Die Herausbildung eines revolutionären Geistes

 in FEATURED, Philosophie, Politik

Konstantin Wecker, München 2019

Konstantin Wecker schreibt in diesem Auszug aus seinem Buch „Mönch und Krieger“ über die Notwendigkeit alternativer Medien und über den Gründungsimpuls für dieses Magazin, „Hinter den Schlagzeilen“. Weiter berichtet er über kleine Berichte mit potenziell großer Wirkung. Wer in seiner unmittelbaren Umgebung beginnt, ein soziales, kultures, ökologisches oder humanes Projekt auf die Beine zu stellen, kommt aus dem Opfersei heraus ins Handeln, kreiert Keimzellen des Neuen, die sich in dieser erkaltenden Welt herausbilden können und sollten. Konstantin Wecker

Entscheidend für die Herausbildung eines revolutionären Geistes wird auch unabhängige Medienberichterstattung sein. Ich versuche mit dem von mir herausgegebenen Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ einen kleinen Beitrag dazu zu liefern. Meine Frau Annik und ich hoben die Seite während des Irakkriegs 2003 aus der Taufe. Wir hatten uns in der Vorbereitung auf meine Reise nach Bagdad intensiv mit den Hintergründen der amerikanischen Invasion beschäftigt und waren entsetzt über die einseitige und uninformierte Berichterstattung in den Medien. Auf Grund der Recherchen wurde uns klar, dass hier, noch perfekter als in bisherigen Kriegen, gelogen, vertuscht, verleumdet und polemisiert wurde. Das Internet war sehr hilfreich dabei, uns über die gängige Pressemeinung hinaus zu informieren. Da wir in dieser Zeit viele Gesinnungsgenossen und Web-Freunde gefunden hatten, beschlossen wir, dieses Wissen auch anderen zugänglich zu machen. „Hinter den Schlagzeilen“ war geboren.

„Hinter den Schlagzeilen“ gibt es jetzt seit 10 Jahren. Solche „Medien von unten“ – wie das Ignazio Ramonet wer ist das? einmal nannte – sind meines Erachtens ein unendlich wichtiger Beitrag gegen die schleichende Meinungsdiktatur der gängigen Medien, gegen die kommerziellen Fernsehsender und Zeitungen, die ja fast alle großen Unternehmen oder Konzernen gehören und denen das eigene materielle Wohlergehen wichtiger ist als Gerechtigkeit und Menschenwürde. Ein Konzern wird nun mal undemokratisch geführt. Und wenn Konzerne zunehmend die Politik dominieren, kann bald von Demokratie keine Rede mehr sein. Wir hoffen – zusammen mit vielen anderen – mit dieser Arbeit all jenen die Möglichkeit zur wirklich freien Meinungsbildung zu bieten, die nicht die Zeit haben, sich so ausführlich in die Ereignisse hinter den Schlagzeilen zu vertiefen. Wir glauben fest daran, dass durch das Vernetzen vieler feinfühliger und geistig unabhängiger Menschen ein Bewusstseinssprung stattfinden kann und stattfinden muss.

Ich bin kein Politiker und werde auch nie einer sein sein. In erster Linie fühle ich mich als Musiker und Poet. Und so wie mich die Poesie verändert und weicher gemacht hat, warmherziger und weitblickender, so hoffe ich mit den Mitteln der Kunst dazu beitragen zu können, eine gleichgültige Welt in eine mitfühlende zu verwandeln. Die Frage nach der Fähigkeit des Menschen zum Mitgefühl ist die Frage nach seinem Menschsein. Mitgefühl ist das einzige wirklich wichtige Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen können. Und nie kommen wir diesem Mitgefühl näher als mit der überrationalen Sprache der Kunst. Nicht ohne Grund wird in diesen extrem materialistischen Zeiten die Kultur aus der Politik ausgeklammert. Sie wird, wie mittlerweile der ganze Mensch, der Ökonomie geopfert. Nicht ohne Grund wurde unter Hitler alles künstlerisch Hochwertige als entartet verbannt. Nicht ohne Grund ließen die Taliban Musikinstrumente öffentlich erhängen.

