„Die Dinge singen hör ich so gern“

 In FEATURED, Konstantin Wecker, Poesie

Man darf Poesie nicht zu Tode interpretieren. Und man darf poetische Sprache nie auf nur eine Bedeutung festnageln. Jedes Reden verweist immer auf die Stille dahinter, das Unnennbare und Uneindeutige. Eindeutigkeit ist meist das Machtmittel des Dogmatismus. Wer der Sprache Gewalt antut, wird schnell auch gegenüber Menschen gewalttätig. Konstantins Weckers Plädoyer für eine Poesie, die den Dingen ihren ganz eigenen, unaussprechlichen Zauber lässt. Auszug aus der Biografie „Konstantin Wecker: Das ganze schrecklich schöne Leben“, erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. 
Sie sprechen alles so deutlich aus: 
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, 
und hier ist Beginn und das Ende ist dort. 
 
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war; 
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; 
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott. 
 
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. 
Die Dinge singen hör ich so gern. 
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. 
Ihr bringt mir alle die Dinge um. 
 
Rainer Maria Rilke
Je älter ich werde, desto intensiver beschäftigt mich die Frage, was mich mein Leben lang mit der Poesie so stark verbunden hat. Sicher ist diese große Liebe zum poetischen Wort erst mal meiner Mama zu verdanken. Sie liebte Gedichte und rezitierte sie oft zu Hause, als ich noch ein sehr kleiner Junge war.

Sie rezitierte sie nicht aus pädagogischen Gründen um mich damit zu belehren, sondern aus Begeisterung für die Verse und Reime. Sie machten ihr Freude, und ich lauschte, mal bewusst, mal unbewusst, den Klängen und Melodien der geheimnisvollen Sprache.

Damit wurde sicher eine Lunte gelegt, die sich Jahre später in meiner Pubertät zu einem Feuer entfachen sollte.

Mit etwa 12 Jahren schrieb ich meine ersten eigenen Verse, meistens im Stile Eichendorffs oder Mörikes, romantische Gedichte, die ich in einem Sammelband in der Bibliothek meiner Eltern entdeckt hatte und die mich sehr ansprachen.

Wenn man in diesen frühen 60er Jahren als Kind lesen wollte, musste man sich die Bücher der Erwachsenen greifen, denn Literatur für Kinder gab es kaum. Einzig an den „Münchner Bilderbogen“ und „Struwwelpeter“ kann ich mich erinnern und natürlich an „Max und Moritz“.

Dann entdeckte ich die Expressionisten und ich glaube ohne diese großen Leidenden hätte ich meine Pubertät nicht überstanden.

Wie ich in der „Kunst des Scheiterns“ schrieb, war ich auch nicht wirklich schuld daran, dass ich das erste Mal von zu Hause ausgerissen bin.

Georg Trakl war’s.

Er war schuld, dass ich das erste Mal von zu Hause ausriss.

Und Georg Heym und Ernst Maria Stadler und Jakob van Hoddis. Viele Namen dieser oft so früh verstorbenen, so tief empfindenden, so unendlich traurigen Dichter des expressionistischen Jahrzehnts habe ich leider vergessen, aber ich kann mich noch gut erinnern an ein Taschenbuchbändchen, das sich ausschließlich den Gedichten dieser Zeit widmete und das mich nachhaltig davon überzeugte, dass dieses bourgeoise Gymnasium mit seinen bourgeoisen Karriereaussichten jeder freien künstlerischen Entwicklung im Wege stehen musste.

„Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ hieß das Buch, zu dem Gottfried Benn ein Vorwort geschrieben hatte, und kein weiteres Buch hat meine eigene lyrische Produktion auch nur annähernd so beeinflusst.

Ich litt mit diesen großen Leidenden, ich zog mit ihnen in den Krieg, ich lag verwundet im Schützengraben, ein Notizbüchlein auf den blutenden Knien, und reimte von blauen und trüben Stunden im „sinkenden Abend“, in der „austreibenden Flut“.

