„Die Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene“

 in DER BESONDERE HINWEIS

Konstantin Wecker wird in einer Buch-Anthologie ausführlich und wissenschaftlich gewürdigt. Man kann Konstantin Wecker im CD-Regal unter „Rock/Pop deutsch“ einordnen. Man kann ihn in einer Talkshow neben einen Comedian und ein Pop-Sternchen setzen – und auch da macht er eine gute Figur. Oder man kann beginnen, ihn als das zu sehen, was er ist: ein ernst zu nehmender Künstler. Dies geschieht erfreulicherweise mehr und mehr. Auch Literatur- und Musikwissenschaftler haben Wecker entdeckt und beschreiben ihn mit dem ihnen eigenen sprachlich ausgefeilten Analyse-Instrumentarium. Besonders gelungene Beispiele sind drei Essays, enthalten in dem Sammelband „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not“, eine Zusammenstellung sehr unterschiedlicher, tiefgründiger Aufsätze zum Thema Menschenrechte und Kultur.  Erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop. Roland Rottenfußer

Dass viel über Konstantin Wecker geschrieben wird – und durchaus auch von intelligenten Menschen – ist bekannt. Dass sein Werk aber Gegenstand eines ganzen Forschungszweigs geworden ist, war mit neu, bis ich diese sehr lesenswerte Anthologie in Händen hielt: „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not. Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“, herausgegeben von Lothar Blume, Markus Schiefer Ferrari und Werner Sesselmeiner. Der Sammelband steigt mit gleich vier Beiträgen von und über Konstantin Wecker ein. Mit dessen schönem Prosagedicht „Und wenn sie euch sagen“ und dann mit drei Aufsätzen unterschiedlicher Autoren: „Konstantin Wecker lesen“, „Konstantin Wecker hören“ sowie „Konstantin Wecker verstehen.“

So viel weckerkundlicher Stoff in einem Buch, das ja kein Fanmagazin, sondern eine thematisch breit aufgestellte Betrachtung über Menschenrechte ist, erstaunt – und ist doch für den Künstler hoch verdient. Speziell auch anlässlich der Flüchtlingskrise, die 2015-2018 eskalierte und die eigentlich doch eher eine Krise des Menschenrechtsverständnisses der Deutschen und Europäer war, stellte sich Wecker wort- und tongewaltig auf die Seite der Menschlichkeit.

Und wenn sie euch sagen
das Boot ist voll
wir können keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen
dann antwortet ihnen:
denkt mit dem Herzen.
Über zwölf Millionen ehemaliger Zwangsarbeiter
und ausländischer KZ-Insassen
mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden.

Das Buch basiert auf einer Ringvorlesung, die durch einen natürlich auch musikalischen Auftritt Konstantin Weckers in Landau bereichert wurde. Der Titel „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not“ stammt aus Goethes „Faust“ und ist Gretchens Kerkerszene entnommen. Damit wird bereits ein literarischer wie auch emotionaler Akzent gesetzt. Gemessen an Gretchens Aufschrei ist es mit der Menschlichkeit vieler heutiger Kommentatoren und Handelnden gerade bezüglich der Flüchtlingskrise wohl nicht so weit her. Hier wird eher Zahlenmaterial herbeizitiert, wonach die Anzahl der entmenschlichend als „Flut“ bezeichneten Fremden überhandnehme. Weitaus rascher als die Strukturen und die finanziellen Mittel eines Landes wie Deutschland sind allerdings die Herzen vieler Menschen offenbar „überlastet“. Dieses Buch ist somit eine Anstiftung zur Herzöffnung.

Der Werkstattbericht „Konstantin Wecker lesen“ von Lothar Blume berichtet zunächst von der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur an Konstantin Wecker. Blume zitiert Herbert Rosendorfer, der Wecker mit den Worten lobt, „‘dass dessen Lyrik keine elitäre, keine krampfhaft erarbeitete sei‘ und keine ‚Kopfgeburten‘ präsentiere, sondern ‚Herzblut‘, und dass das Werk eine ‚Symbiose von Herz und Verstand‘ zeige.“ Blume würdigt vor allem Konstantins relativ neues Werk „Ich habe einen Traum“ und bescheinigt dem Dichter bzw. Komponisten „Wachheit für das Humane“ und ein „Eintreten für ein Miteinander in Menschlichkeit“, das über die Jahre konstant geblieben sei. Dies speziell auch mit Blick auf den „offenen wie verdeckten gesellschaftlichen Rechtsruck“ der letzten Jahre.

