Die Poesie als Zauberschwert

 In Buchtipp, FEATURED, Kultur, Politik

Der engagierte Neurobiologie Gerald Hüther verfasste das Vorwort zu Konstantin Weckers neuer Buchveröffentlichung „Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand“. Hüther bezeichnet Poesie darin als „Wunderwaffe“, um dem Homo oeconomicus Einhalt zu gebieten. Ihre Wirkkraft besteht darin, konsequent „unbrauchbar“ zu sein und den Menschen gerade dadurch auf ihre innersten, verschütteten Sehnsüchte zu stoßen. (Gerald Hüther)

Vorwort

Wie eintönig und grau wäre das Leben, wenn es die Poesie nicht gäbe? Es wäre eine nur noch auf Zweckdienlichkeit und Effizienz ausgerichtete Welt. Überall asphaltierte Straßen, industriell bewirtschaftete Felder, zubetonierte Flächen, begradigte Flussläufe und in den Städten lauter mit irgendetwas Wichtigem beschäftigte Menschen. Es gäbe keine Schlüsselblumen und Margeriten mehr draußen auf den Wiesen, keine bunten Schmetterlinge, keine den Himmel mit ihrem Gesang erfüllenden Feldlerchen. Und Maikäfer auch nicht. Alles unprofitable, sagt der Homo oeconomicus und zieht unbeirrbar mit seiner Spritzmaschine durch die Felder.

Unsere Kinder sind unsere Zukunft, sagen sogar die Politiker und versprechen bessere Schulen und noch mehr naturwissenschaftlich-technischen Unterricht, um sie fit zu machen für die Welt von morgen.

Wie die Obstbauern, die ihr Spalierobst so behandeln, dass es ihnen größtmögliche Erträge liefert. Nach Bildungsstandards genormt und Pisa-geprüft.

Wenn wir dem Homo oeconomicus Einhalt gebieten wollen, brauchen wir dazu eine Waffe, über die er nicht verfügt und deren Wirkkraft er nicht gewachsen ist. Am besten eine, mit der er überhaupt nichts anzufangen weiß. Es gibt so eine Wunderwaffe. Sie heißt Kreativität und sie entfaltet sich immer dann, wenn wir zweckfrei zu spielen beginnen. Wir können das auch mit Gedanken, Worten und Begriffen machen. Dann nennen wir dieses Spiel Poesie. Aber nicht jedes Wortspiel ist Poesie. Um Poesie zu einer kreativen Kraft werden zu lassen, reicht es nicht, schöne Worte aneinanderzureihen.

Zu einer Waffe wird die Poesie erst dann, wenn sie unter die Haut geht und die Menschen tief in ihrem Inneren berührt. Sie wieder mit sich selbst, mit ihren ganz unten im Gehirn abgelegten Hoffnungen und Sehnsüchten verbindet. Dann kann es passieren, dass eine solche Person aufwacht und bemerkt, dass sie ihr Leben auf eine Weise eingerichtet hat, wie sie gar nicht Leben wollte. Sie ist dann wieder zur Besinnung gekommen. Ist wieder in der Lage, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden – und manchmal ändert sich allein dadurch schon das ganze Leben.

Nicht jeder, der Gedichte schreibt, versteht sich als Waffenschmied. Aber Konstantin Wecker ist einer, der mit dem Herzen die Kunst erlernt hat, die Poesie als Zauberschwert zu nutzen. Er ist ein widerständiger Poet und ein poetischer Widerständler.

Alle Menschen kann auch er mit seinen Texten und Liedern nicht berühren. Aber manche schon. So wie mich, zum Beispiel. Stecken Sie sich dieses kleine Buch in die Tasche. Und holen Sie es heraus, wenn Sie merken, dass es Zeit für Sie wird aufzustehen.

Göttingen, im Frühling 2018      Gerald Hüther

 

Konstantin Wecker:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

Gütersloher Verlagshaus

144 Seiten, € 15,-

Hinterlasse einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!