Ich berauschte mich an Trakls Versen und seinem tragischen Geschick, wie Jahre später an süßem Lambrusco, wir schwänzten die Schule und gaben uns in diversen Kaffeehäusern allmorgendlich eine Dröhnung expressionistischer Gedichte.

Mein Freund Stephan, ein stiller, scheuer Junge, der wunderschön Blockflöte spielen konnte, hörte zu. Ich rezitierte. Das verständnislose Kopfschütteln der übrigen Gäste wertete uns anfangs auf, ihre Verständnislosigkeit bestätigte uns in unserem Kampf gegen die Spießer dieser Welt, später vergaßen wir auch sie.

Die blaue Stunde wurde zum blauen Tag, zur blauen Woche, dem Bürger flog vom spitzen Hut der Kopf, und Anna Blume?

Ich liebe dir! Du, deiner, dich, dir, du tropfes Tier!

Nicht nur die Stunde war blau, auch unsere Herzen: blau. Keine Alkaloide damals, nicht mal ein Bier. Himbeerlimonade und Waldmeister, ein Kakao und eine Butterbreze, ab und zu eine Semmel tief in den Senftopf getaucht, mehr konnten wir uns sowieso nicht leisten.

Das Taschengeld war knapp bemessen, und ohne ab und zu in die Hosentasche unserer Väter zu greifen, hätten wir unsere Kaffeehausstunden nie finanzieren können.

Nein, keine Drogen, sondern einzig die wunderliche Komposition der Worte verrückte unsere Welt, der Fluss der Sprache und ein bedrohlicher, sich nur selten erhellender Rhythmus wie von fernen Kriegstrommeln angefacht.

Dann lasen wir erschaudernd vom frühen Kokaintod des Meisters, der als Sanitäter die Toten des Ersten Weltkriegs nicht mehr ertragen wollte, zu viele Leichen, zu viele Verstümmelte, und ihm war das Herz so schwer geworden, dass er, noch nicht mal dreißig Jahre alt, sein Leben hingab.

Nein, ich war´s nicht, Georg Trakl war schuld, dass dieser vierzehnjährige Romantiker statt in die Schule zu gehen eines Morgens mit hochrotem Kopf am Bahnhof stand, um ein neues Leben als freier Dichter zu beginnen.

Ja, das war mein großer Traum, ein Leben als freier Dichter, Rinnstein-Poet wollte ich werden, auf der Straße leben und auf abgelaufene Straßenbahntickets meine Ergüsse kritzeln. Nicht um berühmt zu werden, sondern um Dichter zu sein. Ohne warum. Keine Leistung erbringen, sondern leben im Augenblick. Blühen wie die Rose blüht.

Natürlich muss ich mir ein halbes Jahrhundert später die Frage stellen, ob mir das auch nur annähernd gelungen ist.

Ruhm lenkt ab vom eigentlichen Sein, nährt die Gefallsucht.

Ruhm lässt einen zu sehr nach den Blicken der anderen schielen und hindert einen an der Selbstbetrachtung.

Und doch, glaube ich, ist es mir gelungen durch meinen Enthusiasmus für Melodien und Poesie, immer wieder diese tiefen Momente der Kreativität durchleben zu dürfen, die mich weg vom Äußerlichen das erahnen ließen, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ – um wieder einmal meinen geliebten Goethe zu zitieren.

Die Augenblicke, in denen mir meine Gedichte passieren, sind außerhalb der Zeit. Sie entlarven die Zeit als ein zwar notwendiges, aber doch eigentlich sehr unvollkommenes Instrument, um uns in dem, „was ist“, zurecht zu finden. In dieser Wirklichkeit, von der wir immer nur einen minimalen Ausschnitt verstehen und erklären können.

