Die Welt poetisieren

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Novalis

Novalis

Unsere Welt wird planmäßig ausgenüchtert, entzaubert. Eine beispiellose Vertreibung von Hoffnung, Traum, Vision und Poesie findet statt, denn über Menschen, die gleichsam ausgehöhlt durchs Leben wanken, können Mächtige leichter verfügen. Eine Bewegung, die versuchte, eine Art poetisches Gegenprogramm zu entwerfen, war die Frühromantik Anfang des 18. Jahrhunderts. Dieses Gedicht, das Friedrich von Hardenberg („Novalis“) verfasste, liest sich heute wie ein Protest gegen die Dominanz der Zahlen, der Computer und der kalten technischen Sachzwänge. Konstantin Wecker entdeckte das Gedicht neu und outete sich als notorischer Romantiker.

Liebe Freunde,

seit einigen Tagen sind wir in München im „Mastermix Studio“ und ich habe das große Vergnügen mit meinen hochmotivierten und großartigen MusikerInnen meine neue CD aufzunehmen. Und gerade in diesen Tagen fiel mir wieder ein Gedicht von Novalis in die Hände, das mich schon in meiner Pubertät begeistert hatte. Und als ich es am Klavier vor mir liegen hatte, begannen die Verse zu klingen und ich habe mir erlaubt, dem kurzen Gedicht eine zweite Strophe hinzuzufügen und es zu vertonen.

Die Romantik hatte in den Augen von Novalis, dem Schöpfer der „blauen Blume“, eine Seite, die gesellschaftliche Änderungen forderte. Zusammen mit Schelling, den Brüdern Schlegel und Tieck wollte Novalis ein neues Kunstprogramm schaffen, welches „die ganze Welt poetisieren sollte“. Außerdem sollten die Emanzipation der Frau und die freie Liebe gefördert werden.

Die Welt poetisieren – was für ein wunderschöner Gedanke! Je älter ich werde, um so bewusster wird mir, dass ich im Grunde meines Herzens immer ein Romantiker war und dass ich immer schon diesem geheimen Wort vertraute, vor dem das ganze verkehrte Wesen fortfliegt.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

Erst wenn Gedichte und Geschichten
das Herz wieder gerade richten,
wenn wir den eignen Melodien
nicht mehr so hilflos taub entfliehen,
wenn nicht das Streben nach Gewinn
des Lebens kläglich karger Sinn
und wir an Zins und Dividenden
keinen Gedanken mehr verschwenden,
wenn die so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

(Novalis/Wecker Januar 2015)

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