Das Widerstehen wieder lernen!

 In FEATURED, Konstantin Wecker

Parallel zur „Wiederbelebung“ der Straßen durch rechte Parolen, machte sich Ende 2015 die zur Partei geronnene Fremdenfeindlichkeit, genannt AfD, breit. Diese hatte nicht nur in Umfragen zugelegt, sie radikalisierte sich auch mit dem Wechsel von Lucke zu Petry an der Spitze. In diesem Beitrag ging Konstantin Wecker stärker auf das Wie des revolutionären Handelns ein. Klar ist, dass sich die Umstürzler nicht – wie die Schweine in George Orwells Parabel „Farm der Tiere“ – den Umzustürzenden angleichen dürfen. Widerstand umfasst auch ein deutliches Nein zu deren Denkkategorien der Gewalt und der emotionalen Verhärtung. Die nicht-hierarchische, vernetzte Hilfe vieler Menschen in der Flüchtlingskrise könnte die Keimzelle zu etwas Neuem werden.   Konstantin WeckerDie rechtspopulistische AFD erreichte in diesen Tagen den höchsten Umfragewert seit einem Jahr: 8 Prozent. Sie profitiere vom Flüchtlingszustrom in Deutschland, heißt es. Das mag sein. Es fällt mir schwer, zu verstehen, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die beim Anblick Not leidender Menschen statt Hilfe nichts anderes als „Ausschaffung“ im Sinn haben.

Bei so viel politischen Gegenwind ist klar, dass wir uns keinesfalls von diesem erfassen und nach rechts treiben lassen dürfen. Widerstand ist das Gebot der Stunde. Und das heißt eben auch aufstehen, sich wehren, aktiv sein.

In meinem Song „Revolution“ singe ich:

„Und drum müssen wir uns wieder neu erdenken,
uns vernetzen, uns mit uns beschenken,
nicht gewaltvoll, doch gewaltig an Ideen,
ohne Führer, doch zusammenstehen…“
Was ich in diesem Lied fordere, ist eine Revolution des Herzens und des Bewusstseins und, ja: eine Revolution der Liebe. Es ist wichtig, dies festzustellen, da das Wort „Revolution“ viele Menschen ängstlich zusammenzucken und an Guillotinen und Gulags denken lässt. Teilweise ist diese Angst verständlich, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Ich selbst konnte mich für Aufmärsche, Galgen, Knüppel und Umerziehungslager für Andersdenkende nie begeistern.

Wir sind so stark von einer Kultur des Todes beeinflusst, dass wir uns selbst einen Fortschritt an Menschlichkeit nur als etwas durch gewaltsame Unterwerfung des Gegners Erzwungenes vorstellen können. Wir dürfen die Gewaltstrukturen nicht zu überwinden suchen, indem wir werden wie die Täter. Aber wir dürfen dem Märchen von der Alternativlosigkeit des Unerträglichen auch nicht aufsitzen. Ich bin überzeugt: dieses erbarmungslose System ist nicht das „Ende der Geschichte“. Indem wir unter der Dominanz dieses neoliberalen Irrsinns spüren, was wir nicht wollen, erkennen wir in noch größerer Schärfe, was wir wollen. Daraus kann die Kraft zum Handeln erwachsen.

„Wir haben Wissen, das keine Handlungskonsequenz besitzt und uns hilflos macht. Wissen ist uns nicht Macht, sondern vertiefte Ohnmacht“, schreibt Dorothee Sölle in ihrem großartigen Buch „Mystik und Widerstand“. Und weiter: „Wir benutzen unsere Erziehung nicht sinnvoll im Sinne einer Umkehr von dem als falsch erkannten Weg der Industriegesellschaften, sondern zu größerer Hoffnungslosigkeit. Das Widerstehen müssen wir erst lernen.“ Sölle erinnert in diesem Zusammenhang an die Befreiung Südafrikas von der Geißel der Apartheid. Sie war auch ein Erfolg der Anti-Apartheid-Bewegung am Ausland, unter anderem durch den gezielten Boykott südafrikanischer Waren.

Heute sehe ich die Arbeit der vielen freiwilligen Flüchtlings-Helferinnen und -Helfer in und außerhalb Deutschlands als Teil und vielleicht als Beginn dieser von mir besungenen und beschworenen Revolution. Nicht reflexartig aufflammender Fremdenhass ist das Überraschende an der derzeitigen Entwicklung – dieser ist eigentlich das sattsam bekannte „Ewig-Gestrige“; es ist die Stärke und Breite der sich spontan entwickelnden fremdenfreundlichen Bewegung, die mich überrascht hat.

Denn diese, oft als Gutmenschen verhöhnten, aufrechten Bürgerinnen und Bürger halten der Politik den Spiegel vor. Sie zeigen, was Politiker eigentlich tun müssten, wären sie nicht Gefangener ökonomischer Zwänge, die sie selbst durch ihre „Arbeit“ andauernd zu verstärken helfen. Dieses gemeinsame Widerstehen Einzelner – meist nicht vernetzt in festen Organisationen oder Parteien – verleiht die notwendige Stärke, um Ideen durchzusetzen.

Dieser „tätige“ Widerstand, der jedem wirklich bewussten Menschen in seinem jeweiligen Lebensbereich zur Pflicht werden müsste, ist ein „Bruch mit der bürgerlichen Halbheit, die unendlich reflektiert, ob die andere Seite nicht auch Recht habe; es ist ein Bruch mit der Gewalt, die so in mir lebt, dass ich mich ihr widerstandslos unterwerfe.“ (Sölle) Aktiver Widerstand lässt uns auch jene Kluft in unserer Seele überwinden, die uns oft lähmt, wenn wir erkennen, was man tun müsste, aber nicht den Mut haben es auch zu tun. Weil wir doch schon lange ahnen, dass es „kein richtiges Leben im Falschen gibt“, wie Adorno es ausdrückte.

 

Konstantin Wecker:

Dann denkt mit dem Herzen,

Gütersloher Verlagshaus, € 10

 

Erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop

 

Kommentare
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    Volker
    Antworten
    Passt nicht direkt zu Konstantins Beitrag, aber, was Widerstand/Revolution betrifft sowie die wenige Zeit, die uns noch bleibt, bevor uns eine Zukunft des Schreckes erwartet, passt >> folgender Artikel << auf den Nachdenkseiten doch zwingend dazu.

    Mit diesem Thema wurde ich vor zehn Jahren erstmals konfrontiert, wobei die Folgen von Uranmunition schon länger bekannt sind, allerdings bewußt verschwiegen werden.
    Bitte lesen und danach darüber nachdenken, ob friedlicher Widerstand – so sehr er wohl wünschenswert erscheinen mag – zu dringenst-notwendigen Veränderungen führen wird. Uns läuft die Zeit davon, in allen Bereichen menschlicher Existenzgrundlagen, werden überrollt und versuchen, dies alles noch begreifen zu können.

    Eine Antwort darauf habe ich nicht.

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