Diese Augenblicke sind ewig, das heißt nicht in der Dimension der Zeit angesiedelt. Natürlich kann man das erst nachher irgendwie versuchen in Worte zu fassen, denn währenddessen ist man ja zeitlos. Es sind zweifellos stets die glücklichsten Momente meines Lebens gewesen, denn sie waren mehr als glücklich: sie verwiesen auf eine Glückseligkeit, die nur erahnbar ist, aber eben weil sie zu erahnen ist, auch irgendwo in einem selbst zu finden sein muss.

Schon seit Jahrtausenden wird zwischen Glück und Glückseligkeit unterschieden. Das eine ist ein vergänglicher, an Körperlichkeit gebundener Zustand, das andere ist immerwährend – das eigentliche Wesen des Seins.

Nun – das hoffe ich jedenfalls.

Aber, um an die anfängliche Frage anzuknüpfen, was der Urgrund meiner Liebe zur Poesie sein könnte:

Die Poesie lehrt uns, dass Worte nur Symbole sind. Die Buddhisten sagen, der Finger, der auf den Mond zeigt ist nicht der Mond.

Und das Wort „Mond“ ist eben auch nicht der Mond, sondern immer nur unsere jeweilige Vorstellung davon.

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass nicht alles zu Ende interpretierbar sein kann.

Der Wissenschaftler hat bei dem Wort „Mond“ eine völlig andere Vorstellung als der Verliebte, der im Mondschein wandelt; der Mondsüchtige, vom Vollmond gequälte eine andere als der Bauer, der seine Samen nach den Phasen des  Mondes sät.

Und was ist nicht alles für Unheil angerichtet worden mit einer endgültigen Interpretation und Definition des Wortes „Gott“.

Schon als sehr junger Mann, in einer Zeit, da ich mich diesem Wort restlos verweigerte, um es nicht in eine Zwangsjacke zu stecken, hatte ich mit dem Gott Rilkes keine Probleme:

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn…
Ich habe an den Anfang dieses Kapitels auch ein Gedicht Rilkes gestellt.

Ich habe es als junger Mann geliebt, aber wohl nicht annähernd so gedeutet, wie ich es jetzt zu verstehen glaube.

Das ist ja das Wunderbare an Gedichten, dass sie sich ändern mit jeder Phase deines Lebens, dass mit jeder neuen Erfahrung eine andere Seite beleuchtet wird, ein anderes Wort zum Klingen kommt, ein anderer Satz wichtig wird, obwohl die Worte dieselben bleiben.

Nichts ändert sich, und doch wird alles anders.

Die Poesie lehrt uns, dass das Leben nur jenseits der Sprache zu erklären ist. Dass man die „Dinge singen“ lassen muss, anstatt sie „umzubringen“.

Ja, natürlich, wir brauchen die Sprache, um uns verständlich zu machen, wir sollten uns ihrer bedienen. Aber die Ratio darf nicht zum Herrscher werden über das Leben. Die sich der Worte bedienende Ratio  ist ein Werkzeug, das es zu pflegen gilt. Mehr nicht.

Die Worte bergen mehr in sich, als wir in sie hineindeuten können.

Die Poesie ist der Wegweiser dazu.

Und deshalb glaube ich auch an die Poesie als Mittel zum Widerstand.

Immer schon haben die Mächtigen versucht, die Deutungshoheit über die Worte zu erlangen, ihre Interpretation zu bestimmen und uns zu diktieren.

Gerade die Verrückt-heit der Poesie bringt uns wieder dazu, scheinbar für alle Zeiten fest Gefügtes neu zu betrachten, neue Wege zu erforschen, nicht im alt hergebrachten zu ersticken.

Um eine neue Welt zu erschaffen, brauchen wir auch ein neues Denken, und da die Worte dieselben bleiben, müssen wir den Mut haben, sie neu zu deuten, zu interpretieren, in neue Zusammenhänge zu stellen.

Und dem zu lauschen, was sie uns in ihrer Tiefe noch anzubieten haben.

Vielleicht einfach wieder mal schlendern, ohne höh’ren Drang, absichtslos verweilen in der Stille Klang.