„Sage nein“ wird speziell hervorgehoben, da das Lied in jüngerer Zeit erfreulicherweise „in den Vordergrund des studentischen Interesses getreten“ sei. Damit ist eine Stabübergabe an die jüngere Protestgeneration gelungen, die sich als fruchtbar erweisen dürfte. Mit Blick auf das Lied „Novalis“, in dem Wecker Verse des Frühromantikers durch eigene ergänzt, wird nun auch die Frage untersucht, wie weit neuere Liedermacherkunst an germanistikseminartaugliche Klassiker anzuknüpfen vermag. Hier werde dann sogar ich witzigerweise als weckerkundliche Koryphäe zitiert mit dem Satz: „Wecker ist der Sänger der veränderten Bewusstseinszustände, der Zwischenwelten aus Rausch, Ahnung und Traum, die das fokussierte rationale Bewusstsein gleichsam immer umlagert – als Verheißung und als Gefahr. Schon darin ist er Romantiker.“

Weiter wendet sich Achim Hofer in „Konstantin Wecker hören“ dem musikalischen Aspekt zu, resümiert den „Stand der Forschung“ und konstatiert bei dem Liedermacher eine „Einheit von Musik und Leben“. Der Autor analysiert vor allem Weckers Musik-Roman „Der Klang der ungespielten Töne“ und geht ausführlich auf den Schaffensprozess bei diesem Künstler ein, der eher als absichtsloses Empfangen denn als zielgerichteter schöpferischer Willensheroismus charakterisiert werden kann. Hier streifen wir in jeden Fall den Grenzbereich zum Spirituellen und Mystischen. Denn weder fühlt sich Wecker berufen, über Musik viele „Worte zu machen“, noch kann man den Prozess der Kreation von Musik – speziell: den geistigen Raum, dem sie entnommen ist – präzise benennen. Alles bleibt in einem Bereich des Numinosen und „Wunderbaren“.

Auch Konstantin Weckers Einstehen für politische Inhalte in seinen Texten widerspricht dem nicht. „Sein Eintreten für Pazifismus, Demokratie und Menschenrechte, sein Kampf gegen Rassismus, Intoleranz, Unrecht, Kapitalismus und Diktaturen jedweder Couleur ist keine ‚Welt‘ abseits seiner musikalischen Überzeugungen. Gefragt, ob (sein) ‚Liederschreiben die Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene‘ sei, antwortete er mit einem entschiedenen ‚Ja, immer schon gewesen‘.“

Die hoch interessante Trilogie der Wecker-Essays schließt mit „Konstantin Wecker verstehen“ von Janin Adam. Darin geht es vor allem um sein „Werk im Spiegel der Menschenrechte“. Erwartungsgemäß wird die Autorin da umfangreich fündig. Sie analysiert seine Werke sogar anhand von Kapiteln aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, etwa „Verbot von Diskriminierung“. Wecker schrieb in seiner achten Elegie, lange vor der aktuellen Flüchtlingsdebatte:

Weil sie uns fremd sind, haben wir Angst.
Schelten sie einfältig oder verblendet
Ach, weil wir alles viel besser verstehen
und in Büchern belegen,
mit Kriegen beweisen.

Hier drückt sich deutlich eine Kritik an westlicher Arroganz aus. Menschenrechte sollen buchstäblich herbeigebombt werden. Die Autorin zitiert ausgezeichnete Schlüsselstellen auch aus Weckers theoretischem Werk herbei. Etwa „Die Poesie lehrt uns, dass nichts ausinterpretierbar ist und dass man die Interpretationshoheit nicht den Herrschenden überlassen darf.“ Seine Lyrik ist zwar „Sprachrohr für Kritik“, aber nie ausschließlich dies. Poesie übersteigt die herrschenden Konventionen auf der Ebene des Inhalts wie der Form, indem Sprachmuster, die immer auch Denkverengungen darstellen, durchbrochen werden. Konstantin Wecker reiht sich ein in „Bemühungen in der Gegenwart, einen Zusammenschluss von Lyrik und Menschenrechtsbildung zu generieren“. Dies ist in der Tat erfreulich, in einer Epoche, die nicht als Glanzzeit politischer Lyrik gilt. Diese Tendenzen sollten aber, wo es sie gibt, wahrgenommen und gewürdigt werden. Denn politische Kritik ohne Kunst bleibt oft in intellektueller Dürre stecken, während umgekehrt politikbereinigte Kunst leicht zu elfenbeintürmelndem Um-sich-selbst-Kreisen des „elitären“ Geistes verkommt.

