein 1988 aber auch das Buch „Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten“ (Argument Verlag). Bis heute ein Grundlagenwerk über die Entstehungsgeschichte und die Funktionsweise des modernen Rassismus und seine verwobenen Beziehungen zu Klassen und Nationen: „Es sind niemals ursprüngliche Gemeinschaften, und von daher dient jede historische Beschreibung ihrer Struktur und ihrer Entwicklung durch die Jahrhunderte hindurch notwendigerweise einer Analyse der Gegenwart“, schreibt Wallerstein und fordert damit auch zur kritischen Analyse von „Volk“ und „Nation“ auf, die er als soziale Konstruktionen entlarvt. Der Autor Heinz-Jürgen Voß hat 2013 eine lesenswerte Kurzeinführung in die Bedeutung des Buches geliefert:  „Balibar und Wallerstein untersuchen in ,Rasse Klasse Nation: Ambivalente Identitäten‘ die Entstehung von Rassismus in den europäischen Staaten und seine Bedeutung. Gab es zuvor regional unterschiedlich immer wieder ,Fremdenfeindlichkeit‘, so bedeutete Rassismus etwas grundsätzlich Neues und es wurde mit ihm und seinem Aufkommen ab der Reconquista im Jahr 1492 die Feindlichkeit gegenüber Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich funktional. Die im Band zusammengestellten Aufsätze, jeweils von einem der beiden Autoren verfasst, geben wichtige Anregungen, um gegen Rassismus streiten zu können, und sie zeigen Diskussionen, die Balibar und Wallerstein – kollegial – untereinander führten, mit dem Ziel, die Verhältnisse verstehen und möglicherweise praktische Antworten entwickeln zu können.“

https://kritisch-lesen.de/rezension/rassismus-und-klassenverhaltnisse

Bestellbar ist das Buch für 20 € direkt beim Argument Verlag:

https://argument.de/produkt/rasse-klasse-nation-%C2%96-ambivalente-identitaeten/

Auch auf die wirtschaftshistorischen und ökonomischen Analysen von Abdullah Öcalans, dem Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung, hatte Wallersteins Weltsystemanalyse großen Einfluss. Im Gegenzug hat Wallerstein die Diskussionen der kurdischen Freiheitsbewegung intensiv verfolgt und Publikationen bzw. Kongresse mit Grußbotschaften bzw. Vorworten unterstützt. Die Internationale Initiative „Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan“ geht in einem aktuellen Nachruf auf die Bedeutung Wallersteins für die kurdische Freiheitsbewegung ein, den wir im Anschluss veröffentlichen:

„Mit tiefer Trauer erfüllt uns die Nachricht vom Tod Immanuel Wallersteins. Sein Verlust ist ein schwerer Verlust für uns alle. Was Wallerstein von anderen Soziologen unterschied, war seine viel fundiertere Analyse darüber, wie man aus dem Weltsystem ausbrechen kann.

In diesem Sinne haben sowohl Fernand Braudels Analyse der Weltgeschichte mithilfe verschiedener Zeitebenen und besonders der longue durée als auch Wallerstein durch seine Weltsystemanalyse enorm dazu beigetragen, dass Abdullah Öcalan und die kurdische Freiheitsbewegung die Niederlage des Realsozialismus besser analysieren konnten. Darüber hinaus zeigt sich ihr Einfluss am besten in Öcalans Wahl der Analyseeinheit für die historische Gesellschaft: die moralisch-politische Gesellschaft.

Über mehrere Jahrzehnte stand Immanuel Wallerstein unverbrüchlich an der Seite der Unterdrückten in aller Welt. Er wurde in Kurdistan viel gelesen, und viele der von ihm entwickelten Konzepte erwiesen sich als einflussreich für das Denken freiheitsliebender Menschen in Mittleren Osten. Hervorzuheben ist Abdullah Öcalan, der zahlreiche Bücher Immanuel Wallersteins studierte und ihn als wesentlichen Einfluss zitiert. Nachdem er Band I und II von Wallersteins Opus magnum Das moderne Weltsystem gelesen hatte, fragte er seine Verteidiger*innen mehrfach, wann Band III endlich auf Türkisch erscheine (2011 war es soweit). Er erkundigte sich sogar nach Möglichkeiten, die Herausgabe zu beschleunigen.