 

 

Anzeige von 14 kommentaren
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    heike
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    Ich finde schön, was Konstantin Wecker über die Eindeutigkeit des Wortes sagt. Man muss den Menschen die Wahl lassen. Man kann Menschen nicht festnageln.

    Ich glaube, die Menschen haben noch viel Zeit vor sich, wenn sie sich nicht so hetzen, unter Druck setzen und die Erde und sich selbst mit ihren Giften etwas verschonen. Weniger ist mehr, wie man so schön sagt. Die AfD schürt ein Klima der Angst in jeder Hinsicht: die Migranten ruinieren unseren Lebensstandard, die Wirtschaft wird durch notwendige Umweltauflagen geschwächt – das ist alles Quatsch, führt aber dazu, dass ein gnadenloser Konkurrenzkampf vom Zaun gebrochen wird, der Mitleid und Mitmenschlichkeit zu Attributen von Verlierern macht, weil: nur derjenige, der unbarmherzig ist, überleben wird.

    Wenn man diese Denkstruktur verlässt, dann sieht man, dass wir noch genug Zeit haben werden, um vernünftige Entscheidungen zu treffen und sie schrittweise umzusetzen.

     

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    heike
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    Ich habe das erste Mal mit 19 Jahren die Lieder von Konstantin gehört – und in der darauffolgenden Zeit habe ich sie sehr oft gehört. Als meine Kinder geboren waren, sehr oft die CD mit dem Traumel. Dann habe ich sie ungefähr 10 Jahre gar nicht mehr gehört – ich war umgezogen, ich hatte viele Aufgaben. Es war keine Absicht – ich habe einfach nicht mehr daran gedacht. Als ich jetzt vor ein paar Jahren wieder zu Konstantins Liedern  gekommen bin, lag das v.a. auch an dem Lied „Einfach wieder schlendern..“ Das habe ich mir gewünscht. Eine Erholung. Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin.
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    heike
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    Und danke für den schönen Mond, den habe ich gestern auch gesehen …
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    heike
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    Poesie ist die Sprache unserer Seele und schafft Raum für unser Selbst.

    Ich bin mir nicht sicher, was Menschen zur Zeit miteinander tun. Wir sollten voneinander lernen. Was erwarten wir voneinander? Hilfe? Welche großen Strömungen sind in Bewegung?

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    heike
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    Immer alles richtig machen ist anstrengend, ich schaff´ das einfach nicht mehr. Darf ich auch mal ein Gedicht von Konstantin zitieren hier?

     

    Ich liebe die Dicken!

    Ich kenne ihre heimlichen Vorlieben,

    ihre nächtlichen Umkreisungen des Eisschranks,

    ihre Demütigungen in Modegeschäften,

    wenn die windschlüpfrigen Verkäufer der Schweißperlen gewahr werden

    und sich davonschwebend erheben,

    so wie sich immer einer über den anderen erhebt,

    weil er zu rot ist oder zu schwarz

    oder zu lutheranisch

    oder zu esoterisch.

     

    Kopfsalat und Schweinerücken?

    Ich sehe schon die Armeen aufeinander zurasen.

    Kopfsalat oder Schweinerücken:

    Weil´s ja immer einen Grund geben muss zum Kämpfen,

    und auch hier halt ich´s  mit den Dicken.

    Sie sind selten vorne dran,

    denn sie nagen immer an etwas,

    sei´s an ihrem Dickesein

    oder an einem Hühnerbein.

     

    Nicht, dass ich die ganze Welt lieber fettleibig hätte,

    sie sind eben nur von anderer Art,

    so, wie einer katholisch ist

    oder Freimaurer

    oder Säufer

    oder Dauerläufer.

    Eine Haltung, die es zu schützen gilt.

     

     

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    heike
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    Neben der Kinder-CD kannte ich damals eigentlich nur die CD mit den Liebesliedern. Das war so eine schöne Zeit – wahrscheinlich auch deshalb, weil meine Kinder eben da waren. Wenn man so allein zu Hause rumsitzt, dann ist das ziemlich deprimierend.