Menschenrechte – dieses Thema ist eher wieder wichtiger geworden, gerade weil post- und transhumanistische Zyniker ihm zunehmend seine Relevanz absprechen. Da gerade die NATO-Allianz dazu übergegangen ist, Menschenrechte als Vorwand für in Wahrheit eher profit- und machtgetriebene Kriege zu missbrauchen, ist der Begriff teilweise geradezu in Verruf geraten. Man sollte aber niemals zusammen mit dem Missbrauch auch das Missbrauchte entsorgen. Man sollte die Forderung nach Schutz der Menschenwürde auch nicht einfach als westliche Marotte abtun, als kulturimperialistischen Versuch, anderen Ländern die eigenen Werte aufzudrängen. Wer die Menschenrechte geringschätzt, hat wahrscheinlich nicht verstanden, wie es sich anfühlt, ohne sie zu leben. Menschenrechte sind universell, weil die Schmerzen und Demütigungen, die ihre Missachtung bei den Opfern bewirkt, universell sind. Daher ist es ein höchst ehrenwertes Unterfangen, dass die Universität Koblenz-Landau gerade jetzt die Menschenrechte in einer Ringvorlesung sowie diesem gelungen Sammelband in einen kultur- und sozialwissenschaftlichen Zusammenhang stellt.

Der Band enthält neben den vier Wecker-Beiträgen noch 12 weitere Essays zu ganz anderen Themen. Da wird über „Heilungsnarrative in Kinderbibeln“ gesprochen wie auch über Menschenrechte im Schaffen von Heinrich Heine. Schön analysiert Lothar Blume Bernhard Schlinks auch verfilmten Roman „Der Vorleser“ als den Versuch einer Debatte über die Frage: Sollte man die Menschenwürde auch denen zugestehen, die sie durch ihre Taten während der Nazi-Diktatur auf das Schwerste verletzt haben? Autorinnen und Autoren thematisieren die Auflösung der Menschenrechte in der „gespaltenen Gesellschaft“, beleuchten die heute sehr relevante „Diskriminierung durch Sprache“ oder die Frage, ob Ökonomie „das ewig Böse im Menschen“ freisetze. Auch sehr konkrete Untersuchungen gibt es wie jene über „Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen in Ostafrika“.

An einen anderen deutschen Liedermacher denkt man unwillkürlich, wenn die Herausgeber den Band mit einem Aufsatz von Björn Hayer zur „Würde der Tiere“ schließen. Reinhard Mey nämlich textete zur Verblüffung seiner Hörerschaft vor 25 Jahren: „Die Würde des Schweins ist unantastbar“. So sollte es sein, und millionenfach wird dieser Grundsatz mit Füßen getreten. „Das Herz ist nur eines“, schrieb Papst Franziskus zutreffend. Man kann nicht der einen Kreatur sein Mitgefühl schenken und sie einer anderen verweigern. Und wenn wir beginnen, mit diesem einen Herzen zu denken, wird es um die Menschenrechte auch wieder besser bestellt sein.

 

Bist du ein Mensch, so fühle meine Not

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

Hrsg. Lothar Blume, Markus Schiefer Ferrari und Werner Sesselmeiner

360 Seiten, € 62,-

Erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop

Showing 3 comments
  • Avatar
    Dr. Hans-Georg Türstig
    Antworten
    Großartig, Applaus in jeder Hinsicht!!! Aber warum muss das jetzt so teuer sein? 62 € können sich sowieso nur Leute leisten, die dem entweder ohnehin zustimmen oder sowieso nicht lesen. Also wenn man damit was bewirken will, darf das nicht 62 € kosten.

    Mit solidarischen Grüßen,

    Dr. Hans-Georg Türstig

    • Avatar
      Bettina
      Antworten
      Vielleicht ein Druckfehler?
      • Avatar
        Adamas
        Antworten
        Nein, leider nicht, im Sturm-und-Klang-Shop kostet es wirklich 62,- €. Und da der Shop nicht nach Frankreich liefert, kostet es mich bei amazon.fr sogar 62,30 €. Aber das ist es mir wert. Vielen Dank für die Rezension, auf die ich leider erst heute gestoßen bin.

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