Wallersteins immer wiederkehrende Betonung der Möglichkeit und Bedeutung politischer Intervention gerade in der aktuellen Chaosphase (Utopistik) ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Öcalans Gefängnisschriften. Wallersteins Kritik am aktuellen Stand der Sozialwissenschaften (Die Sozialwissenschaft »kaputtdenken«) und die Vorschläge der von ihm geleiteten Gulbenkian-Kommission (Die Sozialwissenschaften öffnen) finden ihr Echo in Öcalans Suche nach einem neuen Paradigma und seinem Vorschlag für ein Akademiesystem.

Öcalan lobt Wallerstein in seinen Gefängnisschriften dafür, dass dieser sich weitgehend vom starren Determinismus lösen konnte. Ein Beispiel ist seine Botschaft, die er 2012 an die Konferenz »Die kapitalistische Moderne herausfordern« in Hamburg richtete, wo er erklärte, dass »Es … eine beschwingende Phase [ist], in der jeder kleinste Beitrag eines Individuums oder einer Gruppe von Bedeutung ist und das Ergebnis unseres Kampfes beeinflussen kann, in dem es darum geht, dieses System durch ein humaneres zu ersetzen.«

Wallerstein besaß nicht nur größte Kompetenz bei der Analyse der Methoden und Wissenssysteme, die zur ›offiziellen Moderne geführt hatten‹, er stand auch an der Seite derer, die schutzlos waren und kämpften. So unterstützte er 2014 die Forderung nach der Freilassung schwerstkranker Gefangener in der Türkei, forderte Freiheit für Abdullah Öcalan und die politischen Gefangenen in der Türkei und diskutierte Lösungsmöglichkeiten für die kurdische Frage in seinem Vorwort zu Abdullah Öcalans Roadmap für Verhandlungen.

»Immanuel Wallerstein hat dabei einen sehr positiven und radikalen Ansatz«, schreibt Öcalan, »er glaubt an keinerlei Lösung innerhalb des Systems. Er wiederholt unermüdlich, dass die gegenwärtige Krise eine systemische und strukturelle sei und schlägt vor, dass wir uns intensiv den intellektuellen, moralischen und politischen Aufgaben widmen, die er ganz richtig definiert. […] Er weist auf Dinge wie die starke Abhängigkeit des intellektuellen Kapitals von der kapitalistischen Moderne und die Notwendigkeit eines radikalen Bruchs hin, aus denen wir eine Reihe von Schlussfolgerungen ziehen sollten.« Wallerstein nahm sich selbst nicht aus, als er seine Botschaft an unsere Konferenz mit den Worten schloss: »[W]enn wir einmal unsere moralische Entscheidung getroffen haben, müssen wir die politische Strategie bestimmen, die am meisten dazu beiträgt, dass wir unser Ziel erreichen. Ich persönlich denke, dass dafür eine sehr weitreichende Koalition der gesamten Linken auf der Welt erforderlich ist.«

Der Freiheitskampf der kurdischen Frauen und des kurdischen Volkes breitet sich aus. Es hat das Ziel, eine demokratische, ökologische und von der Freiheit der Frau geprägte Gesellschaft aufzubauen: das System der demokratischen Zivilisation ist ihre Option für einen Weg aus dem Chaos. Immanuel Wallerstein wird am besten in unserem Erfolg bei drei miteinander verknüpften Aufgaben geehrt – wie er es ausdrückte: »Ich wünsche uns Glück für alle drei miteinander verknüpften Aufgaben: für die analytische Integrität, die moralische Entscheidung und die effektive politische Strategie.«

Die Welt kannte ihn als einen großen Denker. Zu Hause war er sehr freundlich zu seinen Gästen, fürsorglich und bescheiden. Wir haben einen wahren Weisen des 21. Jahrhunderts verloren.“

https://anfdeutsch.com/hintergrund/ein-weiser-unserer-zeit-immanuel-wallerstein-13706

 

 

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