    Ich habe noch ein Gedicht geschrieben, ungefähr mit 25 Jahren:

    Meine Seele ist davongeflogen

    in jener Nacht

    um sich zu retten

    und ich habe Jahre damit zugebracht,

    um sie zurückzuholen, sie zu suchen

    und zu locken:

    Komm doch wieder, komm doch wieder rein

    und lass es so wie früher sein.

     

    Aber es war ein wenig gelogen. Wenn man jünger ist und einfach so immer mal jemanden kennenlernt, ist es letztendlich auch nicht so langweilig und anstrengend. In der Rückerinnerung denkt man auch nicht mehr an die Schwierigkeiten, sondern nur an die schönen Dinge. Zur Zeit ist mir wirklich zu langweilig. Zur Zeit fühle ich mich viel seelenloser als damals.

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    heike
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    Wenn wir in dem Haus von meinem Opa übernachtet haben, hatte ich immer Angst vor dem Mond. Nicht vor dem Mond am Himmel – aber ich habe dort immer von einem Mond geträumt (der eigntlich mehr aussah wie in Radiergummi) – irgendwie verrückt. Bei uns Zuhause hatte ich Angst vor Schlangen unter meinem Bett. Es waren ziemlich viele schwarze Schlangen, die sich alle il durcheinander schlängelten. (Ihr müsst das nicht freischalten, mir ist nur langweilig und ich will etwa von mir erzählen.) Zweimal war ich schwanger, und wollte das Kind nicht haben, weil die zugehörigen Väter einfach gar nicht gingen. Der eine wollte auf jeden Fall kein Kind – und zu dem Zeitpunkt habe ich mich nicht in der Lage gefühlt, noch ein Kind allein großzuziehen und das andere Mal war der Vater zu verrückt. Der war einfach durchgedreht und ich dachte, wenn ich jetzt von dem noch ein Kind bekomme, dann kriege ich den niemals wieder aus meinem Leben.

    Ja, sonst gibt es eigentlich nichts aufregendes mehr zu erzählen.

     

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      heike
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      Ich möchte noch hinzufügen, dass ich keine Abtreibungen hatte – das hätte ich, glaube ich, nicht gemacht. Ich habe einfach mit den Kindern geredet und gesagt, dass es jetzt wirklich schlecht ist – und dann hatte ich meine Blutung halt noch etwas später – manche sagen in dem Alter auch nicht Kind dazu – für mich waren es schon welche – und ich war auch sehr traurig darüber, aber letztendlich war es das Beste für alle …

      Ich will niemanden verurteilen, der eine Abtreibung (aus vielleicht ähnlichen Gründen vornimmt), aber ich glaube, es ist immer eine seelische Belastung für die Frau. Wenn nicht, dann will ich auch keinem ein schlechtes Gewissen einreden, denn leichtfertig macht so etwas wohl niemand.

      Und ich finde es auch richtig, dass es Organisationen gibt, die Aufklärung betreiben und den betroffenen Müttern Hilfestellungen anbieten. Es ist jetzt nicht so toll, sich auf eine Abtreibung zu verlassen und ich glaube, dass Männer so etwas manchmal sehr leichtfertig verlangen.

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    heike
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    Das noch vielleicht: die Darmkrebsrate bei Leuten unter 50 ist angestiegen. Mich wundert das nicht: Mikrowelle und sonstiges Schrottessen. Wenn die Mikrowellen mal alle entsorgt werden, hat man garantiert gleich mindestens 10 Prozent Darmkrebs wieder los.

     

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      Palantir
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      Es ist ein Singen in allen Dingen

      es ist ein Spinnen in allen Sprüngen

      und ein laber in allem rababa

      und ein Schnaps in allen Wracks

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    heike
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    WALDEINSAMKEIT

     

    Ich hab in meinen Jugendtagen

    Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen;

    Die Blumen glänzten wunderbar,

    Ein Zauber in dem Kranze war.