Schließlich möchte ich eine Lanze brechen für die vielen vermeintlich kleinen Projekte, in denen Menschen das, was sie als ein besseres, authentischeres Leben erkannt haben, schon jetzt zu realisieren versuchen. Mein Freund Prinz Chaos II. hat ja in Thüringen ein Schloss gekauft und zur WG umgebaut. Durch Liedermacherfestivals, Treffen mit Asylbewerbern und andere Aktionen wurde daraus in wenigen Jahren ein Zentrum für alternative Kultur und für ein menschlicheres Miteinander. Derartige Projekte gibt es viele, nur selten finden sie sich in den Schlagzeilen der großen Magazine. Etwas Ähnliches wurde ja auch schon in den 70ern versucht, zum Beispiel in diversen Hippie-Kommunen. Gern wird von Gegnern hämisch darauf verwiesen, dass diese Projekte „gescheitert“ seien. Für mich sind sie nicht gescheitert. Es waren Versuche, die zeitlich begrenzt funktioniert haben, und es wird neue Versuche geben.

Eine der wenigen Möglichkeiten, politisch etwas zu gestalten, sind solche kleinen „Zellen“, die in ihrer Wirkung abstrahlen auf die Welt um sie herum. Jeder kann schon jetzt damit beginnen, zum Beispiel ein Wohnprojekt für Senioren zu gründen oder ein Modell der regionalen Selbstversorgung mit Energie und Lebensmitteln. Das Gute ist, dass man, um anzufangen, nicht auf die große „Weltrevolution“ zu warten braucht. Mehrere solcher „Zellen“ bilden zusammen schon ein Netzwerk, das die neue Wirklichkeit, die wir uns wünschen, in Aktion zeigt. Immer mehr Menschen werden das zur Kenntnis nehmen und beginnen, die alte Welt in Frage zu stellen. Es kann eine Dynamik in Gang kommen, die an einem bestimmten Punkt einen Bewusstseinssprung bewirkt.

Diese Möglichkeit, sich an konkreten, fortschrittlichen Projekten zu beteiligen, ist auch eine Antwort auf die Frage: „Was kann ich als Einzelner tun?“ Ein weiterer großer Vorteil dieses Modells der „sich vernetzenden Zellen des Neuen“ ist, dass sie keine Führer benötigen, höchstens Menschen, die als Inspirationsquelle dienen und praktische Verantwortung in Teilbereichen übernehmen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Führer und Heilsbringer nichts taugen – auch nicht die der „linken“ Denkrichtung. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn aus den von mir skizzierten Impulsen eine neue Schreckensherrschaft der Guten hervorginge. Kein Einzelner kann so klug sein, dass er die Lösung für alle Weltprobleme aus dem Ärmel zaubern kann. Nur vernetztes Bewusstsein ist in der Lage, das Neue, das wir momentan vielleicht noch nicht einmal erdenken können, konkret werden zu lassen. Denn alles, was wir ausschließlich rational konzipieren können, ist nicht wirklich neu. Das tatsächlich Revolutionäre lässt sich nur erahnen und erfühlen. Dichtung und Musik sind hierfür wahrscheinlich geeignetere Medien als von Rechtgläubigen verfasste politische Manifeste.

Natürlich mache auch ich mir darüber Gedanken, was ich mit meinen Liedern, Auftritten und Schriften tatsächlich bewirken kann. Selbst meine am meisten bewunderten Vorbilder haben sich – wenn man einen strengen Maßstab anlegt – nicht durchsetzen können. Die Geschwister Scholl haben den Zweiten Weltkrieg nicht zum Stehen gebracht; der Impuls der wunderbaren Petra Kelly ist bei einer sich immer mehr dem bellizistisch-neoliberalen Mainstream anpassenden Grünen Partei verpufft; selbst Gandhis Sieg über die Engländer ist untergegangen in einem blutigen Bruderkrieg zwischen Ethnien und Religionen in Indien. All diese Menschen haben nicht in vollem Umfang gesiegt – aber sie waren tätig geworden. „Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen!“. Und sie haben etwas hinterlassen. Der Atem, den eine Petra Kelly ausgehaucht hat, ist in der Atmosphäre noch zu spüren, und er wird noch lange zu spüren sein. Wir müssen Ideen durch Taten in die Welt setzen, ohne darauf zu schielen, ob auch noch der letzte denkfaule Bürger mitzieht. Ich habe es in meinem „Willy“ ja einmal recht derb ausgedrückt: „Ma muaß weiterkämpfen, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn.“

Ein großes Vorbild ist in dieser Hinsicht immer mein Freund und Kollege Hannes Wader. Er sagte einmal zu mir: „Auch wenn ich mit meinen Liedern überhaupt nichts bewirken würde, ich kann nicht anders, Konstantin.“ Das ist großartig, und so müssen wir es machen: Singen, weil wir ein Lied haben, und weiterkämpfen, weil wir gar nicht anders können.