     

    Der schöne Kranz gefiel wohl allen,

    Doch der ihn trug hat manchem mißfallen;

    Ich floh den gelben Menschenneid,

    Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.

     

    Im Wald, im Wald! da konnt ich führen

    Ein freies Leben mit Geistern und Tieren;

    Feen und Hochwild von stolzem Geweih,

    Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.

     

    Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis,

    Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis;

    Daß ich kein Jäger, wußte das Reh,

    Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.

     

    Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren –

    Doch wie die übrigen Honoratioren

    Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr

    Ich darf es bekennen offenbar.

     

    Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert!

    Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert!

    Ein bißchen stechend ist der Blick,

    Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.

     

    Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel,

    Erzählten mir Hofgeschichten, zum Beispiel:

    Die skandalose Chronika

    Der Königin Titania.

     

    Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen

    Hervor aus der Flut, mit ihren langen

    Silberschleier und flatterndem Haar,

    Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.

     

    Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen,

    Das war der famose Nixenreigen;

    Die Posituren, die Melodei,

    War klingende, springende Raserei.

     

    Jedoch zuzeiten waren sie minder

    Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder;

    Zu meinen Füßen lagerten sie,

    Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.

     

    Trällerten, trillertn welsche Romanzen,

    Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen,

    Sangen auch wohl ein Lobgedicht

    Auf mich und mein nobles Menschengesicht.

     

    Sie unterbrachen manchmal das Gesinge

    Lautlachend, und fragten bedenkliche Dinge,

    Zum Beispiel: „Sag uns, zu welchem Behuf

    Der liebe Gott den Menschen schuf?“

     

    Hat eine unsterbliche Seele ein jeder

    Von euch? Ist diese Seele von Leder

    Oder von steifer Leinwand? Warum

    Sind eure Leute meistens so dumm?“

     

    Was ich zur Antwort gab, verhehle

    Ich hier, doch meine unsterbliche Seele,

    Glaubt mir´s, ward nie davon verletzt,

    Was eine kleine Nixe geschwätzt.

     

    Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen;

    Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen

    Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist

    Die, welche man Wichtelmännchen heißt.

     

    Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig,

    Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig:

    Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt,

    Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.

     

    Sie haben nämlich Entenfüße

    Und bilden sich ein, daß niemand es wisse.

    Das ist eine tiefgeheime Wund,

    Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.

     

    Ach Himmel! wir alle, gleich jenen Zwergen,

    Wir haben ja alle etwas zu verbergen;

    Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt,

    Wo unser Entenfüßchen steckt.

     

    Niemals verkehrt ich mit Salamendern,

    Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern

    Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu

    Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.

     

    Sind spindeldürre, von Kindeslänge,

    Höschen und Wämschen anliegend enge,

    Von Scharlachfarbe, goldgestickt;

    Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.

     

    Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen,

    Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen;

    Ein jeder von ihnen bildet sich ein,

    Ein absoluter König zu sein.

     

    Daß sie im Feuer nicht verbrennen,

    Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen;

    Jedoch der unentzündbare Wicht,

    Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.

     

    Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen,

    Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen,

    Ein fingerlanges Greisengeschlecht;

    Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.

     

    Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln,

    Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln;

    Doch da sie mir nur Gutes getan,

    So geht mich nichts ihr Ursprung an.

     

    Sie lehrten mir kleine Hexereien,

    Feuer besprechen, Vögel beschreien,

    Auch pflücken in der Johannisnacht

    Das Kräutlein, das unsichtbar macht.

     

    Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,

    Sattellos auf dem Winde reiten,

    Auch Runensprüche, womit man ruft

    Die Toten hervor aus ihrer Gruft.

     

    Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,

    Wie man den Vogel Specht betört

    Und ihm die Springwurz abgewinnt,

    Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.

     

    Die Worte, die man beim Schätzegraben

    Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben

    Mir alles expliziert – umsonst!

    Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.

     

    Wohl hat ich derselben nicht nötig dermalen,

    Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen,

    Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß,

    Wovon ich die Revenuen genoß.

     

    Oh, schöne Zeit! wo voller Geigen

    Der Himmel hing, wo Elfenreigen

    Und Nixentanz und Koboldscherz

    Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!

     

    Oh, schöne Zeit! wo sich zu grünen

    Triumphespforten zu wölben schienen

    Die Bäume des Waldes – ich ging einher,

    Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!

     

    Die schöne Zeit, sie ist verschlendert,

    Und alles hat sich seitdem verändert.

    Und ach! mir ist der Kranz geraubt,

    Den ich getragen auf meinem Haupt.

     

    Der Kranz ist mir vom Haupt genommen,

    Ich weiß es nicht, wie es gekommen;

    Doch seit der schöne Kranz mir fehlt,

    Ist meine Seele wie entseelt.

     

    Es glotzen mich an unheimlich blöde

    Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde,

    Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.

    Ich gehe gebückt im Wald herum.

     

    Im Walde sind die Elfen verschwunden,

    Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden;

    Im Dickicht ist das Reh versteckt,

    Das tränend seine Wunden leckt.

     

    Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten

    Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten.

    Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück,

    Doch ohne Kranz und ohne Glück.

     

    Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,

    Die erste Schönheit, die mir hold war?

    Der Eichenbaum, worin sie gehaust,

    Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.

     

    Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe;

    Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe

    Todblaß und stumm, wie´n Bild von Stein,

    Scheint tief in Kummer versunken zu sein.

     

    Mitleidig tret ich zu ihr heran –

    Da fährt sie auf und schaut mich an,

    Und sie entflieht mit entsetzten Mienen,

    Als sei ihr ein Gespenst erschienen.

     

    Heinrich Heine

     

     

     

     

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Ich mag auch die Gedichte von Theodor Storm. Eins davon viel mir ein, als ich wusste, dass mein Vater an Krebs erkrankt war. Oder besser: das Gedicht hat es mir gesagt.

    Auch die Novellen. Ich habe den gern. Er hat sich viel Mühe mit den Menschen gegeben. Und er hatte es auch nicht einfach mit seinen Frauen, v.a. mit der zweiten.

    Hyazinthen

     

    Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,

    Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.

    Ich habe immer, immer dein gedacht;

    Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

     

    Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;

    Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,

    Es teilen und es schließen sich die Reihen,

    Und alle glühen; aber du bist blaß.

     

    Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen

    Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!

    Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen

    Und deine leichte, zärtliche Gestalt. —

     

    Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht

    Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.

    Ich habe immer, immer dein gedacht;

    Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

     

     

     

  • Avatar
    Romana
    Antworten
    Es sind die Worte, diese vielen, die im Inner’n klagen

    nie ausgesprochen

    ohne Raum und Zeit

    geboren, um sie in die Welt zu tragen.

    Nicht verloren, sind sie der Seele Schatten

    im Ich gesät

    des Klangs beraubt

    die unvergessen, doch verborgen, auf ihre Freiheit warten.

    Wie jeder Keimling stößt auch dieser irgendwann

    durch eig’ne Kraft

    dem Licht entgegen

    haucht dem Leben ein, was nicht gesprochen werden kann.

     

     

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Mir sagen die Gedichte, die von Lesern und Leserinnen auf dieser Seite veröffentlicht werden, immer sehr viel. Mit den allermeisten kann ich etwas anfangen und für viele bin ich dankbar.

    Manche empfinde ich als Antworten, als eine Resonanz und Ergänzung zu meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen. Mich freut das sehr.

    Manche finde ich auch einfach witzig …

    Noch eine Bemerkung zu dem Heinrich Heine – Gedicht: Wenn Menschen zu sehr im Kampf leben, dann dörrt ihre Feinsinnigkeit aus, glaube ich – auch ihre Kreativität. Dieses Gekämpfe ist so ermüdend und kraftraubend. Immer nur Konfrontation, Ausrichtung und Fokussierung auf Misstände, ich empfinde das für mich persönlich als sehr anstrengend.

     

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