 

Konstantin Wecker:

Mönch und Krieger.

Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.

Gütersloher Verlagshaus, 288 Seiten, 19,99 €

Showing 2 comments
  • Avatar
    Peter Boettel
    Antworten
    Die Gedanken von Konstantin Wecker, im Kleinen zu arbeiten, Gegenbeispiele zu den gesteuerten „Qualitätsmedien“ zu unterstützen, finde ich hervorragend und nachahmenswert.

    Denn hier werden oft größere Erfolge erzielt als in der „großen Politik“ wie das Beispiel des „Corona-Hilfspakets“ der EU mal wieder bewiesen hat, wo die Reaktionäre aus Ungarn und Polen die übrigen Länder erpresst haben und dies aufgrund ihrer seitherigen Erfolge (Nominierung von Flintenuschi als Kommissionspräsidentin und Kastrierung des Rechtsstaatlichkeits-Gebots in der EU) natürlich auch weiterhin in immer kürzeren Abständen praktizieren werden.

    Deshalb weiter Mut zur Gegenöffentlichkeit durch HdS oder nachdenkseiten u.a., um ein Umdenken zu erzielen.

  • Avatar
    Freiherr von Anarch
    Antworten
    Leider, Herr Wecker,

    reicht ein ‚Bewusstseinssprung‘ für die Notwendigkeit radikaler Veränderungen nicht mehr aus, um solche auch herbeizuführen, durchzusetzen, zu ermöglichen.

    Selbst wenn ( was ich wegen überwiegender Untertänigkeit bezweifeln muss ) eine Mehrheit der Zivilgesellschaft zu diesem Bewusstsein gelangte, hat diese Politik- und Wirtschaftsdiktatur BRD die Widerstandsmöglichkeiten schon weitgehendst abgewürgt, Gegenmeinung zum Unrechtssystem wird zunehmend abgeschaltet und verboten, unter Strafe gestellt und strafrechtlich verfolgt.

    Jede systemkritische Meinung und Haltung, wenn öffentlich, steht inzwischen unter strengster Verfassungs- und Staatschutzbeobachtung und die jeweiligen Innenminister genehmigen das Abschalten und Verfolgen wegen ‚Demokratiefeindlicher Haltung ‚ ( absurd, nicht wahr ?! ).

    Es sind vor allem die Aufrufe zum Widerstand, die sofortigst durch Abschalten diktatorisch beendet werden – ein erneuter ‚Aufruf zur Revolte‘ wäre heute sofort das Ende von ‚HdS‘.

    Das Kaninchen ( Zivilgesellschaft ) ist inzwischen von Schlangen umzingelt und damit in diese Erstarrungshaltung gezwungen.

    Tja – bei der Politik- und Wirtschaftsdiktatur BRD hat auch ein Bewusstseinssprung stattgefunden, mit der Allmacht im Rücken eine mögliche Widerstanspandemie abgewürgt, schon unmöglich gemacht, mit dieser Macht dem ‚demos‘ immer mehrere Schritte weit voraus.

    Und ein wirklich mutiges Singen auf der Bühne wäre das von der Polizei sofort erzwungene Ende der Vorstellung.

    Das wissen Sie, Herr Wecker, sehr genau, mit Sicherheit und vielleicht wurden da ja schon Manschetten angelegt ?

    Das Berichten, Wiederspiegeln von Unrechtszuständen in einem zunehmend engeren erlaubten Rahmen ist alles was möglich bleibt, ist aber nicht mehr genug um Veränderungen durchzusetzen, bleibt allenfalls lediglich das noch genehmigte öffentliche Wiederspiegeln des Unrechts.

    all-in-all: der Bewusstseinssprung allein genügt nicht mehr – es muss zur Tat geschritten werden.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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